Jacob und Wilhelm Grimm

"Kinder- und Hausmärchen"


Erster Band.

1. Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich.

Es war einmal eine Königstochter, die ging hinaus in den Wald und setzte an einen kühlen Brunnen. Sie hatte eine goldene Kugel, die war ihr liebstes Spielwerk, die warf sie in die Höhe und fing sie wieder in der Luft und hatte ihre Lust daran. Einmal war die Kugel gar hoch geflogen, sie hatte die Hand schon ausgestreckt und die Finger gekrümmt, um sie wieder zufangen, da schlug sie neben vorbei auf die Erde, rollte und rollte und geradezu in das Wasser hinein.

Die Königstochter blickte ihr erschrocken nach, der Brunnen war aber so tief, daß kein Grund zu sehen war. Da fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen: "Ach! wenn ich meine Kugel wieder hätte, da wollt' ich alles darum geben, meine Kleider, meine Edelgesteine, meine Perlen und was es auf der Welt nur wär'". Wie sie so klagte, steckte ein Frosch[1] seinen Kopf aus dem Wasser und sprach: "Königstochter, was jammerst du so erbärmlich?" - "Ach, sagte sie, du garstiger Frosch, was kannst du mir helfen! meine goldne Kugel ist mir in den Brunnen gefallen". - Der Frosch sprach: "deine Perlen, deine Edelgesteine und deine Kleider, die verlang ich nicht, aber wenn du mich zum Gesellen annehmen willst, und ich soll neben dir sitzen und von deinem goldnen Tellerlein essen und in deinem Bettlein schlafen und du willst mich werth und lieb haben, so will ich dir deine Kugel wiederbringen". Die Königstochter dachte, was schwätzt der einfältige Frosch wohl, der muß doch in seinem Wasser bleiben, vielleicht aber kann er mir meine Kugel holen, da will ich nur ja sagen; und sagte: "ja meinetwegen, schaff mir nur erst die goldne Kugel wieder, es soll dir alles versprochen seyn". Der Frosch steckte seinen Kopf unter das Wasser und tauchte hinab, es dauerte auch nicht lange, so kam er wieder in die Höhe, hatte die Kugel im Maul und warf sie ans Land. Wie die Königstochter ihre Kugel wieder erblickte, lief sie geschwind darauf zu, hob sie auf und war so froh, sie

wieder in ihrer Hand zu halten, daß sie an nichts weiter gedachte, sondern damit nach Haus eilte. Der Frosch rief ihr nach: "warte, Königstochter, und nimm mich mit, wie du versprochen hast;" aber sie hörte nicht darauf.[2]

Am andern Tage saß die Königstochter an der Tafel, da hörte sie etwas die Marmortreppe heraufkommen, plitsch, platsch! plitsch, platsch! bald darauf klopfte es auch an der Thüre und rief: "Königstochter, jüngste, mach mir auf!" Sie lief hin und machte die Thüre auf, da war es der Fresch, an den sie nicht mehr gedacht hatte; ganz erschrocken warf sie die Thüre hastig zu und setzte sich wieder an die Tafel. Der König aber sah, daß ihr das Herz klopfte, und sagte: "warum fürchtest du dich?" - "Da draußen ist ein garstiger Frosch, sagte sie, der hat mir meine goldne Kugel aus dem Wasser geholt, ich versprach ihm dafür, er sollte mein Geselle werden, ich glaubte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte, nun ist er draußen vor der Thür und will herein". Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

"Königstochter, jüngste,

mach mir auf,

weiß du nicht was gestern

du zu mir gesagt

bei dem kühlen Brunnenwasser?

Königstochter, jüngste,

mach mir auf."

Der König sagte: "was du versprochen hast, mußt du halten, geh und mach dem Frosch die Thüre auf". Sie gehorchte und der Frosch hüpfte herein, und ihr auf dem Fuße immer nach, bis[3] zu ihrem Stuhl, und als sie sich wieder gesetzt hatte, da rief er: "heb mich herauf auf einen Stuhl neben dich". Die Königstochter wollte nicht, aber der König befahl es ihr. Wie der Frosch oben war, sprach er: "nun schieb dein goldenes Tellerlein näher, ich will mit dir davon essen". Das mußte sie auch thun. Wie er sich satt gegessen hatte, sagte er: "nun bin ich müd' und will schlafen, bring mich hinauf in dein Kämmerlein, mach dein Bettlein zurecht, da wollen wir uns hineinlegen". Die Königs tochter erschrack, wie sie das hörte, sie fürchtete sich vor dem kalten Frosch, sie getraute sich nicht ihn anzurühren und nun sollte er bei ihr in ihrem Bett liegen, sie fing an zu weinen und wollte durchaus nicht. Da ward der König zornig und befahl ihr bei seiner Ungnade, zu thun, was sie versprochen habe. Es half nichts, sie mußte thun, wie ihr Vater wollte, aber sie war bitterböse in ihrem Herzen. Sie packte den Frosch mit zwei Fingern und trug ihn

hinauf in ihre Kammer, legte sich ins Bett und statt ihn neben sich zu legen, warf sie ihn bratsch! an die Wand; "da nun wirst du mich in Ruh lassen, du garstiger Frosch!"

Aber der Frosch fiel nicht todt herunter, sondern wie er herab auf das Bett kam, da wars ein schöner junger Prinz. Der war nun ihr lieber Geselle, und sie hielt ihn werth wie[4] sie versprochen hatte, und sie schliefen vergnügt zusammen ein. Am Morgen aber kam ein prächtiger Wagen mit acht Pferden bespannt, mit Federn geputzt und goldschimmernd, dabei war der treue Heinrich des Prinzen, der hatte sich so betrübt über die Verwandlung desselben, daß er drei eiserne Bande um sein Herz legen mußte, damit es vor Traurigkeit nicht zerspringe. Der Prinz setzte sich mit der Königstochter in den Wagen, der treue Diener aber stand hinten auf, so wollten sie in sein Reich fahren. Und wie sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Prinz hinter sich ein lautes Krachen, da drehte er sich um und rief:

"Heinrich, der Wagen bricht!" -

"Nein Herr, der Wagen nicht,

es ist ein Band von meinem Herzen,

das da lag in großen Schmerzen,

als ihr in dem Brunnen saßt,

als ihr eine Fretsche(Frosch) was't".(wart)

Noch einmal und noch einmal hörte es der Prinz krachen, und meinte: der Wagen bräche, aber es waren nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.[5]

2. Katz und Maus in Gesellschaft.

Eine Katze und eine Maus wollten zusammen leben und Wirthschaft zusammen haben; sie sorgten auch für den Winter und kauften ein Töpfchen mit Fett, und weil sie keinen bessern und sicherern Ort wußten, stellten sie es unter der Altar in der Kirche, da sollt' es stehen, bis sie sein bedürftig wären. Einstmals aber trug die Katze Gelüsten darnach, und ging zur Maus: "hör' Mäuschen, ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten, sie hat ein Söhnchen geboren, weiß und braun gefleckt, das soll ich über die Taufe halten, laß mich ausgehen und halt heut allein Haus". - "Ja, ja, sagte die Maus, geh hin, und wenn du was Gutes issest, denk an mich, von dem süßen rothen Kindbetterwein tränk ich auch gern ein Tröpfchen". Die Katze aber ging geradeswegs in die Kirche und leckte die fette Haut ab, spatzirte darnach um die Stadt herum und kam erst

am Abend nach Haus. "Du wirst dich recht erlustirt haben, sagte die Maus, wie hat denn das Kind geheißen?" - "Hautab, antwortete die Katze". - "Hautab? das ist ein seltsamer Name, den hab' ich noch nicht gehört."

Bald darnach hatte die Katze wieder ein[6] Gelüsten, ging zur Maus und sprach: "ich bin aufs neue zu Gevatter gebeten, das Kind hat einen weißen Ring um den Leib, da kann ichs nicht abschlagen, du mußt mir den Gefallen thun und allein die Wirthschaft treiben". Die Maus sagte ja, die Katze aber ging hin und fraß den Fetttopf bis zur Hälfte leer. Als sie heim kam, fragte die Maus: "wie ist denn dieser Pathe getauft worden?" - "Halbaus" - "Halbaus? was du sagst! den Namen hab' ich gar noch nicht gehört, der steht gewiß nicht im Calender."

Die Katze aber konnte den Fetttopf nicht vergessen: "ich bin zum drittenmal zu Gevatter gebeten, das Kind ist schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal, du läßt mich doch ausgehen?" - "Hautab, Halbaus, sagte die Maus, es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam, doch geh nur hin". Die Maus hielt alles in Ordnung und räumte auf, dieweil fraß die Katze den Fetttopf rein aus und kam satt und dick erst in der Nacht wieder. "Wie heißt denn das dritte Kind?" - "Ganzaus" - "Ganzaus! ei! ei! Das ist der allerbedenklichste Namen, sagte die Maus; Ganzaus? was soll der bedeuten? gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen!"[7] damit schüttelte sie den Kopf und legte sich schlafen.

Zum viertenmal wollte niemand die Katze zu Gevatter bitten; der Winter aber kam bald herbei. Wie nun draußen nichts mehr zu finden war, sagte die Maus zur Katze: "komm wir wollen zum Vorrath gehen, den wir in der Kirche unter dem Altar versteckt haben". Wie sie aber hinkamen, war alles leer - "Ach! sagte die Maus, nun kommts an den Tag, du hast Alles gefressen, wie du zu Gevatter ausgegangen bist, erst Haut ab, dann Halb aus, dann" - "Schweig still, sagte die Katze, oder ich freß dich, wenn du noch ein Wort sprichst" - "Ganz aus" hatte die arme Maus im Mund, und hatt' es kaum gesprochen, so sprang die Katz' auf sie zu und schluckte sie hinunter.[8]

3. Marienkind.

Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau und seinem einzigen Kind, das war ein Mädchen und drei Jahr alt. Sie waren aber so arm, daß sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wußten, was sie ihm sollten zu essen geben. Da ging der Holzhacker

voller Sorgen hinaus in den Wald an[8] seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach zu ihm: "ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter seyn und für es sorgen". Der Holzhacker gehorchte und holte sein Kind und gab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß bloß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine Kleider waren von Gold und die Englein spielten mit ihm. So war es vierzehn Jahre im Himmel, da mußte die Jungfrau Maria eine große Reise machen; eh sie aber weg ging, rief sie das Mädchen und sagte: "liebes Kind, da vertrau ich dir die Schlüssel zu den dreizehn Thüren des Himmelreichs, zwölf darfst du aufschließen und betrachten, aber die dreizehnte nicht, die dieser kleine Schlüssel öffnet". Das Mädchen versprach ihren Befehlen zu gehorchen, wie nun die Jungfrau weg war öffnete es jeden Tag eine Thüre, und sah die Wohnungen des Himmelreichs. In jeder saß ein Apostel und war so viel Glanz umher, daß es sein Lebtag solche Pracht und Herrlichkeit nicht gesehen. Als es die zwölf Thüren aufgeschlossen hatte, war die verbotene noch übrig; lange widerstand es seiner Neugier endlich aber[9] ward es davon überwältigt und öffnete auch die dreizehnte. Und wie die Thüre aufging, sah es in Feuer und Glanz die Dreieinigkeit sitzen; und rührte ein klein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward er ganz golden, dann aber schlug es geschwind die Thüre zu und lief fort; sein Herz klopfte und wollte gar nicht wieder aufhören. Nach wenigen Tagen aber kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück und forderte die Himmelsschlüssel von dem Mädchen, und wie es sie reichte, sah sie es an und sagte: "hast du auch nicht die dreizehnte Thüre geöffnet?" - "Nein", antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, das klopfte und klopfte, da sah sie, daß es ihr Gebot übertreten und die Thüre aufgeschlossen hatte: "hast du es gewiß nicht gethan?" "Nein", sagte das Mädchen noch einmal. Da sah sie den goldenen Finger, womit es das himmlische Feuer angerührt hatte, und wußte nun gewiß, daß es schuldig war und sprach: "du hast mir nicht gehorcht und hast gelogen, du bist nicht mehr würdig im Himmel zu seyn."

Da versank das Mädchen in einen tiefen, tiefen Schlaf, und als es erwachte, war es auf der Erde und lag unter einem hohen Baum, der war rings mit dichten Gebüschen umzäunt, so daß es ganz eingeschlossen war, der Mund war ihm auch verschlossen und es konnte kein[10] Wort reden. In dem Baum war eine Höhle, darin saß es bei Regen und Gewitter, und schlief es in der Nacht; Wurzeln und Waldbeeren waren seine Nahrung, die suchte es sich, so weit es kommen konnte. Im Herbst

sammelte es Wurzeln und Blätter und trug sie in die Höhle, und wenn es dann schneite und fror, saß es darin. Seine Kleider verdarben auch, und fielen ihm ab, da saß es in die Blätter, ganz eingehüllt, und wenn die Sonne wieder warm schien ging es heraus, setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel.

Einmal, als es so im Frühjahr vor dem Baume saß, drängte sich jemand mit Gewalt durch das Gebüsch, das war aber der König, der in dem Wald gejagt und sich verirrt hatte. Er war erstaunt, daß in der Einöde ein so schönes Mädchen allein saß, und fragte es: ob es mit auf sein Schloß gehen wollte. Es konnte aber nicht antworten, sondern nickte bloß ein wenig mit dem Kopf, da hob es der König auf sein Pferd und führte es mit sich heim und bald gewann er es so lieb, daß er es zu seiner Gemahlin machte. Nach Verlauf eines Jahres brachte die Königin einen schönen Prinzen zur Welt. In der Nacht erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach: "sag' jetzt die Wahrheit, daß du die verbotene Thür aufgeschlossen hast, dann[11] will ich dir die Sprache wiedergeben, ohne die du doch nicht recht vergnügt leben kannst, bist du aber hartnäckig und willst es nicht gestehen, so nehm' ich dein Kind mit". Die Königin aber blieb dabei, sie habe die verbotene Thüre nicht geöffnet. Da nahm die Jungfrau Maria das kleine Kind und verschwand damit. Am andern Morgen aber, als das Kind fort war, ging ein Gemurmel, die stumme Königin sey eine Menschenfresserin und habe ihr eigen Kind gegessen. - "Nach einem Jahr gebar die Königin wieder einen Prinzen, die Jungfrau Maria trat wieder vor sie und bat sie nun die Wahrheit zu sagen, sonst verliere sie auch das zweite Kind". Die Königin aber beharrte darauf, sie habe die verbotene Thür nicht geöffnet, und die Jungfrau nahm das Kind mit sich fort. Am Morgen, als es fehlte, sagten des Königs Räthe laut, die Königin sey eine Menschenfresserin und drangen darauf, daß sie für ihre gottlose Thaten gerichtet werde; der König aber hieß stillschweigen und wollte es nicht glauben, weil er die Königin so lieb hatte. Im dritten Jahr brachte sie eine Prinzessin zur Welt, da erschien die Jungfrau Maria wieder, nahm sie mit in den Himmel und zeigte ihr da ihre zwei ältesten Kinder, die mit der Weltkugel spielten. Darauf bat sie noch einmal, sie mögte ihren Fehler gestehen und nicht länger[12] bei der Lüge beharren. Aber die Königin war nicht zu bewegen, und blieb bei ihrer Aussage. Da verließ sie die Jungfrau Maria, und nahm das jüngste Kind auch mit sich.

Der König konnte nun seine Räthe nicht länger zurückhalten, sie behaupteten, die Königin sey eine Menschenfresserin, das sey gewiß, und weil sie stumm war, konnte sie sich nicht vertheidigen, da ward sie verdammt auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Wie sie nun darauf stand, angebunden war, und das Feuer rings schon zu brennen anfing, da ward

ihr Herz bewegt und sie gedachte bei sich: "ach, wenn ich auch sterben müßte, wie gern wollt' ich der Jungfrau Maria vorher noch gestehen, daß ich die verbotene Thüre im Himmel aufgeschlossen habe, wie hab' ich so bös' gethan, das zu leugnen!" Und wie sie das gedachte in dem Augenblick, da that sich der Himmel auf, und die Jungfrau Maria kam herunter, zu ihren Seiten die beiden ältesten Kindern, auf ihrem Arm das jüngste; das Feuer aber löschte sich von selbst aus, und sie trat zur Königin und sprach: "da du die Wahrheit hast sagen wollen, ist dir deine Schuld vergeben", und reichte ihr die Kinder, öffnete ihr den Mund, daß sie von nun an sprechen konnte, und verlieh ihr Glück auf ihr Lebtag.[13]

4. Gut Kegel- und Kartenspiel.

Es war einmal ein alter König, der hatte eine Tochter, die war die schönste Jungfrau auf der Welt. Da ließ er bekannt machen: "wer drei Nächte in meinem alten Schloß wächt, soll die Prinzessin zur Gemahlin haben". Nun war ein junger Bursch, arm von Haus aus, der gedacht: ich will mein Leben daran wagen, nichts zu verlieren, viel zu gewinnen, was ist da lang zu besinnen! Also stellt' er sich vor den König und bot sich an, drei Nächte in dem Schloß zu wachen. "Du darfst Dir noch etwas ausbitten, das Du mitnimmst in das Schloß, aber von leblosen Dingen", sagte der König. - "So bitt' ich mir eine Schnitzbank mit dem Schnitzmesser aus, eine Drehbank und ein Feuer."

Das wird ihm alles in das alte Schloß getragen; darauf, wie es anfängt dunkel zu werden, geht er selbst hinein. Anfangs ist alles still darin, er macht sich sein Feuer an, stellt die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzt sich auf die Drehbank. Wie es aber gegen Mitternacht geht, fängt ein Gerümpel an, erst sachte, dann stärker, bif! baf! hehe! holla ho! immer ärger, dann ists ein klein bischen still, endlich kommt ein Bein den Schornstein herunter[14] und stellt sich gerade vor ihn hin. "Heda, ruft der Bursch, noch mehr, eins ist zu wenig". Da geht der Lärm von frischem an, dann fällt noch ein Bein herunter und noch eins und so fort, bis ein neun sind. "Nun ists genug und die sind gut zum Kegelspiel, aber die Kugeln fehlen noch, frisch!" Da tobts entsetzlich und fallen zwei Köpfe herunter. Die setzt er in die Drehbank und dreht sie rund: "daß ihr gut schüppelt!" dann macht er die Beine gleich und stellt sie wie die Kegel auf: "Heida! nun gehts lustig!"

Da kamen zwei große schwarze Katzen, gingen ums Feuer herum und schrien: "au! miau! was uns friert! was uns friert!" - "Ihr Narren, was schreit Ihr, setzt euch ans Feuer und wärmt euch". Wie die Katzen sich

gewärmt hatten, sagten sie: "Cammrad! wir wollen eins in der Karte spielen". "Ja, antwortete er, aber zeigt einmal eure Pfoten her, Ihr habt so lange Nägel, die will ich Euch erst abschneiden". Damit packte er sie am Kragen und hob sie auf die Schnitzbank, da schraubte er sie fest und schmiß sie todt. Dann trug er sie hinaus und warf sie in einen kleinen Teich, dem Schloß gegenüber. Wie er die zur Ruh gebracht, und sich wieder zum Feuer setzen wollte und sich wärmen, da kamen viele schwarz Katzen und Hunde, bald aus allen Ecken und[15] immer mehr und mehr, daß er sich nicht mehr bergen konnte, die schrien, traten ihm auf sein Feuer, zerrten es auseinander und machten es ganz aus. Da faßte er sein Schnitzmesser: "fort ihr Gesindel!" und hieb ein. Ein großer Theil lief weg, die andern schmiß er todt und trug sie auch hinaus in den Teich. Dann blies er sich das Feuer wieder an aus einem Funken und wärmte sich.

Als er sich gewärmt hatte, ward er müd' und legte sich in ein großes Bett, das in der Ecke stand. Und als er eben einschlafen wollte, fing das Bett an zu fahren und fuhr im ganzen Schloß herum. "Das geht gut so, nur besser zu!" sagte er. Da fuhr das Bett, als zögens sechs Pferde, über Schwellen und Treppen: hopp! hopp! warf es um, das unterst zu oberst und er drunter. Da schleudert' er Decken und Kissen in die Höh' und stieg heraus: "mag fahren, wer Lust hat!" legte sich zum Feuer und schlief bis es Tag war.

Am Morgen kam der König, und als er den jungen Burschen da liegen und schlafen sah, meint' er, der wäre auch todt, und sagte, es sey schade um ihn. Da erwachte der Bursch von den Worten, und wie er den König sah, stand er auf, der fragte ihn, wie es gegangen wäre in der Nacht? "Recht gut, eine wär' herum, die zwei werden auch noch herum gehn."[16] Die andern Nächte gings ebenso, aber er wußte schon, wie es anzugreifen war, und am vierten Tag ward ihm die schöne Königstochter gegeben.[17]

5. Der Wolf und die sieben jungen Geislein.

Eine Geis hatte sieben Junge, die sie gar lieb hatte und sorgfältig vor dem Wolf hütete. Eines Tags, als sie ausgehen mußte, Futter zu holen, rief sie alle zusammen und sagte: "liebe Kinder, ich muß ausgehen und Futter holen, wahrt euch vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein, gebt auch Acht, denn er verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten könnt ihr ihn erkennen; hütet euch, wenn er erst einmal im Haus ist, so frißt er euch alle miteinander". Darauf ging sie fort, bald aber kam der Wolf vor die Hausthüre und rief: "liebe Kinder,

macht mir auf, ich bin eure Mutter und hab' euch schöne Sachen mitgebracht". Die sieben Geiserchen aber sprachen: "unsere Mutter bist du nicht, die hat eine feine liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh, du bist der Wolf, wir machen dir nicht auf". Der Wolf ging fort zu einem Krämer und kaufte sich ein groß Stück Kreide, die aß[17] er und machte seine Stimme fein damit. Darnach ging er wieder zu der sieben Geislein Hausthüre und rief mit feiner Stimme: "liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas haben". Er hatte aber seine Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die sieben Geiserchen und sprachen: "unsere Mutter bist du nicht, die hat keinen schwarzen Fuß, wie du; du bist der Wolf, wie machen dir nicht auf". Der Wolf ging fort zu einem Bäcker und sprach: "Bäcker, bestreich mir meine Pfote mit frischem Teig", und als das gethan war, ging er zum Müller und sprach: "Müller, streu mir sein weißes Mehl auf meine Pfote". Der Müller sagte nein. - "Wenn du es nicht thust, so freß ich dich". Da mußte es der Müller thun.

Darauf ging der Wolf wieder vor der sieben Geiserchen Hausthüre und sagte: "liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas geschenkt kriegen". Die sieben Geiserchen wollten erst die Pfote sehen, und wie sie sahen, daß sie schneeweiß war und den Wolf so fein sprechen hörten, glaubten sie es wäre ihre Mutter und machten die Thüre auf, und der Wolf kam herein. Wie sie ihn aber erkannten, versteckten sie sich geschwind, so gut es ging, das eine unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das[18] vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter eine große Schüssel; das siebente in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und verschluckte sie, außer das jüngste in der Wanduhr, das blieb am Leben.

Wie der Wolf seine Lust gebüßt, ging er fort, bald darauf kam die alte Geis nach Haus. Was für ein Jammer! der Wolf war da gewesen und hatte ihre lieben Kinder gefressen. Sie glaubte sie wären alle todt, da sprang das jüngste aus der Wanduhr, und erzählte, wie das Unglück gekommen war.

Der Wolf aber, weil er sich vollgefressen, war auf eine grüne Wiese gegangen, hatte sich in den Sonnenschein gelegt und war in einen tiefen Schlaf gefallen. Die alte Geis dachte, daran, ob sie ihre Kinder nicht noch erretten könnte, sagte darum zu dem jüngsten Geislein: "nimm Zwirn, Nadel und Scheere und folg' mir nach". Darauf ging sie hinaus und fand den Wolf schnarchend auf der Wiese liegen: "da liegt der garstige Wolf", sagte sie und betrachtete ihn von allen Seiten, nachdem er zum Vieruhrenbrot meine sechs Kindlein hinuntergefressen hat, gieb mir einmal die Scheere her: "Ach! wenn sie noch lebendig in seinem Leibe

wären!" Damit schnitt sie ihm den Bauch auf, und die sechs Geiserchen, die er in der Gier ganz verschluckt hatte, sprangen unversehrt heraus.[19] Sie hieß sie gleich hingehen und große, und schwere Wackersteine herbeitragen, damit füllten, sie dem Wolf den Leib, nähten ihn wieder zu, liefen fort, und versteckten sich hinter eine Hecke.

Als der Wolf ausgeschlafen hatte, so fühlt' er es so schwer im Leib und sprach: "es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! was ist das? ich hab' nur sechs Geiserchen gegessen". Er dacht, er wollt einen frischen Trunk thun, das mögt' ihm helfen und suchte einen Brunnen, aber wie er sich darüber bückte, konnte er vor der Schwere der Steine sich nicht mehr halten, und stürzte ins Wasser. Wie das die sieben Geiserchen sahen, kamen sie herzu gelaufen, und tanzten vor Freude um den Brunnen.[20]

6. Von der Nachtigall und der Blindschleiche.

Es waren einmal eine Nachtigall und eine Blindschleiche, die hatten jede nur ein Aug' und lebten zusammen in einem Haus lange Zeit in Frieden und Einigkeit. Eines Tags aber wurde die Nachtigall auf eine Hochzeit gebeten, da sprach sie zur Blindschleiche: "ich bin da auf eine Hochzeit gebeten und mögte nicht gern so mit einem Aug' hingehen, sey doch so gut und[20] leih mir deins dazu, ich bring dirs Morgen wieder". Und die Blindschleiche that es aus Gefälligkeit.

Aber den andern Tag, wie die Nachtigall nach Haus gekommen war, gefiel es ihr so wohl, daß sie zwei Augen im Kopf trug und zu beiden Seiten sehen konnte, daß sie der armen Blindschleiche ihr geliehenes Aug' nicht wiedergeben wollte. Da schwur die Blindschleiche, sie wollte sich an ihr, an ihren Kindern und Kindeskindern rächen. "Geh nur, sagte die Nachtigall, und such einmal:

ich bau mein Nest auf jene Linden,

so hoch, so hoch, so hoch, so hoch,

da magst dus nimmermehr finden!"

Seit der Zeit haben alle Nachtigallen zwei Augen und alle Blindschleichen keine Augen. Aber wo die Nachtigall hinbaut, da wohnt unten auch im Busch eine Blindschleiche, und sie trachtet immer hinaufzukriechen, Löcher in die Eier ihrer Feindin zu bohren oder sie auszusaufen.[21]

7. Von dem gestohlenen Heller.

Es saß ein Vater mit seiner Frau und seinen Kindern, und einem guten Freund, der ihn besuchte, Mittags am Tisch. Wie sie so[21] saßen und es zwölf Uhr schlug, da sah der Fremde die Thür aufgehen, und es kam ein schneeweiß gekleidetes blasses Kindlein herein: es blickte sich nicht um, sprach auch nichts, sondern ging still in die Kammer neben an. Bald darauf kam es zurück, und ging eben so still wieder fort. Am zweiten und dritten Tag kam dasselbige Kind wieder; da fragte der Fremde den Vater, wem das schöne Kind gehöre, das alle Mittag in die Kammer gehe. Der Vater antwortete, er wisse nichts davon, er hab es auch noch nicht gesehen. Am andern Tage, als es zwölf Uhr schlug und es wieder hereintrat, so zeigte es der Fremde dem Vater, der sah aber nichts, und die Mutter und die Kinder alle sahen auch nichts. Der Fremde stand auf, ging zu der Thüre, öffnete sie ein wenig und guckte hinein. Da sah er das blasse Kindlein auf der Erde sitzen und emsig mit den Fingern in den Dielenritzen graben und wühlen, wie es aber den Fremden bemerkte, verschwand es. Darauf erzählte er, was er gesehen, und beschrieb das Kindlein genau, da erkannte es die Mutter und sagte: "ach! das ist mein liebes Kind, das vor vier Wochen gestorben ist". Da brachen sie die Dielen auf und fanden zwei Heller, die hatte das Kind einmal einem armen Mann geben sollen, es hatte aber gedacht, dafür kannst du dir einen Zwieback[22] kaufen, die Heller behalten und in die Dielenritzen versteckt, und da hatte es ihm Grabe keine Ruh und mußte alle Mittage kommen und die Heller suchen. Sie gaben darauf das Geld einem Armen, und nachher ist das Kindlein nicht wieder gesehen worden.[23]

8. Die Hand mit dem Messer.

Es war ein kleines Mädchen, das hatte drei Brüder, die galten bei der Mutter alles, und es wurde überall zurückgesetzt, hart angefahren und mußte tagtäglich Morgens früh ausgehen, Torf zu graben auf dürrem Heidegrund, den sie zum Kochen und Brennen brauchten. Noch dazu bekam es ein altes und stumpfes Geräth, womit es die sauere Arbeit verrichten sollte.

Aber das kleine Mädchen hatte einen Liebhaber, der war ein Elfe und wohnte nahe an ihrer Mutter Haus in einem Hügel, und so oft es nun an dem Hügel vorbei kam, so streckte er seine Hand aus dem Fels, und hielt darin ein sehr scharfes Messer, das von sonderlicher Kraft war und alles durchschnitt. Mit diesem Messer schnitt sie den Torf bald heraus, ging vergnügt mit der nöthigen Ladung heim, und wenn sie am Felsen vorbei

kam,[23] klopfte sie zweimal dran, so reichte die Hand heraus und nahm das Messer in Empfang.

Als aber die Mutter merkte, wie geschwind und leicht sie immer den Torf heimbrachte, erzählte sie den Brüdern, es müßte ihr gewiß jemand anders dabei helfen, sonst wäre es nicht möglich. Da schlichen ihr die Brüder nach und sahen, wie das Zaubermesser bekam, holten sie ein und drangen es ihr mit Gewalt ab. Darauf kehrten sie zurück, schlugen an den Felsen, als sie gewohnt war zu thun, und wie der gute Elf die Hand herausstreckte, schnitten sie sie ihm ab mit seinem selbeigenen Messer. Der blutende Arm zog sich zurück, und weil der Elf glaubte seine Geliebte hätte es aus Verrath gethan, so wurde er seitdem nimmermehr gesehen.[24]

9. Die zwölf Brüder.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Kinder, das waren lauter Buben, er wollte auch kein Mädchen haben und sagte zur Königin: "wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mädchen ist, so laß ich die zwölf andern tödten, ists aber auch ein Bube, dann sollen sie alle miteinander leben bleiben". - Die Königin gedachte es ihm auszureden. Der[24] König wollte aber nichts weiter hören: "wenns so ist, wie ich gesagt habe, so müssen sie sterben, lieber hau' ich ihnen selber den Kopf ab, als daß ein Mädchen darunter wäre."

Da war die Königin traurig, denn sie hatte ihre Söhne von Herzen lieb und mußte nicht, wie sie zu retten waren. Endlich ging sie zu dem jüngsten, den sie vor allen lieb hatte, offenbarte ihm, was der König beschlossen, und sagte: "allerliebstes Kind, geh du mit deinen eilf Brüdern hinaus in den Wald, da bleibt und kommt nicht nach Haus, einer von euch aber halte immer Wacht auf einem Baum und sehe nach dem Thurm hier, wenn ich ein Söhnchen zur Welt bringe, will ich obenauf eine weiße Fahne stecken, ists aber ein Töchterchen eine rothe, und wenn ihr das seht, dann rettet euch, flieht in die weite Welt, und der liebe Gott behüt euch. Alle Nacht will ich aufstehen und für euch beten; wenns kalt ist im Winter, daß ihr nicht friert und ein warmes Feuer vor euch brennt, und wenns heiß ist im Sommer, daß ihr in einem kühlen Walde ruht und schlaft."

So gesegnete sie die Kinder und sie gingen fort in den Wald. Oft guckten sie nach dem Thurm, und einer mußte beständig auf einer hohen Eiche sitzen und Acht haben. Bald auch wurde eine Fahne aufgesteckt, es war aber nicht[25] die weiße, sondern die rothe

Blutfahne, die ihnen den Untergang drohte. Wie die Buben sie erblickten, wurden sie alle zornig und riefen: "sollen wir eines Mädchens willen das Leben verlieren!" da schwuren sie zusammen, mitten in dem Wald zu bleiben, und aufzupassen, wenn sich ein Mädchen sehen ließ, wollten sie es ohne Gnade tödten.

Darauf suchten sie eine Höhle, wo der Wald am dunkelsten war, wo sie wohnten. Alle Morgen zogen elf hinaus auf die Jagd, einer mußte aber zu Haus bleiben, kochen, und den Haushalt führen. Jedes Mädchen aber, das den eilfen begegnete, war ohne Barmherzigkeit verloren; das dauerte viele Jahre.

Das Schwesterchen zu Haus aber ward groß und blieb das einzige Kind. Einmal hatte es große Wäsche, darunter waren auch zwölf Mannshemden. "Für wen sind denn diese Hemder, fragte die Prinzesinn, meinem Vater sind sie doch viel zu klein", da erzählte ihr die Wäscherin, daß sie zwölf Brüder gehabt hätte, die wären heimlich fortgegangen, kein Mensch wisse wohin, weil sie der König habe wollen tödten lassen, und diesen zwölf Brüdern gehörten diese zwölf Hemder. Das Schwesterchen verwunderte sich, daß ihm niemals von seinen zwölf Brüdern etwas zu Ohren gekommen und wie es Nachmittags auf der Wiese saß und die[26] Wäsche bleichte, da fielen ihm die Worte der Wäscherin wieder ein, und es ward nachdenksam, und endlich stieg es auf, nahm die zwölf Hemder und ging in den Wald hinein, wo seine Brüder lebten.

Das Schwesterchen kam gerade zu der Höhle, wo sie ihre Wohnung hatten. Die eilf waren auf der Jagd und nur ein einziger daheim, der kochen mußte. Wie der das Mädchen erblickte, faßte er es gleich, und holte sein Schwert: "knie nieder, dein rothes Blut muß den Augenblick fließen". Das Mädchen aber bat ihn: "lieber Herr, laßt mich leben, ich will bei euch bleiben und euch redlich dienen, ich will kochen und den Haushalt führen". Es war gerade der jüngste Bruder, den erbarmte die Schönheit des Mädchens und er schenkte ihr das Leben. Wie die eilfe nach Haus kamen und sich verwunderten, ein Mädchen lebendig in der Höhle zu finden, sagte er zu ihnen: "liebe Brüder, dies Mädchen ist in die Höhle gekommen, und wie ich es niederhauen wollte, da bat es so sehr um sein Leben, es wollt uns treu dienen und den Haushalt führen, daß ichs ihm geschenkt habe". Die andern gedachten, daß ihnen das vortheilhaft wäre und daß sie nun alle zwölf auf die Jagd ausgehen könnten, und warens zufrieden. Da zeigte es ihnen die zwölf Hemdlein und sagte,[27] es wär' ihre Schwester; darüber freuten sie sich alle, und waren froh, daß sie es nicht getödtet hatten.

Das Schwesterchen übernahm nun den Haushalt, und wenn die Brüder auf der Jagd waren, sammelte es Holz und Kräuter, stellte zu am Feuer, deckte die Bettlein hübsch weiß und rein, und thät alles unverdrossen und fleißig. Einmal geschah es, daß es fertig war mit aller Arbeit, da ging es in den Wald spazieren. Es kam an einen Platz, wo zwölf schöne hohe, weiße Lilien standen, und weil sie ihr so wohl gefielen, brach sie alle miteinander ab. Kaum aber war das geschehen, so stand eine alte Frau vor ihr: "ach meine Tochter, sagte sie, warum hast du die zwölf Studentenblumen nicht stehen lassen! das sind deine zwölf Brüder, die sind nun alle in Raben verwandelt worden und sind verloren auf ewig". Das Schwesterchen fing an zu weinen, "ach!" sagte es, "giebts denn kein Mittel sie zu erlösen?" "Nein, es ist kein Mittel auf der Welt, als ein einziges, das ist so schwer, das du sie nicht damit befreien wirst: du mußt zwölf ganzer Jahr stumm seyn, sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde daran, so ist alles umsonst und deine Brüder sind in dem Augenblick todt."

Das Schwesterchen setzte sich da auf einen hohen Baum im Wald und spann und wollte[28] zwölf Jahre stumm sitzen, um seine Brüder zu erlösen. Es geschah aber, daß der König auf einer Jagd durch den Wald ritt, und als er an dem Baum vorbei kam, stand sein Hund still und bellte. Der König hielt nun, sah hinauf und war ganz verwundert über die Schönheit der Prinzessin. Er rief ihr zu, ob sie seine Gemahlin werden wollte. Sie schwieg aber still und nickte nur ein wenig mit dem Kopf. Da stieg der König selber hinauf und hob sie herunter, setzte sie vor sich auf sein Pferd und brachte sie heim in sein Schloß, wo die Hochzeit prächtig gehalten ward. Die Prinzessin sprach aber niemals ein Wort und der König glaubte sie sey stumm. Doch hätten sie vergnügt mit einander gelebt, wenn nicht die Mutter des Königs gewesen wäre, die fing an die Königin bei ihrem Sohn zu verläumden: "es ist ein gemeines Bettelmädchen, das du aus der Fremde mitgebracht hast, die hinter deinem Rücken die schändlichsten Dinge treibt". Weil die Königin nun sich nicht vertheidigen konnte, ließ sich der König verführen, und glaubte ihr endlich und verurtheilte sie zum Tod. Da ward ein großes Feuer angemacht im Hof, darin sollte sie verbrannt werden. Schon stand sie in den Flammen und die spielten an ihrem Kleide; da war eben die letzte Minute von den zwölf Jahren verflossen, man[29] hörte in der Luft ein Geräusch, und es kamen zwölf Raben hergeflogen und ließen sich nieder. Wie sie die Erde berührten, waren es zwölf schöne Prinzen, die rissen das Feuer von einander und führten ihre Schwester heraus. Da sprach sie ihr erstes Wort wieder und sagte dem König alles, wie es zugegangen und sie die zwölf Brüder habe erlösen müssen; und sie waren alle vergnügt,

daß es so wohl geworden war.

Was sollten sie mit der bösen Stiefmutter anfangen; sie ward in ein Faß gesteckt von siedendem Oehl und von giftigen Schlangen angefüllt, und starb da eines bösen Todes.[30]

10. Das Lumpengesindel.

Hähnchen sprach zum Hühnchen: "die Nüsse sind reif, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, eh sie das Eichhorn alle wegholt". Ja, antwortete das Hühnchen, "komm da wollen wir uns eine Lust miteinander machen". Sie gingen zusammen fort, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend; nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen oder ob sie so übermüthig geworden waren, sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das[30] Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschaalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: "du kannst dich nur immer vorspannen". - "Nein, sagte das Hähnchen, das wäre mir recht! lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als daß ich mich vorspannen lasse, so haben wir nicht gewettet; Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht."

Wie sie sich so stritten, schnatterte eine Ente daher: "ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nußberg gehen, das soll euch schlecht bekommen", ging damit auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul, und stieg der Ente tüchtig zu Leib, endlich hackte es mit seinen Sporn so gewaltig, daß sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich auf den Bock und war Kutscher, und nun ging es fort, im Gallop: Ente lauf zu was du kannst! Als sie ein Stück Wegs gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Die riefen halt und sagten, es werde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, dabei wär es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten; sie seyen auf der Schneiderherberge vor dem Thor gewesen,[31] und hätten sich beim Bier verspätet. Das Hähnchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ sie beide einsteigen, doch mußten sie versprechen, ihm nicht auf die Füße zu treten. Spät Abends kamen sie zu einem Wirthshaus, und weil sie die Nacht nicht weiter fahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, kehrten sie ein. Der Wirth machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus sey schon voll, gedachte auch wohl, es mögten keine vornehme Passagiere seyn; endlich aber, da sie

süße Reden führten, er solle das Ei haben, welches das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins lege, so gab er nach. Nun ließen sie sich wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus. Früh Morgens, als es erst dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf und sie verzehrten es zusammen, die Schalen aber warfen sie auf den Feuerheerd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopf und steckten sie in das Sesselkissen des Wirths, die Stecknadel aber in sein Handtuch, darauf flogen sie, mir nichts dir nichts, über die Heide davon. Die Ente, die unter freiem Himmel schlafen wollte und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand[32] einen Bach, auf dem sie hinunter schwamm, und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden darnach stieg der Wirth aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da zerriß er sich das Gesicht mit der Stecknadel, dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Heerd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. "Heute Morgen trifft Alles meinen Kopf", sagte er, und setzte sich ärgerlich in seinen Großvaterstuhl - auweh! da ward er noch schlimmer getroffen von der Nähnadel und nicht an den Kopf. Da ward er vollends bös' und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern Abend gekommen waren, und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da that er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und obendrein zum Dank Schabernack treibt.[33]

11. Brüderchen und Schwesterchen.

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sagte: "seit die Mutter todt ist, haben wir keine gute Stunde mehr, die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit dem Fuß fort; sie[33] giebt uns auch nichts zu essen, als harte Brotkrusten; dem Hündlein unter dem Tisch gehts besser, dem wirft sie doch manchmal was Gutes zu, daß Gott erbarm, wenn das unsere Mutter wüßte! Komm laß uns miteinander fortgehen". Sie gingen zusammen fort und kamen in einen großen Wald, da waren sie so traurig und so müde, daß sie sich in einen hohlen Baum setzten und da Hungers sterben wollten.

Sie schliefen zusammen ein, und wie sie am Morgen aufwachten, war die Sonne schon lange aufgestiegen und schien heiß in den hohlen Baum hinein. "Schwesterchen, sagte das Brüderchen nach einer Zeit, mich

dürstet so gewaltig, wenn ich ein Brünnlein in der Nähe wüßte, ich ging hin und tränk einmal, es ist mir auch, als hörte ich eins rauschen". - "Was hilft das, antwortete das Schwesterchen, warum willst Du trinken, da wir doch Hungers sterben wollen". - Brüderchen aber schwieg still und stieg heraus, und weil es das Schwesterchen immer fest mit der Hand hielt, mußte es mit heraus steigen. Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe, und wie sie die zwei Kinder hatte fortgehen sehen, war sie ihnen nachgegangen und hatte ein klares Brünnlein in der Nähe des Baums aus dem Felsen springen lassen, das sollte durch sein Rauschen die Kinder[34] herbeilocken und zum trinken reizen, wer aber davon trank, der ward in ein Rehkälbchen verwandelt. Brüderchen kam bald mit dem Schwesterchen zu dem Brünnlein, und als er es so glitzerig über die Steine springen sah, ward seine Lust immer größer, und er wollte davon trinken. Aber dem Schwesterchen war Angst, es meinte, das Brünnlein spräche im Rauschen und sagte: "wer mich trinkt, wird zum Rehkälbchen; wer mich trinkt, wird zum Rehkälbchen!" da bat es das Brüderchen, nicht von dem Wasser zu trinken. "Ich höre nichts, sagte das Brüderchen, als wie das Wasser so lieblich rauscht, laß mich nur gehen!" Damit legte es sich nieder, beugte sich herab und trank, und wie der erste Tropfen auf seine Lippen gekommen war, da lag ein Rehkälbchen an dem Brünnlein.

Das Schwesterchen weinte und weinte, die Hexe aber war böse, daß sie es nicht auch zum Trinken hatte verführen können. Nachdem es drei Tage geweint, stand es auf und sammelte die Binsen in dem Wald, und flocht ein weiches Seil daraus. Dann band es das Rehkälbchen daran und führte es mit sich. Es suchte ihm auch eine Höhle, trug Moos und Laub hinein und machte ihm ein weiches Lager; am Morgen ging es mit ihm hinaus, wo zartes Gras war und sammelte das allerschönste, das fraß es ihm aus der Hand, und das Rehkälbchen war[35] dann vergnügt und spielte auf den Hügeln. Abends aber, wenn Schwesterchen müde war, legte es seinen Kopf auf den Rücken des Rehkälbchens, das war sein Kissen, und so schlief es ein; und hätte das Brüderchen nur seine menschliche Gestalt gehabt, das wäre ein herrliches Leben gewesen.

So lebten sie lange Jahre in dem Wald. Auf eine Zeit jagte der König und verirrte sich darin. Da fand er das Mädchen mit dem Thierlein in dem Wald und war erstaunt über seine Schönheit. Er hob es zu sich auf sein Pferd und nahm es mit, und das Rehkälbchen lief an dem Seile nebenher. An dem königlichen Hofe ward ihm alle Ehre angethan, schöne Jungfrauen mußten es bedienen, doch war es selber schöner, als alle andern; das Rehkälbchen ließ es niemals von sich, und that ihm alles Gute an. Bald darauf starb die Königin, da ward das Schwesterchen mit

dem König vermählt und lebte in allen Freuden.

Die Stiefmutter aber hatte von dem Glück gehört, das dem armen Schwesterchen begegnet; sie dachte es wäre längst im Wald von den wilden Thieren gefressen worden, aber die hatten ihm nichts gethan, und nun war es Königin im Reich. Die Hexe war so böse darüber, daß sie nur darauf dachte, wie sie ihr das Glück verderben könnte. Als im folgenden Jahr die Königin[36] einen schönen Prinzen zur Welt gebracht hatte, und der König auf der Jagd war, trat sie in der Gestalt der Kammerfrau in die Stube, worin die Kranke lag. "Das Bad ist für euch bereitet, sagte sie, das wird euch wohlthun und stärken, kommt eh' es kalt wird". Sie führte sie darauf in die Badestube; wie die Königin hineingetreten war, schloß sie die Thüre hinter ihn zu, drin aber war ein Höllenfeuer angemacht, da mußte die schöne Königin ersticken. Die Hexe hatte eine rechte Tochter, der gab sie ganz die äußerliche Gestalt der Königin und legte sie an ihrer Stelle in das Bett. Der König kam am Abend heim, und wußte nicht, daß er eine falsche Frau habe. Aber in der Nacht - sah die Kinderfrau - trat die rechte Königin in die Stube, sie ging zur Wiege, nahm ihr Kind heraus, hob es an ihre Brust und gab ihm zu trinken, dann schüttelte sie ihm sein Bettchen auf, legte es wieder hinein und deckte es zu. Darauf ging sie in die Ecke wo das Rehkälbchen schlief und streichelte ihm über den Rücken. So kam sie alle Nacht und ging wieder fort, ohne ein Wort zu sprechen.

Einmal aber trat sie wieder ein und sprach:

"Was macht mein Kind? was macht mein Reh?

nun komm' ich noch zweimal und dann nimmermehr."

und that alles, wie in den andern Nächten.[37] Die Kinderfrau weckte aber den König und sagte es ihm heimlich. Der König wachte die andere Nacht, und da sah er auch, wie die Königin kam und hörte deutlich ihre Worte:

"Was macht mein Kind? was macht mein Reh?

nun komm' ich noch einmal und dann nimmermehr."

Aber er getraute sich nicht, sie anzureden. In der andern Nacht wacht' er wieder, da sprach die Königin:

"Was macht mein Kind? was macht mein Reh?

nun komm' ich noch diesmal her und dann nimmermehr."

Da konnte sich der König nicht länger halten, sprang auf und umarmte sie, und wie er sie anrührte, ward sie wieder lebendig, frisch und roth. Die falsche Königin ward in den Wald geführt, wo die wilden Thiere sie fraßen, die böse Stiefmutter aber ward verbrannt, und wie das Feuer sie

verzehrte, da verwandelte sich das Rehkälbchen, und Brüderchen und Schwesterchen waren wieder beisammen und lebten glücklich ihr Lebelang.[38]

12. Rapunzel.

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sich schon lange ein Kind gewünscht[38] und nie eins bekommen, endlich aber ward die Frau guter Hoffnung. Diese Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnten sie in den Garten einer Fee sehen, der voll von Blumen und Kräutern stand, allerlei Art, keiner aber durfte es wagen, in den Garten hineinzugehen. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah hinab, da erblickte sie wunderschöne Rapunzeln auf einem Beet und wurde so lüstern darnach, und wußte doch, daß sie keine davon bekommen konnte, daß sie ganz abfiel und elend wurde. Ihr Mann erschrack endlich und fragte nach der Ursache; "ach wenn ich keine von den Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Haus zu essen kriege, so muß ich sterben". Der Mann, welcher sie gar lieb hatte, dachte, es mag kosten was es will, so willst du ihr doch welche schaffen, stieg eines Abends über die hohe Mauer und stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln aus, die er seiner Frau brachte. Die Frau machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in vollem Heißhunger auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Der Mann sah wohl, daß keine Ruh wäre, also stieg er noch einmal in den Garten, allein er erschrack gewaltig, als die Fee darin stand und ihn heftig schalt, daß er es wage in ihren Garten zu kommen und daraus zu stehlen. Er entschuldigte[39] sich, so gut er konnte, mit der Schwangerschaft seiner Frau, und wie gefährlich es sey, ihr dann etwas abzuschlagen, endlich sprach die Fee: "ich will mich zufrieden geben und dir selbst gestatten Rapunzeln mitzunehmen, so viel du willst, wofern du mir das Kind geben wirst, womit deine Frau jetzo geht". In der Angst sagte der Mann alles zu, und als die Frau in Wochen kam, erschien die Fee sogleich, nannte das kleine Mädchen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Dieses Rapunzel wurde das schönste Kind unter der Sonne, wie es aber zwölf Jahr alt war, so schloß es die Fee in einen hohen hohen Thurm, der hatte weder Thür noch Treppe, nur bloß ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn nun die Fee hinein wollte, so stand sie unten und rief:

"Rapunzel, Rapunzel!

laß mir dein Haar herunter."

Rapunzel hatte aber prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold, und wenn die Fee so rief, so band sie sie los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief hinunter und die Fee stieg daran hinauf.

Eines Tages kam nun ein junger Königssohn durch den Wald, wo der Thurm stand, sah das schöne Rapunzel oben am Fenster stehen und hörte sie mit so süßer Stimme singen,[40] daß er sich ganz in sie verliebte. Da aber keine Thüre im Thurm war und keine Leiter so hoch reichen konnte, so gerieth er in Verzweiflung, doch ging er alle Tage in den Wald hin, bis er einstmals die Fee kommen sah, die sprach:

"Rapunzel, Rapunzel!

laß dein Haar herunter."

Darauf sah er wohl, auf welcher Leiter man in den Thurm kommen konnte. Er hatte sich aber die Worte wohl gemerkt, die man sprechen mußte, und des andern Tages, als es dunkel war, ging er an den Thurm und sprach hinauf:

Rapunzel, Rapunzel,

laß dein Haar herunter!

da ließ sie die Haare los, und wie sie unten waren, machte er sich daran fest und wurde hinaufgezogen.

Rapunzel erschrack nun anfangs, bald aber gefiel ihr der junge König so gut, daß sie mit ihm verabredete, er solle alle Tage kommen und hinaufgezogen werden. So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: "sag' sie mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen". Ach du gottloses Kind, sprach die Fee, was muß ich von dir hören, und sie merkte gleich, wie sie betrogen wäre, und war ganz aufgebracht. Da nahm sie[41] die schönen Haare Rapunzels, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Scheere mit der rechten und ritsch, ritsch, waren sie abgeschnitten. Darauf verwieß sie Rapunzel in eine Wüstenei, wo es ihr sehr kümmerlich erging und sie nach Verlauf einiger Zeit Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen gebar.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte die Fee Abends die abgeschnittenen Haare oben am Haken fest, und als der Königssohn kam:

Rapunzel, Rapunzel,

laß dein Haar herunter!

so ließ sie zwar die Haare nieder, allein wie erstaunte der Prinz, als er statt seines geliebten Rapunzels die Fee oben fand. "Weißt du was, sprach die erzürnte Fee, Rapunzel ist für dich Bösewicht auf immer verloren!"

Da wurde der Königssohn ganz verzweifelnd, und stürzte sich gleich den Thurm hinab, das Leben brachte er davon, aber die beiden Augen hatte er sich ausgefallen, traurig irrte er im Wald herum, aß nichts als Gras und Wurzeln, und that nichts als weinen. Einige Jahre nachher geräth er in jene Wüstenei, wo Rapunzel kümmerlich mit ihren Kindern lebte, ihre Stimme däuchte ihm so bekannt, in demselben Augenblick erkannte sie ihn auch und fällt ihm um den Hals. Zwei von ihren Thränen[42] fallen in seine Augen, da werden sie wieder klar, und er kann damit sehen, wie sonst.[43]

13. Die drei Männlein im Walde.

Einem Mann war seine Frau gestorben, da war er unschlüssig, ob er sich wieder eine nehmen sollte oder nicht. Endlich zog er seinen Stiefel aus, der hatte in der Sohle ein Loch, und sprach zu seiner Tochter, seinem einzigen Kind: "nimm diesem Stiefel, trag ihn auf den Boden, da ist ein großer Nagel, daran häng ihn auf, dann hole Wasser und gieß es hinein; hält er das Wasser, so will ich wieder eine Frau nehmen, läufts aber durch, so laß ichs bleiben". Das Mädchen that, wie ihm geheißen war, das Wasser aber zog das Loch zusammen und der Stiefel ward voll bis oben hin. Der Mann sah selber nach, obs richtig war, dann sagte er: da muß ich mir wohl eine Frau nehmen; ging hin und freite eine Wittwe. Diese brachte auch eine Tochter von ihrem ersten Mann mit ins Haus, und als sie sah, daß ihr Stiefkind schön war und jedermann es lieb hatte, ihre Tochter aber häßlich, so ward sie neidisch, setzte es überall zurück und dachte nur darauf, wie sie es recht quälen wollte.[43]

Einmal mitten im Winter, als der Schnee hoch lag, nähte sie ein Kleid von seinem Papier, und als es fertig war, rief sie das Stiefkind und sagte: "ich habe Lust Erdbeeren zu essen, da zieh das Kleid an, geh in den Wald und suche mir das Körbchen voll: und daß du nicht eher nach Haus kommst, bis du es voll hast!" Das Mädchen weinte bitterlich und sagte: "im Winter wachsen keine Erdbeeren im Walde, und wenn sie auch da wären so liegt der Schnee darauf, wie soll ich sie finden; und draußen ists so kalt, daß der Athem friert, wie kann ich in dem Papierkleid gehen, da weht ja der Wind durch, und die Dornen reißen es mir herunter". - "Rede kein Wort mehr, sagte die Mutter, und geh gleich hinaus und suche die Erdbeeren;" in ihrem neidischen Herzen aber gedachte sie, das

Mädchen werde draußen erfrieren und nimmermehr heimkommen, darum hatte sie ihm auch das dünne Papierkleid gemacht. Das Mädchen aber war gehorsam, that das Papierkleid um, ging in den Wald, da war aber nichts als Schnee und nirgends auch nur ein grün Hälmchen zu sehen. Es ging immer weiter, und als es mitten in den Wald kam, da sah es ein kleines Haus, aus dem guckten drei kleine Männer. Es sagte ihnen guten Tag, und weil es so artig grüßte, fragten sie, was es in dem leichten Papierkleide[44] im Walde zur Winterszeit suche. "Ach!" sagte es, "ich soll ein Körbchen voll Erdbeeren suchen und darf nicht eher nach Haus kommen bis ich es mitbringe". Die drei Männer sagten darauf: "geh hinter unser Haus und räume den Schnee weg, da haben sie Schutz gehabt und sind gewachsen, da wirst du vollauf finden". Das Mädchen bedankte sich und that, wie sie es geheißen hatten. Während es nun den Schnee wegräumte und die Erdbeeren abbrach, sprachen die drei Männlein unter sich: "was sollen wir ihm schenken, weil es so artig gegen uns gewesen und so schön ist?" da sagte das eine: "ich schenke ihm, daß es noch schöner wird", das andere sagte: "ich schenke ihm, daß die goldenen Ducaten aus seinem Munde fallen, wenn es spricht;" das dritte: "ich schenke ihm, daß ein König kommt und es heirathe". Wie nun das Mädchen wieder hervorkam, schenkten sie ihm das alles, und als es sich bedanken wollte, fielen schon Ducaten aus seinem Munde. Da ging es nach Haus und verwunderte sich die Stiefmutter über die Erdbeeren, die es brachte, so verwunderte sie sich noch mehr, als sie sah, wie ihm die Ducaten aus dem Munde fielen; es dauerte auch nicht lange, so kam ein König und holte es ab, und machte es zu seiner Gemahlin.

Die Mutter aber gedachte, sie wollte ihrer[45] Tochter auch ein so großes Glück verschaffen. Da nähte sie ihr einen prächtigen Pelzrock und hieß sie hinausgehen in den Wald, und die kleinen Männer um ein Geschenk bitten. Die Männer aber sahen, daß sie ein böses Herz hatte und statt guter Geschenke gaben sie ihm schlimme. Der erste, daß sie in ihrem Pelzrock friere, als wär er aus Papier, der zweite, daß sie alle Tage garstiger werde, der dritte, daß sie eines unglücklichen Todes sterbe. Zitternd vor Frost kam sie nach Hause und erzählte der Mutter, was ihr begegnet war, und als diese sah, daß die Verwünschungen der drei Männer anfingen einzutreffen, dachte sie nur darauf, wie sie sich rächen wollte. Sie ging zu ihrer Stieftochter, der Königin, und stellte sich freundlich und liebreich an, da ward sie wohl aufgenommen und ward ihr eine eigene Wohnung gegeben. Bald darauf gebar die Königin einen Prinzen, und als sie in der Nacht allein, krank und schwach war, da hob sie das böse Weib mit ihrer Tochter aus dem Bett, und sie trugen sie hinaus zu dem Fluß und warfen sie hinein. Am andern Morgen sagten sie

dem König, die Königin sey in der Nacht gestorben.

In der folgenden Nacht sah der Küchenjunge, wie eine Ente durch die Gosse in die Küche hineinschwamm. Sie fragte:[46]

"Was machen meine Gäste?" -

Er antwortete:

"Sie schlafen feste."

"Was macht mein Kindelein?"

"Es schläft in der Wiege fein."

Da ging sie hinauf in der Königin Gestalt, gab ihm zu trinken, pflegt' es, macht' ihm seine Wiege, deckt es zu und schwamm als Ente am Morgen wieder durch die Gosse fort. So kam sie noch eine Nacht, in der dritten aber sagte sie zu dem Küchenjungen: "geh zu dem König und sag ihm, er solle sein Schwert dreimal auf der Schwelle über mir schwingen". Der Küchenjunge lief und sagts dem König, und als der König dreimal sein Schwert geschwungen, da stand die Königin wieder lebendig vor ihm. Die Falschheit der Stiefmutter und ihrer Tochter kam an den Tag und sie wurden den wilden Thieren im Walde zu fressen gegeben.[47]

14. Von dem bösen Flachspinnen.

Vorzeiten lebte ein König, dem war nichts lieber auf der Welt als Flachsspinnen, und die Königin und seine Töchter mußten den ganzen Tag spinnen, und wenn er die Räder nicht schnurren hörte, war er böse. Einmal mußte er eine Reise machen, und ehe er Abschied[47] nahm, gab er der Königin einen großen Kasten mit Flachs und sagte: "der muß gesponnen seyn, wann ich wieder komme". Die Prinzessinnen wurden betrübt und weinten: "wenn wir das alles spinnen sollen, müssen wir den ganzen Tag sitzen und dürfen nicht einmal aufstehen". Die Königin aber sprach: "tröstet euch, ich will euch schon helfen". Da waren im Lande drei besonders häßliche Jungfern, die erste hatte eine so große Unterlippe, daß sie über das Kinn herunterhing, die zweite hatte an der rechten Hand den Zeigefinger so dick und breit, daß man drei andere Finger hätte daraus machen können, die dritte hatte einen dicken breiten Platschfuß, so breit wie ein halbes Kuchenbrett. Die ließ die Königin zu sich fordern und an dem Tage, wo der König heim kommen sollte, setzte sie alle drei nebeneinander in ihre Stube, gab ihnen ihre Spinnräder und da mußten sie spinnen, auch sagte sie einer jeden, was sie auf des Königs Fragen antworten solle. Als der König anlangte, hörte er das Schnurren der Räder von weitem, freute sich herzlich und gedachte

seine Töchter zu loben. Wie er aber in die Stube kam und die drei garstigen Jungfern da sitzen sah, erschrack er erstlich, dann trat er hinzu und fragte die erste, woher sie die entsetzlich große Unterlippe habe? "vom Lecken, vom Lecken!" Darauf die zweite, woher der[48] dickte Finger? "vom Faden drehen, vom Faden drehen und umschlingen!" dabei ließ sie den Faden ein paarmal um den Finger laufen. Endlich die dritte: woher den dicken Fuß? "vom Treten, vom Treten!" wie das der König hörte, befahl er der Königin und den Prinzessinnen, sie sollten nimmermehr ein Spinnrad anrühren und so waren sie ihrer Qual los.[49]

15. Hänsel und Gretel.

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker, der hatte nichts zu beißen und zu brechen, und kaum das tägliche Brod für seine Frau und seine zwei Kinder, Hänsel und Gretel. Einmal konnte er auch das nicht mehr schaffen, und wußte sich nicht zu helfen in seiner Noth. Wie er Abends vor Sorge sich im Bett herumwälzte, da sagte seine Frau zu ihm: "höre Mann, morgen früh nimm die beiden Kinder, gieb jedem noch ein Stückchen Brod, dann führ sie hinaus in den Wald, mitten inne, wo er am dicksten ist, da mach ihnen ein Feuer an, und dann geh weg und laß sie dort, wir können sie nicht länger ernähren". "Nein Frau, sagte der Mann, das kann ich nicht über mein Herz bringen, meine eigenen lieben Kinder zu den wilden Thieren zu führen, die sie bald in[49] dem Wald zerreißen würden". "Wenn du das nicht thust, sprach die Frau, so müssen wir alle miteinander Hungers sterben;" da ließ sie ihm keine Ruhe, bis er Ja sagte.

Die zwei Kinder waren auch noch wach von Hunger, und hatten alles gehört, was die Mutter zum Vater gesagt hatte. Gretel dachte, nun ist es um mich geschehen und fing erbärmlich an zu weinen, Hänsel aber sprach: "sey still, Gretel, und gräm dich nicht, ich will uns helfen". Damit stieg er auf, zog sein Röcklein an, machte die Unterthüre auf und schlich hinaus. Da schien der Mond hell und die weißen Rieselsteine glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und machte sich sein ganz Rocktäschlein voll davon, so viel nur hinein wollten, dann ging er zurück ins Haus: "tröste dich, Gretel, und schlaf nur ruhig", legte sich wieder ins Bett und schlief ein.

Morgens früh, ehe die Sonne noch aufgegangen war, kam die Mutter und weckte sie alle beide: "steht auf, ihr Kinder, wir wollen in den Wald gehen, da habt ihr jedes ein Stücklein Brod, aber haltets zu Rathe und hebts euch für den Mittag auf". Gretel nahm das Brod unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte, dann machten sie sich auf

den Weg in den Wald hinein. Wie sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel[50] still und guckte nach dem Haus zurück, bald darauf wieder und immer wieder. Der Vater sprach: "Hänsel, was guckst du zurück und hältst dich auf, hab Acht und marschir zu". - "Ach, Vatter, ich seh nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen". Die Mutter sprach: "ei Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint". Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Wie sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater, "nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, daß wir nicht frieren". Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Da steckten sie es an, und wie die Flamme recht groß brannte, sagte die Mutter: "nun legt euch ans Feuer und schlaft, wir wollen in dem Wald das Holz fällen, wartet, bis wir wieder kommen, und euch abholen."

Hänsel und Gretel saßen an dem Feuer, bis Mittag, da aß jedes sein Stücklein Brod, und dann wieder bis an den Abend: aber Vater und Mutter blieben aus, und niemand wollte kommen und sie abholen. Wie es nun finstere Nacht wurde, fing Gretel an zu weinen, Hänsel aber sprach: "wart nur ein Weilchen,[51] bis der Mond aufgegangen ist". Und als der Mond aufgegangen war, faßte er die Gretel bei der Hand, da lagen die Kieselsteine wie neugeschlagene Batzen und schimmerten und zeigten ihnen den Weg. Da gingen sie die ganze Nacht durch, und wie es Morgen war, kamen sie wieder bei ihres Vaters Haus an. Der Vater freute sich von Herzen, als er seine Kinder wieder sah, denn er hatte sie ungern allein gelassen, die Mutter stellte sich auch, als wenn sie sich freute, heimlich aber war sie bös.

Nicht lange darnach, war wieder kein Brod im Hause und Hänsel und Gretel hörten wie Abends die Mutter zum Vater sagte: "einmal haben die Kinder den Weg zurückgefunden, und da habe ichs gut seyn lassen, aber jetzt ist wieder nichts, als nur noch ein halber Laib Brod im Haus, du mußt sie morgen tiefer in den Wald führen, daß sie nicht wieder heim kommen können, es ist sonst keine Hülfe für uns mehr". Dem Mann fiels schwer aufs Herz, und er gedachte, es wäre doch besser, wenn du den letzten Bissen mit deinen Kindern theiltest, weil er es aber einmal gethan hatte, so durfte er nicht nein sagen. Hänsel und Gretel hörten das Gespräch der Eltern; Hänsel stand auf und wollte wieder Kieselsteine auflesen, wie er aber an die Thüre kam, da hatte sie die Mutter zugeschlossen. Doch tröstete er die Gretel und[52] sprach: "schlaf nur, lieb Gretel, der liebe Gott wird uns schon helfen."

Morgens früh erhielten sie ihr Stücklein Brod, noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still, und warf ein Bröcklein an die Erde. "Was bleibst du immer stehen, Hänsel, und guckst dich um, sagte der Vater, geh deiner Wege". - "Ach! ich seh nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dach und will mir Ade sagen" - "du Narr, sagte die Mutter, das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint". Hänsel aber zerbröckelte all sein Brod und warf die Bröcklein auf den Weg.

Die Mutter führte sie noch tiefer in den Wald hin ein, wo sie ihr Lebtag nicht gewesen waren, da sollten sie wieder einschlafen bei einem großen Feuer, und Abends wollten die Eltern kommen und sie abholen. Zu Mittag theilte Gretel ihr Brod mit Hänsel, weil der seins all auf den Weg gestreut; der Mittag verging und der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Hänsel tröstete die Gretel und sagte: "wart, wenn der Mond aufgeht, dann seh ich die Bröcklein Brod, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus". Der Mond ging auf, wie aber Hänsel nach den Bröcklein sah, da[53] waren sie weg, die viel tausend Vöglein in dem Wald, die hatten sie gefunden und aufgepickt. Hänsel meinte doch den Weg nach Haus zu finden und zog die Gretel mit sich, aber sie verirrten sich bald in der großen Wildniß und gingen die Nacht und den ganzen Tag, da schliefen sie vor Müdigkeit ein; und gingen noch einen Tag, aber sie kamen nicht aus den Wald heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts zu essen, als ein paar kleine Beerlein, die auf der Erde standen.

Am dritten Tage gingen sie wieder bis zu Mittag, da kamen sie an ein Häuslein, das war ganz aus Brod gebaut und war mit Kuchen gedeckt, und die Fenster waren von hellem Zucker. "Da wollen wir uns niedersetzen und uns satt essen, sagte Hänsel; ich will vom Dach essen, iß du vom Fenster, Gretel, das ist fein süß für dich". Hänsel hatte, schon ein gut Stück vom Dach und Gretel schon ein paar runde Fensterscheiben gegessen, und brach sich eben eine neue aus, da hörten sie eine feine Stimme, die von innen herausrief:

"knuper, knuper, kneischen!

wer knupert an meinem Häuschen!"

Hänsel und Gretel erschracken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in der Hand hielten, und gleich darauf sahen sie aus der Thüre eine[54] kleine steinalte Frau schleichen. Sie wackelte mit dem Kopf und sagte: "ei, ihr lieben Kinder, wo seyd ihr denn hergelaufen, kommt herein mit mir, ihr sollts gut haben", faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen

mit Zucker, Aepfel und Nüsse, und dann wurden zwei schöne Bettlein bereitet, da legten sich Hänsel und Gretel hinein, und meinten sie wären wie im Himmel.

Die Alte aber war eine böse Hexe, die lauerte den Kindern auf, und hatte um sie zu locken ihr Brodhäuslein gebaut, und wenn eins in ihre Gewalt kam, da machte sie es todt, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Da war sie nun recht froh, wie Hänsel und Gretel ihr zugelaufen kamen. Früh, ehe sie noch erwacht waren, stand sie schon auf, ging an ihre Bettlein und wie sie die zwei so lieblich ruhen sah, freute sie sich und gedachte, das wird ein guter Bissen für dich seyn. Sie packte Hänsel und steckte ihn in einen kleinen Stall, und wie er da aufwachte, war er von einem Gitter umschlossen, wie man junge Hühnlein einsperrt, und konnte nur ein paar Schritte gehen. Das Gretel aber schüttelte sie und rief: "steh auf, du Faullenzerin, hol Wasser und geh in die Küche und koch gut zu essen, dort steckt dein Bruder in einem Stall, den will ich erst[55] fett machen, und wann er fett ist, dann will ich ihn essen, jetzt sollst du ihn füttern". Gretel erschrack und weinte, mußte aber thun, was die Hexe verlangte. Da ward nun alle Tage dem Hänsel das beste Essen gekocht, daß er fett werden sollte, Gretel aber bekam nichts, als die Krebsschalen, und alle Tage kam die Alte und sagte: "Hänsel, streck deine Finger heraus, daß ich fühle, ob du bald fett genug bist". Hänsel streckte ihr aber immer ein Knöchlein heraus, da verwunderte sie sich, daß er gar nicht zunehmen wolle.

Nach vier Wochen sagte sie eines Abends zu Gretel: "sey flink, geh und trag Wasser herbei, dein Brüderchen mag nun fett genug seyn oder nicht, morgen will ich es schlachten und sieden, ich will derweile den Teig anmachen, daß wir auch dazu backen können". Da ging Gretel mit traurigem Herzen und trug: das Wasser, worin Hänsel sollte gesotten werden. Früh Morgens mußte Gretel aufstehen, Feuer anmachen und den Kessel mit Wasser aufhängen. "Gieb nun Acht, bis es siedet, sagte die Hexe, ich will Feuer in den Backofen machen und das Brod hineinschieben;" Gretel stand in der Küche und weinte blutige Thränen, und dachte, hätten uns lieber die wilden Thiere im Walde gefressen, so wären wir zusammen gestorben und müßten nun nicht das[56] Herzeleid tragen, und ich müßte nicht selber das Wasser zu dem Tod meines lieben Bruders; sieden, du lieber Gott, hilf uns armen Kindern aus der Noth.

Da rief die Alte: "Gretel komm gleich einmal hierher zu dem Backofen", wie Gretel kam, sagte sie: "guck hinein, ob das Brod schon hübsch braun und gar ist, meine Augen sind schwach, ich kann nicht so weit sehen, und wenn du auch nicht kannst, so setz dich auf das Brett, so will ich dich hineinschieben, da kannst du darin herumgehen und nachsehen".

Wenn aber Gretel darin war, da wollte sie zumachen und Gretel sollte in dem heißen Ofen backen, und sie wollte es auch aufessen: das dachte die böse Hexe, und darum hatte sie das Gretel gerufen. Gott gab es aber Gretel ein und sie sagte: "ich weiß nicht, wie ich das anfangen soll, zeigs mirs erst, setz dich drauf, ich will dich hineinschieben". Und die Alte setzte sich auf das Brett, und weil sie leicht war, schob sie Gretel hinein so weit sie konnte, und dann machte sie geschwind die Thüre zu, und steckte den eisernen Niegel vor. Da fing die Alte an in dem heißen Backofen zu schreien und zu jammern, Gretel aber lief fort, und sie mußte elendiglich verbrennen.

Und Gretel lief zum Hänsel, machte ihm sein Thürchen auf und Hänsel sprang heraus, und sie küßten sich einander und waren froh.[57] Das ganze Häuschen war voll von Edelgesteinen und Perlen, davon füllten sie ihre Taschen, gingen fort und fanden den Weg nach Haus. Der Vater freute sich als er sie wieder sah, er hatte keinen vergnügten Tag gehabt, seit seine Kinder fort waren, und ward nun ein reicher Mann. Die Mutter aber war gestorben.[58]

16. Herr Fix und Fertig.

Fix und Fertig war lange Zeit Soldat gewesen, weil aber der Krieg ein Ende hatte und nichts mehr zu thun war, als einen und alle Tage dasselbe, nahm er seinen Abschied und wollte Lakai bei einem großen Herrn werden. Da gabs Kleider mit Gold besetzt, viel zu schaffen und immer was Neues. Also machte er sich auf den Weg und kam an einen fremden Hof, da sah er einen Herrn, der in dem Garten spazieren ging. Fix und Fertig besann sich nicht lang, trat frisch auf ihn zu sagte: "mein Herr, ich suche Dienste bei einem großen Herrn, sinds Ew. Majestät selbst, so ist mirs am liebsten, ich kann und weiß alles, was dazu gehört, kurz und lang, wies befohlen wird". Der Herr sagte: "recht, mein Sohn, das wäre mir lieb, sag an, was ist anjetzt mein Verlangen?" Fix und Fertig ohne zu antworten drehte[58] sich um, lief eilend und brachte eine Pfeife und Taback. "Recht, mein Sohn, du bist mein Bedienter, aber nun gebe ich dir auf, mir die Prinzessin Nomini zu schaffen, die schönste auf der Welt, die will ich zu meiner Gemahlin haben". - "Wohlan, sagte Fix und Fertig, das ist mir ein kleines, die sollen Ew. Maj. bald haben, geben Sie mir nur eine Chaise bespannt mit Sechsen, einen Leibkutscher, Haiducken, Laufer, Lakaien, Koch und einen völligen Staat, mir selbst aber fürstliche Kleider, und jedermann muß meinen Befehlen gehorchen". Nun, fuhren sie ab, der Herr Bedienter saß in der Kutsche und es ging immer dem königlichen Hof zu, wo die schöne Prinzessin

war. Als die Chaussee zu Ende war, fuhren sie ins Feld hinein und kamen bald vor einen großen Wald, der war voll von vielen tausend Vögeln, da war ein grausamer Gesang, prächtig in die blaue Luft hinein. "Halt! halt! rief der Fix und Fertig, die Vögel nicht gestört! die preisen ihren Schöpfer und wollen mir wieder einmal dienen, links um!" der Kutscher mußte also umdrehen und um den Wald herumfahren. Darnach währte es nicht lang, so kamen sie an ein großes Feld, da saßen an die tausend Millionen Raben, die schrien nach Speise überlaut. "Halt! halt! rief der Herr Fix und Fertig: bind eins von den vordersten Pferden los, führ es aufs Feld und[59] stichs todt, daß die Raben gespeist werden, die sollen meinetwegen keinen Hunger leiden". Nachdem die Raben gesättigt waren, ging die Reise weiter und sie kamen an ein Wasser, darin war ein Fisch, der klagte erbärmlich: "um Gotteswillen! ich habe keine Nahrung in diesem schlechten Sumpf, setzt mich in ein fließendes Wasser, dafür will ich euch einmal gegendienen". Eh er noch ausgeredet, hatte Fix und Fertig halt! halt! gerufen; "Koch nimm ihn in die Schürze, Kutscher fahr zu nach einem fließenden Wasser". Fix und Fertig stieg selber aus und setzte ihn hinein, daß der Fisch vor Freude mit dem Schwanz schlug. Herr Fix und Fertig sprach: "laßt nun die Pferde rasch laufen, daß wir zu Abend noch an Ort und Stelle sind". Als er in der königlichen Residenz anlangte fuhr er gerade nach dem besten Gasthof, der Wirth und alle seine Leute kamen heraus, empfingen ihn aufs beste und meinten, ein fremder König sey angekommen, und es war doch nur ein Herr Bedienter. Fix und Fertig aber ließ sich gleich bei dem königlichen Hof anmelden, suchte sich beliebt zu machen und hielt um die Prinzessin an. "Mein Sohn, sagte der König, dergleichen Freier sind schon viele abgewiesen worden, weil keiner hat ausrichten können, was ich ihnen auferlegt hatte, um meine Tochter zu gewinnen". "Wohlan, sprach Fix und Fertig, geben Ew. Majestät[60] mir nur was rechtes auf". Der König sagte: "ich habe ein Viertel Mohnsamen säen lassen, kannst du mir denselben wieder herbei schaffen, daß kein Korn fehlt, so sollst du die Prinzessin für deinen Herrn haben". Hoho! dachte Fix und Fertig, das ist ein geringes für mich. Nahm darauf ein Maaß, Sack und schneeweiße Tücher, ging hinaus, und die letztern breitete er neben das besäte Feld hin. Gar nicht lange, da kamen die Vögel, die im Walde bei ihrem Singen nicht waren verstört worden, und lasen den Samen, Körnchen für Körnchen auf und trugen ihn auf die weißen Tücher. Als sie alles aufgelesen hatten, schüttete es Fix und Fertig zusammen in den Sack, nahm das Maaß unter den Arm, ging zu dem König und maaß ihm seinen ausgesäten Samen wieder zu, gedachte nun die Prinzessin wäre schon sein - aber gefehlt: "noch eins, mein Sohn, sagte der König, meine

Tochter hat einstmals ihren goldnen Ring verloren, denselben mußt du mir erst wiederschaffen, eh du sie bekommen kannst". Fix und Fertig machte sich keine Sorgen: "lassen Ew. Majestät mir nur das Wasser und die Brücke zeigen, wo der Ring verloren worden, so soll er bald herbeigeschafft seyn". Als er hingebracht war, sah er hinab, da schwamm der Fisch herzu, den er auf seiner Reise in den Fluß gesetzt hatte, streckte den Kopf in die Höhe und sagte: "wart einige[61] Augenblicke, ich fahre hinunter, ein Wallfisch hat den Ring unter der Floßfeder, da will ich ihn holen;" kam auch bald wieder und warf ihn ans Land. Fix und Fertig bracht ihn zum König, dieser aber antwortete: "nun noch eins, in jenem Walde ist ein Einhorn, das hat schon vielen Schaden gethan, wenn du das tödten kannst, dann ist nichts mehr übrig". Fix und Fertig bekümmerte sich auch hier nicht groß, sondern ging geradezu in den Wald. Da waren die Raben, die er einmal gefuttert und sprachen: "noch eine kleine Weile Geduld, jetzt liegt das Einhorn und schläft, aber nicht auf der scheelen Seite, wenn es sich herumdreht, dann wollen wir ihm das eine gute Auge, das er hat, auspicken, dann ist es blind und wird in seiner Wuth gegen die Bäume rennen und mit seinem Horn sich festspießen; dann kannst du es leicht tödten". Bald wälzte sich das Thier ein paar Mal im Schlaf herum und legte sich auf die andere Seite, da flogen die Raben herunter und hackten ihm sein gesundes Auge aus. Wie es die Schmerzen empfand, sprang es auf und rennte unsinnig im Wald herum, bald auch hatte es sich in eine dicke Eiche festgerennt. Da sprang Fix und Fertig herbei, hieb ihm den Kopf ab, und brachte ihn dem König. Dieser konnte nun seine Tochter nicht länger versagen, sie ward dem Fix und Fertig übergeben, der sich gleich in vollem[62] Staat, wie er gekommen war, mit ihr in die Kutsche setzte, zu seinem Herrn fuhr und ihm die liebevolle Prinzessin brachte. Da ward er wohl empfangen, und in aller Pracht Hochzeit gehalten; Fix und Fertig aber wurde erster Minister.

Ein jegliches in der Gesellschaft, wo dies erzählt wurde, wünschte auch bei dem Vergnügen zu seyn, eins wollte Kammerjungfer, das andere Garderobemädchen werden, dafür wollte einer Kammerdiener, der andere Koch werden u.s.w.[63]

17. Die weiße Schlange.

Auf des Königs Tafel ward alle Mittage eine verdeckte Schüssel gesetzt, wenn alle fortgegangen waren, aß der König noch allein daraus, und es wußte kein Mensch im ganzen Reich, was das für eine Speise war. Einer von den Dienern ward neugierig, was in der Schüssel seyn könne, und

wie ihm der König einmal befohlen hatte, die Schüssel fortzutragen, konnt' er sich nicht mehr zurückhalten, nahm sie mit auf seine Kammer und deckte sie auf. Und als er sie aufgedeckt hatte, da lag eine weiße Schlange darin, wie er die ansah, bekam er auch Lust davon zu essen und schnitt sich ein Stück ab und aß es. Kaum aber hatte[63] das Schlangenfleisch seine Lippen berührt, so verstand er die Thiersprache, und hörte, was die Vögel vor dem Fenster zu einander sagten.

Denselben Tag kam der Königin einer ihrer schönsten Ringe fort, und der Verdacht fiel auf ihn, der König sagte auch, wenn er nicht bis Morgen den Dieb schaffe, solle er bestraft werden, als wäre ers gewesen. Der Diener ward traurig und ging herab auf des Königs Hof. Da saßen die Enten am Wasser und ruhten sich, und als er die so betrachtete, da hörte er eine sprechen: "es liegt mir so schwer im Magen, ich habe einen Ring gefressen, den die Königin verloren hat". Er nahm die Ente und trug sie zum Koch: "schlacht doch die sie ist so fett", und als der Koch ihr den Hals abgeschnitten, und sie ausnahm, da lag der Königin Ring ihr im Magen. Der Diener brachte ihn dem König, der erstaunte und war froh, und weil es ihm leid war, daß er ihm Unrecht gethan, sagte er: "fordre wornach du Lust hast, und was für eine Ehrenstelle du an meinem Hof haben willst". Der Diener aber, ob er gleich jung und schön war, schlug alles aus, war traurig in seinem Herzen und wollte nicht länger bleiben; er bat nur um ein Pferd und um Geld in die Welt zu ziehen: das ward ihm aufs beste gegeben.[64]

Am andern Morgen ritt er fort und kam an einen Teich, da hatten sich drei Fische im Rohr gefangen, die klagten, daß sie da sterben müßten, wenn sie nicht bald wieder ins Wasser kämen. Er stieg ab, nahm sie aus dem Rohr und trug sie ins Wasser: die Fische riefen: "wir wollen daran gedenken und dirs vergelten". Er ritt weiter, bald darauf hörte er, wie ein Ameisenkönig rief: "geh mit deinem großen Thier fort, das zertritt mit seinen breiten Füßen uns alle miteinander". Er sah zur Erde, da hatte sein Pferd in einen Ameisenhaufen getreten; er lenkte es ab und der Ameisenkönig rief ihm nach: "wir wollen daran gedenken und dirs vergelten". Darauf kam er in einen Wald, da warfen die Raben ihre Jungen aus den Nestern, sie wären groß genug, sprachen sie, und könnten sich selber ernähren. Die Jungen lagen auf der Erde und schrieen, sie müßten Hungers sterben, ihre Flügel wären noch zu klein, sie könnten noch nicht fliegen und sich etwas suchen. Da stieg er vom Pferd ab, nahm seinen Degen und stach es todt und warfs den jungen Raben hin, die kamen bald herbeigehüpft und fraßen sich satt und sagten: "wir wollen daran gedenken und dirs vergelten."

