Kerstin Gier

"Rubinrot"


Prolog

Hyde Park, London 8. April 1912

Während sie sich auf die Knie fallen ließ und anfing zu weinen, schaute er sich nach allen Seiten um. Wie er vermutet hatte, war der Park um diese Uhrzeit menschenleer. Joggen war noch lange nicht in Mode und für Penner, die auf der Parkbank schliefen, nur zugedeckt mit einer Zeitung, war es zu kalt.

Er schlug den Chronografen vorsichtig in das Tuch ein und verstaute ihn in seinem Rucksack.

Sie kauerte neben einem der Bäume am Nordufer des Serpentine Lake in einem Teppich verblühter Krokusse.

Ihre Schultern zuckten und ihr Schluchzen hörte sich an wie die verzweifelten Laute eines verwundeten Tiers. Er konnte es kaum ertragen. Aber er wusste aus Erfahrung, dass es besser war, sie in Ruhe zu lassen, also setzte er sich neben sie ins taufeuchte Gras, starrte auf die spiegelglatte Wasserfläche und wartete.

Wartete darauf, dass der Schmerz abebbte, der sie wahrscheinlich nie ganz verlassen würde.

Ihm war ganz ähnlich zumute wie ihr, aber er versuchte sich zusammenzureißen. Sie sollte sich nicht auch noch Sorgen um ihn machen müssen.

"Sind die Papiertaschentücher eigentlich schon erfunden?", schniefte sie schließlich und wandte ihm ihr tränennasses Gesicht zu.

"Keine Ahnung", sagte er. "Aber ich hätte ein stilechtes Stofftaschentuch mit Monogramm anzubieten."

"G.M. Hast du das etwa von Grace geklaut?"

"Sie hat es mir freiwillig gegeben. Du darfst es ruhig vollschniefen, Prinzessin."

Sie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, als sie ihm das

Taschentuch zurückgab. "Jetzt ist es ruiniert. Tut mir leid."

"Ach was! In diesen Zeiten hängt man es zum Trocknen in die Sonne und benutzt es noch einmal", sagte er. "Hauptsache, du hast aufgehört zu weinen."

Sofort traten ihr wieder die Tränen in die Augen. "Wir hätten sie nicht im Stich lassen dürfen. Sie braucht uns doch! Wir wissen gar nicht, ob unser Bluff funktioniert, und wir haben keine Chance, es je zu erfahren."

Ihre Worte gaben ihm einen Stich. "Tot hätten wir ihr noch weniger genutzt."

"Wenn wir uns nur mit ihr hätten verstecken können, irgendwo im Ausland, unter falschem Namen, nur bis sie alt genug wäre..."

Er unterbrach sie, indem er heftig den Kopf schüttelte. "Sie hätten uns überall gefunden, das haben wir doch schon tausendmal durchgesprochen. Wir haben sie nicht im Stich gelassen, wir haben das einzig Richtige getan: Wir haben ihr ein Leben in Sicherheit ermöglicht. Zumindest die nächsten sechzehn Jahre."

Sie schwieg einen Moment. Irgendwo in der Ferne wieherte ein Pferd und vom West Carriage Drive hörte man Stimmen, obwohl es noch beinahe Nacht war.

"Ich weiß, dass du recht hast", sagte sie schließlich. "Es tut nur so weh zu wissen, dass wir sie nie wiedersehen werden". Sie fuhr sich mit der Hand über die verweinten Augen. "Wenigstens werden wir uns nicht langweilen. Früher oder später werden sie uns auch in dieser Zeit aufstöbern und uns die Wächter auf den Hals hetzen. Er wird weder den Chronografen noch seine Pläne kampflos aufgeben."

Er grinste, weil er die Abenteuerlust in ihren Augen aufblitzen sah, und wusste, dass die Krise vorerst überstanden war. "Vielleicht waren wir ja doch schlauer als er oder das andere Ding funktioniert am Ende gar nicht. Dann sitzt er fest."

"Ja, schön wär's. Aber wenn doch, sind wir die Einzigen, die seine Pläne durchkreuzen können."

"Schon deshalb haben wir das Richtige getan". Er stand auf und klopfte sich den Dreck von seiner Jeans. "Komm jetzt! Das verdammte Gras ist nass und du sollst dich noch schonen."

Sie ließ sich von ihm hochziehen und küssen. "Was machen wir jetzt? Ein Versteck für den Chronografen suchen?"

Unschlüssig sah sie zur Brücke hinüber, die den Hyde Park von den Kensington Gardens trennte.

"Ja. Aber erst mal plündern wir die Depots der Wächter und decken uns mit Geld ein. Und dann könnten wir den Zug nach Southampton nehmen. Dort geht am Mittwoch die Titanic auf ihre Jungfernfahrt."

Sie lachte. "Das ist also deine Vorstellung von schonen! Aber ich bin dabei."

Er war so glücklich darüber, dass sie wieder lachen konnte, dass er sie gleich noch einmal küsste. "Ich dachte eigentlich ... Du weißt doch, dass Kapitäne auf hoher See die Berechtigung haben, Ehen zu schließen, nicht wahr, Prinzessin?"

"Du willst mich heiraten? Auf der Titanic? Bist du irre?" "Das wäre doch sehr romantisch."

"Bis auf die Sache mit dem Eisberg". Sie legte ihren Kopf an seine Brust und vergrub ihr Gesicht in seiner Jacke. "Ich liebe dich so sehr", murmelte sie.

"Willst du meine Frau werden?"

"Ja", sagte sie, das Gesicht immer noch an seiner Brust vergraben. "Aber nur, wenn wir spätestens in Queenstown wieder aussteigen."

"Bereit für das nächste Abenteuer, Prinzessin?" "Bereit, wenn du es bist", sagte sie leise.

Eine unkontrollierte Reise durch die Zeit kündigt sich in der Regel einige Minuten, manchmal auch Stunden oder sogar Tage vorher durch Schwindelgefühle in Kopf, Magen und/oder in den Beinen an. Viele Gen-Träger berichten auch von migräneähnlichen Kopfschmerzen. Der erste Zeitsprung - auch Initiationssprung genannt -findet zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr des Gen-Trägers statt.

Aus den Chroniken der Wächter, Band 2, Allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten

1.

Montagmittag in der Schul-Cafeteria spürte ich es zum ersten Mal. Für einen Moment hatte ich ein Gefühl im Bauch wie auf der Achterbahn, wenn man von der höchsten Stelle bergab rast. Es dauerte nur zwei Sekunden, aber es reichte, um mir einen Teller Kartoffelpüree mit Soße über die Schuluniform zu kippen. Das Besteck schepperte zu Boden, den Teller konnte ich gerade noch festhalten.

"Das Zeug schmeckt ohnehin wie schon mal vom Boden aufgewischt", sagte meine Freundin Leslie, während ich die Schweinerei notdürftig

beseitigte. Natürlich schauten alle zu mir herüber. "Wenn du willst, kannst du dir meine Portion gerne auch noch auf die Bluse schmieren."

"Nein, danke". Die Bluse der Schuluniform von Saint Lennox hatte zwar zufälligerweise die Farbe von Kartoffelpüree, trotzdem fiel der Fleck unangenehm ins Auge. Ich knöpfte die dunkelblaue Jacke darüber zu.

"Na, muss die kleine Gwenny wieder mal mit ihrem Essen spielen?", sagte Cynthia Dale. "Setz dich bloß nicht neben mich, Schlabbertante."

"Als ob ich mich freiwillig neben dich setzen würde, Cyn". Leider passierte mir öfter ein kleines Missgeschick mit dem Schulessen. Erst letzte Woche war mir eine grüne Götterspeise aus ihrer Alu-Form gehüpft und zwei Meter weiter in den Spaghetti Carbonara eines Fünftklässlers gelandet. Die Woche davor war mir Kirschsaft umgekippt und alle am Tisch hatten ausgesehen, als hätten sie die Masern. Und wie oft ich die blöde Krawatte, die zur Schuluniform gehörte, schon in Soße, Saft oder Milch getunkt hatte, konnte ich gar nicht mehr zählen.