Er ging weiter und kam in eine große Stadt, da ward bekannt gemacht,

wer die Prinzessin[65] haben wolle, der solle ausführen, was sie ihm aufgeben werde, sey er hernach nicht im Stande, habe er sein Leben verloren. Es waren aber schon viele Prinzen da gewesen, die waren alle dabei umgekommen, daß niemand sich mehr daran wagen wollte; da ließ es die Prinzessin von neuem bekannt machen. Der Jüngling gedachte, er woll' es wagen und meldete sich als Freier. Da ward er hinaus ans Meer geführt, und ein Ring hinabgeworfen, den sollt er wiederholen, und wenn er aus dem Wasser herauskäme ohne den Ring, werde er wieder hineingestürzt und müsse darin sterben. Wie er aber am Ufer stand, kamen die Fische, die er aus dem Rohr in das Wasser geworfen hatte, und der mittelste hatte eine Muschel im Munde, darin lag der Ring, die Muschel legte er zu seinen Füßen an den Strand. Da war der Jüngling froh, brachte dem König den Ring und verlangte die Prinzessin. Die Prinzessin aber, als sie hörte, daß es kein Prinz sey, wollte ihn nicht, sie schüttete zehn Säcke Hirsen ins Gras: die solle er erst auflesen, daß kein Körnchen fehle, ehe die Morgensonne aufgegangen. Da kam der Ameisenkönig mit alle seinen Ameisen, die der Jüngling geschont hatte und lasen in der Nacht allen Hirsen auf, und trugen ihn in die Säcke, und vor Sonnenaufgang waren sie fertig. Wie[66] die Prinzessin das sah, erstaunte sie, und der Jüngling ward vor sie gebracht, und weil er schön war, gefiel er ihr, aber sie verlangte noch zum dritten, er solle ihr einen Apfel vom Baum des Lebens schaffen. Als er stand und darüber nachdachte, wie er dazu gelangen könne, da kam einer von den Raben, die er mit seinem Pferd gefüttert, und brachte den Apfel in dem Schnabel. Da ward er der Gemahl der Prinzessin und, als ihr Vater starb, König über das ganze Land.[67]

18. Strohhalm, Kohle und Bohne auf der Reise.

Ein Strohhalm, eine Kohle und eine Bohne schlugen sich zusammen, und wollten gemeinschaftlich eine große Reise machen. Sie waren schon durch viele Länder gezogen, da kamen sie an einen Bach ohne Brücke und konnten nicht hinüber. Endlich wußte Strohhalm guten Rath, er legte sich quer über und die andern sollten über ihn hingehen, erst Kohle, dann Bohne. Kohle ging breit und langsam darauf, Bohne trippelte nach. Wie aber die Kohle mitten auf den Strohhalm kam, fing der an zu brennen, und brannte durch, Kohle fiel zischend ins Wasser und starb, Strohhalm[67] floß in zwei Theile zerstückt fort, Bohne, die noch etwas zurück war, rutschte auch nach, und fiel hinunter, half sich aber ein bischen mit Schwimmen. Sie mußte doch endlich so viel Wasser trinken, daß sie zerplatzte, und ward in diesem Zustand ans Ufer getrieben. Zum

Glück saß da ein Schneider, der auf seiner Wanderschaft ausruhte, weil er nun Nadel und Zwirn bei der Hand hatte, nähte er sie wieder zusammen; seit der Zeit aber haben alle Bohnen einen Naht.

Nach einer andern Erzählung ging die Bohne zuerst über den Strohhalm, kam glücklich hinüber und sah auf dem gegenseitigen Ufer der Kohle zu wie die herüberzog. Mitten auf dem Wasser brannte sie den Strohhalm durch, fiel hinab und zischte. Wie das die Bohne sah, lachte sie so stark, daß sie platzte. Der Schneider am Ufer nähte sie wieder zu, hatte aber gerade nur schwarzen Zwirn, daher alle Bohnen eine schwarze Naht haben.[68]

19. Von den Fischer und siine Fru.

Daar was mal eens een Fischer un siine Fru, de waanten tosamen in' n Pispott, dicht an de See - un de Fischer ging alle Dage hen un angelt, un ging he hen lange Tid.[68]

Daar satt he eens an de See bi de Angel un sach in dat blanke Water, un he sach ümmer na de Angel - daar ging de Angel to Grun'n, deep unner, un as he se heruttreckt so haalt he eenen groten Butt herut - de Butt sed' to em: "ick bidd di, dat du mi lewen lettst, ick bin keen rechte Butt, ick bin een verwünscht' Prins, sett mi wedder in dat Water un laat mi swemmen" - Nu, sed' de Mann, du bruukst nich so veele Woord' to maken, eenen Butt, de spreken kan, hadd ick doch woll swemmen laten. Daar sett't he en wedder in dat Water, un de Butt ging fuurts weg to Grun'n un leet eenen langen Stripen Bloot hinne sich.

De Mann averst ging to siine Fru in'n Pispott un vertellt eer, dat he eenen Butt fangen hadd, de hadd to em segt, he weer een verwünscht' Prins, doon hadd he em wedder swemmen laten. "Hest du di den nix wünscht?" sed' de Fru. - "Nee! sed de Mann, wat sull ick mi wünschen?" - "Ach! sed' de Fru, dat is doch övel, ümmer in'n Pispott to wanen, dat is so stinkig un dreckig hier, ga du noch hen un wünsch uns ne lütte Hütt!" den Mann was dat nicht so recht, doch ging he hen na de See, un as he hen kamm, so was de See gans geel un grön, da ging he an dat Water, staan, un sed:[69]

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje! Buttje in de See!

Mine Fru, de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

Daar kam de Butt answemmen un sed': "na wat will se denn?" - "Ach!

sed' de Mann, ick hev di doch fangen hätt, nu sed' mine Fru, ick hadd mi doch wat wünschen sullt, se mag nich meer in Pispott wanen, se wull geern ne Hütt hebben". - "Ga man hen, sed de Butt, se is all daar in". -

Daar ging de Mann hen, und siine Fru stund in eene Hütt in de Döör, un sed to em: "kumm man herin; sü, nu is dat doch veel beter!" Un daar was eene Stuwe un Kamer un eene Köck daar in, un da achter was een lütte Gaarn mit allerhand Grönigkeiten un een Hoff, da weeren Höner und Aanten. "Ach, sed de Mann, nu willn wi vergnögt lewen" - "Ja, sed de Fru, wi willnt verjöken."

So ging dat nu wol een acht oder veertein Daag, daar sed' de Fru: "Mann! de Hütt wart mi to eng, de Hoff un Gaarn is to lütt, ick will in een grot steenern Slott wanen; ga hen tum Butt, he sall uns een Slott schaffen". - "Ach Fru, sed de Mann, de Butt hett uns erst de Hütt gewen, ick mag nu nich all wedder kamen, den Butt mügt et verdreeten". - "I watt, sed de Fru, he kann dat recht[70] good, un deet dat geern, ga du man hen!" Daar ging der Mann hen un siin Hart was em so swar; as he awerst bi de See kam, was dat Water gans vigelett un grag un dunkelblag, doch was't noch still, dar ging he staan un sed:

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje, Buttje in de See!

Mine Fru, de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

"Na! wat will se denn?" sed de Butt. - "Ach, sed de Mann, gans bedrövd, mine Fru will in een stenern Slott wanen". - "Ga man hen, se steit vör de Döör" sed de Butt.

Daar ging de Mann hen un siine Fru stund vör eenen groten Pallast. "Sü Mann, sed se, wat is dat nu schön!" Mit des gingen se tosamen herin, daar weeren so veel Bedeenters, un de Wände weeren all blank, un goldne Stööl un Dische weeren in de Stuw, un achter dat Slott was een Gaarn un Holt, woll eene halve Miil lang, daar in weren Hirsche, Reeh un Hasen, un up den Hoff Köhun Peerdställ. "Ach! sed de Mann, nu willn wi ook in dat schöne Slott bliwen, un tofreden sin!" - "Dat willn wi uns bedenken, sed de Fru, un willn't beschlapen". Mit des gingen se to Bed.[71]

Denn annern Morgen waakt de Fru up, dat was all Dag: da stödd' se den Mann mit den Ellbagen in de Siid, un sed: "Mann stah up, wi möten König warden över all dat Land". - "Ach! Fru, sed de Mann, wat wulln wi König warden, ick mag nich König sin;" na denn will ick König sin. - "Ach! Fru, sed de Mann, wo kannst du König sin, de Butt mügt dat nich doon" -

"Mann, sed de Fru, ga stracks hen, ick möt König sin". Daar ging de Mann un was gans bedrövd, dat sin Fru König warden wull. Un as he an de See kamm, was se all gans swartgrag un dat Water geert so van unner up. Daar ging he staan un sed:

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje, Buttje in de See!

Mine Fru, de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

"Na wat will se denn?" sed de Butt. - "Ach! sed de Mann, mine Fru will König warden" - "Ga man hen, se is't all", sed de Butt.

Daar ging de Mann hen, un as he na den Palast kamm, da weren daar so veele Soldaten un Pauken un Trumpeten, un siine Fru satt up eenen hogen Troon van Gold un Demant un had eene grote goldne Kroon up un up beiden Siiden bi eer daar stunden sös Jumfern,[72] ümmer eene eenen Kops lütjer as de annre. "Ach, sed de Mann, bist du nu König?" - "Ja, sed se, ick bin König". Un as he eer so ne Wile anseen had, so sed he: "ach Fru! wat lett dat schön, wenn du König bist, nu willn wi ook nich meer wünschen". - "Nee Mann, sed se, mi duurt dat all to lang, ick kan dat nich meer uthollen, König bin ick, nu möt ick ook Kaiser warden!" - "Ach! Fru, sed de Mann, wat wullst du Kaiser warden?" - "Mann, sed se, ga tum Butt, ick wull Kaiser sin" - "Ach Fru, sed de Mann, Kaiser kan he nich maken, ick mag den Butt dat nicht seggen". - "Ich bin König, sed de Fru, un du bist min Mann, ga glük hen!" Da ging de Mann weg, un as he so ging, dacht he: "dit geit un geit nicht good, Kaiser is to utverschamt, de Butt ward am Ende möde". Mit des kamm he an de See, dat Water was gans swart un dick, un et ging so een Keekwind äver hen, dat dat sik so köret; daar ging he staan un sed:

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje, Buttje in de See!

Mine Fru, de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

"Na wat will se denn?" sed de Butt. - "Ach sed he, min Fru will Kaiser warden". - "Ga man hen, sed de Butt, se is't all."[73]

Daar ging de Mann hen, un as he daarkamm, so satt siine Fru up eenen seer hogen Troon, de was van een Stück Gold, un had eene grote Kroon up, de was wol twee Ellen hoch, bi eer up de Siiden dar stunnen de Trabanten, ümmer een lüttjer as de anner, von den allergrötsten Risen, bett to den lüttsten Dwark, de was man so lang, as miin lüttje Finger. Vor eer dar stunden so veele Fürsten un Graven, da ging de Mann

unner staan, un sed: "Fru! bist du nu Kaiser?" - "Ga, sed se, ick bin Kaiser". - "Ach! sed de Mann, un sach se so recht an, Fru wat lett dat schön, wenn du Kaiser bist". - "Mann, sed se, wat steist du daar, ick bin nu Kaiser, nu will ick äwerst ook Papst warden". - "Ach! Fru, sed de Mann, wat wist du Pabst warden, Pabst is man eenmal in de Christenheit". - "Mann, sed se, ick möt hüüt noch Pabst warden". - "Ne Fru, sed he, to Pabst kan de Butt nich maaken, dat geit nich good". - "Mann, wat Snak, kan he Kaiser maken, kan he ook Pabst maken, ga fuurts hen!" Daar ging de Mann hen, un em was gans flau, dee Knee un de Waden flakkerten em, un buten ging de Wind, un dat Water was, as kaakt dat, de Schep schoten in de Noot un dansten un sprungen up de Bülgen, doch was de Himmel in de Midde noch so'n beeten blag,[74] awerst an de Siden, daar toog dat so recht rood up as een swaar Gewitter. Dar ging he recht vörzufft staan un sed:

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje, Buttje in de See!

Mine Fru, de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

"Na, wat will se denn?" sed de Butt. - "Ach! sed de Mann, miin Fru will Pabst warden". - "Ga man hen, sed de Butt, se is't all."

Daar ging he hen, un as he daar kamm, satt sine Fru up eenen Tron, de was twee Mil' hoch, un had dree groote Kroonen up, un um eer da was so veel van geistlike Staat, un up de Siden bi eer, daar stunden twee Reegen Lichter, dat grötste so dick un groot as de aller grötste Torm, bet to dat alle lüttste Köten-Licht. "Fru, sed de Mann, un sach se so recht an, bist du nu Pabst?" - "Ja, sed se, ick bin Pabst!" - "Ach! Fru, sed de Mann, wat lett dat schön, wenn du Pabst bist; Fru, nu wes tofreden, nu du Pabst bist, kanst du nix meer warden". - "Dat will ick mi bedenken, sed de Fru, daar gingen see beede so Bed, awerst se was nich tofreden un de Girigkeit leet eer nich slapen, se dacht ümmer, wat se noch wol warden wull. Mit des ging de Sünn up; ha, dacht se, as se se ut den Finster so herup kamen[75] sach, kann ick nich ook de Sünn upgaan laten?" daar wurd se recht so grimmig, un stödd eeren Mann an: "Mann ga hen tum Butt, ick will warden, as de lewe Gott!" de Mann was noch meist im Slaap, averst he verschrack sich so, dat he ut den Bed feel. "Ach! Fru, sed he, gaa in di un bliw Pabst". - "Ne, sed de Fru, un reet sich dat Liivken up, ick bin nich ruhig, un kan dat nich uthollen, wenn ick de Sünn un de Maan upgaan see, un kan se nich ook upgaan laten, ick möt warden, as de lewe Gott!" - "Ach Fru, sed de Mann, dat kan de Butt nich, Kaiser un Pabst kan he maken, awerst dat kan he nich". - "Mann, sed se,

un sach so recht gräsig ut, ick will warden as de lewe Gott, gaa gliik hen to'm Butt."

Dat fuur den Mann so dörch de Gleder, dat he bewt vör Angst; buten awer ging de Storm, dat alle Böme un Felsen umweigten un de Himmel was gans swart, un dat dunnert un blitzt; daar sach man in de See so swarte hoge Bülgen as Barg' un hadden baben all eene witte Kroon von Schuum up, da sed he:

"Mandje! Mandje! Timpe Te!

Buttje, Buttje in de See!

Mine Fru de Ilsebill,

Will nich so, as ick wol will."

"Na wat will se den?" sed de But. - "Ach! sed he, se will warden as de leve Gott". -[76] "Gah man hen, se sitt all wedder in'n Pitzpott". Daar sitten se noch hüt un dissen Dag.[77]

20. Von einem tapfern Schneider.

I.

In einem Städtlein Romandia war ein Schneider gesessen, welcher auf ein Zeit, als er gearbeitet, einen Apfel bei sich liegen gehabt, darauf viel Fliegen, wie dann Sommerszeiten gewöhnlich, gesessen; das thät dem Schneider Zorn, nahm einen Fleck von Tuch und schlug auf den Apfel und erschlug der Fliegen sieben. Als solches der einfältige Schneider gesehen, gedacht er bei sich selbst, sein Sach sollte gut werden, ließ sich bald einen sehr schönen Harnisch machen und darauf mit goldenen Buchstaben schreiben: sieben auf einen Streich geschlagen! zog mit seinem Harnisch auf der Gasse, wer ihn besahe, der meinte, er hätte sieben Menschen auf einen Streich zu todt geschlagen; ward darnach von jedermann übel gefürchtet. Nun war in derselben Gegend ein König, dessen Lob weit und überall erschallte, zu dem sich der faule Schneider fügte, in den Hof trat, sich daselbst in das Gras niederlegte und schlief. Die Hofdiener, die aus- und eingingen, den Schneider in dem reichen Harnisch sahen und[77] die Ueberschrift lasen, sich sehr verwunderten, was dieser streitbare Mann, jetzt, zur Zeit des Friedens, in des Königs Hof thun wollt'; sie gedachten, ohn Zweifel sey es ein großer Herr. Die Herren Räthe, so ihn gleichfalls gesehen, königl. Majestät, solches zu wissen thäten mit Anzeigung, daß, wo sich Zwiespalt begebe, er ein sehr nützlicher Mann wäre. Dem König die Reden wohl gefielen, bald nach

dem geharnischten Schneider schickte, ihn, ob er Dienst begehret, fragte; dem der Schneider bald antwortete, er darum allher kommen wäre, und bäte königliche Majestät, wo sie ihn zu brauchen hätte, allergnädigst Dienst mitzutheilen. Der König ihm bald Dienst zusagte und ihm ein besonder Losament verordnete. Nun es stund nicht lange Zeit, die Reuter wurden dem guten Schneider gram, hätten gewollt, daß er beim Teufel wär, denn sie geforcht, wo sie mit ihm sollten uneins werden, mögten sie ihm keinen Widerstand thun, wann er allwegen sieben auf einen Streich zu todt schlagen würde; stets gedachten, wie sie doch von dem Kriegsmann kommen mögten, doch letztlich zu Rath wurden und mit einander überein kamen, all miteinander vor den König zu treten und um Urlaub zu bitten, welches auch geschahe. Der König, als er sahe alle seine Diener um eines Mannes willen Urlaub nehmen, ein traurigerer Mann er nie ward, hät gewollt,[78] er hätt den Kriegsmann nie gesehen, durft ihm doch nicht Urlaub geben, dann er forchte, er sammt allem seinen Volk zu todt geschlagen und hernach sein Reich von dem Krieger besessen werde. Suchte Rath und nach langem Hin- und Hergedenken letztlich einen Sinn erfande, vermeinte dadurch des Kriegsmannes(den niemand für einen Schneider schätzte), abzukommen, nach ihm schickte, ihm vorhielt, wie er wohl vernommen, daß er ein gewaltiger starker Kriegsmann wäre, nun hätt er zwei Riesen im Wald, die ihm außermaßen groß Schaden thäten mit rauben, morden, brennen, einem und dem andern, und man könnte ihnen weder mit Waffen noch andern Dingen zukommen, denn sie erschlügen alles; und so er sich unterstehn wollt, die Riesen umzubringen und brächte sie um, so wollt' er ihm seine Tochter zu einem Weib und sein halb Königreich zu einer Ehsteuer geben, wollt ihm auch hundert Reuter zu Hilf wider die Riesen geben. Der Schneider war wohl zu Muth, daß er sollt eines Königs Tochtermann werden, sprach, er wollt gern die Riesen umbringen, und wohl ohne Hilf der Reuter sie zu tödten wisse. Demnächst zu Wald sich verfügte; die Reuter vor dem Wald warten hieß, hineintrat, von weitem lugte, ob er die Riesen irgend sehen mögte, doch nach langem Suchen sie unter einem Baum schlafend fand und schnarchelten, daß die Aeste an den[79] Bäumen sich bogen. Der Schneider sich nicht lange besann, was ihm zu thun wäre, schnell sein Busen voll Stein lase, auf den Baum, darunter sie lagen, stiege, anfing den einen mit dem Stein auf seine Brust zu werfen, davon er alsbald erwachte, über den andern zürnen ward, und sagte, warum er ihn schlüg? der andere aber entschuldigte sich so best' er mogte; indem sie wieder schlafen wollten, der Schneider wieder einen Stein faßte und den andern warf, darvon er über sein Mitgesellen zürnen ward und sagte, warum er ihn werfe? Als sie aber von

solchem Zanken ließen und ihnen die Augen zugangen waren, der Schneider gar heftig auf den ersten warf, daß der Riese nicht mehr vertragen mogte, seinen Gesellen heftig schluge(dann er vermeinte, er wäre von ihm geschlagen), welches der andere auch nicht leiden wollt', aufstunden, Bäum ausrissen und einander selb zu todt schlugen, doch zu allem Glück den Baum, darauf der Schneider saß, stehen ließen. Als solches der Schneider sahe, daß zu Muth ward, dann er nie gewesen war, fröhlichen ab dem Baum stiege, jeglichem mit seinem Schwert ein Wunden oder etlich schlug und wieder aus dem Wald zu den Reutern ging. Die Reuter ihn fragten, ob er die Riesen nirgends gesehen hätte? "ja" sagte der Schneider, "ich hab sie zu todt geschlagen und unter dem Baum liegen[80] lassen". Sie wolltens aber nicht glauben, daß er also unverletzt sollt' von den Riesen kommen, sondern ritten in den Wald, dies Wunder zu besichtigen, und fandens also, wie ihnen der Schneider gesagt hatte. Darob sie sich sehr verwunderten, großen Schrecken empfingen und noch übler zu Muth waren, dann vor, dann sie mehr forchten, er würd sie, wo er ihnen Feind wär' all umbringen, ritten also heim und sagten dem König die That an. Der Schneider begerte die Tochter mit sammt dem halben Königreich; der König, als er sahe die Riesen erwürgt, deswegen er seine Tochter dem unbekannten Krieger sollt zur Eh geben, war ihn seines Verheißens sehr gereuen, gedacht, wie er doch sein mit Fügen mögt abkommen, dann er ihm die Tochter zu geben keineswegs gesinnet. Dem Schneider noch einmal sagte, wie er ein Einhorn im Walde hätte, das ihm so sehr großen Schaden an Fisch und Leut thät, wenn er dasselbige fing, wollt er ihm die Tochter geben. Der Schneider war dessen wohl zufrieden, nahm ein Stricklein, ging zum Wald, befahl seinen Zugeordneten, heraußen zu warten, er wollt allein hinein, spazierte also im Walde umher. Indem ersah er das Einhorn gegen ihn daher springen, der Meinung ihn umzubringen; der Schneider aber war nicht unbehend, wartete bis das Einhorn gar nahe zu ihm kam, und als es[81] nahe bei ihm war, stellte er sich hinter den Baum dabei er zu allernächst war; das Einhorn aber, so sich in vollem Lauf nicht wenden konnt, mit dem Horn in den Baum lief und also darin unverwendt stecken blieb. Als solches der Schneider sah, herzuginge, dem Einhorn den Strick, so er mit sich genommen hätt, um den Hals thät und an den Baum bande, hinaus zu seinen Gesellen ging, ihnen seinen Sieg über das Einhorn anzeigt, solches hernach dem König zu wissen thät, welcher außer der Maßen traurig war, nicht wußt, wie ihm zu thun wäre, dann der Schneider der Tochter begert. Doch begert der König noch einmal an den Kriegsmann, er sollt ihm das wilde Schwein, so im Wald liefe, fahen, hernach wollt er ihm die Tochter ohne allen Verzug geben, wollt' ihm

auch seine Jäger zuordnen, die ihm helfen sollten das Wildschwein fahen. Der Schneider zog mit seinen Gesellen zum Wald, wie sie dazu kamen, befahl er ihnen heraußer zu bleiben, daß sie gar wohl zufrieden waren, denn das Schwein sie dermaßen oft empfangen, daß sie ihm nicht mehr begerten nachzustellen, dankten ihm fleißig. Der Schneider der trat hinein, und als ihn das Schwein ersahe, lief es gleich auf ihn mit schaumendem Mund und wetzenden Zähnen und wollt' ihn zur Erde werfen. Zu allem Glück aber stunde eine Capelle in dem Wald, darin man vor Zeiten[82] Ablaß geholt, darbei eben der Schneider war, und als der Schneider solches ersahe, zunächst in die Capelle lief, oben zum Fenster wieder hinaussprang, dem die Sau alsbald nachfolgte und in dem Capellein stand; der Schneider aber lief gleich zu der Thüre, schlug die zu und versperrte das Gewild im Kirchlein. Demnächst er hinging und seinen Gesellen solches anzeigt, die mit einander heim ritten und es dem König anzeigten. Ob der König solcher Mähr froh oder traurig gewesen, mag ein jeglichs gering verständig leichtlich abnehmen, dann er sein Tochter dem Schneider hat geben müssen; zweifelt mir aber gar nicht, hätt' er gewußt, daß er ein Schneider wäre, er hätt' ihm eh' einen Strick gegeben, als seine Tochter. Nun der König mußt seine Tochter einem Unbekannten geben, nicht mit kleiner Bekümmerniß; darnach aber der gut Schneider wenig fragt, er allein gedacht, wie er des Königs Tochtermann werden möge. Also war die Hochzeit mit kleinen Freuden vollbracht und aus einem Schneider ein König gemacht. Nun als er etliche Nächte bei seiner Braut gelegen, hat er im Schlaf geredet und gesagt: "Knecht, mach mir das Wamms, flick mir die Hosen, oder ich will dir das Ehlmaß über die Ohren schlagen". Welches die gut Jungfrau wahr genommen hat, solches ihrem Herrn Vater, dem König, anzeigte, ihn darbei[83] auch bat, er sollt' sie des Mannes abhelfen, dann sie wohl merke, daß er ein Schneider wäre. Solche Red dem König sein Herz durchschnitten, daß er seine einzige Tochter einem Schneider gegeben hätte: doch tröstete er sie aufs beste und sagte, sie sollt die zukünftig Nacht die Kammer öffnen, so wollt' er etliche Diener vor die Kammer stellen, und wann er mehr also sagt, müßten sie hineingehen: solches der Frauen Gefallen war. Nun hätt der König am Hof einen Waffenträger, der dem Schneider hold war und des Königs Red zu der Frauen gehört hatte, sich schnell zum jungen König fügte, und ihm das schwere Urtheil, so über ihn gegangen, eröffnete mit Bitten, er wolle sich so best er mögt, verwahren. Der Schneider sagt ihm seines Warnens großen Dank: er wüßte dieser Sachen wohl zu thun. Wie nun die Nacht kommen war, der Schneider sich mit der jungen Königin legte nicht anders thäte, als ob er schlief, die Frau aber stund heimlich auf, öffnete die Kammer und legte

sich wieder zu Bett. Der Schneider, der solches alles gehört, fing an zu reden, gleich als im Schlaf mit heller Stimm, daß die vor der Kammer wohl hören mögten: "Knecht, mach mir die Hosen, bletz mir das Wammes, oder ich will dir das Ehlmaß über die Ohren schlagen, ich hab sieben auf einen Streich zu todt geschlagen, ich hab ein Einhorn sammt einer wilden Sau gefangen, sollt'[84] ich dann die vor der Kammer fürchten?" Die vor der Kammer, als sie solche Wort vernommen, nicht anderst flohen, oder als jagten sie tausend Teufel, und keiner wollt' seyn, der sich an den Schneider richten wollt', also blieb der Schneider sein Lebtag ein König.[85]

II.

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch vor dem Fenster, da kam eine Bauersfrau der Straße daher und rief: "gut Mus feil! gut Mus feil!" - da streckte das Schneiderlein seinen Kopf zum Fenster hinaus und rief: "Hier herauf, liebe Frau, ihr macht einen guten Kauf". Als die Frau hinauf kam, besah es alle Töpfe, zuletzt kauft es sich ein Viertelpfund. Darnach schnitt es ein Stück Brot über den ganzen Laib, schmierte das Mus darauf, legte es neben sich auf den Tisch und gedacht, du wirst gut schmecken, aber erst will ich das eine Camisol fertig machen, eh ich dich esse; fing an zu nähen und machte große Stiche vor Freuden. Indeß ging der Geruch von dem Mus auf und zu den Fliegen, da kamen sie in Menge und setzten sich auf sein Musbrot "Wer hat euch zu Gast gebeten", sagte es und jagte sie fort; es dauerte aber nicht lange, so kamen sie von neuem und ließen sich noch zahlreicher auf das Musbrot nieder. Mein Schneiderlein[85] ward bös, ergriff einen großen Tuchlappen und: "euch will ichs geben" schlug es drauf. Darnach zog es ab und zählte, wie viel es getroffen, da lagen neun und zwanzig todt vor ihm. "Bist du so ein Kerl!" sprach es und verwundert sich über sich selbst und in der Freude seines Herzens nähte es sich einen Gürtel und stickte darauf: 29 auf einen Streich! "Du mußt in die Welt hinein!" dacht das Schneiderlein, band sich den Gürtel um den Leib und sucht' im Haus, ob nichts da wär zum mitnehmen, da fand es einen alten Käs, den steckt' es in die Tasche, unterwegs fing es einen Vogel, der mußte auch hinein. Das Schneiderlein stieg auf einen hohen Berg, wie es oben hin kam, saß da auf der Spitze ein großer Riese, zu dem sprach es: "Cammerad, wie gehts, ihr seht euch wohl hier oben in der Welt um, ich will mich auch hinein begeben". Der Riese aber blickte ihn verächtlich an und sprach: "du bist ein miserabeler Kerl". Das Schneiderlein knöpfte seinen Rock auf, zeigte dem Riesen den Gürtel: "da kannst du sehen,

was du für einen Mann vor dir hast". Der Riese las die Worte: 29 auf einen Streich! und weil er meinte 29 Menschen auf einen Streich erschlagen, fing er an Respect vor dem Schneiderlein zu kriegen, doch wollt er es erst prüfen. Da nahm er einen Stein und drückte ihn so stark, daß das[86] Wasser herauslief: "so stark bist du doch nicht". - "Wenns weiter nichts ist, sagte das Schneiderlein, das kann ich auch". Darauf griff es in die Tasche, holte den faulen Käs und drückte ihn, daß der Saft heraus lief: "gelt! das war noch besser". Der Riese verwunderte sich, nahm einen Stein und warf ihn so hoch, daß man ihn kaum mehr sehen konnte: "das mach mir nach". - "Der Wurf war gut, sagte das Schneiderlein, doch hat dein Stein wieder zur Erde fallen müssen, ich aber will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen". Da nahm es den Vogel aus der Tasche und warf ihn in die Luft und der Vogel flog ganz fort: "wie gefällt dir das!" der Riese erstaunte, schlug sich zu ihm und sie gingen zusammen weiter. Da kamen sie an einen Kirschbaum, der Riese nahm die Krone und bog sie herunter und gab sie dem Schneiderlein, daß es auch davon essen könnte. Das Schneiderlein aber war zu schwach und konnte der Stärke des Baums nicht widerstehen und ward mit in die Höhe geschnellt. "Was ist das, sagte der Riese, hast du die schwache Gerte nicht halten können!" - "Das ist ja nichts, antwortete das Schneiderlein dazu, für einen der 29 auf einen Streich getroffen hat: weißt du, warum ich es gethan habe? da unten da schießen die Jäger in das Gebüsch, da bin ich flugs über den Baum hinüber gesprungen,[87] das thust du mir nicht nach". Der Riese glaubte nun es überträf niemand auf der Welt das Schneiderlein an Stärke und Klugheit.

(Das weitere fehlt.) [88]

21. Aschenputtel.

Es war einmal ein reicher Mann, der lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Frau, und sie hatten ein einziges Töchterlein zusammen. Da ward die Frau krank, und als sie todtkrank ward, rief sie ihre Tochter und sagte: "liebes Kind, ich muß dich verlassen, aber wenn ich oben im Himmel bin, will ich auf dich herab sehen, pflanz ein Bäumlein auf mein Grab, und wenn du etwas wünschest, schüttele daran, so sollst du es haben, und wenn du sonst in Noth bist, so will ich dir Hülfe schicken, nur bleib fromm und gut". Nachdem sie das gesagt, that sie die Augen zu und starb; das Kind aber weinte und pflanzte ein Bäumlein auf das Grab und brauchte kein Wasser hin zu tragen, und es zu begießen, denn es war genug mit seinen Thränen.

Der Schnee deckte ein weiß Tüchlein auf der Mutter Grab, und als die

Sonne es wieder weggezogen hatte, und das Bäumlein zum zweitenmal grün geworden war, da nahm sich[88] der Mann eine andere Frau. Die Stiefmutter aber hatte schon zwei Töchter, von ihrem ersten Mann, die waren von Angesicht schön, von Herzen aber stolz und hoffährtig und bös. Wie nun die Hochzeit gewesen, und alle drei in das Haus gefahren kamen, da ging schlimme Zeit für das arme Kind an. "Was macht der garstige Unnütz in den Stuben, sagte die Stiefmutter, fort mit ihr in die Küche, wenn sie Brod essen will, muß sies erst verdient haben, sie kann unsere Magd seyn". Da nahmen ihm die Stiefschwestern die Kleider weg, und zogen ihm einen alten grauen Rock an: "der ist gut für dich!" sagte sie, lachten es aus und führten es in die Küche. Da mußte das arme Kind so schwere Arbeit thun: früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen und die Stiefschwestern thaten ihm noch alles gebrannte Herzeleid an, spotteten es, schütteten ihm Erbsen und Linsen in die Asche, da mußte es den ganzen Tag sitzen und sie wieder auslesen. Wenn es müd war Abends kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben dem Heerd in die Asche legen. Und weil es da immer in Asche und Staub herumwühlte und schmutzig aussah, gaben sie ihm den Namen Aschenputtel.

Auf eine Zeit stellte der König einen Ball an, der sollte in aller Pracht drei Tage dauern,[89] und sein Sohn, der Prinz, sollte sich eine Gemahlin aussuchen; dazu wurden die zwei stolzen Schwestern auch eingeladen. "Aschenputtel riefen sie, komm herauf, kämme uns die Haare, bürst uns die Schuhe und schnalle sie fest, wir gehen auf den Ball zu dem Prinzen". Aschenputtel gab sich alle Mühe und putzte sie so gut es konnte, sie gaben ihm aber nur Scheltworte dazwischen, und als sie fertig waren, fragten sie spöttisch: "Aschenputtel, du gingst wohl gern mit auf den Ball?" - "Ach ja, wie kann ich aber hingehen, ich habe keine Kleider". - "Nein, sagte die älteste, das wär mir recht, daß du dich dort sehen ließest, wir müßten uns schämen, wenn die Leute hörten, daß du unsere Schwester wärest; du gehörst in die Küche, da hast du eine Schüssel voll Linsen, wann wir wieder kommen muß sie gelesen seyn, und hüt dich, daß keine böse darunter ist, sonst hast du nichts Gutes zu erwarten."

Damit gingen sie fort, und Aschenputtel stand und sah ihnen nach, und als es nichts mehr sehen konnte, ging es traurig in die Küche, und schüttete die Linsen auf den Heerd, da war es ein großer, großer Haufen. "Ach, sagte es und seufzte dabei, da muß ich dran lesen bis Mitternacht und darf die Augen nicht zufallen lassen, und wenn sie mir noch so weh thun, wenn das meine Mutter wüßte!" Da[90] kniete es sich vor den Heerd in die Asche und wollte anfangen zu lesen, indem flogen zwei weiße Tauben durchs Fenster und setzten sich neben die Linsen auf den

Heerd; sie nickten mit den Köpfchen und sagten: "Aschenputtel, sollen wir dir helfen Linsen lesen?" "Ja, antwortete Aschenputtel:

die schlechten ins Kröpfchen,

die guten ins Töpfchen."

Und pick, pick! pick, pick! fingen sie an und fraßen die schlechten weg und ließen die guten liegen. Und in einer Viertelstunde waren die Linsen so rein, daß auch nicht eine falsche darunter war, und Aschenputtel konnte sie alle ins Töpfchen streichen. Darauf aber sagten die Tauben: "Aschenputtel, willst du deine Schwestern mit dem Prinzen tanzen sehen, so steig auf den Taubenschlag". Aschenputtel ging ihnen nach und stieg bis auf den letzten Leitersproß, da konnte es in den Saal sehen, und sah seine Schwestern mit dem Prinzen tanzen, und es flimmerte und glänzte von viel tausend Lichtern vor seinen Augen. Und als es sich satt gesehen, stieg es wieder herab, und es war ihm schwer ums Herz, und legte sich in die Asche und schlief ein.

Am andern Morgen kamen die zwei Schwestern in die Küche, und als sie sahen, daß[91] Aschenputtel die Linsen rein gelesen, waren sie böse, denn sie wollten es gern schelten, und da sie das nicht konnten, huben sie an von dem Ball zu erzählen und sagten: "Aschenputtel, das ist eine Lust gewesen, bei dem Tanz, der Prinz, der allerschönste auf der Welt hat uns dazu geführt, und eine von uns wird seine Gemahlin werden". - "Ja, sagte Aschenputtel, ich habe die Lichter flimmern sehen, das mag recht prächtig gewesen seyn". - "Ei! wie hast du das angefangen", fragte die älteste. - "Ich hab' oben auf den Taubenstall gestanden". - Wie sie das hörte, trieb sie der Neid und sie befahl, daß der Taubenstall gleich sollte niedergerissen werden.

Aschenputtel aber mußte sie wieder kämmen und putzen; da sagte die jüngste, die noch ein wenig Mitleid im Herzen hatte: "Aschenputtel, wenns dunkel ist, kannst du hinzugehen und von außen durch die Fenster gucken!" - "Nein, sagte die älteste, das macht sie nur faul, da hast du einen Sack voll Wicken, Aschenputtel, da lese die guten und bösen auseinander und sey fleißig, und wenn du sie morgen nicht rein hast, so schütte ich dir sie in die Asche und du mußt hungern, bis du sie alle herausgesucht hast."

Aschenputtel setzte sich betrübt auf den Heerd und schüttete die Wicken aus. Da flogen[92] die Tauben wieder herein und thaten freundlich: "Aschenputtel, sollen wir dir die Wicken lesen?" "Ja, -

die schlechten ins Kröpfchen,

die guten ins Töpfchen."

Pick, pick! pick, pick! gings so geschwind, als wären zwölf Hände da. Und als sie fertig waren, sagten die Tauben: "Aschenputtel, willst du auch auf den Ball gehen und tanzen?" - "O du mein Gott, sagte es, wie kann ich in meinen schmutzigen Kleidern hingehen?" - "Geh zu dem Bäumlein auf deiner Mutter Grab, schüttele daran und wünsche dir schöne Kleider, komm aber vor Mitternacht wieder". - da ging Aschenputtel hinaus, schüttelte das Bäumlein und sprach:

"Bäumlein rüttel und schüttel dich,

wirf schöne Kleider herab für mich!"

Kaum hatte es das ausgesagt, da lag ein prächtig silbern Kleid vor ihm, Perlen, seidene Strümpfe mit silbernen Zwickeln und silberne Pantoffel und was sonst dazu gehörte. Aschenputtel trug alles nach Haus, und als es sich gewaschen und angezogen hatte, da war es so schön wie eine Rose, die der Thau gewaschen hat. Und wie es vor die Hausthüre kam, so stand da ein Wagen mit sechs federgeschmückten Rappen und Bediente dabei in Blau und[93] Silber, die hoben es hinein, und so gings im Gallop zu dem Schloß des Königs.

Der Prinz aber sah den Wagen vor dem Thor halten, und meinte eine fremde Prinzessin käme angefahren. Da ging er selbst die Treppe hinab, hob Aschenputtel hinaus und führte es in den Saal. Und als da der Glanz der viel tausend Lichter auf es fiel, da war es so schön, daß jedermann sich darüber verwunderte, und die Schwestern standen auch da und ärgerten sich, daß jemand schöner war wie sie, aber sie dachten nimmermehr, daß das Aschenputtel wäre, das zu Haus in der Asche lag. Der Prinz aber tanzte mit Aschenputtel und ward ihm königliche Ehre angethan. Er gedachte auch bei sich: ich soll mir eine Braut aussuchen, da weiß ich mir keine als diese. Für so lange Zeit in Asche und Traurigkeit lebte Aschenputtel nun in Pracht und Freude; als aber Mitternacht kam, eh' es zwölf geschlagen, stand es auf, neigte sich und wie der Prinz bat und bat, so wollte es nicht länger bleiben. Da führte es der Prinz hinab, unten stand der Wagen und wartete, und so fuhr es fort in Pracht wie es gekommen war.

Als Aschenputtel zu Haus war, ging es wieder zu dem Bäumlein auf der Mutter Grab:[94]

"Bäumlein rüttel dich und schüttel dich!

nimm die Kleider wieder für dich!"

Da nahm der Baum die Kleider wieder, und Aschenputtel hatte sein altes Aschenkleid an, damit ging es zurück, machte sich das Gesicht staubig und legte sich in die Asche schlafen.

Am Morgen darauf kamen die Schwestern, sahen verdrießlich aus und schwiegen still. Aschenputtel sagte: "ihr habt wohl gestern Abend viel Freude gehabt" - "Nein, es war eine Prinzessin da, mit der hat der Prinz fast immer getanzt, es hat sie aber niemand gekannt und niemand gewußt, woher sie gekommen ist". - "Ist es vielleicht die gewesen, die in den prächtigen Wagen mit den sechs Rappen gefahren ist?" sagte Aschenputtel. - "Woher weißt du das?" - "Ich stand in der Hausthüre, da sah ich sie vorbeifahren", - "In Zukunft bleib bei deiner Arbeit, sagte die älteste und sah Aschenputtel böse an, was brauchst du in der Hausthüre zu stehen."

Aschenputtel mußte zum drittenmal die zwei Schwestern putzen, und zum Lohn gaben sie ihm eine Schüssel mit Erbsen, die sollte sie rein lesen; "und daß du dich nicht unterstehst von der Arbeit wegzugehen", rief die älteste noch nach. Aschenputtel gedachte: wenn nur meine Tauben nicht ausbleiben, und das Herz schlug ihm ein wenig. Die Tauben aber kamen[95] wie an dem vorigen Abend und sagten: "Aschenputtel, sollen wir dir die Erbsen lesen?" - "Ja,

die schlechten ins Kröpfchen,

die guten ins Töpfchen."

Die Tauben pickten wieder die bösen heraus, und waren bald damit fertig, dann sagten sie: "Aschenputtel, schüttele das Bäumlein, das wird dir noch schönere Kleider herunter werfen, geh auf den Ball, aber hüte dich, daß du vor Mitternacht wieder kommst". Aschenputtel ging hin:

"Bäumlein rüttel dich und schüttel dich,

wirf schöne Kleider herab für mich."

Da fiel ein Kleid herab noch viel herrlicher und prächtiger als das vorige, ganz von Gold und Edelgesteinen, dabei goldgezwickelte Strümpfe und goldene Pantoffel; und als Aschenputtel damit angekleidet war, da glänzte es recht, wie die Sonne am Mittag. Vor der Thüre hielt ein Wagen mit sechs Schimmeln, die hatten hohe weiße Federbüsche auf dem Kopf, und die Bedienten waren in Roth und Gold gekleidet. Als Aschenputtel ankam, stand schon der Prinz auf der Treppe und führte sie in den Saal. Und waren gestern alle über ihre Schönheit erstaunt, so erstaunten sie heute noch mehr und[96] die Schwestern standen in der Ecke und waren blaß vor Neid, und hätten sie gewußt, daß das Aschenputtel war, das zu Haus in der Asche lag, sie wären gestorben vor Neid.

Der Prinz aber wollte wissen, wer die fremde Prinzessin sey, woher sie gekommen und wohin sie fahre, und hatte Leute auf die Straße gestellt,

die sollten Acht darauf haben, und damit sie nicht so schnell fortlaufen könne, hatte er die Treppe ganz mit Pech bestreichen lassen. Aschenputtel tanzte und tanzte mit dem Prinzen, war in Freuden und gedachte nicht an Mitternacht. Auf einmal, wie es mitten im Tanzen war, hörte es den Glockenschlag, da fiel ihm ein, wie die Tauben es gewarnt, erschrak und eilte zur Thüre hinaus und flog recht die Treppe hinunter. Weil die aber mit Pech bestrichen war, blieb einer von den goldenen Pantoffeln festhängen, und in der Angst dacht es nicht daran, ihn mitzunehmen. Und wie es den letzten Schritt von der Treppe that, da hatt' es zwölf ausgeschlagen, da war Wagen und Pferde verschwunden und Aschenputtel stand in seinen Aschenkleidern auf der dunkeln Straße. Der Prinz war ihm nachgeeilt, auf der Treppe fand er den goldenen Pantoffel, riß ihn los und hob ihn auf, wie er aber unten hinkam, war alles verschwunden; die Leute auch, die zur Wache ausgestellt waren,[97] kamen und sagten, daß sie nichts gesehen hätten.

Aschenputtel war froh, daß es nicht schlimmer gekommen war, und ging nach Haus, da steckte es sein trübes Oel-Lämpchen an, hängte es in den Schornstein und legte sich in die Asche. Es währte nicht lange, so kamen die beiden Schwestern auch und riefen: "Aschenputtel, steh auf und leucht uns". Aschenputtel gähnte und that als wacht es aus dem Schlaf. Bei dem Leuchten aber hörte es, wie die eine sagte: "Gott weiß, wer die verwünschte Prinzessin ist, daß sie in der Erde begraben läg! der Prinz hat nur mit ihr getanzt und als sie weg war, hat er gar nicht mehr bleiben wollen und das ganze Fest hat ein Ende gehabt". - "Es war recht, als wären alle Lichter auf einmal ausgeblasen worden", sagte die andere. Aschenputtel wußte wohl wer die fremde Prinzessin war, aber es sagte kein Wörtchen.

Der Prinz aber gedachte, ist dir alles andere fehlgeschlagen, so wird dir der Pantoffel die Braut finden helfen, und ließ bekannt machen, welcher der goldene Pantoffel passe, die solle seine Gemahlin werden. Aber allen war er viel zu klein, ja manche hätten ihren Fuß nicht hineingebracht, und wären die zwei Pantoffel ein einziger gewesen. Endlich kam die[98] Reihe auch an die beiden Schwestern, die Probe zu machen; sie waren froh, denn sie hatten kleine schöne Füße und glaubten, uns kann es nicht fehlschlagen, wär der Prinz nur gleich zu uns gekommen. "Hört, sagte die Mutter heimlich, da habt ihr ein Messer, und wenn euch der Pantoffel doch noch zu eng ist, so schneidet euch ein Stück vom Fuß ab, es thut ein bischen weh, was schadet das aber, es vergeht bald und eine von euch wird Königin". Da ging die älteste in ihre Kammer und probirte den Pantoffel an, die Fußspitze kam hinein, aber die Ferse war zu groß, da

nahm sie das Messer und schnitt sich ein Stück von der Ferse, bis sie den Fuß in den Pantoffel hineinzwängte. So ging sie heraus zu dem Prinzen, und wie der sah, daß sie den Pantoffel anhatte, sagte er, das sey die Braut, führte sie zum Wagen und wollte mit ihr fortfahren. Wie er aber ans Thor kam, saßen oben die Tauben und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck!

Blut ist im Schuck:(Schuh)

Der Schuck ist zu klein,

Die rechte Braut sitzt noch daheim!"

Der Prinz bückte sich und sah auf den Pantoffel, da quoll das Blut heraus, und da merkte er, daß er betrogen war, und führte die falsche Braut zurück. Die Mutter aber sagte zur[99] zweiten Tochter: "nimm du den Pantoffel, und wenn er dir zu kurz ist, so schneide lieber vorne an den Zehen ab". Da nahm sie den Pantoffel in ihre Kammer, und als der Fuß zu groß war, da biß sie die Zähne zusammen und schnitt ein groß Stück von den Zehen ab, und drückte den Pantoffel geschwind an. Wie sie damit hervortrat, meinte er, das wäre die rechte und wollte mit ihr fortfahren. Als er aber in das Thor kam, riefen die Tauben wieder:

"Rucke di guck, rucke di guck!

Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist zu klein,

Die rechte Braut sitzt noch daheim!"

Der Prinz sah nieder, da waren die weißen Strümpfe der Braut roth gefärbt und das Blut war hoch herauf gedrungen. Da brachte sie der Prinz der Mutter wieder und sagte: "das ist auch nicht die rechte Braut; aber ist nicht noch eine Tochter im Haus". "Nein, sagte die Mutter, nur ein garstiges Aschenputtel ist noch da, das sitzt unten in der Asche, dem kann der Pantoffel nicht passen". Sie wollte es auch nicht rufen lassen, bis es der Prinz durchaus verlangte. Da ward Aschenputtel gerufen und wie es hörte, daß der Prinz da sey, wusch es sich geschwind Gesicht und Hände frisch und rein; und wie es in die Stube trat, neigte es sich, der Prinz aber[100] reichte ihr den goldenen Pantoffel und sagte: "probier ihn an! und wenn er dir paßt, wirst du meine Gemahlin". Da streift es den schweren Schuh von dem linken Fuß ab, setzt ihn auf den goldenen Pantoffel und drückte ein klein wenig, da stand es darin, als wär er ihm angegossen. Und als es sich aufbückte, sah ihm der Prinz ins Gesicht, da erkannte er die schöne Prinzessin wieder und rief: "das ist die rechte Braut". Die Stiefmutter und die zwei stolzen Schwestern erschracken und wurden bleich, aber der Prinz führte Aschenputtel fort und hob es in den

Wagen, und als sie durchs Thor fuhren, da riefen die Tauben:

"Rucke di guck, rucke di guck!

Kein Blut im Schuck:

Der Schuck ist nicht zu klein,

Die rechte Braut, die führt er heim!"[101]

22. Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben.

I.

In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- und sechsjährige, Mägdelein und Knaben mit einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger[101] seyn, ein anderes Büblein, das solle Koch seyn, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau seyn. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin seyn, wieder ein anderes, das solle Unterköchin seyn; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte seyn, riß es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf, und die Unterköchin empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Metzger mit sich und führt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen all' über diesen Handel und wußten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weißer Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken: nehme es den Apfel, so soll es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es tödten. Dem wird gefolgt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.[102]

II.

Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: "du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;" hat darauf ein bloß Messer

genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte. Der Mann kam vom Felde und als er dies alles gesehen, hat er sich so betrübt, daß er kurz darauf gestorben ist.

23. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst.

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft gerathen, hatten einen Haushalt geführt, lang wohl und köstlich im Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, daß es täglich in Wald fliegen und Holz beibringen müßte. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstert immer nach neuen Dingen! Also eines Tages stieß dem Vöglein unterweges ein anderer Vogel auf, dem es seine treffliche Gelegenheit erzählet und gerühmet. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen armen Tropfen, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage hätten. Denn, wenn die Maus ihr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieße den Tisch decken. Das Würstlein blieb beim Hafen, sahe zu, daß die Speise wohl kochte, und wann es bald Essenszeit war, schlingte es sich ein mal viere durch den Brei oder das Gemüß, so war es geschmalzen, gesalzen und bereitet: kame dann das Vöglein heim und legte seine Bürde[104] ab, so saßen sie zu Tisch und nach gehabtem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis den andern Morgen, und das war ein herrlich Leben.

Das Vöglein anderes Tages wollte aus Anstiftung nicht mehr ins Holz, sprechend: es wäre lang genug Knecht gewest, und hätte gleichsam ihr Narr seyn müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise auch versuchen. Und wie wohl die Maus heftig dafür bate, auch die Bratwurst, so war der Vogel doch Meister, es mußte gewagt seyn, spieleten derowegen und kam das Loos auf die Bratwurst die mußte Holz tragen, die Maus ward Koch, und der Vogel sollte Wasser

holen.

Was geschicht? das Bratwürstchen zog fort gen Holz, das Vöglein machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu und erwarteten allein, bis Bratwürstchen heim käme und Holz für den andern Tag brächte. Es blieb aber das Würstlein so lang unterweg daß ihnen beiden nichts guts vorkam, und das Vöglein ein Stück Lufts hinaus entgegen floge. Unfern aber findet es einen Hund am Weg, der das arme Bratwürstlein als freie Beut angetroffen, angepackt und niedergemacht. Das Vöglein beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren Raubs sehr gegen den Hund, aber es half kein Wort, denn sprach der Hund, er hätte falsche[105] Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen wäre sie ihm des Lebens verfallen gewesen.

Das Vögelein, traurig, nahm das Holz auf sich und heim und erzählete, was es gesehn und gehöret. Sie waren sehr betrübt, verglichen sich aber das beste zu thun und beisammen zu bleiben. Derowegen so deckte das Vöglein den Tisch und die Maus rüstete das Essen und wollte anrichten, und in den Hafen, wie zuvor das Würstlein, und durch das Gemüß schlingen und schlupfen, dasselbige zu schmelzen; aber ehe sie in die Mitte kame, ward sie angehalten und mußte Haut und Haar und dabei das Leben lassen.

Als das Vöglein kam, wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vorhanden. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin und her, rufte und suchte, kunnte aber seinen Koch nit mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also daß eine Brunst entstunde; das Vöglein eilte Wasser zu langen, da entfiel ihm der Eimer in den Brunnen, und es mit hinab, daß es sich nit konnte mehr erholen, und da ersaufen mußte.[106]

24. Frau Holle.

Eine Wittwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich[106] und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit thun und war recht der Aschenputtel im Haus. Einmal war das Mädchen hingegangen, Wasser zu holen, und wie es sich bückte den Eimer aus dem Brunnen zu ziehen, bückte es sich zu tief und fiel hinein. Und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, da schien die Sonne und waren viel tausend Blumen. Auf der Wiese gieng es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: "ach! zieh mich 'raus, zieh mich 'raus, sonst verbrenn' ich, ich bin schon längst

ausgebacken!" da trat es fleißig herzu und holte alles heraus. Darnach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Aepfel und rief ihm zu: "ach! schüttel mich! schüttel mich! wir Aepfel sind allemiteinander reif!" Da schüttelt' es den Baum, daß die Aepfel fielen, als regenten sie, solang bis keiner mehr oben war, darnach ging es wieder fort. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: "fürcht dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn: nur mußt du recht darauf Acht geben daß du[107] mein Bett gut machst, und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt;1 ich bin die Frau Holle". Weil die Alte so gut sprach, willigte das Mädchen ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig in seinem Herzen und ob es hier gleich viel tausendmal besser war, als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr: "ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben". Die Frau Holle sagte: "du hast Recht und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen". Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das ward aufgethan und wie das Mädchen darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. "Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist",[108] sprach die Frau Holle. Darauf ward das Thor verschlossen und es war oben auf der Welt da ging es heim zu seiner Mutter und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es gut aufgenommen.

Als die Mutter hörte, wie es zu dem Reichthum gekommen, wollte sie der andern schönen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen, und sie mußte sich auch in den Brunnen stürzen. Sie erwachte, wie die andere auf der schönen Wiese und ging auf demselben Pfad weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brod wieder: "ach! zieh mich 'raus, zieh mich 'raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken!" die Faule aber antwortete: "da hätt' ich Lust, mich schmutzig zu machen!" und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: "ach! schüttel mich! schüttel mich! wir Aepfel sind alle mit einander reif" sie antwortete aber: "du kommst mir recht, es könnt mir einer auf den Kopf fallen!" ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen

schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an und war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie gedachte an das viele Gold, daß sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie[109] schon an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen, sie machte auch der Frau Holle das Bett schlecht und schüttelte es nicht recht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müd und sagte der Faulen den Dienst auf. Die war es wohl zufrieden und meinte nun werde der Goldregen kommen, die Frau Holle führte sie auch hin zu dem Thor als sie aber darunter stand, ward statt des Golds ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. "Das ist zur Belohnung deiner Dienste" sagte die Frau Holle und schloß das Thor zu. Da kam die Faule heim, ganz mit Pech bedeckt, und das hat ihr Lebtag nicht wieder abgehen wollen.[110]

Fußnoten

1 Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit: die Frau Holle macht ihr Bett.

25. Die drei Raben.

Es war einmal eine Mutter, die hatte drei Söhnlein, die spielten eines Sonntags unter der Kirche Karten. Und als die Predigt vorbei war, kam die Mutter nach Haus gegangen und sah, was sie gethan hatten. Da fluchte sie ihren gottlosen Kindern und alsobald wurden sie drei kohlschwarze Raben und flogen auf und davon.

Die drei Brüder hatten aber ein Schwesterchen, das sie von Herzen liebte, und es[110] grämte sich so über ihre Verbannung, daß es keine Ruh mehr hatte und sich endlich aufmachte, sie zu suchen. Nichts nahm es sich mit auf die lange lange Reise, als ein Stühlchen, worauf es sich ruhte, wann es zu müd geworden war, und nichts aß es die ganze Zeit, als wilde Aepfel und Birnen. Es konnte aber die drei Raben immer nicht finden, außer einmal waren sie über seinen Kopf weggeflogen, da hatte einer einen Ring fallen lassen, wie es den aufhob, erkannte ihn das Schwesterchen für den Ring, den es einsmals dem jüngsten Bruder geschenkt hatte.

Es ging aber immer fort, so weit, so weit bis es an der Welt Ende kam, und es ging zur Sonne, die war aber gar zu heiß und fraß die kleinen Kinder. Darauf kam es zu dem Mond, der war aber gar zu kalt, und auch bös, und wie ers merkte, sprach er: "ich rieche, rieche Menschenfleisch". Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren

ihm gut und saßen alle jeder auf Stühlerchen und der Morgenstern stand auf und gab ihm ein Hinkelbeinchen, "wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du nicht in den Glasberg kommen, und in dem Glasberg da sind deine Brüder!" da nahm es das Hinkelbeinchen, wickelte es wohl in ein Tüchelchen und ging so lange fort, bis es an den Glasberg kam, das Thor war[111] aber verschlossen. Und wie es das Beinchen hervorholen wollte, da hatte es das Beinchen unterweges verloren. Da wußte es sich gar nicht zu helfen, weil es gar keinen Schlüssel fand, nahm ein Messer und schnitt sich das kleine Fingerchen ab, steckte es in das Thor und schloß glücklich auf. Da kam ein Zwerglein entgegen und sagte: mein Kind, was suchst du hier? "ich suche meine Brüder, die drei Raben". Die Herren Raben sind nicht zu Haus, sprach das Zwerglein, willst du aber hierinnen warten, so tritt ein, und das Zwerglein brachte drei Tellerchen getragen und drei Becherchen, und von jedem Tellerchen aß Schwesterchen ein Bischen und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen und in das letzte Becherchen ließ es das Ringlein fallen. Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sagte das Zwerglein: die Herren Raben kommen heim geflogen. Und die Raben fingen jeder an und sprachen: wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? wie der dritte Rab aber seinem Becherchen auf den Grund kam, da fand er den Ring, und sah wohl, daß Schwesterchen angekommen war. Da erkannten sie es am Ring, und da waren sie alle wieder erlöst und gingen frölich heim.[112]

26. Rothkäppchen.

Es war einmal eine kleine süße Dirn, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kind geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen; da sagte einmal seine Mutter zu ihm: "komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und ein Bouteille mit Wein, die bring der Großmutter hinaus, sie ist krank und schwach, da wird sie sich daran laben; sey hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du, und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts."

Rothkäppchen versprach der Mutter recht gehorsam zu seyn. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf, Rothkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses Thier war, und

fürchtete sich nicht vor ihm. "Guten Tag, Rothkäppchen". - "Schön Dank, Wolf!" - "Wo willst du so früh hinaus, Rothkäppchen", - "zur Großmutter". - Was trägst[113] du unter der Schürze? - "die Großmutter ist krank und schwach, da bring ich ihr Kuchen und Wein, gestern haben wir gebacken, da soll sie sich stärken". - "Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?" - "Noch eine gute Viertelstunde im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, das steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken das wirst du ja wissen" sagte Rothkäppchen. Der Wolf gedacht bei sich, das ist ein guter fetter Bissen für mich, wie fängst dus an, daß du den kriegst: "hör Rothkäppchen, sagte er, hast du die schönen Blumen nicht gesehen, die im Walde stehen, warum guckst du nicht einmal um dich, ich glaube, du hörst gar nicht darauf, wie die Vöglein lieblich singen, du gehst ja für dich hin als wenn du im Dorf in die Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald."

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und sah wie die Sonne durch die Bäume gebrochen war und alles voll schöner Blumen stand; da gedacht es: ei! wenn ich der Großmutter einen Strauß mitbringe, der wird ihr auch lieb seyn, es ist noch früh, ich komm doch zu rechter Zeit an, und sprang in den Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meint es, dort stünd noch eine schönere und lief darnach und immer weiter in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem[114] Haus der Großmutter und klopfte an die Thüre. "Wer ist draußen?" - "das Rothkäppchen, ich bring dir Kuchen und Wein, mach mir auf". - "Drück nur auf die Klinke, rief die Groß mutter, ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen". Der Wolf drückte an der Klinke, und die Thüre sprang auf. Da ging er hinein, geradezu an das Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann nahm er ihre Kleider, that sie an, setzte sich ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rothkäppchen aber war herum gelaufen nach Blumen, und erst, als es so viel hatte, daß es keine mehr tragen konnte, machte es sich auf den Weg zu der Großmutter. Wie es ankam stand die Thüre auf, darüber verwunderte es sich, und wie es in die Stube kam, sahs so seltsam darin aus, daß es dacht: ei! du mein Gott! wie ängstlich wird mirs heut zu Muth, und bin sonst so gern bei der Großmutter. Drauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück, da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah wunderlich aus. "Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!" - "daß ich dich besser hören kann". - "Ei Großmutter, was hast du für große Augen!" - "daß ich dich besser sehen kann". - "Ei Großmutter was hast du für große Hände!" - "daß ich dich besser[115] packen kann". - "Aber Großmutter, was hast du für ein

entsetzlich großes Maul!" - "daß ich dich besser fressen kann". Damit sprang der Wolf aus dem Bett, sprang auf das arme Rothkäppchen, und verschlang es.

Wie der Wolf den fetten Bissen erlangt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei und gedacht, wie kann die alte Frau so schnarchen, du mußt einmal nachsehen. Da trat er hinein und wie er vors Bett kam, da lag der Wolf den er lange gesucht, der hat gewiß die Großmutter gefressen vielleicht ist sie noch zu retten, ich will nicht schießen, dachte der Jäger. Da nahm er die Scheere und schnitt ihm den Bauch auf, und wie er ein paar Schritte gethan, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Mädchen heraus und rief: "ach wie war ich erschrocken, was wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib;" und dann kam die Großmutter auch lebendig heraus. Rothkäppchen aber holte große schwere Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er sich todt fiel.

Da waren alle drei vergnügt, der Jäger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß[116] den Kuchen und trank den Wein, den Rothkäppchen gebracht hatte, und Rothkäppchen gedacht bei sich: du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Weg ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und ging gerad fort ihres Wegs, und sagte der Großmutter daß sie den Wolf gesehen, daß er ihm guten Tag gewünscht aber so bös aus den Augen geguckt; "wenns nicht auf offner Straße gewesen, er hätt mich gefressen". - "Komm, sagte die Großmutter wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann". Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: "mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes". Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf, da ging der Böse etlichemal um das Haus und sprang endlich aufs Dach, und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus ging, dann wollt' er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte; da stand vor dem Haus ein großer Steintrog: "hol' den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich[117] Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog". Rothkäppchen trug so lange bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht

mehr halten konnte, er fing an zu rutschen, und rutschte vom Dach herab und gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber ging fröhlich und sicher nach Haus.[118]

27. Der Tod und der Gänshirt.

Es ging ein armer Hirt an dem Ufer eines großen und ungestümen Wassers, hütend einen Haufen weißer Gänse. Zu diesem kam der Tod über Wasser, und wurde von dem Hirten gefragt, wo er herkomme, und wo er hin wolle? Der Tod antwortete, daß er aus dem Wasser komme und aus der Welt wolle. Der arme Gänshirt fragte ferners: wie man doch aus der Welt kommen könne? Der Tod sagte, daß man über das Wasser in die neue Welt müsse, welche jenseits gelegen. Der Hirt sagte, daß er dieses Lebens müde, und bate den Tod, er sollte ihn mit über nehmen. Der Tod sagte, daß es noch nicht Zeit, und hätte er jetzt[118] sonst zu verrichten. Es war aber unferne davon ein Geizhals, der trachtete bei Nachts auf seinem Lager, wie er doch mehr Geld und Gut zusammenbringen mögte, den führte der Tod zu dem großen Wasser und stieß ihn hinein. Weil er aber nicht schwimmen konnte, ist er zu Grunde gesunken, bevor er an das Ufer kommen. Seine Hunde und Katzen, so ihm nachgelaufen, sind auch mit ihm ersoffen. Etliche Tage hernach kam der Tod auch zu dem Gänshirten, fand ihn fröhlich singen und sprach zu ihm: "willst du nun mit?" Er war willig und kam mit seinen weißen Gänsen wohl hinüber, welche alle in weiße Schafe verwandelt wor den. Der Gänshirt betrachtete das schöne Land und hörte, daß die Hirten der Orten zu Königen würden, und indem er sich recht umsahe, kamen ihm die Erzhirten Abraham, Isaac und Jacob entgegen, setzten ihm eine königliche Krone auf, und führten ihn in der Hirten Schloß, allda er noch zu finden.[119]

28. Der singende Knochen.

Ein Wildschwein thät großen Schaden in dem ganzen Land, kein Mensch getraute sich in den Wald, wo es herum lief, und wer so kühn war und auf es einging und es tödten wollte,[119] dem riß es den Leib mit seinen Hauern auf. Da ließ der König bekannt machen, wer das Schwein erlege, der solle seine Tochter zur Gemahlin haben. Nun waren in dem Königreich drei Brüder, davon war der älteste listig und klug, der zweite von gewöhnlichem Verstand, der dritte und jüngste aber war unschuldig und dumm. Die gedachten die Prinzessin zu gewinnen, wollten das Wildschwein aufsuchen und tödten.

Die zwei ältesten gingen mit einander, der jüngste aber ging allein. Als er in den Wald hineinkam, trat ein kleiner Mann vor ihn, der hielt eine schwarze Lanze in der Hand und sagte zu ihm: "nimm diese Lanze und geh damit auf das Schwein los, ohne Furcht, du wirst es leicht tödten". Also geschah es, er traf mit der schwarzen Lanze das Schwein, daß es zur Erde fiel, nahm es dann auf die Schulter und zog vergnügt heim. Unterwegs, kam er an ein Haus, darin waren seine beiden ältesten Brüder, und machten sich lustig beim Wein; als sie ihn mit dem Schwein auf dem Rücken daher ziehen sahen, riefen sie ihn an: "komm herein und trink mit uns, du wirst doch müde seyn". Der unschuldige Dumme denkt an nichts Böses, tritt ein, erzählt ihnen wie er das Schwein durch die schwarze Lanze getödtet habe, und freut sich über sein Glück. Abends gingen sie[120] mit einander nach Haus, da machten die beiden ältesten einen Anschlag auf des andern Leben, ließen ihn voran gehen, und als sie vor die Stadt an die Brücke kamen, fielen sie über ihn her, schlugen ihn todt und begruben ihn tief unter der Brücke. Dann nahm der älteste das Schwein, trugs zu dem König, gab vor er habe es getödtet und erhielt die Prinzessin zur Gemahlin.

Das dauerte viele Jahre, doch sollt es nicht verborgen bleiben. Da ging einmal ein Hirt über die Brücke und sah unten im Sand ein Knöchlein liegen, und weil es so rein und schneeweiß war, wollt er sich ein Mundstück daraus machen, ging hinab und hob es auf. Darnach machte er sichs zum Mundstück für sein Horn, und wie er ansetzen und blasen wollte, da fing das Knöchlein an, von selbst zu singen:

"Ach! du liebes Hirtelein,

du bläßt auf meinem Knöchelein:

meine Brüder mich erschlugen

unter die Brücke begruben,

um das wilde Schwein

für des Königs Töchterlein."

Da nahm der Hirt das Horn und trug es vor den König, da sang es wieder dieselben Worte. Als der König das hörte, ließ er unter der Brücke graben, da ward bald das Gerippe herausgegraben.[121] Die zwei bösen Brüder gestanden ihr Verbrechen und wurden ins Wasser geworfen. Das Gebein aber von dem Gemordeten ward auf dem Kirchhof in ein schönes Grab gelegt.[122]

29. Von dem Teufel mit drei goldenen Haaren.

Ein Holzhacker hackte vor des Königs Haus Holz, oben am Fenster stand die Prinzessin und sah ihm zu. Als es Mittag war, setzte er sich in den Schatten und wollte ruhen, da sah die Prinzessin, daß der Holzhacker sehr schön war, und verliebte sich in ihn, und ließ ihn herauf rufen; und als er die Prinzessin erblickte, und sah wie schön sie war, verliebte er sich wider in sie. Da waren sie bald in ihrer Liebe einig, aber dem König ward verrathen, daß die Prinzessin einen Holzhacker lieb habe. Als der König das hörte, ging er zu ihr und sagte: "du weißt, daß der dein Bräutigam wird, der die drei goldenen Haare bringt, die der Teufel auf dem Kopf hat, er mag nun ein Prinz oder ein Holzhacker seyn; er gedachte aber, kein Prinz ist noch so muthig gewesen, daß er es gekonnt, so wird ein schlechter Holzhacker es noch weniger können". Die Prinzessin[122] war betrüht, denn es waren schon viele Prinzen umgekommen, welche die drei goldenen Haare beim Teufel holen wollten, weil aber kein anderes Mittel übrig blieb, so entdeckte sie dem Holzhacker, was ihr Vater gesagt hatte. Der Holzhacker war gar nicht betrübt und sagte: "das soll mir schon gelingen, bleib mir nur getreu, bis ich wiederkomme, morgen früh zieh ich aus."

Also begab sich der Holzhacker auf die Reise zum Teufel, und kam bald an eine große Stadt. Vor dem Thor fragte ihn der Wächter, was er für ein Handwerk verstehe und was er wisse? "Ich weiß alles", antwortete er. "Wenn du alles weißt, sagte der Thorwächter, so mach unsere Prinzessin gesund, die kein Arzt in der Welt curiren kann". - "Wenn ich wieder komme". In der zweiten Stadt wurde er auch gefragt, was er wisse? "Ich weiß alles". - "So sag uns warum unser schöner Marktbrunnen vetrocknet ist?" - "Wenn ich wieder komme", sagte der Holzhacker und ließ sich nicht aufhalten. Da kam er an einen Feigenbaum, der wollte verdorren, nebenbei stand ein Mann, der fragte ihn, was er wisse? "Ich weiß alles". - "So sag mir warum der Feigenbaum welkt und keine Früchte trägt?" - "Wenn ich wieder komme". - Er ging weiter und kam zu einem Fischer, der mußte ihn[123] überschiffen, der fragte ihn, was er wisse? "Ich weiß alles". - "So sag mir, wann werd' ich einmal abgelöst werden und ein anderer die Leute überschiffen?" - "Wenn ich wieder komme."

Nachdem der Holzhacker drüben war, kam er in die Hölle, da sahs schwarz und rusig aus, der Teufel aber war nicht zu Haus, nur seine Frau saß da. Der Holzhacker sagte zu ihr: "guten Tag, Frau Teufelin, ich bin hierher gekommen und möchte die drei goldenen Haare haben, die euer Mann auf dem Kopfe trägt; auch mögt ich wissen, warum eine Prinzessin nicht kann geheilt werden, warum ein tiefer Marktbrunnen ohne Wasser, und ein Feigenbaum ohne Früchte ist, und warum ein Schiffer nicht

abgelöst wird". Die Frau erschrack und sagte: "wenn der Teufel kommt und findet dich hier, so frißt er dich gleich auf, die drei goldenen Haare kannst du nimmermehr kriegen, weil du aber so jung noch bist, so dauerst du mich, und ich will sehen ob ich dich erretten kann". - Der Holzhacker mußte sich unter das Bett legen, und kaum hatte er ein Weilchen da gelegen, da kam der Teufel nach Haus: "guten Abend Frau", und fing an sich auszuziehen und sagte dann: "wie ist mir in der Stube! ich rieche, ich rieche Menschenfleisch, da muß ich einmal nachsehen". - "Was wirst[124] du wohl riechen! sagte die Frau, du hast den Schnupfen, und da steckt dir immer der Geruch von Menschenfleisch in der Nase, wirf mir nicht alles untereinander, ich habe eben erst gekehrt". - "Ich will nur still seyn, ich bin müde heut Abend, aber du gönnst mir den Bissen nicht, den ich ins Maul stecke."

Damit legte sich der Teufel ins Bett und seine Frau mußte sich zu ihm legen. Bald schlief er ein, erst blies er, dann schnarchte er, anfangs sachte, dann so laut, daß die Fenster zitterten. Als die Frau sah, daß er so fest schlief, packte sie eins von den drei goldenen Haaren fest, riß es heraus und warf es dem Holzhacker unter das Bett. Der Teufel fuhr auf: "was hast du vor, Frau, was raufst du mich?" - "Ach! ich hatte einen schweren Traum, da muß ich es in der Angst gethan haben". - "Wovon hast du denn geträumt?" - "Mir träumte von einer Prinzessin, die war sterbenskrank, und kein Arzt war auf der Welt, der sie heilen konnte". - "Warum thun sie nicht die weiße Unke weg, die unter ihrem Bett steckt" damit legte er sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Als ihn die Frau schnarchen hörte, faßte sie das zweite Haar, riß es aus und warf es unter das Bett. Der Teufel sprang auf: "ei so soll dich - bist du toll geworden, du reißt mich ja wieder entsetzlich[125] in den Haaren!" - "Ach! lieber Mann, ich stand vor einem großen Marktbrunnen, die Leute jammerten weil kein Wasser darin war, und fragten mich, ob ich keine Hülfe wisse, da guckte ich hinein, er war so tief, daß mir schwindlicht wurde, ich wollte mich halten und da bin ich dir in die Haare gerathen". - "Du hättest nur sagen sollen, sie müßten den weißen Stein herausholen, der unten liegt, aber laß mich mit deinen Träumen in Ruh". Er legte sich wieder und schnarchte bald so abscheulich wie vorher. Die Frau gedacht: du mußt es noch einmal wagen, und riß auch das dritte Goldhaar heraus und warfs hinunter. Der Teufel fuhr in die Höh und wollte übel wirthschaften, die Frau aber besänftigte ihn, küßte ihn und sagte: "das sind böse Träume! Ein Mann zeigte mir einen Feigenbaum, der verdorren wollte und klagte, daß er keine Früchte trage, da wollte ich an dem Baum schütteln, ob wohl noch etwas herabfalle, und da habe ich deine Haare geschüttelt". - "Das wäre auch umsonst gewesen, an der Wurzel

nagt eine Maus, wenn die nicht getödtet wird, so ist der Baum verloren, ist die erst todt, dann wird er schon wieder frisch werden, und Früchte tragen; aber plag mich nicht mehr mit deinen Träumen, ich will schlafen, und wenn du mich noch einmal aufweckst, so kriegst du eine Ohrfeige."[126] Der Frau war Angst vor dem Zorn des Teufels, aber der arme Holzhacker mußte noch etwas wissen, das wußte der Teufel allein. Da zupfte sie ihn an der Nase und zog ihn in die Höh. Der Teufel sprang wie unsinnig auf, und gab ihr eine Ohrfeige, daß es schallte. Die Frau fing an zu weinen und sagte; "willst du, daß ich ins Wasser falle? Ein Fischer hatte mich über den Strom gefahren, und als der Nachen ans Ufer kam, stieß er an, da fürchtete ich mich zu fallen und wollte mich an den Stamm halten, woran die Kette festgemacht wird, da hab ich mich an deine Nase gehalten". - "Warum hast du nicht Acht gegeben? das thut der Nachen jedesmal". - "Der Fischer klagte mir, daß niemand komme, ihn abzulösen und er seiner Arbeit kein Ende sehe". - "Er muß den ersten, der kommt anhalten, so lange zu fahren, bis ein dritter kommt, der ihn wieder ablöst, so ist ihm geholfen; aber du träumst curios, das ist wahr mit dem Schiffer und alles andere auch: jetzt weck mich nicht wieder, der Morgen muß bald anbrechen, ich will noch schlafen, sonst spring ich übel mit dir um."

Wie nun der Holzhacker alles gehört hatte, und der Teufel wieder schnarchte, bedankte er sich bei der Frau Teufelin und zog fort. Als er zu dem Fischer kam, wollte der Auskunft[127] haben. "Fahr mich nur erst hinüber". Drüben aber sagte er zu ihm: "der erste, der wieder kommt und will übergefahren seyn, den halt an, daß er so lange das Amt übernimmt, bis ihn wieder einer ablöst". Darauf kam er zu dem Mann mit dem unfruchtbaren Feigenbaum und sagte ihm: "tödte nur die weiße Maus, die an den Wurzeln nagt, so wird dein Baum wieder Früchte tragen wie vorher". - "Was verlangst du zur Belohnung", fragte der Mann. "Ein Regiment Infanterie" und kaum hatte er das gesagt, so marschirte ein Regiment hinter ihm her. Der Holzhacker gedacht, das geht gut, und kam in die Stadt, wo der Marktbrunnen vertrocknet war: "holt den weißen Stein heraus, der auf dem Grund liegt". Da stieg einer hinab und holte den Stein, und kaum war er oben, so füllte sich der Brunnen wieder mit dem klarsten Wasser. "Womit sollen wir dich belohnen", fragte der Bürgemeister. - "Gebt mir ein Regiment Cavallerie". Und als der Holzhacker zum Thor hinausging, ritt auch ein Regiment Cavallerie hintendrein. So kam er in die andere Stadt, wo die Prinzessin krank lag, die kein Arzt curiren konnte. "Macht nur die weiße Unke todt, die unter dem Bett versteckt ist", und wie das geschehen war, so fing die Prinzessin an sich zu erholen, frisch und roth zu werden.[128] "Was willst

du zur Belohnung?" fragte der König. "Vier Wagen mit Gold beladen", sagte der Holzhacker.

Endlich kam der Holzhacker heim und hinter ihm ein Regiment Infanterie, ein Regiment Cavallerie und vier Wagen ganz mit Gold beladen, die drei goldenen Haare aber trug er bei sich. Vor dem Thore hieß er seine Begleitung warten, wenn er aber von dem Schloß ein Zeichen gäbe, dann sollten sie schnell einziehen. Darauf ging er vor der Prinzessin, seiner Geliebten, Vater, reichte ihm die drei goldenen Haare des Teufels und bat ihn, seinem Versprechen gemäß ihm die Prinzessin zu geben. Der König erstaunte, sagte, mit den drei goldenen Haaren habe es seine Richtigkeit, aber wegen der Prinzessin müsse er sich bedenken. Wie der Holzhacker das hörte, stellte er sich zum Fenster und pfiff hinaus, da kamen auf einmal durch das Thor ein Regiment Infanterie, ein Regiment Cavallerie und vier schwerbeladene Wagen marschirt. "Herr König, sagte der Holzhacker, seht her, das sind meine Leute, die ich mitgebracht habe, und dort das ist mein Reichthum in den Wagen, die sind voller Gold: wollt ihr mir nun die Prinzessin geben?" Der König erschrack und sagte: "ja von Herzen gern" Da wurden beide vermählt und lebten in Glückseligkeit.[129]

Darum- wer den Teufel nicht fürchtet, der kann ihm die Haare ausreißen und die ganze Welt gewinnen.[130]

30. Läuschen und Flöhchen.

Ein Läuschen und ein Flöhchen die lebten zusammen in einem Haushalt, und brauten sich Bier in einer Eierschale. Da fiel das Läuschen hinein und verbrennte sich. Darüber fing das Flöhchen laut an zu schreien. Da sprach die kleine Stubenthüre:

"was schreist du Flöhchen?" -

"weil sich Läuschen verbrennt hat."

Da fing das Thürchen an zu knarren. Da sprach ein Besenchen in dem Hausehrn:

"was knarrst du Thürchen?" -

"soll ich nicht knarren?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint."

Da fing der kleine Besen an entsetzlich zu kehren.

Da kam ein Wägelchen vorbei:

"was kehrst du Besenchen?" -

"Soll ich nicht kehren?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint,

Thürchen knarrt."[130]

Da sagt das Wägelchen, so will ich entsetzlich rennen und rennt entsetzlich. Da sagt das Mistchen, an dem es vorbeirennt:

"was rennst du Wägelchen?"

"Soll ich nicht rennen?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint,

Thürchen knarrt,

Besenchen kehrt."

Da sagt das Mistchen, so will ich anfangen zu brennen, und brennt entsetzlich.

Da stand ein Bäumchen das sagt:

"Mistchen was brennst du?" -

"Soll ich nicht brennen?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint,

Thürchen knarrt,

Besenchen kehrt,

Wägelchen rennt."

Da sagt das Bäumchen, so will ich mich schütteln, und schüttelte all sein Laub ab. Da sagt ein Mädchen mit dem Wasserkrügelchen:

"Bäumchen was schüttelst du dich?" -

"Soll ich mich nicht schütteln?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint,

Thürchen knarrt,

Besenchen kehrt,[131]

Wägelchen rennt,

Mistchen brennt."

Da sagt das Mädchen, so will ich mein Wasserkrügelchen zerbrechen, und zerbrach sein Wasserkrügelchen; da sagt das Brünnlein:

"Mädchen, was zerbrichst du dein Wasserkrügelchen?" -

"Soll ich mein Wasserkrügelchen nicht zerbrechen?

Läuschen hat sich verbrennt,

Flöhchen weint,

Thürchen knarrt,

Besenchen kehrt,

Wägelchen rennt,

Mistchen brennt,

Bäumchen schüttelt sich."

Ei! sagte das Brünnchen, so will ich anfangen zu fließen, und fing so entsetzlich an zu fließen, daß alles ertrunken ist, das Mädchen, das Bäumchen, das Mistchen, das Wägelchen, das Besenchen, das Thürchen, das Flöhchen, und das Läuschen, alles miteinander.[132]

31. Mädchen ohne Hände.

Ein Müller, der so arm war, daß er nichts weiter hatte, als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter, ging in den Wald Holz holen. Da trat ihn ein alter Mann an,[132] der sprach: was quälst du dich so sehr, ich will dich reich machen, verschreib mir dafür, was hinter deiner Mühle steht, in drei Jahren will ichs abholen. Der Müller denkt: das ist mein Apfelbaum, sagte ja, und verschriebs dem Manne. Wie er nach Haus kommt, sagt seine Frau zu ihm: "Müller, woher kommt der große Reichthum, der auf einmal Kisten und Kasten in unserm Haus angefüllt hat?" - das kommt von einem alten Mann aus dem Wald, ich hab ihm dafür verschrieben, was hinter der Mühle steht. - "Ach Mann, sprach die Frau erschrocken, das wird schlimm werden, der alte Mann war der Teufel und er hat unsere Tochter damit gemeint, die hat gerad hinter der Mühle gestanden und den Hof gekehrt."

Die Müllerstochter war aber gar schön und fromm, und nach drei Jahren kam der Teufel ganz früh und wollte sie holen, aber sie hatte mit Kreide einen Kranz um sich gemacht und sich rein gewaschen. Da konnte der Teufel nicht zu ihr kommen, zornig sprach er zu dem Müller: "thu ihr alles Waschwasser weg, daß sie sich nicht mehr waschen kann, und ich Gewalt über sie habe". Der Müller fürchtete sich und that es. Am andern Tag kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint und sich mit ihren Thränen gewaschen, und war ganz rein; da konnte ihr der Teufel abermals[133] nicht nahen, ärgerte sich sehr und befahl dem Müller: "hau ihr die Hände ab, daß ich ihr was anhaben kann". Der Müller

aber entsetzte sich und antwortete: wie könnte ich meinem lieben Kind die Hände abhauen, nein, das thu ich nicht. "Weißt du was, so hol ich dich selber, wenn dus nicht thust!" Da fürchtete sich der Müller gewaltig und versprach ihm in der Angst, zu thun was er befohlen hätte. Ging zu seiner Tochter und sprach: mein Kind, der Teufel wird mich holen, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, und da habe ich es ihm versprochen, ich bitte dich um Verzeihung. "Vater, sagte sie, macht mit mir was ihr wollt", legte ihre beiden Hände hin und ließ sie abhauen. Zum drittenmal kam der Teufel, allein sie hatte so lang und viel auf ihre Stümpfe geweint, daß sie doch ganz rein wurde, da hatte der Teufel alles Recht an ihr verloren.