Nur schwindelig war mir dabei noch nie gewesen.

Aber wahrscheinlich hatte ich mir das nur eingebildet. In letzter Zeit war bei uns zu Hause einfach zu viel von Schwindelgefühlen die Rede gewesen.

Allerdings nicht von meinen, sondern denen meiner Cousine Charlotte, die, wunderschön und makellos wie immer, neben Cynthia saß und ihren Kartoffelbrei löffelte.

Die ganze Familie wartete darauf, dass Charlotte schwindelig wurde. An manchen Tagen erkundigte sich Lady Arista - meine Großmutter - alle zehn Minuten, ob sie etwas spüre. Die Pause dazwischen nutzte meine Tante Glenda, Charlottes Mutter, um haargenau das Gleiche zu fragen.

Und jedes Mal, wenn Charlotte verneinte, kniff Lady Arista die Lippen zusammen und Tante Glenda seufzte. Manchmal auch umgekehrt.

Wir anderen - meine Mum, meine Schwester Caroline, mein Bruder Nick und Großtante Maddy - verdrehten die Augen. Natürlich war es aufregend, jemanden mit einem Zeitreise-Gen in der Familie zu haben, aber mit den Jahren nutzte sich das doch merklich ab. Manchmal hatten wir das Theater, das um Charlotte veranstaltet wurde, einfach über.

Charlotte selber pflegte ihre Gefühle hinter einem geheimnisvollen Mona-Lisa-Lächeln zu verbergen. An ihrer Stelle hätte ich auch nicht gewusst, ob ich mich über fehlende Schwindelgefühle freuen oder ärgern sollte. Na ja, um ehrlich zu sein, ich hätte mich vermutlich gefreut. Ich war eher der ängstliche Typ. Ich hatte gern meine Ruhe.

"Früher oder später ist es so weit", sagte Lady Arista jeden Tag. "Und

dann müssen wir bereit sein."

Tatsächlich war es nach dem Mittagessen so weit, im Geschichtsunterricht bei Mr Whitman. Ich war hungrig aus der Cafeteria aufgestanden. Zu allem Überfluss hatte ich nämlich ein schwarzes Haar im Nachtisch - Stachelbeerkompott mit Vanillepudding - gefunden und war mir nicht sicher gewesen, ob es sich um mein eigenes oder das einer Küchenhilfe gehandelt hatte. So oder so war mir der Appetit vergangen.

Mr Whitman gab uns den Geschichtstest zurück, den wir letzte Woche geschrieben hatten. "Offenbar habt ihr euch gut vorbereitet. Besonders Charlotte. Ein A plus für dich."

Charlotte strich sich eine ihrer glänzenden roten Haarsträhnen aus dem Gesicht und sagte "Oh", als ob das Ergebnis eine Überraschung für sie sei. Dabei hatte sie immer und überall die besten Noten.

Aber Leslie und ich konnten diesmal auch zufrieden sein. Wir hatten beide ein A minus, obwohl unsere "gute Vorbereitung" darin bestanden hatte, uns die Elizabeth-Filme mit Cate Blanchett auf DVD anzuschauen und dazu Chips und Eis zu futtern. Allerdings hatten wir im Unterricht immer gut aufgepasst, was in anderen Fächern leider weniger der Fall war.

Mr Whitmans Unterricht war einfach so interessant, dass man gar nicht anders konnte, als zuzuhören. Mr Whitman selber war auch sehr interessant. Die meisten Mädchen waren heimlich oder auch unheimlich in ihn verliebt. Und Mrs Counter, unsere Erdkundelehrerin, ebenfalls. Sie wurde jedes Mal knallrot, wenn Mr Whitman an ihr vorbeiging. Er sah aber auch verboten gut aus, da waren sich alle einig. Das heißt alle, außer Leslie. Sie fand, Mr Whitman sähe aus wie ein Eichhörnchen aus einem Trickfilm.