Der Müller, weil er so großes Gut durch sie gewonnen hatte, versprach ihr nun, er wolle sie Zeitlebens aufs köstlichste halten, allein sie mochte nicht mehr dableiben: "ich will fort von hier, mitleidige Menschen werden mir schon soviel geben, als ich zum Leben brauche". Die beiden abgehauenen Hände ließ sie sich auf den Rücken binden; mit Sonnenaufgang zog sie fort und ging und ging den ganzen Tag, bis es[134] Abend wurde, da kam sie zu des Königs Garten. In der Gartenhecke war eine Lücke, durch die ging sie hinein, fand einen Obstbaum, den schüttelte sie mit ihrem Leib, und wie die Aepfel zur Erde fielen, bückte sie sich nieder und hob sie mit ihren Zähnen auf und aß sie. Zwei Tage lebte sie so, am dritten aber kamen die Wächter des Gartens, die sahen sie, nahmen sie gefangen und warfen sie ins Gefangenhaus, des andern Morgens wurde sie vor den König geführt, und sollte Landes verwiesen werden. Ei, sprach der Königssohn, sie kann ja lieber die Hüner auf dem Hof hüten!

So blieb sie eine Zeitlang da und hütete die Hüner, der Königssohn aber sah sie oft und gewann sie von Herzen lieb; mittlerweile kam nun die Zeit, daß er sich vermählen sollte. Da wurde ausgeschickt in alle weite Welt, um ihm eine schöne Gemahlin auszusuchen. "Ihr braucht nicht weit zu suchen und zu senden, sprach er, ich weiß mir eine ganz in der Nähe". Der alte König besann sich hin und her und es war ihm keine Jungfrau im Land bekannt, die schön und reich wäre: "du wirst doch nicht etwa gar die da wollen heirathen, die die Hüner im Hofe hütet?" Der Sohn aber erklärte, er würde nimmermehr eine andere nehmen, da mußte es endlich der König zugeben, und bald darauf starb er; der Königssohn[135] folgte ihm im Reich nach, und lebte in soweit glücklich mit seiner Gemahlin.

Nun mußte aber einmal der König in den Krieg ziehen und während seiner Abwesenheit gebar sie ein schönes Kind, und sandte einen Boten mit einem Brief ab, worin sie ihrem Gemahl die frohe Nachricht meldete.

Der Bote ruhte unterwegs an einem Bache und schlief ein, da kam der Teufel, der ihr immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, worin stand, daß die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Der König, als er den Brief las, betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort: man solle die Königin und das Kind wohl halten, bis zu seiner Rückkunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück und als er am nämlichen Platz ruhte und eingeschlafen war, nahte sich der böse Teufel wieder, und schob einen andern Brief unter, worin der König befahl, Königin und Kind aus dem Land zu jagen. Dies mußte nun so geschehen, so sehr auch alle Leute vor Traurigkeit weinten: "ich bin nicht hierhergekommen, um Königin zu werden, ich habe kein Glück und verlange auch keins, bindet mir mein Kind und die Hände auf den Rücken, so will ich in die Welt ziehen". Abends kam sie in einen dicken Wald zu einem Brunnen, wobei ein guter alter Mann saß. "Seyd doch so barmherzig, sprach[136] sie, und haltet mir mein Kind an die Brust, so lange bis ich ihm zu trinken gegeben habe" welches der Mann that, und darauf sagte er zu ihr: "dort steht ein dicker Baum, zu dem geh hin und schlinge deine abgestumpften Arme dreimal um ihn!" und als sie es gethan, wuchsen ihr die Hände wieder an. Darauf zeigte er ihr ein Haus: "darin wohne und geh nicht heraus und mache niemand die Thür auf, der nicht dreimal um Gotteswillen darum bittet."

Indessen war der König nach Haus gekommen und sah ein, wie er betrogen worden war. In der Begleitung eines einzigen Dieners machte er sich auf, und nach einer langen Reise verirrte er sich endlich gerade in der Nacht in demselben Walde, wo die Königin wohnte, er wußte aber nicht, daß sie ihm so nah war. Dort hinten, sprach der Diener, glimmt ein Lichtchen in einem Haus, gottlob, da können wir ruhen. - "ach nein, sprach der König, ich will nicht so lange rasten, und weiter nach meiner geliebten Frau suchen, eher habe ich doch keine Ruhe". Allein der Diener bat so viel und klagte so über Müdigkeit, daß der König, aus Mitleid einwilligte. Wie sie zu dem Haus kamen, schien der Mond und sie sahen die Königin am Fenster stehen. "Ach, das muß unsere Königin seyn, so gleicht sie ihr" sagte der Diener, aber ich sehe doch, daß sie es nicht ist, denn diese da[137] hat Hände. Der Diener sprach sie nun um Herberg an, aber sie sagte es ab, weil er nicht um Gotteswillen gebeten hatte. Er wollte weiter gehen, und einen andern Platz zum Nachtlager suchen; da trat der König selbst hinzu: "lasset mich ein, um Gotteswillen! nicht eher darf ich euch einlassen, bis ihr mich dreimal um Gotteswillen gebeten habt", und wie der König noch zweimal gebeten hatte, machte sie auf, da kam sein Söhnlein herausgesprungen führte ihn zur Mutter hin, und er erkannte sie alsobald für seine geliebte Frau. Den andern Morgen

reisten sie allemiteinander in ihr Land, und wie sie zum Haus heraus waren, war es hinter ihnen verschwunden.[138]

32. Der gescheidte Hans.

I.

Hansens Mutter spricht: "wohin Hans?" Hans antwortet: "zur Grethel". - "Machs gut Hans" - "Schon gut machen, Adies, Mutter" - Hans kommt zur Grethel: "guten Tag Grethel". - "Guten Hans: was bringst du Gutes?" - "Bring nichts, gegeben han". -

Grethel schenkt dem Hans eine Nadel, Hans spricht: "Adies, Grethel". - "Adies,[138] Hans". - Hans nimmt die Nadel und steckt sie in einen Heuwagen und geht hinterher nach Haus. "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend Hans, wo bist du gewesen?" - "Bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht?" - "Nichts gebracht, gegeben hat" - "Was hat sie dir gegeben?" - "Nadel gegeben" - "wo hast du die Nadel, Hans" - "In Heuwagen gesteckt". - "Das hast du dumm gemacht, mußts an Aermel stecken". - "Thut nichts, besser machen."

"Wohin Hans?" - "zur Grethel". - "Machs gut, Hans". - "Schon gut machen, Adies, Mutter". - Hans kommt zur Grethel: "guten Tag, Grethel:" - "guten Tag, Hans: was bringst du Gutes?" - "Bring nichts, gegeben han."

Grethel schenkt dem Hans ein Messer. "Adies, Grethel" - "Adies, Hans" - Hans nimmt das Messer, steckts an den Aermel und geht nach Haus. "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend, Hans, wo bist du gewesen?" - "Bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht!" - "Nichts gebracht, gegeben hat?" "Was hat sie dir gegeben?" - "Messer gegeben". - "Wo hast du das Messer Hans?" - "An den Aermel gesteckt". - "Das hast du dumm gemacht, mußts in die Tasche stecken". - "Thut nichts, besser machen."[139]

"Wohin, Hans?" - "zur Grethel". - "Machs gut, Hans". - "Schon gut machen, Adies, Mutter". - Hans kommt zur Grethel: "guten Tag, Grethel". - "Guten Tag, Hans: was bringst du Gutes?" - "Bring nichts, gegeben han."

Grethel schenkt dem Hans eine junge Ziege. "Adies, Grethel" - "Adies, Hans". Hans nimmt die Ziege bindet ihr die Beine und steckt sie in die Tasche, wie er nach Haus kommt, ist sie erstickt. "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend, Hans, wo bist du gewesen?" - "bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht?" "Nichts gebracht, gegeben hat". - "Was hat sie dir

gegeben?" - "Ziege gegeben". - "wo hast du die Ziege, Hans?" - "In die Tasche gesteckt" - "das hast du dumm gemacht, Hans, mußts an ein Seil binden". - "Thut nichts, besser machen."

"Wohin Hans?" - "zur Grethel". - "Machs gut, Hans". - "Schon gut machen, Adies, Mutter". - Hans kommt zur Grethel: "Guten Tag, Grethel". - "Guten Tag, Hans: was bringst du Gutes?" - "Bring nichts, gegeben han". -

Grethel schenkt dem Hans ein Stück Speck. Hans bindet den Speck an ein Seil und schleifts hinter sich, die Hunde kommen und fressen es[140] ab, wie er nach Haus kommt, ist das Seil leer. "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend, Hans, wo bist du gewesen?" - "Bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht?" - "Nichts gebracht, gegeben hat". - "Was hat sie dir gegeben?" - "Stück Speck gegeben?" - "wo hast du den Speck, Hans?" - "Ans Seil gebunden, heim geführt, fort gewesen". - "Das hast du dumm gemacht, Hans, mußts auf dem Kopf tragen". - "Thut nichts, besser machen."

"Wohin, Hans?" - "zur Grethel". - "Machs gut, Hans". - "Schon gut machen, Adies, Mutter". - Hans kommt zur Grethel: "guten Tag, Grethel:" - "guten Tag, Hans: was bringst du Gutes?" "Bring nichts gegeben han". -

Grethel schenkt dem Hans ein Kalb, Hans setzt es auf den Kopf, und es zertritt ihm das Gesicht. - "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend, Hans, wo bist du gewesen?" - "Bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht?" - "Nichts gebracht, gegeben hat". "Was hat sie dir gegeben?" - "Kalb gegeben". - "Wo hast du das Kalb, Hans?" - "Auf den Kopf gesetzt, Gesicht zertreten". - "Das hast du dumm gemacht, Hans, mußts leiten und an die Raufe stellen". - "Thut nichts, besser machen."[141]

"Wohin Hans?" - "Zur Grethel". - "Machs gut, Hans". - "Schon gut machen, Adies Mutter". - "Guten Tag, Grethel". - "Guten Tag, Hans: was bringst du Gutes?" - "Bring nichts, gegeben han."

Grethel sagt: "ich will mit dir gehen". Hans bindet die Grethel an ein Seil, leitet sie, führt sie vor die Raufe und knüpft sie fest. "Guten Abend, Mutter". - "Guten Abend, Hans: wo bist du gewesen?" - "Bei der Grethel". - "Was hast du ihr gebracht". - "Nichts gebracht, gegeben hat". - "Was hat sie dir gegeben". - "Grethel mitgegangen". - "Wo hast du die Grethel". - "Geleitet, vor die Raufe geknüpft, Gras vorgeworfen". - "Das hast du dumm gemacht, mußt ihr die Augen freundlich zuwerfen". - "Thut nichts, besser machen."

Hans geht in den Stall, sticht allen Kälbern und Schafen die Augen aus und wirft sie der Grethel ins Gesicht; da wird Grethel bös, reißt sich los, und läuft fort und ist Hansens Braut gewesen.[142]

II.

Im Geslinger Thal, da wohnt eine sehr reiche Wittfrau, die hätt' einen einigen Sohn, der war einer groben und tollen Verständniß: er war auch der allernärrischte Mensch unter allen[142] Einwohnern desselbigen Thals. Derselbige Geck sahe auf eine Zeit zu Sarbrücken, eines wohlgeachten herrlichen Manns Tochter, die eine schöne, wohlgestalte, verständige Jungfrau war. Der Narr ward ihr gleich hold und lage der Mutter an, daß sie ihm dieselbige zu einer Frauen schaffen wollte, wo nicht, so wollte er Ofen und Fenster einschlagen und alle Stiegen im Haus abbrechen. Die Mutter wußt und sahe wohl ihres närrischen Sohns Kopf und fürcht, wenn sie ihn gleichwohl um die Jungfrau werben ließe und ihm ein groß Gut dazu gebe, so wär er doch ein so ungehobelter Esel, daß nichts mit ihm auszurichten oder versehen wäre. Wiewohl aber der Jungfrauen Eltern herrliche Leute und von gutem Geschlecht, so waren sie doch also gar arm, daß sie Armuth halber die Tochter ihrem Stande nach nit wüßten zu versorgen, derohalben diese Werbung desto leichter Statt gewann. Die Mutter furchte nun auch, dieweil ihr Sohn also ein großer ungeschickter Götz wäre, daß ihn vielleicht die Jungfrau nit wöllen haben, gab ihm darum allerhand Lehren, damit er sich bei der Braut fein höflich zuthun und hurtig machen könnte. Und als der Klotz erstlich mit der Jungfrau red't, da schankt sie ihm ein hübsch paar Handschuh aus weichem Corduanleder gemacht. Lawel thät sie an, zog heim;[143] so kommt ein großer Regen, er behielt die Handschuhe an: galt gleich, ob sie naß wurden oder nit. Wie er aber einen Steg will gan, so glitscht er aus und fällt ins Wasser und Moor, er kommt heim, war wohl besudelt, die Handschuhe waren eitel Fleisch; klagts der Mutter, die gut alt Mutter schalt ihn und sagte, er sollts ins Fazziletlin(Schnupftuch) gewickelt und in Busen gestoßen haben. Bald darnach zeucht der gut Löffel wieder zu der Jungfrauen; sie fragt nach den Handschuhen, er sagt ihr, wie es ihm mit gegangen wäre. Sie lacht und merkt das erst Stück seiner Weisheit und schenkt ihm ein Habicht. Er nahm ihn, ging heim und gedacht an der Mutter Rede, würgt den Habicht, wickelt ihn in sein Brusttuch und stieß ihn in den Busen. Kam heim, wollt den hübschen Vogel der Mutter zeigen, zog ihn aus dem Busen. Die Mutter fährt ihm wieder über den Kamm, sagt, er sollte ihn fein auf der Hand getragen haben. Zum drittenmal kommt Jockel wieder zu der Jungfrauen, sie fragt, wie es um den Habicht stände, er sagt ihr, wie es ihm mit gegangen; was sie gedacht: er ist ein lebendiger Narr; sah wohl, daß ihm nichts säuberlichs noch herrlichs gebührte, und schenkt ihm ein Egge, die er brauchen sollt, wenn er gesät hätte. Er nahm der Mutter Wort zu Herzen,

und trug[144] sie auf den Händen empor, wie ein anderer Loffelbitz heim. Die Mutter war gar übel zufrieden, sprach, er sollt sie an ein Pferd gebunden haben und heim geschleift. Letztlich sahe die Jungfrau, daß Chrisam und Tauf an ihm verloren war, denn es war weder Vernunft noch Weisheit in ihm, wußt nit, wie sie des Narren ledig werden sollt, gab ihm daher ein groß Stück Specks, und stieß es ihm in den Busen: er wars wohl zufrieden. Er wollt heim und fürcht, er würds im Busen verlieren, und bands einem Roß an den Schwanz, saß drauf und ritt heim, da liefen die Hunde hinten nach und rissen den Speck dem Pferd vom Schwanz und fraßen ihn. Er kommt heim, der Speck war auch hinweg. Hintennach sahe die Mutter ihres Sohns Weisheit, fürcht, die Heirath würd' nit vor sich gehen, fuhr zu der Jungfrau Eltern, begehrt den Tag der Beredung zu wissen mit ihrem Sohn, und wie sie hinweg will, befiehlt sie ihm ernstlich, daß er wohl Haushalt und kein groß Wesen mach, denn sie hab eine Gans über Eiern sitzen. Als nun die Mutter aus dem Haus war, so zeucht der Sohn fein in den Keller, sauft sich voller Weins und verliert den Zapfen zum Faß, wie er den sucht, so lauft der Wein alle in den Keller. Der gut Vetter nimmt einen Sack mit Mehl, und schütt' es in den Wein, daß es die[145] Mutter nit sähe, wenn sie kommt. Demnach lauft er auf hin ins Haus, und hat ein wild's Gebrächt: so sitzt die Gans da und brütelt, die erschrickt und schreit gaga! gaga! Den Narren kommt ein Furcht an und meint, die Gans hät gesagt: "ich wills sagen", und fürcht, sie schwätzt, wie er im Keller Haus gehalten; nahm die Gans und hieb ihr den Kopf ab. Nun furcht er, wo die Eier auch verdürben, so wär er in tausend Lästen, bedacht sich und wollt' die Eier ausbrüten, meint doch, es würd sich nit wohl schicken, dieweil er nit voll Federn wäre, wie die Gans. Bedacht sich bald, zeucht sich ganz aus und schmiert den Leib zuring mit Honig, den hätt die Mutter erst neulich gemacht und schütt darnach ein Bett aus und walgert sich allenthalb in den Federn, daß er sahe, wie ein Hanfbutz, und setzt sich also über die Gänseier und war gar still, daß er die jungen Gäns nit erschreckt. Wie Hanswurst also brütet, so kommt die Mutter und klopft an die Thüren: der Lawel sitzt über den Eiern und will keine Antwort geben, sie klopft noch mehr, so schreit er gaga! gaga! und meint, dieweil er junge Gäns(oder Narren) brütelt, so könnt' er auch kein andre Sprach. Zuletzt dräut ihm die Mutter so sehr, daß er aus dem Nest kroch und ihr aufthät. Als sie ihn sahe, da meint' sie, es wär der lebendige Teufel,[146] fragt, was das wäre, er sagt ihr alle Ding nach der Ordnung. Der Mutter wars Angst mit dem Doppelnarren, dann die Braut sollt bald nachfolgen, und sagt zu ihm, sie wollts ihm gern verzeihen, er sollt sich nur jetzt züchtig halten, denn die Braut käme, daß er sie fein freundlich empfahen und grüßen

sollte und die Augen also höflich und fleißig in sie werfen. Der Narr sagt ja, er wollts alles thun, wischt die Federn ab, und thät sich wieder an, geht in den Stall und sticht den Schafen allen die Augen aus, stößt sie in Busen. Sobald die Braut kommt, so geht er ihr entgegen, wirft ihr die Augen, alle, soviel er hat, ins Angesicht, meint, es müsse also seyn. Die gut Jungfrau schämet sich, daß er sie also beschmutzt und verwüst hat, sah des Narren Grobheit, daß er zu allen Dingen verderbt war, zog wieder heim, sagt ihm ab. Also blieb er ein Narr nach wie vor und brütelt junge Gäns noch auf diesen Tag aus. Ich besorg aber, wenn sie ausschliefen werden, so sollten es wohl junge Narren seyn. Gott behüt uns.[147]

33. Der gestiefelte Kater.

Ein Müller hatte drei Söhne, seine Mühle, einen Esel und einen Kater; die Söhne[147] mußten mahlen, der Esel Getreide holen und Mehl forttragen und die Katz die Mäuse wegfangen. Als der Müller starb, theilten sich die drei Söhne in die Erbschaft, der ältste bekam die Mühle, der zweite den Esel, der dritte den Kater, weiter blieb nichts für ihn übrig. Da war er traurig und sprach zu sich selbst: "ich hab es doch am allerschlimmsten kriegt, mein ältster Bruder kann mahlen, mein zweiter kann auf seinem Esel reiten, was kann ich mit dem Kater anfangen? laß ich mir ein paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen, so ists vorbei". "Hör, fing der Kater an, der alles verstanden hatte, was er gesagt, du brauchst mich nicht zu tödten, um ein paar schlechte Handschuh aus meinem Pelz zu kriegen, laß mir nur ein paar Stiefel machen, daß ich ausgehen kann und mich unter den Leuten sehen lassen, dann soll dir bald geholfen seyn". Der Müllerssohn verwunderte sich, daß der Kater so sprach, weil aber eben der Schuster vorbeiging, rief er ihn herein und ließ ihm ein paar Stiefel anmessen. Als sie fertig waren, zog sie der Kater an, nahm einen Sack, machte den Boden desselben voll Korn, oben aber eine Schnur daran, womit man ihn zuziehen konnte, dann warf er ihn über den Rücken und ging auf zwei Beinen, wie ein Mensch, zur Thür hinaus.[148]

Dazumal regierte ein König in dem Land, der aß die Rebhühner so gern: es war aber eine Noth, daß keine zu kriegen waren. Der ganze Wald war voll, aber sie waren so scheu, daß kein Jäger sie erreichen konnte. Das wußte der Kater und gedacht seine Sache besser zu machen; als er in den Wald kam, thät er den Sack auf, breitete das Korn auseinander, die Schnur aber legte er ins Gras und leitete sie hinter eine Hecke. Da versteckte er sich selber, schlich herum und lauerte. Die

Rebhühner kamen bald gelaufen, fanden das Korn und eins nach dem andern hüpfte in den Sack hinein. Als eine gute Anzahl darin war, zog der Kater den Strick zu, lief herzu und drehte ihnen den Hals um; dann warf er den Sack auf den Rücken und ging geradeswegs nach des Königs Schloß. Die Wache rief: "halt! wohin". - "Zu dem König", antwortete der Kater kurzweg. - "Bist du toll, ein Kater zum König?" - "Laß ihn nur gehen, sagte ein anderer, der König hat doch oft lange Weil, vielleicht macht ihm der Kater mit seinem Brummen und Spinnen Vergnügen". Als der Kater vor den König kam, machte er einen Reverenz und sagte: "mein Herr, der Graf, dabei nannte er einen langen und vornehmen Namen, läßt sich dem Herrn König empfehlen und schickt ihm hier Rebhühner, die er eben in[149] Schlingen gefangen hat". Der König erstaunte über die schönen fetten Rebhühner, wußte sich vor Freude nicht zu lassen, und befahl dem Kater so viel Gold aus der Schatzkammer in den Sack zu thun, als er tragen könne: "das bring deinem Herrn und dank ihm noch vielmal für sein Geschenk."

Der arme Müllerssohn aber saß zu Haus am Fenster, stützte den Kopf auf die Hand und dachte, daß er nun sein letztes für die Stiefeln des Katers weggegeben, und was werde ihm der großes dafür bringen können. Da trat der Kater herein, warf den Sack vom Rücken, schnürte ihn auf und schüttete das Gold vor den Müller hin: "da hast du etwas vor die Stiefeln, der König läßt dich auch grüßen und dir viel Dank sagen". Der Müller war froh über den Reichthum, ohne daß er noch recht begreifen konnte, wie es zugegangen war. Der Kater aber, während er seine Stiefel auszog, erzählte ihm alles, dann sagte er: "du hast zwar jetzt Geld genug, aber dabei soll es nicht bleiben, morgen zieh ich meine Stiefel wieder an, du sollst noch reicher werden, dem König hab ich auch gesagt, daß du ein Graf bist". Am andern Tag ging der Kater, wie er gesagt hatte, wohl gestiefelt wieder auf die Jagd, und brachte dem König einen reichen Fang. So ging es alle Tage, und der Kater brachte alle[150] Tage Gold heim, und ward so beliebt wie einer bei dem König, daß er aus- und eingehen durfte und im Schloß herumstreichen, wo er wollte. Einmal stand der Kater in der Küche des Königs beim Heerd und wärmte sich, da kam der Kutscher und fluchte: "ich wünsch' der König mit der Prinzessin wär beim Henker! ich wollt ins Wirthshaus gehen und einmal trinken und Karte spielen, da soll ich sie spazieren fahren an den See". Wie der Kater das hörte, schlich er nach Haus und sagte zu seinem Herrn: "wenn du willst ein Graf und reich werden, so komm mit mir hinaus an den See und bad dich darin". Der Müller wußte nicht, was er dazu sagen sollte, doch folgte er dem Kater, ging mit ihm, zog sich splinternackend aus und sprang ins Wasser. Der Kater aber nahm seine

Kleider, trug sie fort und versteckte sie. Kaum war er damit fertig, da kam der König dahergefahren; der Kater fing sogleich an, erbärmlich zu lamentiren: "ach! allergnädigster König! mein Herr, der hat sich hier im See gebadet, da ist ein Dieb gekommen und hat ihm die Kleider gestohlen, die am Ufer lagen, nun ist der Herr Graf im Wasser und kann nicht heraus, und wenn er länger darin bleibt wird er sich verkälten und sterben". Wie der König das hörte, ließ er Halt machen und einer von seinen Leuten mußte[151] zurückjagen und von des Königs Kleidern holen. Der Herr Graf zog die prächtigsten Kleider an, und weil ihm ohnehin der König wegen der Rebhüner, die er meinte von ihm empfangen zu haben, gewogen war, so mußte er sich zu ihm in die Kutsche setzen. Die Prinzessin war auch nicht bös darüber, denn der Graf war jung und schön, und er gefiel ihr recht gut.

Der Kater aber war vorausgegangen und zu einer großen Wiese gekommen, wo über hundert Leute waren und Heu machten. "Wem ist die Wiese, ihr Leute?" fragte der Kater. - "Dem großen Zauberer". - "Hört, jetzt wird der König bald vorbeifahren, wenn der fragt, wem die Wiese gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht thut, so werdet ihr alle todtgeschlagen". - Darauf ging der Kater weiter und kam an ein Kornfeld, so groß, daß es niemand übersehen konnte, da standen mehr als zweihundert Leute und schnitten das Korn. "Wem ist das Korn ihr Leute?" - "Dem Zauberer". Hört, jetzt wird der König vorbeifahren, wenn er frägt, wem das Korn gehört, so antwortet: "dem Grafen; und wenn ihr das nicht thut, so werdet ihr alle todtgeschlagen". - Endlich kam der Kater an einen prächtigen Wald, da standen mehr als dreihundert Leute, fällten die großen Eichen[152] und machten Holz. - "Wem ist der Wald, ihr Leute?" - "Dem Zauberer". - "Hört, jetzt wird der König vorbeifahren, wenn er frägt, wem der Wald gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht thut, so werdet ihr alle umgebracht". Der Kater ging noch weiter, die Leute sahen ihm alle nach und weil er so wunderlich aussah, und wie ein Mensch im Stiefeln daherging, fürchteten sie sich vor ihm. Er kam bald an des Zauberers Schloß, trat kecklich hinein und vor ihn hin. Der Zauberer sah ihn verächtlich an, und fragte ihn, was er wolle. Der Kater machte einen Reverenz und sagte: "ich habe gehört, daß du in jedes Thier nach deinem Gefallen dich verwandeln könntest; was einen Hund, Fuchs oder auch Wolf betrifft, da will ich es wohl glauben, aber von einem Elephant, das scheint mir ganz unmöglich, und deshalb bin ich gekommen und mich selbst zu überzeugen". Der Zauberer sagte stolz: "das ist mir eine Kleinigkeit", und war in dem Augenblick in einen Elephant verwandelt; "das ist viel, aber auch in einen Löwen?" - "Das ist auch nichts", sagte

der Zauberer und stand als ein Löwe vor dem Kater. Der Kater stellte sich erschrocken und rief: "das ist unglaublich und unerhört, dergleichen hätt' ich mir nicht im Traume in die Gedanken kommen lassen; aber noch mehr, als alles[153] andere, wär es, wenn du dich auch in ein so kleines Thier, wie eine Maus ist, verwandeln könntest, du kannst gewiß mehr, als irgend ein Zauberer auf der Welt, aber das wird dir doch zu hoch seyn". Der Zauberer ward ganz freundlich von den süßen Worten und sagte: "o ja, liebes Kätzchen, das kann ich auch" und sprang als eine Maus im Zimmer herum. Der Kater war hinter ihm her, fing die Maus mit einem Sprung und fraß sie auf.

Der König aber war mit dem Grafen und der Prinzessin weiter spatzieren gefahren, und kam zu der großen Wiese. "Wem gehört das Heu?" fragte der König - "dem Herrn Grafen" - riefen alle, wie der Kater ihnen befohlen hatte. - "Ihr habt da ein schön Stück Land, Herr Graf", sagte er. Darnach kamen sie an das große Kornfeld. "Wem gehört das Korn, ihr Leute?" - "Dem Herrn Grafen". - "Ei! Herr Graf! große, schöne Ländereien!" - Darauf zu dem Wald: "wem gehört das Holz, ihr Leute?" - "Dem Herrn Grafen". - Der König verwunderte sich noch mehr und sagte: "Ihr müßt ein reicher Mann seyn, Herr Graf, ich glaube nicht, daß ich einen so prächtigen Wald habe". Endlich kamen sie an das Schloß, der Kater stand oben an der Treppe, und als der Wagen unten hielt, sprang er herab, machte die Thüre auf und sagte: "Herr[154] König, Ihr gelangt hier in das Schloß meines Herrn, des Grafen, den diese Ehre für sein Lebtag glücklich machen wird". Der König stieg aus und verwunderte sich über das prächtige Gebäude, das fast größer und schöner war, als sein Schloß; der Graf aber führte die Prinzessin die Treppe hinauf in den Saal, der ganz von Gold und Edelsteinen flimmerte.

Da ward die Prinzessin mit dem Grafen versprochen, und als der König starb, ward er König, der gestiefelte Kater aber erster Minister.[155]

34. Hansens Trine.

Hansens Trine war faul und wollte nichts thun. Sie sprach zu sich selber: "was thu' ich? eß ich, oder schlaf ich, oder arbeit ich? - Ach! ich will erst essen!" - Als sie sich dicksatt gegessen hatte, sprach sie wieder: "was thu' ich? arbeit ich, ober schlaf ich? - Ach! ich will erst ein bischen schlafen". Dann legte sie sich hin und schlief, und wenn sie aufwachte, war es Nacht, da konnte sie nicht mehr zur Arbeit ausgehen. Einmal kam der Hans Nachmittags nach Haus und fand die Trine wieder in der Kammer liegen und schlafen, da nahm er sein Messer und schnitt ihr den Rock[155] ab, bis an die Knie. Trine wachte auf und gedacht: nun willst

du zur Arbeit gehn. Wie sie aber hinauskommt und sieht, daß der Rock so kurz ist, erschrickt sie, wird irr, ob sie auch wirklich die Trine ist, und spricht zu sich selber: "bin ichs oder bin ichs nicht?" Sie weiß aber nicht, was sie drauf antworten soll, steht eine Zeitlang zweifelhaftig, endlich denkt sie: "du willst nach Haus gehen und fragen, ob dus bist, die werdens schon wissen". Also geht sie wieder zurück, klopft ans Fenster und ruft hinein: "ist Hansens Trine drinnen?"; die andern antworten, wie sie meinen: "ja, die liegt in der Kammer und schläft". - "Nun dann bin ichs nicht", sagt die Trine vergnügt, geht zum Dorf hinaus und kommt nicht wieder, und Hans war die Trine los.[156]

35. Der Sperling und seine vier Kinder.

Ein Sperling hatte vier Junge in einem Schwalbennest, wie sie nun flück waren, stoßen böse Buben das Nest ein; sie kommen aber alle in Windbraus davon. Nun ist dem Alten leide, weil seine Söhne in die Welt kommen, daß er sie nicht zuvor vor allerlei Gefahr verwarnet und ihnen gute Lehren fürgesagt habe.[156]

Aufn Herbst kommen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen, allda trifft der Alte seine vier Jungen an, die führt er mit Freuden mit sich heim: "ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre in Winde kamet; höret meine Worte, und folget eurem Vater, und sehet euch wohl vor: kleine Vöglein haben große Gefährlichkeit auszustehn!" Darauf fraget er den ältern, wo er sich den Sommer über aufgehalten, und wie er sich ernährt hätte? "Ich habe mich in den Gärten gehalten, Räuplein und Würmlein gesucht, bis die Kirschen reif wurden". - "Ach! mein Sohn, sagte der Vater, die Schnabelweid ist nicht bös, aber es ist große Gefahr dabei, darum habe forthin deiner wohl Acht und sonderlich wenn Leut in Gärten umher gehn, die lange grüne Stangen tragen, die inwendig hohl sind und oben ein Löchlein haben". - "Ja, mein Vater, wenn denn ein grün Blättlein aufs Löchlein mit Wachs geklebt wäre?" spricht der Sohn. - "Wo hast du das gesehn?" - "In eines Kaufmanns Garten", sagt der Junge. - "O! mein Sohn, spricht der Vater, Kaufleut, geschwinde Leut, bist du um die Weltkinder gewesen, so hast du Weltgeschmeidigkeit genug gelernt, siehe und brauchs nur recht wohl, und trau dir nicht viele."[157]

Darauf befragt er den andern: "wo hast du dein Wesen gehabt?" - "Zu Hofe", spricht der Sohn. - "Sperling und alberne Vöglein dienen nicht an diesem Ort, da viel Gold, Sammet, Seiden, Wehr, Harnisch, Sperber, Kautzen und Blaufüß sind, halt dich zum Roßstall, da man den Haber schwingt, oder wo man drischet, so kann dirs Glück mit gutem Fried

auch dein täglich Körnlein bescheeren". - "Ja Vater, sagt dieser Sohn, wenn aber die Stalljungen Hebritzen machen und ihr Maschen und Schlingen ins Stroh binden, da bleibt auch mancher behenken". - "Wo hast du das gesehn?" sagte der Alte. - "Zu Hof, beim Roßbuben". - "O! mein Sohn, Hofbuben, böse Buben, bist du zu Hof und um die Herren gewesen, und hast keine Federn da gelassen, so hast du ziemlich gelernet, du wirst dich in der Welt wohl wissen auszureißen, doch siehe dich um und auf; die Wölfe fressen auch oft die gescheidten Hündlein."

Der Vater nimmt den dritten auch vor sich: "wo hast du dein Heil versucht?" - "Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich Kübel und Seil eingeworfen und da bisweilen ein Körnlein oder Gräuplein angetroffen". - "Dies ist ja, sagt der Vater, eine feine Nahrung, aber merk gleich wohl auf die Schanz, und siehe fleißig auf, sonderlich wenn sich einer[158] bücket, und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lang zu bleiben". - "Wahr ists, sagt der Sohn; wenn aber einer zuvor einen Wand oder Handstein im Busen oder Tasche trüge?" - "Wo hast du dies gesehn?" - "Bei'n Bergleuten, lieber Vater, wenn sie ausfahren führen sie gemeinlich Handstein bei sich". - "Bergleut, Werkleut, anschlägige Leut, bist du um Bergburschen gewesen, so hast du was gesehen und erfahren."

"Fahr hin und nimm deiner Sachen gleichwohl gut Acht,

Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobold umbracht."

Endlich kommt der Vater an jüngsten Sohn: "Du mein liebes Gackennestle, du warest allzeit der alberst und schwächest, bleib du bei mir, die Welt hat viel grober und böser Vögel, die krumme Schnäbel und lange Krallen haben, und nur auf arme Vöglein lauern, und sie verschlucken, halt dich zu deinesgleichen, und lies die Spinnlein und Räuplein von den Bäumen, oder Häuslein, so bleibst du lang zufrieden". - "Du, mein lieber Vater, wer sich nährt ohn' ander Leut Schaden, der kommt lang hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder Weih wird ihm nicht schaden, wenn er zumal sich und seine ehrliche Nahrung dem lieben Gott all Abend und Morgen treulich[159] befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist, der auch der jungen Räblein Geschrei und Gebet höret, denn ohne seinen Willen fällt auch kein Sperling oder Schneekünglein auf die Erde". - "Wo hast du dies gelernt?" - Antwortet der Sohn: "Wie mich der große Windbraus von dir wegriß, kam ich in ein Kirch, da las ich den Sommer die Fliegen und Spinnen von den Fenstern ab, und höret diese Sprüch predigen, da hat mich der Vater aller Sperlinge den Sommer über ernährt, und behütet vor allem Unglück und grimmigen Vögeln". - "Traun! mein lieber Sohn, fleuchst du in die Kirchen und hilfest Spinnen und die sumsenden Fliegen aufräumen, und

zirpst zu Gott, wie die jungen Räblein, und befiehlst dich dem ewigen Schöpfer, so wirst du wohl bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder tückischer Vögel wäre."

"Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sach,

Schweigt, leidet, wartet, betet, braucht Glimpf, thut gemach,

Bewahret Glaub und gut Gewissen rein,

Deß will Gott Schutz und Helfer seyn."[160]

36. Von dem Tischgen deck dich, dem Goldesel und dem Knüppel in dem Sack.

I.

Es war einmal ein Schuster, der hatte drei Söhne und eine Ziege; die Söhne mußten ihm beim Handwerk helfen, und die Ziege mußte sie mit ihrer Milch ernähren. Damit sie nun alle Tage gut saftig Futter bekäm, sollten die Söhne sie der Reihe nach auf die Weide führen. Der älteste führte sie auf den Kirchhof, ließ sie da herumspringen und fressen; am Abend, als er heim wollte, fragte er: "Ziege, bist du satt?" die Ziege antwortete:

"Ich bin so satt,

ich mag kein Blatt meh! meh!"

"Nun so komm nach Haus" sagte er, zog sie in den Stall und band sie fest. Der alte Schuster fragte seinen Sohn, ob die Ziege auch genug zu fressen gekriegt hätte; der Sohn antwortete: "sie ist so satt, sie mag kein Blatt". Er wollte aber selbst sehen, ob das wahr sey, ging in den Stall und fragte: "Ziege, bist du satt?" die Ziege antwortete:[161]

"Wovon sollt ich satt seyn?

ich sprang nur über Gräbelein,

und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!"

Wie der Schuster das hörte, glaubte er sein Sohn habe ihn belogen, ward zornig, sprang hinauf, nahm seinen Stock von der Wand und prügelte ihn fort. Tags darauf mußte der zweite Sohn die Ziege weiden, er führte sie unter lauter gute Kräuter, die fraß die Ziege alle ab. Am Abend fragte er: "Ziege, bist du satt?"

"Ich bin so satt,

ich mag kein Blatt meh! meh!"

"Nun so komm nach Haus", zog sie in den Stall und sagte dem Alten,

die Ziege sey satt und wohl gefuttert. Der Alte ging wieder hinunter und fragte: "Ziege bist du satt?"

"Wovon sollt ich satt seyn,

ich sprang nur über Gräbelein

und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!"

Der Schuster ward zornig und prügelte auch seinen zweiten Sohn zum Haus hinaus. Endlich mußte der dritte Sohn die Ziege auf die Weide führen. Der wollt sich auch hüten, und suchte das schönste Futter aus, die Ziege ließ auch nichts übrig. Abends fragte er: "Ziege bist du satt."

"Ich bin so satt,

ich mag kein Blatt meh! meh!"[162]

"Nun so komm nach Haus" damit zog er sie in den Stall und versicherte den Vater, daß sie sich satt gefressen. Der Alte aber ging wieder hin: "Ziege, bist du satt?"

"Wie sollt ich satt seyn?

ich sprang nur über Gräbelein

und fand kein einzig Blättelein meh! meh!"

Da jagte er auch seinen dritten Sohn mit Schlägen zum Haus hinaus.

Der Schuster wollte nun selber seine Ziege auf die Weide treiben, band sie an ein Seil und führte sie mitten unter die besten Kräuter; die Ziege aber fraß darin den ganzen Tag. Abends fragte er: "Ziege, bist du satt?"

"Ich bin so satt,

ich mag kein Blatt meh! meh!"

"Nun so komm nach Haus" sagte er und zog sie in den Stall, als er sie festgeknüpft hatte, fragte er noch einmal: "Ziege, du bist doch satt?" Die Ziege aber antwortete ihm, nun auch:

"Wie sollt ich satt seyn?

ich sprang nur über Gräbelein

und fand kein einzig Blättelein, meh! meh!"

Wie der Schuster das hörte, da sah er das er seine drei Söhne unschuldig fortgejagt hatte, und ward über die boshafte Ziege so zornig, daß er sein Rasirmesser holte, ihr den ganzen Kopf kahl scheerte und sie fortpeitschte.[163]

Der älteste Sohn war indeß zu einem Schreiner in die Lehr gegangen, und als seine Jahre herum waren, und er auf die Wanderschaft wollte, gab ihm dieser ein Tischgen deck dich. Er brauchte nur zu sagen: Tischgen deck dich! so war das Tischgen mit weißem Tuch gedeckt, ein

silberner Teller stand da, silberne Messer und Gabel lagen dabei, vorn ein Cristallglas mit rothem Wein gefüllt, und rund herum die schönsten Schüsseln voll Essen. Damit zog er vergnügt in die Welt, und wo er war, im Feld, im Wald oder in einer Wirthsstube, wenn er sein Tischgen hinsetzte und: "Tischgen deck dich sagte, so hatte er die prächtigste Mahlzeit". Einmal kam er in ein Wirthshaus, wo die Gäste schon alle versammelt waren, sie fragten ihn, ob er mitessen wollte, er antwortete: nein "aber ihr sollt mit mir essen". Damit stellte er sein Tischgen in die Stube, sprach: "Tischgen, deck dich!" da stand es voll von dem kostbarsten Essen und wenn eine Schüssel abgehoben war, kam alsbald eine neue an ihre Stelle, und alle Gäste wurden herrlich tractirt. Der Wirth gedachte, wenn du ein solches Tischgen hättest, wärst du ein reicher Mann, und Nachts als der fremde Schreiner eingeschlafen war, und sein Tischgen in eine Ecke gestellt hatte, holte er ein anderes, das ebenso aussah, und stellte es für das ächte hin. Am Morgen früh stand der[164] gute Geselle auf, nahm sein Tischgen deck dich auf den Rücken, und merkte nicht, daß es ihm vertauscht war. Er ging heim und sagte zu seinem Vater: "sorgt nicht weiter und bekümmert euch nicht ich habe ein Tischgen deck dich, da können wir alle Tage im Ueberfluß leben". Der Vater freute sich, und ließ die Verwandten einladen und wie alle beisammen waren, setzte der Sohn sein Tischgen mitten in die Stube und sprach: "Tischgen deck dich!" Aber das Tischgen blieb leer nach wie vor, da sah der Sohn, daß es ihm vertauscht war, schämte sich; die Verwandten gingen ungetrunken und ungegessen fort und Vater und Sohn mußten wieder zum Handwerk greifen.

Der zweite Sohn war zu einem Müller gegangen, als er ausgelernt hatte, gab ihm dieser den Esel Bricklebrit zum Geschenk, so oft man zu ihm sagte: "Bricklebrit!" so fing er an Ducaten auszuspeien hinten und vorn. Mit diesem Esel kam er in dasselbige Wirthshaus, wo seinem Bruder das Tischgen deck dich gestolen war. Er ließ sich fürstlich tractiren, und wie die Rechnung kam, ging er in den Stall zu seinem Esel und sagte: "Briklebrit!" da hatte er mehr Ducaten, als er brauchen konnte. Der Wirth aber hatte das mit angesehen, stand auf in der Nacht, band das Goldeselein los, und stellte seinen Esel dafür hin. Mit diesem[165] zog am Morgen der Müllerspursch fort, und wußte nicht, daß er betrogen war. Als er heim kam zu seinem Vater, sagte er auch: "lebt lustig, ich hab das Eselein Bricklebrit und so viel Gold, als ihr wünscht". Da ließ der Vater wieder alle Verwandten einladen, ein großes weißes Tuch ward mitten in die Stube ausgebreitet, der Esel aus dem Stall geholt, und auf das Tuch gestellt. Der Müller sprach: "Bricklebrit!" aber umsonst, es kam kein Ducaten zum Vorschein. Da sah er, daß er

betrogen war, schämte sich und trieb sein Handwerk sich zu ernähren.

Der dritte Sohn war zu einem Drechsler gegangen, der schenkte ihm auf die Wanderschaft einen Sack mit einem Knüppel. So oft er sprach: "Knüppel, aus dem Sack!" so sprang der Knüppel heraus und tanzte unter den Leuten herum, und schlug sie erbärmlich. Der Drechsler aber hatte gehört, daß seine Brüder in einem Wirthshause ihre erworbene Schätze verloren hätten: also zog er in dasselbige, sagte, daß seine Brüder ein Tischgen deck dich, und den Esel Bricklebrit bekommen, was er aber da in dem Sack mit sich führe, das sey noch köstlicher und noch viel mehr werth. Der Wirth war neugierig, meinte aller guten Dinge wären drei, und wollt sich in der Nacht den Schatz auch noch holen. Der Drechsler aber[166] hatte seinen Sack unter sein Kopfkissen gelegt, wie nun der Wirth kam und daran zog, sprach er: Knüppel aus dem Sack, da fuhr der Knüppel aus dem Sack über den Wirth her, tanzte mit ihm und prügelte ihn so erbärmlich, daß er gern versprach das Tischgen deck dich und den Esel Bricklebrit wieder herauszugeben. Damit zog nun der jüngste Sohn heim, brachte alles seinem Vater, und lebte mit ihm und seinen Brüdern in Glück und Freude.

Die Ziege aber war in eine Fuchshöhle gelaufen. Wie nun der Fuchs heim kam, und in seine Höhle guckte, funkelten ihm ein paar große Augen entgegen. Vor Schrecken lief er fort, da begegnete ihm der Bär und sagte: "Bruder Fuchs, was machst du für ein Gesicht?" - "Ein grimmig Thier sitzt in meiner Höhle mit entsetzlichen feurigen Augen". - "Das will ich dir heraustreiben, sagte der Bär, und ging zur Höhle, wie er aber hinkam, und die Augen schimmern sah, kriegte er auch Furcht, und lief wieder zurück. Da kam eine Biene geflogen und fragte:" was siehst du so verdrießlich aus Bär? - "Es sitzt ein grimmig Thier dem Fuchs in seiner Höhle, das können wir nicht verjagen". Die Biene sagt: "ich bin ein geringes Thier, und ihr achtet mich nicht, vielleicht kann ich euch aber helfen". Fliegt darauf in die Fuchshöhle und sticht die Ziege auf den platten[167] rasirten Kopf, da springt sie auf, schreit meh! meh! lauft fort, und niemand weiß bis auf den Tag, wo sie hingelaufen ist.[168]

II.

Ein Schneider hatte drei Söhne, die wollt' er nach einander in die Welt schicken, da sollten sie was rechtschaffenes lernen, und damit sie nicht leer ausgingen, bekam jeder einen Pfannkuchen und einen Heller mit auf den Weg. Der ältste zog aus und kam zu einem kleinen Mann, der wohnte in einer Nußschale, war aber gewaltig reich. Er sprach zu dem Schneider: "wenn du meine Heerde an dem Berg weiden und hüten

willst, sollst du ein gut Geschenk von mir haben; doch mußt du dich in Acht nehmen, vor einem Haus am Fuße des Bergs, da gehts lustig zu, man hört immer Musik und Tanzgeschrei, trittst du einmal hinein, so ists mit uns vorbei". Der Schneider willigte ein, trieb die Heerde auf den Berg, hütete sie fleißig, blieb auch immer weit von dem Haus. Einmal aber, auf einen Sonntag, hört' er, wie gar lustig es darin war, dacht, einmal ist keinmal, ging hinein, tanzte, und war vergnügt. Als er aber wieder heraus kam, war es Nacht und die ganze Heerde fort, da ging er mit schwerem Herzen zu seinem Herrn und gestand ihm was er gethan. Der Herr in der Nußschale[168] war gewaltig bös, doch weil er so lang seinen Dienst ordentlich versehen und weil er auch seinen Fehler offenherzig gestanden, schenkte er ihm ein Tischgen deck dich. Der Schneider war damit von Herzen zufrieden und machte sich auf den Heimweg zu seinem Vater. Unterwegs kam er in ein Wirthshaus, da ließ er sich von dem Wirth eine besondere Stube geben, sagte, er brauche kein Essen und schloß sich ein. Der Wirth dachte, was mag der wunderliche Gast vorhaben, schlich sich hinauf, und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er wie der Fremde einen kleinen Tisch vor sich setzte, "Tischgen deck dich!" sprach und alsbald das beste Essen und Trinken vor sich stehen hatte. Der Wirth meinte, das Tischen wär noch besser für ihn selber, und in der Nacht, als der Fremde fest schlief, holt' er es heraus, und stellte ein anderes dahin, das ebenso aussah. Am Morgen zog der Schneider fort und merkte nichts von dem Betrug. Als er heim kam erzählte er seinem Vater sein Glück, der war froh, und wollte gleich das Wunder probiren, allein alles Sprechen, "Tischgen deck dich" war umsonst, es blieb leer, und der junge Schneider sah nun, daß er bestolen war.

Da bekam der zweite Sohn seinen Pfannkuchen und Heller, sollt in die Welt gehn und es besser machen. Er kam auch zu dem Herrn[169] in der Nußschale, diente ihm lange Zeit treulich, zuletzt aber ließ er sich auch verleiten, ging in das Haus, machte sich lustig, tanzte und verlor die Heerde. Da mußte er seinen Abschied nehmen, der Herr aber schenkte ihm einen Esel, wenn er zu dem sprach: "rüttel und schüttel dich, wirf Gold hinter dich und vor dich" da regnete es Gold von allen Seiten. Der Schneider ging vergnügt nach Haus, im Wirthshaus aber vertauschte ihm der Wirth den Esel mit einem gemeinen und wie er nach Haus kam und seinen Vater reicher machen wollte, wars vorbei und er um sein Glück gebracht.

Endlich ward der dritte Sohn mit der Ausstattung in die Welt geschickt und der versprachs besser zu machen. Er diente dem Herrn in der Nußschale getreulich, und damit er nicht in das gefährliche Haus

gerathe, verstopfte er sich die Ohren mit Baumwolle und als das Jahr herum war, überlieferte er ihm die ganze Heerde, und kein Stück fehlte. Da sagte der Heer: "ich muß dich besonders belohnen, da hast du einen Ranzen darin steckt ein Knüppel, und sobald du sprichst: Knüppel aus dem Ranzen, so springt er heraus und weht die Leute durch und durch". Der Schneider machte sich damit auf den Heimweg und kehrte bei dem Wirth ein, der seinen beiden Brüdern ihre Geschenke abgenommen.[170] Er warf seinen Ranzen auf den Tisch und erzählte von seinen Brüdern: "der eine hat ein Tischgen deck dich, der andere einen Goldesel mitgebracht, das ist alles recht gut, aber nichts gegen das, was ich da im Ranzen habe, das kann die ganze Welt nicht bezahlen". Der Wirth ward neugierig und hoffte den Schatz auch noch zu kriegen. Als es Nacht ward, legte sich der Schneider auf die Streu und seinen Ranzen legte er unter den Kopf. Der Wirth blieb auf und wartete, bis er dacht der Schneider schlafe fest, da ging er herzu, holte einen andern Ranzen, und wollte dem Schneider seinen unter dem Kopf wegziehen. Der war aber wach geblieben, und als er die Hand des Wirths merkte, rief er: "Knüppel aus dem Ranzen!" Da sprang der Knüppel heraus, auf den Wirth und prügelte ihn so wichtig, daß er auf die Knie fiel und sehr um Gnade schrie. Der Schneider ließ aber den Knüppel nicht eher ruhen, bis der Dieb das Tischgen deck dich und den Goldesel heraus gab. Dann zog er mit den drei Wunderstücken heim und sie lebten von nun an in Reichthum und Glückseeligkeit, und der Vater sagte: "meinen Pfannkuchen und meinen Heller hab ich nicht umsonst ausgegeben!"[171]

37. Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein und dem Horn.

Es waren drei Brüder aus dem Schwarzenfelsischen, von Haus sehr arm, die reisten nach Spanien, da kamen sie an einen Berg, der ganz von Silber umgeben war. Der älteste Bruder machte sich bezahlt, nahm so viel als er nur tragen konnte, und ging mit seiner Beute nach Haus. Die andern zwei reisten weiter fort und kamen zu einem Berg, wo nichts als Gold zu sehen war. Nun sprach der eine zu dem andern: "wie sollen wir es machen?" und der zweite nahm sich auch soviel Gold als er nur tragen konnte und ging nach Haus; der dritte aber wollte sein Glück noch besser versuchen und ging weiter fort. Nach drei Tagen kam er in einen ungeheuren Wald, da hatte er sich müd gegangen, Hunger und Durst plagten ihn, und er konnte nicht aus dem Wald heraus. Da stieg er auf einen hohen Baum und wollte sehen, ob er Waldes Ende finden

mögte, er sah aber nichts als Baumspitzen; da wünschte er nur noch einmal seinen Leib zu sättigen und begab sich, von dem Baum herunter zu steigen. Als er herunter kam, erblickte er unter dem Baum einen Tisch mit vielerlei Speise besetzt,[172] da ward er vergnügt, nahte sich dem Tisch und aß sich satt. Und als er fertig gegessen hatte, nahm er die Serviette mit sich und ging weiter, und wenn ihn wieder Hunger und Durst ankam, so deckte er die Serviette auf und was er wünschte, das stund darauf. Nach einer Tagreise kam er zu einem Köhler, der brannte Kohlen und kochte Kartoffeln. Der Köhler bat ihn zu Gast, er sagte aber: "ich will nicht bei dir essen, aber ich will dich zu Gast bitten", der Köhler fragte: "wie ist das möglich, ich sehe ja nicht, daß du etwas bei dir hast". - "Das thut nichts, setz' dich nur her" damit deckte er seine Serviette auf, da stand alles, was zu wünschen war. Der Köhler ließ sichs gut schmecken und hatte großen Gefallen an der Serviette und als sie abgegessen hatten sagte er: "tausch mit mir, ich geb dir für die Serviette einen alten Soldatentornister wenn du mit der Hand darauf klopfst, kommt jedesmal ein Gefreiter und sechs Mann Soldaten mit Ober- und Untergewehr heraus, die können mir im Wald nichts helfen, aber die Serviette wär mir lieb". Der Tausch ging vor sich, der Köhler behielt die Serviette, der Schwarzenfelser nahm den Tornister mit. Kaum war er aber ein Stück Wegs gegangen, so schlug er darauf, da kamen die Kriegshelden heraus: "was verlangt mein Herr?" - "Ihr marschirt hin[173] und holet bei dem Köhler meine Serviette, die ich dort gelassen". Also gingen sie zurück und brachten ihm die Serviette wieder. Abends kam er zu einem andern Kohlenbrenner, der lud ihn wiederum zum Abendessen ein und hatte deßgleichen Kartoffeln ohne Fett. Der Schwarzenfelser aber deckte seine Serviette auf und bat ihn zu Gast, da war alles nach Wunsch. Als die Mahlzeit vorbei war, hielt auch dieser Köhler um den Tausch an, er gab für die Serviette einen Hut, drehte man den auf dem Kopf herum, so gingen die Canonen, als stünd eine Batterie auf dem Flecken. Als der Schwarzenfelser ein Stück Wegs fort war, klopfte er wieder auf seinen alten Ranzen, und der Gefreite mit sechs Mann mußte ihm die Serviette wieder holen. Nun ging es weiter fort in dem nämlichen Wald und er kam Abends zu dem dritten Köhler, der lud ihn, wie die andern auf ungeschmelzte Kartoffeln, erhielt aber von ihm ein Tractament und vertauschte ihm die Serviette für ein Hörnchen, wenn man darauf blies, fielen alle Städte und Dorfschaften, wie auch alle Festungswerke übern Haufen. Der Köhler behielt aber die Serviette nicht länger als die andern, denn der Gefreite mit sechs Mann kam bald und holte sie ab. Wie nun der Schwarzenfelser alles beisammen hatte, kehrte er um nach Haus, und wollt seine beiden[174] Brüder besuchen. Diese

waren reich von ihrem vielen Gold und Silber und wie er nun kam, einen alten zerrissenen Rock anhabend, da wollten sie ihn nicht für ihren Bruder erkennen. Alsobald schlug er auf seinen Tornister und ließ 150 Mann aufmarschiren, die mußten seinen Brüdern die Hucke(den Buckel) recht voll schlagen. Das ganze Dorf kam zu Hülfe, aber sie richteten wenig aus bei der Sache; da ward es dem König gemeldet, der schickte ein militärisch Commando ab, diese Soldaten gefangen zu nehmen; aber der Schwarzenfelser schlug in einem hin auf seinen Ranzen und ließ Infanterie und Cavallerie aufmarschirten, die schlugen das militärische-Commando wieder zurück an seinen Ort. Am andern Tag ließ der König noch viel mehr Volk ausmarschiren um den alten Kerl in Ruh zu setzen. Der aber schlug auf seinen Ranzen so lang bis eine ganze Armee herausgekommen, dazu drehte er seinen Hut ein paar mal, da gingen die Canonen und der Feind ward geschlagen und in die Flucht gejagt. Da ward Friede geschlossen und er zum Vicekönig gemacht, wie auch die Prinzessin ihm zur Gemahlin gegeben.

Der Prinzessin aber lag es beständig im Sinn, daß sie so einen alten Kerl zum Gemahl nehmen müssen und wünschte nichts mehr, als daß sie ihn wieder los werden könnte. Sie[175] forschte täglich in welchen Vortheilen seine Macht bestehe, er war auch so treu und entdeckte ihr alles. Da schwäzte sie ihm seinen Ranzen ab und verstieß ihn, und als darauf Soldaten gegen ihn marschirten, war sein Volk verloren, aber noch hatte er sein Hütgen, da griff er daran und ließ die Kanonen gehen, so schlug er den Feind und ward wieder Friede gemacht. Darnach aber ließ er sich wie der betrügen und die Prinzessin schwäzte ihm sein Hütchen ab. Und als nun der Feind auf ihn eindrang, hatte er nichts als sein Hörnchen, da blies er darauf, alsbald fielen Dörfer, Städte und alle Festungswerke übern Haufen. Da war er König allein und blieb, bis er gestorben ist.[176]

38. Von der Frau Füchsin.

I.

Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der wollte sehen, ob ihm seine Frau treu wäre, streckte sich unter die Bank und stellte sich mausetodt. Da ging die Frau Füchsin hinauf in ihre Kammer, schloß sich ein und ihre Magd die Katze saß auf dem Heerd und kochte. Als es nun bekannt wurde, daß der alte Fuchs gestorben war, klopfte es an die Hausthür:[176]

"was macht sie Jungfer Katze?

schläft se oder wacht se?"

Da ging die Katze und machte auf: ein junger Fuchs stand haußen:

ich schlafe nicht, ich wache,

ich koche warm Bier und Butterlein,

will der Herr mein Gast seyn?

"Nein ich bedanke mich, was macht die Frau Füchsin?"

sie sitzt auf ihrer Kammer,

beklagt ihren Jammer,

weint ihre Aeuglein seidenroth

weil der alte Herr Fuchs ist todt.

"Sag sie, es wär ein junger Fuchs da, der wollte sie gern freien!"

Da ging die Katz die Tripp die Trapp,

da schlug die Thür, die Klipp die Klapp:

Frau Füchsin sind sie da? -

"ach ja mein Kätzchen ja!" -

es ist ein Freier draus.

Da sprach die Frau Füchsin:

"mein Kind, wie sieht er aus?

hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze, wie der selige Herr Fuchs?" - ach nein, er hat nur einen Schwanz. - "Da will ich ihn nicht haben."

Die Katz geht hinunter und schickt den Freier fort; bald darauf klopft es wieder an,[177] und es ist ein anderer Fuchs, der hat zwei Schwänze, und es geht nun eben so, wie mit dem ersten. Darauf kommen andere, immer mit einem Schwanz mehr, bis zuletzt ein Freier mit neun Schwänzen da ist. Nunmehr spricht die Füchsin zur Katze:

"nun macht mir Thor und Thür auf

und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus!"

wie sie aber eben Hochzeit halten wollen, kommt der alte Fuchs wieder, prügelt das ganze Gesindel zum Haus hinaus und jagt die Frau Füchsin fort.[178]

II.

Der alte Fuchs ist gestorben, ein Freier ein Wolf kommt vor die Thür

und klopft an:

guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,

wie kommts, daß sie alleine sitzt?

was macht sie gutes da?

Katze: "Brock mir Weck und Milch ein,

will der Herr mein Gast seyn?"

Wolf: danke schön; Frau Füchsin nicht zu Haus?

Katze: "sie sitzt droben in der Kammer

beweinet ihren Jammer,

beweinet ihre große Noth,

daß der alte Herr Fuchs ist todt."

Wolf: Will sie einen andern Mann han,

so soll sie heruntergan. -

Die Katz die lief die Trepp hinan,[178]

und ließ ihr Zeilchen rummergan,

bis sie kam vor den langen Saal,

klopft an mit ihren fünf goldenen Ringen:

"Frau Füchsin ist sie drinnen?

will sie einen andern Mann han,

so soll sie nur heruntergan."

Fr. Füchsin: hat der Herr rothe Höslein an

und ein spitz Mäulchen?

Katze: "nein"

Fr. Füchsin: so kann er mir nicht dienen.

Nun wird der Wolf abgewiesen, darauf kommt ein Hund, dem geht es eben so, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe und alle Waldthiere. Aber denen fehlt immer etwas, was der alte Fuchs hatte, und die Katze muß sie alle wegschicken. Endlich kommt ein junger Fuchs:

Fr. Füchsin: hat der Herr rothe Höslein an

und ein spitz Mäulchen?

Katze: "ja."

Fr. Füchsin: so soll er heraufkommen.

Katz kehr die Stube aus

und schmeiß den alten Fuchs zum Fenster naus!

bracht so manche dicke fette Maus ins Haus,

fraß sie immer alleine,

gab mir aber keine.

Nun wird Hochzeit gehalten und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben zu tanzen, so tanzen sie noch.[179]

39. Von den Wichtelmännern.

I. Von dem Schuster, dem sie die Arbeit gemacht.

Ein Schuster war so arm geworden, daß er nichts mehr hatte, als das Leder für ein einziges paar Schuhe. Die schnitt er am Abend zu, legte sich ins Bett und wollte sie am andern Morgen in die Arbeit nehmen. Wie er aber aufgestanden ist, und sich zur Arbeit setzen will, da stehen die beiden Schuhe schon fertig und schön gemacht auf seinem Tisch. Es kam auch bald ein Käufer, der bezahlte sie so gut, daß sich der Schuster Leder zu zwei paar Schuhen kaufen konnte, die schnitt er wieder Abends zurecht, und wie er sie am andern Morgen arbeiten wollte, waren sie eben so wohl schon fertig, und für das Geld, das er daraus löste, konnte er Leder zu vier paar Schuhen kaufen, die aber standen am dritten Morgen gemacht da. Und so gings weiter, so viel der Schuster am Abend zugeschnitten hatte, so viel war am Morgen fertig, und er war bald wieder ein wohlhabender Mann.

Wie er sich eines Abends kurz vor Weihnachten zu Bett legen wollt, und wieder vieles zurecht geschnitten hatte, sprach er zu seiner[180] Frau: "wir wollen doch einmal aufbleiben und sehen, wer in der Nacht unsere Arbeit thut". Also steckten sie ein Licht an, verbargen sich in den Stubenecken hinter die Kleider, die da aufgehängt waren und gaben Acht. Um Mitternacht kamen zwei kleine niedliche, nackte Männlein, die setzten sich an den Arbeitstisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit vor sich, und arbeiteten so unglaublich geschwind und behend, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht von ihnen abwenden konnte. Sie hörten auch nicht auf, bis sie alles fertig gemacht hatten, dann sprangen sie fort und es war noch lange nicht Tag.

Die Frau aber sprach zu ihrem Mann: "die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssen uns dankbar beweisen, sie dauern mich, daß sie so ohne Kleider herumgehen und frieren; ich will Hemder, Rock, Camisol und Hosen für sie nähen, auch jedem ein paar Strümpfe stricken, mach du jedem ein paar kleine Schuhe". Der Mann war das zufrieden, und wie alles fertig war, legten sie es am Abend zurecht, sie

wollten auch sehen, was die Männlein dazu machten und versteckten sich wieder. Die Kleinen kamen, wie gewöhnlich, um Mitternacht; wie sie die Kleider da liegen sahen, schienen sie recht fröhlich, mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, und als[181] sie fertig waren, huben sie an zu hüpfen, zu springen, zu tanzen, und so tanzten sie zur Thür hinaus, und sind nicht wieder gekommen.[182]

II. Von einem Dienstmädchen, das Gevatter bei ihnen gestanden.

Ein armes Dienstmädchen war fleißig und reinlich, und kehrte alle Tage den Schmutz vor die Thüre auf einen großen Haufen. Eines Morgens fand es einen Brief darauf liegen, und weil es nicht lesen konnte, bracht es ihn seiner Herrschaft, da war es eine Einladung von den Wichtelmännern an das Mädchen, es möchte ihnen ein Kind aus der Taufe heben. Das Mädchen besann sich, endlich auf vieles Zureden, daß man das nicht abschlagen dürfe, sagte es ja. Da kamen drei Wichtelmänner und führten es in einen hohlen Berg. Da war alles klein, aber so zierlich und prächtig, daß es nicht zu sagen ist; die Kindbetterin lag in einem Bett von schwarzem Ebenholz mit Knöpfen von Perlen, die Decken waren ganz golden, die Wiege von Elfenbein und die Wanne von Gold. Das Mädchen stand nun Gevatter und wollt darnach wieder fort, die Wichtelmännlein baten es aber, drei Tage bei ihnen zu bleiben. Die verlebt' es in Freuden, und wie sie herum sind und es heim wollte, da steckten sie ihm die Taschen ganz voll Gold und[182] führten es wieder aus dem Berg. Und als es nach Haus kam, war er statt drei Tage ein ganzes Jahr darin gewesen.[183]

III. Von einer Frau, der sie das Kind vertauscht haben.

Einer Mutter war ihr Kind von den Wichtelmännern aus der Wiege geholt, und ein Wechselbalg mit dickem Kopf und starren Augen hineingelegt, der nichts als trinken und essen wollte. In ihrer Noth ging sie zu ihrer Nachbarin und fragte sie um Rath. Die sagte, sie solle den Wechselbalg in die Küche tragen, auf den Heerd setzen, Feuer anmachen und in zwei Eierschalen Wasser kochen, das bringe den Wechselbalg zum Lachen, und wenn er lache, dann sey es aus mit ihm. Die Frau thut alles; wie sie die Eierschalen mit Wasser übers Feuer setzt, spricht der Klotzkopf:

"nun bin ich so alt

wie der Westerwald

und hab nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht!"

und muß darüber lachen, und wie er lacht kommt auf einmal eine Menge von Wichtelmännerchen, die bringen das rechte Kind, setzen es auf den Heerd, und nehmen ihren Gesellen mit fort.

40. Der Räuberbräutigam.

Eine Prinzessin war mit einem Prinzen versprochen, der bat sie mehrmals, sie möchte ihn doch einmal in seinem Schloß besuchen, allein weil der Weg durch einen großen Wald führte, so lehnte sie es immer ab, aus Furcht sich darin zu verirren. Wenn das ihre Sorge wäre, sagte der Prinz, so wollte er schon helfen, und an jeden Baum ein Band binden, daß sie den Weg gar nicht fehlen könnte; eine Zeitlang suchte sie es dennoch aufzuschieben, als ob es ihr heimlich gegraut hätte, endlich aber gingen ihr alle Ausreden aus, und sie mußte sich eines Tags auf die Reise machen. Von Morgen bis zu Abend ging sie durch einen langen, langen Wald, und kam endlich vor ein großes Haus, alles war still darin, bloß eine alte Frau saß vor der Thüre. "Kann sie mir nicht sagen, ob hier der Prinz mein Bräutigam wohnt?" - Gut, mein Kind, antwortete die Frau, daß ihr jetzt kommt, da der Prinz nicht zu Haus ist; ich habe Wasser müssen tragen in einen großen Kessel, da wollen sie euch umbringen, kochen und hernach essen.

Indem kam der Prinz mit seinen Spitzbuben vom Raub heim, weil aber die Alte mit[184] der Jugend und Schönheit der Braut Mitleid hatte, sagte sie, eh jemand darauf merkte: "geschwind hinunter in den Keller, hinter das große Faß, da versteckt euch! Kaum war die Prinzessin dahinter gewischt, so kommen auch die Raubgesellen in den Keller gegangen und führten eine alte Frau mit sich gefangen, die Prinzessin sah wohl, daß es ihre Großmutter war, denn aus ihrer Ecke heraus konnte sie alles mit anschauen, was da vorging, ohne daß sie von einem Auge bemerkt wurde. Die Spitzbuben nahmen die alte Großmutter, ermordeten sie und zogen ihr alle Ringe von den Fingern, eine nach dem andern ab, nur aber der Ring vom Goldfinger, der wollte nicht herunter, da griff einer ein Beil und hieb den Finger ab, der Finger aber sprang hinters Faß und fiel gerade in den Schooß der Prinzessin. Nachdem die Spitzbuben lange vergebens um den Finger herum gesucht haben, fing endlich einer an: habt ihr wohl schon hinterm großen Faß gesucht? - Laßt lieber das Suchen bei Lichte seyn, sagte ein anderer, morgen früh wollen wir suchen, da werden wir den Ring bald haben."

Hierauf legten sich die Spitzbuben in demselben Keller zum Schlaf nieder, und wie sie schliefen und schnarchten, ging die Braut hinterm Faß hervor, da lagen sie alle reihenweise,[185] und sie mußte über all die Schlafenden weggehen, bis zur Thüre. Behutsam setzte sie immer ihren Fuß in die Zwischenräume, und immer war ihr bang, sie möchte einen aufwecken, allein es geschah zum Glück nicht, und als sie die Thüre erreicht hatte und in dem Wald wieder war, folgte sie den Bändern, denn der Mond schien ganz hell, so lange bis sie wieder nach Haus gelangte.

Ihrem Vater erzählte sie nun alles, was ihr begegnet war, der gab gleich Befehl, ein ganzes Regiment sollte das Schloß umzingeln, sobald der Bräutigam einträfe. Dieses geschah, der Bräutigam kam desselben Tags und fragte gleich: warum sie denn gestern nicht zu ihm gekommen wäre, wie sie doch versprochen gehabt hatte? So sprach sie: ich habe einen so schweren Traum gehabt; mir träumte, ich käme in ein Haus, da saß eine alte Frau vor der Thüre, welche zu mir sprach: wie gut ist es doch für euch, mein Kind, daß ihr jetzt kommt, dieweil niemand zu Haus ist, denn ich muß es euch nur sagen, ich habe da Wasser tragen müssen in einen großen Kessel, da wollen sie euch umbringen, sieden und hernach essen. Und wie sie noch so sprach, kamen die Spitzbuben heim, da sagte die Alte, eh mich jemand merkte, geschwind hinunter in den Keller, versteckt euch hinter das große Faß, kaum aber[186] war ich dahinter, so kamen die Spitzbuben auch die Kellertreppe hinabgegangen, und schleppten eine alte Frau mit sich, die ergriffen und mordeten sie. Und als sie die alte Frau ermordet hatten, fingen sie an, und zogen ihr alle Ringe von den Fingern, einen nach dem andern, nur der Ring am Goldfinger wollte nicht heruntergehen, da griff einer zum Beil und hieb darauf, daß der Finger in die Höhe sprang, und kam gerade hinters Faß gesprungen in meinen Schooß, und hier hab ich den Finger! bei welchen Worten sie ihn plötzlich aus der Tasche zog.

Wie der Bräutigam das sah und hörte, wurde er kreideweiß vor Schrecken, dachte alsobald zu entfliehen, und sprang zum Fenster hinaus. Unten aber stand Wache, die fing ihn und seine ganze Bande auf, und alle wurden hingerichtet zum Lohn für ihre Bubenstücke.[187]

41. Herr Korbes.

Es war einmal ein Hühnchen und Hähnchen, die wollten zusammen verreisen, da baute das Hähnchen einen schönen Wagen mit vier rothen Rädern, und spannte vier Mäuschen davor, dann setzte sich das Hühnchen mit dem Hähnchen auf, und so fuhren sie fort. Da

begegnete[187] ihnen eine Katze, die sprach: "wo wollt ihr hin?" da antwortete das Hähnchen:

"als hinaus

nach dem Herrn Korbes seinem Haus."

Die Katze sprach: "nehmt mich auch mit". Das Hähnchen antwortete: "recht gern, setz dich hinten auf, daß du vornen nicht herabfällst:

nehmt euch wohl in Acht,

daß ihr mir meine rothe Räderchen nicht schmutzig macht.

Ihr Räderchen schweift!

Ihr Mäuschen pfeift!

als hinaus

nach des Herrn Korbes seinem Haus."

So kam nach und nach ein Mühlstein, ein Ei, eine Ente, eine Stecknadel und eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen, wie sie aber zu des Herrn Korbes seinem Haus kamen, war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Remise, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstande, die Stecknadel sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel ins Bett ins Kopfkissen, der Mühlenstein legte sich über die Thüre, und das Ei wickelte sich in das Handtuch. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das ganze Gesicht voll Asche; er[188] ging geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen, wie er an die Bornstande kam, sprützte ihm die Ente Wasser ins Gesicht, als er sich abtrocknen wollte, rollte ihm das Ei aus dem Handtuch entgegen, ging entzwei und klebte ihm die Augen zu; er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel, darüber wurde er ganz verdrießlich und ging ins Bett und wie er den Kopf aufs Kissen niederlegte, da stach ihn die Nähnadel; da ward er so bös und toll, daß er zum Haus hinaus laufen wollte, wie er aber an die Thüre kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn todt.[189]

42. Der Herr Gevatter.

Ein armer Mann hatte schon viel Kinder, so daß er alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, wußte er nicht, wen er noch zu Gevatter bitten könne, da wurde er sehr betrübt und legte sich hin und schlief ein. Da träumte ihm, er solle vor das Thor gehen, und den ersten, der ihm begegne, den solle er zu Gevatter

bitten. Das that der Mann, da begegnete ihm einer, den bat er zum Gevatter und der schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser, "damit kannst du alle Kranke curiren,[189] wenn der Tod beim Kopf steht, steht er aber bei den Füßen, so muß der Kranke sterben". Nun wurde des Königs Kind krank, und der Tod stand beim Kopf, da curirte ers mit dem Wasser, und das zweitemal, als es krank wurde, da machte ers wieder gesund, weil der Tod wieder beim Kopf stand, das dritte mal aber stand er bei den Füßen, da mußte es sterben.

Da ging der Mann zu seinem Gevatter und wollte es ihm alles erzählen, und als er im Haus auf die erste Treppe kam, so standen da die Schippe und der Besen, und schmissen sich. Da fragte er sie, wo der Gevatter wohne; der Besen sagte: "eine Treppe höher". Wie er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge todter Finger liegen. Da fragte er wieder, wo der Gevatter wohne? "eine Treppe höher". Auf der dritten Treppe lag ein Haufen todter Köpfe die sagten wieder: "eine Treppe höher". Auf der vierten sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten im Kochen und backten sich selber. Sie sagten auch: "eine Treppe höher". Wie er auf die fünfte kam da war eine Stube, da guckte er durch das Schlüsselloch, und sah den Gevatter, der ein paar lange, lange Hörner auf hatte, und als er hineinging, legte er sie geschwind aufs Bett und deckte sie zu. Da sprach der Mann: "Herr Gevatter, wie ich auf eure erste[190] Treppe kam, da sah ich eine Schippe und einen Besen stehen, die sich schmissen" - "wie seid ihr so einfältig, antwortete der Gevatter, das waren der Knecht und die Magd, die sprachen zusammen". - "Auf der zweiten Treppe sah ich todte Finger liegen". - "Ei, wie seid ihr dumm, das waren Skorzenerwurzel". - "Auf der dritten lag ein Haufen Todtenköpfe". - "Dummer Mann, das waren Krautköpfe". - "Auf der vierten sah ich Fische im Kochtopf, die britzelten und kochten sich selber. Wie er das Wort sprach, kamen die Fische und trugen sich selber auf" - "und auf der fünften guckte ich durchs Schlüsselloch, da sah ich, daß ihr lange, lange Hörner hattet" - "Ei, das ist nicht wahr."[191]

43. Die wunderliche Gasterei.

Auf eine Zeit lebte eine Blutwurst und eine Leberwurst zusammen, und die Blutwurst bat die Leberwurst zu Gast. Wie es Essenszeit war, ging die Leberwurst ganz vergnügt zu der Blutwurst, als sie aber in die Hausthüre trat, sah sie allerlei wunderliche Dinge, auf jeder Stiege der Treppe, deren viele waren, immer etwas anderes, da war ein Besen und eine Schippe, die sich miteinander schlugen, dann ein[191] Affe mit einer großen Wunde am Kopf und dergleichen mehr.

Die Leberwurst war ganz erschrocken und bestürzt darüber, doch nahm sie sich ein Herz ging in die Stube und wurde von der Blutwurst freundschaftlich empfangen. Die Leberwurst hub an, sich nach den seltsamen Dingen zu erkundigen, die draußen auf der Treppe wären, die Blutwurst that aber, als hörte sie es nicht, oder als sey es nicht der Mühe werth davon zu sprechen, oder sie sagte etwa von der Schippe und Besen: "es wird meine Magd gewesen seyn, die auf der Treppe mit jemand geschwätzt", und brachte die Rede auf etwas anderes.

Die Blutwurst ging darauf hinaus, und sagte, sie müsse in der Küche nach dem Essen sehen, ob alles ordentlich angerichtet werde, und nichts in die Asche geworfen. Wie die Leberwurst derweil in der Stube auf und abging, und immer die wunderlichen Dinge im Kopf hatte, kam jemand, ich weiß nicht, wers gewesen ist, herein und sagte: "ich warne dich, Leberwurst, du bist in einer Blut- und Mörderhöhle, mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist". Die Leberwurst besann sich nicht lang, schlich die Thür hinaus und lief, was sie konnte, sie stand auch nicht eher still, bis sie aus dem Haus mitten auf der Straße war. Da blickte sie sich[192] um, und sah die Blutwurst oben im Bodenloch stehen mit einem langen, langen Messer, das blinkte, als wärs frisch gewetzt, damit drohte sie, und rief herab:

"hätt ich dich, so wollt ich dich!"[193]

44. Der Gevatter Tod.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte schon zwölf Kinder, wie das dreizehnte geboren wurde, wußte er sich nicht mehr zu helfen, und lief in seiner Noth hinaus in den Wald. Da begegnete ihm der liebe Gott und sagte: "du dauerst mich, armer Mann, ich will dir dein Kind aus der Taufe heben und für es sorgen, da wird es glücklich auf Erden". Der Mann antwortete: "ich will dich nicht zum Gevatter, du giebst den Reichen und läßt die Armen hungern;" damit ließ er ihn stehen und ging weiter. Bald darauf begegnet ihm der Tod, der sprach gleichfalls zu ihm: "ich will dein Gevattersmann werden, und dein Kind heben; wenn es mich zum Freund hat, da kanns ihm nicht fehlen, ich will es zu einem Doctor machen". Der Mann sagte: "das bin ich zufrieden, du machst keinen Unterschied und holst den Reichen wie den Armen; morgen ist Sonntag, da wird[193] das Kind getauft, stell dich nur zu rechter Zeit ein."

Am andern Morgen kam der Tod und hielt das Kind über die Taufe. Nachdem es groß geworden war, kam er einmal wieder, und nahm seinen Pathen mit in den Wald; da sprach er zu ihm: "jetzt sollst du ein

Doctor werden; du brauchst nur Acht zu geben, wenn du zu einem Kranken gerufen wirst und du siehst mich zu seinem Haupte stehen, so hats nichts zu sagen, laß ihn dann an dieser Flasche riechen, und salb ihm die Füße damit, so wird er bald wieder gesund seyn; steh ich aber zu den Füßen, dann ists aus, dann will ich ihn haben, und untersteh dich nicht eine Cur anzufangen". Damit gab der Tod ihm die Flasche, und er ward ein berühmter Doctor; er brauchte nur den Kranken zu sehen, so sagt' er schon voraus ob er wieder gesund werde oder sterben müsse. Einmal ward er zum König gerufen, der an einer schweren Krankheit darnieder lag; wie der Doctor eintrat, sah er den Tod zu den Füßen des Königs stehen, und da konnte seine Flasche nichts mehr helfen. Doch fiel ihm ein, er wollte den Tod betrügen, packte also den König an, und legte ihn verkehrt, so daß der Tod an seinem Haupte zu stehen kam; es glückte und der König wurde gesund. Wie der Doctor aber wieder zu Haus war, kam der Tod zu ihm, machte[194] ihm böse grimmige Gesichter und sagte: "wenn du dich noch einmal unterstehst mich zu betrügen, so dreh ich dir den Hals um". Bald darnach ward des Königs schöne Tochter krank, niemand auf der Welt konnte ihr helfen, der König weinte Tag und Nacht, endlich ließ er bekannt machen, wer sie curiren könne, der solle sie zur Belohnung haben. Da kam der Doctor und sah den Tod zu den Füßen der Prinzessin stehen, doch weil er vor ihrer Schönheit ganz in Erstaunen war, vergaß er alle Warnung, drehte sie herum und ließ sie an der heilenden Flasche riechen und salbte ihr die Fußsohlen daraus. Kaum war er wieder zu Haus, da stand der Tod mit einem entsetzlichen Gesicht vor ihm packte ihn, und trug ihn in eine unterirdische Höhle, worin viel tausend Lichter brannten. "Siehst du, sagte der Tod, das sind alle Lebende, und hier das Licht, das nur noch ein wenig brennt und gleich auslöschen will, das ist dein Leben; hüt' dich!"[195]

45. Des Schneiders Daumerling Wanderschaft.

Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein gerathen und nicht größer als ein Daumen, darum hieß er der Daumerling. Er hatte[195] aber Courage im Leibe und sagte zu seinem Vater: "Vater, ich will auf die Wanderschaft gehen". - "Recht, mein Sohn", sprach der Alte, nahm eine Stopfnadel und machte am Licht einen Knoten von Siegellack daran: "da hast du auch einen Degen mit auf den Weg". Das Schneiderlein zog aus in die Welt und kam zuerst bei einem Meister in die Arbeit, da war ihm aber das Essen nicht gut genug. "Frau Meisterin, wenn sie uns kein besser Essen giebt, sagte der Daumerling, schreib ich morgenfrüh mit

Kreide an ihre Hausthüre: ›Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig, Adies, Herr Kartoffelkönig! und gehe fort.‹" - "Was willst du wohl, du Hüpferling, sagte die Meisterin, ward bös, ergriff einen Lappen und wollte ihn schlagen, mein Schneiderlein kroch behend unter den Fingerhut, guckte unten hervor und streckte der Frau Meisterin die Zunge heraus. Sie hob den Fingerhut auf, aber der Daumerling hüpfte in die Lappen und wie die Meisterin die auseinander warf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritz: ›he! he! Frau Meisterin.‹ rief er und steckte den Kopf in die Höhe, und wenn sie zuschlagen wollte, sprang er immer in die Schublade hinunter. Endlich aber erwischte sie ihn doch, und jagte ihn zum Haus hinaus."

Das Schneiderlein wandert und kam in[196] einen großen Wald, da begegnete ihm ein Haufen Räuber, die wollten des Königs Schatz bestehlen; und als sie das Schneiderlein sehen, denken sie, der kann uns viel nützen, reden es an, sagen, es sey ein tüchtiger Kerl, es solle mit zur Schatzkammer gehen, sich hineinschleichen und ihnen das Geld herauswerfen. Es läßt sich drauf ein, geht zu der Schatzkammer und besieht die Thüre, ob kein Ritzen darin; glücklicherweise findet es bald einen und will einsteigen, da sagt die Schildwache zur andern: "was kriecht da für eine garstige Spinne? die muß man todttreten". - "Ei, laß sie doch gehen, sagte die andere, sie hat dir ja nichts gethan". So kam der Daumerling in die Schatzkammer, ging an das Fenster, vor dem die Räuber standen und warf ihnen einen Thaler nach dem andern hinaus. Wie der König seine Schatzkammer besah, fehlte so viel Geld, kein Mensch aber konnte begreifen, wer es sollte gestohlen haben, da alle Schlösser gut verwahrt waren. Der König stellte Wachen dabei, die hörten es in dem Geld rappeln, gingen hinein und wollten den Dieb greifen. Das Schneiderlein setzte sich in der Ecke unter einen Thaler und rief: "hier bin ich!" die Wachen liefen dahin, indeß sprang es in eine andere Ecke, und wie die dort ankamen, schrie es da: "hier bin ich!" die Wachen liefen zurück, es[197] hüpfte aber wieder in eine andere Ecke und rief: "hier bin ich!" Und so hatte es sie zum Narren und trieb es so lange, bis sie müd waren, und davon gingen. Der Daumerling warf nun die Thaler nach und nach alle hinaus und auf den letzten setzte er sich selber, und flog damit durchs Fenster hinunter. Die Räuber lobten ihn gewaltig, und hätten ihn zu ihrem Hauptmann gemacht, wenn er gewollt hätte, darauf theilten sie die Beute; das Schneiderlein kann aber nicht mehr nehmen als einen Kreuzer, weil es nicht mehr bei sich tragen kann.

Darauf nahm es den Weg wieder zwischen die Beine, und endlich, weils mit dem Handwerk schlecht ging, verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Mägde konnten es aber nicht leiden, weil es alles

sah, was sie um Haus heimlich hielten, ohne daß sie es merkten, und sie darnach angab, und hätten ihm gern einen Schabernack angethan. Als er daher einmal in der Wiese spazieren ging, wo eine mähte, mähte sie es mit dem Gras zusammen, und warf es daheim den Kühen vor, und die schwarze schluckte es mit hinunter. Der Daumerling war nun in der Kuh eingesperrt, und hörte Abends sprechen, daß sie sollte geschlachtet werden. Da war sein Leben in Gefahr und er rief: "ich bin hier?" - "Wo bist[198] du?" - "In der schwarzen". Er ward aber unrecht verstanden und die Kuh geschlachtet; glücklicher Weise traf ihn kein Hieb, und er kam unter das Wurstfleisch. Wie das nun sollte gehackt werden, rief er: "hackt nicht zu tief! hackt nicht zu tief! ich stecke darunter!" Vor dem Lärmen aber hörte das kein Mensch, doch sprang er so behend zwischen den Hackmessern durch, daß ihm keins was schadete, aber entspringen konnte er nicht, und ward in eine Blutwurst gefüllt. Mit der ward er in den Schornstein zum Räuchern aufgehängt, und mußte hängen, bis im Winter, wo die Wurst sollte gegessen werden, und wie sein Quartier aufgeschnitten ward, sprang er heraus und lief davon.

Das Schneiderlein wanderte wieder, da kam es aber einem Fuchs in den Weg, der schnappte es auf: "Herr Fuchs, rief es, ich bin hier, laßt mich frei". - "Ja, sagte der Fuchs, an dir hab ich doch nicht viel: wenn du machst, daß dein Vater mir alle seine Hüner im Hof giebt". Das gelobte es, und da trug es der Fuchs heim, und kriegte alle Hüner im Hof; das Schneiderlein aber brachte seinem Vater seinen erworbenen Kreuzer von der Wanderschaft mit. -

"Warum hat aber der Fuchs die armen Piephüner zu fressen kriegt?" - "Ei, du[199] Narr, deinem Vater wird ja sein Kind lieber seyn, als die Hüner!"

46. Fitchers Vogel.

Es war einmal ein Hexenmeister, der war ein Dieb und ging in der Gestalt eines armen Mannes vor die Häuser und bettelte. Da kam ein Mädchen vor die Thüre, und brachte ihm ein Stück Brod; er rührte das Mädchen nur an, da mußte es in seine Kötze springen. Dann trug er es fort und brachte es in sein Haus, da war alles prächtig, und er gab ihm alles, was es wünschte. Darnach sprach er einmal: "ich habe auswärts zu thun, und muß nothwendig verreisen, da hast du ein Ei, das heb sorgfältig auf und trag es beständig bei dir, und da hast du auch einen Schlüssel, aber geh nicht in die Stube, die er aufschließt, bei Lebensstrafe". Wie er aber fort war, ging sie doch hin und schloß die Stube auf, und wie sie hineintrat, sah sie in der Mitte ein großes Becken

stehen, darin lagen todte und zerhauene Menschen. Sie erschrack so gewaltig, daß das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte; sie nahm es zwar geschwind wieder heraus und wischte das Blut ab, das kam aber den Augenblick wieder zum Vorschein, und sie konnte es nicht herunter[200] kriegen, so viel sie auch wischte und schabte. Als der Mann wieder kam, verlangte er das Ei und den Schlüssel, sah beide an, und da sah er, daß sie in der Blutkammer gewesen war. "Hast du auf meine Worte nicht geachtet, sagte er zornig, so sollst du nun gegen deinen Willen in die Kammer kommen;" damit ergriff er sie, führte sie hin und zerhackte sie, und warf sie zu den andern ins Becken. Nach einiger Zeit ging der Mann wieder betteln und fing die zweite Tochter aus dem Haus; der geschah wie der ersten, sie schloß auch die verbotene Thüre auf, ließ das Ei ins Blut fallen, und ward zerhackt und zu ihr in das Becken geworfen. Da wollte der Hexenmeister auch die dritte Tochter haben, fängt sie auch in seiner Kötze, trägt sie heim, und giebt ihr bei seiner Abreise das Ei und den Schlüssel. Die dritte Schwester aber war klug und listig; sie schloß das Ei erst ein und ging dann in die heimliche Kammer, und wie sie ihre Schwestern in dem Blutbecken findet, sucht sie und sucht alles zusammen und legts zurecht, Kopf, Leib, Arm und Bein; da fangen die Glieder an sich zu regen, und schließen sich aneinander und die zwei werden wieder lebendig. Da führte sie beide heraus und versteckte sie, und als der Mann heim kam und das Ei ohne Blut fand, bat er sie, sie mögte seine Braut werden. Sie[201] sagte ja, aber er müßte erst einen Korb voll Gold ihren Eltern auf dem Rücken hintragen, dieweil wollte sie die Hochzeit bestellen. Darnach sagte sie zu ihren Schwestern, sie sollten ihr nur Hülfe von daheim kommen lassen, setzte sie in einen Korb und deckte ihn ganz mit Gold zu: "den trag nun fort, aber untersteh dich nicht unterwegs zu ruhen, denn ich sehs hier durch mein Bretchen, wenn dus thust". Er nahm den Korb auf den Rücken und ging fort, der ward ihm aber so schwer, daß er ihn fast todt drückte, da wollte er ein wenig ruhen, aber gleich rief eine im Korb: "ich seh durch mein Bretchen, daß du ruhst, willst du gleich weiter!" Da meinte er seine Braut rief, machte sich wieder auf, und so oft er ruhen wollte, rief es wieder, und da mußte er weiter. Die Braut aber daheim nahm einen Todtenkopf, thät ihm einen Schmuck auf, und setzte ihn oben vors Bodenloch; dann lud sie die Freunde des Hexenmeisters zu der Hochzeit ein, und wie das geschehen war, steckte sie sich in ein Faß mit Honig, schnitt das Bett auf und wälzte sich in den Federn, daß sie niemand erkennen konnte, so wunderlich sah sie aus und damit ging sie hinaus auf den Weg. Bald begegnete ihr ein Theil der Gäste, die fragten sie:

"Du Fitchers Vogel! wo kommst du her!" -

"Ich komm von Fitze Fitchers Hause her". -[202]

"Was macht denn da die junge Braut?" -

"Sie hat gekehrt von unten bis oben das Haus

und guckt zum Bodenloch heraus."

Darauf begegnete ihr auch der Bräutigam, der zurückkam:

"Du Fitchers Vogel! wo kommst du her?" -

"Ich komm von Fitze Fitchers Hause her". -

"Was macht denn da meine junge Braut?" -

"Sie hat gekehrt von unten bis oben das Haus

und guckt zum Bodenloch heraus."

Der Bräutigam sah hinauf, und als er den geputzten Todtenkopf oben sitzen sah, meinte er, es wäre seine Braut und grüßte sie. Wie er aber im Haus war, und alle seine Freunde auch, da kam die Hülfe, die die Schwestern geschickt hatten; und sie schlossen das Haus zu und steckten es an, und da keiner heraus konnte, mußten sie alle verbrennen.[203]

47. Van den Machandel-Boom.

Dat is nu all lang her, woll twee dusent Joor, do was daar een riik Mann, de hadde eene schöne frame Fru, un se hadden sick beede seer leef, hadden averst kene Kinner, se wünschten sick averst seer welke, un de Fru bedt' so[203] veel dorum Dag un Nacht, man se kregen keen und kregen keen. Vör eeren Huse was een Hoff, darup stund een Machandelboom, ünner den stund de Fru eens in'n Winter, un schellt sick eenen Appel, un as se sick den Appel so schellt, so sneet se sick in'n Finger, un dat Blood feel in den Snee - ach! sed de Fru, un süft so recht hoch up, un sach dat Blood för sick an, un was so recht wehmödig, hadd ick doch een Kind so rood as Blood un so witt as Snee! - un as se dat sed, so wurd eer so recht frölich to Moode, eer was recht, as full dat wat warden; daar ging se to den Huse un ging een Maand hen, de Snee vörging, un twee Maand, daar was dat grön, un dree Maand, daar kemen de Blömer ut de Eerde, un veer Maand, daar drungen sick alle Bömer in dat Holt, un de grönen Twige weeren all in een anner wussen; daar sungen de Vägelkens, dat dat ganze Holt schallt, un de Bleujten felen van de Bömer, daar was de fyfte Maand weg, un se stund ünner den Machandelboom, de rook so schön; do sprung eer dat Hart vör Freuden, un se feel up eere Knee un kunde sick nich laten, un as de söste Maand

vörbi was, daar wurden de Früchte dick un stark, do wurd se ganz still, un de söwende Maand, do greep se na de Machandelbeeren un att se so nidsch, do wurd se trurig un krank; daar ging de achte[204] Maand hen, un se reep eeren Mann, un weende un sed: wenn ick starve, so begrave my ünner den Machandelboom! do wurde se ganz getrost un freute sick, bett de neegte Maand vörby was, daar kreeg se een Kind, so witt as Snee un so rood as Blood; un as se dat sach, so freute se sick so, dat se sturv.

Daar begroof eer Maan se ünner den Machandelboom, un he fung an to weenen so seer; eene Tyd lang do wurd dat wat sachter, un daar he noch wat weend hadd, do heel he up, un noch eene Tyd, do nam he sick wedder eene Fru.

Mit de tweete Fru kreeg he eene Dochter, dat Kind averst van de eerste Fru was een lüttje Sön, un was so rood as Blood un so witt as Snee. Wenn de Fru eere Dochter so ansah, so had se se so lleef, averst denn sach se den lüttjen Jung an, un dat ging eer so dorch't Hart, un eer dücht, as stund he eer allerwegen in'n Weg, un dacht denn man ümmer, wo se eer Dochter all dat Vörmögent towenden wull, un de Böse gav eer dat in, dat se den lüttjen Jung ganz gram wurd, un stöd em herüm van een Ek in de anner, un bust em hier un knuft em daar, so dat dat arme Kind ümmer in Angst was; wenn he denn ut de School kam, so hadd he keene ruhige Stede.

Eens was de Fru up de Kamer gaan, do[205] kamm de lüttje Dochter ook herup un sed: Moder giv my eenen Appel! Ja myn Kind, sed de Fru, un gav eer eenen schönen Appel uut de Kist, de Kist averst had eenen grooten swaaren Deckel mit een groot schaarp ysern Slott. Moder, sed de lüttje Dochter, schall Broder nich ook eenen hebben? Dat vördrot de Fru, doch sed se: ja, wenn he ut de School kümmt; un as se ut dat Finster gewaar wurde, dat he kamm, so was dat recht, as wenn de Böse över eer kamm, un se grapst to, un nam eerer Dochter den Appel wedder weg un sed: "du sast nich eer eenen hebben, as Broder". Daar smeet se den Appel in de Kist un maakt de Kist to; daar kamm de lüttje Jung in de Dör, daar gav eer de Böse in, dat se früntlich to em sed: "myn Sön, wist du eenen Appel hebben?" un sach em so hastig an. "Moder, sed de lüttje Jung, wat sühst du gresig ut, ja giv my eenen Appel!" Daar was eer, as sull se em toreden: "kumm mit my", sed se, un maakt den Dekkel up, "haal dy eenen Appel herut", un as sick de lütt Jung henin bückt, so reet eer de Böse, bratsch - sloog se den Dekkel to, dat de Kop af floog un ünner de rooden Appel seel. Daar äverleep eer dat in de Angst, un dacht: "kund ick dat van my bringen". Daar ging se baben na eere Stuve na eeren Draagkasten un haalt ut de bävelste[206] Schuuflade eenen

witten Dook, un sett den Kopp wedder up den Hals un bund den Halsbook so um, dat man niks seen kund, un sett em vör de Dör up eenen Stool un gav em den Appel in de Hand.

Daar kamm daarna Marleenken to eere Moder in de Köke, de stund by den Füür un had eenen Pott mit heet Water för sik, den rüürt se ümmer um: "Moder, sed Marleenken, Broder sitt vör de Döör un süüt ganz witt ut, un hedd eenen Appel in de Hand, ick hev em beden, he sull my den Appel geven, averst he antwoord my nich, da wurd my ganz gruulig". "Ga nochmal hen, sed de Moder, un wenn he dy nich antwoorden will, so giv em eens an de Ooren!" Daar ging Marleenken hen un sed: "Broder giv my den Appel!" averst he sweeg still, daar gav se em eens up de Ooren, daar feel de Kop herünn, daräver varschrak se sick, un fung an to weenen un to raaren, un leep to eere Moder un sed: "ach, Moder, ick hebb minen Broder den Kopp afslagen!" un weend un weend un wull sick nich tofreden geven: "Marleenken, sed de Moder, wat hest du daan - averst swig man still, dat et keen Minsch markt, dat is nu doch nich to ännern; wi willen em in suur kaaken". Daar nam de Moder den lüttjen Jungen un hackt em in Stükken, ded de in den Pott un kaakt em in[207] suur; Marleenken averst stund daarby un weend un weend, un de Traanen feelen all in den Pott, un se bruukten gar keen Solt.

Daar kamm de Vader to Huus un sett sick to Disch, un sed: "wo is denn min Sön?" Dar drog de Moder eene groote, groote Schöttel op mit swart Suur, un Marleenken weend un kund sick nich hollen. Da sed de Vader wedder: "wo is den min Sön?" "Ach, sed de Moder, he is över Land gaan, na Mütten eer groot Oem, he wull daar wat bliven". "wat deit he denn daar? un hed my nich mal Adjüs segd?" "o he wuld geern hen, un bed my, ob he daar woll sös Weken bliven kun, he is so woll daar uphaben". "Ach, sed de Mann, my is so recht trurig, dat is doch nich recht, he had my doch Adjüs seggen schullt". Mit des fung he an to eeten un sed: "Marleenken, wat weenst du? Broder ward woll wedder kamen". "Ach Fru, sed he do, wat smeckt my dat Eten schön, giv my meer!" un je meer he at, je meer wuld he hebben, un sed: "gevt my meer, gy sölt niks daaraf hebben, dat is as wenn dat all myn weer", un he att un att, un de Knaken smeet he all unner den Disch, bett he alles up had. Marleenken averst ging hen na eere Commode un namm uut de unnerste Schuuf eeren besten syden Dook, un haalt all de Beenken un Knaken ünner den Disch herut, un[208] bund se in den syden Dook, un drog se vör de Döör, un weente cere blödigen Traanen; daar legd se se unner den Machandelboom in dat gröne Gras, un as se se daar henlegd hadd, so was eer mit eenmal so recht licht, un weente nich meer, do fung de Machandelboom an sich to bewegen, un de Twyge deden sich ümmer so

recht van eenanner, un denn wedder tohop, so recht, as wenn sick eener so recht fröit un mit de Hände so deit. Mit des, so ging daar so'n Newel van den Boom, un recht in den Newel da brennt dat as Füür, un ut dat Füür daar flog so'n schönen Vagel herut, de sung so herlich un flog hoch in de Luft, un as he weg was, do was de Machandelboom, as he vörheer west was, un de Dook mit de Knaken was weg, - Marleenken averst was so recht licht un vergnögt, recht as wenn de Broder noch leeft, daar ging se wedder ganz lustig in dat Huus by Disch un att.

De Vagel averst floog weg, un sett' sick up eenen Goldsmitt siin Hus un fung an to singen:

Min Moder de mi slacht't,

min Vader de mi att,

min Swester de Marleeniken

söcht alle mine Beeniken,

un bindt se in een siden Dook,

legts unner den Machandelboom;

kywitt, kywitt! ach watt een schön Vagel bin ick![209]

De Goldsmitt satt in sine Warkstede un maakt eene goldne Kede, daar hörd he den Vagel, de up sin Dack satt un sung, un dat dünkt em so schön; daar stund he up, un as he äver den Süll ging, so vörloor he eenen Tüffel; he ging aver so recht midden up de Strate, eenen Tüffel un een Sock an, sin Schortfell had he vör, un in de een Hand had he de golden Kede, un in de anner de Tang, un de Sünn schiint so hell up de Strate, daar ging he recht so staan un sach den Vagel an: "Vagel, segd he do, wo schön kanst du singen, sing my dat Stük nochmal". - Nee, segd de Vagel, tweemal sing ick nich umsünst, giv mi de golden Kede, so wil ick di et nochmal singen. "Da, segd de Goldsmitt, hest du de golden Kede, nu sing mi dat nochmal". Daar kam de Vagel un nam de golden Ked so in de rechte Krall, un ging vör den Goldsmitt sitten un sung:

Min Moder de mi slacht't,

min Vader de mi att,

min Swester de Marleeniken

söcht alle mine Beeniken

un bindt se in een siden Dook

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach watt een schön Vagel bin ick.

Daar flog de Vagel weg na eenen Schooster un sett sick up den siin Dack un sung:[210]

Min Moder de mi slacht't,

min Vader de mi att,

min Swester de Marleeniken,

söcht alle mine Beeniken

un bindt se in een siden Dook,

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach watt een schön Vagel bin ick!

de Schooster hörd dat, un leep vör sin Döör, in Hemdsarmel und sach na siin Dack, un must de Hand vör de Oogen holln, dat de Sünn em nich blendt: "Vagel, segd he, wat kanst du schön singen!" Da reep he in siin Döör herin: "Fru, kumm mal herut, daar is een Vagel, sü mal den Vagel de kann mal schön singen, da reep he siin Dochter un Kinner un Gesellen, Jung un Magd, un keemen all up de Straat, un segen den Vagel an, wo schön he was, un he hadd so recht roode, un gröne Feddern, un um den Hals was dat as luter Gold, un de Oogen blinkten em in Kopp, as Steern". "Vagel, sed de Schoster, nu sing mi dat Stük nochmal". Nee, segd de Vagel, twee mal sing ick nich umsünst, du möst my wat schenken. "Fru sed de Mann, ga na de Dön-böhn up den bövelsten Boord, do staan een paar roode Scho, de bring herunn;" daar ging de Fru hen un haalt de Scho. "Da Vagel, sed de Mann, nu sing mi dat Stük noch mal", daar kamm de Vagel[211] un namm de Scho in de linke Klau, und flog wedder up dat Dack un sung:

Min Moder de mi slacht't

min Vader de mi att,

min Swester de Marleeniken,

söcht alle mine Beeniken,

un bindt se in een siden Dook

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach wat een schön Vagel bin ick:

un as he utsungen hadd, so floog he weg, de Kede hadd he in de rechte un de Scho in de linke Klau, un he floog wyt weg na eene Mähl, un de Mähl ging klippe klappe, - klippe klappe - klippe klappe - un in de Mähl daar seeten twintig Mählenburschen, de haugten eenen Steen un hackten hick hack - hick hack - hick hack, un de Mähl ging klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Daar ging de Vagel up eenen Lindenboom sitten, de vör de Mähl stund un sung:

"Min Moder de mi slacht't"

do hörte een up,

"min Vader de mi att"

do hörten noch twee up, un hörten dat:

"min Swester de Marleeniken"

do hörten wedder veer up,

"söcht alle mine Beeniken[212]

un bindt se in een siden Dook"

nu hackten noch man acht

"legts unner

nu noch man fyve

den Machandelboom

nu noch man een

kywitt, kywitt! ach wat een schön Vagel bin ick."

daar heel de lezte ook up, un hadd dat lezte noch hörd. "Vagel, segd he, wat singst du schön, laat my dat ook hören, sing my dat noch mal!" Nee, segd de Vagel, twee mal sing ick nich umsünst, giv my den Mählensteen, so will ick dat noch mal singen. "Ja, segd he, wenn he mi allen hörd, so sust du em hebben", "ja, seden de annern, wenn he nochmal singt, so sall he em hebben;" dar kamm de Vagel herün, un de Möllers faat'n all twintig mit Bööm an, un böörten den Steen up, hu uh up, hu uh ihp! - hu uuh uhp! daar stack de Vagel den Hals döör dat Lock, un nam üm as eenen Kragen un floog wedder up den Boom, un sung:

Min Moder de mi slacht't

min Vader de mi att,

min Swester de Marleeniken,

söcht alle mine Beeniken,

un bindt se in een siden Dook,

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach wat een schön Vagel bin ick![213]

un as he dat utsungen hadd, da ded he de Flünk van eenanner, un had in de rechte Klau de Rede un in de linke de Scho un üm den Hals den Mählensteen un floog wiit weg na sines Vaders Huse. -

In de Stuve satt de Vader, de Moder un Marleenken by Disch, un de Vader sed: ach wat waart mi licht, mi is recht so good to Mode - nee! sed de Moder, my is so angst, so recht, as wenn een swaar Gewitter kümmt. Marleenken averst satt un weend un weend, daar kamm de Vagel

auflegen, un as he sick up dat Dack sett - ach segd de Vader, mi is so recht freudig un de Sünn schiint buten so schön, my is recht as süll ick eenen ollen Bekannten wedderseen, - nee, sed de Fru, my is so Angst, de Teene klappern mi un dat is mi as Füür in de Adern, un se reet sick eer Liifken up un so meer; averst Marleenken satt in een Eck un weende un had eeren Platen vor de Oogen, un weende den Platen gans messnatt; daar sett sick de Vagel up den Machandelboom un sung:

Min Moder de mi slacht't

daar heel de Moder de Ooren to, un kneep de Oogen to, un wold nich seen un hören, aver dat bruuste eer in de Ooren, as de allerstarkst Storm, un de Oogen brennten eer un zackten as Bliz:[214]

min Vader de mi att,

Ach Moder, segd de Mann, daar is een schön Vagel, de singt so herlich, de Sünn schiint so warm, un dat rückt as luter Zinnemamen

min Swester de Marleeniken

daar led Marleenken den Kopp up de Knee un weende in eens weg, de Mann averst sed: ick ga herut, ick mut den Vagel dicht by sehn; - "ach, ga nich, sed de Fru, my is as bevt dat ganze Huus, un stünn in Flammen;" aver de Mann ging herut un sach den Vagel an:

söcht alle mine Beeniken

un bindt se in een siden Dook,

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach wat een schön Vagel bin ick!

mit des leet de Vagel de golden Kede fallen, un se feel den Mann jüst um den Hals, so recht hier herüm, dat se recht so schön past; daar ging he herin un sed: "sü wat is dat vör een schön Vagel, hett mi so ne schöne goldne Kede schenkt, un süht so schöne ut;" de Fru aver was so Angst un feel langs in de Stuve hen, un de Mütz feel eer van den Kopp - daar sung de Vagel wedder:

Min Moder de mi slacht't

ach dat ick dusend Fuder unner de Eerde weer, dat ick dat nich hören sull![215]

min Vader de mi att,

daar feel de Fru vör dood nedder,

min Swester de Marleeniken,

ach, sed Marleenken, ick wil ook herut gan un seen op de Vagel mi wat schenkt, daar ging se herut,

söcht alle mine Beeniken

und bindt se in een siden Dook,

daar smeet he eer de Scho herun

legts unner den Machandelboom,

kywitt, kywitt! ach wat een schön Vagel bin ick!

Daar was eer so licht un frölich, daar truck se de nien rooden Scho an, un danst un spring herinn; ach, sed se, ick was so trurig as ick herut ging, un nu is mi so licht, dat is mal een herlichen Vagel, het mi een Paar roode Scho schenkt! "nee", sed de Fru, un sprung up, un de Har stunnen eer to Barge as Füürsflammen, "mi is as sull de Werld unner gahn, ick wil ook herut, op mi lichter warden sull", un as se ut de Döör kamm - bratsch! - smeet eer de Vagel den Mählensteen up den Kopp, dat se ganz tomatsch; de Vader un Marleenken hörden dat un gingen herut, dar ging een Damp un Flam un Füür up van de Steed, un as dat vorby was, da stund de lüttje Broder, un he namm sinen Vader un Marleenken bi de Hand,[216] un weeren alldree so recht vergnögt un gingen in dat Huus by Disch un eeten.

48. Der alte Sultan.

Ein Bauer hatte einen getreuen Hund, der war alt, und konnte nichts mehr fest packen. Da sagte der Bauer zu seiner Frau: "ich will den alten Sultan todtschießen, er ist uns doch zu nichts mehr Nutz", die Frau aber antwortete: "thu das nicht und laß das treue Thier das Gnadenbrod essen, es hat uns so lange Jahre gedient". Der Mann sagte: "du bist nicht recht gescheidt, was fangen wir mit ihm an, er hat keinen Zahn mehr im Maul, und es fürchtet sich kein Dieb mehr vor ihm; hat er uns gedient, so hat ers des Hungers wegen gethan, und weil er hier gutes Fressen kriegte; morgen ist sein letzter Tag, dabei bleibts". Der Hund hatte alles, was Mann und Frau zusammen gesprochen, mit angehört, nun hatte er einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem ging er Abends hinaus und klagte ihm sein Leiden und daß sein Herr ihn Morgen todtschießen wolle. "Mach dir keine Sorgen, sagte der Wolf, ich will dir einen guten Anschlag geben: Morgen früh geht dein Herr mit seiner Frau hinaus ins Heu, da nehmen[217] sie auch ihr kleines Kind mit, bei der Arbeit legen sie das draußen hinter die Hecke, da leg du dich daneben, als wenn du es bewachen und da ruhen wolltest; alsdann will ich kommen und das Kind wegnehmen, und du mußt mir nachspringen, was du kannst, und mir es abjagen, dann werden sie glauben, du habest ihr Kind errettet, dadurch wirst du in völlige Gnade kommen und sie werden dirs an nichts fehlen

lassen dein Lebelang". Das gefiel dem Hund gut und ward, wie es verabredet war, ausgeführt; der Wolf lief ein Stück Wegs, und als ihn der Hund eingeholt hatte, ließ er das Kind fallen, und der Hund trug es seinem Herrn zurück. Da rief der Bauer überlaut: "weil der alte Sultan unser liebes Kind dem Wolf wieder abgejagt hat, soll er leben bleiben und das Gnadenbrod haben. Frau, geh heim und koch ihm einen Weckbrei, den kann er gut hinunterschlucken, und mein Kopfkissen soll er zu seinem Bett haben, so lang er lebt". Also hatte es der Hund auf einmal so gut, daß er sichs nicht besser wünschen konnte. Der Wolf kam zu ihm und freute sich, daß es so wohl gelungen war: "du wirst nun auch nichts dagegen haben, und mir behülflich seyn, wenn ich deinem Herrn ein fett Schaf wegholen kann". Der Sultan aber war seinem Herrn treu und sagte ihm, was der Wolf im Schilde führe, da[218] paßt' ihm dieser in der Scheuer auf, und als er kam und sich einen guten Bissen holen wollte, kämmte er ihm tüchtig die Haare. Der Wolf war darüber gewaltig aufgebracht, schalt den alten Sultan einen schlechten Kerl und forderte ihn heraus, die Sache auszumachen.

Sie bestellten sich vor den Wald, und jeder sollte einen Secundanten mit sich bringen. Der Wolf war zuerst auf dem Platz und hatte das wilde Schwein zu seinem Beistand mitgenommen, der Hund hatte niemand als eine lahme Katze bekommen können, und ging endlich mit der ab. Wie sie aber der Wolf und das wilde Schwein von weitem kommen, und die Katze beständig hüpfen sahen, glaubten sie die Katze höb jedesmal einen Stein auf, da wurde ihnen beiden Angst, und das wilde Schwein verkroch sich in das Laub, der Wolf aber sprang auf einen Baum. Der Gegenpart kam heran, und beide wunderten sich, daß niemand da war. Das wilde Schwein aber in dem Laub zwickte mit den Ohren; wie die Katze sich etwas regen sah, sprang sie drauf zu, biß und kratzte; da hob sich das Schwein mit Geschrei in die Höhe, lief fort und rief noch zurück: "dort oben auf dem Baum, da sitzt der Schuldner". Da kam es an den Tag, daß der Wolf sich verkrochen hatte, und wollte er herunter, mußte er sich zum Frieden bequemen.[219]

49. Die sechs Schwäne.

Ein König jagte in einem großen Wald, verirrte sich und konnte keinen Ausgang finden, da kam er endlich zu einer Hexe, die bat er, sie mögte ihn wieder heraus leiten. Die Hexe aber antwortete, das geschähe nimmermehr, er müsse darin bleiben und sein Leben verlieren, und nur das eine könne ihn erretten, daß er ihre Tochter heirathe. Dem König war sein Leben lieb, und in der Angst sagte er ja; die Hexe brachte ihm das

Mädchen, es war jung und schön, er konnte es aber nicht ohne Grausen und ohne eine heimliche Furcht ansehen; doch wollte er, was er versprochen hatte, halten. Die Alte führte dann beide auf den rechten Weg, und daheim ward die Hexentochter seine Gemahlin. Der König aber hatte noch sieben Kinder von seiner ersten Frau, sechs Buben und ein Mädchen, und weil er fürchtete, es könne ihnen von der Stiefmutter ein Leids angethan werden, brachte er sie in ein Schloß, daß er mitten in einem Walde stehen hatte. Es stand so verborgen, daß niemand den Weg dahin wußte, und er selber hätte ihn nicht gefunden, wenn ihm nicht eine weise Frau einen Knauel von Garn gegeben, wenn er den[220] vor sich warf, wickelte er sich auf und zeigte ihm den Weg. Weil aber der König seine Kinder gar lieb hatte, ging er oft hinaus, da ward die Königin neugierig, und wollte wissen, was der König so viel allein in dem Wald zu thun habe; sie forschte die Diener aus, und diese verriethen ihr das ganze Geheimniß. Das erste war nun, daß sie sich mit List den Knauel verschaffte, dann nahm die sieben kleine Hemdchen, und ging hinaus in den Wald. Der Knauel zeigte ihr den Weg, und als sie sechs kleinen Prinzen sie von weitem kommen sahen, freuten sie sich, meinten ihr Vater käm und liefen heraus auf sie zu. Da warf sie über jeden ein Hemdchen, und kaum hatte es ihren Leib berührt, da waren sie in Schwäne verwandelt, hoben sich auf in die Luft und flogen davon. Sie meinte nun sie hätte alle Stiefkinder weggeschafft, und ging wieder heim, und so war das Mädchen, das in seiner Kammer geblieben war, errettet. Am andern Tag kam der König in das Waldschloß, da erzählte es ihm, was geschehen war, und zeigte ihm noch die Schwanenfedern, die von ihren sechs Brüdern auf den Hof gefallen waren. Der König erschrack, gedachte aber nimmermehr, daß die Königin die böse That vollbracht, und weil er besorgte, die Prinzessin möge ihm auch geraubt werden, wollte er sie mit sich nach Haus nehmen. Sie[221] fürchtete sich aber vor ihrer Stiefmutter und bat ihn, er mögte sie nur noch die Nacht in dem Schloß lassen; in der Nacht aber entfloh sie, und gerade zu in den Wald hinein.

Als sie auch den ganzen Tag bis zum Abend fortgegangen war, kam sie zu einer Wildhütte. Sie stieg hinauf und fand eine Stube mit sechs kleinen Betten; weil sie nun müde war, legte sie sich unter eins und wollte da die Nacht zubringen. Bei Sonnenuntergang aber kamen sechs Schwäne durch das Fenster hereingeflogen, setzten sich auf den Boden und bliesen einander an, und bliesen sich alle Federn ab, wie ein Tuch sich abstreift, und da waren es ihre sechs Brüder. Sie kroch unter dem Bett hervor, und die Brüder waren beides erfreut und betrübt, sie zu sehen: "du kannst hier nicht bleiben, sagten sie, das ist eine

Räuberherberg, wenn die Räuber vor ihrem Zuge heimkommen, dann wohnen sie hier. Alle Abend können wir uns aber eine Viertelstunde lang die Schwanenhaut gänzlich abblasen, und auf so lange unsere menschliche Gestalt haben, hernach aber ist es wieder vorbei. Wenn du uns erlösen willst, mußt du in sechs Jahren sechs Hemdlein aus Sternblumen zusammennähen, während der Zeit aber darfst du nicht sprechen und nicht lachen, sonst ist alle Arbeit verloren". Und als die Brüder das gesprochen hatten, war[222] die Viertelstunde herum, und sie waren wieder in Schwäne verwandelt.

Am andern Morgen aber sammelte sich das Mädchen Sternblumen, setzte sich dann auf einen hohen Baum und fing an zu nähen: es redete auch kein Wort und lachte nicht, sondern sahe nur auf seine Arbeit. Auf eine Zeit jagte der König, dem das Land gehörte in dem Wald, und seine Jäger kamen zu dem Baum, auf welchem es saß. Sie riefen ihm zu, es sollte herabsteigen, weil es ihnen nun nicht antworten durfte, wollte es sie mit Geschenken befriedigen, und warf ihnen seine goldene Halskette herab. Sie riefen aber noch immer, da warf es seinen Gürtel, als auch dies nichts half seine Strumpfbänder endlich, alles, was es entbehren konnte, herunter, so daß es nichts mehr als sein Hemdlein anbehielt. Den Jägern war aber das alles nicht genug, sie stiegen auf den Baum, hoben es herab und brachten es mit Gewalt zum König. Der König war verwundert über seine Schönheit, wickelte es in seinen Mantel, setzte es vor sich aufs Pferd, und führte es nach Haus und ob es gleich stumm war, liebte er es doch von Herzen, und es ward seine Gemahlin. Des Königs Mutter aber war böse darüber, sprach schlecht von ihr: niemand wisse, woher die Dirne gekommen, und sie sey des Königs unwerth. Als sie nun[223] den ersten Prinzen zur Welt brachte, nahm die Schwiegermutter ihn weg, bestrich ihr den Mund mit Blut und gab dann bei dem König vor, die Königin habe ihr eigen Kind gefressen, und sey eine Zauberin. Der König aber, aus großer Liebe, wollte es nicht glauben; darnach als sie den zweiten Prinzen gebar, übte die gottlose Schwiegermutter denselben Betrug, und klagte sie wieder beim König an, und weil sie nicht reden durfte, sondern immer stumm saß und an den sechs Hemdern arbeitete, so konnte sie nichts mehr erretten, und sie ward zum Feuer verdammt. Der Tag kam heran, wo das Urtheil sollte vollzogen werden, es war gerade der letzte Tag von den sechs Jahren, und sie war mit den sechs Hemdern fertig geworden, nur an einem fehlte der linke Ermel. Wie sie nun zum Scheiterhaufen geführt wurde, nahm sie die sechs Hemder mit sich, und wie sie oben stand und eben das Feuer sollte angesteckt werden, sah sie sechs Schwäne durch die Luft daher ziehen, und über ihr sich herabsenken. Da warf sie die

Hemdlein hinauf, die fielen über die Schwäne hin, und kaum waren sie davon berührt, so fiel ihre Schwanenhaut ab, und die sechs Brüder standen leibhaftig vor ihr, nur dem sechsten fehlte der linke Arm, und er hatte dafür einen Schwanenflügel auf dem Rücken. Da war ihr auch die Sprache wiedergegeben,[224] und sie erzählte, wie die Schwiegermutter sie so boshaft verläumdet, dafür ward diese auf den Scheiterhaufen gebracht und verbrannt, sie aber lebte lange mit dem König und ihren sechs Brüdern in Freuden.[225]

50. Dornröschen.

Ein König und eine Königin kriegten gar keine Kinder, und hätten so gern eins gehabt. Einmal saß die Königin im Bade, da kroch ein Krebs aus dem Wasser ans Land und sprach: "dein Wunsch wird bald erfüllt werden und du wirst eine Tochter zur Welt bringen". Das traf auch ein, und der König war so erfreut über die Geburt der Prinzessin, daß er ein großes Fest anstellen ließ, und dazu lud er auch die Feen ein, die im Lande waren, weil er nur zwölf goldene Teller hatte, konnte er eine nicht einladen: es waren ihrer nemlich dreizehen. Die Feen kamen zu dem Fest, und beschenkten das Kind am Ende desselben: die eine mit Tugend, die zweite mit Schönheit und so die andern mit allem, was nur auf der Welt herrlich und zu wünschen war, wie aber eben die elfte ihr Geschenk gesagt hatte, trat die dreizehnte herein, recht zornig, daß sie nicht war eingeladen worden und rief: "weil ihr mich nicht gebeten,[225] so sage ich euch, daß eure Tochter in ihrem funfzehnten Jahre an einer Spindel sich stechen und todt hinfallen wird". Die Eltern erschracken, aber die zwölfte Fee hatte noch einen Wunsch zu thun, da sprach sie: "es soll aber kein Tod seyn, sie soll nur hundert Jahr in einen tiefen Schlaf fallen."

Der König hoffte immer noch sein liebes Kind zu erretten, und ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreich sollten abgeschafft werden. Die Prinzessin aber wuchs heran, und war ein Wunder von Schönheit. Eines Tags, als sie ihr funfzehntes Jahr eben erreicht hatte, war der König und die Königin ausgegangen, und sie ganz allein im Schloß, da ging sie aller Orten herum nach ihrer Lust, endlich kam sie auch an einen alten Thurm. Eine enge Treppe führte dazu, und da sie neugierig war, stieg sie hinauf und gelangte zu einer kleinen Thüre, darin steckte ein gelber Schlüssel, den drehte sie um, da sprang die Thüre auf und sie war in einem kleinen Stübchen, darin saß eine alte Frau und spann ihren Flachs. Die alte Frau gefiel ihr wohl, und sie machte Scherz mit ihr und sagte, sie wollte auch einmal spinnen, und nahm ihr

die Spindel aus der Hand. Kaum aber hatte sie die Spindel angerührt, so stach sie sich damit, und alsbald fiel sie nieder in einen tiefen Schlaf.[226] In dem Augenblick kam der König mit dem ganzen Hofstaat zurück, und da fing alles an einzuschlafen, die Pferde in den Ställen, die Tauben auf dem Dach, die Hunde im Hof, die Fliegen an den Wänden, ja das Feuer, das auf dem Heerde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch ließ den Küchenjungen los, den er an den Haaren ziehen wollte, und die Magd ließ das Huhn fallen, das sie rupfte und schlief, und um das ganze Schloß zog sich eine Dornhecke hoch und immer höher, so daß man gar nichts mehr davon sah.

Prinzen, die von dem schönen Dornröschen gehört hatten, kamen und wollten es befreien, aber sie konnten durch die Hecke nicht hindurch dringen, es war als hielten sich die Dornen fest wie an Händen zusammen, und sie blieben darin hängen und kamen jämmerlich um. So währte das lange, lange Jahre: da zog einmal ein Königssohn durch das Land, dem erzählte ein alter Mann davon, man glaube, daß hinter der Dornhecke ein Schloß stehe, und eine wunderschöne Prinzessin schlafe darin mit ihrem ganzen Hofstaat; sein Großvater habe ihm gesagt, daß sonst viele Prinzen gekommen wären und hätten hindurchdringen wollen, sie wären aber in den Dornen hängen geblieben und todtgestochen worden. "Das soll[227] mich nicht schrecken, sagte der Königssohn, ich will durch die Hecke dringen und das schöne Dornröschen befreien;" da ging er fort, und wie er zu der Dornhecke kam, waren es lauter Blumen, die thaten sich von einander, und er ging hindurch, und hinter ihm wurden es wieder Dornen. Da kam er ins Schloß, und in dem Hof lagen die Pferde und schliefen, und die bunten Jagdhunde, und auf dem Dach saßen die Tauben und hatten ihre Köpfchen in den Flügel gesteckt, und wie er hineinkam, schliefen die Fliegen an den Wänden, und das Feuer in der Küche, der Koch und die Magd, da ging er weiter, da lag der ganze Hofstaat und schlief, und noch weiter, der König und die Königin; und es war so still, daß einer seinen Athem hörte, da kam er endlich in den alten Thurm, da lag Dornröschen und schlief. Da war der Königssohn so erstaunt über ihre Schönheit, daß er sich bückte und sie küßte, und in dem Augenblick wachte sie auf, und der König und die Königin, und der ganze Hofstaat, und die Pferde und die Hunde, und die Tauben auf dem Dach, und die Fliegen an den Wänden, und das Feuer stand auf und flackerte und kochte das Essen fertig, und der Braten brutzelte fort, und der Koch gab dem Küchenjungen eine Ohrfeige, und die Magd rupfte das Huhn fertig. Da ward die Hochzeit von dem Königssohn[228] mit Dornröschen gefeiert,

und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

51. Vom Fundevogel.

Es war einmal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam hörte er schreien, als obs ein kleines Kind wäre, und ging dem Schreien nach, so sah er endlich einen hohen Baum und oben darauf saß ein kleines Kind, unter dem Baum aber lag eine Frau, die schlief. Und als die Frau unter dem Baum eingeschlafen war, hatte ein Raubvogel das Kind in ihrem Schooß gesehen, flog hinzu, nahm es mit seinem Schnabel weg, und setzte es auf den hohen Baum.

Der Förster aber stieg hinauf, holte das Kind herunter und dachte: "du willst das Kind mit nach Haus nehmen, und mit deinem Lehnchen zusammen aufziehen;" brachte es heim, und die zwei Kinder wuchsen so mit einander auf, das aber, das auf dem Baum gefunden worden war, und weil es ein Vogel weggetragen hatte, wurde Fundevogel geheißen. Fundevogel und Lehnchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß wenn eins das andere nicht sah, wurde es traurig.

Der Förster hatte aber eine alte Köchin,[229] die nahm eines Abends zwei Eimer und fing an Wasser zu schleppen und ging nicht einmal, sondern vielemal hinaus an den Brunnen und Lehnchen sah es: "hör einmal, alte Sanne, was trägst du denn so viel Wasser zu?" - wenn dus keinen Menschen wieder sagen willst, so will ich dirs wohl sagen. Da sagte Lehnchen, nein, sie wollte es keinem Menschen wieder sagen, so sprach die Köchin: "morgen früh, wenn der Förster auf die Jagd ist, da koche ich das Wasser, und wenns in dem Kessel siedet, werf ich den Fundevogel 'nein, und will ihn darin kochen."

Und des andern Morgens in aller Frühe stieg der Förster auf und ging auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett, da sprach Lehnchen zum Fundevogel: "verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht!" so sprach der Fundevogel: nun und nimmermehr. Da sprach Lehnchen: "ich will es dir nur sagen, die Sanne schleppte gestern Abends so viel Eimer Wasser ins Haus, so fragte ich sie, warum sie das thäte, so sagte sie: wenn ichs keinem Menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen; so sprach ich: ich wollte es gewiß keinem Menschen sagen, da sagte sie, morgen früh, wenn der Vater auf die Jagd wäre, wollte sie den Kessel voll Wasser sieden, und dich hineinwerfen und kochen. Wir[230] wollen aber geschwind aufsteigen, uns anziehen und zusammen fortgehen."

Also standen die beiden Kinder auf, zogen sich geschwind an und

gingen fort. Wie nun das Wasser im Kessel kochte, ging die Köchin in die Schlafkammer und wollte Fundevogel holen, um ihn hinein zu werfen. Allein, als sie hinein kam, und zu den Betten trat, waren die Kinder alle beide fort, so wurde ihr grausam Angst und sprach vor sich: "was will ich nun sagen, wenn der Förster heim kommt und sieht, daß die Kinder weg sind. Geschwind hintennach, daß wir sie wieder kriegen!"

Da schickte die Köchin drei Knechte nach, die sollten laufen und die Kinder einlangen. Die Kinder aber saßen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weitem laufen sahen, sprach Lehnchen zum Fundevogel: "verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht!" So sprach Fundevogel: "nun und nimmermehr!" Da sagte Lehnchen: "werde du zum Rosenstöckchen und ich zum Röschen drauf!" Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da, als ein Rosenstrauch und ein Röschen oben drauf, die Kinder aber nirgends, da sprachen sie: hier ist nichts zu machen und gingen heim, und sagten vor die Köchin, sie hätten nichts in der Welt[231] gesehen, als nur ein Rosenstöckchen, mit einem Röschen oben drauf. Da schalt die alte Köchin: "ihr Einfaltspinsel, ihr hättet das Rosenstöckchen sollen entzwei schneiden, und das Röschen abbrechen und mit nach Haus bringen, geschwind und thuts!" Sie mußten also zum zweitenmal hinaus und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weiten kommen, da sprach Lehnchen: "Fundevogel, verläßt du mich nicht, verlaß ich dich auch nicht!" Fundevogel sagte: "nun und nimmermehr". - "So werde du eine Kirche, und ich die Krone darin!" Wie nun die drei Knechte dahin kamen, war nichts da, als eine Kirche und eine Krone darin. Sie sprachen also zu einander: was sollen wir hier machen, laßt uns nach Hause gehen! Wie sie nach Haus kamen, fragte die Köchin, ob sie nichts gefunden, so sagten sie nein, sie hätten nichts gefunden, wie eine Kirche, da wäre eine Krone darin gewesen. "Ihr Narren, schalt die Köchin, warum habt ihr nicht die Kirche zerbrochen und die Krone mit heim gebracht?" Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine, und ging mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen und die Köchin wackelte hinten nach. Da sprach Lehnchen: "Fundevogel, verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht". Da sprach der[232] Fundevogel: "nun und nimmermehr". So sprach Lehnchen: "werde du zum Teich und ich die Ente drauf!" Die Köchin aber kam herzu und als sie den Teich sahe, legte sie sich drüber hin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, faßte sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein, da mußte die alte Hexe ertrinken. Da gingen die Kinder zusammen nach Haus, und waren herzlich froh, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.[233]

52. König Droßelbart.

Ein König hatte eine Tochter, die war wunderschön, aber so stolz und übermüthig, daß sie aus Eigensinn einen Freier nach dem andern abwies und Spott mit ihnen trieb. Der König ließ einmal ein großes Fest anstellen, und lud dazu alle heirathslustigen Männer ein, die wurden in eine Reihe, nach ihrem Rang und Stand geordnet, erst kamen die Könige, dann die Herzogen, Fürsten, Grafen und Barone, zuletzt die Edelleute, da wurde die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem hatte sie immer etwas auszusetzen. Besonders machte sie sich über einen guten König lustig, der ganz oben an stand und dem das Kinn krumm gewachsen[233] war, da sagte sie: "ei, der hat ein Kinn, wie die Droßel einen Schnabel", und seit der Zeit bekam er den Namen Droßelbart. Als nun der alte König sahe, daß seine Tochter nichts that, als über die Leute spotten, erzürnte er so, daß er schwur, sie sollte den ersten besten Bettler nehmen, der vor die Thür käme.

Eines Tages fing ein Spielmann an zu singen unter ihrem Fenster, den hieß der König gleich hereinkommen, und so schmutzig er war, mußte sie ihn für ihren Bräutigam anerkennen, ein Pfarrer wurde alsbald gerufen und die Trauung ging vor sich. Wie die Trauung vollzogen war, sprach der König zu seiner Tochter: "es schickt sich nun nicht weiter, daß du hier im Schloß bleibest, du kannst nur mit deinem Mann fortziehen."

Da zog der Bettelmann mit der Königstochter fort, unterwegs kamen sie durch einen großen Wald, und sie fragte den Bettelmann:

"ach, wem gehört doch der schöne Wald?" -

der gehört dem König Droßelbart,

hättst du'n genommen, so wär er dein! -

"ich arme Jungfer zart,

ach hätt' ich doch genommen den König Droßelbart!"

Darauf kamen sie durch eine Wiese:

"wem gehört wohl die schöne grüne Wiese? -"[234]

sie gehört dem König Droßelbart,

hättst du'n genommen, so wär sie dein! -

"ich arme Jungfer zart,

ach hätt' ich doch genommen den König Droßelbart!"

Endlich kamen sie durch eine Stadt:

"wem gehört wohl die schöne große Stadt? -"

sie gehört dem König Droßelbart,

hättst du'n genommen, so wär sie dein. -

"ich arme Jungfer zart,

ach hätt' ich doch genommen den König Droßelbart!"

der Spielmann wurde ganz mürrisch, daß sie sich immer einen andern Mann wünschte und sich gar nichts aus ihm machte; endlich so kamen sie an ein kleines Häuschen:

"ach Gott, was für ein Häuselein,

wem mag das elende, winzige Häuschen seyn?"

der Bettelmann sagte: "das Haus ist unser Haus, wo wir wohnen, mach nur gleich Feuer an und stell Wasser auf, daß du mir mein Essen kochst, ich bin ganz müd". Die Königstochter aber verstand nichts vom Kochen, und der Mann mußte ihr nur mit helfen, so ging es noch so leidlich, und wie sie gegessen hatten, legten sie sich ins Bett schlafen. Des Morgens aber mußte sie ganz früh aufstehen, und arbeiten, und so wars ein paar Tage schlecht genug, bis der Mann endlich sagte: "Frau, so[235] gehts nicht länger, daß wir hier zehren und nichts verdienen, du sollst Körbe flechten". Da ging er aus und schnitt Weiden, sie aber mußte anfangen Körbe zu flechten, die harten Weiden stachen ihr aber die Hände wund. "Ich sehe du kannst das nicht, sagte der Mann, so spinn lieber, das wird wohl besser gehen". Da saß sie und spann, aber ihre Finger waren so zart, daß der harte Faden ihr bald tief hineinschnitt und das Blut daran herunterlief. "Du taugst zu keiner Arbeit recht, sagte der Mann verdrießlich, ich will einen Topfhandel anfangen, und du sollst auf dem Markt die Waare feilhalten und verkaufen". Das erstemal gings gut, die Leute kauften der schönen Frau gern Töpfe ab und bezahlten, was sie forderte, ja viele bezahlten und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Wie nun alles verkauft war, handelte der Mann eine Menge neu Geschirr ein, und sie saß wieder damit auf dem Markt, und hoffte guten Gewinn, da kam ein betrunkener Husar daher geritten, mitten in die Töpfe hinein, so daß sie in tausend Scherben sprangen. Da fürchtete sich die Frau, und getraute sich den ganzen Tag nicht heimzugehen, und als sie nun endlich nach Haus ging, war der Bettelmann auf und davon.

So lebte sie einige Zeit ganz armselig und in großer Dürftigkeit, da kam ein Mann und[236] lud sie zu einer Hochzeit. Sie wollte sich allerlei von dem Ueberfluß mitbringen und eine zeitlang davon leben, sie that also ihr Mäntelchen um, und nahm einen Topf darunter und steckte eine große lederne Tasche an. Auf der Hochzeit aber war alles prächtig und vollauf, ihren Topf füllte sie mit Suppe, und ihre Tasche mit Brocken. Sie wollte nun damit fortgehen, aber einer von den Gästen verlangte, sie solle mit ihm tanzen, sie sträubte sich aus allen Kräften, das half aber

nichts, er faßte sie an und sie mußte mit fort. Da fiel nun gleich der Topf, daß die Suppe auf die Erde floß, und die vielen Brocken sprangen aus der Tasche. Als das die Gäste sahen, entstand ein allgemeines Gelächter und Spotten; sie war so beschämt, daß sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte, und sprang zur Thüre und wollte entfliehen. Auf der Treppe aber holte sie ein Mann ein, und führte sie zurück, und wie sie ihn ansah, da war das der König Droßelbart, der sprach: "ich und der Bettelmann sind eins, und ich bin auch der Husar gewesen, der dir die Töpfe entzwei geritten hat; und das alles ist nur dir zur Besserung und zur Strafe geschehen, weil du mich ehedem verspottet hast, jetzt aber soll erst unsere Hochzeit gefeiert werden". Da kam auch ihr Vater und der ganze Hof, und sie ward[237] prächtig geputzt nach ihrem Stand, und das Fest war ihre Vermählung mit dem König Droßelbart.[238]

53. Sneewittchen(Schneeweißchen).

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel, da saß eine schöne Königin an einem Fenster, das hatte einen Rahmen von schwarzem Ebenholz, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rothe in dem Weißen so schön aussah, so dachte sie: hätt ich doch ein Kind so weiß wie Schnee, so roth wie Blut und so schwarz wie dieser Rahmen. Und bald darauf bekam sie ein Töchterlein, so weiß wie der Schnee, so roth wie das Blut, und so schwarz wie Ebenholz, und darum ward es das Sneewittchen genannt.

Die Königin war die schönste im ganzen Land, und gar stolz auf ihre Schönheit, Sie hatte auch einen Spiegel, vor den trat sie alle Morgen und fragte:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?"

da sprach das Spieglein allzeit:[238]

"Ihr, Frau Königin, seyd die schönste Frau im Land."

Und da wußte sie gewiß, daß niemand schöner auf der Welt war. Sneewittchen aber wuchs heran, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön, daß es selbst die Königin an Schönheit übertraf, und als diese ihren Spiegel fragte:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?"

sagte der Spiegel:

"Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier,

aber Snewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr!"

Wie die Königin den Spiegel so sprechen hörte, ward sie blaß vor Neid, und von Stund an haßte sie das Sneewittchen, und wenn sie es ansah, und gedacht, daß durch seine Schuld sie nicht mehr die schönste auf der Welt sey, kehrte sich ihr das Herz herum. Da ließ ihr der Neid keine Ruhe, und sie rief einen Jäger und sagte zu ihm: "führ das Sneewittchen hinaus in den Wald an einen weiten abgelegenen Ort, da stichs todt, und zum Wahrzeichen bring mir seine Lunge und seine Leber mit, die will ich mit Salz kochen und essen". Der Jäger nahm das Sneewittchen und führte es hinaus,[239] wie er aber den Hirschfänger gezogen hatte und eben zustechen wollte, da fing es an zu weinen, und bat so sehr, er mögt ihm sein Leben lassen, es wollt nimmermehr zurückkommen, sondern in dem Wald fortlaufen. Den Jäger erbarmte es, weil es so schön war und gedachte: die wilden Thiere werden es doch bald gefressen haben, ich bin froh, daß ich es nicht zu tödten brauche, und weil gerade ein junger Frischling gelaufen kam, stach er den nieder, nahm Lunge und Leber heraus und bracht sie als Wahrzeichen der Königin mit, die kochte sie mit Salz und aß sie auf, und meinte sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Sneewittchen aber war in dem großen Wald mutterseelig allein, so daß ihm recht Angst ward und fing an zu laufen und zu laufen über die spitzen Steine, und durch die Dornen den ganzen Tag: endlich, als die Sonne untergehen wollte, kam es zu einem kleinen Häuschen. Das Häuschen gehörte sieben Zwergen, die waren aber nicht zu Haus, sondern in das Bergwerk gegangen. Sneewittchen ging hinein und fand alles klein, aber niedlich und reinlich: da stand ein Tischlein mit sieben kleinen Tellern, dabei sieben Löfflein, sieben Messerlein und Gäblein, sieben Becherlein, und an der Wand standen sieben Bettlein neben einander[240] frisch gedeckt. Sneewittchen war hungrig und durstig, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brod, trank aus jedem Gläschen einen Tropfen Wein, und weil es so müd war, wollte es sich schlafen legen. Da probirte es die sieben Bettlein nach einander, keins war ihm aber recht, bis auf das siebente, in das legte es sich und schlief ein.

Wie es Nacht war, kamen die sieben Zwerge von ihrer Arbeit heim, und steckten ihre sieben Lichtlein an, da sahen sie, daß jemand in ihrem Haus gewesen war. Der erste sprach: "wer hat auf meinem Stühlchen

gesessen?" Der zweite: "wer hat von meinem Tellerchen gegessen?" Der dritte: "wer hat von meinem Brödchen genommen?" Der vierte: "wer hat von meinem Gemüschen gegessen?" Der fünfte: "wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?" Der sechste: "wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?" Der siebente: "wer hat aus meinem Becherlein getrunken?" Darnach sah der erste sich um und sagte: "wer hat in mein Bettchen getreten?" Der zweite: "ei, in meinem hat auch jemand gelegen?" und so alle weiter bis zum siebenten, wie der nach seinem Bettchen sah, da fand er das Sneewittchen darin liegen und schlafen. Da kamen die Zwerge alle gelaufen, und schrieen vor Verwunderung, und holten ihre sieben Lichtlein herbei,[241] und betrachteten das Sneewittchen, "ei du mein Gott! ei du mein Gott! riefen sie, was ist das schön!" Sie hatten große Freude an ihm, weckten es auch nicht auf, und ließen es in dem Bettlein liegen; der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum. Als nun Sneewittchen aufwachte, fragten sie es, wer es sey und wie es in ihr Haus gekommen wäre, da erzählte es ihnen, wie seine Mutter es habe wollen umbringen, der Jäger ihm aber das Leben geschenkt, und wie es den ganzen Tag gelaufen, und endlich zu ihrem Häuslein gekommen sey. Da hatten die Zwerge Mitleiden und sagten: "wenn du unsern Haushalt versehen, und kochen, nähen, betten, waschen und stricken willst, auch alles ordentlich und reinlich halten, sollst du bei uns bleiben und soll dir an nichts fehlen; Abends kommen wir nach Haus, da muß das Essen fertig seyn, am Tage aber sind wir im Bergwerk und graben Gold, da bist du allein; hüt dich nur vor der Königin und laß niemand herein."

Die Königin aber glaubte, sie sey wieder die allerschönste im Land, trat Morgens vor den Spiegel und fragte:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?"

da antwortete der Spiegel aber wieder:[242]

"Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier:

aber Sneewittchen, über den sieben Bergen ist

noch tausendmal schöner als Ihr!"

wie die Königin das hörte erschrack sie und sah wohl, daß sie betrogen worden und der Jäger Sneewittchen nicht getödtet hatte. Weil aber niemand, als die sieben Zwerglein in den sieben Bergen war, da wußte sie gleich, daß es sich zu diesen gerettet hatte, und nun sann sie von neuem nach, wie sie es umbringen könnte, denn so lang der Spiegel

nicht sagte, sie wär die schönste Frau im ganzen Land, hatte sie keine Ruh. Da war ihr alles nicht sicher und gewiß genug, und sie verkleidete sich selber in eine alte Krämerin, färbte ihr Gesicht, daß sie auch kein Mensch erkannte, und ging hinaus vor das Zwergenhaus. Sie klopfte an die Thür und rief: "macht auf, macht auf, ich bin die alte Krämerin, die gute Waare seil hat". Sneewittchen guckte aus dem Fenster: "was habt ihr denn?" - "Schnürriemen, liebes Kind", sagte die Alte, und holte einen hervor, der war von gelber, rother und blauer Seide geflochten: "willst du den haben?" - Ei ja, sprach Sneewittchen, und dachte die gute alte Frau kann ich wohl hereinlassen, die meints redlich; riegelte also die Thüre auf und handelte sich den Schnürriemen. "Aber wie bist du so schlampisch geschnürt, sagte die Alte, komm[243] ich will dich einmal besser schnüren". Sneewittchen stellte sich vor sie, da nahm sie den Schnürriemen und schnürte und schnürte es so fest, daß ihm der Athem verging, und es für todt hinfiel. Darnach war sie zufrieden und ging fort.

Bald darauf ward es Nacht, da kamen die sieben Zwerge nach Haus, die erschracken recht, als sie ihr liebes Sneewittchen auf der Erde liegen fanden, als wär es todt. Sie hoben es in die Höhe, da sahen sie, daß es so fest geschnürt war, schnitten den Schnürriemen entzwei, da athmete es erst, und dann ward es wieder lebendig. "Das ist niemand gewesen, als die Königin, sprachen sie, die hat dir das Leben nehmen wollen, hüte dich und laß keinen Menschen mehr herein."

Die Königin aber fragte ihren Spiegel:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?"

der Spiegel antwortete:

"Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier,

aber Sneewittchen bei den sieben Zwergelchen

ist tausendmal schöner als Ihr."

Sie erschrack, daß das Blut ihr all zum Herzen lief, da sie sah, daß Sneewittchen wieder lebendig geworden war. Darnach sann sie den ganzen Tag und die Nacht, wie sie es doch noch fangen wollte, und machte einen giftigen[244] Kamm, verkleidete sich in eine ganz andere Gestalt, und ging wieder hinaus. Sie klopfte an die Thür, Sneewittchen aber rief: "ich darf niemand hereinlassen;" da zog sie den Kamm hervor, und als Sneewittchen den blinken sah und es auch jemand ganz fremdes war, so machte es doch auf, und kaufte ihr den Kamm ab. "Komm ich will dich auch kämmen", sagte die Krämerin, kaum aber stack der Kamm dem Sneewittchen in den Haaren, da fiel es nieder und war todt. "Nun

wirst du liegen bleiben", sagte die Königin, und ihr Herz war ihr leicht geworden, und sie ging heim. Die Zwerge aber kamen zu rechter Zeit, sahen was geschehen, und zogen den giftigen Kamm aus den Haaren, da schlug Sneewittchen die Augen auf, und war wieder lebendig, und versprach den Zwergen, es wollte gewiß niemand mehr einlassen.

Die Königin aber stellte sich vor ihren Spiegel:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land!"

der Spiegel antwortete:

"Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier,

aber Sneewittchen, bei den sieben Zwergelchen

ist tausendmal schöner als Ihr!"

Wie das die Königin wieder hörte, zitterte und[245] bebte sie vor Zorn: "so soll das Sneewittchen noch sterben, und wenn es mein Leben kostet!" Dann ging sie in ihre heimlichste Stube, und niemand durfte vor sie kommen, und da machte sie einen giftigen, giftigen Apfel, äußerlich war er schön und rothbäckig, und jeder der ihn sah, bekam Lust dazu. Darauf verkleidete sie sich als Bauersfrau, ging vor das Zwerghaus und klopfte an. Sneewittchen guckte und sagte: "ich darf keinen Menschen einlassen, die Zwerge haben mirs bei Leibe verboten". "Nun, wenn Ihr nicht wollt, sagte die Bäuerin, kann ich euch nicht zwingen, meine Aepfel will ich schon los werden, da, einen will ich euch zur Probe schenken". - "Nein, ich darf auch nichts geschenkt nehmen, die Zwerge wollens nicht haben". - "Ihr mögt Euch wohl fürchten, da will ich den Apfel entzwei schneiden und die Hälfte essen, da den schönen rothen Backen sollt Ihr haben;" der Apfel war aber so künstlich gemacht, daß nur die rothe Hälfte vergiftet war. Da sah Sneewittchen, daß die Bäuerin selber davon aß, und sein Gelüsten darnach ward immer größer, da ließ es sich endlich die andere Hälfte durchs Fenster reichen, und biß hinein, kaum aber hatte es einen Bissen im Mund, so fiel es todt zur Erde.

Die Königin aber freute sich, ging nach Haus und fragte den Spiegel:[246]

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?"

da antworte er:

"Ihr, Frau Königin, seyd die schönste Frau im Land!"

"Nun hab ich Ruhe" sprach sie, "da ich wieder die schönste im Lande bin, und Sneewittchen wird dies mal wohl todt bleiben."

Die Zwerglein kamen Abends aus den Bergwerken nach Haus, da lag das liebe Sneewittchen auf dem Boden und war todt. Sie schnürten es auf, und sahen, ob sie nichts giftiges in seinen Haaren fänden, es half aber alles nichts, sie konnten es nicht wieder lebendig machen. Sie legten es auf eine Bahre, setzten sich alle sieben daran, weinten und weinten drei Tage lang, dann wollten sie es begraben, da sahen sie aber daß es noch frisch und gar nicht wie ein Todter aussah, und daß es auch seine schönen rothen Backen noch hatte. Da ließen sie einen Sarg von Glas machen, legten es hinein, daß man es recht sehen konnte, schrieben auch mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf und seine Abstammung, und einer blieb jeden Tag zu Haus und bewachte es.

So lag Sneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, war noch so weiß als Schnee, und so roth als Blut, und[247] wenns die Aeuglein hätte können aufthun, wären sie so schwarz gewesen wie Ebenholz, denn es lag da, als wenn es schlief. Einmal kam ein junger Prinz zu dem Zwergenhaus und wollte darin übernachten, und wie er in die Stube kam und Sneewittchen in dem Glassarg liegen sah, auf das die sieben Lichtlein so recht ihren Schein warfen, konnt er sich nicht satt an seiner Schönheit sehen, und las die goldene Inschrift und sah, daß es eine Königstochter war. Da bat er die Zwerglein, sie sollten ihm den Sarg mit dem todten Sneewittchen verkaufen, die wollten aber um alles Gold nicht; da bat er sie, sie mögten es ihm schenken, er könne nicht leben ohne es zu sehen, und er wolle es so hoch halten und ehren, wie sein Liebstes auf der Welt. Da waren die Zwerglein mitleidig und gaben ihm den Sarg, der Prinz aber ließ ihn in sein Schloß tragen, und ließ ihn in seine Stube setzen, er selber saß den ganzen Tag dabei, und konnte die Augen nicht abwenden; und wenn er aus mußte gehen und konnte Sneewittchen nicht sehen, ward er traurig, und er konnte auch keinen Bissen essen, wenn der Sarg nicht neben ihm stand. Die Diener aber, die beständig den Sarg herumtragen mußten, waren bös darüber, und einer machte einmal den Sarg auf, hob Sneewittchen in die Höh und sagte: "um so eines todten[248] Mädchens willen, werden wir den ganzen Tag geplagt", und gab ihm mit der Hand einen Stumpf in den Rücken. Da fuhr ihm der garstige Apfelgrütz, den es abgebissen hatte, aus dem Hals, und da war Sneewittchen wieder lebendig. Da ging es hin zu dem Prinzen, der wußte gar nicht, was er vor Freuden thun sollte, als sein liebes Sneewittchen lebendig war, und sie setzten sich zusammen an die Tafel und aßen in Freuden.

Auf den andern Tag ward die Hochzeit bestellt, und Sneewittchens gottlose Mutter, auch eingeladen. Wie sie nun am Morgen vor dem Spiegel trat und sprach:

"Spieglein, Spieglein an der Wand:

wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land!"

da antwortete er:

"Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier,

aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr!"

Als sie das hörte, erschrack sie, und es war ihr so Angst, so Angst, daß sie es nicht sagen konnte. Doch trieb sie der Neid, daß sie auf der Hochzeit die junge Königin sehen wollte, und wie sie ankam, sah sie, daß es Sneewittchen war; da waren eiserne Pantoffeln im Feuer glühend gemacht, die mußte sie anziehen und darin tanzen, und ihre Füße wurden jämmerlich[249] verbrannt, und sie durfte nicht aufhören bis sie sich zu todt getanzt hatte.

54. Hans Dumm.

Es war ein König, der lebte mit seiner Tochter, die sein einziges Kind war, vergnügt: auf einmal aber brachte die Prinzessin ein Kind zur Welt, und niemand wußte, wer der Vater war; der König wußte lang nicht, was er anfangen sollte, am Ende befahl er, die Prinzessin solle mit dem Kind in die Kirche gehen, da sollte ihm eine Citrone in die Hand gegeben werden, und wem es die reiche, solle der Vater des Kinds und Gemahl der Prinzessin seyn. Das geschah nun, doch war der Befehl gegeben, daß niemand als schöne Leute in die Kirche sollten eingelassen werden. Es war aber in der Stadt ein kleiner, schiefer und buckelichter Bursch, der nicht recht klug war, und darum der Hans Dumm hieß, der drängte sich ungesehen zwischen den andern auch in die Kirche, und wie das Kind die Citrone austheilen sollte, so reichte es sie dem Hans Dumm. Die Prinzessin war erschrocken, der König war so aufgebracht, daß er sie und das Kind mit dem Hans Dumm in eine Tonne stecken und aufs Meer setzen ließ. Die Tonne schwamm bald[250] fort, und wie sie allein auf dem Meere waren, klagte die Prinzessin und sagte: "du garstiger, buckelichter, naseweiser Bub, bist an meinem Unglück Schuld, was hast du dich in die Kirche gedrängt, das Kind ging dich nichts an". - "O ja, sagte Hans Dumm, das ging mich wohl etwas an, denn ich habe es einmal gewünscht, daß du ein Kind bekämst, und was ich wünsche, das trifft ein". - "Wenn das wahr ist, so wünsch uns doch, was zu essen hierher". - "Das kann ich auch", sagte Hans Dumm, wünschte sich aber eine Schüssel recht voll Kartoffel, die Prinzessin hätte gern etwas Besseres gehabt, aber weil sie so hungrig war, half sie ihm die Kartoffel essen. Nachdem sie satt waren, sagte Hans Dumm: "nun will ich uns ein

schönes Schiff wünschen!" und kaum hatte er das gesagt, so saßen sie in einem prächtigen Schiff, darin war alles zum Ueberfluß, was man nur verlangen konnte. Der Steuermann fuhr grad ans Land, und als sie ausstiegen, sagte Hans Dumm: "nun soll ein Schloß dort stehen!" Da stand ein prächtiges Schloß und Diener in Goldkleidern kamen und führten die Prinzessin und das Kind hinein, und als sie mitten in dem Saal waren, sagte Hans Dumm: "nun wünsch ich, daß ich ein junger und kluger Prinz werde!" Da verlor sich sein Buckel, und er war schön und gerad[251] und freundlich, und er gefiel der Prinzessin gut und ward ihr Gemahl.

So lebten sie lange Zeit vergnügt; da ritt einmal der alte König aus, verirrte sich, und kam zu dem Schloß. Er verwunderte sich darüber, weil er es noch nie gesehen und kehrte ein. Die Prinzessin erkannte gleich ihren Vater, er aber erkannte sie nicht, er dachte auch, sie sey schon längst im Meer ertrunken. Sie bewirthete ihn prächtig, und als er wieder nach Haus wollte, steckte sie ihm heimlich einen goldenen Becher in die Tasche. Nachdem er aber fortgeritten war, schickte sie ein paar Reuter nach, die mußten ihn anhalten und untersuchen, ob er den goldenen Becher nicht gestohlen, und wie sie ihn in seiner Tasche fanden, brachten sie ihn mit zurück. Er schwur der Prinzessin, er habe ihn nicht gestohlen, und wisse nicht, wie er in seine Tasche gekommen sey, "darum, sagte sie, muß man sich hüten, jemand gleich für schuldig zu halten", und gab sich als seine Tochter zu erkennen. Da freute sich der König und sie lebten vergnügt zusammen, und nach seinem Tod, ward Hans Dumm König.[252]

55. Rumpelstilzchen.

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich, daß er mit dem König zu sprechen kam und ihm sagte: "ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln". Da ließ der König die Müllerstochter alsogleich kommen, und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könne sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte, denn sie wußte um ihr Leben keinen Rath, wie das Stroh zu Gold werden sollte. Da trat auf einmal ein klein Männlein zu ihr, das sprach: "was giebst du mir, daß ich alles zu Gold mache?" Sie that ihr Halsband ab und gabs dem Männlein, und es that, wie es versprochen hatte. Am andern Morgen fand der König die ganze Kammer voll Gold; aber sein Herz wurde dadurch nur noch begieriger, und er ließ die Müllerstochter in eine andere, noch größere

Kammer voll Stroh thun, das sollte sie auch zu Gold machen. Und das Männlein kam wieder, sie gab ihm ihren Ring von der Hand, und alles wurde wieder zu Gold. Der König aber hieß sie die dritte[253] Nacht wieder in eine dritte Kammer sperren, die war noch größer als die beiden ersten und ganz voll Stroh, "und wenn dir das auch gelingt, sollst du meine Gemahlin werden". Da kam das Männlein und sagte: "ich will es noch einmal thun, aber du mußt mir das erste Kind versprechen, das du mit dem König bekommst". Sie versprach es in der Noth, und wie nun der König auch dieses Stroh in Gold verwandelt sah, nahm er die schöne Müllerstochter zu seiner Gemahlin.

Bald darauf kam die Königin ins Wochenbett, da trat das Männlein vor die Königin und forderte das versprochene Kind. Die Königin aber bat, was sie konnte und bot dem Männchen alle Reichthümer an, wenn es ihr ihr Kind lassen wollte, allein alles war vergebens. Endlich sagte es: "in drei Tagen komm ich wieder und hole das Kind, wenn du aber dann meinen Namen weißt, so sollst du das Kind behalten!"

Da sann die Königin den ersten und zweiten Tag, was doch das Männchen für einen Namen hätte, konnte sich aber nicht besinnen, und ward ganz betrübt. Am dritten Tag aber kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunkelen Wald kam, war da ein kleines Haus und vor dem[254] Haus war ein gar zu lächerliches Männchen, das sprang als auf einem Bein davor herum, und schrie:

"heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hohl ich der Frau Königin ihr Kind,

ach wie gut ist, daß niemand weiß,

daß ich Rumpelstilzchen heiß!"

Wie die Königin das hörte, ward sie ganz froh und als das gefährliche Männlein kam, frug es: Frau Königin, wie heiß ich? - "heißest du Conrad?" - Nein. - "Heißest du Heinrich?" - Nein.

Heißt du etwa Rumpelstilzchen?

Das hat dir der Teufel gesagt! schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder.[255]

56. Der Liebste Roland.

Es war einmal eine Mutter, die hatte nur ihre rechte Tochter lieb und haßte ihre Stieftochter, die doch tausendmal schöner und besser war. Einmal hatte diese eine schöne Schürze, darüber war die andere

neidisch und verlangte von der Mutter, sie solle ihr diese Schürze verschaffen. Die Mutter sagte: "sey still, mein liebes Kind, du sollst sie haben, deine Stiefschwester[255] hat doch schon lange den Tod verdient, heut Nacht leg dich hinten ins Bett und schieb sie recht vorne hin, dann will ich kommen, wenn sie schläft, und will ihr den Kopf abhauen". Die Stiefschwester aber hatte in einer Ecke gestanden und alles mit angehört, da ließ sie die böse Schwester erst zu Bett gehen, daß sie hinten hin kam, wie sie aber eingeschlafen war, hub sie sie auf und legte sie vorne hin, sich aber ganz hinten. Da kam die Mutter in der Nacht geschlichen, fühlte erst ob vorne jemand lag und schlief, dann faßte sie die Axt mit beiden Händen und hieb und hieb ihrem eigenen Kind den Kopf ab.

Wie sie fortgegangen war, stand das Mädchen auf und ging zu seinem Liebsten Roland, klopfte an und rief: "hör, wir müssen fort, die Stiefmutter hat ihr eigen Kind todtgeschlagen, und meint sie hätte mich getroffen, kommt der Tag und sie sieht, was sie gethan, so bin ich verloren; da hab ich ihren Zauberstab genommen, damit können wir uns schon helfen". Der Liebste Roland stand auf, und sie nahmen erst den todten Kopf und tröpfelten drei Blutstropfen, einen vors Bett, einen in die Küche und einen auf die Treppe; darauf gingen sie fort. Am Morgen, als die Mutter aufgestanden war, rief sie ihrer Tochter: "komm, du sollst jetzt die Schürze haben, die Tochter kam[256] aber nicht". "Wo bist du?" - "Ei! hier auf der Treppe, die kehr ich", sprach der eine Blutstropfen. Da ging sie hinaus; auf der Treppe war niemand: "wo bist du denn?" - "Ei! hier in der Küche, beim Feuer, da wärm ich mich!" rief der zweite Blutstropfen; sie ging in die Küche, aber sie sah niemand: "wo bist du denn aber?" - "Ach! hier am Bett, da schlaf ich!" sie lief in die Kammer ans Bett, da sah sie ihr eigen Kind in seinem Blute schwimmen. Da erschrack sie und merkte, daß sie betrogen war, und ward zornig, weil sie aber eine Hexe war, konnte sie weit in die Welt hineinsehen, und sah ihre Stieftochter mit ihren Liebsten forteilen, und sie waren schon weit weg. Alsbald zog sie ihre Meilenstiefeln an, und ging ihnen nach, hatte sie auch bald eingeholt; das Mädchen aber hatte durch den Zauberstab gewußt, daß sie verfolgt würden, und sich in einen See, ihren Liebsten Roland aber in eine Ente verwandelt, die schwamm darauf. Als nun die Stiefmutter herzu kam, setzte sie sich an das Ufer und suchte die Ente mit Brod zu locken, aber es war alle Mühe vergeblich, am Abend mußte sie unverrichteter Sache heimgehen. Die zwei nahmen ihre menschliche Gestalt wieder an, und gingen weiter, wie aber der Tag anbrach wurden sie wieder von der Hexe verfolgt. Da verwandelte sich das[257] Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, ihren

Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Wie die Alte ankam, fragte sie den Spielmann, ob sie sich die Blume abbrechen dürfe, "o ja, antwortete der, nur will ich dazu aufspielen". Da kroch sie in die Hecke und suchte zu der Blume zu reichen; wie sie aber mitten darin war, fing er an zu spielen, und da mußte sie darnach tanzen und tanzen ohne Aufhören, daß ihr die Dornen die Kleider vom Leibe rissen und sie blutig stachen, so lang, bis sie todt hinfiel.

Da waren beide frei. Roland aber sprach zu dem Mädchen: "nun will ich heim gehen zu meinem Vater, und die Hochzeit bestellen". - "Da will ich mich indessen in einen rothen Feldstein verwandeln, und hier bleiben und warten, bis du wieder kommst". Da stand es als ein rother Stein und wartete lang auf seinen Liebsten, aber der kam nicht wieder und hatte sie vergessen, und als er gar nicht kommen wollte, ward es ganz traurig und verwandelte sich in eine Blume, und dachte, es wird mich ja bald jemand umtreten. Ein Schäfer aber fand die Blume, und weil sie so schön war, nahm er sie mit sich, und legte sie daheim in seinen Kasten. Von nun an aber ging es wunderlich bei dem Schäfer zu: wenn er des Morgens aufwachte, so war alles im Haus gethan, gekehrt,[258] geputzt, Feuer angemacht, und kam er Mittags nach Haus, war das Essen gekocht, der Tisch gedeckt und aufgetragen; er konnte aber nicht begreifen, wie das zuging, sah auch niemals einen Menschen in seinem Haus. Und ob es ihm gleich wohl gefiel, so ward ihm doch zuletzt Angst dabei, und er fragte eine weise Frau darüber, die sagte, das sey Zauberei, er solle einmal Morgens früh Acht geben, ob sich etwas in der Stube bewege, und wenn er etwas sehe ein weißes Tuch darüber werfen. Das that er, und am andern Morgen sah er, wie sich der Kasten aufthat und die Blume herauskam, er sprang herzu und warf ein Tuch darüber, da war die Verwandlung vorbei, und das schöne Mädchen, das sein Liebster Roland vergessen hat, stand vor ihm. Der Schäfer wollte es heirathen, es sagte aber nein, es wolle ihm nur dienen und haushalten. Bald darauf hörte es, daß Roland Hochzeit halten und eine andere heirathen wolle; dabei mußte jeder im Land nach einem alten Gebrauch, singen. Da kam das treue Mädchen auch hin, und wollte immer nicht singen, bis zu allerletzt, da mußte es; wie es aber anfing, da erkannte es Roland gleich, sprang auf und sagte: das sey seine rechte Braut, er wolle keine andere und vermählte sich mit ihr; da war sein Leid zu End und seine Freude ging an.[259]

57. Vom goldnen Vogel.

Ein gewisser König hatte einen Lustgarten, in dem Garten stund ein

Baum und der Baum trug goldne Aepfel. Wie sie nun zeitig geworden waren, fehlte gleich nach der ersten Nacht ein Apfel, so daß der König zornig war, und seinen Gärtner befahl, alle Nächte unter dem Baum Wacht zu halten. Der Gärtner hieß seinen ältesten Sohn wachen, aber um zwölf Uhr Mitternachts schlief er ein, und am andern Morgen fehlte schon wieder ein Apfel. Da ließ der Gärtner seinen zweiten Sohn in der folgenden Nacht wachen, aber um zwölf Uhr Mitternacht da schlief er auch ein, und des Morgens fehlte noch ein Apfel. Da wollte nun der dritte Sohn wachen, und der Gärtner war es erst nicht zufrieden, endlich gab ers doch zu, und der dritte Sohn legte sich unter den Baum, und wachte und wachte, und als es zwölf schlug, da rauschte es so durch die Luft, und ein Vogel kam geflogen, der war ganz von purem Gold, und wie er gerade mit seinem Schnabel nach einem Apfel picken wollte, da war der Sohn des Gärtners her, und schoß eilends einen Pfeil auf ihn ab. Der Pfeil aber that dem Vogel nichts, als daß er[260] ihm eine goldne Feder ausschoß, worauf er schnell fortflog. Die goldne Feder wurde nun des andern Morgens hin zum König gebracht, der alsbald seinen Rath versammelte. Jedermann erklärte aber einmüthig, daß diese Feder allein mehr werth wäre, als das gesammte Königreich. So sprach der König: "nun hilft mir die eine Feder zu nichts, sondern ich will und muß den ganzen Vogel haben."

Da machte sich der älteste Sohn auf, und gedachte den goldenen Vogel schon zu finden. Und wie er eine Strecke gegangen war, kam er an einen Wald; vor dem Wald saß ein Fuchs, gleich nahm er seine Flinte und zielte auf ihn. Da hub der Fuchs an: "schieß mich nicht, so will ich dir guten Rath geben, ich weiß schon, wo du hin willst, du denkst den goldenen Vogel zu suchen, wenn du nun heut Abend in ein Dorf kommst, wirst du zwei Wirthshäuser stehen sehen, gegeneinander über, im einem gehts hell und lustig her, geh aber nicht in das hinein, sondern ins andere, wenn es dich schon schlecht ansieht!" Der Sohn aber dachte: was kann mir ein Thier ordentliches rathen, nahm die Flinte und drückte ab, aber er fehlte den Fuchs, der nahm den Schwanz auf den Rücken und lief schnell zum Wald hinein. Der älteste Sohn setzte seine Reise fort, und Abends kam er in das Dorf, wo die beiden[261] Wirthshäuser standen, in dem einen wurde gesungen und gesprungen, das andere hatte ein armseliges, betrübtes Ansehen. "Ei, ich wär wohl ein rechter Narr, daß ich in das lumpige Wirthshaus ginge und das schöne liegen ließe!" ging damit in das lustige zur Thüre hinein, lebte vollauf in Saus und Braus und vergaß den Vogel und seine Heimath.

Die Zeit verstrich, und wie der älteste Sohn immer und immer nicht nach Haus kam, so machte sich der zweite auf, und alles begegnete ihm

gerade eben so, mit dem Fuchs und dem guten Rath, aber wie er vor die zwei Wirthshäuser kam, stand sein ältester Bruder im Fenster dessen, wo der Jubel war, und rief ihn hinein, so daß er nicht widerstehen konnte und es da guter Dinge seyn ließ.

Die Zeit verstrich, da wollte der jüngste Sohn auch in die Welt gehen, allein der Vater wollte es lange nicht zulassen, denn er hatte ihn gar lieb und fürchte sich, es möchte ihm auch ein Unglück zustoßen, daß er auch nicht wiederkäme. Doch endlich, wie keine Ruh mehr war, ließ er ihn ziehen, und vor dem Wald begegnete ihm auch wieder der Fuchs, und gab ihm den guten Rath. Er war aber gutmüthig, und schenkte ihm das Leben, da sagte der Fuchs: steig hinten auf meinen Schwanz, so gehts schneller. Und wie er sich darauf gesetzt hatte,[262] fing der Fuchs an zu laufen, da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen.