"Immer wenn er mich mit seinen großen braunen Augen anguckt, will ich ihm Nüsse geben", sagte sie. Sie ging sogar so weit, die aufdringlichen Eichhörnchen im Park nicht mehr Eichhörnchen zu nennen, sondern nur noch "Mr Whitmans". Dummerweise war das irgendwie ansteckend und mittlerweile sagte ich auch immer: "Ach guck doch mal da, ein dickes, kleines Mr Whitman, wie süß!", wenn ein Eichhörnchen näher hüpfte.

Wegen dieser Eichhörnchensache waren Leslie und ich sicher die einzigen Mädchen in der Klasse, die nicht für Mr Whitman schwärmten. Ich versuchte es immer wieder mal(schon weil die Jungen in unserer Klasse irgendwie alle total kindisch waren), aber es half nichts, der Vergleich zu einem Eichhörnchen hatte sich unwiderruflich in meinem

Gehirn eingenistet. Und niemand hegt romantische Gefühle für ein Eichhörnchen!

Cynthia hatte das Gerücht in die Welt gesetzt, Mr Whitman habe neben dem Studium als Model gearbeitet. Als Beweis hatte sie eine Reklame-Seite aus einem Hochglanzmagazin ausgeschnitten, in dem ein Mann, der Mr Whitman nicht unähnlich sah, sich mit einem Duschgel einseifte.

Außer Cynthia glaubte allerdings niemand, dass Mr Whitman der Duschgel-Mann sei. Der hatte nämlich ein Grübchen im Kinn und Mr Whitman nicht.

Die Jungen aus unserer Klasse fanden Mr Whitman nicht so toll. Vor allem Gordon Gelderman konnte ihn nicht ausstehen. Bevor Mr Whitman an unsere Schule gekommen war, waren die Mädchen aus unserer Klasse nämlich alle in Gordon verliebt gewesen. Ich auch, wie ich leider zugeben muss, aber da war ich elf Jahre alt gewesen und Gordon irgendwie noch ganz niedlich. Jetzt, mit sechzehn, war er nur noch doof. Und seit zwei Jahren in einer Art Dauer-Stimmbruch. Leider hielt ihn das abwechselnde Gekiekse und Gebrumme nicht davon ab, ständig blödes Zeug zu reden.

Er regte sich schrecklich über sein F im Geschichtstest auf. "Das ist diskriminierend, Mr Whitman. Ich habe mindestens ein B verdient. Nur weil ich ein Junge bin, können Sie mir keine schlechten Noten geben."

Mr Whitman nahm Gordon den Test wieder aus der Hand und blätterte eine Seite um.

"Elisabeth 1, war so krass hässlich, dass sie keinen Mann abbekam. Sie wurde deshalb von allen die hässliche Jungfrau genannt", las er vor.

Die Klasse kicherte.

"Ja und? Stimmt doch", verteidigte sich Gordon. "Ey, die Glubschaugen, der verkniffene Mund und voll die bescheuerte Frisur."

Wir hatten die Gemälde mit den Tudors darauf in der National Portrait Gallery gründlich studieren müssen und tatsächlich hatte die Elisabeth I. auf den Bildern wenig Ähnlichkeit mit Cate Blanchett. Aber erstens fand man damals vielleicht schmale Lippen und große Nasen total schick und zweitens waren die Klamotten wirklich super. Und drittens hatte Elisabeth I. zwar keinen Ehemann, aber jede Menge Affären - unter anderem eine mit Sir... wie hieß er noch gleich? Im Film wurde er von Clive Owen gespielt.

"Sie nannte sich selber die jungfräuliche Königin", sagte Mr Whitman zu Gordon. "Weil.. ". Er unterbrach sich. "Ist dir nicht gut, Charlotte? Hast

du Kopfschmerzen?"

Alle sahen zu Charlotte hinüber. Charlotte hielt sich den Kopf. "Mir ist nur . . . schwindelig", sagte sie und sah mich an. "Alles dreht sich."