Und als sie vor dem Dorf waren, stieg der Sohn ab, folgte dem Rath und trat, ohne sich umzusehen, in dem armen Wirthshaus ab, wo er ruhig übernachtete. Am andern Morgen stand der Fuchs wieder auf dem Weg und sagte: "gerade fort, endlich wirst du an ein Schloß kommen, vor dem ein ganz Regiment Soldaten liegt, die werden alle schlafen und schnarchen, kümmere dich aber nicht darum, sondern tritt ins Schloß hinein, so wirst du zuletzt inwendig in eine Stube kommen. In der Stube wird der goldne Vogel in einem hölzernen Käfig hangen, nebenan steht noch ein anderer prächtiger Goldkäfig zum Staat, thu ihn aber nicht etwa aus dem schlechten Käfig heraus, um ihn in den guten zu setzen, sonst möchte es schlimm gehen". Nach diesen Worten streckte der Fuchs wieder seinen Schwanz aus und der Sohn setzte sich drauf, da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Wind pfiffen.

Vor dem Schloß traf nun alles so ein, er trat in das Zimmer, da hing der goldne Vogel im hölzernen Käfig, daneben stand ein goldener, und die drei goldne Aepfel lagen in der Stube herum. Da dachte er: das wäre ja lächerlich, wenn ich den schönen Vogel in dem garstigen[263] Käfig lassen sollte, machte die Thüre auf, packte ihn und that ihn in den goldenen Käfig. Indem hub der Vogel so mörderlich an zu schreien, daß die ganzen Soldaten davon erwachten, die nahmen ihn gefangen und führten ihn vor den König. Den andern Morgen wurde ein Gericht gehalten, wo er alles bekennt, und zum Tode verurtheilt wird, doch unter der einen Bedingung soll ihm das Leben geschenkt seyn, wenn er dem König das goldne Pferd bringe, das schnell wie der Wind laufe, und dazu solle ihm der goldne Vogel obendrein geschenkt werden.

Betrübt machte er sich auf den Weg und seufzte; auf einmal stand der Fuchs wieder da und sagte: "siehst du, so ist es gekommen, weil du mir

nicht gehört hast, doch will ich dir noch einmal rathen, wie du das goldne Pferd bekommen kannst, wenn du mir folgen willst. Du mußt gerades Wegs fortgehen, bist du zu dem Schloß kommst, worin das Pferd im Stall steht, vor dem Stall werden die Stallknechte schlafen und schnarchen, da kannst du geruhig das goldne Pferd herausführen, allein leg ihm nur den schlechten Sattel von Holz und Leder, und nicht den goldenen, auf der dabei hängt". Darauf setzt er sich auf den Fuchsschwanz und es ging weg über Stock und Stein, daß die Haare pfiffen.[264]

Alles traf so ein, die Stallknechte schnarchten und hielten goldne Sättel in den Händen. Und als er das goldne Pferd sah, dauerte es ihn, den schlechten Sattel aufzulegen: es wird ganz verschändet, ich will ihm einen guten geben, wie sichs gebührt. Und wie er dem einen Stallknecht den guten Sattel nehmen wollte, wachte er auf und die andern miteinander, daß alles herzulief und er ins Gefängniß geworfen wurde. Den andern Morgen wurde er wieder zum Tode verurtheilt, doch sollte ihm das Leben und dazu der Vogel und das Pferd geschenkt seyn, wenn er die wunderschöne Prinzessin herbeischaffe.

Traurig machte der Sohn sich auf; und bald, so stand der alte Fuchs da: "warum hast du mir nicht gehört, jetzt hättest du den Vogel und das Pferd", doch will ich dir noch einmal rathen: "geh geradezu, Abends wirst du beim Schloß anlangen, und Nachts um zwölf Uhr badet die Prinzessin im Badhaus, da geh hinein und gieb ihr einen Kuß, hernach kannst du sie mit fortnehmen, nur leide nicht, daß sie vorher von ihren Eltern Abschied nimmt". Der Fuchs streckte seinen Schwanz, und so ging es über Stock und Stein, daß die Haare pfiffen.

Als er beim Schloß ankam, war es alles so, und Nachts gab er der Prinzessin den Kuß im Badehaus, und sie wollte gern mit ihm gehen,[265] bat ihn aber mit vielen Thränen, er sollte ihr vorher nur erlauben, von ihrem Vater Abschied zu nehmen. Erst schlug ers ab, allein sie weinte immer mehr und fiel ihm zu Fuß, bis daß ers zuließ; kaum aber kam sie zu ihrem Vater, so wachte er und jedermann auf, und er wurde wieder gefangen gesetzt.

Der König sprach: "meine Tochter bekommst du nun einmal nicht, es sey denn, daß du mir binnen acht Tagen den Berg abträgst, der mir vor meinem Fenster die Aussicht nimmt". Dieser Berg war aber so groß, so groß, daß ihn die ganze Welt nicht hätte abtragen können. Wie er nun sieben ganzer Tage fortarbeitete und doch sah, wie wenig zu Stande kam, so fiel er in großen Kummer, aber am Abend des siebenten Tages kam der Fuchs und sprach: "leg dich nur hin schlafen, ich will die Arbeit

für dich thun". Und wie er des andern Morgens erwachte, war der Berg fort, und fröhlich ging er zum König und sagte ihm, daß nun der Berg abgetragen wäre, er sollte ihm nun die Prinzessin geben. Da mußte es der König wohl thun, und die beiden zogen fort, der Fuchs aber kam und sagte: "nun müssen wir sie alle drei haben, die Prinzessin, das Pferd und den Vogel". - "Ja, wenn du das machen könntest, sagte der Jüngling, das soll dir aber schwer werden". -[266] "Wenn du nur hören willst, soll es schon gehen", antwortete der Fuchs. Wenn du nun zum König kommst, der die wunderschöne Prinzessin verlangt, so sag ihm: hier wäre sie. Darauf wird gräßliche Freude seyn; sodann setz dich aufs Pferd, das sie dir geben müssen, und reich allen zum Abschied die Hand, der Prinzessin aber zuletzt, und zieh sie dann mit einem Schwung hinauf aufs Pferd und gieb die Sporen.

Dies alles geschah so. Da sprach der Fuchs weiter: jetzt, wenn wir vors Schloß kommen, wo der Vogel ist, so bleibe ich mit der Prinzessin vor dem Thor stehen, und du reitest hinein und sprichst: sie sähen doch nun, daß dies das rechte Pferd wäre, so werden sie den Vogel bringen, du aber bleib sitzen, und sag du wolltest sehen, ob es auch der rechte Vogel wäre, und wenn du ihn in der Hand hast, so jage fort.

Alles ging gut, und wie er den Vogel hatte, setzte sich die Prinzessin wieder auf, und sie ritten weiter bis in einen großen Wald. Da kam der Fuchs und bat: "er möchte ihn doch todtschießen, und ihm Kopf und Pfoten abhauen". Allein der Jüngling wollte es durchaus nicht thun. "So will ich dir wenigstens einen guten Rath geben: vor zwei Stücken hüte dich, kauf kein Galgenfleisch und setz dich an keinen[267] Brunnenrand!" - Nun wenns weiter nichts ist, dachte jener, das ist nicht schwer.

Nun zog er weiter fort mit der Prinzessin, bis er endlich in das Dorf kam, worin seine Brüder geblieben waren. Da war gerade ein großer Auflauf und Lärmen, und als er fragte: was da vorwäre? hieß es, es sollten zwei Leute aufgehängt werden, und als er näher hinzu kam, sah er, daß es seine zwei Brüder waren, die allerhand schlimme Streiche verübt und alles verthan hatten. "Können sie denn gar nicht mehr vom Tode frei werden?" - Nein, es sey denn, daß ihr euer Geld an die Lumpenkerls hängen und sie loskaufen wolltet. Da besann er sich nicht lange, und zahlte, was man verlangte; seine Brüder wurden freigegeben und setzten mit ihm die Reise fort.

Und als sie in den Wald kamen, wo ihnen der Fuchs zuerst begegnet war, da wars so lustig und lieblich in dem Wald, da sprachen die zwei Brüder: "laß uns hier bei diesem Brunnen ein wenig ausruhen, essen und

trinken!" und er sagte: ja. Unter dem Gespräch vergaß er sich, und setzte sich an den Brunnenrand, und während er sich nichts Arges versah, warfen sie ihn hinterrücks in den Brunnen, nahmen die Prinzessin, das Pferd und den Vogel, zogen heim zum König und sprachen: "das haben wir alles erbeutet und bringen es dir."[268] Da war eine Freude; aber das Pferd das fraß nicht, der Vogel, der pfiff nicht und die Prinzessin die weinte.

Ihr jüngster Bruder lag unten im Brunnen, der zum Glück trocken war, und wiewohl er keins seiner Glieder gebrochen hatte, konnte er doch keinen Weg finden, um heraus zu kommen. Indessen kam der alte Fuchs noch einmal, schalt ihn aus, daß er ihm nicht gehört, sonst wäre ihm nichts davon begegnet: "doch aber kann ichs nicht lassen und muß dir heraushelfen; pack an meinen Schwanz und halte fest". Darauf kroch der Fuchs und schleppte ihn zum Brunnen heraus. Wie sie oben waren, sagte der Fuchs: "deine Brüder haben Wächter gesetzt, die dich tödten sollen, wenn du über die Grenze kämest". Da zog er armen Mannes Kleider an, und kam unbekannt bis an des Königs Hof, und kaum war er da, so fraß das Pferd, so pfiff der Vogel und die Prinzessin hörte Weinens auf. Da trat er vor den König und offenbarte das Bubenstück seiner Brüder und alles, wie es sich zugetragen hatte. Die Brüder wurden ergriffen und hingerichtet, und er bekam die Prinzessin, und nach des Königs Tode das Reich.

Lang danach ging er einmal wieder in den Wald, da begegnete ihm der alte Fuchs und bat aufs flehentlichste, er möchte ihn todtschießen[269] und ihm Kopf und Pfoten abschneiden. Also that ers endlich, und kaum war es geschehen, als sich der Fuchs in einen Menschen verwandelte, und war der Bruder der Königin, der nun endlich erlöst worden war.[270]

58. Vom treuen Gevatter Sperling.

Es war einmal eine Hirschkuh, die war mit einem jungen Hirsch ins Kindbett gekommen, und bat den Fuchs, Gevatter zu stehen. Der Fuchs aber lud noch den Sperling dazu, und der Sperling wollte noch den Haushund, seinen besondern lieben Freund einladen. Der Hund aber war von seinem Herrn ans Seil gelegt worden, weil er einmal von einer Hochzeit ganz betrunken nach Haus gekommen war. Der Sperling meinte, das hat nicht viel auf sich, pickte und pickte am Seil einen Faden nach dem andern los, so lang, bis der Hund frei war. Nun gingen sie zusammen zum Gevatterschmaus, machten sich auch recht lustig, denn da war alles vollauf; der Hund aber versahs und übernahm sich wieder im Wein; als sie aufstanden, war ihm der Kopf so schwer, daß er sich

kaum auf den Beinen erhalten konnte, doch taumelte er noch ein Stück Wegs nach Haus fort, endlich aber fiel er hin und blieb[270] mitten auf der Straße liegen. Eben kam ein Fuhrmann daher, und wollt' geradezu über ihn wegfahren. "Fuhrmann thus nicht, rief der Sperling, es kostet dein Leben!" Der Fuhrmann aber hörte nicht darauf, knallte mit der Peitsche, und trieb die Pferde gerade auf den Hund, daß die Wagenräder ihm die Beine zerbrachen. Fuchs und Sperling schleppten den Gevatter heim, der Herr sah ihn an und sprach: "der ist ja todt", und gab ihn dem Fuhrmann, der sollt ihn begraben. Der Fuhrmann dachte, die Haut ist zu brauchen, lud ihn auf und fuhr fort. Der Sperling aber flog nebenher und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben! Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Dann setzte er sich dem einen Pferde auf den Kopf und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Der Fuhrmann ward bös über den kleinen Vogel, der ihn zum Narren hatte, griff nach seiner Hacke und holte aus; der Sperling aber flog in die Höhe, und der Fuhrmann traf sein Pferd auf den Kopf, daß es todt hinfiel. Er mußte es liegen lassen und mit den zwei andern weiter fahren; da kam der Sperling zurück, setzte sich einem Pferd auf den Kopf und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Der Fuhrmann lief herbei: "jetzt krieg ich dich!" schlug und traf wieder bloß das Pferd, daß es todt liegen blieb. Nun war ihm noch[271] eins übrig. Der Sperling wartete nicht lange, setzte sich auf den Kopf desselben und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Der Fuhrmann aber war schon so zornig, daß er sich gar nicht besann, sondern gleich zuschlug: da waren nun alle seine drei Pferde todtgeschlagen, und er mußte den Wagen stehen lassen. Bös und giftig ging er nach Haus, und setzte sich hinter den Ofen; aber der Sperling war hinter ihm drein geflogen, saß vor dem Fenster und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Der Fuhrmann griff nach der Hacke, schmiß das Fenster ein, aber den Sperling traf er nicht. Der Vogel hüpfte nun herein, setzte sich auf den Ofen und rief: "Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!" Dieser, toll und blind vor Wuth, schlägt den ganzen Ofen ein, und wie der Sperling von einem Ort zum andern fliegt, sein ganzes Hausgeräth, Spieglein, Stühle, Bänke, Tisch und zuletzt die Wände seines Hauses. Da packt er endlich den Vogel: "jetzt hab ich dich!" nimmt ihn in den Mund und schluckt ihn hinunter. Der Sperling aber im Leibe des Fuhrmanns, fängt an zu flattern, flattert wieder herauf, dem Fuhrmann in den Mund, streckt den Kopf heraus und ruft: "Fuhrmann, es kostet dir doch dein Leben!" Da giebt der Fuhrmann seiner Frau die Hacke: "Frau, schlag mir den Vogel im Munde todt". Die Frau[272] schlägt fehl, dem Mann auf den Kopf, daß er gleich todt hinfällt, der Sperling aber fliegt auf und davon.[273]

59. Prinz Schwan.

Es war ein Mädchen mitten in einem großen Wald, da kam ein Schwan auf es zugegangen, der hatte einen Knauel Garn, und sprach zu ihm: "ich bin kein Schwan, sondern ein verzauberter Prinz, aber du kannst mich erlösen, wenn du den Knauel Garn abwickelst, an dem ich fortfliege; doch hüte dich, daß du den Faden nicht entzwei brichst, sonst komm' ich nicht bis in mein Königreich, und werde nicht erlöst; wickelst du aber den Knauel ganz ab, dann bist du meine Braut". Das Mädchen nahm den Knauel, und der Schwan stieg auf in die Luft, und das Garn wickelte sich leichtlich ab. Es wickelte und wickelte den ganzen Tag, und am Abend war schon das Ende des Fadens zu sehen, da blieb er unglücklicherweise an einem Dornstrauch hängen und brach ab. Das Mädchen war sehr betrübt und weinte, es wollt' auch Nacht werden, der Wind ging so laut in dem Wald, daß ihm Angst ward, und es anfing zu laufen, was es nur konnte. Und als es lang gelaufen war, sah es ein kleines[273] Licht, darauf eilte es zu, und fand ein Haus und klopfte an. Ein altes Mütterchen kam heraus, das verwunderte sich, wie es sah, daß ein Mädchen vor der Thüre war: "ei mein Kind, wo kommst du so spät her?" - "Gebt mir doch heut Nacht eine Herberg, sprach es, ich habe mich in dem Wald verirrt; auch ein wenig Brod zu essen". - "Das ist ein schweres Ding, sagte die Alte ich gäbe dirs gern, aber mein Mann ist ein Menschenfresser, wenn der dich findet, so frißt er dich auf, da ist keine Gnade; doch, wenn du draußen bleibst, fressen dich die wilden Thiere, ich will sehen, ob ich dir durchhelfen kann". Da ließ sie es herein, und gab ihm ein wenig Brod zu essen, und versteckte es dann unter das Bett. Der Menschenfresser aber kam allemal vor Mitternacht, wenn die Sonne ganz untergegangen ist, nach Haus, und ging Morgens, ehe sie aufsteigt, wieder fort. Es dauerte nicht lang, so kam er herein: "ich wittre, ich wittre Menschenfleisch!" sprach er und suchte in der Stube, endlich griff er auch unter das Bett und zog das Mädchen hervor: "das ist noch ein guter Bissen!" Die Frau aber bat und bat, bis er versprach, die Nacht über es noch leben zu lassen, und morgen erst zum Frühstück zu essen. Vor Sonnenaufgang aber weckte die Alte das Mädchen: "eil dich, daß du fortkommst, eh mein Mann[274] aufwacht, da schenk ich dir ein goldenes Spinnrädchen, das halt in Ehren: ich heiße Sonne." Das Mädchen ging fort und kam Abends an ein Haus, da war alles, wie am vorigen Abend, und die zweite Alte gab ihm beim Abschied eine goldene Spindel und sprach: "ich heiße Mond." Und am dritten Abend kam es an ein drittes Haus, da schenkte ihm die Alte einen goldenen Haspel und sagte: "ich heiße Stern, und der Prinz Schwan, ob gleich der Faden noch

nicht ganz abgewickelt war, war doch schon so weit, daß er in sein Reich gelangen konnte, dort ist er König und hat sich schon verheirathet, und wohnt in großer Herrlichkeit auf dem Glasberg; du wirst heut Abend hinkommen, aber ein Drache und ein Löwe liegen davor und bewahren ihn, darum nimm das Brod und den Speck und besänftige sie damit". So geschahe es auch. Das Mädchen warf den Ungeheuern das Brod und den Speck in den Rachen, da ließen sie es durch, und es kam bis an das Schloßthor, aber in das Schloß selber ließen es die Wächter nicht hinein. Da setzte es sich vor das Thor, und fing an auf seinem goldenen Rädchen zu spinnen; die Königin sah von oben zu, ihr gefiel das schöne Rädchen, und sie kam herunter und wollte es haben. Das Mädchen sagte, sie solle es haben, wenn sie erlauben wollte, daß es eine[275] Nacht neben dem Schlafzimmer des Königs zubrächte. Die Königin sagte es zu, und das Mädchen ward hinaufgeführt, was aber in der Stube gesprochen wurde, das konnte man alles in dem Schlafzimmer hören. Wie es nun Nacht ward, und der König im Bett lag, sang es:

"Denkt der König Schwan

noch an seine versprochene Braut Julian'?

die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,

durch Löwen und durch Drachen:

will der König Schwan denn gar nicht erwachen?"

Aber der König hörte es nicht, denn die listige Königin hatte sich vor dem Mädchen gefürchtet, und ihm einen Schlaftrunk gegeben, da schlief er so fest, und hätte das Mädchen nicht gehört, und wenn es vor ihm gestanden wäre. Am Morgen war alles verloren, und es mußte wieder vor das Thor, da setzte es sich hin und spann mit seiner Spindel, die gefiel der Königin auch, und es gab sie unter derselben Bedingung weg, daß es eine Nacht neben des Königs Schlafzimmer zubringen dürfe. Da sang es wieder:

"Denkt der König Schwan,

nicht an seine versprochene Braut Julian'?

die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,[276]

durch Löwen und durch Drachen:

will der König Schwan denn gar nicht erwachen?"

Der König aber schlief wieder fest von einem Schlaftrunk, und das Mädchen hatte auch seine Spindel verloren. Da setzte es sich am dritten Morgen mit seinem goldenen Haspel vor das Thor und haspelte. Die Königin wollte auch die Kostbarkeit haben, und versprach dem Mädchen, es sollte dafür noch eine Nacht neben dem Schlafzimmer bleiben. Es

hatte aber den Betrug gemerkt, und bat den Diener des Königs, er mögte diesem heut Abend was anderes zu trinken geben. Da sang es noch einmal:

"Denkt der König Schwan

nicht an seine versprochene Braut Julian'?

die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,

durch Löwen und durch Drachen:

will der König Schwan, denn gar nicht erwachen?"

Da erwachte der König; wie er ihre Stimme hörte, erkannte sie und fragte die Königin: "wenn man einen Schlüssel verloren hat und ihn wieder findet, behält man dann den alten oder den neugemachten?" Die Königin sagte: "ganz gewiß den alten". - "Nun, dann kannst du meine Gemahlin nicht länger seyn, ich habe[277] meine erste Braut wieder gefunden". Da mußte am andern Morgen die Königin zu ihrem Vater wieder heimgehen, und der König vermählte sich mit seiner rechten Braut, und die lebten so lang vergnügt, bis sie gestorben sind.[278]

60. Das Goldei.

Es waren einmal ein paar arme Besenbindersjungen, die hatten noch ein Schwesterchen zu ernähren, da ging es ihnen allen knapp und kümmerlich. Sie mußten alle Tage in den Wald und sich Reisig holen, und wenn die Besen gebunden waren, verkaufte sie das Schwesterchen. Einsmals gingen sie in den Wald, und der jüngste stieg auf einen Birkenbaum, und wollte die Aeste herabhauen, da fand er ein Nest, und darin saß ein dunkelfarbiges Vögelchen, dem schimmerte etwas durch die Flügel, und weil das Vögelchen gar nicht wegflog, und auch nicht scheu that, hob er den Flügel auf und fand ein goldenes Ei, das nahm er und stieg da mit herab. Sie freuten sich über ihren Fund, und gingen damit zum Goldschmid, der sagte, es sey feines Gold und gab ihnen viel Geld dafür. Am andern Morgen gingen sie wieder in den Wald, und fanden auch wieder[278] ein Goldei, und das Vöglein ließ es sich geduldig nehmen, wie das vorigemal. Das währte eine Zeitlang, alle Morgen holten sie das Goldei und waren bald reich: eines Morgens aber sagte der Vogel: "nun werde ich keine Eier mehr legen, aber bringt mich zu dem Goldschmidt, das wird euer Glück seyn". Die Besenbindersjungen thaten, wie es sprach und brachten es dem Goldschmidt getragen, und als es allein mit diesem war, sang es:

"Wer ißt mein Herzlein,

wird bald König seyn;

wer ißt mein Leberlein,

findet alle Morgen unterm Kissen ein Goldbeutlein!"

Wie der Goldschmidt das hörte, rief er die beiden Jungen und sagte: "laßt mir den Vogel, und ich will euer Schwesterlein heirathen". Die zwei sagten ja, und da ward nun Hochzeit gehalten. Der Goldschmidt aber sprach: "ich will zu meiner Hochzeit den Vogel essen, ihr zwei, bratet ihn am Spieße, und habt Acht, daß er nicht verdirbt, und bringt ihn herauf, wenn er gaar ist;" er dachte aber, dann wolle er Herz und Leber herausnehmen und essen. Die beiden Brüder standen am Spieß und drehten ihn herum, wie sie ihn so herumdrehen, und der Vogel bald gebraten ist, fällt ein Stückchen heraus. "Ei, sagt der eine, das muß ich probiren!"[279] und aß das auf. Bald darnach fiel noch ein Stückchen heraus: "das ist für mich", sagte der andere, und läßt sich das schmecken. Das war aber das Herzlein und Leberlein, was sie gegessen hatten, und sie wußten nicht, was für Glück ihnen damit beschert war.

Darnach war der Vogel gebraten, und sie trugen ihn zu der Hochzeitstafel; der Goldschmidt schnitt ihn auf, und wollte geschwind Herz und Leber essen, aber da war beides fort. Da ward er giftig bös und schrie: "wer hat Herz und Leber von dem Vogel gegessen?" "Das werden wir gethan haben, sagten sie, es sind ein paar Stückchen herausgefallen beim Umwenden, die haben wir genommen". - "Habt ihr Herz und Leber gegessen, so mögt ihr auch eure Schwester behalten!" und jagte sie in seinem Zorn alle fort. -

(Fragment.) [280]

61. Von dem Schneider, der bald reich wurde.

Ein armer Schneider ging einmal zur Winterszeit über das Feld, und wollte seinen Bruder besuchen. Unterwegs fand er eine erfrorne Droßel, sprach zu sich selber: "was größer ist als eine Laus, das nimmt der Schneider mit[280] nach Haus!" hob also die Droßel auf, und steckte sie zu sich. Wie er an seines Bruders Haus kam, guckte er erst zum Fenster hinein, ob sie auch zu Haus wären, da sah er einen dicken Pfaffen bei der Frau Schwägerin sitzen vor einem Tisch, auf dem stand ein Braten und eine Flasche Wein; indem klopfte es an die Hausthüre, und der Mann wollte herein, da sah er, wie die Frau den Pfaffen geschwind in einen Kasten schließt, den Braten in den Ofen stellt, und den Wein ins Bett schob. Nunmehr ging der Schneider selbst ins Haus, und bewillkommte seinen Bruder und seine Schwägerin, setzte sich aber auf den Kasten

nieder, darin der Pfaff steckte. Der Mann sprach: "Frau, ich bin hungrig, hast du nichts zu essen?" - "Nein, es thut mir leid, es ist aber heute gar nichts im Haus". - Der Schneider aber zog seine erfrorene Droßel heraus, da sprach sein Bruder: "mein, was thutst du mit der gefrorenen Droßel?" - "Ei! die ist viel Geld werth, die kann wahr sagen!" - "Nun so laß sie einmal wahrsagen". - Der Schneider hielt sie ans Ohr und sprach: "die Droßel sagt: es stünde eine Schüssel voll Braten im Ofen". - Der Mann ging hin und fand den Braten: "was sagt die Droßel weiter?" - "Im Bett stecke eine Flasche Wein". Der fand auch den Wein: "ei, die Droßel mögt ich[281] haben, die verkauf mir doch". - "Du kannst sie kriegen, wenn du mir den Kasten giebst, worauf ich sitze". Der Mann wollte gleich, die Frau aber sagte: "nein, das geht nicht, der Kasten ist mir gar zu lieb, den geb ich nicht weg;" der Mann aber sprach: "stell dich doch nicht so dumm, was nützt dir so ein alter Kasten;" gab damit dem Bruder den Kasten für den Vogel.

Der Schneider nahm den Kasten auf einen Schubkarren, und fuhr ihn fort: unterwegs sprach er: "ich nehm den Kasten und werf ihn ins Wasser, ich nehm den Kasten und werf ihn ins Wasser!" Endlich regte sich der Pfaff inwendig und sagte: "ihr wißt viel was in dem Kasten ist, laßt mich heraus, ich will euch 50 Thaler geben". - "Ja, dafür will ich es schon thun", ließ ihn heraus, und ging mit dem Gelde heim. Die Leute wunderten sich, wo er das viele Geld her habe, er aber sprach: "ich will euch sagen, die Felle stehen in so hohem Preis, da hab ich meine alte Kuh geschlachtet und fürs Fell so viel gelöst". Die Leute im Dorf wollten auch davon profitiren, waren her und schnitten allen ihren Ochsen, Kühen und Schafen die Hälse ab, und trugen die Felle in die Stadt, wofür sie aber blutwenig lösten, weil ihrer so viel auf einmal feilgeboten wurden. Da ärgerten sich die Bauern über den Schaden, und[282] warfen dem Schneider Dreck und ander schlechtes Zeug vor seine Thür. Der aber that alles in seinen Kasten, ging damit in die Stadt in einen Gasthof, und bat den Wirth, ob er ihm nicht den Kasten, worin die größten Kostbarkeiten wären, eine Zeit lang verwahren wolle, bei ihm wären sie nicht sicher? Der Wirth sagte recht gern, und nahm den Kasten zu sich, einige Zeit darnach kam der Schneider, forderte ihn wieder zurück und machte ihn auf, um zu sehen, ob noch alles darin wäre. Wie er nun aber voll Dreck ist, so tobte er abscheulich, beschimpfte den Wirth und drohte ihn zu verklagen, so daß der Wirth, welcher Aufsehen scheute, und für seinen Credit fürchtete, ihm gern hundert Thaler gab. Die Bauern ärgerten sich wieder, daß dem Schneider alles zum Profit ausschlug, was sie ihm Leides anthaten, nahmen den Kasten, steckten ihn mit Gewalt hinein, setzten ihn aufs Wasser, und ließen ihn fortfließen.

Der Schneider schwieg eine Weile still, bis er eine Ecke fortgeflossen war, dann rief er überlaut: "nein, ich thus nicht! und ich thus nicht! und wenns die ganze Welt haben wollte". Das Geschrei hörte ein Schäfer und fragte: "was willst du denn nicht thun?" - "Ei, sagte der Schneider, da ist ein König, der hat die närrische Grille und besteht drauf, daß, wer in diesem Kasten den Strom hinuntergeschwommen[283] kommt, seine einzige schöne Tochter heirathen soll, aber ich hab' einmal meinen Kopf drauf gesetzt, und thus nicht, und wenns die ganze Welt haben wollt". - "Hört einmal, geht das nicht, daß sich ein anderer in den Kasten setzt und die Königstochter kriegt?" - "O ja, das geht auch". - "So will ich mich an eure Stelle hineinsetzen". Da stieg der Schneider aus, der Schäfer ein; der Schneider machte den Kasten noch zu, und der Schäfer ging bald unter. Der Schneider aber nahm die ganze Heerde des Schäfers und trieb sie heim.

Die Bauern aber wunderten sich, wie das zugegangen, daß er wieder käme, und obendrein die vielen Schaafe hätte. Der Schneider sagte: "ich war untergesunken, tief, tief! da fand ich auf dem Grund die ganze Heerde, und nahm sie mit heraus". Die Bauern wollten sich da auch Schafe holen, und gingen mit einander hinaus ans Wasser; den Tag war der Himmel ganz blau mit kleinen weißen Wolken, da riefen sie: "wir sehen schon die Lämmer unten auf dem Grund!" Da sprach der Schulz: "ich will erst hinunter, und mich umsehen, und wenn es gut ist, will ich euch rufen". Wie er nun hineinstürzte, rauschte es in dem Wasser: plump! da meinten sie er riefe ihnen zu: kommt! und stürzten sich alle hinter[284] ihm drein. Da gehörte das ganze Dorf dem Schneider.

62. Blaubart.

In einem Walde lebte ein Mann, der hatte drei Söhne und eine schöne Tochter. Einmal kam ein goldener Wagen mit sechs Pferden und einer Menge Bedienten angefahren, hielt vor dem Haus still, und ein König stieg aus und bat den Mann, er möchte ihm seine Tochter zur Gemahlin geben. Der Mann war froh, daß seiner Tochter ein solches Glück widerfuhr, und sagte gleich ja; es war auch an dem Freier gar nichts auszusetzen, als daß er einen ganz blauen Bart hatte, so daß man einen kleinen Schrecken kriegte, so oft man ihn ansah. Das Mädchen erschrack auch anfangs davor, und scheute sich ihn zu heirathen, aber auf Zureden ihres Vaters, willigte es endlich ein. Doch weil es so eine Angst fühlte, ging es erst zu seinen drei Brüdern, nahm sie allein und sagte: "liebe Brüder, wenn Ihr mich schreien hört, wo ihr auch seyd, so laßt alles stehen und liegen und kommt mir zu Hülfe". Das versprachen ihm

die die Brüder und küßten es, "leb wohl, liebe Schwester, wenn wir deine Stimme hören, springen wir auf unsere Pferde,[285] und sind bald bei dir". Darauf setzte es sich in den Wagen zu dem Blaubart, und fuhr mit ihm fort. Wie es in sein Schloß kam, war alles prächtig, und was die Königin nur wünschte, das geschah, und sie wären recht glücklich gewesen, wenn sie sich nur an den blauen Bart des Königs hätte gewöhnen können, aber immer, wenn sie den sah, erschrack sie innerlich davor. Nachdem das einige Zeit gewährt, sprach er: "ich muß eine große Reise machen, da hast du die Schlüssel zu dem ganzen Schloß, du kannst überall aufschließen und alles besehen, nur die Kammer, wozu dieser kleine goldene Schlüssel gehört, verbiet' ich dir; schließt du die auf, so ist dein Leben verfallen". Sie nahm die Schlüssel, versprach ihm zu gehorchen, und als er fort war, schloß sie nach einander die Thüren auf, und sah so viel Reichthümer und Herrlichkeiten, daß sie meinte aus der ganzen Welt wären sie hier zusammen gebracht. Es war nun nichts mehr übrig, als die verbotene Kammer, der Schlüssel war von Gold, da gedachte sie, in dieser ist vielleicht das allerkostbarste verschlossen; die Neugierde fing an sie zu plagen, und sie hätte lieber all das andere nicht gesehen, wenn sie nur gewußt, was in dieser wäre. Eine Zeit lang widerstand sie der Begierde, zuletzt aber ward diese so mächtig, daß sie den Schlüssel nahm und zu[286] der Kammer hinging: "wer wird es sehen, daß ich sie öffne, sagte sie zu sich selbst, ich will auch nur einen Blick hineinthun". Da schloß sie auf, und wie die Thüre aufging, schwomm ihr ein Strom Blut entgegen, und an den Wänden herum sah sie todte Weiber hängen, und von einigen waren nur die Gerippe noch übrig. Sie erschrack so heftig, daß sie die Thüre gleich wieder zuschlug, aber der Schlüssel sprang dabei heraus und fiel in das Blut. Geschwind hob sie ihn auf, und wollte das Blut abwischen, aber es war umsonst, wenn sie es auf der einen Seite abgewischt, kam es auf der andern wieder zum Vorschein; sie setzte sich den ganzen Tag hin und rieb daran, und versuchte alles Mögliche, aber es half nichts, die Blutflecken waren nicht herabzubringen; endlich am Abend legte sie ihn ins Heu, das sollte in der Nacht das Blut ausziehen. Am andern Tag kam der Blaubart zurück, und das erste war, daß er die Schlüssel von ihr forderte; ihr Herz schlug, sie brachte die andern und hoffte, er werde es nicht bemerken, daß der goldene fehlte. Er aber zählte sie alle, und wie er fertig war, sagte er: "wo ist der zu der heimlichen Kammer?" dabei sah er ihr in das Gesicht. Sie ward blutroth und antwortete: "er liegt oben, ich habe ihn verlegt, morgen will ich ihn suchen". - "Geh lieber gleich, liebe Frau, ich werde ihn[287] noch heute brauchen". - "Ach ich will dirs nur sagen, ich habe ihn im Heu verloren, da muß ich erst

suchen". - "Du hast ihn nicht verloren, sagte der Blaubart zornig, du hast ihn dahin gesteckt, damit die Blutflecken herausziehen sollen, denn du hast mein Gebot übertreten, und bist in der Kammer gewesen, aber jetzt sollst du hinein, wenn du auch nicht willst". Da mußte sie den Schlüssel holen, der war noch voller Blutflecken: "Nun bereite dich zum Tode, du sollst noch heute sterben", sagte der Blaubart, holte sein großes Messer und führte sie auf den Hausehrn. "Laß mich nur noch vor meinem Tod mein Gebet thun", sagte sie; - "So geh, aber eil dich, denn ich habe keine Zeit lang zu warten". Da lief sie die Treppe hinauf, und rief so laut sie konnte zum Fenster hinaus: "Brüder, meine lieben Brüder, kommt, helft mir!" Die Brüder saßen im Wald beim kühlen Wein, da sprach der jüngste: "mir ist als hätt' ich unserer Schwester Stimme gehört; auf! wir müssen ihr zu Hülfe eilen!" da sprangen sie auf ihre Pferde und ritten, als wären sie der Sturmwind. Ihre Schwester aber lag in Angst auf den Knieen; da rief der Blaubart unten: "nun, bist du bald fertig?" dabei hörte sie, wie er auf der untersten Stufe sein Messer wetzte; sie sah hinaus, aber sie sah nichts, als von Ferne einen[288] Staub, als käm eine Heerde gezogen. Da schrie sie noch einmal: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" und ihre Angst ward immer größer. Der Blaubart aber rief: "wenn du nicht bald kommst, so hol ich dich, mein Messer ist gewetzt!" Da sah sie wieder hinaus, und sah ihre drei Brüder durch das Feld reiten, als flögen sie wie Vögel in der Luft, da schrie sie zum drittenmal in der höchsten Noth und aus allen Kräften: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" und der jüngste war schon so nah, daß sie seine Stimme hörte: "tröste dich, liebe Schwester, noch einen Augenblick, so sind wir bei dir!" Der Blaubart aber rief: "nun ists genug gebetet, ich will nicht länger warten, kommst du nicht, so hol ich dich!" "Ach! nur noch für meine drei lieben Brüder laß mich beten". - "Er hörte aber nicht, kam die Treppe heraufgegangen und zog sie hinunter, und eben hatte er sie an den Haaren gefaßt, und wollte ihr das Messer in das Herz stoßen, da schlugen die drei Brüder an die Hausthüre, drangen herein und rissen sie ihm aus der Hand, dann zogen sie ihre Säbel und hieben ihn nieder. Da ward er in die Blutkammer aufgehängt zu den andern Weibern, die er getödtet, die Brüder aber nahmen ihre liebste Schwester mit nach Haus, und alle Reichthümer des Blaubarts gehörten ihr."[289]

63. Goldkinder.

Es war einmal ein armer Mann und eine arme Frau, die hatten weiter nichts als eine Hütte. Der Mann war ein Fischer, und wie er einmal am

Wasser saß und sein Netz ausgeworfen hatte, da fing er einen goldenen Fisch. Der Fisch aber sprach: "wenn du mich wieder in das Wasser werfen willst, so soll deine Hütte in einen prächtigen Pallast verwandelt seyn, und in dem Pallast soll ein Schrank stehen, wenn du den aufschließst, ist Gesottenes und Gebratenes darin, so viel du nur wünschest, nur darfst du keinem Menschen auf der Welt sagen, von wem dein Glück kommt, sonst ist alles vorbei". Der Fischer warf den Goldfisch wieder ins Wasser, und wie er nach Haus kam, da stand ein großes Schloß, wo sonst seine Hütte gestanden hatte, und seine Frau saß mitten in einer prächtigen Stube. Dem Mann gefiel das wohl, er hätte aber auch gern etwas gegessen: "Frau, gieb mir doch etwas, sagte er, mich hungert so gewaltig". Die Frau aber antwortete: "ich habe nichts und kann in dem großen Schloß nichts finden". - "Geh nur dort über den Schrank", und wie die Frau den Schrank aufschloß, standen da Kuchen, Fleisch,[290] Obst, Wein: Herz, was verlangst du? die Frau verwunderte sich und sprach: "sag mir doch Mann, woher kommt denn dieser Reichthum auf einmal?" - "Das darf ich dir nicht sagen, denn wenn ich dirs sagte, so wäre unser Glück wieder dahin". Dadurch ward die Frau nur neugieriger gemacht, und fragte ihren Mann, und quälte ihn, und ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe, bis er es ihr endlich entdeckte, daß das alles von einem Goldfisch herkomme; kaum aber hatte er ausgesprochen, da war das Schloß und aller Reichthum verschwunden, und sie saßen wieder in der alten Fischerhutte.

Der Mann ging nun wieder seinem Gewerbe nach, und fischte, und fischte den Goldfisch zum zweitenmal heraus; er versprach gegen Freilassung ihm aufs neue das schöne Schloß und den Schrank voll Gesottenes und Gebratenes, doch unter der nämlichen Bedingung, daß er verschwiegen sey; der Mann hielt auch eine Zeit lang aus, endlich aber quälte ihn seine Frau so gewaltig, daß er ihr das Geheimniß offenbarte, und in dem Augenblick saßen sie auch wieder in ihrer schlechten Hütte. Der Mann ging zu fischen, und fischte das Goldfischgen zum drittenmal: "hör, sagte das, nimm mich nur mit nach Haus, und zerschneid mich dort in sechs Stücke; zwei gieb deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferd, und zwei pflanz' in[291] die Erde, du wirst Segen davon haben, deine Frau wird zwei goldene Jungen zur Welt bringen, das Pferd wird zwei goldene Füllen bekommen, und aus der Erde werden zwei goldene Lilien aufwachsen". Der Mann gehorchte, und die Weissagung traf ein. Die zwei goldne Kinder wuchsen heran und wurden groß, und sagten: "Vater, wir wollen ausziehen in die Welt, wir setzen uns auf die goldenen Rosse, und an den goldenen Lilien könnt ihr sehen, wie es uns geht: ›sind sie frisch, so sind wir gesund; sind sie welk,

sind wir krank; fallen sie um, sind wir todt.‹" Damit ritten sie fort und kamen zu einem Wirthshaus, darin war viel Volk, und als das die zwei Goldkinder auf den Goldpferden sah, fing es an zu spotten; da wurden sie bös, und der eine schämte sich, kehrte um und ritt wieder nach Haus, der zweite aber ritt fort. Da kam er zu einen Wald, die Leute aber vor dem Walde sagten ihm, er dürfe nicht hindurchreiten, es sey voll Spitzbuben darin, die würden übel mit ihm umgehen; das Goldkind aber ließ sich nicht schrecken und sprach: "ich muß und soll hindurch!" Dann nahm er Bärenfelle und überzog sich und sein Pferd damit, daß nichts mehr von Gold zu sehen war, und so ritt er in den Wald hinein. Bald darauf hörte er in den Gebüschen rufen: "hier ist einer!" Ein anderer aber[292] sprach: "laß ihn laufen, was sollen wir mit dem Bärenhäuter anfangen, der ist so arm und kahl, wie eine Kirchenmaus!" So kam er glücklich durch die Spitzbuben, und in ein Dorf, da sah er ein Mädchen so schön, daß er nicht glaubte, es könne ein schöneres auf der Welt seyn und fragte, ob es ihn heirathen wolle, und das Mädchen sagte ja, es wolle ihm treu bleiben sein Lebelang. Sie hielten nun Hochzeit mit einander und waren vergnügt, da kam der Braut Vater nach Haus, und als er sahe, daß seine Tochter einen Bärenführer geheirathet, denn er hatte die Bärenhaut noch nicht abgelegt, da ward er zornig und wollte den Bräutigam ermorden. Die Braut aber bat ihn, was sie nur konnte: sie hätte ihn doch so lieb, und es sey nun einmal ihr Mann, bis er sich zur Ruhe gab. Und am andern Morgen früh stand er auf, und wollte seinen Schwiegersohn noch einmal sehen, da sah er einen herrlichen, goldenen Mann im Bette liegen. Dem Bräutigam aber träumte, er solle auf die Jagd gehen nach einem prächtigen Hirsch, und als er erwachte, wollt' er darnach ausgehen, aber seine Verlobte bat ihn da zu bleiben, und fürchtete für ihn; er aber sprach: "ich soll und muß fort". Damit stund er auf und ging in den Wald, da hielt ein stolzer Hirsch vor ihm, ganz nach seinem Traum, wie er aber anlegen[293] und schießen wollte, fing er an zu fliehen. Der goldene Mann war hinter ihm drein, und verfolgte ihn über Graben und durch Gebüsche, und ward nicht müd den ganzen Tag: da entschwand ihm der Hirsch, er aber war vor einer alten Hexe Haus. Er rief und fragte, ob sie keinen Hirsch gesehen, sie antwortete: "ja", da bellte ihn aber ohne Aufhören der Hexe kleines Hündlein an, darüber ward er bös und wollte es erschießen, wie das die Hexe sah, verwandelte sie ihn in einen Mühlenstein, und in dem Augenblick fällt zu Haus die eine goldene Lilie. Wie das der andere Bruder zu Haus sah, setzte er sich auf seinen goldenen Gaul und jagte fort und kam zu der Hexe, und drohte ihr mit dem Tod, wenn sie seinem Bruder nicht wieder die natürliche Gestalt gäbe. Da mußte die Hexe gehorchen, und die zwei

Brüder ritten wieder heim, der eine zu seiner Braut, der andere zu seinem Vater. Die eine Lilie aber stand wieder auf, und wenn sie nicht umgefallen sind, stehen sie noch alle beide.[294]

64. Von dem Dummling.

I. Die weiße Taube.

Vor eines Königs Pallast stand ein prächtiger Birnbaum, der trug jedes Jahr die schönsten[294] Früchte, aber wenn sie reif waren, wurden sie in einer Nacht alle geholt, und kein Mensch wußte, wer es gethan hatte. Der König aber hatte drei Söhne, davon ward der jüngste für einfältig gehalten, und hieß der Dummling; da befahl er dem ältesten, er solle ein Jahr lang alle Nacht unter dem Birnbaum wachen, damit der Dieb einmal entdeckt werde. Der that das auch und wachte alle Nacht, der Baum blühte und war ganz voll von Früchten, und wie sie anfingen reif zu werden, wachte er noch fleißiger, und endlich waren sie ganz reif und sollten am andern Tage abgebrochen werden; in der letzten Nacht aber überfiel ihn ein Schlaf, und er schlief ein, und wie er aufwachte, waren alle Früchte fort, und nur die Blätter noch übrig. Da befahl der König dem zweiten Sohn ein Jahr zu wachen, dem ging es nicht besser, als dem ersten; in der letzten Nacht konnte er sich des Schlafes gar nicht erwehren, und am Morgen waren die Birnen alle abgebrochen. Endlich befahl der König dem Dummling ein Jahr zu wachen, darüber lachten alle, die an des Königs Hof waren. Der Dummling aber wachte, und in der letzen Nacht wehrt' er sich den Schlaf ab, da sah er, wie eine weiße Taube geflogen kam, eine Birne nach der andern abpickte und fort trug. Und als sie mit der letzten fortflog, stand der Dummling auf und[295] ging ihr nach; die Taube flog aber auf einen hohen Berg und verschwand auf einmal in einem Felsenritz. Der Dummling sah sich um, da stand ein kleines graues Männchen neben ihm, zu dem sprach er: "Gott gesegne dich!" - "Gott hat mich gesegnet in diesem Augenblick durch diese deine Worte, antwortete das Männchen, denn sie haben mich erlöst, steig du in den Felsen hinab, da wirst du dein Glück finden". Der Dummling trat in den Felsen, viele Stufen führten ihn hinunter, und wie er unten hinkam, sah er die weiße Taube ganz von Spinnweben umstrickt und zugewebt. Wie sie ihn aber erblickte brach sie hindurch, und als sie den letzten Faden zerrissen, stand eine schöne Prinzessin vor ihm, die hatte er auch erlöst, und sie ward seine Gemahlin und er ein reicher König, und regierte sein Land mit Weisheit.[296]

II. Die Bienenkönigin.

Zwei Königssöhne gingen auf Abentheuer aus, und geriethen in ein wildes, wüstes Leben, so daß sie gar nicht wieder nach Haus kamen. Der jüngste, der Dummling, ging aus und suchte seine Brüder; wie er sie fand, spotteten sie sein, daß er mit seiner Einfalt sich durch die Welt schlagen wolle, da sie zwei nicht[296] durchkämen und wären doch viel klüger. Da zogen sie miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen, die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen, und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen; aber der Dummling sagte: "laßt die Thiere in Fried, ich leids nicht, daß ihr sie stört". Dann gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten; die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling sagte wieder: "laßt die Thiere in Fried', ich leids nicht, daß ihr sie tödtet". Endlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig, daß er am Stamm herunterlief; die zwei wollten Feuer unter den Baum legen, daß die Bienen erstickten, und sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: "laßt die Thiere in Fried', ich leids nicht, daß ihr sie verbrennt". Da kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen, auch war kein Mensch zu sehen, und sie gingen durch alle Säle, bis sie vor eine Thüre ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser; es war aber mitten in der Thüre ein Lädlein, dadurch konnte man in die Stube sehen. Da sahen sie ein grau Männchen an einem Tische sitzen, das riefen sie an einmal, zweimal, aber es hörte[297] nicht; endlich riefen sie zum drittenmal, und da stand es auf und kam heraus. Es sprach kein Wort, faßte sie aber an und führte sie zu einem reichbesetzten Tisch, und als sie gegessen hatten, führte es einen jeglichen in ein eigenes Schlafgemach. Am andern Morgen kam es zu dem ältesten, winkte ihm und brachte ihn zu einer steinernen Tafel, darauf standen die drei Aufgaben geschrieben, wodurch das Schloß erlöst werden konnte. Die erste war: in dem Wald unter dem Moos lagen die tausend Perlen der Königstochter, die mußten aufgesucht werden, und vor Sonnenuntergang durfte nicht eine einzige fehlen, sonst ward der, welcher es unternahm zu Stein. Der Prinz ging hin und suchte den ganzen Tag, als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden, und ward in einen Stein verwandelt. Am folgenden Tag unternahm der zweite Bruder das Abentheuer; er ward aber wie der älteste zu Stein, weil er nicht mehr, als zweihundert gefunden. Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos, es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam, da setzte er sich

auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß kam der Ameisenkönig, den er einmal erhalten hatte mit fünftausend Ameisen, und es währte gar nicht lang, so hatten die die Perlen miteinander gefunden[298] und auf einen Haufen getragen. Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zu der Schlafkammer der Prinzessin aus der See zu holen. Wie der Dummling zur See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter, und holten den Schlüssel aus der Tiefe. Die dritte Aufgabe aber war die schwerste: aus den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden, sie glichen sich aber vollkommen, und waren durch nichts verschieden, als daß die älteste ein Stück Zucker, die zweite Syrup, die jüngste einen Löffel voll Honig gegessen hatte, und es war bloß an dem Hauch zu erkennen, welche den Honig gegessen. Da kam aber die Bienenkönigin von den Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt, und versuchte den Mund von allen dreien, zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen, und so erkannte der Prinz die rechte, und da war aller Zauber vorbei, alles war aus dem Schlaf erlöst, und wer von Stein war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder, und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten und liebsten, und ward König nach ihres Vaters Tod; seine zwei Brüder aber mit den beiden andern Schwestern.[299]

III. Die drei Federn.

Es war einmal ein König, der schickte seine drei Söhne in die Welt, und welcher von ihnen das feinste Linnengarn mitbrächte, der sollte nach seinem Tode das Reich haben. Und damit sie wüßten, wo hinaus sie zögen, stellte er sich vor sein Schloß und blies drei Federn in die Luft, nach deren Flug sollten sie sich richten. Die eine flog nach Westen, der folgte der älteste, die andere nach Osten, der folgte der zweite, die dritte aber fiel auf einen Stein, nicht weit von dem Pallast, da mußte der dritte Prinz, der Dummling zurück bleiben, und die andern lachten ihn aus und sagten: er sollte bei dem Stein das Linnengarn aufsuchen. Der Dummling aber setzte sich auf den Stein und weinte, und wie er so hin und her wankte, schob sich der Stein fort, und darunter lag eine Marmorplatte mit einem Ring. Der Dummling hob sie auf, und da war eine Treppe, die führte hinunter, darauf ging er fort und kam in ein unterirdisches Gewölbe, da saß ein Mädchen und spann Flachs. Es fragte ihn, warum er so verweinte Augen hätte, da klagte er ihm sein Leid, daß er das feinste Linnen suchen solle, und doch nicht darnach ausziehen dürfe, da haspelte ihm das Mädchen sein Garn[300] ab, das war das

allerfeinste Linnengarn und hieß ihn das hinauf zu seinem Vater bringen. Wie er nun hinaufkam, war er lange Zeit weggewesen, und seine Brüder waren eben zurückgekommen und glaubten gewiß, sie hätten das feinste mitgebracht. Als aber ein jeder das seinige vorzeigte, da hatte der Dummling noch einmal so feines, und das Reich wär sein gewesen; aber die zwei andern gaben sich nicht zufrieden, und verlangten von dem Vater, er solle noch eine Bedingung machen. Der König verlangte nun den schönsten Teppich, und blies die drei Federn wieder in die Luft, und die dritte fiel wieder auf den Stein, und der Dummling durfte nicht weiter gehen, die andern aber zogen nach Osten und Westen. Er hob den Stein auf und ging wieder hinab, und fand das Mädchen geschäftig, einen wunderschönen Teppich aus den brennendsten Farben zu weben, und als er fertig war, sprach es: "der ist für dich gewirkt, den trag hinauf, kein Mensch auf der Welt wird einen so prächtigen haben". Er ging damit vor seinen Vater, und übertraf wieder seine Brüder, die die schönsten Teppiche aus allen Ländern zusammengebracht hatten, aber diese brachten den König doch dahin, daß er die neue Bedingung machte, wer das Reich erben wollte, müsse die schönste Frau mit nach Haus bringen. Die Federn[301] werden wieder geblasen, und Dummlings seine bleibt auf dem Stein liegen. Da ging er hinunter und klagte dem Mädchen, was sein Vater wieder für ihn so schweres aufgelegt habe, das Mädchen aber sagte, es wolle ihm schon helfen, er solle nur weiter in dem Gewölbe gehen, da werde er die schönste auf der Welt finden. Der Dummling ging hin und kam an ein Gemach, worin alles von Gold und Edelsteinen schimmerte und flimmerte, aber statt einer schönen Frau, saß ein garstiger Frosch mitten darin. Der Frosch rief ihm zu: "umschling mich und versenk dich!" Er wollte aber nicht, da rief der Frosch zum zweiten und drittenmal: "umschling mich und versenk dich!" Da faßte der Dummling den Frosch, und trug ihn herauf zu einem Teich, und sprang mit ihm hinein, kaum aber hatte das Wasser sie berührt, so hielt er die allerschönste Jungfrau in seinen Armen. Und sie stiegen heraus, und er führte sie vor seinen Vater, da war sie tausendmal schöner, als die Frauen, die sich die andern Prinzen mitgebracht. Nun wäre das Reich wieder dem Dummling gewesen, aber die zwei lärmten und verlangten, der sollte den Vorzug haben, dessen Frau bis zu einem Ring, der mitten im Saal festhing, springen könnte; der König willigte auch endlich darein. Die Frau des ältesten konnte aber kaum halb so hoch[302] hinaufkommen, die Frau des zweiten kam ein wenig höher, aber die Frau des dritten sprang bis in den Ring; da mußten sie endlich zugeben, daß Dummling nach ihres Vaters Tod das Reich erben solle, und als der starb, ward er König und

hat lange in Weisheit regiert.[303]

IV. Die goldene Gans.

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne, der jüngste aber war ein Dummling. Eines Tags sprach der älteste: "Vater, ich will in den Wald gehen, Holz hauen". - "Laß das bleiben, antwortete der Vater, du kommst sonst mit einem verbundenen Arm heim". Der Sohn aber achtete nicht darauf, dachte, er wisse sich schon zu hüten, steckte einen Kuchen in die Tasche und ging hinaus. In dem Walde begegnete ihm ein graues altes Männchen, das sagte: "gieb mir doch ein Stück von dem Kuchen, den du in der Tasche hast, ich bin so hungrig". Der kluge Sohn aber sprach: "was soll ich dir meinen Kuchen geben, dann hab' ich selber nichts, pack dich deiner Wege!" und ging fort mit seiner Axt, und fing an einen Baum zu behauen, nicht lange aber, da hieb er fehl, die Axt fuhr ihm in den Arm, und er mußte heimgehen und sich verbinden lassen. Das[303] war aber von dem alten grauen Männchen gekommen.

Darauf ging der zweite Sohn in den Wald, wo ihn das Männchen auch um ein Stück Kuchen ansprach. Er schlugs ihm aber auch ab, und hieb sich dafür ins Bein, daß er sich mußte nach Haus tragen lassen. Endlich ging der Dummling hinaus, das Männchen sprach ihn, wie die andern, um ein Stück Kuchen an. "Da hast du ihn ganz", sagte der Dummling, und gab ihn hin. Da sagte das Männchen: "hau diesen Baum ab, so wirst du etwas finden". Der Dummling hieb da zu, und als der Baum umfiel, saß eine goldene Gans darunter. Er nahm sie mit sich, und ging in ein Wirthshaus und wollte da übernachten, blieb aber nicht in der großen Stube, sondern ließ sich eine allein geben, da setzte er seine Gans mitten hinein. Die Wirthstöchter sahen die Gans und waren neugierig, und hätten gar zu gern eine Feder von ihr gehabt. Da sprach die älteste: "ich will einmal hinauf gehen, und wenn ich nicht bald wieder komme, so geht mir nach". Darauf ging sie zu der Gans, wie sie aber kaum die Feder berührt hat, bleibt sie daran hängen; weil sie nun nicht wieder herunter kam, ging ihr die zweite nach, und wie sie die Gans sieht, kann sie gar der Lust nicht widerstehen, ihr eine Feder auszuziehen; die[304] älteste räth ihr ab, was sie kann, das hilft aber alles nichts, sie faßt die Gans an und bleibt an der Feder hängen. Die dritte Tochter, nachdem sie unten lange gewartet, ging endlich auch hinauf, die andern rufen ihr zu, sie sollt ums Himmels willen der Gans nicht nahe kommen, sie hört aber gar nicht drauf, meint, eine Feder müsse sie haben, und bleibt auch daran hängen. Am andern Morgen nahm der Dummling die Gans in den Arm und ging fort, die drei Mädchen hingen fest und mußten hinter ihm drein.

Auf dem Feld begegnet ihnen der Pfarrer: "pfui, ihr garstigen Mädchen, was lauft ihr dem jungen Burschen so öffentlich nach, schämt euch doch!" damit faßt er eine bei der Hand, und will sie zurückziehen, wie er sie aber angerührt bleibt er an ihr auch hängen, und muß nun selber hinten drein laufen. Nicht lang, so kommt der Küster: "ei! Herr Pfarrer, wo hinaus so geschwind? heut ist noch eine Kindtaufe!" er läuft auf ihn zu, faßt ihn beim Ermel, bleibt aber auch hängen. Wie die fünf so hintereinander her marschiren, kommen zwei Bauern mit ihren Hacken vom Feld, der Pfarrer ruft ihnen zu, sie sollten sie los machen, kaum aber haben sie den Küster nur angerührt, so bleiben sie hängen, und waren ihrer nun sieben, die dem Dummling mit der Gans nachliefen.[305]

Er kam darauf in eine Stadt, da regierte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, daß sie niemand zum Lachen bringen konnte. Da hatte der König ein Gesetz gegeben wer sie könnte zu lachen machen, der sollte sie heirathen. Der Dummling, als er das hörte, ging mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter; wie diese den Aufzug sah, fing sie überlaut an zu lachen, und wollte gar nicht wieder aufhören. Er verlangte sie nun zur Braut, aber der König machte allerlei Einwendungen und sagte, er müßte ihm erst einen Mann bringen, der einen Keller voll Wein austrinken könnte. Da ging er in den Wald, und auf der Stelle, wo er den Baum abgehauen hatte, sah er einen Mann sitzen, der machte ein gar betrübtes Gesicht, der Dummling fragte, was er sich so sehr zu Herzen nähme? "Ei! ich bin so durstig, und kann nicht genug zu trinken kriegen, ein Faß Wein hab ich zwar ausgeleert, aber was ist ein Tropfen auf einen heißen Stein?" - "Da kann ich dir helfen, sagte der Dummling, komm nur mit mir, du sollst satt haben". Er führte ihn in des Königs Keller, der Mann machte sich über die großen Fässer, trank und trank, daß ihm die Hüften weh thaten, und ehe ein Tag herum war, hatte er den ganzen Keller ausgetrunken. Der Dummling verlangte nun seine[306] Braut, der König aber ärgerte sich, daß ein schlechter Bursch, den jedermann einen Dummling nannte, seine Tochter davon tragen sollte, und machte neue Bedingungen: er müsse ihm erst einen Mann schaffen, der einen Berg voll Brod aufessen könnte. Der Dummling ging wieder in den Wald, da saß auf des Baumes Platz ein Mann, der schnürte sich den Leib mit einem Riemen zusammen, machte ein grämliches Gesicht und sagte: "ich habe einen ganzen Backofen voll Raspelbrod gegessen, aber was hilft das bei meinem großen Hunger, ich spür doch nichts davon im Leib und muß mich nur zuschnüren, wenn ich nicht Hungers sterben soll". Wie der Dummling das hörte, war er froh und sprach: "steig auf und geh mit mir, du sollst dich satt essen". Er führte ihn zu dem König, der hatte alles Mehl aus dem ganzen Reich

zusammenfahren, und einen ungeheuern Berg davon backen lassen, der Mann aber aus dem Wald stellte sich davor, und in einem Tag und einer Nacht, war der ganze Berg verschwunden. Der Dummling forderte wieder seine Braut, der König aber suchte noch einmal Ausflucht, und verlangte ein Schiff, das zu Land wie zu Wasser fahren könnte; schaffe er aber das, dann solle er gleich die Prinzessin haben. Der Dummling ging noch einmal in den Wald, da saß das alte graue Männchen,[307] dem es seinen Kuchen gegeben, und sagte: "ich hab für dich getrunken und gegessen, ich will dir auch das Schiff geben, das alles thu' ich, weil du barmherzig gegen mich gewesen bist". Da gab er ihm das Schiff, das zu Land und zu Wasser fuhr, und als der König das sah, mußte er ihm seine Tochter geben. Da ward die Hochzeit gefeiert, und er erbte das Reich, und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin.[308]

65. Allerlei-Rauh.

Es war einmal ein König, der hatte eine Frau, die war die schönste auf der Welt, und hatte Haare von purem Gold; sie hatten auch eine Tochter mit einander, die war so schön wie ihre Mutter, und ihre Haare waren eben so golden. Einmal ward die Königin krank, und als sie fühlte, daß sie sterben müsse, rief sie den König und bat ihn, er möge nach ihrem Tod doch niemand heirathen, der nicht eben so schön wäre wie sie, und eben so goldne Haare hätte; und nachdem ihr der König das versprochen hatte, starb sie. Der König war lange Zeit so betrübt, daß er gar an keine zweite Frau dachte, endlich aber ermahnten ihn seine Räthe, sich wieder zu vermählen: da wurden[308] Botschafter abgeschickt an alle Prinzessinnen, aber keine war so schön wie die verstorbene Königin, so goldenes Haar war auch gar nicht mehr zu finden auf der Welt. Da warf der König einmal die Augen auf seine Tochter, und wie er so sah, daß sie ganz ihrer Mutter glich und auch ein so goldenes Haar hatte, so dachte er, du kannst doch auf der Welt niemand so schön finden, du mußt deine Tochter heirathen, und fühlte in dem Augenblick eine so große Liebe zu ihr, daß er gleich den Räthen und der Prinzessin seinen Willen kund that. Die Räthe wollten es ihm ausreden, aber das war um sonst. Die Prinzessin erschrack von Herzen über dies gottlose Vorhaben, weil sie aber klug war, sagte sie dem König, er solle ihr erst drei Kleider schaffen, eins so golden wie die Sonne, eins so weiß wie der Mond, und eins so glänzend wie die Sterne, dann aber einen Mantel von tausenderlei Pelz zusammengesetzt, und alle Thiere im Reich müßten ein Stück von ihrer Haut dazu geben. Der König war so heftig in seiner Begierde, daß er im ganzen Reich daran arbeiten ließ, seine Jäger alle Thiere auffangen, und

ihnen die Haut abziehen mußten, daraus ward der Mantel gemacht, und es dauerte nicht lang, so brachte er der Prinzessin, was sie verlangt hatte. Die Prinzessin sagte nun, sie wolle sich morgen mit ihm trauen lassen, in[309] der Nacht aber suchte sie die Geschenke, die sie von ihrem Bräutigam hatte, zusammen, das war ein goldener Ring, ein golden Spinnrädchen und ein goldenes Häspelchen, die drei Kleider aber that sie in eine Nuß, dann machte sie sich Gesicht und Hände mit Ruß schwarz, zog den Mantel von allerlei Pelz an, und ging fort. Sie ging die ganze Nacht, bis sie in einen großen Wald kam, da war sie sicher, und weil sie so müd war, setzte sie sich in einen holen Baum, und schlief ein.

Sie schlief noch am hohen Tag, da jagte gerade der König, ihr Bräutigam, in dem Wald, seine Hunde aber liefen um den Baum, und schnupperten daran. Der König schickte seine Jäger hin, die sollten sehen, was für ein Thier in dem Baum steckte, die kamen wieder und sagten, es liege ein so wunderliches Thier darin, wie sie ihr Lebtag noch keins gesehen, Rauhwerk allerlei Art sey an seiner Haut, es liege aber und schlafe. Da befahl der König sie sollten es fangen und hinten auf den Wagen binden. Das thaten die Jäger, und wie sie es hervorzogen, sahen sie, daß es ein Mädchen war, da banden sie es hinten auf und fuhren mit ihm heim. "Allerlei-Rauh, sagten sie, du bist gut für die Küche, du kannst Holz und Wasser tragen, und die Asche zusammen kehren;" dann gaben sie ihm ein kleines[310] Ställchen unter der Treppe, wohin kein Tagslicht kam: "da kannst du wohnen und schlafen". Nun mußte es in die Küche, da half es dem Koch, rupfte die Hüner, schürte das Feuer, belas das Gemüs, und that alle schlechte Arbeit. Weil es alles so ordentlich machte, war ihm der Koch gut und rief manchmal Allerlei-Rauh Abends und gab ihm etwas von den Ueberbleibseln zu essen. Ehe der König aber zu Bett ging mußte es hinauf und ihm die Stiefel ausziehen, und wenn es einen ausgezogen hatte, warf er ihn allemal ihm an den Kopf.

"So lebte Allerlei-Rauh lange Zeit recht armselig: ach, du schöne Jungfrau, wie solls mit dir noch werden? Da war ein Ball in dem Schloß, Allerlei-Rauh dachte, nun könnt' ich einmal wieder meinen lieben Bräutigam recht sehen, ging zum Koch und bat ihn, er möge ihr doch erlauben, nur ein wenig hinaufzugehen, um vor der Thüre die Pracht mit anzusehen". "Geh hin, sagte der Koch, aber länger als eine halbe Stunde darfst du nicht ausbleiben, du mußt noch die Asche heut Abend zusammenkehren". Da nahm Allerlei-Rauh sein Oehllämpchen und ging in sein Ställchen, und wusch sich den Ruß ab, da kam seine Schönheit hervor, recht wie die Blumen, im Frühjahr, dann thät es den Pelzmantel ab,[311] machte die Nuß auf und holte das Kleid heraus, das wie die Sonne glänzte. Und wie es damit geputzt war, ging es hinauf, und

jedermann macht ihm Platz, und meinte nicht anders, als eine vornehme Prinzessin käme in den Saal gegangen. Der König reichte ihr gleich seine Hand zum Tanz, und wie er mit ihr tanzte, dachte er, wie gleicht diese unbekannte schöne Prinzessin meiner lieben Braut, und je länger er sie ansah, desto mehr glich sie ihr, daß er es fast gewiß glaubte, und wenn der Tanz zu Ende wär, wollte er sie fragen. Wie sie aber ausgetanzt hatte, verneigte sie sich und war verschwunden, ehe sich der König besinnen konnte. Da ließ er die Wächter fragen, aber keiner hatte die Prinzessin aus dem Hause gehen sehen. Sie war geschwind in ihr Ställchen gelaufen, hatte ihr Kleid ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht, und wieder den Pelzmantel umgethan. Dann ging sie in die Küche und wollte die Asche zusammenkehren, der Koch aber sagte: "laß das seyn bis morgen, ich will auch ein wenig hinaufgehen und den Tanz mit ansehen, koch derweil dem König seine Suppe, aber laß keine Haare hineinfallen, sonst kriegst du nichts mehr zu essen". Allerlei-Rauh kochte dem König da eine Brodsuppe, und zuletzt legte es den goldenen Ring hinein, den der König ihr geschenkt hatte. Wie[312] nun der Ball zu Ende war, ließ sich der König seine Brodsuppe bringen, die schmeckte ihm so gut, daß er meinte, er hätte noch nie eine so gute gegessen, wie er aber fertig war, fand er den Ring auf dem Grund liegen, und wie er ihn genau ansah, da war es sein Treuring. Da verwunderte er sich, konnte nicht begreifen, wie der Ring dahin kam, und ließ den Koch rufen; der Koch ward bös über Allerlei-Rauh: "du hast gewiß ein Haar hineinfallen lassen, wenn das wahr ist, so kriegst du Schläge". Wie aber der Koch hinauf kam, fragte der König, wer die Suppe gekocht habe, die wär besser als sonst gewesen, da mußte er gestehen, daß es Allerlei-Rauh gethan, und da hieß ihn der König Allerlei-Rauh heraufschicken. Wie es kam, sagte der König: "wer bist du und was machst du in meinem Schloß, woher hast du den Ring, der in der Suppe lag?" Es antwortete aber: "ich bin nichts als ein armes Kind, dem Vater und Mutter gestorben sind, habe nichts und bin zu gar nichts gut, als daß die Stiefel mir um den Kopf geworfen werden, und von dem Ring weiß ich auch nichts", damit lief es fort.

Darnach war wieder ein Ball; da bat Allerlei-Rauh den Koch wieder, er solle es hinaufgehen lassen. Der Koch erlaubte es auch nur auf eine halbe Stunde, dann solle es da seyn und[313] dem König die Brodsuppe kochen. Allerlei-Rauh ging in sein Ställchen, wusch sich rein und nahm das Mondkleid heraus, noch reiner und glänzender als der gefallene Schnee, und wie es hinauf kam ging eben der Tanz an, da reichte ihm der König die Hand, und tanzte mit ihm, und zweifelte nicht mehr, daß das seine Braut sey, denn niemand auf der Welt hatte außer ihr noch so

goldene Haare; wie aber der Tanz zu Ende war, war auch die Prinzessin schon wieder draußen, und alle Mühe umsonst, der König konnte sie nicht finden, und hatte auch kein einzig Wort mit ihr sprechen können. Sie war aber wieder Allerlei-Rauh, schwarz im Gesicht und an den Händen, stand in der Küche, und kochte dem König die Brodsuppe, und der Koch war hinaufgegangen und guckte zu. Und als die Suppe fertig war, that sie das goldne Spinnrad hinein. Der König aß die Suppe, und sie däuchte ihm noch besser, und als er zuletzt das goldene Spinnrad fand, erstaunte er noch mehr, denn das hatte er einmal seiner Braut geschenkt. Der Koch ward gerufen, und dann Allerlei-Rauh, aber sie gab wieder zur Antwort, sie wisse nichts davon, und sey nur dazu da, daß ihr die Stiefel um den Kopf geworfen würden.

Der König stellte zum drittenmal einen Ball an, und hoffte seine Braut sollte wieder[314] kommen, und da wollte er sie gewiß festhalten. Allerlei-Rauh bat auch wieder den Koch, ob sie nicht dürfe hinaufgehen, der schalt aber und sagte: "du bist eine Hexe, du thust immer etwas in die Suppe, und kannst sie besser kochen als ich;" doch weil es so bat und versprach, ordentlich zu seyn, so ließ er es wieder auf eine halbe Stunde hingehen. Da zog es sein Sternenkleid an, das funkelte wie die Sterne in der Nacht, ging hinauf und tanzte mit dem König; der meinte, so schön hätte er es noch niemals gesehen. Bei dem Tanz aber steckte er ihm einen Ring an den Finger, und hatte befohlen, daß der Tanz recht lang währen sollte. Doch aber konnte er es nicht festhalten, auch kein Wort mit ihm sprechen, denn als der Tanz aus war, sprang es so geschwind unter die Leute, daß es verschwunden war, eh er sich umdrehte. Es lief in sein Ställchen, und weils länger als eine halbe Stunde weggewesen war, zog es sich geschwind aus und machte sich in der Eile nicht ganz schwarz, sondern ein Finger blieb weiß, und wie es in die Küche kam, war der Koch schon fort, da kochte es geschwind die Brodsuppe und legte den goldenen Haspel hinein. Der König fand ihn, wie den Ring und das goldne Spinnrad, und nun wußt' er gewiß, daß seine Braut in der Nähe war, denn niemand anders konnte die Geschenke sonst haben.[315] Allerlei-Rauh ward gerufen, wollte sich wieder durchhelfen und fortspringen, aber indem es fortsprang, erblickte der König einen weißen Finger an seiner Hand, und hielt es fest daran; da fand er den Ring, den er ihm angesteckt, und riß den Rauchmantel ab, da kamen die goldenen Haare heraus geflossen, und es war seine allerliebste Braut, und der Koch ward reichlich belohnt, und dann hielt er Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihren Tod.[316]

66. Hurleburlebutz.

Ein König verirrte sich auf der Jagd, da trat ein kleines weißes Männchen vor ihn: "Herr König, wenn ihr mir eure jüngste Tochter geben wollt, so will ich euch wieder aus dem Wald führen". Der König sagte es in seiner Angst zu, das Männchen brachte ihn auf den Weg, nahm dann Abschied und rief noch nach: "in acht Tagen komm ich und hol meine Braut". Daheim aber war der König traurig über sein Versprechen, denn die jüngste Tochter hatte er am liebsten; das sahen ihm die Prinzessinnen an, und wollten wissen, was ihm Kummer mache. Da mußt ers endlich gestehen, er habe die jüngste von ihnen einem kleinen weißen Waldmännchen[316] versprochen, und das komme in acht Tagen und hole sie ab. Sie sprachen aber, er solle gutes Muths seyn, das Männchen wollten sie schon anführen. Darnach als der Tag kam, kleideten sie eine Kuhhirtstochter mit ihren Kleidern an, setzten sie in ihre Stube und befahlen ihr: "wenn jemand kommt, und will dich abholen, so gehst du mit!" sie selber aber gingen alle aus dem Hause fort. Kaum waren sie weg, so kam ein Fuchs in das Schloß, und sagte zu dem Mädchen: "setz dich auf meinen rauhen Schwanz, Hurleburlebutz! hinaus in den Wald!" Das Mädchen setzte sich dem Fuchs auf den Schwanz, und so trug er es hinaus in den Wald; wie sie aber auf einen schönen grünen Platz kamen, wo die Sonne recht hell und warm schien, sagte der Fuchs: "steig ab und laus mich!" Das Mädchen gehorchte, der Fuchs legte seinen Kopf auf ihren Schooß und ward gelaust; bei der Arbeit sprach das Mädchen: "gestern um die Zeit wars doch schöner in dem Wald!" - "Wie bist du in den Wald gekommen?" fragte der Fuchs. - "Ei, da hab ich mit meinem Vater die Kühe gehütet". - "Also bist du nicht die Prinzessin! setz dich auf meinen rauhen Schwanz, Hurleburlebutz! zurück in das Schloß!" Da trug sie der Fuchs zurück und sagte zum König: "du hast mich betrogen, das ist eine Kuhhirtstochter,[317] in acht Tagen komm ich wieder und hol mir deine". Am achten Tage aber kleideten die Prinzessinnen eine Gänsehirtstochter prächtig an, setzten sie hin und gingen fort. Da kam der Fuchs wieder und sprach: "setz dich auf meinen rauhen Schwanz, Hurleburlebutz! hinaus in den Wald!" Wie sie in dem Wald auf den sonnigen Platz kamen, sagte der Fuchs wieder: "steig ab und laus mich". Und als das Mädchen den Fuchs lauste, seufzte es und sprach: "wo mögen jetzt meine Gänse seyn!" - "Was weißt du von Gänsen?" - "Ei, die hab ich alle Tage mit meinem Vater auf die Wiesen getrieben". - "Also bist du nicht des Königs Tochter! setz dich auf meinen rauhen Schwanz, Hurleburlebutz! zurück in das Schloß!" Der Fuchs trug sie zurück und sagte zum König: "du hast mich wieder betrogen, das ist eine Gänsehirtstochter, in acht Tagen komm ich noch einmal, und wenn du mir dann deine Tochter nicht giebst, so soll dirs über gehen". Dem

König ward Angst, und wie der Fuchs wieder kam, gab er ihm die Prinzessin. "Setz dich auf meinen rauhen Schwanz, Hurleburlebutz! hinaus in den Wald". Da mußte sie auf dem Schwanz des Fuchses hinausreiten, und als sie auf den Platz im Sonnenschein kamen, sprach er auch zu ihr: "steig ab und laus mich!" als er ihr aber seinen Kopf[318] auf den Schooß legte, fing die Prinzessin an zu weinen und sagte: "ich bin eines Königs Tochter und soll einen Fuchs lausen, säß ich jetzt daheim in meiner Kammer, so könnt ich meine Blumen im Garten sehen!" Da hörte der Fuchs, daß er die rechte Braut hatte, verwandelte sich in das kleine, weiße Männchen, und das war nun ihr Mann, bei dem mußt' sie in einer kleinen Hütte wohnen, ihm kochen und nähen, und es dauerte eine gute Zeit. Das Männchen aber that ihr alles zu Liebe.

Einmal sagte das Männchen zu ihr: "ich muß fortgehen, aber es werden bald drei weiße Tauben geflogen kommen, die werden ganz niedrig über die Erde hinstreifen, davon fang die mittelste, und wenn du sie hast, schneid ihr gleich den Kopf ab, hüt' dich aber, daß du keine andere ergreifst, als die mittelste, sonst entsteht ein groß Unglück daraus". Das Männchen ging fort; es dauerte auch nicht lang, so kamen drei weiße Tauben daher geflogen. Die Prinzessin gab Acht, ergriff die mittelste, nahm ein Messer und schnitt ihr den Kopf ab. Kaum aber lag der auf dem Boden, so stand ein schöner junger Prinz vor ihr und sprach: "mich hat eine Fee verzaubert, sieben Jahr lang sollt ich meine Gestalt verlieren, und sodann als eine Taube an meiner Gemahlin vorbeifliegen, zwischen zwei andern, da müsse sie mich fangen[319] und mir den Kopf abhauen, und fange sie mich nicht, oder eine unrechte, und ich sey einmal vorbeigeflogen, so sey alles vorbei und keine Erlösung mehr möglich: darum hab ich dich gebeten, ja recht Acht zu haben, denn ich bin das graue Männlein und du meine Gemahlin". Da war die Prinzessin vergnügt, und sie gingen zusammen zu ihrem Vater, und als der starb, erbten sie das Reich.[320]

67. Der König mit dem Löwen.

Bei seiner Braut saß ein junger Prinz und sprach: "da geb ich dir einen Ring und mein Bild, das trag zu meinem Andenken und bleib mir treu; mein Vater ist todtkrank und hat geschickt, ich soll kommen, er will mich vor seinem Ende noch einmal sehen, wann ich König bin, so hole ich dich heim". Darauf ritt er fort, und fand seinen Vater sterbend; er bat noch den Prinzen, er möge eine gewisse Prinzessin nach seinem Tode heirathen. Der Prinz war so betrübt, und hatte seinen Vater so lieb, daß er ohne sich zu bedenken, Ja sagte, und gleich darauf that der alte König

die Augen zu und starb. Wie er nun zum König ausgerufen und die Trauerzeit herum war, mußt er sein Wort halten, und ließ um die andere Prinzessin werben,[320] die ihm zugesagt wurde. Indeß hörte die erste Braut, daß der Prinz um eine andere gefreit, da grämte sie sich so sehr, daß sie fast verging. Ihr Vater fragte, warum sie so traurig sey, sie solle fordern, was sie wolle, es solle ihr gewährt seyn; da bedachte sich die Prinzessin einen Augenblick, dann bat sie sich elf Mädchen aus, die ihr vollkommen glichen, auch an Größe und Wuchs. Der König ließ die elf Jungfrauen im ganzen Königreich aufsuchen, und als sie beisammen waren, kleidete sie die Prinzessin in Jäger, sich selber eben so, so daß ihrer zwölf vollkommen, eine wie die andere, waren. Darauf ritt sie zu dem König ihrem ehemaligen Bräutigam, und verlangte für sich und die übrigen Dienst als Jäger. Der König erkannte sie nicht, und weil es so schöne Leute waren, gewährte er ihnen gern die Bitte, und nahm sie an seinen Hof.

Der König hatte aber einen Löwen, dem war nichts verborgen, und er wußte Alles, was heimlich am Hofe geschah. Der sagte eines Abends zu ihm: "du glaubst, du hättest da zwölf Jäger, das sind aber lauter Mädchen". Der König wollte es nicht glauben, da sagte der Löwe weiter: "laß nur einmal Erbsen in dein Vorzimmer streuen, Männer, die haben einen festen Tritt, wenn die darüber hingehen, regt sich keine, Mädchen aber die trippeln und[321] schlurfen, und die Erbsen rollen unter ihren Füßen". Dem König gefiel das wohl. Es war aber ein Diener des Königs, der liebte die Jäger und hatte das mit angehört, da lief er zu ihnen und sagte: der Löwe hält euch für Mädchen, und will Erbsen streuen lassen und euch damit probiren; die Prinzessin befahl darauf ihren elf Jungfrauen, sie sollten sich alle Gewalt anthun, und fest auf die Erbsen treten. Als nun am Morgen die Erbsen gestreut waren, ließ der König die zwölf Jäger kommen, sie hatten aber einen so sichern und starken Gang, daß sich auch nicht eine Erbse bewegte. Am Abend machte der König dem Löwen Vorwürfe, daß er ihn belogen, da sagte der Löwe: "sie haben sich verstellt, laß aber nur zwölf Spinnräder in das Vorzimmer stellen, da werden sie sich drüber freuen, und das thut kein Mann". Der König folgte dem Löwen noch einmal, und ließ die Spinnräder hinstellen. Der Diener aber hatte den Jägern den Anschlag verrathen, da befahl die Prinzessin ihren elf Jungfrauen die Spinnräder nicht einmal anzusehen. So thaten sie auch, und der König wollte dem Löwen nicht mehr glauben. Er gewann die Jäger immer lieber, und wenn er auf die Jagd ritt, mußten sie ihm folgen. Wie sie einmal mit ihm im Wald waren, kam die Nachricht, die Braut des Prinzen sey im[322] Anzug, und werde bald da seyn; wie das die rechte Braut hörte fiel sie in Ohnmacht. Der König meinte,

seinem lieben Jäger sey etwas zugestoßen, lief herzu und wollte ihm helfen, er zog ihm aber auch die Handschuh aus, da erblickte er den Ring, den er seiner ersten Braut gegeben, und als er dann noch das Bildniß an ihrem Hals sah, erkannte er sie, und ließ gleich der andern Braut sagen, sie möge in ihr Reich zurückkehren, er habe schon eine Gemahlin, und wenn man einen alten Schlüssel wieder gefunden, brauche man den neuen nicht. Da ward die Hochzeit gefeiert, und der Löwe hatte nicht gelogen, und kam wieder in Gnade bei dem König.[323]

68. Von dem Sommer- und Wintergarten.

Ein Kaufmann wollte auf die Messe gehen, da fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Die älteste sprach: "ein schönes Kleid;" die zweite: "ein paar hübsche Schuhe;" die dritte: "eine Rose". Aber die Rose zu verschaffen, war etwas schweres, weil es mitten im Winter war, doch weil die jüngste die schönste war, und sie eine so große Freude an den Blumen hatte, sagte der[323] Vater, er wolle zusehen, ob er sie bekommen könne, und sich rechte Mühe darum geben.

Als der Kaufmann wieder auf der Rückreise war, hatte er ein prächtiges Kleid für die älteste, und ein paar schöne Schuhe für die zweite, aber die Rose für die dritte hatte er nicht bekommen können, wenn er in einen Garten gegangen war, und nach Rosen gefragt, hatten die Leute ihn ausgelacht: "ob er denn glaube, daß die Rosen im Schnee wüchsen". Das war ihm aber gar leid, und wie er darüber sann, ob er gar nichts für sein liebstes Kind mitbringen könne, kam er vor ein Schloß, und dabei war ein Garten, in dem war es halb Sommer und halb Winter, und auf der einen Seite blühten die schönsten Blumen groß und klein, und auf der andern war alles kahl und lag ein tiefer Schnee. Der Mann stieg vom Pferd herab, und wie er einen ganze Hecke voll Rosen auf der Sommerseite erblickte, war er froh, ging hinzu und brach eine ab, dann ritt er wieder fort. Er war schon ein Stück Wegs geritten, da hörte er etwas hinter sich herlaufen und schnaufen, er drehte sich um, und sah ein großes schwarzes Thier, das rief: "du giebst mir meine Rose wieder, oder ich mache dich todt, du giebst mir meine Rose wieder, oder ich mach dich todt!" da sprach der Mann: "ich bitt dich, laß mir die Rose, ich soll sie meiner[324] Tochter mitbringen, die ist die schönste auf der Welt". - "Meinetwegen, aber gieb mir die schöne Tochter dafür zur Frau?" Der Mann, um das Thier los zu werden, sagt ja, und denkt, das wird doch nicht kommen und sie fordern, das Thier aber rief noch hinter ihm drein: "in acht Tagen komm ich und hol meine Braut."

Der Kaufmann brachte nun einer jeden Tochter mit, was sie gewünscht hatten; sie freuten sich auch alle darüber, am meisten aber die jüngste über die Rose. Nach acht Tagen saßen die drei Schwestern beisammen am Tisch, da kam etwas mit schwerem Gang die Treppe herauf, und an die Thüre und rief: "macht auf! macht auf!" Da machten sie auf, aber sie erschracken recht, als ein großes schwarzes Thier hereintrat: "Weil meine Braut nicht gekommen, und die Zeit herum ist, will ich mir sie selber holen". Damit ging es auf die jüngste Tochter zu und packte sie an. Sie fing an zu schreien, das half aber alles nichts, sie mußte mit fort, und als der Vater nach Haus kam, war sein liebstes Kind geraubt. Das schwarze Thier aber trug die schöne Jungfrau in sein Schloß, da wars gar wunderbar und schön, und Musikanten waren darin, die spielten auf, und unten war der Garten halb Sommer und halb Winter, und das Thier that ihr alles zu[325] Liebe, was es ihr nur an den Augen absehen konnte. Sie aßen zusammen, und sie mußte ihm aufschöpfen, sonst wollte es nicht essen, da ward sie dem Thier hold, und endlich hatte sie es recht lieb. Einmal sagte sie zu ihm: "mir ist so Angst, ich weiß nicht recht warum, aber mir ist, als wär mein Vater krank, oder eine von meinen Schwestern, könnte ich sie nur ein einzigesmal sehen!" Da führte sie das Thier zu einem Spiegel und sagte: "da schau hinein", und wie sie hineinschaute, war es recht als wäre sie zu Haus; sie sah ihre Stube und ihren Vater, der war wirklich krank, aus Herzeleid, weil er sich Schuld gab, daß sein liebstes Kind von einem wilden Thier geraubt und gar von ihm aufgefressen sey, hätt' er gewußt, wie gut es ihm ging, so hätte er sich nicht betrübt; auch ihre zwei Schwestern sah sie am Bett sitzen, die weinten. Von dem allen war ihr Herz ganz schwer, und sie bat das Thier, es sollte sie nur ein paar Tage wieder heim gehen lassen. Das Thier wollte lange nicht, endlich aber, wie sie so jammerte, hatte es Mitleiden mit ihr und sagte: "geh hin zu deinem Vater, aber versprich mir, daß du in acht Tagen wieder da seyn willst". Sie versprach es ihm, und als sie fort ging, rief es noch: "bleib aber ja nicht länger als acht Tage aus."

Wie sie heim kam, freute sich ihr Vater,[326] daß er sie noch einmal sähe, aber die Krankheit und das Leid hatten schon zu sehr an seinem Herzen gefressen, daß er nicht wieder gesund werden konnte, und nach ein paar Tagen starb er. Da konnte sie an nichts anders denken vor Traurigkeit, und hernach ward ihr Vater begraben, da ging sie mit zur Leiche, und dann weinten die Schwestern zusammen und trösteten sich, und als sie endlich wieder an ihr liebes Thier dachte, da waren schon längst die acht Tage herum. Da ward ihr recht Angst, und es war ihr, als sey das auch krank, und sie machte sich gleich auf, und ging wieder hin zu seinem Schloß. Wie sie aber wieder ankam, wars ganz still und traurig

darin, die Musikanten spielten nicht, und alles war mit schwarzem Flor behangen; der Garten aber war ganz Winter und von Schnee bedeckt. Und wie sie das Thier selber suchte, war es fort, und sie suchte aller Orten, aber sie konnte es nicht finden. Da war sie doppelt traurig, und wußte sich nicht zu trösten, und einmal ging sie so traurig im Garten, und sah einen Haufen Kohlhäupter, die waren oben schon alt und faul, da legte sie die herum, und wie sie ein paar umgedreht hatte, sah sie ihr liebes Thier, das lag darunter und war todt. Geschwind holte sie Wasser und begoß es damit unaufhörlich, da sprang es auf und war auf einmal verwandelt,[327] und ein schöner Prinz. Da ward Hochzeit gehalten und die Musikanten spielten gleich wieder, die Sommerseite im Garten kam prächtig hervor, und der schwarze Flor ward abgerissen, und sie lebten vergnügt miteinander immerdar.[328]

69. Jorinde und Joringel.

Es war einmal ein altes Schloß, mitten in einem großen, dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze, oder zu Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie's, kochte und bratete es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehn, und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein, in die Kammern des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen, die, und dann ein gar schöner Jüngling,[328] Namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spaziren. "Hüte dich, sagte Joringel, daß du nicht so nahe an das Schloß kommst!" Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Walds, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin in Sonnenschein und klagte. Joringel klagte auch; sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre, und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter: Joringel sah durchs Gebüsch, und sah die alte Mauer

des Schlosses nah bei sich, er erschrack und wurde todtbang. Jorinde sang:

Mein Vöglein mit dem Ringlein roth

Singt Leide, Leide, Leide;

Es singt dem Täublein seinen Tod,

Singt Leide, Lei - Zicküth! Zicküth! Zicküth!

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang Zicküth! Zicküth. Eine Nachteule mit glühenden Augen[329] flog dreimal um sie herum, und schrie dreimal Schu - hu - hu - hu! Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager, große rothe Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall, und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort, endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: "Grüß dich, Zachiel! Wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund!" Da wurd Joringel los; er fiel vor dem Weib auf die Knie, und bat, sie mögte ihm seine Jorinde wieder geben; aber sie sagte, er solle sie nie wieder haben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. Uu! was soll mir geschehn? Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütet er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei; endlich träumte er einmal des Nachts, er fänd eine blutrothe Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war; die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse; alles, was er mit[330] der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Thal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrothe Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Thautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe zum Schloß kam, da wurd er nicht fest, sondern ging fort bis ans Thor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf; er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähm. Endlich hört ers; er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin, und fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnt auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie, und ging, besah die

Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen; wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er, daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel nimmt, und damit nach der Thüre geht. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume, und[331] auch das alte Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön, wie sie ehemals war. Da macht er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und lebten lange vergnügt zusammen.[332]

70. Der Okerlo.

Eine Königin setzte ihr Kind in einer goldenen Wiege aufs Meer, und ließ es fortschwimmen; es ging aber nicht unter, sondern schwamm zu einer Insel, da wohnten lauter Menschenfresser. Wie nun so die Wiege geschwommen kam, stand gerade die Frau des Menschenfressers am Ufer, und als sie das Kind sah, welches ein wunderschönes Mädchen war, beschloß sie, es groß zu ziehen für ihren Sohn, der sollte es einmal zur Frau haben. Doch hatte sie große Noth damit, daß sie es sorgfältig vor ihrem Mann, dem alten Okerlo versteckte, denn hätte er es zu Gesicht bekommen, so wäre es mit Haut und Haar aufgefressen worden.

Als nun das Mädchen groß geworden war, sollte es mit dem jungen Okerlo verheirathet werden, es mochte ihn aber gar nicht leiden,[332] und weinte den ganzen Tag. Wie es so einmal am Ufer saß, da kam ein junger, schöner Prinz geschwommen, der gefiel ihm und es gefiel ihm auch, und sie versprachen sich miteinander; indem aber kam die alte Menschenfresserin, die wurde gewaltig bös, daß sie den Prinzen bei der Braut ihres Sohnes fand, und kriegte ihn gleich zu packen: "wart nun, du sollst zu meines Sohnes Hochzeit gebraten werden!"

Der junge Prinz, das Mädchen und die drei Kinder des Okerlo schliefen aber alle in einer Stube zusammen, wie es nun Nacht wurde, kriegte der alte Okerlo Lust nach Menschenfleisch, und sagte: "Frau, ich habe nicht Lust bis zur Hochzeit zu warten, gieb mir den Prinzen nur gleich her!" Das Mädchen aber hörte alles durch die Wand, stand geschwind auf, nahm dem einen Kind des Okerlo die goldene Krone ab, die es auf dem Haupte trug, und setzte sie dem Prinzen auf. Die alte Menschenfresserin kam gegangen, und weil es dunkel war, so fühlte sie an den Häuptern, und das, welches keine Krone trug, brachte sie dem Mann, der es augenblicklich aufaß. Indessen wurde dem Mädchen himmelangst, es dachte: "bricht der Tag an, so kommt alles heraus, und es wird uns schlimm gehen". Da stand es heimlich auf und holte einen Meilenstiefel,

eine[333] Wünschelruthe und einen Kuchen mit einer Bohne, die auf alles Antwort gab.

Nun ging sie mit dem Prinzen fort, sie hatten den Meilenstiefel an, und mit jedem Schritt machten sie eine Meile. Zuweilen frugen sie die Bohne:

"Bohne, bist du auch da?"

"ja", sagte die Bohne, "da bin ich, eilt euch aber, denn die alte Menschenfresserin kommt nach im andern Meilenstiefel, der dort geblieben ist!" Da nahm das Mädchen die Wünschelruthe und verwandelte sich in einen Schwan, den Prinzen in einen Teich, worauf der Schwan schwimmt. Die Menschenfresserin kam und lockte den Schwan ans Ufer, allein es gelang ihr nicht, und verdrießlich ging sie heim. Das Mädchen und der Prinz setzten ihren Weg fort:

"Bohne, bist du da?"

"ja", sprach die Bohne, "hier bin ich, aber die alte Frau kommt schon wieder, der Menschenfresser hat ihr gesagt, warum sie sich habe anführen lassen". Da nahm das Mädchen den Stab, und verwandelte sich und den Prinzen in eine Staubwolke, wodurch die Frau Okerlo nicht dringen kann, also kehrte sie unverrichteter Sache wieder um, und die andern setzten ihren Weg fort.

"Bohne, bist du da?"

"ja, hier bin ich, aber ich sehe die Frau Okerlo[334] noch einmal kommen, und gewaltige Schritte macht sie". Das Mädchen nahm zum drittenmal den Wünschelstab und verwandelte sich in einen Rosenstock und den Prinzen in eine Biene, da kam die alte Menschenfresserin, erkannte sie in dieser Verwandelung nicht und ging wieder heim.

Allein nun konnten die zwei ihre menschliche Gestalt nicht wieder annehmen, weil das Mädchen das letztemal in der Angst den Zauberstab zu weit weggeworfen; sie waren aber schon so weit gegangen, daß der Rosenstock in einem Garten stand, der gehörte der Mutter des Mädchens. Die Biene saß auf der Rose, und wer sie abbrechen wollte, den stach sie mit ihrem Stachel. Einmal geschah es, daß die Königin selber in ihren Garten ging und die schöne Blume sah, worüber sie sich so verwunderte, daß sie sie abbrechen wollte. Aber Bienchen kam und stach sie so stark in die Hand, daß sie die Rose mußte fahren lassen, doch hatte sie schon ein wenig eingerissen. Da sah sie, daß Blut aus dem Stengel quoll, ließ eine Fee kommen, damit sie die Blume entzauberte. Da erkannte die Königin ihre Tochter wieder, und war von Herzen froh und vergnügt. Es wurde aber eine große Hochzeit angestellt, eine Menge Gäste gebeten, die kamen in prächtigen Kleidern, tausend

Lichter flimmerten im Saal, und[335] es wurde gespielt und getanzt bis zum hellen Tag.

"Bist du auch auf der Hochzeit gewesen?" - "ja wohl bin drauf gewesen:

mein Kopfputz war von Butter, da kam ich in die Sonne, und er ist mir abgeschmolzen;

mein Kleid war von Spinnweb, da kam ich durch Dornen, die rissen es mir ab;

meine Pantoffel waren von Glas, da trat ich auf einen Stein, da sprangen sie entzwei."[336]

71. Prinzessin Mäusehaut.

Ein König hatte drei Töchter; da wollte er wissen, welche ihn am liebsten hätte, ließ sie vor sich kommen und fragte sie. Die älteste sprach, sie habe ihn lieber, als das ganze Königreich; die zweite, als alle Edelsteine und Perlen auf der Welt; die dritte aber sagte, sie habe ihn lieber als das Salz. Der König ward aufgebracht, daß sie ihre Liebe zu ihm mit einer so geringen Sache vergleiche, übergab sie einem Diener und befahl, er solle sie in den Wald führen und tödten. Wie sie in den Wald gekommen waren, bat die Prinzessin den Diener um ihr Leben; dieser war ihr treu, und würde sie[336] doch nicht getödtet haben, er sagte auch, er wolle mit ihr gehen, und ganz nach ihren Befehlen thun. Die Prinzessin verlangte aber nichts, als ein Kleid von Mausehaut, und als er ihr das geholt, wickelte sie sich hinein und ging fort. Sie ging geradezu an den Hof eines benachbarten Königs, gab sich für einen Mann aus, und bat den König, daß er sie in seine Dienste nehme. Der König sagte es zu, und sie solle bei ihm die Aufwartung haben: Abends mußte sie ihm die Stiefel ausziehen, die warf er ihr allemal an den Kopf. Einmal fragte er, woher sie sey? - "Aus dem Lande, wo man den Leuten die Stiefel nicht um den Kopf wirft". Der König ward da aufmerksam, endlich brachten ihm die andern Diener einen Ring; Mausehaut habe ihn verloren, der sey zu kostbar, den müsse er gestohlen haben. Der König ließ Mausehaut vor sich kommen und fragte, woher der Ring sey? da konnte sich Mausehaut nicht länger verbergen, sie wickelte sich von der Mausehaut los, ihre goldgelben Haare quollen hervor, und sie trat heraus so schön, aber auch so schön, daß der König gleich die Krone von seinem Kopf abnahm und ihr aufsetzte, und sie für seine Gemahlin erklärte.

Zu der Hochzeit wurde auch der Vater der Mausehaut eingeladen, der

glaubte seine Tochter sey schon längst todt, und erkannte sie nicht[337] wieder. Auf der Tafel aber waren alle Speisen, die ihm vorgesetzt wurden, ungesalzen, da ward er ärgerlich und sagte: "ich will lieber nicht leben als solche Speise essen!" Wie er das Wort ausgesagt, sprach die Königin zu ihm: "jetzt wollt ihr nicht leben ohne Salz, und doch habt ihr mich einmal wollen tödten lassen, weil ich sagte, ich hätte euch lieber als Salz!" da erkannt er seine Tochter, und küßte sie, und bat sie um Verzeihung, und es war ihm lieber als sein Königreich, und alle Edelsteine der Welt, daß er sie wiedergefunden.[338]

72. Das Birnli will nit fallen.

Der Herr will das Birnli schüttle,

das Birnli will nit fallen:

der Herr, der schickt das Jockli hinaus,

es soll das Birnli schüttle:

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr das Hündli naus,

es soll das Jockli beißen:

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr das Prügeli naus,

es soll das Hündli treffen:[338]

das Prügeli trifft das Hündli nit,

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr das Fürli(Feuer) naus,

es soll das Prügeli brennen:

das Fürli brennt, das Prügeli nit,

das Prügeli trifft das Hündli nit,

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr das Wässerli naus,

es soll das Fürli löschen:

das Wässerli löscht das Fürli nit,

das Fürli brennt das Prügeli nit,

das Prügeli trifft das Hündli nit,

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr das Kälbli naus,

es soll das Wässerli läpple:(trinken)

das Kälbli läppelt das Wässerli nit,

das Wässerli löscht das Fürli nit,

das Fürli brennt das Prügeli nit,

das Prügeli trifft das Hündli nit,

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr den Metzger naus,

er soll das Kälbli metzle:[339]

der Metzger metzelts Kälbli nit,

das Kälbli läppelt das Wässerli nit,

das Wässerli löscht das Fürli nit,

das Fürli brennt das Prügeli nit,

das Prügeli trifft das Hündli nit,

das Hündli beißt das Jockli nit,

das Jockli schüttelts Birnli nit,

das Birnli will nit fallen.

Da schickt der Herr den Schinder naus,

er soll den Metzger hängen:

der Schinder will den Metzger hänge,

der Metzger will das Kälbli metzle,

das Kälbli will das Wässerli läpple,

das Wässerli will das Fürli lösche,

das Fürli will das Prügeli brenne,

das Prügeli will das Hündli treffe,

das Hündli will das Jockli beiße,

das Jockli will das Birnli schüttle,

das Birnli das will fallen.[340]

73. Das Mordschloß.

Es war einmal ein Schuhmacher, welcher drei Töchter hatte; auf eine Zeit als der Schuhmacher aus war, kam da ein Herr, welcher sehr gut gekleidet war, und welcher eine prächtige Equipage hatte, so daß man ihn für sehr reich hielt, und verliebte sich in eine der schönen Töchter, welche dachte, ihr Glück gemacht zu haben[340] mit so einem reichen Herrn, und machte also keine Schwierigkeit mit ihm zu reiten. Da es Abend ward, als sie unterwegs waren fragte er sie:

"Der Mond scheint so hell

meine Pferdchen laufen so schnell

süß Lieb, reut dichs auch nicht?"

- "Nein, warum sollt michs reuen? ich bin immer bei Euch wohl bewahrt", da sie doch innerlich eine Angst hatte. Als sie in einem großen Wald waren, fragte sie, ob sie bald da wären? - "Ja, sagte er, siehst du das Licht da in der Ferne, da ist mein Schloß;" endlich kamen sie da an, und alles war gar schön.

Am andern Tage sagte er zu ihr, er müßt auf einige Tage sie verlassen, weil er wichtige Affairen hätte, die nothwendig wären, aber er wolle ihr alle Schlüssel lassen, damit sie das ganze Castell sehen könnte, von was für Reichthum sie all Meister wär. Als er fort war, ging sie durch das ganze Haus, und fand alles so schön, daß sie völlig damit zufrieden war, bis sie endlich an einen Keller kam, wo eine alte Frau saß und Därme schrappte. "Ei Mütterchen, was macht sie da?" - "Ich schrapp Därme, mein Kind, morgen schrapp ich eure auch!" Wovon sie so erschrack, daß sie den Schlüssel, welcher in ihrer Hand war, in ein Becken mit Blut fallen ließ, welches nicht gut[341] wieder abzuwaschen war: "Nun ist euer Tod sicher, sagte das alte Weib, weil mein Herr sehen kann, daß ihr in der Kammer gewesen seyd, wohin außer ihm und mir kein Mensch kommen darf."

(Man muß aber wissen, daß die zwei vorigen Schwestern auf dieselbe Weise waren umgekommen.)

Da in dem Augenblick ein Wagen mit Heu von dem Schloß wegfuhr, so sagte die alte Frau, es wäre das einzige Mittel, um das Leben zu

behalten, sich unter das Heu zu verstecken, und dann da mit weg zu fahren; welches sie auch thät. Da inzwischen der Herr nach Haus kam, fragte er, wo die Mamsell wäre! "O, sagte die alte Frau, da ich keine Arbeit mehr hatte, und sie morgen doch dran mußte, hab ich sie schon geschlachtet, und hier ist eine Locke von ihrem Haar, und das Herz, wie auch was warm Blut, das übrige haben die Hunde alle gefressen, und ich schrapp die Därme". Der Herr war also ruhig, daß sie todt war.

Sie kommt inzwischen mit dem Heuwagen zu einem nah bei gelegenen Schloß, wo das Heu hin verkauft war, und sie kommt mit aus dem Heu und erzählt die ganze Sache, und wird ersucht, da einige Zeit zu bleiben. Nach Verlauf von einiger Zeit nöthigt der Herr von diesem Schloß alle in der Nähe wohnenden[342] Edelleute zu einem großen Fest, und das Gesicht und Kleidung von der fremden Mamsell wird so verändert, daß sie nicht erkannt werden konnte, weil auch der Herr von dem Mord-Castell dazu eingeladen war.

Da sie alle da waren, mußte ein jeder etwas erzählen, da die Reihe an die Mamsell kam, erzählte sie die bewußte Historie, wobei dem sogenannten Herrn Graf so ängstlich ums Herz ward, daß er mit Gewalt weg wollte, aber der gute Herr von dem adelichen Haus hatte inzwischen gesorgt, daß das Gericht unsern schönen Herrn Grafen in Gefängniß nahm, sein Castell ausrottete, und seine Güter alle der Mamsell zu eigen gab, die nach der Hand mit dem Sohn des Hauses, wo sie so gut empfangen war, sich verheirathete und lange Jahre lebte.[343]

74. Von Johannes-Wassersprung und Caspar-Wassersprung.

Ein König bestand darauf, seine Tochter sollte nicht heirathen, und ließ ihr in einem Wald in der größten Einsamkeit ein Haus bauen, darin mußte sie mit ihren Jungfrauen wohnen, und bekam gar keinen andern Menschen zu sehen. Nah an dem Waldhaus aber war eine Quelle mit wunderbaren Eigenschaften,[343] davon trank die Prinzessin, und die Folge war, daß sie zwei Prinzen gebar, die darnach Johannes-Wassersprung und Caspar-Wassersprung genannt wurden, und wovon einer dem andern vollkommen ähnlich war. Ihr Großvater, der alte König, ließ sie die Jägerei lernen, und sie wuchsen heran, wurden groß und schön. Da kam die Zeit, wo sie in die Welt ziehen mußten; jeder von ihnen erhielt einen silbernen Stern, ein Pferd und einen Hund mit auf die Fahrt. Sie kamen zuerst in einen Wald, und sahen zugleich zwei Hasen und wollten darnach schießen, die Hasen aber baten um Gnade und

sagten, sie mögten sie doch in ihre Dienste aufnehmen, sie könnten ihnen nützlich seyn, und in jeder Gefahr Hülfe leisten. Die zwei Brüder ließen sich bewegen, und nahmen sie als Diener mit; nicht lang so kamen zwei Bären, wie sie auf die zielten, riefen die gleichfalls um Gnade, und versprachen treu zu dienen: also ward auch damit das Gefolge vermehrt. Nun kamen sie auf einen Scheideweg, da sprachen sie: "wir müssen uns trennen, und der eine soll rechts, der andere links weiter ziehen!" aber jeder steckte ein Messer in einen Baum am Scheideweg, an deren Rost wollten sie erkennen, wie es dem andern ergehe, und ob er noch lebe; dann nahmen sie Abschied, küßten einander und ritten fort.[344]

Johannes-Wassersprung kam in eine Stadt, da war alles still und traurig, weil die Prinzessin einem Drachen sollte geopfert werden, der das ganze Land verwüstete, und anders nicht konnte besänftigt werden. Es war bekannt gemacht, wer sein Leben daran wagen wolle und den Drachen tödte, der solle die Prinzessin zur Gemahlin haben, niemand aber hatte sich gefunden; auch hatte man das Unthier hintergehen wollen, und die Kammerjungfer der Prinzessin hinausgeschickt, aber die hatte es gleich erkannt und nicht gewollt. Johannes-Wassersprung dachte: du mußt dein Glück auf die Probe stellen, vielleicht gelingt dirs und machte sich mit seiner Begleitung auf, gegen das Drachennest. Der Kampf war gewaltig: der Drache spie Feuer und Flammen, und zündete das Gras rings herum an, so daß Johannes-Wassersprung gewiß erstickt wäre, wenn nicht Has, Hund und Bär das Feuer ausgetreten und gedämpft hätten; endlich mußte der Drache aber unterliegen, und Johannes-Wassersprung hieb ihm seine sieben Köpfe herunter, dann schnitt er die Zungen heraus und steckte sie zu sich; nun aber war er so müd, daß er sich auf der Stelle niederlegte und einschlief. Während er da schlief, kam der Kutscher der Prinzessin, und als er den Mann da liegen sah, und die sieben Drachenköpfe daneben, dachte er, das mußt du[345] dir zu nutz machen, stach den Johannes-Wassersprung todt, und nahm die sieben Drachenköpfe mit. Damit ging er zum König, sagte, er habe das Ungeheuer getödtet, die sieben Köpfe bringe er zum Wahrzeichen, und die Prinzessin ward seine Braut.

Indessen kamen die Thiere des Johannes-Wassersprung, die nach dem Kampf sich in die Nähe gelagert und auch geschlafen hatten, wieder zurück und fanden ihren Herrn todt. Da sahen sie, wie die Ameisen, denen bei dem Kampf ihr Hügel zertreten war, ihre Todten mit dem Saft einer nahen Eiche bestrichen, wovon sie sogleich wieder lebendig wurden. Der Bär ging und holte von dem Saft, und bestrich den Johannes-Wassersprung, davon erholte er sich wieder, und in kurzem

war er ganz frisch und gesund. Er gedachte nun an die Prinzessin, die er sich erkämpft hatte, und eilte in die Stadt, da ward eben die Hochzeit mit dem Kutscher gefeiert, und die Leute sagten, der habe den siebenköpfigen Drachen getödtet. Hund und Bär liefen ins Schloß, wo ihnen die Prinzessin Braten und Wein um den Hals band, und ihren Dienern befahl, sie sollten den Thieren nachgehen, und den Mann, dem sie angehörten zur Hochzeit laden. So kam Johannes-Wassersprung auf die Hochzeit, und gerade ward die Schüssel mit den sieben Drachenköpfen[346] aufgetragen, die der Kutscher mitgebracht hatte. Johannes-Wassersprung zog die sieben Zungen hervor, und legte sie dabei, da ward er als der rechte Drachentödter erkannt, der Kutscher fortgejagt, und er der Gemahl der Prinzessin.

Nicht lang darnach ging er auf die Jagd, und verfolgte einen Hirsch mit silbernem Geweih, er jagte ihm lange nach, konnte ihn aber nicht erreichen, und kam endlich zu einer alten Frau, und die verwandelte ihn sammt seinem Hund, Pferd und Bären in Stein. Indessen kam Caspar-Wassersprung zu dem Baum, worin die beiden Messer standen und sah, daß das Messer seines Bruders verrostet war; sogleich beschloß er ihn aufzusuchen, ritt fort und kam in die Stadt, wo die Gemahlin seines Bruders lebte. Weil er aber diesem so ähnlich sah, hielt sie ihn für ihren rechten Mann, freute sich seiner Wiederkunft, und bestand darauf, daß er bei ihr bleiben sollte. Allein Caspar-Wassersprung zog weiter, fand seinen Bruder mit seiner Begleitung versteinert, und zwang die Frau, den Zauber aufzuheben. Darauf ritten die beiden Brüder heim, und unterwegs machten sie aus, derjenige solle Gemahl der Prinzessin seyn, dem sie zuerst um den Hals fallen werde, und das geschah dem Johannes-Wassersprung.[347]

75. Vogel Phönix.

Eines Tags ging ein reicher Mann spazieren an den Fluß, da kam ein kleines Kästchen geschwommen, dies Kästchen nahm er und machte den Deckel auf, da lag ein kleines Kind darin, welches er mit heim nahm und aufziehen ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind nicht leiden, und einmal nahm ers mit sich in einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten darin war, sprang er schnell heraus ans Land, und ließ das Kind allein im Kahn. Und der Kahn trieb immer fort, bis an die Mühle, da sah der Müller das Kind und erbarmte sich, nahm es heraus und erzog es in seinem Haus. Einmal aber kam von ungefähr der Verwalter in dieselbe Mühle, erkannte das Kind und nahm es mit sich. Bald darauf gab er dem jungen Menschen einen Brief zu tragen an seine Frau, worin stand: "den

Ueberbringer dieses Briefs sollst du den Augenblick umbringen". Unterwegs aber begegnete dem jungen Menschen im Walde ein alter Mann, welcher sprach: weis' mir doch einmal den Brief, den du da in der Hand trägst! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß einmal herum und gab ihn wieder, nun stand darin: dem Ueberbringer sollst du augenblicks[348] unsere Tochter zur Frau geben! So geschah es, und als der Verwalter das hörte, gerieth er in Aerger und sagte: "he, so geschwind gehts nicht, eh ich dir meine Tochter lasse, sollst du mir erst drei Federn vom Vogel Phönix bringen."

Der Jüngling machte sich auf den Weg nach dem Vogel Phönix, und an derselben Stelle im Wald begegnete ihm wieder derselbe alte Mann und sprach: geh den ganzen Tag weiter fort, Abends wirst du an einen Baum kommen, darauf zwei Tauben sitzen, die werden dir das weitere sagen! Wie er Abends an den Baum kam, saßen zwei Tauben drauf. Die eine Taube sprach: wer da zum Vogel Phönix will, muß gehen den ganzen Tag, so wird er Abends an ein Thor kommen, das ist zugeschlossen. Die andere Taube sprach: unter diesem Baum liegt ein Schlüssel von Gold, der schließt das Thor auf. Da fand er den Schlüssel und schloß das Thor damit auf; hinterm Thor, da saßen zwei Männer, der eine Mann sprach: wer den Vogel Phönix sucht, muß einen großen Weg machen über den hohen Berg, und dann wird er endlich in das Schloß kommen.

Am Abend des dritten Tags langte er endlich im Schloß an, da saß ein weißes Mamsellchen, und sprach: was wollt ihr hier? - Ach, ich will mir gern drei Federn vom Vogel Phönix[349] holen. Sie sprach: ihr seyd in Lebensgefahr, denn wo euch der Vogel Phönix gewahr würde, fräße er euch auf mit Haut und Haar, doch will ich sehen, wie ich euch zu den drei Federn verhelfe, alle Tage kommt er hierher, da muß ich ihn mit einem engen Kamm kämmen; geschwind hier unter den Tisch, der war rund um mit Tuch beschlagen.

Indem kam der Vogel Phönix heim, setzte sich oben auf den Tisch und sprach: ich wittere, wittere Menschenfleisch! - "Ach was? ihr seht ja wohl, daß niemand hier ist" - kämm mich nun, sprach der Vogel Phönix.

Das weiße Mamsellchen kämmte ihn nun, und er schlief darüber ein; wie er recht fest schlief, packte sie eine Feder, zog sie aus und warf sie unterm Tisch. Da wachte er auf: "was raufst du mich so? mir hat geträumt, es käme ein Mensch und zöge mir eine Feder aus". Sie stellte ihn aber zufrieden, und so gings das anderemal und das drittemal. Wie der junge Mensch die drei Federn hatte, zog er damit heim und bekam nun seine Braut.[350]

76. Die Nelke.

Auf eine Zeit lebte ein König, der wollte sich niemals verheirathen, da stand er einmal[350] am Fenster, und sahe die Leute in die Kirche gehen, da war ein Mädchen darunter von solcher Schönheit, daß er in einem Augenblick seinen Vorsatz aufgab, das Mädchen zu sich rief, und es zu seiner Gemahlin wählte. Nach Verlauf eines Jahrs gebar sie einen Prinzen, da wußte der König nicht, wen er zu Gevatter bitten sollte, endlich sagte er: "der erste, der mir begegnet, wer es ist, den bitte ich zu Gevatter;" ging aus, und der erste, der ihm begegnete, das war ein armer alter Mann, den bat er auch darauf zu Gevatter. Der arme Mann sagte zu, bat sich aber aus, daß er das Kind allein in die Kirche trage, daß diese verschlossen werde und niemand zusehen dürfe; das ward ihm alles bewilligt. Der König aber hatte einen bösen, neugierigen Gärtner, wie nun der alte Mann das Kind in die Kirche trug, schlich er sich nach und versteckte sich in den Bänken. Da sah er, wie der Alte das Kind vor den Altar trug, es segnete, und wie einer, der geheime Kräfte versteht, ihm die Gabe verlieh, daß alles, was es sich wünsche, eintreffen solle. Der böse Gärtner dachte gleich, welch' einen Vortheil er sich daraus verschaffen könnte, wenn er das Kind hätte. Wie nun einmal die Königin in dem Garten spazieren ging, und es auf dem Arme trug, riß er es weg, bestrich ihr den Mund mit Blut eines geschlachteten Huhns,[351] und klagte sie bei dem König an: er habe gesehen, wie sie ihr Kind in dem Garten getödtet und aufgegessen. Der König ließ sie ins Gefängniß werfen, der Gärtner schickte das Kind weit weg zu einem Förster in den Wald, der sollte es da groß ziehen. Der Prinz lernte die Jägerei; der Förster aber hatte eine schöne Tochter, Namens Lise, die zwei Kinder hatten einander sehr lieb, und Lise entdeckte ihm, daß er ein Prinz sey, und alles was er wünsche, das müsse eintreffen. Da kam bald darauf der Gärtner zu dem Förster, wie ihn der Prinz sah, verwünschte er ihn gleich in einen Pudel, seine liebe Lise aber in eine Nelke, die steckte er vor, der Pudel aber mußte neben ihm her laufen: so ging er an seines Vaters Hof, und nahm als Jäger bei ihm Dienste. Er ward auch bald bei ihm beliebt, wie keiner von den andern Jägern, weil er alles Wild schießen konnte, denn er brauchte nur zu wünschen, so kam es vor ihn hingelaufen. Für alle Dienste verlangte er gar keinen Lohn, bloß eine Stube für sich, die er immer verschlossen hielt, auch wollte er für sein Essen selber sorgen. Das kam seinen Cameraden wunderlich vor, daß der umsonst diene, und einer schlich ihm nach und guckte durchs Schlüsselloch, da sah er, wie der neue Jäger vor einem Tisch saß mit dem prächtigsten Essen besetzt, und neben ihm ein schönes[352]

Mädchen, und daß beide sehr freundlich und vergnügt miteinander waren. Das Essen aber hatte sich der Prinz nur auf den Tisch gewünscht, und das Mädchen war seine liebe Lise, die verwandelte er allezeit in ihre natürliche Gestalt, und war in ihrer Gesellschaft, so oft er allein war, wenn er aber ausging, war es wieder eine Nelke, die in einem Glas mit Wasser stand. Die Jäger meinten, er müsse große Reichthümer haben, und brachen, als er auf der Jagd war, in seine Stube ein, da fanden sie aber gar nichts, nur die Nelke vorm Fenster. Weil sie so schön war, brachten sie diese zum König, der trug auch einen so großen Gefallen daran, daß er sie von dem Jäger verlangte. Der wollte sie aber um alles Gold nicht hingeben, weil es seine liebste Lise war, endlich, wie der König darauf bestand, entdeckte er ihm alles, und daß er sein Sohn wäre. Wie der König das hörte, freute er sich von Herzen, die Königin ward aus dem Gefängniß befreit, und die treue Lise des Prinzen Gemahlin; der gottlose Gärtner mußte zur Strafe ein Pudel bleiben, und ward von den Knechten unter den Tisch gestoßen.[353]

77. Vom Schreiner und Drechsler.

Ein Schreiner und ein Drechsler sollten ihr Meisterstück machen. Da machte der Schreiner einen Tisch, der konnte von sich selbst schwimmen, der Drechsler Flügel, mit denen man fliegen konnte. Und alle sagten, daß dem Schreiner sein Kunststück besser gelungen wäre, der Drechsler nahm also seine Flügel, that sie an und flog fort aus dem Land, von Morgen bis zu Abend in einem fort.

In dem Land war ein junger Prinz, der sah ihn fliegen, und bat ihn, er möchte ihm doch seine paar Flügel leihen, er wollts ihm gut lohnen. Der Prinz bekam also die Flügel und flog, bis er in ein anderes Reich kam, da war ein Thurm mit vielen Lichtern erleuchtet, dabei senkte er sich nieder zur Erde, fragte nach der Ursache und hörte, daß hier die allerschönste Prinzessin der Welt wohnte. Nun wurde er höchst neugierig, und als es Abend wurde, flog er in ein offenes Fenster hinein; wie sie aber nicht lange Zeit beisammen waren, wurde die Sache verrathen, und der Prinz sammt der Prinzessin sollten auf dem Scheiterhaufen sterben.

Der Prinz nahm indessen seine Flügel mit hinauf, und als die Flamme schon zu ihnen[354] heraufschlug, band er sich die Flügel um und entfloh mit der Prinzessin bis in sein Vaterland, da ließ er sich nieder, und weil jedermann über seine Abwesenheit betrübt war, so gab er sich zu erkennen, und wurde zum König erwählt.

Nach einiger Zeit aber ließ der Vater der entführten Prinzessin bekannt

machen, daß derjenige das halbe Königreich bekommen sollte, der ihm seine Tochter wiederbringe. Dies erfährt der Prinz, rüstet ein Heer aus und bringt die Prinzessin selbst ihrem Vater zu, den er zwingt, ihm sein Versprechen zu erfüllen.[355]

78. Der alte Großvater und der Enkel.

Es war einmal ein alter Mann, der konnte kaum gehen, seine Knie zitterten, er hörte und sah nicht viel und hatte auch keine Zähne mehr. Wenn er nun bei Tisch saß, und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen, und noch dazu nicht einmal satt, da sah er betrübt nach dem Tisch,[355] und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er aber sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen: wie sie nun da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. "Was machst du da?" fragt der Vater. "Ei, antwortete das Kind, ich mach ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin". Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fangen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch, und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.[356]

79. Die Wassernix.

Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da war eine Wassernix, die sprach: "jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten!" und dem Mädchen gab sie verwirrten, garstigen Flachs zu spinnen, und Wasser mußte es in ein hohles Faß schleppen, der Jung aber sollte einen Baum mit[356] einer stumpfen Axt hauen, und nichts zu essen bekamen sie, als steinharte Klöse. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig, daß sie warteten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirche war, da flohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nix, daß die Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg, mit tausend

und tausend Stacheln, über den die Nix mit großer Müh klettern mußte, endlich aber kam sie doch darüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen Kammberg, mit tausend mal tausend Zinken, aber die Nix wußte sich daran festzuhalten, und kam zuletzt doch drüber. Da warf das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, daß sie unmöglich drüber konnte. Da dachte sie: ich will geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen, und den Spiegelberg entzwei hauen, bis sie aber wieder kam, und das Glas aufgehauen hatte, waren die Kinder längst weit entflohen, und die Wassernix mußte sich wieder in ihren Brunnen trollen.[357]

80. Von dem Tod des Hühnchens.

Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nußberg, waren da lustig und aßen Nüsse zusammen. Einmal aber fand das Hühnchen eine so große Nuß, daß es den Kern davon nicht verschlucken konnte, und blieb ihm im Hals stecken, so fest, daß ihm Angst ward, es müßte ersticken und schrie: "Hähnchen, ich bitt dich, lauf, was du kannst und hol mir Wasser, sonst ersticke ich". Das Hähnchen lief, was es konnte zum Brunnen, und sprach: "Born, du sollst mir Wasser geben, das Hühnchen liegt auf den Nußberg und will ersticken an einem großen Nußkern". Der Brunnen antwortete: "lauf erst hin zur Braut und laß dir rothe Seide geben". Das Hähnchen lief zur Braut: "Braut, du sollst mir rothe Seide geben, rothe Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nußberg und will ersticken an einem großen Nußkern". Die Braut antwortete: "lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen". Da lief das Hähnchen zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast, und bracht es der Braut[358] und die Braut gab ihm rothe Seide dafür, die bracht es dem Brunnen, der gab ihm Wasser dafür, da bracht das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen, wie es aber hinkam, da war dieweil das Hühnchen erstickt und lag da todt, und regte sich nicht. Da war das Hähnchen so traurig, daß es laut schrie, und kamen alle Thiere und beklagten das Hühnchen, und sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zum Grab zu fahren, und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor, das Hähnchen aber fuhr. Auf dem Weg aber kam Fuchs: "wo willst du hin, Hähnchen?" - "Ich will mein Hühnchen begraben". - "Darf ich mitfahren?"

"Ja aber setz dich hinten auf den Wagen,

vorne könnens meine Pferdchen nicht vertragen."

Da setzte sich der Fuchs hinten auf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Thiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach. "Wie sollen wir nun hinüber?" sagte das Hähnchen. Da war ein Strohhalm, der sagte: "ich will mich queer drüber legen, da könnt ihr über mich fahren;" wie aber die sechs Mäuse darauf waren, rutschte der Strohhalm und fiel ins Wasser, und die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken. Die Noth ging von neuem an, da kam eine[359] Kohle und sagte: "ich bin groß genug, ich will mich darüber legen, und Ihr sollt über mich fahren". Die Kohle legte sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicher Weise ein wenig, da zischte sie, verlöschte und war todt. Wie das ein Stein sah, wollte er dem Hähnchen helfen, und legte sich über das Wasser, da zog nun das Hähnchen den Wagen selber, wie es ihn aber bald drüben hatte, und war mit dem todten Hühnchen auf dem Land und wollte die andern, die hintenauf saßen auch heraufziehen, da waren ihrer zu viel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander in das Wasser und ertrank. Da war das Hähnchen noch allein mit dem todten Hühnchen, und grub ihm da ein Grab, und legte es hinein, und machte einen Hügel darüber, auf den setzte es sich und grämte sich so lang, bis es auch starb; und da war alles todt.[360]

81. Der Schmidt und der Teufel.

Es war einmal ein Schmidt, der lebte guter Dinge, verthat sein Geld, processirte viel und wie ein paar Jahr herum waren, hatte er keinen Heller mehr im Beutel. Was soll ich mich lang quälen auf der Welt, dachte er, ging hinaus in den Wald und wollt' sich da an einen[360] Baum hängen. Wie er eben den Hals in die Schlinge steckte, kam ein Mann hinter dem Baum hervor mit einem langen weißen Bart und einem großen Buch in der Hand. "Hör Schmidt, sprach er, schreib deinen Namen da in das große Buch, so soll dirs wohlgehen zehn Jahre lang, aber darnach bist du mein, da hol ich Dich". - "Wer bist du?" sprach der Schmid - "Ich bin der Teufel". - "Was kannst du" - "Ich kann mich so groß machen als eine Tanne, und so klein als eine Maus" - "So thus einmal, daß ichs sehe", sagte der Schmid, da machte sich der Teufel so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus. "Es ist gut sprach der Schmid, gib das Buch her, ich will mich hineinschreiben" - Als er sich unterschrieben sagte der Teufel: Geh nur nach Haus, du wirst Kisten und Kasten voll finden, und weil du keine lange Umstände gemacht hast, so will ich dich auch in der Zeit einmal besuchen. Der Schmid ging heim, da waren alle Taschen, Kasten und Kisten voll Ducaten, und er mogte soviel davon

nehmen als er wollte, es ward nicht all, und auch nicht weniger; da fing er sein lustiges Leben von vorne an, lud seine Kameraden ein, und war der vergnügteste Kerl von der Welt. Ein paar Jahre darauf sprach der Teufel einmal bei ihm ein, als er verheißen, sah zu wie die Wirthschaft ging, und[361] schenkte ihm beim Abschied einen ledernen Sack, wer da hinein sprang, der konnte nicht wieder heraus, bis ihn der Schmid selber wieder heraus holte; damit trieb dieser seinen Spaß. Nach den zehn Jahren aber kam der Teufel und sprach zum Schmidt "die Zeit ist herum, jetzt bist du mein, mach dich reisefertig". "Es ist gut", sprach der Schmidt, hing seinen ledernen Sack um den Rücken und ging mit dem Teufel fort; als sie in den Wald kamen, zu der Stelle wo er sich aufhängen wollte, sprach er zum Teufel: "ich muß auch gewiß wissen, daß du der Teufel bist, mach dich erst wieder so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus". Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus. Endlich sagte der Schmid ich will dich loslassen, wenn du mir das Blatt aus deinem großen Buch wieder giebst, auf das ich meinen Namen geschrieben. Der Teufel wollte nicht, doch endlich mußt' er daran, da ward das Blatt herausgerissen und der Teufel ging heim in die Hölle, ärgerte sich, daß er betrogen und obendrein geprügelt war.[362]

Der Schmid ging auch wieder zu seiner Schmiede und lebte vergnügt fort, so lang Gott wollte, endlich ward er krank und als er seinen Tod merkte, befahl er, man sollte ihm nur zwei gute, lange, spitze Nägel und einen Hammer mit in den Sarg geben. Das geschah auch. Wie er nun gestorben war und vor die Himmelsthür kam, klopfte er an, aber der Apostel Petrus wollt ihm nicht aufschließen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt hätte. Wie der Schmidt das hörte, dreht er sich um und ging zur Hölle. Der Teufel aber wollt ihn auch nicht einlassen, er begehre ihn nicht in der Hölle, da fange er doch nur Spectakel an. Der Schmidt ward bös und hub an vor dem Höllenthor Lärmen zu machen, ein Teufelchen ward neugierig und wollte sehen, was der Schmidt treibe, also machte es ein wenig das Thor auf, guckte heraus, der Schmid aber packte es geschwind bei der Nase und nagelte es an dieser mit dem einen Nagel, den er bei sich hatte, an das Höllenthor fest. Das Teufelchen fing an zu kreischen wie ein Krautlöwe, da ward noch ein anderes an das Thor gelockt, das steckte auch den Kopf heraus, aber der Schmid war nicht faul, kriegte es am Ohr und nagelte es mit diesem neben das erste. Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte

Teufel selber gelaufen kam, und wie er die[363] zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmid in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle. Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmid in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht.[364]

82. Die drei Schwestern.

Es war einmal ein reicher König, der war so reich, daß er glaubte sein Reichthum könne gar nicht all werden, da lebte er in Saus und Braus, spielte auf goldenem Brett und mit silbernen Kegeln, und als das eine Zeit lang gewährt hatte, da nahm sein Reichthum ab und darnach verpfändete er eine Stadt und ein Schloß nach dem andern, und endlich blieb nichts mehr übrig, als ein altes Waldschloß. Dahin zog er nun mit der Königin und den drei Prinzessinnen und sie mußten sich kümmerlich erhalten und hatten nichts mehr als Kartoffeln, die kamen alle Tage auf den Tisch. Einmal wollte[364] der König auf die Jagd, ob er etwa einen Hasen schießen könnte, steckte sich also die Tasche voll Kartoffeln und ging aus. Es war aber in der Nähe ein großer Wald, in den wagte sich kein Mensch, weil fürchterliche Dinge erzählt wurden, was einem all darin begegne: Bären, die die Menschen auffräßen, Adler die die Augen aushackten, Wölfe, Löwen und alle grausamen Thiere. Der König aber fürchtete sich kein bischen und ging geradezu hinein. Anfangs sah er gar nichts, große mächtige Bäume standen da, aber es war alles still darunter; als er so eine Weile herumgegangen und hungrig geworden war, setzte er sich unter einen Baum und wollte seine Kartoffeln essen, da kam auf einmal aus dem Dickicht ein Bär hervor, trabte gerade auf ihn los und brummte: "was unterstehst du dich bei meinem Honigbaum zu sitzen? das sollst du mir theuer bezahlen!" der König erschrack, reichte dem Bären seine Kartoffeln, und wollte ihn damit besänftigen. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte "deine Kartoffeln, mag ich nicht, ich will dich selber fressen und davon kannst du dich nicht anders erretten, als daß du mir deine ältste Tochter giebst, wenn du das aber thust, geb ich dir noch obendrein einen Centner Gold". Der König in der Angst gefressen zu werden, sagte, die sollst du haben, laß mich nur in Frieden. Da wies ihm[365] der Bär den Weg, und brummte noch hintendrein: "in sieben Tagen komm ich und hol meine Braut."

Der König aber ging getrost nach Haus und dachte, der Bär wird doch nicht durch ein Schlüsselloch kriechen können, und weiter soll gewiß nichts offen bleiben. Da ließ er alle Thore verschließen, die Zugbrücken aufziehen, und hieß seine Tochter gutes Muths seyn, damit sie aber recht sicher vor dem Bärenbräutigam war, gab er ihr ein Kämmerlein hoch unter der Zinne, darin sollte sie versteckt bleiben, bis die sieben Tage herum wären. Am siebenten Morgen aber ganz früh, wie noch alles schlief, kam ein prächtiger Wagen mit sechs Pferden bespannt und von vielen goldgekleideten Reutern umringt nach dem Schloß gefahren, und wie er davor war, ließen sich die Zugbrücken von selber herab und die Schlösser sprangen ohne Schlüssel auf. Da fuhr der Wagen in den Hof und ein junger schöner Prinz stieg heraus, und wie der König von dem Lärm aufwachte und zum Fenster hinaus sah, sah er, wie der Prinz schon seine älteste Tochter oben aus dem verschlossenen Kämmerlein geholt und eben in den Wagen hob, und er konnte ihr nur noch nachrufen:

"Ade! du Fräulein traut,

Fahr hin, du Bärenbraut!"[366]

Sie winkte ihm mit ihrem weißen Tüchlein noch aus dem Wagen, und dann gings fort, als wär der Wind vorgespannt, immer in den Zauberwald hinein. Dem König aber wars recht schwer ums Herz, daß er seine Tochter an einen Bären hingegeben hatte, und weinte drei Tage mit der Königin, so traurig war er. Am vierten Tag aber als er sich ausgeweint hatte, dachte er, was geschehen, ist einmal nicht zu ändern, stieg hinab in den Hof, da stand eine Kiste von Ebenholz und war gewaltig schwer zu heben, alsbald fiel ihm ein, was ihm der Bär versprochen hatte, und machte sie auf, da lag ein Centner Goldes darin und glimmerte und flimmerte.

Wie der König das Gold erblickte, ward er getröstet und löste seine Städte und sein Reich ein, und fing das vorige Wohlleben von vorne an. Das dauerte so lang als der Centner Gold dauerte, darnach mußte er wieder alles verpfänden und auf das Waldschloß zurückziehen und Kartoffeln essen. Der König hatte noch einen Falken, den nahm er eines Tags mit hinaus auf das Feld und wollte mit ihm jagen, damit er etwas Besseres zu essen hätte. Der Falk stieg auf, und flog nach dem dunkeln Zauberwald zu, in den sich der König nicht mehr getraute, kaum aber war er dort, so schoß ein Adler hervor und verfolgte den Falken, der[367] zum König floh. Der König wollte mit seinem Spieß den Adler abhalten, der Adler aber packte den Spieß und zerbrach ihn wie ein Schilfrohr, dann zerdrückte er den Falken mit einer Kralle, die andern aber hackte er dem König in die Schulter und rief: "warum störst du mein Luftreich,

dafür sollst du sterben oder du giebst mir deine zweite Tochter zur Frau!" der König sagte: "ja die sollst du haben, aber was giebst du mir dafür?" - "Zwei Centner Gold sprach der Adler, und in sieben Wochen komm ich, und hol sie ab;" dann ließ er ihn los und flog fort in den Wald.

Der König war betrübt, daß er seine zweite Tochter auch einem wilden Thiere verkauft hatte und getraute sich nicht ihr etwas davon zu sagen. Sechs Wochen waren herum, in der siebenten ging die Prinzessin hinaus auf einen Rasenplatz vor der Burg und wollte ihre Leinwand begießen, da kam auf einmal ein prächtiger Zug von schönen Rittern und zuvorderst ritt der allerschönste, der sprang ab und rief:

"schwing, schwing dich auf, du Fräulein traut,

komm mit, du schöne Adlerbraut!"

und eh sie ihm antworten konnte, hatte er sie schon aufs Roß gehoben und jagte mit ihr in den Wald hinein als flög ein Vogel: Ade! Ade!!

In der Burg warteten sie lang auf die[368] Prinzessin aber die kam nicht und kam nicht, da entdeckte der König endlich daß er einmal in der Noth sie einem Adler versprochen und der werde sie geholt haben. Als aber bei dem König die Traurigkeit ein wenig herum war, fiel ihm das Versprechen des Adlers ein und er ging hinab, und fand auf dem Rasen zwei goldne Eier, jedes einen Centner schwer. Wer Gold hat, ist fromm genug, dachte er, und schlug sich alle schwere Gedanken aus dem Sinn! Da fing das lustige Leben von neuem an, und währte so lang, bis die zwei Centner Gold auch durchgebracht waren, dann kehrte der König wieder ins Waldschloß zurück, und die Prinzessin, die noch übrig war, mußte die Kartoffeln sieden.

Der König wollte keine Hasen im Wald und keine Vögel in der Luft mehr jagen, aber einen Fisch härt er gern gegessen. Da mußte die Prinzessin ein Netz stricken, damit ging er zu einem Teich, der nicht weit von dem Wald lag. Weil ein Nachen darauf war, setzte er sich ein, und warf das Netz, da fing er auf einen Zug eine Menge schöner rothgefleckter Forelien. Wie er aber damit ans Land wollte, stand der Nachen fest und er konnte ihn nicht los kriegen, er mochte sich stellen wie er wollte. Da kam auf einmal ein gewaltiger Wallfisch daher geschnaubt: "was fängst du mir meine Unterthanen weg, das soll dir dein Leben kosten". Dabei[369] sperrte er seinen Rachen auf, als wollte er den König sammt dem Nachen verschlingen. Wie der König den entsetzlichen Rachen sah, verlor er allen Muth, da fiel ihm seine dritte Tochter ein und er rief: "schenk mir das Leben und du sollst meine jüngste Tochter haben" - "Meintwegen brummte der Wallfisch, ich will dir auch etwas dafür geben; Gold hab ich nicht, das ist mir zu schlecht, aber der Grund meines Sees

ist mit Zahlperlen gepflastert, davon will ich dir drei Säcke voll geben: im siebenten Mond komm ich und hol meine Braut". Dann tauchte er unter.

Der König trieb nun ans Land und brachte seine Forellen heim, aber als sie gebacken waren, wollt' er keine davon essen, und wenn er seine Tochter ansah, die einzige die ihm noch übrig war und die schönste und liebste von allen, wars ihm, als zerschnitten tausend Messer sein Herz. So gingen sechs Monat herum, die Königin und die Prinzessin wußten nicht, was dem König fehle, der in all der Zeit keine vergnügte Miene machte. In siebenten Mond stand die Prinzessin gerade im Hof vor einem Röhrbrunnen und ließ ein Glas voll laufen, da kam ein Wagen mit sechs weißen Pferden und ganz silbernen Leuten angefahren, und aus dem Wagen stieg ein Prinz, so schön, daß sie ihr Lebtag keinen schönern gesehen hatte, und bat sie um ein Glas Wasser. Und wie sie ihm das reichte, das[370] sie in der Hand hielt, umfaßte er sie und hob sie in den Wagen, und dann gings wieder zum Thor hinaus, über das Feld nach dem Teich zu.

Ade, du Fräulein traut,

fahr hin, du schöne Wallfischbraut!

Die Königin stand am Fenster und sah den Wagen noch in der Ferne, und als sie ihre Tochter nicht sah, fiels ihr schwer aufs Herz, und sie rief und suchte nach ihr allenthalben; sie war aber nirgends zu hören und zu sehen. Da war es gewiß und sie fing an zu weinen und der König entdeckte ihr nun: ein Wallfisch werde sie geholt haben, dem hab' er sie versprechen müssen, und darum wäre er immer so traurig gewesen; er wollte sie auch trösten, und sagte ihr von dem großen Reichthum, den sie dafür bekommen würden, die Königin wollt aber nichts davon wissen und sprach, ihr einziges Kind sey ihr lieber gewesen, als alle Schätze der Welt. Während der Wallfischprinz die Prinzessin geraubt, hatten seine Diener drei mächtige Säcke in das Schloß getragen, die fand der König an der Thür stehen, und als er sie aufmachte, waren sie voll schöner großer Zahlperlen, so groß, wie die dicksten Erbsen. Da war er auf einmal wieder reich und reicher, als er je gewesen; er löste seine Städte und Schlößer ein, aber das Wohlleben fing er nicht wieder an, sondern war[371] still und sparsam und wenn er daran dachte, wie es seinen drei lieben Töchtern bei den wilden Thieren ergehen mögte, die sie vielleicht schon aufgefressen hätten, verging ihm alle Lust.

Die Königin aber wollt sich gar nicht trösten lassen und weinte mehr Thränen um ihre Tochter, als der Wallfisch Perlen dafür gegeben hatte. Endlich wards ein wenig stiller, und nach einiger Zeit ward sie wieder

ganz vergnügt, denn sie brachte einen schönen Knaben zur Welt und weil Gott das Kind so unerwartet geschenkt hatte, ward es Reinald, das Wunderkind, genannt. Der Knabe ward groß und stark, und die Königin erzählte ihm oft von seinen drei Schwestern, die in dem Zauberwald von drei Thieren gefangen gehalten würden. Als er sechszehn Jahr alt war verlangte er von dem König Rüstung und Schwert, und als er es nun erhalten, wollte er auf Abentheuer ausgehen, gesegnete seine Eltern, und zog fort.

Er zog aber geradezu nach dem Zauberwald und hatte nichts anders im Sinn als seine Schwestern zu suchen. Anfangs irrte er lange in dem großen Walde herum, ohne einem Menschen oder einem Thiere zu begegnen. Nach drei Tagen aber sah er vor einer Höhle eine junge Frau sitzen und mit einem jungen Bären spielen: einen andern, ganz jungen, hatte sie auf ihrem Schooß liegen: Reinald dachte, das[372] ist gewiß meine ältste Schwester, ließ sein Pferd zurück, und ging auf sie zu: "liebste Schwester, ich bin dein Bruder Reinald und bin gekommen dich zu besuchen". Die Prinzessin sah ihn an, und da er ganz ihrem Vater glich, zweifelte sie nicht an seinen Worten erschrack und sprach: "ach liebster Bruder, eil und lauf fort, was du kannst, wenn dir dein Leben lieb ist, kommt mein Mann, der Bär, nach Haus und findet dich, so frißt er dich ohne Barmherzigkeit". Reinald aber sprach: ich fürchte mich nicht und weiche auch nicht von dir, bis ich weiß, wie es um dich steht. Wie die Prinzessin sah, daß er nicht zu bewegen war, führte sie ihn in ihre Höle, die war finster und wie eine Bärenwohnung; auf der einen Seite lag ein Haufen Laub und Heu, worauf der Alte und seine Jungen schliefen, aber auf der andern Seite stand ein prächtiges Bett, von rothem Zeug mit Gold, das gehörte der Prinzessin. Unter das Bett hieß sie ihn kriechen, und reichte ihm etwas hinunter zu essen. Es dauerte nicht lang so kam der Bär nach Haus: "ich wittre, wittre Menschenfleisch" und wollte seinen dicken Kopf unter das Bett stecken. Die Prinzessin aber rief: "sey ruhig, wer soll hier hinein kommen!" "Ich hab ein Pferd im Wald gefunden und gefressen" brummte er, und hatte noch eine blutige Schnauze davon, "dazu gehört ein Mensch und den[373] riech ich" und wollte wieder unter das Bett. Da gab sie ihm einen Fußtritt in den Leib, daß er einen Burzelbaum machte, auf sein Lager ging, die Tatze ins Maul nahm und einschlief.

Alle sieben Tage war der Bär in seiner natürlichen Gestalt und ein schöner Prinz, und seine Höhle ein prächtiges Schloß und die Thiere im Wald, waren seine Diener. An einem solchen Tage hatte er die Prinzessin abgeholt; schöne junge Frauen kamen ihr vor dem Schloß entgegen, es war ein herrliches Fest und sie schlief in Freuden ein, aber als sie

erwachte, lag sie in einer dunkeln Bärenhöle und ihr Gemahl war ein Bär geworden und brummte zu ihren Füßen, nur das Bett und alles was sie angerührt hatte, blieb in seinem natürlichen Zustand unverwandelt. So lebte sie sechs Tage in Leid aber am siebenten ward sie getröstet, und da sie nicht alt ward und nur der eine Tag ihr zugerechnet wurde, so war sie zufrieden mit ihrem Leben. Sie hatte ihrem Gemahl zwei Prinzen geboren, die waren auch sechs Tage lang Bären und am siebenten in menschlicher Gestalt. Sie steckte sich jedesmal ihr Bettstroh voll von den köstlichsten Speisen Kuchen und Früchten, davon lebte sie die ganze Woche, und der Bär war ihr auch gehorsam und that, was sie wollte.[374]

Als Reinald erwachte, lag er in einem seidenen Bett, Diener kamen ihm aufzuwarten und ihm die reichsten Kleider anzuthun, denn es war gerade der siebente Tag eingefallen. Seine Schwester mit zwei schönen Prinzen und sein Schwager Bär traten ein, und freuten sich seiner Ankunft. Da war alles in Pracht und Herrlichkeit und der ganze Tag voll Lust und Freude; am Abend aber sagte die Prinzessin: "lieber Bruder, nun mach daß du fort kommst, mit Tages Anbruch nimmt mein Gemahl wieder Bärengestalt an, und findet er dich morgen noch hier, kann er seiner Natur nicht widerstehen und frißt dich auf". Da kam der Prinz Bär und gab ihm drei Bärenhaare, und sagte; "wenn du in Noth bist so reib daran, und ich will dir zu Hülfe kommen". Darauf küßten sie sich und nahmen Abschied, und Reinald stieg in einen Wagen mit sechs Rappen bespannt und fuhr fort. So gings über Stock und Stein, Berg auf, Berg ab, durch Wüsten und Wälder, Horst und Hecke, ohne Ruh und Rast, bis gegen Morgen, als der Himmel anfing grau zu werden, da lag Reinald auf einmal auf der Erde und Roß und Wagen war verschwunden, und beim Morgenroth erblickte er sechs Ameisen, die galloppirten dahin und zogen eine Nußschale.

Reinald sah daß er noch in dem Zauberwald war, und wollte seine zweite Schwester[375] suchen. Wieder drei Tage irrte er umsonst in der Einsamkeit, am vierten aber hörte er einen großen Adler daher rauschen, der sich auf ein Nest niederließ. Reinald stellte sich ins Gebüsch und wartete bis er wieder wegflog, nach sieben Stunden hob er sich auch wieder in die Höhe. Da kam Reinald hervor, trat vor den Baum und rief: "liebste Schwester bist du droben, so laß mich deine Stimme hören, ich bin Reinald dein Bruder, und bin gekommen dich zu besuchen!" Da hörte er es herunter rufen, "bist du Reinald mein liebster Bruder, den ich noch nicht gesehen habe, so komm herauf zu mir". Reinald wollte hinauf klettern aber der Stamm war zu dick und glatt, dreimal versuchte ers, aber umsonst, da fiel eine seidene Strickleiter hinab, auf der stieg er

bald zu dem Adlernest, das war stark und fest, wie eine Altane auf einer Linde. Seine Schwester saß unter einem Thronhimmel von rosenfarbener Seide und auf ihrem Schooß lag ein Adlerei, das hielt sie warm und wollt es ausbrüten. Sie küßten sich und freuten sich, aber nach einer Weile sprach die Prinzessin: "nun eil, liebster Bruder, daß du fort kommst, sieht dich der Adler, mein Gemahl, so hackt er dir die Augen aus und frißt dir das Herz ab, wie er dreien deiner Diener gethan, die dich im Walde suchten". Reinald sagte, "nein ich bleibe hier,[376] bis dein Gemahl verwandelt wird" - "Das geschieht erst in sechs Wochen, doch wenn du es aushalten kannst, steck dich in den Baum, der inwendig hohl ist, ich will dir alle Tage Essen hinunter reichen. Reinald kroch in den Baum, die Prinzessin ließ ihm alle Tage Essen hinunter, und wenn der Adler wegflog, kam er herauf zu ihr. Nach sechs Wochen geschah die Umwandlung, da erwachte Reinald wieder in einem Bett, wie bei seinem Schwager Bär, nur daß alles noch prächtiger war, und er lebte sieben Tage bei dem Adlerprinz in aller Freude. Am siebenten Abend nahmen sie Abschied, der Adler gab ihm drei Adlerfedern und sprach: wenn du in Noth bist, so reib daran, und ich will dir zu Hülfe kommen". Dann gab er ihm Diener mit, ihm den Weg zu zeigen, als aber der Morgen kam, waren sie auf einmal fort, und Reinald in einer furchtbaren Wildniß auf einer hohen Felsenwand allein.

Reinald blickte um sich her, da sah er in der Ferne den Spiegel einer großen See, auf dem eben die ersten Sonnenstrahlen glänzten. Er dachte an seine dritte Schwester, und daß sie dort seyn werde. Da fing er an hinabzusteigen, und arbeitete sich durch die Büsche und zwischen den Felsen durch; drei Tage verbrachte er damit, und verlor oft den See aus den Augen, aber am vierten Morgen gelangte er[377] hin. Er stellte sich an das Ufer und rief: "liebste Schwester bist du darin, so laß mich deine Stimme hören, ich bin Reinald dein Bruder und bin gekommen dich zu besuchen;" aber es antwortete niemand, und war alles ganz still. Er bröselte Brotkrumen ins Wasser und sprach zu den Fischen: "ihr lieben Fische, geht hin zu meiner Schwester und sagt ihr, daß Reinald das Wunderkind da ist und zu ihr will". Aber die rothgefleckten Forellen schnappten das Brot auf, und hörten nicht auf seine Worte. Da sah er einen Nachen, alsbald warf er seine Rüstung ab, und behielt nur sein blankes Schwert in der Hand, sprang in das Schiff und ruderte fort. So war er lang geschwommen, als er einen Schornstein von Bergkristall über dem Wasser ragen sah, aus dem ein angenehmer Geruch hervor stieg. Reinald ruderte darauf hin und dachte, da unten wohnt gewiß meine Schwester, dann setzte er sich in den Schornstein und rutschte hinab. Die Prinzessin erschrak recht als sie auf einmal ein paar

Menschenbeine im Schornstein zappeln sah, bald kam ein ganzer Mann herunter, und gab sich als ihren Bruder zu erkennen. Da freute sie sich von Herzen, dann aber ward sie betrübt und sagte: "der Wallfisch, hat gehört, daß du mich aufsuchen willst, und hat geklagt, wenn du kämst und er sey Wallfisch, könne er seine Begierde dich zu fressen[378] nicht widerstehen, und würde mein kristallenes Haus zerbrechen, und dann würde ich auch in den Wasserfluten umkommen". - "Kannst du mich nicht so lang verbergen, bis die Zeit kommt wo der Zauber vorbei ist". - "Ach nein wie sollte das gehen, siehst du nicht die Wände sind alle von Kristall und ganz durchsichtig", doch sann sie und sann, endlich fiel ihr die Holzkammer ein, da legte sie das Holz so künstlich daß von außen nichts zu sehen war und dahinein versteckte sie das Wunderkind. Bald darauf kam der Wallfisch und die Prinzessin zitterte wie Espenlaub, er schwamm ein paarmal um das Kristallhaus und als er ein Stückchen von Reinalds Kleid aus dem Holz hervorgucken sah, schlug er mit dem Schwanz, schnaubte gewaltig und wenn er mehr gesehen, hätte er gewiß das Haus eingeschlagen. Jeden Tag kam er einmal und schwamm darum, bis endlich im siebenten Monat der Zauber aufhörte. Da befand sich Reinald in einem Schloß, das an Pracht gar des Adlers seines übertraf, und mitten auf einer schönen Insel stand; nun lebte er er einen ganzen Monat mit seiner Schwester und Schwager in aller Lust, als der aber zu Ende war, gab ihm der Wallfisch drei Schuppen und sprach: "wenn du in Noth bist, so reib daran und ich will dir zu Hülfe kommen" und ließ[379] ihn wieder ans Ufer fahren, wo er noch seine Rüstung fand.

Das Wunderkind zog darauf sieben Tage in der Wildniß weiter und sieben Nächte schlief es unter freiem Himmel, da erblickte es ein Schloß mit einem Stahlthor und einem mächtigen Schloß daran. Vorn aber ging ein schwarzer Stier mit funkelnden Augen und bewachte den Eingang. Reinald ging auf ihn los und gab ihm auf den Hals einen gewaltigen Streich aber der Hals war von Stahl und das Schwert zerbrach darauf, als wäre es Glas. Er wollte seine Lanze brauchen, aber die zerknickte wie ein Strohhalm und der Stier faßte ihn mit den Hörnern und warf ihn in die Luft, daß er auf den Aesten eines Baums hängen blieb. Da besann sich Reinald in der Noth auf die drei Bärenhaare, rieb sie in der Hand und in dem Augenblick kam ein Bär daher getrabt, kämpfte mit dem Stier und zerriß ihn. Aber aus dem Bauch des Stiers flog ein Entvogel in die Höhe und eilig weiter; da rieb Reinald die drei Adlerfedern, alsbald kam ein mächtiger Adler durch die Luft und verfolgte den Vogel, der gerade nach einem Weiher floh, schoß auf ihn herab, und zerfleischte ihn; aber Reinald hatte gesehen, wie er noch ein goldnes Ei hatte ins Wasser fallen lassen. Da rieb er die drei Fischschuppen in der Hand, gleich kam ein

Wallfisch[380] geschwommen, verschluckte das Ei und spie es ans Land. Reinald nahm es und schlug es mit einem Stein auf, da lag ein kleiner Schlüssel darin, und das war der Schlüssel, der die Stahlthür öffnete. Und wie er sie nur damit berührte, sprang sie von selber auf, und er trat ein, und vor den andern Thüren schoben sich die Riegel von selber zurück, und durch ihrer sieben trat er in sieben prächtige hellerleuchtete Kammern, und in der letzten Kammer lag eine Jungfrau auf einem Bett und schlief. Die Jungfrau war aber so schön, daß er ganz geblendet davon ward, er wollte sie aufwecken, das war aber vergebens, sie schlief so fest als wäre sie tod. Da schlug er vor Zorn auf eine schwarze Tafel, die neben dem Bett stand; in dem Augenblick erwachte die Jungfrau, fiel aber gleich wieder in den Schlaf zurück, da nahm er die Tafel und warf sie auf den steinernen Boden, daß sie in tausend Stücken zersprang. Kaum war das geschehen, so schlug die Jungfrau die Augen hell auf, und der Zauber war gelöst. Sie war aber die Schwester von den drei Schwägern Reinalds, und weil sie einem gottlosen Zauberer ihre Liebe versagt, hatte er sie in den Todesschlaf gesenkt, und ihre Brüder in Thiere verwandelt, und das sollte so lang währen, als die schwarze Tafel unversehrt blieb.[381]

Reinald führte die Jungfrau heraus und wie er vor das Thor kam, da ritten von drei Seiten seine Schwäger heran und waren nun erlöst, und mit ihnen ihre Frauen und Kinder, und die Adlerbraut hatte das Ei ausgebrütet und ein schönes Fräulein auf dem Arm; da zogen sie alle zu dem alten König und der alten Königin, und das Wunderkind brachte seine drei Schwestern mit nach Haus, und bald vermählte es sich mit der schönen Jungfrau; da war Freude und Lust in allen Ecken; und die Katz läuft nach Haus, mein Mährchen ist aus.[382]

83. Das arme Mädchen.

Es war einmal ein armes, kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, es hatte kein Haus mehr in dem es wohnen, und kein Bett mehr, in dem es schlafen konnte, und nichts mehr auf der Welt, als die Kleider, die es auf dem Leib trug, und ein Stückchen Brod in der Hand, das ihm ein Mitleidiger geschenkt hatte; es war aber gar fromm und gut. Da ging es hinaus, und unterwegs begegnete ihm ein armer Mann, der bat es so sehr um etwas zu essen, da gab es ihm das Stück Brod; dann ging es weiter, da kam ein Kind, und sagte: "es friert mich so an meinem[382] Kopf, schenk mir doch etwas, das ich darum binde", da thät es seine Mütze ab und gab sie dem Kind. Und als es noch ein bischen gegangen war, da kam wieder ein Kind, und hatte kein Leibchen

an, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin, endlich kam es in Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: es ist dunkele Nacht, da kannst du wohl dein Hemd weggeben, und gab es hin. Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Thaler, und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, hatte es doch eins an, aber vom allerfeinsten Linnen, da sammelte es sich die Thaler hinein und ward reich für sein Lebtag.[383]

84. Die Schwiegermutter.

Es war ein König und eine Königin, die hatte eine bitterböse Schwiegermutter. Einmal zog der König ins Feld, da ließ die alte Königin ihre Schwieger unten in einen dumpfigen Keller einsperren, und ihre zwei Söhnlein zu ihr. Eines Tags nun sprach sie zu sich selbst: ich hätte so Lust das eine von den Kindern zu essen, rief ihren Koch und hieß ihn hinuntersteigen,[383] das eine Söhnlein zu nehmen, zu schlachten und zuzurichten.

"Mit was für einer Brühe?" fragte der Koch. Mit einer braunen, sprach die alte Königin.

Da ging der Koch in den Keller und sprach: "ach Frau Königin, die alte Frau Königin will haben, ich soll heut Abend Euren einen Sohn schlachten und kochen". Da war die junge Königin herzlich betrübt und sagte: ach, wollen wir nicht ein Schweinchen nehmen, das koch doch so, wie sies haben will, und sprich, es wäre mein Kind gewesen.

Der Koch that so und trug das Schweinchen in brauner Brühe auf, "da wäre das Kind", und sie aß es auf mit großem Appetit.

Bald darauf dachte die Alte: das Kinderfleisch hat mir so zart geschmeckt, du willst das zweite auch essen, rief den Koch und hieß ihn in den Keller gehen, und den zweiten Sohn schlachten.

"Mit was für einer Brühe soll ich ihn kochen?" ei, mit einer weißen, sprach die alte Königin.

Der Koch ging hinunter und sagte: ach, die alte Frau Königin hat mich geheißen, daß ich nun auch euer zweites, kleines Söhnlein schlachten und kochen soll. Die junge Königin[384] sprach: nimm doch ein Spanferkelchen und koch es, wie sies gern haben will.

Das that der Koch, und setzte es der Alten vor in einer weißen Brühe, und sie speiste es mit noch größerm Appetit.

Endlich dachte die Alte: nun sind die Kinder in meinem Leib, du willst nun auch die junge Königin essen, rief den Koch und befahl ihm die junge Königin zu kochen. - -

(Fragment: beim drittenmal schlachtet der Koch eine Hirschkuh. Nun hat aber die junge Königin ihre Noth, daß sie ihre Kinder vom Schreien abhält, damit die Alte nicht hört, sie seien noch am Leben u.s.w.) [385]

85. Fragmente.

a) Schneeblume.

Eine junge Königstochter hieß Schneeblume, weil sie weiß, wie der Schnee war, und im Winter geboren. Eines Tags war ihre Mutter krank geworden, und sie ging in den Wald und wollte heilsame Kräuter brechen, wie sie nun an einem großen Baum vorüber ging, flog ein Schwarm Bienen heraus und bedeckten ihren ganzen Leib von Kopf bis zu Füßen. Aber sie stachen sie nicht und thaten ihr nicht weh, sondern trugen Honig auf ihre Lippen, und ihr ganzer Leib strahlte ordentlich von Schönheit. - -

b) Prinzessin mit der Laus.

Es war einmal eine Prinzessin, die war so reinlich, gewiß die reinlichste von der ganzen Welt, nie sah man den kleinsten Schmutz oder Flecken an ihr. Einmal aber fand man eine Laus auf ihrem Kopf sitzen, welches für ein wahres Wunder galt, und man wollte darum die Laus nicht umbringen, sondern beschloß sie mit Milch groß zu füttern. Dies geschah, die Laus wuchs immer mehr, so daß sie endlich so groß wie ein Kalb war. Wie nun diese Laus starb, ließ ihr die Prinzessin das Fell abziehen und sich ein Kleid daraus machen. Kam nun ein Freier und hielt um sie an, so gab sie ihm aufzurathen, von welchem Thier das Fell wäre, das sie zum Kleid trug. Da dies nun keiner rathen konnte, mußten sie alle abziehen. Endlich kam ein schöner Prinz auf folgende Art dahinter. - -

c) Vom Prinz Johannes.

Von seinem Wandeln in Sehnen und Wehmuth, von seinem Flug mit der Erscheinung, von der rothen Burg, von den vielen herzbewegenden Prüfungen, bis ihm der einzigste Anblick der schönen Sonnenprinzessin gewährt wurde.

d) Das gute Pflaster.

Zwei Näthersmädchen hatten nichts geerbt, als ein gutes, altes Pflaster, welches Geld machte, und wovon sie außer ihrem Nähverdienst lebten. Die eine Schwester war sehr klug, die andere sehr dumm.

Eines Tags, als die älteste in die Kirche gegangen ist, kam ein Jude zu der dummen; "schönes, neues Pflaster zu verkaufen, oder zu vertauschen gegen altes, nichts zu handelen?" Da ging die dumme hin und holte dem Juden das alte Pflaster für ein neues Stück, und der Jude wußte wohl, welche Tugend das alte hatte.

Wie die älteste heim kam, sprach sie: es geht schlimm mit unserm Nähverdienst, ich muß uns ein bischen Geld schaffen, wo ist unser Pflaster? - desto besser, sprach die Dumme, ich hab auch während du aus warst, ein neues und frisches Stück gehandelt für das alte - - - - - - - - - - - - - - - - -

(Nachher wird der Jude ein Hund, die zwei Mädchen Hüner, die Hüner aber endlich Menschen und prügeln den Hund zu Tode.)

86. Der Fuchs und die Gänse.

Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Heerde schöner fetter Gänse saß, da lachte er und sprach: "Ei, ich komme ja wie gerufen, ihr[387] sitzt hübsch beisammen, da kann ich eine nach der andern auffressen". Die Gänse gackten vor Schrecken, sprangen auf und fingen an gar kläglich um ihr Leben zu bitten, der Fuchs aber sprach: "da ist keine Gnade, ihr müßt sterben". Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: "sollen wir doch unser jung frisch Leben lassen, so erzeig uns die einzige Gnade und erlaub' uns noch ein Gebet, damit wir nicht in unsern Sünden sterben, hernach wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die fetteste aussuchen kannst". "Ja, sagte der Fuchs, das ist billig um eine fromme Bitte, betet, ich will so lange warten". Also fing die erste ein recht langes Gebet an: ga! ga! und weil sie gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern fing auch an ga! ga!(Und wenn sie alle ausgebetet haben, soll das Märchen weiter erzählt werden, sie beten aber alleweile noch immer fort.) [388]

Anhang.

Zum Froschkönig. No. 1.

Eins der allerältesten und schönsten Märchen, das man sonst in Deutschland unter dem Namen: von dem eisernen Heinrich besonders gekannt hat, nach dem treuen Bedienten, der sich sein kummervolles Herz in Banden hatte legen lassen. Rollenhagen nennt es so unter den alten deutschen Hausmärlein. Darauf bezieht sich auch, was Thilander v. Sittewald 3, 42 sagt: "dann ihr Herz stund in meiner Hand, fester als in ein eisen Band." Vom Band der Sorge ist noch allgemeiner und öfter Rede, vom Stein der auf dem Herzen liegt, schön singt ein Minnedichter: "sie ist mir recht stahelhart in mein Herz gedrückt". Heinrich von Sax(1, 36.) sogar ausdrücklich: "mein Herze in Banden litt", und ein Lied von Heinrich dem Löwen Str. 59. "es lag ihr Herz in Banden". - Allein der Hauptsage nach lebt das Märchen auch in Schottland fort. In the complaynt of Scotland geschrieben 1548. wird unter andern alten Erzählungen the tale of the wolf of the warldis end genannt, das leider ganz verloren gegangen(vielleicht die Sage vom nordischen Loke) ist. J. Leyden in s. Ausg. des Complaynt Edinb. 1801. S. 234. 35. glaubt, daß es in verschiedene Lieder und Ammenmärchen zerstückt noch herumgehe, er habe Fragmente singen hören, worin der Brunnen von der Welt End(well of the warldis end) vorkomme und the well Absolom und the cald well sae weary heiße. Hieran schließt er nun unser Märchen an, wiewohl der Weltbrunnen recht gut in verschiedene Sagen eingreifen kann, und wir auch in dem deutschen keine Anknüpfung zu[3] jenem Wolf(oder sollte Wolf im Original statt well stehen?) ahnen. Leydens Worte lauten nun: "according to the popular tale a lady is sent by her stepmother to draw water from the well of the worlds end. She arrives at the well, after encountering many dangers; but soon perceives that her adventures have not reached a conclusion. A frog emerges from the well, and, before it suffers her to draw water, obliges her to betrothe herself to the monster, under the penalty of being torn to pieces. The lady returns safe; but at midnight the frog lover appears at the door and demands entrance, according to promise, to the great consternation of the lady and her nurse.

›open the door, my hinny, my hart,

open the door, mine ain wee thing;

and mind the words that you and I spak

down in the meadow, at the well-spring!‹

the frog is admitted, and addresses her:

›take me up on your knee, my dearie,

take me up your knee, my dearie,

and mind the words that you and I spak

at the cauld well sae weary‹

the frog is finally disenchanted and appears as a prince in his original form."

Die Stelle in the romance of Roswall and Lilian:

"the knight that kept the pavent well

was not so fair as Roswall

spielt schwerlich hierher an."

La grenouille bienfaisante der Madame d'Aulnoy, ein schlechtes Märchen, hat auch gar keine Aehnlichkeit mit dem unsrigen.[4]

Zu Katz und Maus in Gesellschaft. No. 2.

Man erzählt es auch von Hähnchen und Hühnchen, die hatten einen Edelstein im Mist gefunden, beim Juwelirer verkauft ein Fetttöpfchen auf den Winter dafür erhandelt, und auf einen Schrank gestellt. Das Hühnchen frißt es nun nach und nach leer, wie das herauskommt, wird das Hähnchen[4] ganz wüthend und hackt das Hühnchen todt. Darnach aber empfindet es Reue und nun wird das Hühnchen begraben wie in No. 80.[5]

Zum Marienkind. No. 3.

Aehnlichkeit damit hat die Legende von der heil. Ottilie, zumal, wie sie Naubert in ihren Volksmährchen Th. 1. erzählt. Die gründliche Idee von vielen erlaubten und der einen verbotenen Thüre kehrt vielmal und unter verschiedener Einleitung, wie bei der Todtenbraut und dem Blaubart(No. 46 u. 62.) wieder. Eine andere Erzählung ist folgende: der arme Mann, da er seine Kinder nicht ernähren kann, geht in den Wald und will sich erhenken, da kommt eine schwarze Kutsche mit vier schwarzen Pferden und eine schöne schwarzgekleidete Jungfrau steig: aus und sagt ihm, er werde in einem Busch vor seinem Haus einen Sack mit Geld finden, dafür solle er ihr geben, was im Hause verborgen sey. Der Mann willigt ein, findet das Geld, das verborgene aber ist das Kind im Mutterleib; und wie das geboren ist, kommt die Jungfrau und will es abholen, doch, weil die Mutter so viel bittet, läßt sie es noch bis zum zwölften Jahr. Da aber führt sie es fort zu einem schwarzen Schloß, alles ist prächtig darin, es darf an alle Orte hin, nur nicht in eine Kammer. Vier Jahre gehorcht das Mädchen, da kann es der Qual der Neugierde nicht länger widerstehen

und guckt durch einen Ritz hinein. Es sieht vier schwarze Jungfrauen, die, in Bücherlesen vertieft, in dem Augenblick zu erschrecken scheinen, seine Pflegemutter aber kommt heraus und sagt: "ich muß dich verstoßen, was willst du am liebsten verlieren?" - "Die Sprache", antwortete das Mädchen. Da schlägt sie ihm auf den Mund, daß das Blut hervor quillt, und treibt es fort. Es muß unter einem Baum übernachten, da findet es am Morgen der Königssohn, führt es mit sich fort und vermählt sich, gegen seiner Mutter Willen, mit der stammen Schönheit. Als das erste Kind zur Welt kommt, nimmt es die[5] böse Schwiegermutter, wirft es ins Wasser, bespritzt die kranke Königin mit Blut und giebt vor, sie habe ihr eigen Kind gefressen. So geht es noch zweimal, da soll die Unschuldige, die sich nicht vertheidigen kann, verbrannt werden. Schon steht sie in dem Feuer, da kommt der schwarze Wagen, die Jungfrau tritt heraus, sie geht in die Flammen, die sich gleich niederlegen und auslöschen, hin zu der Königin, schlägt ihr auf den Mund und giebt ihr damit die Sprache wieder. Die drei andern Jungfrauen bringen die drei Kinder, aus dem Wasser gerettet; der Verrath kommt an den Tag, und die böse Schwiegermutter wird in ein Faß gethan, das ist mit Schlangen und giftigen Nattern ausgeschlagen und einen Berg herabgerollt.

auch im Pentamerone IV, 6.(le tre corune) schließt Marchetta die verbotene Cammer der Orca auf und wird darum von ihr ausgestoßen.[6]

Zum Wolf und den Geiserchen. No. 5.

muß auch, wenigstens sonst, in Frankreich seyn bekannt gewesen. Lafontaine hat offenbar die 15te Fabel seines 4ten Buchs daraus gemacht, allein wie mager erzählt er sie; vielleicht hatte er auch bloß die frühere Bearbeitung Corrozets(le loup, la chevre et le chevreau) vor sich, wo sich gleichfalls die junge Ziege hütet und den Wolf gar nicht einläßt. Die Fabel ist aber viel älter, und steht u.a. bei Boner XXXIII., wo jedoch der Umstand mit der weißen Pfote, dessen schon Lafontaine nebenbei gedenkt, fehlt. Dagegen erinnern wir uns eines Bruchstückes aus dem vollständigen französischen Kindermärchen. Der Wolf geht zum Müller, reicht ihm die graue Pfote hin und spricht:

"meunier, meunier trempe moi ma patte dans ta farine blanche!"

non non, non non! - "alors je te mange!"

da thut es der Müller aus Furcht. - Auch Psamathe die Nereide sandte den Wolf auf Peleus und Telamons Heerden, der Wolf fraß sie insgesammt und wurde dann versteinert, wie ihm hier Steine eingenäht

werden. Doch liegt die Sage[6] vom versteinerten Wolf tiefer, als sie hier ausgeführt werden kann.