Ich holte tief Luft. Es war also so weit. Unsere Großmutter würde entzückt sein. Und Tante Glenda erst.

"Oh, cool", flüsterte Leslie neben mir. "Wird sie jetzt durchsichtig?" Obwohl Lady Arista uns von klein auf eingetrichtert hatte, dass wir unter gar keinen Umständen mit irgendjemandem über die Vorkommnisse in unserer Familie reden dürften, hatte ich für mich selber beschlossen, dieses Verbot bei Leslie zu ignorieren. Schließlich war sie meine allerbeste Freundin und allerbeste Freundinnen haben keine Geheimnisse voreinander.

Charlotte machte zum ersten Mal, seit ich sie kannte(was genau genommen mein ganzes Leben war), einen beinahe hilflosen Eindruck. Aber dafür wusste ich, was zu tun war. Tante Glenda hatte es mir oft genug eingeschärft.

"Ich bringe Charlotte nach Hause", sagte ich zu Mr Whitman und stand auf. "Wenn das okay ist."

Mr Whitmans Blick ruhte immer noch auf Charlotte. "Das halte ich für eine gute Idee, Gwendolyn", sagte er. "Gute Besserung, Charlotte."

"Danke", sagte Charlotte. Auf dem Weg zur Tür taumelte sie leicht. "Kommst du, Gwenny?"

Ich beeilte mich, ihren Arm zu nehmen. Zum ersten Mal kam ich mir in Charlottes Gegenwart ein bisschen wichtig vor. Es war ein gutes Gefühl, zur Abwechslung mal gebraucht zu werden.

"Ruf mich unbedingt an und erzähl mir alles", flüsterte Leslie mir noch zu.

Vor der Tür war Charlottes Hilflosigkeit schon wieder verflogen. Sie wollte tatsächlich noch ihre Sachen aus dem Spind holen.

Ich hielt sie am Ärmel fest. "Lass das doch, Charlotte! Wir müssen so schnell wie möglich nach Hause. Lady Arista hat gesagt . . ."

"Es ist schon wieder vorbei", sagte Charlotte.

"Na und? Es kann trotzdem jeden Augenblick passieren". Charlotte ließ sich von mir in die andere Richtung ziehen. "Wo habe ich nur die Kreide?" Ich kramte im Gehen in der Jackentasche. "Ach, hier ist sie ja. Und das Handy. Soll ich schon mal zu Hause anrufen? Hast du Angst? Oh, dumme Frage, tut mir leid. Ich bin aufgeregt."

"Schon okay. Ich habe keine Angst."

Ich sah sie von der Seite an, um zu überprüfen, ob sie die Wahrheit sagte. Sie hatte ihr kleines, überlegenes Mona-Lisa-Lächeln aufgesetzt, unmöglich zu erkennen, welche Gefühle sie dahinter verbarg.

"Soll ich zu Hause anrufen?"

"Was soll denn das bringen?", fragte Charlotte zurück. "Ich dachte nur . . ."

"Du kannst das Denken getrost mir überlassen", sagte Charlotte.

Wir liefen nebeneinander die Steintreppen hinunter, auf die Nische zu, in der James immer saß. Er erhob sich sofort, als er uns sah, aber ich lächelte ihm nur zu. Das Problem mit James war, dass niemand außer mir ihn sehen und hören konnte.

James war ein Geist. Deshalb vermied ich es, mit ihm zu sprechen, wenn andere dabei waren. Nur bei Leslie machte ich eine Ausnahme. Sie hatte nie auch nur eine Sekunde an James' Existenz gezweifelt. Leslie glaubte mir alles und das war einer der Gründe, warum sie meine beste Freundin war. Sie bedauerte zutiefst, dass sie James nicht sehen und hören konnte.

Ich war darüber eigentlich ganz froh, denn das Erste, was James sagte, als er Leslie sah, war: "Himmelherrgott! Das arme Kind hat ja mehr Sommersprossen, als Sterne am Himmel sind! Wenn sie nicht schleunigst anfängt, eine gute Bleichlotion aufzutragen, wird sich niemals ein Mann für sie finden!"