Zur Nachtigall u. Bl. No. 6.

aus dem Französischen übersetzt, Mémoires de l'academie celtique. Tome 2, 204, 205. Vergl. T. 4, 102. Das Märchen und der Glauben findet sich unter den Solognots. Die französischen Reime ahmen den Ton der Nachtigall glücklicher nach:

je ferai mon nid si haut, si haut, si haut! si bas!

que tu ne le trouveras pas!

Zur Hand mit dem Messer. No. 8.

ein schottisches Märchen oder Volkslied, das Mrs. Grant in ihren essays on the superstitions of the highlanders of Scotland, London 1811. vol. 1, 285, 286. erzählt. Sie sagt: "one of these(stories) which I have heard sung by children at a very early age, and which is just to them the Babes in the wood, I can never forget. The affecting simplicity of the tune, the strange wild imagery and the marks of remote antiquity in the little narrative, gave in the greatest interest to me, who delight in tracing back poetry to its infancy."

Die zwölf Brüder. No. 9.

Im Pentamerone doch sehr abweichend IV, 8. li sette palommielle.

Zum Lumpengesindel. No. 10.

Vergl. unten No. 41. Herr Korbes.

Zum Brüderchen und Schwesterchen. No. 11.

Eine ähnliche Erzählung kennen wir nur fragmentarisch: Bruder und Schwester gingen eines Tags[7] in den Wald und weil die Sonne so heiß und der Weg so weit war, so fing den Bruder an zu dursten. Sie suchten Wasser und kamen zu einer Quelle, daran stand geschrieben: "wer aus mir trinkt, ist es ein Mann, wird er ein Tiger, ist es ein Weib, wird es ein Lamm". Da sprach das Mädchen: "ach! lieber Bruder, trink nicht aus der Quelle, sonst wirst du ein Tiger und zerreißest mich". Da sagte der

Bruder, er wolle noch warten, ob ihn gleich der Durst so quäle, bis zur nächsten Quelle. Wie sie aber an die nächste Quelle kamen, stand daran: "wer aus mir trinkt, wird ein Wolf". Da sprach das Mädchen wieder, "lieber, ach lieber Bruder trink nicht, sonst frißt du mich". Der Bruder sprach: "noch einmal will ich meinen Durst bezähmen, aber länger kann ich nicht mehr;" und sie kamen zu einer dritten Quelle, daran war geschrieben: "wer aus mir trinkt und ist es ein Mann, wird er ein goldener Hirsch, ist es ein Mädchen, wird es groß und schön". - Da legt sich der Bruder nieder und trinkt und steht als ein goldener Hirsch auf, das Mädchen trinkt auch und wird noch schöner und groß, als wär es erwachsen. Dann legt es den Hirsch an ein Seil und führt ihn fort, der König sieht den wunderbaren Hirsch und läßt ihn einfangen. Das Mädchen bleibt bei ihm und wird einmal behorcht, als sie mit ihm spricht, da hört der König, daß es die Schwester von dem Goldhirsch ist, und vermählt sich mit ihr. Die Mutter des Königs aber ist neidisch und will sie verderben, sie giebt ihr eine häßliche Gestalt und macht, daß sie soll getödtet, der Hirsch aber vom Metzger geschlachtet werden. - - Die Unschuld aber kommt an den Tag, die Schwiegermutter wird in eine mit scharfen Messern angefüllte Tonne gethan und einen Berg herabgerollt.[8]

Zu Rapunzel. No. 12.

im Pentamerone II, 1.(Petrosinella), wo vieles anders und besonders die zweite Hälfte lebendiger ist, als im deutschen Märchen. Dieses hat schon[8] Friedr. Schulz in s. kleinen Romanen Bd. 5. Lpz. 1790. S. 269-88. nur zu weitläuftig erzählt, wiewohl ohne Zweifel aus mündlicher Sage. Wie weit übertrifft es dennoch seine übrigen Märchen! Eins in Büschings Sammlung hat anfangs S. 287. einige Züge aus dem unsrigen, geräth aber bald nachher heraus und in den französischen Stil.[9]

Zu Hänsel und Gretel. No. 15.

hängt genau mit einigen Daumlingssagen, besonders dem französ. kleinen poucet zusammen. Der ganz doppelartige Charakter des Daumerling(pulgarejo Pollux) erscheint schon in der uralten Mythe und geht z.B. in unserer Sprache nur halbrecht in Dummling, Dümmling über, während das alte thumb, wie noch jetzt das Englische, eine mildere Bedeutung hat. Die eigentliche Ausführung einer so merkwürdigen Fabel würde hier zu viel ableiten.

Oberlin giebt ein Stück dieses Märchens nach dem Dialect der Gegend

von Lüneville in seinem Essai, sur le patois.

Auch in deutschen Erzählungen wird Hänsel als ein Daumling dargestellt. Es sind sechs Kinder, er ist das siebente. Wie sie im Wald beim Menschenfresser sind, sollen sie ihn frisiren, der Daumling aber springt ihm ins Haar, zupft ihn und kommt immer wieder. Darauf Nachts die Verwechslung der sieben Kronen mit den sieben rothen Kappen. In den Meilenstiefel thut der Daumling alle Geldbeutel und Kostbarkeiten.

vergl. den Eingang von nennillo e nenella im Pentamerone.

Zu Fix und Fertig. No. 16.

ähnlich damit No. 64, II. dasselbe Märchen aber in dem jüdischen Maasähbuch c. 134. vom Rabbi Chanina, nur wird der König aufmerksam auf die Prinzessin mit den goldenen Haaren, durch ein einzelnes Haar, das ein Vogel einmal ihm auf die Achsel fallen läßt. Bei Straparola mit einiger Veränderung in den Motiven von Livoret[9] III, 2. Dann auch in den modernen franz. Märchen der Aulnoi.

Zur weißen Schlange. No. 17.

Die Sagen von sprechenden Vögeln, die den Menschen rathen und ihr Schicksal verkündigen, sind unzählig und können hier nicht abgehandelt werden. Die Menschen lernen diese Sprache hauptsächlich auf zwei Arten: 1) durch das Essen eines Herzens von einem Drachen, z.B. Siegfried, oder Vogel, s. unten No. 60.; 2) oder einer weißen Schlange, wie hier und in einer merkwürdigen, hannöverischen Volkssage von der Seeburg, die wir anderwärts mittheilen werden. Ganz hierher gehört auch die märchenhafte, altnordische Sage von Kraka und ihren beiden Söhnen, Roller und Erich.

Zum Strohhalm. No. 18.

Vergl. No. 80. Dieses und ähnliche Märchen(No. 23. 43.) entscheiden freilich den Punct, ob außer den Thieren, auch Pflanzen und andere Dinge zur Fabel gehören können.

vergl. auch die äsopische Fabel vom Dornstrauch, Taucher und der Fledermaus.(Furia 124. Coray 42.)

Zum Fischer un sine Fru. No. 19.

Dieses Märchen welches der seel. Runge aus der pommerschen Mundart treflich niedergeschrieben, theilte uns Arnim im Jahr 1809 freundschaftlich mit, von demselben durch v.d. Hagen erhielt es auch Büsching und hat es in seiner Sammlung wiewohl nicht ohne Fehler abdrucken lassen. Die Fabel selbst, deren Eingang merkwürdig an eine der N. 1001, No. 9. etc. etc. so wie an die wallifische von Taliesin erinnert, wird auch in hiesiger Gegend sehr häufig, aber unvollständiger, doch mit einigen Abänderungen erzählt. Es heißt: vom Männchen Dominē(sonst auch von Hans Dudeldee) und Frauchen Dindĕrlindē. Domine klagt über sein Unglück und geht hinaus an den See, da streckt ein Fischchen den Kopf hervor:[10]

was fehlt dir Männchen Domine? -

"ach daß ich im Pispott wohn, thut mir so weh". -

so wünsch dir was zu haben. -

"ich wills nur meiner Frau erst sagen."

nun geht er heim, "wünsch uns ein besseres Haus" sagt Dinderlinde. Am See ruft er:

"Fischchen, Fischchen, an der See!" -

was willst du Männchen Domine?

nun gehen die Wünsche an, aber es sind mehr, erst Haus, dann Garten, dann Ochsen und Küh, dann Länder, u. so fort alle Schätze der Welt. Wie sie sich ausgewünscht haben, sagt das Männchen: "nun möcht ich der liebe Herrgott seyn, und mein Frauchen Mutter Gottes". Da streckt das Fischchen den Kopf heraus und ruft:

willst du seyn der liebe Gott?

so geh wieder in deinen Pispott.

Das Motiv von der Frau, die ihren Mann zu hohen Würden reitzt, ist gewiß uralt, von Eva und der etrurischen Tanaquil(Livius 1, 47.) bis zur Lady Macbeth.[11]

Zu dem tapfern Schneider. No. 20.

Die erste Erzählung ist genommen aus einem ziemlich seltenen, kleinen Buch: Wegkürzer, ein sehr schön lustig und aus der Maßen kurzweilig Büchlein - durch Martinum Montanum von Straßburg 12. von 1557. Bl. 18-25. Wir kennen noch eine andere Ausgabe von 1607. In einem dänischen Volksbuch ist dieselbe Geschichte gereimt, Nyerup spricht davon in seiner Abhandlung über die dänischen Volksbücher(Iris und Hebe 1796. Octob. S. 36) Es ist da ein Schuhmacher, der mit seinem

Knieriemen 15 Fliegen auf einen Schlag tödtet. Er besteht erst den Eber, der eine schlaferweckende Frucht frißt, dann das Einhorn, zuletzt einen Bären, den er in einen Ziegelbrennerofen einsperrt. Die hier folgende holländische Recension ist aus einem Amsterdammer Volksbuch: Van kleyn Kobisje alias Koningh sonder Onderzaten S. 7-14. Sie hat, wie man sieht, wieder ihre Eigenthümlichkeiten.[11] Zu beklagen ist, daß die zweite Erzählung, nach mündlicher Mittheilung, nur ein Fragment giebt, ohne Zweifel wäre das Ganze recht gut. Bei der glücklichen Jagd denkt man auch an den feigen Waldemar in der Wilkinasaga,(235.) der auf den Hirsch zu sitzen kam.

Van kleyn Kobisje.

Kleyn Kobisje sittende aen de Naaybank hy scheld een Appel ende laet de Schel van die op de Naaybank liggen, hy maeckt een Vliegeslager, en alsoo 'er Vliegen op de Appelschel quamen om die af te keeren, slaet 'er net in eenen Slag seven gelyk; springt van de Naaybank, oordelde dit een Romeyn-stuk te zyn, denkt noch hier door een groot Man te worden, verkoopt al wat hy heeft, en laet 'er een cierlyk Schild van maken, en liet 'er opsetten: jck heet Kobisjen den onversaagden, ick sla der seven met eenen Slagh. Treckt doen in een ver Landt, daer den Koningh Meester was, bind doen dit Schild op syn Borst, ende gaet achter des Konings Paleys, tegen een hoogen Heuvel aen leggen, daer hy wist dat de Koningh gewoon was ordinaris heen te sien: ende also de Son sterck scheen, en wist de Koningh niet wat daer so flikkerde, send terstond een Edelman derwaerds. Hy by hem komende wierd vervaert in dit te lesen: ick heet Koningh onversaagd, ick sla der seven met een Slagh. Gaet wederom, verhaelt den Koningh dit vorgaende, die terstond 2 a 3 Compagnien Soldaten daer henen sond, om hem wacker te maken, en met een beleeft Onthael ten Hove te geleyden, met soodanigh Respect, als sulcken Cavalier toekomt. Sy trecken op's Koninghs Bevel henen, by hem komende en dorsten hem, ofte niemand en wil de eerste wesen, om hem aen te spreken. Maer eenen uyt den Hoop was soo couragieus, dat hy een Pieck nam ende stiet hem tegens de Sool van syn Schoen. Hy springht op met groote Kracht, sy vallen op haer Knyen, ende biddem hem, hy beliefden eens by den Koningh te komen, het welcke[12] geschieden. By den Koningh nu zynde, was hy in groot Aensien. Ondertusschen word hem voorgehouden, hy kon des Koninghs Zwager worden, maer daer waren drie zware Dingen te doen, die moest hy voor den Koningh uytwercken. Voor eerst soo was 'er een wild Vercken, dat seer heel quaed dede, en niemand vangen kon. Ten tweeden waren 'er

drie Reusen, die het in het Bosch des Koninghs soo onvry maekten, dat 'er niemand door konde reysen, of was een doodt Man. Ten derden waren 'er ettelyke duysend vreemde Volckeren in het Landt gevallen, en soo't scheen, stond het Ryck in groot Peryckel. Dit neemt hy aen om uyt te voeren. Word den Wegh aengewesen, daer her wild Vercken was. Gaet met een groote Couragie uyt 't Hof. Hy was qualyck soo ver, dat hy 't Vercken hoorde, of wenschte sich selve weer aen syn Naaybank 't Vercken komt met sulcken Furie op hem aenlopen, dat hy na een goed Heenkomen sagh, siet een vervallen Kapel, en vlucht daer in. Het Vercken hem na. Hy met 'er Haast vlieght door het Venster over de Muur ende haelt de Deur van de Kapel toe. Doen was 't Vercken vast, en komt by den Koningh, die hem vraeghde, hoe hy 't Vercken gevangen had? voer altoos uyt: ick greep het met groote Kracht by de Hairen of Borstelen en wierp 't in de Kapel, en ick heb't niet willen dooden, om u voor een Present te vereeren Groote Vreugd was 'er in 't Hof. - Gaet na de Reusen, en tot en Geluck vond haer slapende. Neemt syn Sack, vult die met Steenen. Klimt op eenen hoogen Boom, werpt den eenen, die meenden dat het den anderen dede. Begint te kyven, hy sou syn werpen laten of hy soude hem voor syn Ooren bruyen. Den tweeden word ook geworpen, begint te vloecken. De derde word met het selfde onthaelt. Staet op en treckt syn Degen. Vlieght den anderen aen, en steekt hem, dat hy doodt ter Aerden valt. Begint met den anderen ook, en door't lang Worstelen vallen beyde ter Aerden van Vermoeytheyd. Hy syn Hans siende, komt af en neemt van die dood was syn Rapier, en steekt die alle beyde doodt, en houdse[13] den Kop af, gaet so weder na't Hof. Den Koningh vraeghde hem, of het bestelt was? antwoorde ja. Men vraeghde hem; hoe hy't bestelt had? Seyde aldus: ik nam den eenen by syn Beenen, en ick slveger den ander met, dat hy doodt ter Aerden viel, er den anderen heb ick met de selfde Munt betaelt. En die ick by de Beenen had, half doodt zynde, smeet ick met sulcken Kracht tegen een Boom, dat den Boom wel ses Voet uyt de Aerde vloogh. De Vreughd was seer groot, ende men hielt hem voor de grootste in't Hof. Hy maeckten hem wederom gereed, en den Adel van't Hof met hem, en daer toe een braef Heyrleger, daer hy Oversten van sou zyn. Syn Afscheyd genomen hebbende, vingh't derde Stuck aen. Liet het Leger marcheeren, ende hy volghde te Paerd Maer alsoo hy noyt een Paerd gereden hadde, wist hen qualyk in Postuur te houden. Gekomen zynde op de Plaets daer de Vyandt was, laet hy het Leger in Batalie stellen, hem wierd doe geboodschapt, dat het alles in Order was. Wist niet, hoe hy't Paerd soude wenden. Treckt aen de verkeerde Zyde des Tomms, en geeft het Paerd de Sporen, so dat het met een volle Galop na de Vyand liep. En alsoo hy

den Toom van het Paerd niet vast en hield, greep hy onderwegen een houte Kruys, dat onder afbrack, en hield het soo vast in den Arm. Den Vyand hem siende, meende dat het de Duyvel was, ende begonden te vluchten, en die't niet ontkomen en kosten, verdronken: staken hare Schepen van de Wal af ende voeren soo wegh. Hy quam met den Zegen wederom by syn Adeldom, en't heele Leger, die hy zyn Victorie verhaelde, en hoe de Vyanden heel in Routen geslagen waren. Hy komt by den Koningh, en verhaelt syn Victorie, die hem bedanckten. Voorts doet hy hem uytroepen voor Navotger en Nazaat tot de Kroon. Den Troumdagh vast gestelt zynde, maken daertoe groote Preparatien. Den Trouw gehouden hebbende, was hy in groot Annsien, en altyd naest den Koningh. 't Geviel, dat Kobisje meest alle Nachten droomde, als dat hy noch aen de Naaybank sat, en hem quam altydt noch het een of't ander[14] in de Gedachten van syn Werck, kuydkeels riep: Lustigh, lustigh, rep-je! noch ses of seven, soo hebje heyligh Avond! meende dat hy de Jongens iet te vouwen of te naajen gaf. De Dochter wierd vervaert, meenende dat den Duyvel in hem was, om dat hy soo al relde van lustigh, lustigh. Klaegh: het haer Vader, dat hy haer een Boekebinder gegeven had, en geen Heer van Staet. De Vader besluyt een Compagnie Soldaten 2 a 3. by zyn Slaepplaets te leggen, om(soo't weer geveurde) hem gevangen te nemen, of dooden. Hy word hiervan gewaerschouwt. Te Bed zynde, vaert aldus uyt! ick heb een wildt Zwyn overwonnen, ick heb drie Reusen gedoodt, ick heb een Leger van honderd duysend Mannen verslagen, en van dese Nagt sal' er nog 2 a 3 Compagnien Soldaten aen. Hy ten Bedde uytstapt na haer toe, en gaet met groote Kracht. Sy hem hoorende, vielen Bol over Bol van boven neer. Die gene, die doodt bleven en Armen en Beenen verloren hadden, waren in groot Getal, en die het ontliepen, brochten oen Koningh sulken Boodschap, die aldus uytvoer: myn Dochter behoord wyser te wesen, datse sulken grooten Cavelier soo sal affronteren. Ondertusschen den Koningh sieck zynde, sterft, laet hem tot Nazaat van de Kroon, die Kobisje aenneemt en heeft syn Ryck in Rust geregeert.[15]

Zum Aschenputtel. No. 21.

gehört unter die bekanntesten und wird aller Enden erzählt.

Schon Zeiler von Kaisersberg schrieb sein Eschengrudel mit Beziehung darauf. S. Oberlin v. Gruidlecht. Rollenhagen in der Vorrede zum Froschmeuseler unter den wunderbarlichen Hausmärlein erwähnt des: "von dem verachten frommen Aschenpößel und seinen stolzen spöttischen Brüdern". Diese niederdeutsche Form des Namens leitet

Schütz im hollst Idiot. 1, p. 50. von pöseln, mühsam(die Erbsen aus der Asche) suchen her. Adelung hat Askenpösel, Askenpüster, Askenböel und büel. Im hollst. nach Schütze:[15] Aschenpöselken und Sudelsödelken, von sölen, sudeln, weil es im Schmutz verderben muß. Die hiesige Mundart bestätigt auch Estor in s. oberheß. Wörterbuch v. Aschepuddel, ein geringfügiges, unreines Mägdlein. Noch mehr oberdeutsch ist: Aschenbrödel s. Adelung, und Aescherling unter welchem Namen man es auch neulich für die deutsche Bühne bearbeitet hat, freilich nach schlechtem französischen Muster. Der dänische Name ist Askeftis, schwed. Askefis. Verelius in den Noten zu Gautreksjaga S. 70. gedenkt der Volkssage: "huru Askefisen fick Konungsdottren til hustru," es scheint daher umgekehrt auf den Jüngling die unterdrückte Jugend übergetragen. Wie denn auch die Sprichwörtersitia hemma i asku, liggia som kattur i hreise, und liggia vid arnen, meist von Königssöhnen gelten. s. Wilkinasaga C. 91. von Thetleifr und Refssaga(C. 9. der Gothreks S.) aus welcher Verelius alles andere herleiten will. Oberlin führt eine Stelle v. Aschenprödel an, woraus erhellt, daß auch im deutschen auf Männer der Namen bezogen wurde.

Perraults Cendrillon ou le petite pantoufle de verre gehört nicht unter seine am besten erzählten Märchen, der Gräfin d'Aulnoy Finnette Cendron wiewohl noch geringer der Form nach, enthält manche eigenthümliche und reichere Nebenumstände. Wir werden davon im zweiten Band zu dem unvergleichbar schöneren Mährchen Cennerentola(Pentamerone 1, 6) das Nöthige anmerken.

Auch eine polnische Recension ist uns bekannt, u.d. T. Kopciuszek, von Kopec Ruß, Rauch, in andern slav. Dialecten kopet, kopt. s. Linde v. Kopciuch und Brudny(schmutzig, Brödel.)

S. auch Allerlei-Rauh. No. 65.[16]

Zum Kinderschlachtspiel. No. 22.

Die erste Recension ist aus einem alten Buche in den Berliner Abendblättern von Kleist(1810. No. 39.) abgedruckt worden. Die zweite befindet sich in Martin Zeilers Miscell. Nürnberg 1661. S. 388. der sie aus J. Wolf lectiones memorabiles.[16] Laving. 1600. fol. genommen. Es wird hinzugesetzt, der Papst, der zur Zeit dieser Geschichte gelebt und ein fertiger Poet gewesen, habe versucht sie in ein Distichon zu bringen, es aber nicht vermocht. Da habe er einen stattlichen Preis darauf gesetzt, den ein armer Student verdienen wollen, dieser habe sich auch lange umsonst gequält, bis er endlich unmuthig die Feder weggeworfen und

ausgerufen: "kann ichs nicht, so mags der Teufel machen!" Dieser sey alsbald erschienen, habe gesagt er wolle es zu Stand bringen, die Feder aufgenommen und geschrieben:

sus, pneri bini, puer unus, nupta, maritus

cultell', lympha, fune, dolore cadunt.

Neuerdings hat Werner in seinem Trauerspiel der 24ste Februar die alte Fabel benutzt und damit die Macht menschlicher Poesie gegen den Teufel bewährt.[17]

Zum Mäuschen, Vögelchen etc. etc. No. 23.

Aus Philanders von Sittewald Gesichten, Theil 2. ganz am Ende des siebenten Gesichts. Das Märchen lebt aber auch noch mündlich fort, doch mit veränderten Umständen, namentlich wird es bloß vom Mäuschen und Bratwürstchen erzählt, ohne das Vögelchen; das eine muß diese Woche kochen, das zweite die andere.

Zu der Frau Holle. No. 24.

Von diesem Märchen gibt es noch eine andere Erzählung: Es war einmal eine Frau die liebte nur ihre rechte, nicht aber ihre Stieftochter, hielt diese immer hart und suchte sie los zu werden. Eines Tags setzte sie beide Töchter an einen Brunnen, da sollten sie spinnen: "wer mir aber den Rocken hinunter fallen läßt, den werf ich hinten drein", sagte sie und band ihrer Tochter den Rocken fest, der Stieftochter aber ganz lose Kaum hat diese ein bischen gesponnen, fällt ihr der Roken hinab und die Stiefmutter ist unbarmherzig genug und wirft sie hinterdrein. Sie fällt tief[17] hinunter, kommt in einen herrlichen Garten und in ein Haus, wo niemand ist, in der Küche will die Suppe überlaufen, will der Braten eben verbrennen und der Kuchen im Backofen eben schwarz werden. Sie setzt die Suppe geschwind ab, gießt Wasser zum Braten, und nimmt den Kuchen heraus und richtet an; so hungrig sie aber ist, nimmt sie doch nichts davon außer ein paar Krümchen, die beim Anrichten vom Kuchen herabgefallen sind. Darauf kommt eine Nixe mit furchtbaren Haaren, die gewiß in einem Jahr nicht gekämmt waren, und verlangt, sie solle sie kämmen, aber nicht rupfen und nicht ein einzig Haar ausziehen, welches sie endlich mit vielem Geschick zu Stande bringt. Nun sagt die Nixe, sie wolle sie gern bei sich behalten, sie könne aber nicht, weil sie die paar Krumen gegessen habe; doch schenkt sie ihr einen Ring und andere Sachen, wenn sie den Nachts drehe, wolle sie zu ihr kommen. Die andere

Tochter soll nun auch zu der Nixe, und wird in den Brunnen geworfen; sie macht aber alles verkehrt, bezähmt ihren Hunger nicht, und kommt dafür mit schlechten Geschenken zurück.

Nach dieser Recension ist das Märchen in der Naubertischen Sammlung I, 136-179. bearbeitet und in der Manier der andern, aber recht angenehm, erweitert. In der jungen Amerikanerin oder Verkürzung müßiger Stunden auf dem Meer. Ulm 1765. Th. 1. ist, auch dies Mährchen benutzt. Das Murmelthier(Ciron), so heißt das Stiefkind, muß die gröbste Arbeit verrichten, die Schafe hüten, und dabei eine gegebene Zahl gesponnener Faden mit nach Haus bringen. Das Mädchen setzt sich oft an einen Brunnenrand, eines Tages will es sich das Gesicht waschen und fällt hinein. Als es wieder zu sich kommt, befindet es sich in einer Cristallkugel unter den Händen einer schönen Brunnenfrau, der es die Haare kämmen muß, dafür bekommt es ein kostbares Kleid und so oft es seine Haare schüttelt und sich kämmt, sollen glänzende Blumen herausfallen und wenn es in Noth ist, soll es sich herabstürzen und Hülfe bei ihr finden. Dann giebt sie ihm noch einen Schäferstab,[18] der die Wölfe und Räuber abwehrt, ein Spinnrad und einen Rocken, der allein spinnt, endlich einen zahmen Biber, zu mancherlei Diensten geschickt. Als Murmelthier mit diesen Gaben Abends heim kommt, soll die andere Tochter sich gleiche erwerben, und springt in den Brunnen hinab, sie geräth aber in Sumpfwasser, und wird wegen ihres Trotzes begabt, daß stinkendes Rohr und Schilf auf ihrem Kopf wächst, und wenn sie eins ausreißt, wächst nur noch viel mehr. Nur Murmelthier kann den häßlichen Schmuck auf 24 Stunden vertreiben, wenn es sie kämmt, das muß es nun immer thun. - Hierauf folgt die weitere Geschichte des Murmelthiers, wozu wieder andere Märchen benutzt sind, es soll allzeit etwas gefährliches ausrichten, aber durch Hülfe seiner Zauberdinge, vollbringt es alles glücklich.

Einige Aehnlichkeit im Ganzen mit diesem Märchen hat auch das erste in der Braunschweiger Sammlung, und eins im Pentamerone.[19]

Zu den drei Raben. No. 25.

hierzu vergl. man No. 11. und von dem Glasberg wird sonst noch so erzählt: es war eine verzauberte Königstochter, die konnte niemand erlösen, als wer den Glasberg erstiegen hätte, worein sie gebannt war. Da kam ein junger Gesell ins Wirthshaus, zum Mittagessen wurde ihm ein gekocht Hühnchen vorgesetzt, alle Knöchlein davon sammelte er sorgfältig, steckte sie ein und ging nach den Glasberg zu. Wie er dabei angekommen war, nahm er ein Knöchlein und steckte es in den Berg

und stieg darauf, und dann als ein Knöchlein und als eins, bis er so fast ganz hinaufgestiegen war, aber er hatte nur noch eine einzige Stufe übrig, da fehlte ihm ein Knöchelchen vom Hühnchen, worauf er sich den kleinen Finger abschnitt und in den Glasberg steckte, so kam er vollends hinauf und erlöste die Prinzessin. - So erlöst Sivard stolt Bryniel af Glarbierget, indem er mit seinem Fohlen hinaufreitet; in einem dithmarser Lied kommt vor:[19]

so schalst du my de Glasenburg

mit eenen Perd op rieden;

Wolfdieterich wird in einen Graben gezaubert, da waren:

vir perg vmb jn geleit

die waren auch glesseine

vnd waren hel und glat,

nach dem Dresdn. Wolfd. str. 289; im gedruckten heißt es str. 1171.:

mit glasse was fürware

burg und grabe überzogen,

es mocht nichts wan zum tore

sein in die Burg geflogen.

Dies erinnert an die rabbinische Mythe vom Schamir, womit der Auerhahn das Glas sprengt, das man ihm über sein Nest gelegt.(s. auch Reinfried v. Braunschweig) König Artus wohnt bei der Fee Morgan auf der Glasinsel, und leicht ist gar ein Zusammenhang, nicht bloß im Wort, mit dem nordischen Gläsiswoll, wovon anderswo. -

Zu dem ganzen Märchen gehört aus dem Pentamerone hierher IV, 8. li sette palommielle, wo Cianna gleichfalls in der Welt herumzieht, ihre 7 Brüder zu erlösen, nebst einer Menge eigenthümlicher, schöner Wendungen. Wenn das Schwesterchen hier an das Weltende gelangt, so vergl. man dazu, was zu No. 1. aus dem schottischen bemerkt worden. Auch Fortunatus reist so weit, bis er endlich nicht mehr weiter konnte, und Nierup S. 231. bemerkt dazu folgende Stelle aus einem Lied:

gamle Sole ligge der,

og forslidte Maaners Här,

hvoraf Stjerner klippes.

hierzu ein anderes im Wunderhorn I, 300. sonst auch von hohen Bergen, die bis an den Mond reichen, im Titurel einmal:

swer gar der erde ende

so tiefe sich geneiget,

der vindet sunder wende,

daz er antarcticum wol vingerzeiget.

Voß in seiner Abhandlung über die alte Weltkunde[20] giebt folgende Fragmente: "die Spinnmädchen erzählen von einem jungen Schneidersgesellen, der auf der Wanderschaft immer weiter und weiter ging, und nach mancherlei Abenteuern mit Greifen, verwünschten Prinzessinnen, zaubernden Zwergen und grimmigen bergeschaufelnden Riesen zuletzt das Ende der Welt erreichte. Er fand sie nicht, wie die gewöhnliche Meinung ist, mit Brettern vernagelt, durch deren Fugen man die heil. Engel mit Wetterbrauen, Blitzschmieden, Verarbeitung des alten Sonnenscheins zu neuem Mondlichte und des verbrauchten Mond- und Sternenscheins zu Nordlichtern, Regenbogen und hellen Dämmerungen der Sommernächte beschäftigt sieht. Nein, das blaue Himmelsgewölbe senkte sich auf die Fläche des Erdbodens wie ein Backofen. Der Mond wollte eben am Rande der hohlen Decke aufgehn, und der Schneider ließ sich gelüsten, ihn mit dem Zeigefinger zu berühren. Aber es zischte, und Haut und Fleisch war bis an den Nagel hinweggesengt". - Ein Theil der Fabel erinnert auch an das Altdän. Lied von Verner Ravn, der von der Stiefmutter verflucht war, und dem die Schwester ihr kleines Kind giebt, durch dessen Auge- und Herzblut er seine menschliche Gestalt wieder erlangte.

Hieran schließen wir noch eine märchenhafte Erzählung vom Mond an, die in Menanders Fragmenten oder in Plutarchs kleinen Abhandlungen erhalten ist, wozu man gleichfalls eine äsepische Fabel(edid. Furia 396.) vergleiche. - Der Mond sprach einmal zu seiner Mutter: "die Nächte sind so kalt, ich friere, mach mir doch ein warmes Kleid!" Sie nahm das Maaß, und er lief fort, wie er aber wieder kam, war er so groß geworden, daß das Röcklein nirgends passen wollte. Da fing die Mutter an, und trennte die Nähte und ließ aus, allein die Zeit währte dem Mond zu lange, und er ging wieder fort seines Weges. Emsig nähte die Mutter am Kleid, und saß manche Nacht auf beim Sternenschein. Der Mond kam zurück, und hatte viel gelaufen, und hatte[21] darum viel abgenommen, war schmächtig und bleich geworden, das Kleid war ihm also viel zu weit, und die Ermel schlotterten über die Knie. Da war die Mutter bös, daß er sie so zum Narren habe, und verbot ihm, je wieder ins Haus zu kommen. Deswegen muß nun der arme Schelm nackt und bloß am Himmel laufen, bis daß jemand kommt und ihm ein Röcklein kauft.[22]

Zum Rothkäppchen. No. 26.

Dieses Märchen haben wir außer unserer mündlichen Sage, was zu wundern ist, nirgends angetroffen, als bei Perrault(chaperon rouge) wonach Tiecks Bearbeitung.

Der Tod und der Gänshirt. No. 27.

Aus Harsdörfer, der große Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten. Hamburg 1663. Seite 651. 652.

Zu dem singenden Knochen. No. 28.

In einem altschottischen Lied kommt dieselbe Idee vor; aus dem Brustbein der ersäuften Schwester macht ein Harfner eine Harfe, die spielt darauf von selbst, und ruft weh über ihre Schwester.(Scotts minstrelsy II, 157-162.)

Zu dem Teufel

mit den drei goldenen Haaren. No. 29.

Ein ähnliches Märchen theilt Herr Büsching in seiner Sagensammlung No. 59. mit, ebenfalls wie er versichert, aus mündlicher Ueberlieferung. Es leidet aber keinen Zweifel, daß es, wie es dort erscheint, vorsätzlich erweitert und vermuthlich nach einem französ. Buch erzählt worden. Der Pastetenbäcker, der für Deutsche nirgends eine märchenhafte Person ist, noch ganz französ. Wendungen in der Sprache, vor allem aber die verwickelten und angehäuften Bedingungen bei Auflösung des Zaubers, die ganz unepisch sind, machen dies klar.[22] Was wir hier nach mündlicher Erzählung mittheilen, ist reiner, wiewohl immer noch etwas fremdartiges in dem Ganzen durchblickt. - Eine abweichende Recension ist No. 75. vom Vogel Phönix.[23]

Zum Mädchen ohne Hände. No. 31.

mit andern Umständen, doch nicht so schön, im Pentamerone III, 2.(la penta mano mozza). Unser Märchen ist die volksmäßige Quelle, woraus die im Mittelalter so bekannten Fabeln von der schönen Helena, Mai und Beaflor u.a. entsprungen sind. Eine weitere Ausführung dieses Zusammenhangs müßte bei der Ausgabe eines der beiden letztgenannten Gedichte gegeben werden. Der unserer Erzählung

eigenthümliche Umstand mit dem Versprechen dessen, was hinter der Mühle stand, erinnert an die altnordische Alfskongs Sage cap. 1. wo Hott fodert, von der schwangern Signy, das was zwischen ihr und dem Bierfaß sey. In dänischen Volksliedern ähnliche Versprechungen.

Zum gescheidten Hans. No. 32.

Die zweite Erzählung ist aus Frei's Gartengesellschaft. cap. 1. In Kirchhofs Wendunmuth I, No. 81. steht sie ebenfalls nur mit andern Worten. Im Pentamerone I, 4(Vardiello) die nämliche Idee, mit schönen Varianten. - Die verschiedenen Thaten Hansens in der ersten Erzählung werden bald mehr, bald weniger vollständig, oder in anderer Ordnung und Wendung gehört, so erzählt man von einer Ziege, die er ins Bett legt etc. Vergl. auch facet. Bebel. Amsterd. 1651. 12. p. 47-49.

Wahrscheinlich bezieht sich auf dieses Märchen die Erwähnung des Rollenhagen in der Vorrede zum Froschmeusler: "vom albern und faulen Heinzen."

Zum gestiefelten Kater. No. 33.

Dies Märchen gehört unter die bekanntesten und verbreitetsten. Perrault hat es in s. chat[23] hotté gut erzählt, aber Basile mit vielen Abweichungen aus der italienischen Sage, Pentam. II,(4. Gagliuso) wo nur zwei Söhne sind. Der älteste, aber nicht beste Erzähler ist Straparola N. IX 1. von Constantino. Man hat auch deutsche gedruckte Uebersetzungen nach Perrault, wo nur der Graf Carabas in einen Sabarak umgedreht ist. Tiek hat es dramatisch bearbeitet.[24]

Zu Sperling und seine vier Kinder. No. 35.

Aus Schuppii Schriften.(Fabul. Hans S. 837. 38.)

Zum Tischchen deck dich. No. 36.

Bei diesem und dem folgenden Märchen erinnert man sich an eine große Menge ähnlicher Mythen von wunderbaren Sachen, deren innerer Zusammenhang eine umständliche Untersuchung verlangen würde. Mit dem Hauptgang der unsrigen hat sonderlich das erste Märchen im Pentamerone eine sichtbare Aehnlichkeit.

Zu der Serviette, dem Kanonenhütlein

und dem Horn. No. 37.

Der Schluß hat eine deutliche Uebereinstimmung mit dem Fortunat. - Ein dänisches Volksblatt aus Kopenhagen: Lykkens flyvende Fane. Historie om tre fattige Skraedere, der ved Pillegrimsrejse kom til stor Vaerdighed og Velstand: erzählt das Märchen folgendergestalt: drei arme Schneider, die am Handwerk nicht viel verdienen, nehmen Abschied von Weib und Kind, wollen in die Welt ziehen und ihr Glück versuchen. Sie kommen in eine Wüste zu einem Berg, wo ein Zauberer wohnt, der Berg steht, Sommer und Winter grün, voll Blumen und Früchten und um Mittag und Mitternacht wird alles zu dem feinsten Silber. Der älteste füllt sich seinen Bündel, und alle Taschen mit den schönsten Silber-Blumen[24] und Früchten, geht nach Haus, wirft Nadel und Bügeleisen unter den Tisch, und wird ein reicher Handelsmann. Die zwei andern denken zu dem Berg können wir wieder, wenn wir wollen, zurückgehen, wir wollen unser Glück weiter versuchen und wandern fort. Sie kommen zu einer großen Eisenpforte, die geht von selbst auf, nachdem sie dreimal daran geklopft. Sie treten in einen Garten, da hängen die Bäume voll Goldäpfel. Der zweite Schneider bricht sich so viel ab, als sein Rücken tragen kann, nimmt Abschied und geht heim. Dort begiebt er sich auch zum Handel und wird ein noch größerer Kaufmann, als der erste, so daß man glaubt, der reiche Jude zu Hamburg stamme von ihm ab. Der dritte aber meint, der Garten mit den Goldäpfeln bleibt mir sicher, ich will noch weiter nach meinem Glück gehen; er irrt in der Wüstenei umher, und als er den Garten und den Silberberg wieder sucht, kann er ihn nicht finden. Endlich er zu einer großen Anhöhe, und hört auf einer Pfeife blasen, er geht näher und findet eine alte Hexe, die pfeift vor einer Heerde Gänse, die bei dem Ton mit den Flügeln schlugen, und auf der Alten auf und nieder tanzten. Sie hatte sich schon 94 Jahre auf der Höhe mit dem Tod herumgezerrt, und konnte nicht sterben, bis die Gänse sie todt getreten, oder ein Christ kam, der sie mit Waffen todt schlug. Sobald sie seine Schritte hört, und er so nah ist, daß sie ihn sieht, bittet sie ihn, wenn er ein Christ sey, möge er sie mit der Keule, die an ihrer Seite da stehe, todtschlagen. Der Schneider will nicht, bis sie ihm sagt, er werde unter ihrem Haupt ein Tuch finden, welches, wie er es wünsche, auf ein paar Worte, voll der köstlichsten Speisen stehe; da giebt er ihr einen Schlag auf den Hirnschädel, sucht und findet das Tuch, packt es gleich in seinen Bündel, und macht sich auf den Heimweg. Ein Reuter begegnet ihm und bittet ihn um ein Stück Brot, der Schneider

sagt: "liefere mir deine Waffen aus, so will ich mit dir theilen", der Reuter, der doch Pulver und Blei im Krieg verschossen, thut das gern, der Schneider breitet sein[25] Tuch aus, und tractirt den hungrigen Kriegsmann. Diesem gefällt das Tuch, und er bietet dem Schneider dafür seine wunderbare Patrontasche zum Tausch, wenn man auf die eine Seite klopft, kommen hunderttausend Mann zu Fuß und Pferd heraus, klopft man auf die andere, aller Art Musikanten. Der Schneider willigt ein, aber nachdem er die Patrontasche hat, beordert er zehn Mann zu Pferd, die müssen dem Reuter nachjagen und ihm das Tuch wieder abnehmen. Der Schneider kommt nun nach Haus; seine Frau wundert sich, daß er so wenig auf der Wanderschaft gewonnen. Er geht zu seinen ehemaligen Cammeraden, die unterstützen ihn reichlich, daß er eine Zeitlang davon mit Frau und Kind leben könne. Er aber ladet sie darauf zum Mittagsessen, sie mögten nicht stolz seyn, und ihn nicht verschmähen, sie machen ihm Vorwürfe, daß er alles auf einmal verschlemmen wolle, doch versprechen sie zu kommen. Wie sie sich zur bestimmten Zeit einfinden, ist nur die Frau zu Haus, die gar nichts von den Gästen weiß und fürchtet, ihr Mann sey im Kopf verwirrt. Endlich kommt der Schneider auch, heißt die Frau die Stube eilig rein machen, grüßt seine Gäste und entschuldigt sich, sie hätten es zu Haus besser, er habe nur sehen wollen, ob sie nicht stolz durch ihren Reichthum geworden. Sie setzen sich zu Tisch, aber es kommt keine Schüssel zum Vorschein, da breitet der Schneider sein Tuch aus, spricht seine Worte, und im Augenblick steht alles voll der kostbarsten Speisen. Ha! ha! denken die andern, ists so gemeint, du bist nicht so lahm, als du hinkst, und versichern ihm Liebe und Brüderschaft bis in den Tod. Der Wirth sagt, das sey gar nicht nöthig zu versichern, dabei schlägt er der Patrontasche auf eine Seite, alsbald kommen Spielleute und machen Musik, daß es eine Art hat. Dann klopft er auf die andere Seite, kommandirt Artillerie und hunderttausend Soldaten, die werfen einen Wall auf und führen Geschütz darauf, und so oft die drei Schneider trinken, feuern die Konstabeler ab. Der Fürst wohnte 4 Meilen davon und hört den[26] Donner, also meint er die Feinde wären gekommen, und schickt einen Trompeter ab, der bringt die Nachricht zurück, ein Schneider feiere seinen Geburtstag, und mache sich lustig mit seinen guten Freunden. Der Fürst fährt selbst hinaus, der Schneider tractirt ihn auf seinem Tuch; dem Fürst gefällt das, und er bietet dem Schneider Ländereien und reichliches Auskommen dafür, der will aber nicht, sein Tuch ist ihm lieber, da hat er keine Sorge, Müh und Verdruß. Der Fürst faßt sich kurz, nimmt das Tuch mit Gewalt und fährt fort. Der Schneider hängt aber seine Patrontasche um und geht damit an des Fürsten Hof,

und bittet um sein Tuch, bekommt aber einen Buckel voll Schläge. Da lauft er auf den Wall des Schlosses, läßt zwanzigtausend Mann aufmarschiren, die müssen ihre Stücke gegen das Schloß richten, und darauf los feuern. Da läßt der Fürst das Tuch herausbringen und demüthig bitten mit dem Feuer einzuhalten. Der Schneider läßt nun seine Mannschaft wieder ins Quartier rücken, geht heim und lebt vergnügt mit den zwei andern Schneidern.[27]

Zur Frau Füchsin. No. 38.

Dies gewiß uralte Märchen, dessen überaus wichtiger Zusammenhang mit dem altfranzösischen, nie gedruckten, roman du renard in unserer bevorstehenden Ausgabe dieses Gedichts abgehandelt werden soll, ist uns so vielmal erzählt worden, daß jede Recension ihre Eigenthümlichkeit hat. Die zwei bedeutendsten Recensionen, wovon die letzte sich noch fast ganz in Reimen erhalten, haben wir mitgetheilt, die meisten Abweichungen laufen dahin aus, daß der alte Fuchs wirklich, oder nur scheintodt(wie im altfranzös. Lied) ist, und daß entweder bloß Füchse, oder auch andere Thiere Freiens vorgeben. Im letzten Fall sind die Fragen der Füchsin oft genauer wie sieht er denn aus, hat er auch ein roth Käppchen auf? "ach nein, ein weiß Käppchen"(der Wolf) - hat er denn ein roth Camisölchen an? - "nein,[27] ein gelbes"(der Löwe), die Anrede der Katze im Eingang:

Frau Kitze, Frau Katze,

schön Feuerchen hatse,

schön Fleischchen bratse;

was macht die Frau Fuchs.

Auch:

was macht sie da, mein Kätzchen?

"sitze da, wärme mir das Tätzchen.

Nachher:

da lief das kleine Kätzelein,

mit seinem krummen Schwänzelein,

die Treppe hoch hinauf.

Frau Füchsin, ist sich drunten ein schönes Thier.

gestaltet wie ein schöner Hirsch vor mir."

Ach nein, sagt Frau Füchsin, und hält dem alten Herrn einen Lobspruch, worin sie seine mancherlei Tugenden erwähnt. Nach dem die

verschiedenen Thiere sind, wird immer etwas anderes vom Fuchs gelobt.[28]

Zum Herrn Gevatter. No. 42.

Dieses und das folgende Märchen haben in der Hauptsache, große Aehnlichkeit. Der Umstand mit den Hexenhörnern leitet auch ein anderes Märchen folgendergestalt ein: eine Hexe hatte ein junges Mädchen bei sich, und vertraute ihm alle Schlüssel an, verbot ihm jedoch eine Stube(wie im Blaubart). Allein aus Neugier machte es eines Tags die Thüre auf, da sah es die Hexe sitzen, mit zwei großen, großen Hörnern auf dem Kopf. Die Hexe wird wüthend und schließt es in einen hohen, hohen Thurm gefangen ein, woran keine Thüre war, wenn sie ihm nun zu Essen bringt, so muß es seine langen Haare aus dem Fenster herunterlassen, woran die Hexe hinaufsteigt, denn die Haare waren 20 Ellen lang,(so geht es in das Rapunzelmärchen über.)

Zu dem Schneider Daumerling. No. 45.

Verwandt scheint damit ein dänisches kleines Volksbuch, welches Nyerup, Iris und Hebe 1796. Juli S. 88 anführt, der Titel lautet:[28]

Svend Tommling etc.(ein Mensch nicht größer als ein Daumen, der sich verheirathen will mit einer Frau drei Ehlen und drei Quartier hoch; kommt auf die Welt mit Hut und Degen an der Seite; treibt den Pflug, wird von einem Gutsbesitzer gefangen, der ihn in seiner Schupftabacksdose verwahrt, er hüpft heraus und fällt auf ein Ferkel, und das wird sein Reitpferd.) [29]

Zum Machandelboom. No. 47.

Machandel ist Wachholder(nicht Mandel), Marleenken Marianchen, Marie Annchen. Dieses wunderschöne Märchen ist uns von Runge mitgetheilt worden. Die Geschichte wird auch in hiesigen Gegenden häufig, selten aber so vollständig erzählt, so daß sich etwa nur noch hinzusetzen ließe, daß das Schwesterchen die Knochen an einem rothseidenen Faden zusammenreiht. Der Vers lautet:

meine Mutter kocht mich,

mein Vater aß mich,

Schwesterchen unterm Tische saß,

die Knöchlein all all auflas,

warf sie übern Birnbaum hinaus,

da ward ein Vögelein draus,

das singet Tag und Nacht.

In einer Stelle von Göthes Faust S. 225, wozu unser Märchen den Commentar liefert, und die der Dichter unstreitig aus altem Hörensagen aufnahm, lautet es so:

meine Mutter die Hur,

die mich umgebracht hat,

mein Vater der Schelm,

der mich gessen hat,

mein Schwesterlein klein

hub auf die Bein,

an einem kühlen Ort,

da ward ich ein schönes Waldvögelein,

fliege fort, fliege fort!

Die böse Stiefmutter, wovon ein altes Sprichwort(Stiefmutter, Teufels Unterfutter) verweist[29] an gar viel andere Mährchen, der Eingang vom in Fingerschneiden an Sneewittchen, und an eine merkwürdige Stelle im altdeutschen Gedicht Parcifal, worüber mit Zuziehung vieler anderer Parallelsagen nächstens ein umständlicher Commentar gegeben werden soll. - Das Sammeln der zerstreuten Knochen ist in den Mythen von Osiris, Orpheus, und der Legende von Adalbert. Das Wiederbeleben in vielen andern, z.B. der Negersage von Nanni, den seine Mutter lehrt, das Fleisch eines jungen Huhns zu essen und die Federn und Beine wieder zusammen zu setzen. So sammelt Thor die Knochen der gegessenen Ziegen und belebt sie rüttelnd.(s. auch von Arnliot in der Heimskringla und manche andere Sage, die hier anzuführen zu umständlich wäre).[30]

Zum alten Sultan. No. 48.

Das eigentliche Verhältniß dieses und aller andern Märchen der vorliegenden Sammlung, worin Thiere auftreten, zur großen Thierfabel überhaupt, soll anderswo genau untersucht werden.

Zu den sechs Schwänen. No. 49.

in der braunschweiger Sammlung S. 349-379. von sieben Schwänen, in

schlechter Wettläuftigkeit erzählt, aber mit einigen guten Varianten; sie soll sieben Jahr stumm seyn, in jedem Jahr ein Mannshemd fertig nähen, und keine Thränen die ganze Zeit über weinen. Allein beim dritten Kind, das ihr weggenommen wird, vergießt sie eine Thräne, und bei der Erlösung fehlt dem letzten Bruder ein Aug. - Dieses schöne Märchen deutet überall auf ein hohes Alterthum, das im hohlen Baum-sitzen des stummen Mädchens auch in No. 3. Die sieben fertigen Menschenhemder scheinen mit den sieben Schwanenhemdern zusammen zu hängen, über diese werden wir bei der Volundarquida ausführlich seyn. Die Sage von dem Schwanenschiff auf dem Rhein(Parcifal, Loherangrin) in Verbindung mit dem altfranzös. [30] chevalier au cigne schließt sich wiederum an, und auch hier bleibt der letzte Schwan unerlöst, weil das Gold von seinen Schwanenring schon verarbeitet war.[31]

Zu Dornröschen. No. 50.

Perraults belle an bois dormant, mit unserm Märchen No. 82 verbunden. Die Jungfrau, die im Schloß mit Dornenwall umgeben schläft, bis sie der Königssohn erlöst, ist mit der schlafenden Brynhild, die ein Flammenwall umgiebt, durch den Sigurd dringt, insofern identisch. - Man hat eine Blume, die Gretel im Busch heißt, weil sie ganz von feinem, krausem Laub eingehüllt ist, auch Gretel in der Staude, schwed. Jungfru i det gröna, engl. the devil in a bush.(nigella damascena). - Der Eingang mit der gefährlichen Spindel ist wie im Pentameron III, 3. mit einem gefährlichen Knochen.

Zum Fundevogel. No. 51.

Die Köchin ist wohl anderwärts die böse Frau des Försters. Die Fragen und Antworten an die Knechte, werden auch anders gestellt, z.B. ihr hättet die Rose nur sollen abbrechen, der Stock wäre schon nachgekommen. Dieser Theil des Märchens hat mit einem der folgenden(No. 70) große Aehnlichkeit.

Zum König Droßelbart. No. 52.

sonst auch Bröselbart, weil die Brotbröseln vom Essen in seinem Bart hängen blieben. Auch macht die Königstochter bekannt: sie wolle dem ihre Hand allein geben, der rathen könne, von welchem Thier und welcher Gattung eine ohne Kopf und Füße ausgespannte Haut wäre. Sie

war aber von einer Wölfin. Bröselbart aber erfährt das Geheimniß, räth mit Fleiß fehl und kommt dann verkleidet als Bettler wieder, um recht zu rathen. - Im Pentamerone IV. 10. la superbia castecata, wo vieles anders ist.[31]

Zu Sneewittchen. No. 53.

Dies Märchen gehört zu den bekanntesten, doch wird in Gegenden, wo bestimmt hochdeutsch herrscht, der plattdeutsche Namen beibehalten, oder auch verdorben in Schliwitchen. Im Eingang fällt es mit dem Märchen vom Machandelbaum zusammen, noch näher in einer andern Recension, wo sich die Königin, indem sie mit dem König auf einem Jagdschlitten fährt, einen Apfel schält und dabei in den Finger schneidet. Noch ein anderer Eingang ist folgender: Ein Graf und eine Gräfin fuhren an drei Haufen weißem Schnee vorbei, da sagte der Graf: "ich wünsche mir ein Mädchen, so weiß als dieser Schnee". Bald darauf kamen sie an drei Gruben rothes Bluts, da sprach er wieder: "ich wünsche mir ein Mädchen, so roth an den Wangen, wie dies Blut". Endlich flogen drei schwarze Raben vorüber, da wünschte er sich ein Mädchen; "das Haare hat so schwarz, wie diese Raben". Als sie noch eine Weile gefahren, begegnete ihnen ein Mädchen, so weiß wie Schnee, so roth wie Blut und so schwarzhaarig, wie die Raben und das war das Sneewittchen. Der Graf ließ es gleich in die Kutsche sitzen und hatte es lieb, die Gräfin aber sah es nicht gern und dachte nur, wie sie es wieder los werden könnte. Endlich ließ sie ihren Handschuh hinausfallen, und befahl dem Sneewittchen ihn wieder zu suchen, in der Zeit aber mußte der Kutscher geschwind fortfahren: nun ist Sneewittchen allein und kommt zu den Zwergen u.s.w. In einer andern Erzählung, ist das bloß abweichend, daß die Königin mit dem Sneewittchen in den Wald fährt, und es bittet ihm von den schönen Rosen, die da stehen, einen Strauß abzubrechen, während es bricht, fährt sie fort und läßt es allein. Endlich kennen wir noch eine dritte Recension: Ein König verliert seine Gemahlin, mit der er eine einzige Tochter Sneewittchen hat und nimmt eine andere, mit der er drei Töchter bekommt. Diese haßt das Stiefkind, auch wegen seiner wunderbaren Schönheit, und[32] unterdrückt es, wo sie kann. Im Wald in einer Höhle wohnen sieben Zwerge, die tödten jedes Mädchen, das sich ihnen naht. Das weiß die Königin, und weil sie Sneewittchen nicht geradezu tödten will, hofft sie es dadurch los zu werden, daß sie es hinaus vor die Höhle führt und zu ihm sagt: "geh da hinein und wart bis ich wieder komme". Dann geht sie fort, Sneewittchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kommen und wollen es anfangs tödten, weil es aber

so schön ist, lassen sie es leben und sagen, es solle ihnen dafür den Haushalt führen. Sneewittchen hatte aber einen Hund, der hieß Spiegel, wie es nun fort ist, liegt der traurig im Schloß, die Königin fragt ihn:

"Spiegel unter der Bank,

sieh in dieses Land, sieh in jenes Land:

wer ist die schönste in Engelland?"

Der Hund antwortet: "Sneewittchen ist schöner bei seinen sieben Zwergen, als die Frau Königin mit ihren drei Töchtern". Da sieht sie, daß es noch lebt und macht einen giftigen Schnürriemen. Damit geht sie zur Höhle, ruft Sneewittchen, es solle ihr aufmachen. Sneewittchen will nicht, weil die sieben Zwerge ihm streng verboten, keinen Menschen hereinzulassen, auch seine Stiefmutter nicht, die es habe verderben wollen. Sie sagt aber zu Sneewittchen, sie habe keine Töchter mehr, ein Ritter habe sie ihr entführt, da wolle sie bei ihm leben und es putzen. Sneewittchen wird mitleidig und läßt sie herein, da schnürt sie es mit dem giftigen Schnürriemen, daß es todt zur Erde fällt, und geht fort. Die sieben Zwerge aber kommen, nehmen ein Messer und schneiden den Schnürriemen entzwei, da ist es wieder lebendig. Die Königin fragt nun den Spiegel unter der Bank, der giebt ihr dieselbe Antwort. Da macht sie ein giftiges Kopfband, geht mit dem hinaus und redet zu Sneewittchen so beweglich, daß es sie noch einmal einläßt: sie bindet ihm das Kopfband um, und es fällt todt nieder. Aber die sieben Zwerge sehen, was geschehen ist, schneiden das Kopfband ab und es hat das Leben wieder. Zum drittenmal fragt[33] die Königin den Hund, und erhält dieselbe Antwort. Sie geht nun mit einem giftigen Apfel hinaus, und so sehr Sneewittchen von den Zwergen gewarnt ist, wird es doch von ihren Klagen gerührt, macht auf und ißt von dem Apfel, da ist es todt, und wie die Zwerge kommen, können sie nicht helfen, und der Spiegel unter der Bank sagt der Königin sie sey die schönste. Die sieben Zwerge aber machen einen silbernen Sarg, legen das Sneewittchen hinein und setzen es auf einen Baum vor ihrer Höhle. Ein Prinz kommt vorbei und bittet die Zwerge, ihm den Sarg zu geben, nimmt ihn mit und daheim läßt er es auf ein Bett legen und putzen, als wär es lebendig, und liebt es über alle Maßen, ein Diener muß ihm auch beständig aufwarten. Der wird einmal bös darüber: "da soll man dem todten Mädchen thun, als wenn es lebte!" giebt ihn einen Schlag in den Rücken, da fährt der Apfelbissen aus dem Mund, und Sneewittchen ist wieder lebendig.[34]

Zu Hans Dumm. No. 54.

Ausführlicher in Pentamerone I, 3. und bei Straparola auch recht gut III, 1.

Zum Rumpelstilzchen. No. 55.

Schon Fischart kann das Alter dieses Märchens bezeugen, im Gargantug, wo die Spiele verzeichnet werden, steht unter Num. 363. ein Spiel: "Rumpele stilt oder der Poppart". Man sagt auch Rumpenstinzchen. Die Erzählung selbst wird auch folgendermaßen anders angefangen: einem kleinen Mädchen dem wurde eine Kaute Flachs gegeben, daraus sollte es Flachs spinnen, aber was es spann, war immer Goldfaden und kein einziger Faden Flachs konnte aus ihrem Rädchen kommen. Da wurde es traurig, setzte sich aufs Dach und spann und spann drei Tage lang, aber immer nichts als Gold. Da kam ein klein Männchen gegangen: ich will dir helfen aus aller deiner Noth, ein junger Königssohn soll da vorbei kommen,[34] und dich heirathen, aber du mußt mir dein erstes Kind versprechen etc. Auch wird das Männchen anders entdeckt. Eine Magd der Königin geht Nachts hinaus in den Wald, da sieht sie es auf einem Kochlöffel um ein groß Feuer herum reiten etc. Zuletzt fliegt auch das Männchen auf dem Kochlöffel zum Fenster hinaus.

In vielen deutschen Märchen kommen Müller und Müllerstöchter vor(s. No. 31.), das gegenwärtige erinnert aber ganz sonderlich an die nordischen Fenia und Menia, die alles, was man haben wollte, mahlen konnten, und die der König Frode Frieden und Gold mahlen ließ. - Das Abfodern der Kinder greift in sehr viele Mythen ein.

Das Spinnen des Golds kann auch auf eine andere Art verstanden werden, nämlich durch die harte schwere, kummervolle Arbeit den Golddrath zu verfertigen, welche armen Jungfrauen überlassen blieb. So heißt es in einem altdän. Lied:

nu er min sorg saa mangefold,

som Jomfruer, de spinde guld.[35]

Zu dem Liebsten Roland. No. 56.

Nach einer andern Erzählung, stecken die zwei bei ihrer Flucht eine Bohne in einen Kuchen, der eben auf dem Heerd liegt und backen soll, als die Stiefmutter aufwacht und ihre Tochter ruft, antwortet die Bohne für diese auf jede Frage, und sagt sie sey in der Küche und koche; so lange aber nur, als der Kuchen noch backt, als er gar ist, schweigt sie still, da ist ihre Kraft vorbei, und über das Stillschweigen wird die Mutter

aufmerksam, und findet dann ihre todte Tochter.

In den Zaubereien bei der Flucht vor der Stiefmutter kommt dies Märchen mit dem vom Fundevogel und Okerlo zusammen; die letzte Verwandlung, wo die Stiefmutter durch Tanzen in einer Dornhecke umkommt, erinnert an das bekannte Fabliau, welches Ayrer auch dramatisch behandelt hat, wo sich ein Verurtheilter auf diese Art vom Tod rettet.

Zum goldnen Vogel. No. 57.

No. 64, I. von der weißen Taube hat denselben Eingang, doch wird es auch sehr häusig und wie es scheint, wo nicht besser, doch älter mit folgendem erzählt: ein König war krank, oder nach andern blind geworden, und nichts in der Welt vermochte[35] ihn zu heilen, bis er einstmals hörte(oder es ihm träumte), daß weit davon der Vogel Phönix wäre, durch dessen Pfeifen(oder Gesang) er allein genesen könne. Nun machen sich die Söhne nach einander auf, und nur in der Menge der verschiedenen Aufgaben, die der dritte Sohn zu bestehen hat, weichen die verschiedenen Recensionen ab. Das nothwendige Pfeifen des Phönix ist hier allerdings besser begründet. Einmal wird auch erzählt, daß der Fuchs, nachdem er den Schuß zuletzt empfangen, ganz verschwindet und nicht zu einem Menschen wird. Das Stürzen in den Brunnen(wofür auch ein Steinbruch vorkommt) ist mit der Sage von Joseph, der ja auch sonst selbst der Phönix,(d.h. der Goldvogel) ist, die Befreiung daraus durch den Fuchs mit der von Aristomenes(nach Pausanias), von Sindbad(nach 1001 Nacht), und Gog und Magog(nach Montevilla) merkwürdig verwandt. -

In den Kindermärchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt, Erfurt bei Keyser 1787. wird unser Märchen S. 94-150. in falschem Ton erzählt; im Norden ist es aber schon früh bekannt gewesen, und ohne Zweifel auch in andern Theilen Europas.

Peringskiold in seinem für Hickes gemachten Catalog p. 315. führt die Saga af Artus Fagra an, und beschreibt ihren Inhalt folgendermaßen: hist. de tribus fratribus Carolo, Vilhialmo atque Arturo, cogn. fägra, regis angliae filiis, qui ad inquirendum Phönicem, ut ea curaretur morbus immedicabilis patris illorum, in ultimas usque Indiae oras missi sunt.(Vielleicht ist auch in einem angelsächs. Codex, den Wanley p. 281. angiebt: Liber VI. septem constans capitulis, descriptionem tractat felicissimae cujusdam regionis orientalis et de Phönice, quae ibi invenitur, etwas davon berührt). Eine spätere dänische Bearbeitung in

sechszeiligen Strophen ist zum Volksbuch geworden, aber ohne poetischen Werth. Nyerup handelt davon unter Num. 15. Von dem daselbst angeführten Titel ist eine vor uns liegende Ausgabe etwas abweichend,[36] und der Uebersetzung aus dem Holländischen, die wohl nur ein Vorgeben ist, wird nicht gedacht.(En meget märkvärdig Historie om Kong Edvard af Engelland, der faldt i en svär Sygdom, men helbrededes ved en viis Qvindes Raad, og det ene ved hans yngste Söns Prins Atti(Arti) Ömhed og Mod, der havde sin Fader saa kier, at han foretog en Rejse til Dronningen af Arabien, tilvendte sig ved List hendes Klenodier, bortförde Dronningens dyrebare Fugl Phönix, og sik til Slutning ... Dronningen selv tilägte.) Die Söhne heißen auch hier Carl, Wilhelm und Artus, vom hülfreichen Fuchs kommt nichts vor, und fast in allem ist die deutsche Volkserzählung weit vorzüglicher.[37]

Zu dem treuen Gevatter Sperling. No. 58.

Ueber den Zusammenhang dieses Märchens mit dem Gedicht von Reinhart Fuchs. S. Schlegels deutsches Museum 1812. Maiheft.

Zu Prinz Schwan. No. 59.

Aehnlich damit das Märchen von den drei Gürteln in der Braunschw. Samml. S. 122-150. Die Königin erhält von einer Fee, der sie als einer alten bösen Hexe unermüdlich Beistand geleistet, drei Gürtel, so lang die nicht entzwei gingen, könne sie an die Liebe und Treue ihres abwesenden Gemahls glauben. Als zwei davon geplatzt sind, verkleidet sie sich in eine Pilgerin und zieht ihm nach. In einem großen Wald, durch den sie geht, fallen ihr nach einander drei goldne Nüsse vor die Füße, die sie aufhebt und mitnimmt. Sie kommt zu einem Müller, der sie für seine Base ausgeben will, und ihr einen andern Namen giebt. Hier findet sie der König, und ohne sie wiederzuerkennen, verliebt er sich in sie. Sie zeigt sich ihm geneigt, wie er sie aber umarmen will, platzt der dritte Gürtel, sie erschrickt und bittet ihn die Hausthüre zuzumachen, deren Schlagen sie nicht hören könne. Wie er aber eine zumacht,[37] springt eine andere wieder auf und so fort, daß er die ganze Nacht nichts zu thun hat, als Thüren zuzumachen. Der König ist dadurch gekränkt, kommt nicht wieder, und will sich mit der Prinzessin, die seine Braut ist, vermählen. Die Königin macht ihre erste Goldnuß auf, da ist das prächtigste Nähzeug und Nähkästchen darin, damit geht sie zum Schloß, setzt sich den Fenstern der Prinzessin gegenüber und näht. Die Prinzessin sieht sie und trägt großen Gefallen an dem Nähzeug, sie

tauscht es für das Recht ein, die erste Nacht bei dem König zubringen zu dürfen. Am andern Tag öffnet diese die zweite Nuß, findet eine köstliche Spindel darin, spinnt damit vor der Prinzessin und vertauscht sie für die zweite Nacht, endlich auch das Geschmeide, welches die dritte Nuß in sich faßte, für die dritte Nacht. Wie der Hochzeitstag nun vorbei ist, wird die Königin zum König geführt, da entdeckt sie sich als seine Gemahlin; am dritten Morgen beruft er einen Rath und legt die Frage von dem Schlüssel vor, den er zu einem goldnen Vorlegeschloß verloren, und wiedergefunden, ob er den alten oder den neuen gebrauchen solle. Die Prinzessin entscheidet selber für den alten und demnach für ihre Trennung.[38]

Zu dem Goldei. No. 60.

In der Erfurter Sammlung S. 1-58. aber schlecht erzählt: der Vogel, der jeden Morgen ein Goldei legt entflieht dem Prinzen Gunild, ein Bauer fängt ihn und von diesem bekommt ihn ein Goldschmidt, der auf den Flügeln liest: "wer meinen Kopf ißt unter dessen Kopfkissen werden täglich tausend Ducaten liegen; wer mein Herz ißt, wird König in Akindilla werden", und ihn darum dem Ynkas, seinem Schwestersohn zum Braten giebt; dieser ißt unschuldig beides und entflieht dann bei den Drohungen des zornigen Goldschmidts, der sich getäuscht sieht. Indeß geht der Ausspruch in Erfüllung; hineingezogen ist die dem Fortunat ähnliche Sage von den zweierlei[38] Aepfeln, wovon einer alt und häßlich, der andere wieder jung und gesund macht und wodurch die treulose Gemahlin bestraft und gebessert wird.

bei dem Herz, das die Besenbindersjungen unversehens essen, ist sich zu erinnern an Loki, der das halbverbrannte Herz(Hyndluliod 37.) und an den Fuchs der äsopischen Fabel(Furia 356. Coray 358.) der das zufällig herausfallende Herz der Hindin verzehrt. Der Löwe fragt wie der Goldschmied danach, allein der Fuchs giebt ihm hier eine moralisch, witzige, statt der mythischen Antwort. Vermuthlich gehört eben darum auch die Fabel vom Koch und Hund hieher(Furia 227.) [39]

Zu dem Schneider der bald reich wurde. No. 61.

Nach einer andern Erzählung heißt der Mann Herr Hände, den die Bauern wegen seiner Klugheit hassen. Sie schlagen ihn aus Neid den Backofen ein, er trägt aber den Schutt in einem Sack zu einer vornehmen Dame und bittet sie, den Sack ihm aufzuheben, es sey Gewürz, Zimmet, Nägelein und Pfeffer darin. Er kommt dann wieder, ihn

abzuholen und verführt ein großes Geschrei, sie habe ihn bestolen, wodurch er ihr 300 Thaler abzwingt. Die Bauern sehen ihn das Geld zählen und fragen, woher er das habe, er sagt von dem Backofenschutt, da schlagen die Bauern all ihre Backöfen ein, tragen den Schutt in die Stadt, kommen aber übel an. Die Bauern wollen ihn aus Rache tödten, er zieht aber seiner Mutter Kleider an, dadurch entgeht er ihnen und seine Mutter wird todt geschlagen. Diese rollt er in einem Faß zu einem Doctor, läßt sie dort ein wenig stehen, kommt wieder und giebt ihm dann Schuld er habe sie getödtet, so erpreßt er von dem Doctor eine Summe Gelds. Er sagt den Bauern, er habe sie für seine todte Mutter bekommen, nun schlagen diese auch ihre Mutter todt. Darauf die Begebenheit mit einem Schäfer, der für ihn sich in die Tonne legt, ersäuft und dem die andern Bauern alle nachspringen.

In dem Märchen vom Bauer Kibitz, welches Büsching S. 296. mittheilt, sind wieder einige Züge verschieden. Kibitz läßt seine Frau von den Bauern todt schlagen, und setzt sie dann mit einem Korb voll Früchte an ein Geländer, wo sie ein Bedienter, dem sie keine Antwort giebt, als er für seine Herrschaft bei ihr einkaufen soll, ins Wasser stürzt; dafür erhält Kibitz den Wagen, worin diese gefahren mit allem Zubehör. - Das Gelderpressen durch bloßes Lärmen gehört auch zu den Listen des Gonella(bei Flögel Gesch. der Hofnarren S.[39] 309). - Den Betrug mit dem Schäfer hat Straparola I. 3. in der Erzählung vom Messire Scrapafigue. - In dem zu Erfurt 1794. gedruckten Volksbuch: Rutschki oder die Bürger zu Quarkenquatsch sind verschiedene Züge aus diesem Märchen benutzt, das Erkaufen des alten Kastens, worin der Liebhaber steckt, durch die Kuhhaut(S. 10.), das Ausstellen der todten Frau: Rutschki gibt ihr Butter in den Schooß und setzt sie auf den Brunnenrand, der Apotheker der ihr abkaufen will, aber keine Antwort bekommt, rüttelt sie und stürzt sie hinunter, und muß dem Rutschki tausend Thaler bezahlen(S. 18. 19.). Der Betrug an dem Schäfer zuletzt, ist wieder ganz verschieden: Rutschki ist zum Tod verurtheilt, und wird in einen Kleiderschrank eingeriegelt, hinaus zu dem Teich getragen, weil er aber zugefroren ist, lassen sie ihn darauf stehen, und wollen erst Aexte holen, um ein Loch ins Eis zu hauen. Wie sie fort sind, hört Rutschki einen Viehhändler vorbei ziehen und ruft: "ich trinke keinen Wein! ich trinke keinen Wein! mich durstet nicht!" der Viehhändler fragt, was er vorhabe, Rutschki läßt sich aufriegeln und erzählt, er sey zum Burgemeister erwählt, das Amt nähm er gern, denn es sey wenig Arbeit und 500 Thl. Besoldung dabei; dagegen die Sitte, daß jeder Burgemeister beim Antritt seines Amts einen Becher mit Burgunder austrinke, wolle er durchhaus nicht mitmachen, er trinke keinen Wein, da

hätten sie ihn herausgesetzt, daß er Frost und Durst nach einen feurigen Trank bekommen sollte; es helfte ihnen aber alles nichts, er trinke doch nicht. Der Viehhändler trägt einen Tausch gegen seine Heerde an, er legt sich hinein, Rutschki riegelt zu, die Bauern kommen, hauen ein Loch und lassen den Schrank hinab. Wie sie zurückkommen begegnet ihnen Rutschki mit dem Vieh und sagt, er habe es auf dem Grund gefunden, da sey ein schönes Sommerland. Nun stürzen sie sich alle in das Wasser(S. 22. 23.). - Uebrigens sind die allezeit betrogenen Bauern offenbar mit den Lalenbürgern verwandt.[40]

Zu dem Blaubart. No. 62.

Perraults la barbe bleue gehört zu seinem am besten erzählten Märchen; ein schwedisches fliegendes Blatt: Bläskägget, Fahlum 1810. ist bloß eine Uebersetzung davon. Die französische Sage kennt noch eine Schwester der Frau, Anne, als jene sterben soll, gewährt ihr der Blaubart eine halbe Viertelstunde, da schickt sie die Anne auf den Thurm läßt sie nach den Brüdern sehen und ruft ihr von Zeit zu Zeit in ihrer Angst zu: "Anne, ma soeur Anne, ne vois tu rien venir?" noch ganz volksmäßig erscheinen die Antworten derselben,

"Je ne vois que le soleil, qui poudroie,

et l'herbe, qui verdoie."

In der deutschen Erzählung, wenigstens wie wir sie gehört haben, fehlt dies gänzlich; dagegen kommt der Zug vor, daß die Geängstigte den Blutschlüssel in das Heu legt, weil es wirklich Volksglauben ist, das Heu ziehe Blut aus. - Ein deutsches Volkslied(Wunderhorn I, 274. und Herder Volkslieder I, 79) am schönsten neulich in Gräters Idunna nach dem breslauischen Volksgesang mitgetheilt, enthält im Grund dieselbe Sage, doch sehr abweichend und ohne des blauen Barts Erwähnung zu thun, von Ulrich und Aennchen. Eben so der Fitchersvogel(No. 46.) auch wieder recht eigenthümlich und gut, und das holländische Mord-Schloß(No. 73). Tieks Bearbeitung ist bekannt. In Hamburg sagt man von einem Starkbärtigen, er sei ein Blaubart(Schütze hollst. Idiot. I, 112.), dasselbe gilt von dem ehemaligen Hessen; hier in Cassel ist ein verwachsener, halb alberner und toller Handwerksbursch unter dem Namen bekannt genug. - Endlich haben ihre unverkennbare Aehnlichkeit mit der Sage: das schottische Lied von Cospatrik, der König Porc bei Straparola und der Eingang der 1001. Nacht, wo der Sultan auch seine Weiber nach der ersten Nacht tödtet.

Zu den Goldkindern. No. 63.

Damit stimmt überein No. 74. Vom Johannes[41] Wassersprung und Caspar-Wassersprung, und dann auch im Pentamerone lo mercante I, 7. und la cerva fatata I, 9. In den beiden deutschen Erzählungen scheint hin und wieder eine Lücke zuseyn, wenigstens müßten in No. 74. die so eigen erworbenen Thiere sich thätiger beweisen, oder so daß einmal bloß von ihnen nach der Reihe die Hülfe käme. In demselben Märchen bei Straparola Th. 2, S. 290. von Cesarin erwecken sie ihren Herrn auch wieder vom Tod.[42]

Zu dem Dummling. No. 64.

I. Die weiße Taube hat im Eingang Aehnlichkeit mit dem goldenen Vogel. No. 57.

II. Die Bienenkönigin hat offenbar viel Uebereinstimmung in den Motiven mit dem Mährchen von Fix und Fertig(No. 16). III. Die drei Federn. Hier finden sich häufig kleine Abweichungen in andern Recensionen, besonders in den Aufgaben. Der Vater gibt jedem der drei Söhne einen Apfel, wer den seinen am weitesten wegwirft, soll das Reich erben. Der des jüngsten fliegt am weitesten, weil der aber gar zu dumm ist, will der Vater ihm das Recht nicht lassen und verlangt zwanzig Steigen Leinwand in einer Nußschale, der älteste reist nach Holland, der zweite nach Schlesien, wo feine Leinewand seyn soll, der dritte, der Dumme, geht in den Wald, da fällt eine Nußschale von einem Baum, worin das Linnen steckt. Darnach verlangt er einen Hund, der durch seinen Trauring springen kann, dann drei Zahlen Garn, die durch ein Nadelöhr gehen: alles bringt der Dummling. Nach einer andern Erzählung soll der des Königs Gut erben, der den schönsten Geruch mitbringt, der Dumme kommt vor ein Haus, da sitzt die Katz vor der Thür und fragt: "was bist du so traurig?" - "Ach! du kannst mir doch nicht helfen!" - "Nun hör einer! sag nur was dir fehlt". Die Katz verschafft ihm dann den besten Geruch. Wiederum ist die Einleitung mannichfach: der Vater jagt den dummen Hans fort, weil er gar zu dumm ist, da geht er an des Meeres Gestade, setzt[42] sich hin und weint; da kommt die Kröte, die eine verzauberte schöne Jungfrau ist, mit der springt er auf ihr Geheiß ins Wasser und ringt mit ihr und erwirbt sich das Reich, indem sie ihre menschliche Gestalt dadurch wieder gewinnt. - In der braunschweiger Sammlung steht das Märchen S. 271-286. wieder mit andern Aufgaben 1) der Kahn zu dem kein Spänchen gehauen, den ein Greis ihm giebt, weil er ihn gelabt. 2) Die kleinste, feinste Webeleinwand.

Diese giebt ihm eine kluge Katze in einer Nuß, als diese aufgemacht wird, liegt eine noch kleinere darin, in dieser endlich ein Gerstenkorn, und dieses enthält erst das Gewebe. 3) Die schönste Braut, in die sich die Katze verwandelt.[43]

Zu Allerlei-Rauh. No. 65.

Ist die peau d'ane des Perrault, aber vollständiger und besser. Die Prinzessin Mäusehaut No. 71. ist dieselbe mythische Person, aber die Sage bis auf einiges ganz verschieden. Nach einer andern Recension wird Allerlei-Rauh von ihrer Stiefmutter vertrieben, weil ihr ein fremder Prinz einen Ring zum Liebeszeichen und nicht ihrer eigenen Tochter geschenkt hatte. Sie kommt hernach an ihres Geliebten Hof als Schuhputzerin, und wird entdeckt, indem sie den Treuring unter das Weißbrod legt. - Einige Aehnlichkeit hat das Märchen mit dem Aschenputtel No. 21.

Zum Hurleburlebutz. No. 66.

Aehnlichkeit damit hat ein Märchen in der Braunschweiger Sammlung S. 322-48. Eine Prinzessin ist so stolz auf ihre Schönheit und wird ganz übermüthig, daß sie alle Freier verspottet, und als Thiere abmahlen läßt, auch alle Wünsche erfüllt haben will. Einmal träumt sie von dem singenden, klingenden Bäumchen, und ihr Vater muß ausziehen und es suchen. Er findet es glücklich, wie er es aber ausreißt, springt ein fürchterlicher Löwe aus der Erde, dem muß er dafür das[43] angeloben, was ihm zuerst zu Haus begegnen wird. Das ist nun die stolze Prinzessin, die das singende, klingende Bäumchen kommen hörte. Der König erschrickt und sagt, daß sie einem Löwen jetzt zugefallen sey, aber sie bekümmert sich nicht darum, läßt die Tochter einer Wäscherin mit ihren Kleidern anthun und an ihren Platz setzen. Nach drei Tagen kommt der Löwe: "setz dich auf meinen Rücken", spricht er, und trägt sie in den Wald. Das Mädchen weint, wie es eine Quelle sieht: "wer wird meiner Mutter jetzt waschen helfen!" Der Löwe merkt den Betrug, trägt sie zurück und kommt nach drei Tagen wieder, da sitzt eines Hirten Tochter in den Kleidern der Prinzessin, "setz dich auf meinen Rücken", sagt der Löwe und trägt sie hinaus. Wie sie auf die bunte Wiese kommen, seufzt das Mädchen:"ach! wer wird den Hans trösten, wenn ich nicht bei ihm hier liegen kann!" Der Löwe kehrt wieder um, bringt dem König die falsche Braut, droht ihm, und läuft zur Prinzessin, die sich gleich auf seinen Rücken setzen und mit ihm fort muß. Er führt sie in eine Höhle,

wo sie an elf Kranken die niedrigsten Arbeiten thun muß und ihre eiternden Wunden heilen. Sie empfindet da Reue über ihren vorigen Hochmuth, heilt dann auch den Löwen, der verwundet wird, und mit dem allem büßt sie ihre Sünden, befindet sich einmal, als sie erwacht, wieder in dem prächtigen Schloß bei ihrem Vater, der Löwe aber ist ein schöner Jüngling geworden, und ihr Bräutigam.

In dem Märchen vom Weißtäubchen in der Erfurtschen Sammlung S. 87 88. wird auch der Zauber gelöst, indem das Mädchen der Taube den Kopf abreißt, und ihn gegen Morgen, den Rumpf gegen Abend wirft.

In einer andern mündlichen Erzählung, fragt der Fuchs immer, das Mädchen, das er fortträgt, wie viel Uhr es sey, die Hirtentöchter antworten, zehn Uhr, wenn ich die Heerde sonst zusammengeblasen habe, die Königstochter aber, zehn Uhr, wenn zur Tafel geblasen wird, und nun bin ich hier im Wald und habe nichts zu essen.[44]

Zum König mit dem Löwen. No. 67.

Das Vergessen der ersten Verlobten kehrt auch im Prinz Schwan von der treuen Julian und im Liebsten Roland wieder, auch wohl in Allerlei Rauh, aus dem Pentameron gehört mehreres hierher(II, 7. la palomma, wo der Prinz die Filadoro vergißt; III, 3. la viso, wo Renza vergessen wird; III, 9. Rosella), der Grund aber liegt tief in den Sagen ... Wir wollen nur zwei denkwürdige Beispiele angeben: Duschmanta vergißt die Sacontala, und Sigurd die Brynhild.

Zum Sommer- und Wintergarten. No. 68.

Eigentlich die Fabel von der Psyche, noch näher in andern Recensionen, wo die Schwestern bösartig sind, und die jüngste, als sie gekommen ist, sie zu besuchen, mit Gewalt zurückhalten.