"Frag ihn, ob er vielleicht irgendwo einen Schatz vergraben hat", war hingegen das Erste, was Leslie sagte, als ich die beiden einander vorstellte.

Leider hatte James nirgendwo einen Schatz vergraben. Er war ziemlich beleidigt, dass Leslie ihm das zutraute. Er war auch immer beleidigt, wenn ich so tat, als sähe ich ihn nicht. Er war überhaupt recht schnell beleidigt.

"Ist er durchsichtig?", hatte Leslie sich bei diesem ersten Zusammentreffen erkundigt. "Oder so schwarz-weiß?"

Nein, James sah eigentlich ganz normal aus. Bis auf die Klamotten natürlich.

"Kannst du durch ihn hindurchgehen?"

"Ich weiß nicht, ich hab's noch nie versucht."

"Dann versuch es jetzt mal", hatte Leslie vorgeschlagen.

Aber James wollte nicht zulassen, dass ich durch ihn hindurchging.

"Was soll das heißen - Geist? Ein James August Peregrin Pimplebottom,

Erbe des vierzehnten Earls von Hardsdale, lässt sich nicht beleidigen, auch nicht von kleinen Mädchen."

Wie so viele Geister wollte er einfach nicht wahrhaben, dass er kein Mensch mehr war. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, gestorben zu sein. Wir kannten uns mittlerweile seit fünf Jahren, seit meinem ersten Schultag auf der Saint Lennox High School, aber für James schien es nur ein paar Tage her zu sein, dass er im Club mit seinen Freunden eine Runde Karten gespielt und über Pferde, Schönheitspflästerchen und Perücken gefachsimpelt hatte.(Er trug beides, Schönheitspflästerchen und Perücke, was aber besser aussah, als es sich jetzt anhören mag.) Dass ich seit Beginn unserer Bekanntschaft um zwanzig Zentimeter gewachsen, eine Zahnspange und einen Busen bekommen hatte sowie die Zahnspange wieder losgeworden war, ignorierte er geflissentlich. Ebenso wie die Tatsache, dass aus dem Stadtpalais seines Vaters längst eine Privatschule geworden war, mit fließendem Wasser, elektrischem Licht und Zentralheizung. Das Einzige, das er von Zeit zu Zeit zu registrieren schien, war die Länge der Röcke unserer Schuluniform. Offenbar war der Anblick weiblicher Waden und Knöchel zu seiner Zeit höchst selten gewesen.

"Es ist nicht besonders höflich von einer Dame, einen höhergestellten Herrn nicht zu grüßen, Miss Gwendolyn", rief er jetzt, wieder mal total eingeschnappt, weil ich ihm keine Beachtung schenkte.

"Entschuldige. Wir haben es eilig", sagte ich.

"Wenn ich irgendwie behilflich sein kann, stehe ich selbstverständlich zur Verfügung". James zupfte sich die Spitzenbesätze an seinen Ärmeln zurecht.

"Nein, vielen Dank. Wir müssen nur schnell nach Hause". Als ob James irgendwie behilflich hätte sein können! Er konnte nicht mal eine Tür öffnen. "Charlotte fühlt sich nicht gut."

"Oh, das tut mir leid", sagte James, der eine Schwäche für Charlotte hatte. Im Gegensatz zu "der Sommersprossigen ohne Manieren", wie er Leslie zu nennen pflegte, fand er meine Cousine ausschließlich "liebreizend und von bezaubernder Anmut". Auch heute gab er wieder schleimige Komplimente von sich. "Bitte entrichte ihr meine besten Wünsche. Und sag ihr, sie sieht heute wieder einmal entzückend aus. Ein bisschen blass, aber zauberhaft wie eine Elfe". "Ich werde es ihr ausrichten."

"Hör auf, mit deinem imaginären Freund zu sprechen", sagte Charlotte. "Sonst landest du irgendwann noch in der Irrenanstalt."