In einem Roman, die junge Amerikanerin Ulm 1765. I, 30-231. ist auch dieses Märchen, aber schlecht benutzt. Das Thier ist ein Drache, aus dessen Garten(es ist auch kein Winter) der Vater sich eine Rose bricht und dafür seine Tochter versprechen muß. Die Tochter geht selbst in des Drachen Schloß, der stellt sich dumm und ungeschickt, in der Nacht aber träumt sie von einem schönen Jüngling, und allmählig gewöhnt sie sich an ihn so, daß sie ihn endlich lieb gewinnt. Sie besucht ihre Eltern und kommt zurück durch Hülfe eines Rings, der ein- und auswärts gedreht wird. Endlich gesteht sie ihm in einer Nacht, daß sie ihn lieb habe, da ist er am Morgen ein schöner Jüngling und sein Zauber gelöst. Es entdeckt

sich auch, daß sie nicht des Kaufmanns Tochter, sondern von einer Fee untergeschoben ist.

In der Leipziger Sammlung ist es das siebente Märchen(S. 113-130). Die jüngste Tochter bittet den Vater bei seiner Abreise um einen Eichelzweig mit drei Eicheln an einem Stengel. Der Vater verirrt sich in dem Wald, kommt zu einem prächtigen Schloß, das ganz leer steht, wo er aber[45] alles aufs beste vorfindet. In der Nacht kommt ein Bär, bringt die drei Eicheln an einen Stengel und verlangt die Tochter, die der Vater endlich bewilligt. Zu Haus werden die Thüren verschlossen, der Bär aber kommt doch zweimal um Mitternacht herein und fordert die Braut; in der dritten sind die Koffer von selbst gepackt und drei Eicheln stecken darauf, die Tochter selbst ist wie eine Braut geputzt, ihr Haar von selbst gekräuselt und weiß es nicht, der Bär aber steht neben ihr, und steckt ihr einen Goldring mit einer Bärentatze und drei Eicheln an den Finger. Da fährt sie mit ihm hinaus, sieht in der Folge Vater und Schwestern in einem Spiegel, geht aber nicht heim, und nachdem sie ein Kind geboren und dies über drei Jahre alt ist, wird der Zauber gelöst, und der Bär in einen schönen Jüngling verwandelt. Bloß der Anfang ist gut und ächt, am Ende scheint vieles gemacht zu seyn.[46]

Zu Jorinde und Joringel. No. 69.

Aus Heinrich Stillings Jugend I, 104-108.

Zum Okerlo. No. 70.

Das ital. huorco, das französ. ogre, Popanz. In diesem Märchen sind einzelne Züge aus dem Daumerling und Fundevogel. In der Braunschweiger Sammlung wird es S. 44-72. fast mit denselben Umständen, nur sehr weitläuftig erzählt. Die Fliehenden lassen einen Rosenstock daheim, der an ihrer Stelle antwortet; sie verwandeln sich nur einmal in einen Pfirsichbaum und eine Biene; ihren Wünschhuth, womit sie alle Zaubereien ausrichten, aber lassen sie auf dem Gipfel des Baums sitzen; sie werden zwar auf diese Art nicht von der Verfolgenden erkannt und sind gesichert, aber der Wind jagt den Wünschhut herab, so daß sie nicht wieder ihre menschliche Gestalt annehmen können. Indessen wird die Prinzessin, die den Hut zugeweht bekommt, durch die Stiche der Biene und durch das Blut, das aus[46] einem abgerissenen Blatt tropft, bewegt, ihn wieder darauf zu werfen und beide sind nun erlöst.

Vergl. auch No. 56. der Liebste Roland.[47]

Prinzessin Mäusehaut. No. 71.

Ist bei Perrault das Märchen von der Eselshaut, wiewohl sehr abweichend, woran auch die Erweiterung Schuld haben mag, der Eingang stimmt dort mit der Geschichte der schönen Helene überein; besser ist, daß der Prinz den Ring in einem Kuchen findet, welchen peau d'ane gebacken hat.

Das Birnli will nit fallen. No. 72.

Mündlich aus der Schweiz. In derselben Art ist No. 30 und 80. Auch die Juden haben ein damit zusammenhängendes Volkslied, welches Wagenseil(jüd. teutsche Red- und Schreibart Frankf. 1715. 4. S. 108-110.) mittheilt, und in den Kinderliedern S. 44-47.(Wunderhorn III.) abgedruckt ist.

Ein Zicklein! ein Zicklein!

das hat gekauft das Väterlein

um zwei Schilling Pfenning:

ein Zicklein!

Da kam das Kätzlein und aß das Zicklein, das hat gekauft u.s.w.

da kam das Hündlein und biß das Kätzlein,

da kam das Stecklein und schlug das Hündelein,

da kam das Feuerlein und verbrennt das Steckelein,

da kam das Wässerlein und verlöscht das Feuerlein,

da kam der Ochs und trank das Wässerlein,

da kam der Schóchet(Metzger) und schecht den Ochsen,

da kam der Málach Hammóves(Todesengel) und schecht den Schóchet,

da kam unser lieber Herr Gott und schecht den Málach Hammoves.[47]

Der vorstehende Refrain ist aus einem chaldäischen Osterlied der Juden, welches sich wie auch das bei Wagenseil in Bodenschatzens kirchlicher Verfassung der Juden(II, 2. Sect. 8) findet.

Herr Gräter theilt dies alles in seiner Alterthumszeitung No. 40. u. 41. 1812. unser Volkslied aber nicht ganz vollständig, mit, auch bemerkt er ein anderes jüdisches, das durch eine etwas ähnliche Manier auf dieses zu deuten scheint, indessen ergiebt sich durch das aus Wagenseil der

vermuthete Zusammenhang viel näher. Die mystische Bedeutung eines Leberecht, die dort gleichfalls angeführt wird, ist uns nicht so wahrscheinlich als Herrn Gräter: das Lied scheint die Macht Gottes, als die letzte und größte darstellen zu wollen, nennt man es albern, so sind es die Mythen der Rabbiner, und im Talmud noch mehr. Interessant ist noch die ebendaselbst abgedruckte lateinische Recension des Volkslieds, welche nicht bloß an manche Studentenlieder(in dem bekannten: Laurentia schönste Laurentia mein etc., wachsen die Strophen gleichfalls immer mehr an), sondern an andere Kinderlieder erinnert, worin lateinische Brocken angebracht sind. Viele Rhein- und Mainbewohner gedenken wenigstens noch des Lieds von einem Hund, der in der Küche die Bratwurst frißt und dem der Koch den Schwanz abhaut, worin auch ähnliche Wiederholungen vorkommen.[48]

Zum Mordschloß. No. 75.

eine Art Blaubart, aber mit anderm, auch sonst schon bekanntem Ausgang. Der Reim im Anfang erinnert auch an das Todtenreiterlied. Das Ganze aus dem Holländischen übersetzt, das wir aus dem Munde einer Fräulein aufgeschrieben haben. Hier möge das Original selbst stehen:

't Moord-Castel.

Daar was eens een Schoen-Maker, welke drie Dochters had, op een tyd, als de Schoen-Maker uyt waar, kwaam daar een Heer, welke seer goed gekled was, en welke prachtige Ekipagie hieldt,[48] zu dat men hem voor seer ryk hield, er verliefde zig in een der schone Dochters, welke dacht, haar Fortuyn gemaakt te hebben, met zo een ryk Heer, en maakte dus geen Swarigheid, met hem mede te ryen; daar 't Avond wierde, toen zy vnder weges waren, vroeg er aan haar:

't maantje schynt zo hel,

myn paardtjes lope zo snel,

soete liefje rouwt 't w niet? -

ny, warom soud' 't my rouwen? ik ben immers by uw wel bewaard, - daar zy tog cenig Angst inwendig had, wyl zy in een groot Bos waren, vroeg zy: of zy haast daar waren? - "ja, segt er, fien zy dat Ligt daar in de Vernte, daar is myn Casteel;" eindlyk qwamen zy dan daar aan, en alles was even fraay.

'S anderen Daags seid er tot haar, er moest op eenigen Daagen haar verlaten, wyl er Affairen hadt, die noodtwendig waren, maar soude haar

alle Sleutels laten, met dat zy 't gansche Casteel konde door zien; van wat Rykdom zy al Meester was. Toen er vertrokken was, gink zy dvor 't gansche Huys, en vond alles es schoon, dat zy er vollig met te vreden was, tot zy eindlyk aan een Kelder qwaam, waar een oude Brouw zat, te Darm schrabben. Ey Moedertje, wat doen zy daar? - ik schrab Darmen myn Kind, morgen schrab ik uwe ook! - waar van zy so schrikte, dat zy de Sleutel, welk in haar Hand was, liet in een Pot met Bloed vallen, welk er niet goed weder af te wasschen was. Nu, seid 't oud Wyfje, is uw Dood seker, wyl myn Heer nu zien kan, dat gy in dit Vertrek geweest zyt, waar buyten hem, en ik, geen Mensch mag komen,

(men moet weten, de 2 voryge Susters op deze wyze reeds waren omgekomen)

daar op dat moment net een Wagen met Hooy van het Slot weg reed, zo seid de oude Vrouw, dit nog het cenigste middel was, om 't Leeven ie behouden, zig onder dat Hooy te versteken, en dan zo weg te ryden, 't welk zy dan ook deed; daar intuschen de Heer te Huys kwaam, vroeg er, waar de Mamsel is? O - seid de oude[49] Vronw, daar ik geen Arbeid meer had, en ze morgen er tog aan moest, heb ik ze maar geslagt en hier is een Lok van haar Haar, en 't Hart, als ook wat warm Blood, de rest hobben de Honden al gevreten, en ik schrab de Darmen. De Heewaar also gerust, dai zy dood waar.

Zy komt inkuschen met de Hooywagen op een naby gelegen Slot aan, waar 't Hooy aan verkogt was, en zy met uyt 't Hooy komt, en zy de gansche Saak vertelt, - en versogt wort, daar eenigen Tyd te blyven: na verloop van eenige Tyd nodigt de Heer van dozen adelyk Slot de ganiche naby zynde Edelieden op een groot Feest, en veranderen 't Gesigt en Kleding van de vreemde Mamsel, so dat iy niet gekend konde worden, myl ook de Heer van dat Moord-Casteel daar versogt was.

Toen zy alle daar waren, moest een jeder een Vertelsel verhalen, thoen de Reie aan de Mamsel kmaam, verteide zy bewußte Historie. Waar by 't den zogenaanden Heer Graaf zo benaumd om 't Hert wierd, dat er met Gewalt weg wilde, waar de goede Heer van 't adelyk Huys hadt intuschen gesorgd, dat 't Geregt onsen fraye Heer Graaf in Hegtenis nam, zyn Casteel uyt roeyde en zyn Goederen alle aan de Mamsel toe eigende, welke naderhand mer de Soon des Huyses, waar zy zo good in ontfangen was, trouwde, en Jaaren lang leefde.[50]

Zur Nelke. No. 76.

damit scheint verwandt die Redensart unter dem Volk:

"Wenn mein Schatz ein Nelkenstock wär,

setzt ich ihn vors Fenster, daß ihn jedermann jah."

Zum Drechsler. No. 77.

nur unvollständig erhalten; schon daß das Märchen von dem Drechsler abspringt, dem auch wohl das folgende selbst begegnen könnte, ist unrecht.[50] Es schlägt übrigens in die alten Sagen von hölzernen Flugpferden, Entführungen etc. ein.[51]

Zu dem alten Großvater und dem Enkel. No. 78.

So erzählt es Stilling in seinem Leben II, 8. 9. wie wir es gleichfalls oft gehört, sonst wird auch gesagt, das Kind habe die Scherben von der irdenen Schüssel aufgelesen und sie für seinen Vater aufheben wollen. Ein alter Meistergesang(No. 83. in dem Codex den Arnim besitzt) enthält die Fabel ganz abweichend, und giebt eine Chronik als seine Quelle an: Ein alter König hat seinem Sohn das Reich abgetreten, der ihn aber lebenslang erhalten soll. Der Sohn verheirathet sich, und die junge Königin klagt über das Husten des Alten. Der Sohn läßt den Vater unter die Stiege auf Stroh legen, wo er viele Jahre, nicht besser als die Hunde, leben muß. Der Enkel wird groß, bringt seinem Großvater alle Tage Essen und Trinken, einmal friert dieser und bittet um eine Roßdecke. Der Enkel geht in den Stall, nimmt eine gute Decke, und schneidet sie in Unmuth entzwei; der Vater fragt, warum er das thue? "die eine Hälfte bring ich dem Großvater, die andere heb ich auf, dich einmal damit zu bedecken".(S. Wunderhorn II, 269.) Ein altfranzös. Fabliau(bei Meon 4, S. 479. 485.) weicht davon nur wenig ab: der Sohn verstößt auf Antrieb seiner Frau den alten Vater, der bittet um ein Kleid, das schlägt er ihm ab, dann um eine Pferdedecke, weil das Herz ihm vor Frost zittere. Der Sohn heißt sein Kind mit dem Alten in den Stall gehen und ihm eine geben, der Enkel schneidet sie mitten entzwei, der Großvater verklagt ihn deshalb, der Enkel vertheidigt sich aber bei seinem Vater, er müsse die Hälfte für ihn aufheben, wenn er ihn erst aus dem Haus treibe. Da geht der Sohn in sich und nimmt den Großvater in allen Ehren wieder zu sich. In Paulis Scherz und Ernst.(Dänisch: Lystig Skiem: eg Atvor S. 73.) bittet der Großvater um ein neues Kleid, der[51] Sohn giebt ihm zwei Ehlen Zeug, das alte damit zu flicken. Darauf kommt der Enkel weinend und will auch so zwei Ehlen Zeug haben, der Vater giebt sie ihm und das Kind versteckt sie unter eine Latte am Dach, und sagt dann: es hebe sie da für seinen Vater auf, wenn er alt werde. Da bedenkt sich dieser eines

bessern.[52]

Zu dem Tode des Hühnchens. No. 80.

Etwas anders in den Kinderliedern S. 23-26.(Wunderhorn III.) Mit dem Ende hat Aehnlichkeit No. 18.

Von dem Schmid und dem Teufel. No. 81.

Dieses treffliche Märchen scheint eine weitverbreitete Volkssage zu seyn. Gewöhnlich erzählt man es von einem Schmid zu Jüterbock und ausgezeichnet gut dargestellt ist es in dem Deutschfranzos. der stellenweise überhaupt zu den lebendigsten Erzeugnissen der ersten Hälfte des 18. Jahrhund. gehört, befindlich.(Leipz. Ausg. v. 1736. S. 110-30. Nürnberger von 1772. S. 80-95.) Der fromme Schmied von Jüterbock trug einen schwarz und weißen Rock und hatte eines Abends einen heiligen Mann gern und freudig geherbergt, der ihm vor der Abreise gestattete drei Bitten zu thun. Er bat 1. daß sein Lieblingsstuhl hinter den Ofen die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse. 2. daß sein Apfelbaum im Garten die daraufsteigenden gleicherweise nicht herunter lasse. 3. daß aus seinem Kohlensack keiner heraus käme, den er nicht selbst befreite. - Nach einiger Zeit kommt der Tod, geräth auf den Sessel und muß dem Schmied noch 10 Jahre Leben schenken, wenn er herunter will; nach 10 Jahren kehrt er wieder, steigt auf den Apfelbaum und der Schmied ruft seine Gesellen, die mit Stangen den Tod jämmerlich zerschlagen; diesmal wird er nur unter der Bedingung los, daß er den Schmied ewig leben[52] lassen will. Betrübt glieder- und lendenlahm zieht der Tod ab, begegnet unterwegs dem Teufel und klagt dem sein Herzeleid, der ihn auslacht und meint mit dem Schmied bald fertig zu werden. Der Schmied verweigert aber dem Teufel Nachtlager wenigstens werde die Hausthür nicht mehr geöffnet, er müsse denn zum Schlüsselloch einfahren. Das ist dem Teufel ein leichtes, allein der Schmied hatte den Kohlensack vorgehalten, bindet ihn alsbald zu, wie der Teufel darin ist, und läßt auf dem Ambos wacker drauf zuschmieden. Als sie sich nach Herzenslust auf ihm müde geklopft und gehämmert, wird der bearbeitete arme Teufel zwar wieder befreit, muß aber zu demselben Loch hinaus seinen Weg nehmen, wodurch er hereingeschlüft war.

Aehnliche Sage geht vom Schmied zu Apolda,(vergl. Falk Grotesken 1806. S. 3-88.) der unsern Herrn sammt St. Petrus über Nacht bewirtet

und drei Wünsche frei erhält. Die Wünsche, die er thut, sind: 1. daß dem, der in seiner Nägeltasche fahre, die Hand stecken bleibe, bis die Tasche zerfalle. 2. daß wer auf seinen Apfelbaum steige, darauf sitzen müsse, bis der Apfelbaum zerfalle. 3. desgleichen wer sich auf den Armstuhl setze, nicht eher aufstehen könne bis der Stuhl zerfalle. Nach und nach erschienen drei böse Engel, die den Schmied wegführen wollen und die er sämmtliche in die gestellten Fallen lockt, so daß sie von ihm ablassen müßen. Endlich aber kommt der Tod und zwingt ihn zum Mitgehen, doch erhält er die Gunst, daß sein Hammer in den Sarg gelegt wird. Als er sich der Himmelsthür naht, will sie Petrus nicht aufthun, da ist der Schmied her, geht in die Hölle und schmiedet da einen Schlüssel, verspricht auch im Himmel mit allerlei Arbeit nützlich an Hand zu gehen, St. Georgs Pferd zu beschlagen etc. und wird zuletzt eingelassen. - Findet sich nicht auch eine ähnliche Fabel bei Hans Sachs?

Zu unserem, aus mündlichen Erzählung gegebenen Text stimmt im Ganzen am meisten das gedruckte Volksbuch, betitelt: das bis an den jüngsten Tag währende Elend, das jedoch wie es[53] scheint aus folgendem französischen übersetzt ist: histoire nouvelle et divertissement du bon homme Misere. Troyes etc. Garnier. 3. S. 8, wiederum aber deuten manche Umstände auf einen italienischen Ursprung des letzteren, oder wenigstens hat sie de la Riviere in Italien erzählen gehöre Peter und Paul gerathen bei schlimmem Wetter in ein Dorf, stoßen auf eine Wäscherin, die dem Himmel dankt, daß der Regen kein Wein, sonder Wasser sey, klopfen bei dem reichen Mann an, der sie stolz abweist, und kehren zu dem armen Elend ein. Dieses thut nur den einen Wunsch mit dem Birnbaum, den ihm gerade ein Dieb bestohlen hatte. Der Dieb wird gefangen und sogar noch andere Leute, die aus Neugierde aufsteigen um den Jammernden zu befreien. Endlich kommt der Tod und Elend bittet ihn, daß er ihm seine Sichel leihe, um sich noch eine der schönsten Birnen mit zu nehmen. Der Tod will sein Waffen nicht aus der Hand lassen, als ein guter Soldat und die Mühe selbst übernehmen Elend befreit ihn nicht eher, bis er ihm zusagt, er wolle ihn bis zum jüngsten Tag in Ruhe lassen, und darum wohnt Elend noch immer fort in der Welt.

Damit stimmt wieder zum Theil der Schluß einer andern mündlichen Erzählung, die sonst ganz wie der Schmied von Apolda lautet. Als Elend gestorben ist und vor den Himmel kommt, wird er von St. Petrus nicht eingelassen, weil er sich von ihm nichts besseres ausgebeten hatte, nicht das Himmelreich, wie er erwartet. Elend geht also zur Hölle, aber der Teufel will ihn auch nicht, weil er ihn genarrt, da muß er wieder zurück auf die Welt und Elend ist so lange darauf als sie steht. - Durch

diesen Schluß aber knüpft sich das Märchen an die Sage von den Landsknechten, die im Himmel kein Unterkommen finden können, und welche Frei in der Gartengesellschaft No. 44. und Kirchhof im Wendunmuth I. No 8. erzählen. Die Teufel wollen sie nicht, weil sie das rothe Kreuz in der Fahne führen, und der Apostel Petrus läßt sie auch nicht ein, weil sie Bluthunde,[54] arme Leut Macher, und Gotteslästerer wären. Der Hauptmann wirft dem Petrus seine Verrätherei an dem Herrn vor, daß dieser schamroth wird und ihnen ein Dorf Beit ein Weil(wart ein Weil.) zwischen Himmel und Hölle anweist, wo sie sitzen spielen und zechen; mit welcher Sage dann wieder viele Andere von dem St. Petrus und den Landsknechte zusammenhängen. - Endlich ist noch zu bemerken, daß Coreb und Fabel in dem lustigen Teufel von Edmonton(Tieck altengl. Theater II.) offenbar die Personen unseres Märchens sind.

Das Reisen der wohlthätigen Männer durch das Dorf, wo sie von den Reichen verschmäht, von dem Armen aufgenommen werden, erinnert an die Sage von Lot und den Engeln, von Philemon und aucis bis auf viele neuere Traditionen, z.B. von einem Zwerglein, daß im Berner Oberland im Unwetter bei einem Armen einkehrte und ihn und seine Hütte vor dem nahen Untergang des Dorfs rettete. - Wegen der Intrigue vom Groß- und Kleinmachen vergleiche man das Märchen vom Blaubart.[55]

Zu den drei Schwestern. No. 82.

Dieses Märchen wird oft gehört, aber allezeit stimmt es der Sache nach mit der auch zum Volksbuch gewordenen Erzählung des Musäus, so daß man es auch hier so finden wird. Er scheint nur die ihm eigenthümliche etwas breite Manier und die Episode von dem Zauberer Zornebock ferner die Namen hinzugethan zu haben, Reinald, das Wunderkind ausgenommen, welches der volksmäßige scheint da in den drei dänischen Liedern von Rosmer dem Meermann(Kämpe-Viser S. 152-160. Uebersetzung 201-206.) die einen Theil des Märchens enthalten der Bruder einmal Roland heißt, und beide Namen äußerliche Aehnlichkeit haben. Auch sonst ist aus Musäus beibehalten was noch volksmäßig schien. Li tre' rri anomale im Pentamerone(IV. 3.) gehört hierher.[55]

Zu dem armen Mädchen. No. 83.

Nach dunkeler Erinnerung aufgeschrieben, mögte es jemand ergänzen und berichtigen. Jean Paul gedenkt seiner, unsichtb. Loge I, 214. Auch Arnim hat es in den Erzählungen S. 231. 232. benutzt.

Zu der Schwiegermutter. No. 84.

Stimmt überein mit einem Theil von Perraults la belle au bois dormant. - In Pentamerone V. 5(sole, luna e talia) läst eine eifersüchtige Frau gerade so den Koch rufen, um ihre Nebenbuhlerin, sammt ihren Kindern zu kochen. Der Eingang aber ist hier wie in Dornröschen von der gefährlichen Spindel, und besonders schön und neu der Uebergang beider Geschichten in einander.

Zu den Fragmenten. No. 85.

a) Ein französ. Volksmärchen, perceneige,(Frühlingsblume, Schneeglöcklein, Primel neulich in ein Gedicht: Thibaut ou la naissance du comte de champagne. Paris 1811. pag. 97. 98. verflochten.

b) Erinnert an eine Variante zu Droßelbart. Das Ganze vollständig im Pentamerone I, 5. la polece.

c) Dieses Märchen erinnert sich Karl Graß in seiner Kindheit in Liefland von einer deutschen Amme, die Marie hieß, erzählen gehört zu haben. Er hat daraus ein Gedicht in 12 Gesängen gemacht, welches schwerlich dem Märchen beikommen wird. S. Erheiterungen 1812. Stück 5, 391-393.

d) In der 1001. N. von der kupfernen Lampe, die auch aus Dummheit gegen eine neue gegeben wird. Einigermaßen verwandt ist auch das Fabliau vom Sperber den die Tochter kauft, während die Mutter zur Kirche ist.

Fuchs und Gänse. No. 86.

ein Vexiermärchen, das man auch zuweilen erzählen hört, statt des gewöhnlicheren vom Schäfer,[56] der viel hundert Schafe über einen breiten Fluß setzen will, in einem kleinen Nachen, worin jedesmal nur ein einziges Platz hat. Dieses hat bekanntlich in dem Don Quixote I. cap. 20 Cervantes vortrefflich angebracht, und Avellaneda in seiner Fortsetzung cap. 21. es durch ein ähnliches von Gänsen, die über eine schmale Brücke gehen überbieten wollen. An sich ist es viel älter, die novelle antiche n. XXX. erzählen es schon und noch früher das altfranzös. cartoiment(fabliaux ed. Meon. 11, 89-91.) - eine ähnliche Idee liegt dem Redner Demades Aesops zu Grund(Furia 54. Coray 178.) [57]

Einiges aus dem Kinderglauben.

1) Wenn ein Brüderchen oder Schwesterchen geboren wird, und die Kinder fragen, woher es gekommen sey? so sagt man ihnen: aus dem Brunnen, da hole man sie heraus. Gewöhnlich ist aber an dem Ort ein gewisser Brunnen, auf den man verweist, und wenn sie hineingukken, sehen sie ihre eignen Köpfe unten im Wasser und glauben desto mehr daran.

Oder man sagt: ein Engel bringe sie, und der habe zugleich das Zuckerwerk mitgebracht, das ihnen bei der Kindtaufe oder vorher gegeben wird; gewöhnlich sind es bunte Zuckererbsen Oder: der Storch fische die Kinder im Wasser und bringe sie in seinem rothen Schnabel getragen, darum wird er angesungen:

Klapperstorch, Langbein,

bring meiner Mutter ein Kind heim,

leg es in Garten,

will es fein warten,

legs auf die Stiegen!

will es fein wiegen.

Oder auch niederdeutsch:

Ebeer, Langbeen

wenneer wult dn to Lande teen etc.

Der Name des Storchs Adebar, bedeutet vermuthlich Kindträger, von baren, tragen und andere erklären Oudevar durch: alter Vater. Unter[57] den Nürnberger Spielwaaren ist der Storch mit dem Wickelkind im Schnabel sehr häufig.

Bronner erzählt in s. Leben(Zürch. 1795. I, 23. 24.) "da fragte ich meinen Vater einst bei Tische: wo ist denn unser Brüderlein hergekommen?" die Hebamme saß auch dabei. Diese Frau da, sagte er, hat es aus dem Krautgarten hereingebracht, du kannst noch heute den hohlen Baum sehen, aus dem die kleinen Kinder immer herausschauen, die man denn abholen läßt, sobald man ihrer verlangt, u.s.w. Es war eine hohle Weide an einem Teich, Bronner schaute hinein und sah den Knaben im Wasser, sein Vater hieß ihn rufen: Buben, wo seid ihr? und er zweifelte nicht mehr. In einem Kinderlied:

"die andere geht ans Brünnchen

und finde ein goldnes Kindchen."

2) Wenn man Papier verbrennt, giebt man Acht, wie die Funken auf dem schwarzen herumgeben und nach und nach verschwinden, besonders auf den allerletzten. Man sagt: das seyen die Leute die aus

der Kirche gingen, und der letzte sey der Glöckner,(Küster der die Thüre zuschließe, Französ. que c'est l'abbesse, qui fait coucher les nonnains.)

3) Wenn die Kinder Abends vor Müdigkeit mit den Augen blinzen und gleichwohl noch gern wach blieben, aber nicht können, heißt es: das Sandmännchen kommt! Baierisch: Pechmännchen(Schmidt westerwald. Id. Schütze, im holstein. Id. 4. p. 34) meint es sey aus Sämännchen entstellt, wie Sandsaier, aus Saatsaier: "de Saatsaier kumt", wenn einer schläfert, und still ist, wie im stillen Wetter gesät wird. Offenbar gezwungen. Nach der griech. Mythe sprengt der Schlaf Lethewasser in die Augen(wie dort Sand), und weht mit seinen Flügeln, bis man entschläft. Bei Zeus setzt er sich auf die höchste Tanne des Ida in das stachelvolle Gezweig.

4) Frisches Brod aus neuem Korn heißt Haasenbrod, und der Haase hat es im Wald gebakken. Wenn auf den Bergen Nebel liegt, so ist es der Rauch aus seiner Küche: "der Haas kocht."[58]

5) Fällt Schnee, so sind es Federn aus dem großen Bett, das dem lieben Gott aufgegangen ist; oder Frau Holle macht ihr Bett. Hierzu gehört eine merkwürdige Stelle Herodots(Melpom. c. 7. und 31.) wonach bereits die alten Skythen den schneienden Himmel voller Federn glaubten.

Vom wehenden Schneien in großen Flocken: "Müller und Becker schlagen sich einander".(I. Paulus Fixlein p. 91.) Der Schnee ist Mehl. Hier wird vielleicht eine Stelle Rumelands(alt Meistersgesangbuch CCCXXII.) klar:

swan so der sne gevallen ist, so hor ich das vil dicke

man sprichet: gib den wynden brot, er hat gesnyget!

swer syne guten wynde laz in hungernot verderben den sumer lang,

der mac des winters in dem sne vil lutzel mite ir(? in) erwerben, ir macht ist krank.

soll hier der fallende Schnee das Mehl bedeuten, woraus man den hungrigen Winden Brod backen solle? Daß die Winde hungrig, vielfressend sind, erhellt aus der nordischen Mythe, Vafthrudnismal 37; der Wind heißt Hräsvelgr, cadaverum lielluo(svelgia, schwelgen, svelta, hungern) oder vielmehr: er kommt aus den Adlerflügeln des Hräsvelgr. Er ist also ein Vogel und dies bestätigt der latein. Name aquilo, der nach Festus a vehementissimo volatu ad instar aquilae benannt wird, im Grund aber der Adler selbst ist, denn wie dieser der Vögel König, so ist aquilo der Winde König. Besondere Erläuterung gewährt aber, was

Prätorius in s. Weltbeschreibung 1, 429 berichtet: "zu Bamberg in Franken zur Zeit eines starken Windes hat ein alt Weib ihren Mehlsack in die Hand gefaßt, und denselben aus dem Fenster in die freie Luft nebenst diesen Wörtern ausgeschüttet:

lege dich, lieber Wind,

bringe das deinem Kind!

sie wollte hiermit den Hunger des Windes stillen, da sie glaubte derselbige wüthe darum, wie ein fräßiger Löwe, oder ein grimmiger Wolf."[59] In der Rockenphilosophie p. 265. "wenn der Wind sehr wehet, so kann man solchen stillen, wenn man einen Mehlsack ausstaubet und darzu spricht:

sieh da Wind,

koch ein Muß für dein Kind!"

Fischart, im 14. Capitel, von der Jugend des Gargantua führt folgendes an: die Wolken sind Wolle oder Blumendolder(wie man eine gewisse Art weißer Wolken Lämmerchen nennt), das Gewölk Spinnweb oder Schynhut(?), der Schnee Mehl(so der Mehlthau), die Schlosen Zuckererbsen, die Wasserblasen Laternen,(Rabelais IV. 5. läßt den Hagel aus einem Land Lanternois kommen), man schöpfe die Kinder aus dem Brunnen; es all noch eins vom Himmel: der Storch bringe roche Schuh mit; wann die Wolken fallen, konne man alle Lerchen sehen; wann den Kindern hungert: die Frösche murrten in ihrem Bauch(stomachus latrat).(Nach Schütze pflegt man auch zu sagen: Jung iß, sonst kommt der Hund und frißt dir deinen Magen weg.) [60]

Zweiter Band.

Vorrede.

Mit dieser weitern Sammlung von Haus-Märchen ist es der treibenden, starken Zeit unerachtet schneller und leichter gegangen, als mit der ersten. Theils hat sie sich selbst Freunde verschafft, welche sie unterstützten, theils, wer es früher gern gethan hätte, sah jetzt erst bestimmt, was und wie es gemeint wäre; endlich hat uns auch das Glück begünstigt, das Zufall scheint, aber gewöhnlich beharrlichen und fleißigen Sammlern beisteht. Ist man erst gewohnt auf dergleichen zu achten, so begegnet es doch häufiger, als man sonst glaubt, ja das ist überhaupt mit Sitten, Eigenthümlichkeiten, Sprüchen und Scherzen des Volkes der Fall.

Die schönen plattdeutschen Märchen aus dem Fürstenthum Paderborn und Münster[3] verdanken wir besonderer Güte und Freundschaft; das Zutrauliche der Mundart ist ihnen bei der innern Vollständigkeit besonders günstig. Dort, in altberühmten Gegenden deutscher Freiheit, haben sich an manchen Orten die Sagen als eine fast regelmäßige Vergnügung der Sonntage erhalten: auf den Bergen erzählten die Hirten jene, am Harz auch bekannte und vielleicht jedem großen Gebirge eigene, vom Kaiser Rothbart, der mit seinen Schätzen darin wohne; dann von den Hühnen, wie sie ihre Hämmer stundenweit von den Gipfeln sich zugeworfen; manches, was wir an einem andern Orte mitzutheilen denken. Das Land ist noch reich an ererbten Gebräuchen und Liedern.

Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitgetheilten, darum ächt hessischen, Märchen, so wie mancherlei Nachträge zum erster Band erhalten haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über funfzig Jahr alt, heißt[4] Viehmännin, hat ein festes und angenehmes Gesicht, blickt hell und scharf aus den Augen, und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß, welche Gabe, wie sie sagt, nicht jedem verliehen sey und mancher gar nichts behalten könne; dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten, und wird in seiner Wahrheit nicht zu verkennen seyn. Wer an leichte Verfälschung der Ueberlieferung, Nachlässigkeit bei Aufbewahrung, und daher an Unmöglichkeit langer Dauer, als Regel glaubt, der müßte hören, wie genau sie immer bei derselben Erzählung bleibt und auf ihre Richtigkeit eifrig ist; niemals ändert sie bei einer Wiederholung etwas in der Sache ab, und bessert ein Versehen, sobald sie es bemerkt, mitten in der Rede gleich selber. Die Anhänglichkeit an das Ueberlieferte ist bei Menschen, die in gleicher Lebensart unabänderlich fortfahren,[5] stärker, als wir, zur Veränderung geneigt, begreifen. Eben darum hat es auch, so vielfach erprobt, eine gewisse eindringliche Nähe und innere Tüchtigkeit, zu der anderes nicht so leicht gelangt, das äußerlich viel glänzender erscheinen kann. Der epische Grund der Volksdichtung gleicht dem durch die ganze Natur in mannichfachen Abstufungen verbreiteten Grün, das sättigt und sänftigt ohne je zu ermüden.

Der innere gehaltige Werth dieser Märchen ist in der That hoch zu schätzen, sie geben auf unsere uralte Heldendichtung ein neues und solches Licht, wie man sich nirgendsher sonst könnte zu Wege bringen.

Das von der Spindel zum Schlaf gestochene Dornröschen ist die vom Dorn entschlafene Brunhilde, nämlich nicht einmal die nibelungische, sondern die altnordische selber. Schneewitchen schlummert in rothblühender Lebensfarbe wie Snäfridr, die schönste ob allen Weibern, an deren Sarg Haraldur, der haarschöne, drei Jahre sitzt, gleich den treuen Zwergen, bewachend und hütend die todtlebendige Jungfrau; der Apfelknorz[6] in ihrem Munde aber ist ein Schlafkunz oder Schlafapfel. Die Sage von der güldnen Feder, die der Vogel fallen läßt, und weshalb der König in alle Welt aussendet, ist keine andere, als die vom König Mark im Tristan, dem der Vogel das goldne Haar der Königstochter bringt, nach welcher er nun eine Sehnsucht empfindet. Daß Loki am Riesen-Adler hängen bleibt, verstehen wir besser durch das Märchen von der Goldgans, an der Jungfrauen und Männer festhangen, die sie berühren; in dem bösen Goldschmied, dem redenden Vogel und dem Herz-Essen, wer erkennt nicht Sigurds leibhafte Fabel? Von ihm und seiner Jugend theilt vorliegender Band andere riesenmäßige, zum Theil das, was die Lieder noch wissen, überragende Sagen mit, welche namentlich bei der schwierigen Deutung des zu theilenden Horts willkomene Hilfe leisten. Nichts ist bewährender und zugleich sicherer, als was aus zweien Quellen wieder zusammenfließt, die früh von einander getrennt, in eignem Bette gegangen sind; in diesen Volks-Märchen liegt lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren[7] gehalten, und wir sind fest überzeugt, will man noch jetzt in allen gesegneten Theilen unseres Vaterlandes suchen, es werden auf diesem Wege ungeachtete Schätze sich in ungeglaubte verwandeln und die Wissenschaft von dem Ursprung unserer Poesie gründen helfen. Gerade so ist es mit den vielen Mundarten unserer Sprache, in welchen der größte Theil der Worte und Eigenthümlichkeiten, die man längst für ausgestorben hält, noch unerkannt fortlebt.

Wir wollten indeß durch unsere Sammlung nicht blos der Geschichte der Poesie einen Dienst erweisen, es war zugleich Absicht, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke: erfreue, wen sie erfreuen kann, und darum auch, daß ein eigentliches Erziehungsbuch daraus werde. Gegen das letztere ist eingewendet worden, daß doch eins und das andere in Verlegenheit setze und für Kinder unpassend oder anstößig sey(wie die Berührung mancher Zustände und Verhältnisse, auch vom Teufel ließ man sie nicht gern etwas böses hören) und Eltern es ihnen geradezu nicht in[8] die Hände geben wollten. Für einzelne Fälle mag die Sorge recht seyn und da leicht ausgewählt werden; im Ganzen ist sie gewiß unnöthig. Nichts besser kann uns vertheidigen, als die Natur selber, welche gerad diese Blumen und Blätter in dieser Farbe und

Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind, nach besonderen Bedürfnissen, wovon jene nichts weiß, kann leicht daran vorbeigehen, aber er kann nicht fordern, daß sie darnach anders gefärbt und geschnitten werden sollen. Oder auch: Regen und Thau fällt als eine Wohlthat für alles herab, was auf der Erde steht, wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich dagegen sind und Schaden nehmen könnten, sondern lieber in der Stube begießt, wird doch nicht verlangen, daß jene darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natürlich ist, und darnach sollen wir trachten. Uebrigens wissen wir kein gesundes und kräftiges Buch, welches das Volk erbaut hat, wenn wir die Bibel obenan stellen, wo solche Bedenklichkeiten nicht in ungleich größerm Maaß einträten; der rechte Gebrauch[9] aber findet nicht Böses heraus, sondern nur wie ein schönes Wort sagt: ein Zeugniß unseres Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, während andere nach dem Volksglauben Engel damit beleidigen.

Abweichungen, so wie allerlei hierher gehörige Anmerkungen haben wir wieder im Anhang mitgetheilt; wem diese Dinge gleichgültig sind, wird das Ueberschlagen leichter werden, als uns gerade das Uebergehen wäre; sie gehören zum Buch insofern es ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Volksdichtung ist. Alle Abweichungen namentlich erscheinen uns merkwürdiger als denen, welche darin blos Abänderungen oder Entstellungen eines wirklich einmal da gewesenen Urbildes sehen, da es im Gegentheil vielleicht nur Versuche sind, einem im Geist blos vorhandenen, unerschöpflichen, auf mannichfachen Wegen sich zu nähern. Wiederholungen einzelner Sätze, Züge, und Einleitungen sind wie epische Zeilen zu betrachten, die, sobald der Ton sich rührt, der sie anschlägt, immer wiederkehren und eigentlich in einem andern Sinne nicht zu verstehen.[10] Alles aber, was aus mündlicher Ueberlieferung hier gesammelt worden, ist sowohl nach seiner Entstehung als Ausbildung(vielleicht darin den gestiefelten Kater allein ausgenommen) rein deutsch und nirgends her erborgt, wie sich, wo man es in einzelnen Fällen bestreiten wollte, leicht auch äußerlich beweisen ließe. Gründe, die man für das Erborgen aus italienischen, französischen oder orientalischen Büchern, die vom Volk, zumal auf dem Land, ungelesen bleiben, vorzubringen pflegt, gleichen denjenigen vollkommen, welche aus Soldaten, Handwerksburschen, oder aus Kanonen, Tabakspfeifen und andern neuen Dingen in den Märchen, auch ihre neue Erdichtung ableiten wollen, da doch gerade diese Sachen, wie Wörter der heutigen Sprache, nach dem Munde der Erzählenden sich umgestalten und man sicher darauf zählen kann, daß sie im sechszehnten Jahrhundert statt der

Soldaten und Kanonen, Landsknechte und Büchsen gesetzt haben, und der unsichtbar machende Hut zur Ritterzeit ein Tarnhelm gewesen ist.[11]

Die für diesen zweiten Band anfänglich versprochene Uebersetzung des Pentamerone steht den ein heimischen Märchen nothwendig nach, so wie die Zusammenstellung derjenigen, welche die Gesta Romanorum enthalten.

Cassel, am 30. September 1814.[12]

1. Der Arme und der Reiche.

Vor alten Zeiten, als der liebe Gott selber auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, daß er eines Abends müd war und ihn die Nacht überfiel, eh' er zu einer Herberge kommen konnte. Da standen aber auf dem Weg vor ihm zwei Häuser einander gegenüber, eins groß und schön, das andere klein und ärmlich anzusehen, und gehörte das eine einem reichen, das andere einem armen Manne. Unser Herr Gott dachte, dem Reichen werd' ich nicht beschwerlich fallen und klopfte bei ihm an die Thüre. Da machte der Reiche sein Fenster auf und fragte, was er wollte? "Ein Nachtlager". Der Reiche guckte ihn an vom Haupt bis zu den Füßen und weil der liebe Gott schlichte Kleider trug und nicht aussah wie einer, der viel Geld in der Tasche hat, schüttelte er mit dem Kopf und sprach: "ich kann euch nicht aufnehmen, meine Kammern liegen voll Samen und sollte ich jedermann herbergen, der an meine Thüre klopfte, so müßt ich selber bald[1] fortgehen; sucht euch anderswo ein Auskommen:" schlug damit sein Fenster zu und ließ den lieben Gott stehen. Also kehrte ihm der liebe Gott den Rücken, ging hinüber zu dem kleinen Haus und klopfte an. Kaum hatte er angeklopft, klinkte auch schon der Arme sein Thürchen auf und bat den Wandersmann einzutreten und bei ihm die Nacht über zu bleiben: "es ist schon finster, sagte er, und heute könnt' ihr doch nicht weiter kommen". Da gefiel es dem lieben Gott und er trat ein; die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hieß ihn willkommen und sagte, er möchte sichs bequem machen und vorlieb nehmen, sie hätten nicht viel, aber was es wäre, gäben sie von Herzen gern. Dann setzte sie Kartoffeln ans Feuer und derweil sie kochten, melkte sie ihre Ziege, damit sie ein Bischen Milch dazu hätten. Und als der Tisch gedeckt war, setzte sich der liebe Gott zu ihnen und aß mit und schmeckte ihm die schlechte Kost gut, denn es waren vergnügte Gesichter dabei. Wie sie gegessen hatten und Schlafenszeit war, rief die Frau heimlich ihren Mann und sprach: "hör', lieber Mann, wir wollen uns heut' Nacht eine Streu dahin machen, damit

der arme Wanderer sich in unser Bett legen und ausruhen kann, er ist den ganzen Tag über gegangen, da wird einer müd". Von Herzen gern sprach der Mann, ich wills ihm sagen, ging zu dem lieben Gott und bat ihn, wenns ihm recht wäre, möcht'[2] er sich in ihr Bett legen und seine Glieder ordentlich ausruhen. Der liebe Gott wollte den beiden Alten ihr Lager nicht nehmen, aber sie ließen nicht ab, bis er es endlich that und sich in ihr Bett legte; sie aber machten sich eine Streu auf die Erde. Am andern Morgen vor Tag standen sie schon auf und kochten ihm ein armes Frühstück. Als nun die Sonne durchs Fensterlein hereinschien und der liebe Gott aufgestanden war, aß er wieder mit ihnen und wollte dann seines Weges ziehen. Doch als er in der Thüre stand, sprach er: "weil ihr so mitleidig und fromm seyd, so wünscht euch dreierlei, das will ich euch erfüllen". Da sagte der Arme: "was soll ich mir sonst wünschen, als die ewige Seligkeit, und daß wir zwei, so lang wir leben, gesund sind und unser nothdürftiges, tägliches Brot haben; fürs Dritte weiß ich mir nichts zu wünschen". Der liebe Gott sprach: "willst du dir nicht ein neues Haus für das alte wünschen?" Da sagte der Mann, ja, wenn das ging, wär's ihm wohl lieb. Alsbald erfüllte der liebe Gott ihre Wünsche und verwandelte ihr altes Haus in ein schönes neues, und verließ sie darauf.

Als es nun voller Tag war, und der Reiche aufstand und sich in's Fenster legte, sah er gegenüber ein schönes neues Haus stehen statt der alten Hütte. Da machte er Augen, rief seine Frau und sprach: "Frau, sieh einmal, wie ist das zugegangen?"[3] gestern Abend stand dort eine elende Hütte und nun ists ein schönes neues Haus; lauf doch einmal hinüber und hör' wie das gekommen ist. "Nun ging die Frau hin und fragte, der Arme aber erzählte ihr: ›gestern Abend kam ein Wanderer, der suchte Nachtherberge und heute Morgen beim Abschied hat er uns drei Wünsche gewährt: die ewige Seligkeit, Gesundheit in diesem Leben und das nothdürftige tägliche Brot und statt unserer alten Hütte ein schönes neues Haus.‹ Als die Frau des Reichen das gehört hatte, lief sie wieder fort und erzählte es ihrem Manne, der sprach: ich möchte mich zerreissen und zerschlagen, hätt' ich das gewußt, der Fremde ist auch bey mir gewesen, ich habe ihn aber abgewiesen". "Eil dich, sprach die Frau, und setz dich auf dein Pferd, der Mann ist noch nicht weit, du mußt ihn einholen, und dir auch drei Wünsche gewähren lassen."

"Da setzte sich der Reiche auf und holte den lieben Gott ein, redete fein und lieblich zu ihm und sprach, er möcht's nicht übel nehmen, daß er ihn nicht gleich eingelassen, er hätte den Schlüssel zur Hausthüre gesucht, derweil wäre er weggegangen; wenn er zurückkäme, müßte er bei ihm einkehren". "Ja, sprach der liebe Gott, wann er einmal zurückkäme, wollt' er das thun". Da fragte der Reiche, ob er nicht auch

drei Wünsche thun dürfte, wie sein Nachbar? "Ja, sagte[4] der liebe Gott, das dürfe er wohl, es wäre aber nicht gut für ihn, und sollte sich lieber nichts wünschen". Der Reiche aber meinte, er wollte sich schon etwas Gutes aussuchen, wenn es nur gewiß erfüllt würde. Sprach der liebe Gott: "reite nur heim und drei Wünsche, die du thust, die sollen erfüllt werden."

Nun hatte der Reiche, was er wollte, ritt heimwärts und besann sich, was er sich wünschen sollte; wie er so nachdachte und die Zügel fallen ließ, fing das Pferd an zu springen, so daß er immerfort in seinen Gedanken gestört wurde und sie gar nicht zusammen bringen konnte. Da ward er über das Pferd ärgerlich und sprach in Ungeduld: "ei so wollt' ich, daß du den Hals zerbrächst!" und wie er das Wort ausgesprochen, plump! fiel er auf die Erde und lag das Pferd todt und regte sich nicht mehr und war der erste Wunsch erfüllt. Weil er aber geizig war, wollt' er das Sattelzeug nicht im Stich lassen, schnitt's ab, hing's auf den Rücken und mußte nun zu Fuß nach Haus gehen. Doch tröstete er sich, daß ihm noch zwei Wünsche übrig wären. Wie er nun dahin ging durch den Sand und als zu Mittag die Sonne heiß brannte, ward's ihm so warm und verdrießlich zu Muth, der Sattel drückte ihn dazu auf den Rücken, auch war ihm noch immer nicht eingefallen, was er sich wünschen[5] sollte. Wenn er meinte, er hätte etwas, da schien's ihm hernach doch viel zu wenig und gering. Da kam's ihm so in die Gedanken, was es seine Frau jetzt gut habe, die sitze daheim in einer kühlen Stube und lasse sich's wohlschmecken. Das ärgerte ihn ordentlich und ohne daß er's wußte, sprach er so hin: "ich wollt' die säß daheim auf dem Sattel und könnt' nicht herunter, statt daß ich ihn da auf dem Rücken schleppe". Und wie die Worte zu End' waren, da war der Sattel von sei nem Rücken fort, und merkte er, daß sein zweiter Wunsch auch in Erfüllung gegangen war. Da ward ihm erst recht heiß und er fing an zu laufen und wollte sich daheim ganz einsam hinsetzen und auf was Großes für den letzten Wunsch nachdenken. Wie er aber ankam und seine Stubenthür aufmachte, saß da seine Frau mittendrin auf dem Sattel und kann nicht herunter, jammert und schreit. Da sprach er: "gib dich zufrieden, ich will dir alle Reichthümer der Welt herbei wünschen, nur bleib da sitzen". Sie sagte aber: "was helfen mir alle Reichthümer der Welt, wenn ich auf dem Sattel sitze, du hast mich darauf gewünscht, du mußt mir auch wieder herunterhelfen". Er mochte wollen oder nicht, er mußte den dritten Wunsch thun, daß sie vom Sattel ledig wär' und heruntersteigen könnt', und der ward auch erfüllt. Also hatte er nichts davon als Aerger, Müh' und ein verlorenes Pferd; die[6] Armen aber lebten vergnügt, still und fromm bis an ihr seliges Ende.

2. Das singende, springende Löweneckerchen.

Es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite Diamanten, die dritte aber sprach: "lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen(Lerche.) " Der Vater sagte: "ja, wenn ich es kriegen kann, sollst du es haben" küßte alle drei und zog fort. Als nun die Zeit kam, daß er wieder auf dem Heimweg war, hatte er Perlen und Diamanten für die zwei ältesten, aber das singende, springende Löweneckerchen für die jüngste hatte er umsonst aller Orten gesucht, und das that ihm leid, denn sie war sein liebstes Kind. Da führte ihn sein Weg durch einen Wald und mitten darin war ein prächtiges Schloß und nah' am Schloß stand ein Baum, ganz oben auf der Spitze des Baums aber sah er ein Löweneckerchen singen und springen. "Ei! du kommst mir noch recht!" sagte er und war froh und rief seinem Diener, er sollte hinaufsteigen und das Thierchen fangen. Wie der aber an den Baum[7] herantrat, sprang ein Löwe darunter auf, schüttelte sich und brüllte, daß das Laub an den Bäumen zitterte: "wer mir mein singendes, springendes Löweneckerchen stehlen will, den fress' ich auf!" Da sagte der Mann: "das hab' ich nicht gewußt, daß der Vogel dir gehört; kann ich mich nicht von dir loskaufen?" "Nein!" sprach der Löwe, "da ist nichts, was dich retten kann, als wenn du mir zu eigen versprichst, was dir daheim zuerst begegnet, thust du aber das, so will ich dir das Leben schenken und den Vogel für deine Tochter obendrein". Der Mann aber wollte nicht und sprach: "das könnte meine jüngste Tochter seyn, die hat mich am liebsten, und lauft mir immer entgegen, wenn ich nach Haus komme". Dem Diener aber war angst und er sagte: "es könnte ja auch eine Katze oder ein Hund seyn!" Da ließ sich der Mann überreden, nahm mit traurigem Herzen das singende, springende Löweneckerchen und versprach dem Löwen zu eigen, was ihm daheim zuerst begegnen würde.

Wie er nun zu Haus einritt, war das erste, was ihm begegnete, niemand anders, als seine jüngste, liebste Tochter; die kam gelaufen und küßte und herzte ihn, und als sie sah, daß er ein singendes, springendes Löweneckerchen mitgebracht hatte, freute sie sich noch mehr. Der Vater aber konnte sich nicht freuen, sondern fing an zu weinen und sagte: "o weh! mein liebstes Kind, den[8] kleinen Vogel hab' ich theuer gekauft, dafür hab' ich dich einem wilden Löwen versprechen müssen, wenn er dich hat, wird er dich zerreissen und fressen" und erzählte ihr da alles, wie es zugegangen war und bat sie, nicht hinzugehen, es möcht' auch

kommen was wollte. Sie aber tröstete ihn und sprach: "liebster Vater, weil ihr's versprochen habt, muß es auch gehalten werden und will ich hingehen und den Löwen schon besänftigen, daß ich wieder gesund zu euch heim kommen kann". Am andern Morgen ließ sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und ging getrost in den Wald hinein. Der Löwe aber war ein verzauberter Prinz und bei Tag ein Löwe und mit ihm wurden alle seine Leute zu Löwen, in der Nacht aber hatten sie ihre natürliche Gestalt wieder. Als sie nun ankam, that er gar freundlich und ward Hochzeit gehalten und in der Nacht war er ein schöner Prinz, und da wachten sie in der Nacht und schliefen am Tag und lebten eine lange Zeit vergnügt miteinander. Einmal kam der Prinz und sagte: "morgen ist ein Fest in deines Vaters Haus, weil deine älteste Schwester sich verheirathet und wenn du Lust hast hinzugehen, sollen dich meine Löwen hinführen". Da sagte sie ja, sie möchte gern ihren Vater wiedersehen, und fuhr hin und wurde von den Löwen begleitet; da war große Freude, als sie ankam, denn sie hatten alle geglaubt, sie wäre schon lange todt, und[9] von dem Löwen zerrissen worden. Sie erzählte aber, wie gut es ihr ging und blieb bei ihnen, so lang die Hochzeit dauerte, dann fuhr sie wieder zurück in den Wald. Wie die zweite Tochter heirathete, und sie wieder zur Hochzeit eingeladen war, sprach sie zum Löwen: "diesmal will ich nicht allein seyn, du mußt mitgehen". Der Löwe aber wollte nicht und sagte, das wäre zu gefährlich für ihn, denn wenn ein Strahl eines brennenden Lichts ihn anrühre, so würd' er in eine Taube verwandelt und müßte sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. Sie ließ ihm aber keine Ruh', und sagte, sie wollt' ihn schon hüten und bewahren vor allem Licht. Also zogen sie zusammen und nahmen auch ihr kleines Kind mit. Sie aber ließ dort einen Saal mauern, so stark und dick, daß kein Strahl durchdrang, darin sollt' er sitzen, wenn die Hochzeitslichter angesteckt würden. Die Thür aber war von frischem Holz gemacht, das sprang und bekam einen kleinen Ritz, den kein Mensch bemerkte. Nun ward die Hochzeit mit Pracht gefeiert, wie aber der Zug aus der Kirche zurückkam mit den vielen Fackeln und Lichtern an dem Saal des Prinzen vorbei, da fiel ein dünner dünner Strahl auf ihn und wie dieser ihn berührt hatte, in dem Augenblick war er auch verwandelt, und als die Prinzessin hinein kam und ihn suchte, saß blos eine weiße Taube da, die sprach zu ihr: "sieben Jahr muß ich nun in die[10] Welt fortfliegen, alle sieben Schritte aber will ich einen rothen Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lassen, die sollen dir den Weg zeigen, und wenn du mir da nachfolgst, kannst du mich erlösen."

Da flog die Taube zur Thür hinaus und sie folgte ihr nach und alle sieben Schritte fiel ein rothes Blutströpfchen und ein weißes Federchen

herab und zeigte ihr den Weg. So ging sie immer zu in die weite Welt hinein und schaute nicht um sich und ruhte sich nicht, und waren fast die sieben Jahre herum; da freute sie sich und meinte, sie wären bald erlöst und war noch so weit davon. Einmal, als sie so fort ging, fiel kein Federchen mehr und auch kein rothes Blutströpfchen und als sie die Augen aufschlug, da war die Taube verschwunden. Und weil sie dachte, Menschen können dir da nichts helfen, so stieg sie zur Sonne hinauf und sagte zu ihr: "du scheinst in alle Ritzen und über alle Spitzen; hast du keine weiße Taube fliegen sehen?" - "Nein, sagte die Sonne, ich habe keine gesehen, aber da schenk ich dir ein Schächtelchen, das mach auf, wenn du in großer Noth bist". Da dankte sie der Sonne und ging weiter bis es Abend war und der Mond schien, da fragte sie ihn: "du scheinst ja die ganze Nacht, durch alle Felder und Wälder: hast du keine weiße Taube fliegen sehen?" - "Nein, sagte der Mond, ich habe keine gesehen, aber da[11] schenk ich dir ein Ei, das zerbrich wenn du in großer Noth bist". - Da dankte sie dem Mond und ging weiter, bis der Nachtwind wehte, da sprach sie zu ihm: "du wehst ja durch alle Bäume und unter alle Blätterchen weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?" - "Nein, sagte der Nachtwind, ich habe keine gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen". Der Ostwind und der Westwind kamen und sagten, sie hätten nichts gesehen, der Südwind aber sprach: "die weiße Taube hab' ich gesehen, sie ist zum rothen Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Prinzessin". Da sagte der Nachtwind zu ihr: "ich will dir Rath geben, geh' zum rothen Meer' am rechten Ufer da stehen große Ruthen, die zähl' und die eilfte schneid' dir ab und schlag' den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder; dann schau dich um und du siehst den Vogel Greif am rothen Meer sitzen, schwing' dich auf seinen Rücken mit dem Prinzen, der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen; da hast du auch eine Nuß, wenn du mitten über dem Meer bist, laß sie herab fallen, alsbald wird ein großer Nußbaum aus dem Wasser hervorwachsen, auf dem sich der Greif ruht, und[12] könnte er nicht ruhen, wär' er nicht stark genug, euch hinüber zu tragen, und wenn du es vergißt, wirft er euch ins Meer hinunter."

Da ging sie hin und fand alles, wie der Nachtwind gesagt hatte und schnitt die eilfte Ruthe ab, damit schlug sie den Lindwurm, alsbald bezwang ihn der Löwe und da hatten beide ihren menschlichen Leib wieder. Und wie sich die Prinzessin, die vorher ein Lindwurm gewesen war, frei sah, nahm sie den Prinzen in den Arm, setzte sich auf den Vogel

Greif und führte ihn mit sich fort. Also stand die arme, weitgewanderte und war wieder verlassen, sie sprach aber: "ich will noch so weit gehen als der Wind weht und so lang als der Hahn kräht, bis ich ihn finde". Und ging fort, lange lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloß kam, wo beide zusammen lebten, da hörte sie daß bald ein Fest wäre, wo sie Hochzeit mit einander machen wollten. Sie sprach aber, Gott hilft mir doch noch, und nahm das Schächtelchen, das ihr die Sonne gegeben hatte, da lag ein Kleid darin, so glänzend, wie die Sonne selber. Da nahm sie es heraus und zog es an und ging hinauf in das Schloß und alle Leute sahen sie an und die Braut selber; und das Kleid gefiel ihr so gut, daß sie dachte, es könnte ihr Hochzeitkleid geben und fragte, ob es nicht feil wäre? "Nicht für Geld und Gut, sagte sie, aber für Fleisch und[13] Blut". Die Braut fragte, was sie damit meine, da sagte sie: "laßt mich eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft". Die Braut wollte nicht und wollte doch gern das Kleid haben, endlich willigte sie ein, aber der Kammerdiener mußte dem Prinzen einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war, und der Prinz schon schlief, ward sie in die Kammer geführt, da setzte sie sich ans Bett und sagte: "ich bin dir nachgefolgt sieben Jahre, bin bei Sonne, Mond und den Winden gewesen und hab' nach dir gefragt, und hab' dir geholfen gegen den Lindwurm, willst du mich denn ganz vergessen?" Der Prinz aber schlief so hart, daß es ihm nur vorkam, als rausche der Wind draußen in den Tannenbäumen. Wie nun der Morgen anbrach, da ward sie wieder hinausgeführt, und mußte das goldene Kleid hingeben; und als auch das nichts geholfen hatte, ward sie traurig, ging hinaus auf eine Wiese, setzte sich da hin und weinte. Und wie sie so saß, da fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hatte und sie schlug es auf: ei! da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein ganz von Gold, die liefen herum und piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so daß nichts schöneres auf der Welt zu sehen war. Da stand sie auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange bis die Braut aus dem Fenster sah, und da gefiel ihr das kleine Wesen so gut, daß sie gleich herab kam[14] und fragte, ob sie nicht feil wären? "Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut; laßt mich noch eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft". Die Braut sagte ja und wollte sie betrügen, wie am vorigen Abend, als aber der Prinz zu Bett ging, fragte er seinen Kammerdiener, was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewesen sey. Da erzählte der Kammerdiener alles, daß er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mädchen heimlich in der Kammer geschlafen hätte, und heute Nacht solle er ihm wieder einen geben. Sagte der Prinz: "gieße den Trank neben das Bett aus", und zur Nacht wurde sie wieder hereingeführt, und

als sie anfing wieder zu erzählen, wie es ihr traurig ergangen wär', da erkannt' er gleich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und sprach: "so bin ich erst recht erlöst, mir ist gewesen, wie in einem Traum, denn die Prinzessin hat mich bezaubert, daß ich dich vergessen mußte, aber Gott hat mir noch zu rechter Stunde geholfen". Da gingen sie beide in der Nacht heimlich aus dem Schloß, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Prinzessin, der ein Zauberer war, und setzten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das rothe Meer, und als sie in der Mitte waren, ließ sie die Nuß fallen. Alsbald wuchs ein großer Nußbaum, darauf ruhte sich der Vogel und dann führte er sie nach[15] Haus, wo sie ihr Kind fanden, das war groß und schön geworden, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.[16]

3. Die Gänsemagd.

Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben und sie hatte eine schöne Tochter, wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld auch an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten, und das Kind in das fremde Reich abreisen mußte, packte ihr die Alte gar viel köstliches Geräth und Geschmeide ein: Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was ihr zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen. Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit in ihre Finger, daß sie bluteten; darauf hielt sie ein weißes Läppchen unter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach: "liebes Kind verwahr sie wohl, sie werden dir unterweges Noth thun."[16]

Also nahmen beide von einander betrübten Abschied, das Läppchen steckte die Königstochter in ihren Busen vor sich, setzte sich auf's Pferd und zog nun fort zu ihrem Bräutigam. Da sie eine Stunde geritten waren, empfand sie heißen Durst und rief ihrer Kammerjungfer: steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den du aufzuheben hast, Wasser aus dem Bach, ich möchte gern einmal trinken. "Ei, wenn ihr Durst habt, sprach die Kammerjungfer, so steigt selber ab, legt euch an's Wasser und trinkt, ich mag eure Magd nicht seyn!" Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wässerlein im Bach und trank und durfte nicht aus dem goldnen Becher trinken. Da sprach sie:

"ach Gott!" da antworteten die drei Blutstropfen: "wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe thät ihr zerspringen". Aber die Königsbraut war gar demüthig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferd. So ritten sie etliche Meilen weiter fort und der Tag war warm, daß die Sonne stach und sie durstete bald von neuem; da sie nun an einen Wasserfluß kamen, rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer: "steig ab und gieb mir aus meinem Goldbecher zu trinken!" denn sie hatte aller bösen Worte längst vergessen. Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmüthiger: "wollt' ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht eure Magd seyn". Da stieg die Königstochter[17] hernieder vor großem Durst und legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach: "ach Gott!" und die Blutstropfen antworteten wiederum: "wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe thät ihr zerspringen!" Und wie sie so trank und sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen, und floß mit dem Wasser fort, ohne daß sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerfrau hatte aber zugesehen und freute sich, daß sie Macht über die Braut bekäme, denn damit, daß diese die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach geworden. Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hieß Falada, sagte die Kammerfrau: "auf Falada gehör' ich und auf meinen Gaul gehörst du" und das mußte sie sich gefallen lassen, außerdem hieß sie die Kammerfrau auch noch die königlichen Kleider ausziehen und ihre schlechten anlegen, und endlich mußte sie sich unter freiem Himmel verschwören, daß sie am königlichen Hof keinem Menschen nichts davon sprechen wollte, und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles an und nahm's wohl in Acht.

Die Kammerfrau stieg nun auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Roß, und so zogen sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloß eintrafen, da war große Freude über ihre[18] Ankunft, und der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde und meinte, sie wäre seine Gemahlin und sie wurde die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber mußte unten stehen bleiben. Da schaute der alte König am Fenster und sah sie im Hofe halten, nun war sie fein und zart und sehr schön, ging hin ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der, die sie bei sich hätte und da unten im Hofe stände, und wer sie wäre? "ei, die hab' ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschaft, gebt der Magd was zu arbeiten, daß sie nicht müßig steht". Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wußte nichts, als daß er sagte: "da hab' ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen!" Der Junge hieß

Kürdchen,(Conrädchen) dem mußte die wahre Braut helfen Gänse hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König: "liebster Gemahl, ich bitte euch, thut mir einen Gefallen!" Er antwortete: "das will ich gerne thun". "Nun so laßt mir den Schinder rufen und da dem Pferd, worauf ich her geritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterweges geärgert hat;" eigentlich aber fürchtete sie sich, daß das Pferd sprechen möchte, wie sie mit der Königstochter umgegangen wäre. Nun war das so weit gerathen, daß es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch[19] der rechten Königstochter zu Ohr und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes, finsteres Thor, wo sie Abends und Morgens mit den Gänsen durch mußte, "unter das finstere Thor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, daß sie ihn doch noch als einmal sehen könnte". Also versprach das der Schindersknecht zu thun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Thor fest.

Des Morgens früh, als sie und Kürdchen unterm Thor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen:

o du Falada, da du hangest,

da antwortete der Kopf:

o du Jungfer Königin, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüßte,

ihr Herz thät ihr zerspringen!

da zog sie still weiter zur Stadt hinaus und sie trieben die Gänse auf's Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie hier und machte ihre Haare auf, die waren eitel Silber, und Kürdchen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein Paar ausraufen. Da sprach sie:[20]

weh'! weh'! Windchen1,

nimm Kürdchen sein Hütchen,

und laß'n sich mit jagen,

bis ich mich geflochten und geschnatzt

und wieder aufgesatzt.

und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen wegwehte über alle Land, daß es ihm nachlief und bis es wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig und er konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr, und so hüteten

sie die Gänse bis daß es Abend wurde, dann fuhren sie nach Haus.

Den andern Morgen, wie sie unter dem finstern Thor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:

o du Falada, da du hangest,

es antwortete:

o du Jungfer Königin, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüßte,

das Herz thät ihr zerspringen!

und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing an ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte darnach greifen, da sprach sie schnell:

weh'! weh'! Windchen,

nimm dem Kürdchen sein Hütchen[21]

und laß'n sich mit jagen,

bis ich mich geflochten und geschnatzt

und wieder aufgesatzt.

da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, daß es nachzulaufen hatte, und als es wieder kam, hatte sie längst ihr Haar zurecht und es konnte keins davon erwischen, und sie hüteten die Gänse bis es Abend wurde.

Abends aber, nachdem sie heim kamen, ging Kürdchen vor den alten König und sagte: "mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten". Warum denn? sprach der alte König. "Ei, das ärgert mich den ganzen Tag". Da befahl ihm der alte König, zu erzählen, wie's ihm denn mit ihr ginge. Da sagte Kürdchen: "des Morgens wenn wir unter dem finstern Thor mit der Heerde durchkommen, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie:

Falada, da du hangest,

da antwortet der Kopf:

o du Königsjungfer, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüßte,

das Herz thät ihr zerspringen!"

und so erzählte Kürdchen weiter was auf der Ganswiese geschähe und wie es da dem Hut im Wind nachlaufen müßte.

Der alte König befahl ihm aber, den nächsten Tag wieder hinaus zu treiben, und er selbst,[22] wie es Morgens war, setzte sich hinter das finstere Thor und hörte da, wie sie mit dem Haupt des Falada sprach;

und dann ging er ihr auch nach in das Feld und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eigenen Augen, wie die Gänsemagd und der Gänsejung die Heerde getrieben brachten und nach einer Weile sie sich setzte und ihre Haare losflocht, die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder:

weh'! weh'! Windchen,

Faß Kürdchen sein Hütchen

und laß'n sich mit jagen,

bis daß ich mich geflochten und geschnatzt

und wieder aufgesatzt.

da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, daß es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König alles beobachtete. Darauf ging er unbemerkt zurück und als Abends die Gänsemagd heim kam, rief er sie bei Seite und fragte: warum sie dem allem so thäte? "das darf ich euch und keinem Menschen nicht sagen, denn so hab' ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben wäre gekommen". Er aber drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, "willst du mir's nicht erzählen", sagte der alte König endlich, "so darfst du's doch dem Kachelofen erzählen". "Ja, das will ich wohl" antwortete sie. Damit mußte sie in den Ofen[23] kriechen und schüttete ihr ganzes Herz aus, wie es ihr bis dahin ergangen und wie sie von der bösen Kammerjungfer betrogen worden war. Aber der Ofen hatte oben ein Loch, da lauerte ihr der alte König zu und vernahm ihr Schicksal von Wort zu Wort. Da war's gut und Königskleider wurden ihr alsbald angethan und es schien ein Wunder, wie sie so schön war; der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, daß er die falsche Braut hätte, die wäre ein bloßes Kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene Gänsemagd. Der junge König aber war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und gute Freunde gebeten wurden, obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunken hatten und gutes Muths waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Räthsel auf: was eine solche werth wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte: "welches Urtheils ist diese würdig?" Da sprach die falsche Braut: "die ist nichts bessers werth, als splinternackt ausgezogen in ein Faß inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen geworfen zu werden, und zwei weiße Pferde davor gespannt

müssen sie[24] Gaß auf Gaß ab zu Tode schleifen!" "Das bist du, sprach der alte König, und dein eigen Urtheil hast du gefunden und darnach soll die widerfahren", welches auch vollzogen wurde; der junge König vermählte sich aber mit seiner rechten Gemahlin und beide regirten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.[25]

Fußnoten

1 D.h. Windchen wehe! nicht die Ausrufung ehou!

4. Von einem jungen Riesen.

Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war so groß wie ein Daumen und ward gar nicht größer, und wuchs in etlichen Jahren nicht haarbreit. Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und pflügen, da sagte der kleine: "Vater, ich will mit hinaus". "Nein, sprach der Vater, bleib du nur hier, draußen bist du zu nichts nutz, du könntest mir auch verloren gehen". Da fing der Däumling an zu weinen, und wollte der Vater Ruhe haben, mußt' er ihn mitnehmen. Also steckte er ihn in die Tasche und auf dem Felde that er ihn heraus und setzte ihn in eine frische Furche. Wie er da so saß, kam über den Berg ein großer Riese daher. "Siehst du dort den großen Butzemann, sagte der Vater und wollte den Kleinen schrecken, damit er artig wäre, der kommt und holt dich". Der Riese aber hatte lange Beine, und wie es[25] noch ein Paar Schritte gethan, da war er bei der Furche, nahm den kleinen Däumling heraus und ging mit ihm fort. Der Vater stand dabei, konnte vor Schreck kein Wort sprechen und glaubte, sein Kind wäre nun verloren also, daß er's sein lebtag nicht wieder sehen würde.

Der Riese aber nahm es mit sich und ließ es an seiner Brust saugen und der Däumling wuchs und ward groß und stark nach Riesen-Art und als zwei Jahre herum waren, ging der Alte mit ihm in den Wald und wollt' ihn versuchen und sprach: "zieh dir da eine Gerte heraus". Da war der Knabe schon so stark, daß er einen jungen Baum mit den Wurzeln aus der Erde riß. Der Riese aber dachte, das muß besser kommen und nahm ihn wieder mit, säugte ihn noch zwei Jahre und als er ihn da in den Wald führte, sich zu versuchen, riß er schon einen viel größeren Baum heraus. Das war aber dem Riesen noch nicht genug und er säugte ihn noch zwei Jahre, ging dann mit ihm in den Wald und sprach: "nun reiß einmal eine ordentliche Gerte aus". Da riß der Junge den dicksten Eichenbaum aus der Erde, daß es krachte und war ihm nur ein Spaß. Wie der alte Riese das sah, sprach er, nun ist's gut, du hast ausgelernt, und führte ihn zurück zu dem Acker, wo er ihn geholt hatte. Sein Vater pflügte gerade

wieder, da ging der junge Riese auf ihn zu und sprach: "sieht er[26] wohl, Vater, wie's gekommen ist, ich bin sein Sohn". Da erschrak der Bauer und sagte: "nein, du bist mein Sohn nicht, geh' weg von mir". "Freilich bin ich sein Sohn, laß er mich einmal pflügen, ich kann's so gut, wie er auch". - "Nein, du bist mein Sohn nicht, du kannst auch nicht pflügen, geh' nur weg von mir". Weil er sich aber vor dem großen Mann fürchtete, ließ er den Pflug los, ging weg und setzte sich zur Seite an's Land. Da nahm der Junge das Geschirr und wollte pflügen, aber er drückte blos mit der einen Hand so gewaltig darauf, daß der Pflug tief in die Erde ging. Der Bauer konnte das nicht mit ansehen und rief ihm zu: wenn du pflügen willst, mußt du nicht so gewaltig drücken, das Land wird nicht ordentlich. Der Junge aber spannte die Pferde aus, und spannte sich selber vor den Pflug und sagte: "geh' er nur nach Haus, Vater, und sag' er der Mutter, sie sollt' eine rechte Schüssel voll zu essen kochen; ich will derweil den Acker schon herumreißen". Da ging der Bauer heim und bestellte es bei seiner Frau und die kochte eine tüchtige Schüssel voll, der Junge aber pflügte das Land, zwei Morgen Felds ganz allein, und dann spannte er sich auch selber vor die Egge und eggte alles mit zwei Eggen zugleich. Wie er fertig war, ging er in den Wald und riß zwei Eichenbäume aus, legte sie auf die Schultern und hinten und vorn eine Egge drauf[27] und hinten und vorn auch ein Pferd, und trug das alles wie einen Bund Stroh nach Haus. Wie er in den Hof kam, kannte ihn seine Mutter nicht und fragte: "wer ist der entsetzliche große Mann?" der Bauer sagte: "das ist unser Sohn". Sie sprach: "nein, unser Sohn ist das nimmermehr, so groß haben wir keinen gehabt, unser war ein kleines Ding: geh' nur weg, wir wollen dich nicht". Der Junge aber schwieg still, zog seine Pferde in den Stall, gab ihnen Haber und Heu und brachte alles in Ordnung; und wie er fertig war, ging er in die Stube, setzte sich auf die Bank und sagte: "Mutter, nun hätt' ich Lust zu essen, ist's bald fertig?" da sagte sie ja, getraute sich nicht, ihm zu widersprechen und brachte zwei große, große Schüsseln voll herein, daran hätten sie und ihr Mann acht Tage satt gehabt. Er aber aß sie allein auf und fragte, ob sie nicht mehr hätten? "Nein, sagte sie, das ist alles, was wir haben". "Das war ja nur zum schmecken, ich muß noch mehr haben". Da ging sie hin und setzte einen großen Schweinekessel voll über's Feuer und wie es gahr war, trug sie es herein. "Nun, da ist noch ein Bischen", sagte er, und aß das alles noch hinein: es war aber doch nicht genug. Da sprach er: "Vater, ich seh' wohl, bei ihm werd' ich nicht satt, will er mir einen Stab von Eisen verschaffen, der stark ist, daß ich ihn vor meinen Knien nicht zerbrechen kann, so will[28] ich wieder fort gehen". Da war der Bauer froh und spannte seine zwei Pferde vor

den Wagen, fuhr zum Schmid und holte einen Stab so groß und dick, als ihn die zwei Pferde nur fahren konnten. Der Junge aber nahm ihn vor die Knie und ratsch! zerbrach er ihn wie eine Bohnenstange in der Mitte entzwei. Der Vater spannte da vier Pferde vor und holte einen Stab so groß und dick, als ihn die vier Pferde fahren konnten. Den nahm der Sohn auch, knickte ihn vor dem Knie entzwei, warf ihn hin und sprach: "Vater, der kann mir nicht helfen, er muß besser vorspannen und einen stärkern Stab holen". Da spannte der Vater acht Pferde vor und holte einen so groß und dick, als ihn die acht Pferde nur fahren konnten. Wie der Sohn den kriegte, brach er gleich oben ein Stück davon ab und sagte: "Vater, ich sehe, er kann mir doch keinen Stab anschaffen, ich will nur so weggehen."

Da ging er fort und gab sich für einen Schmiedegesellen aus. Er kam in ein Dorf, darin wohnte ein Schmied, der war ein Geitzmann, gönnte keinem Menschen etwas und wollte alles haben; zu dem trat er nun in die Schmiede und fragte ihn, ob er keinen Gesellen brauche. "Ja", sagte der Schmied und sah ihn an und dachte, das ist ein tüchtiger Kerl, der wird gut vorschlagen und sein Brot verdienen: "wie viel willst du Lohn haben?" "Gar keinen Lohn will ich haben,[29] sagte er, nur alle 14 Tage, wenn die andern Gesellen ihren bezahlt kriegen, will ich dir zwei Streiche geben, die mußt du aushalten". Das war der Geitzmann von Herzen zufrieden und dachte damit viel Geld zu sparen. Am andern Morgen sollte der fremde Gesell' zuerst vorschlagen, wie aber der Meister den glühenden Stab bringt und er den ersten Schlag thut, da fliegt das Eisen von einander und der Ambos sinkt in die Erde, so tief, daß sie ihn gar nicht wieder herausbringen konnten. Da ward der Geitzmann bös und sagte: "ei was, dich kann ich nicht brauchen, du schlägst gar zu grob, was willst du für den einen Zuschlag haben?" Da sprach er: "ich will dir nur einen ganz kleinen Streich geben, weiter nichts". Und hob seinen Fuß auf und gab ihm einen Tritt, daß er über vier Fuder Heu hinausflog. Darauf nahm er den dicksten Eisenstab aus der Schmiede als einen Stock in die Hand und ging weiter.

Als er eine Weile gezogen war, kam er zu einem Amt und fragte den Amtmann, ob er keinen Großknecht nöthig hätte. Ja, sagte der Amtmann, er könnte einen brauchen, er sehe aus wie ein tüchtiger Kerl, der schon was vermöchte, wie viel er Jahrslohn haben wollte. Da sprach er wieder, er wollt' gar keinen Lohn, aber alle Jahre wollt' er ihm drei Streiche geben, die müßte er aushalten. Das war der Amtmann[30] zufrieden, denn er war auch so ein Geitzhals. Am andern Morgen, da sollten die Knechte ins Holz fahren und die andern waren schon auf, er aber lag noch im Bett. Da rief ihn einer an: "nun steh auf, es ist Zeit, wir

wollen in's Holz, du mußt mit". "Ach, sagte er ganz grob und trotzig, geht ihr nur hin, ich komme doch eher wieder, als ihr alle miteinander". Da gingen die andern zum Amtmann und erzählten ihm, der Großknecht läge noch im Bett und wollte nicht mit in's Holz fahren. Der Amtmann sagte, sie sollten ihn noch einmal wecken und ihn heißen die Pferde vorspannen. Der Großknecht sprach aber wie vorher: "geht ihr nur hin, ich komme doch eher wieder, als ihr alle miteinander". Darauf blieb er noch zwei Stunden liegen, da stieg er endlich aus den Federn, holte sich aber erst zwei Scheffel voll Erbsen vom Boden, kochte sie und aß sie in guter Ruhe, und wie das alles geschehen war, ging er hin, spannte die Pferde vor und fuhr in's Holz. Bald vor dem Holz war ein Hohlweg, wo er durch mußte, da fuhr er den Wagen erst vorwärts, dann mußten die Pferde stille halten und er ging hinter den Wagen und nahm Bäume und Reisig und machte da eine große Hucke(Verhack), so daß kein Pferd durchkommen konnte. Wie er nun vor's Holz kam, fuhren die andern eben mit ihren beladenen Wagen heraus und wollten heim, da sprach er zu[31] ihnen: "fahrt nur hin, ich komme doch eher als ihr nach Haus". Er fuhr aber nur ein Bischen ins Holz und riß gleich zwei von den allergrößten Bäumen aus der Erde, die lud er auf den Wagen und drehte um. Wie er vor die Hucke kam, standen die andern noch da und konnten nicht durch, da sprach er: "seht ihr wohl, wärt ihr bei mir geblieben, wärt ihr eben so gerade nach Haus gekommen und hättet noch eine Stunde schlafen können". Er wollte nun zufahren, aber seine vier Pferde, die konnten sich nicht durcharbeiten, da spannte er sie aus, legte sie oben auf den Wagen, spannte sich selber vor, hüf! zog er alles durch und das ging so leicht, als hätt' er Federn geladen. Wie er drüben war, sprach er zu den andern: "seht ihr wohl, ich bin eher durchgekommen als ihr" und fuhr fort und die andern mußten stehen bleiben. In dem Hof aber nahm er einen Baum in die Hand und zeigte ihn dem Amtmann, und sagte: "ist das nicht ein schönes Klafterstück?" Da sprach der Amtmann zu seiner Frau: "der Knecht ist gut, wenn er auch lang schläft, er ist doch eher wieder da, als die andern."

Nun diente er dem Amtmann ein Jahr; wie das herum war und die andern Knechte ihren Lohn kriegten, sprach er, nun wär's Zeit, er wollte auch gern seinen Lohn sich nehmen. Dem Amtmann ward aber Angst dabei, daß er die Streiche kriegen sollte und bat ihn gar zu sehr, er möchte sie[32] ihm schenken, lieber wollte er selbst Großknecht werden und er sollte Amtmann seyn. "Nein, sprach er, ich will kein Amtmann werden, ich bin Großknecht und will's bleiben, ich will aber austheilen, was bedungen ist". Der Amtmann wollt' ihm geben, was er nur verlangte, aber es half nichts, der Großknecht sprach zu allem nein. Da

wußte sich der Amtmann keinen Rath und bat ihn nur um 14 Tage Frist, er wollte sich auf etwas besinnen; da sprach der Großknecht, die sollt' er haben. Der Amtmann berief alle seine Schreiber zusammen, die sollten sich bedenken und ihm einen Rath geben, die besannen sich lange, endlich sagten sie, man müßte den Großknecht um's Leben bringen; er sollte große Mühlsteine um den Brunnen im Hof anfahren lassen und dann ihn heißen hinabsteigen und den Brunnen rein machen, und wenn er unten wäre, wollten sie ihm die Mühlsteine auf den Kopf werfen. Der Rath gefiel dem Amtmann und da ward alles eingerichtet und wurden die größten Mühlsteine herangefahren. Wie nun der Großknecht im Brunnen stand, rollten sie die Steine hinab, und die schlugen hinunter, daß das Wasser in die Höh' sprützte. Da meinten sie gewiß, der Kopf wär' ihm eingeschlagen, aber er rief: "jagt doch die Hühner vom Brunnen weg, die kratzen daoben im Sand und werfen mir die Körner in die Augen, daß ich nicht sehen kann". Da rief der[33] Amtmann: bsch! bsch! und that als scheuchte er die Hühner weg. Wie nun der Großknecht fertig war, stieg er herauf und sagte: "seht einmal, ich hab' doch ein schön Halsband um", da waren es die Mühlensteine, die trug er um den Hals. Wie der Amtmann das sah, ward ihm wieder Angst, denn der Großknecht wollt' ihm nun seinen Lohn geben; da bat er wieder um 14 Tage Bedenkzeit und ließ die Schreiber zusammen kommen, die gaben endlich den Rath, er sollt' ihn in die verwünschte Mühle schicken, und ihn heißen, dort in der Nacht noch Korn malen, da sey noch kein Mensch lebendig Morgens herausgegangen. Der Anschlag gefiel dem Amtmann; also rief er ihn noch denselben Abend, und sagte, er sollte acht Malter Korn in die Mühle fahren und in der Nacht noch malen, sie hättens nöthig. Da ging der Großknecht auf den Boden und that zwei Malter in seine rechte Tasche, zwei in die linke, vier nahm er in einem Quersack halb auf den Rücken, halb auf die Brust und ging so nach der verwünschten Mühle. Der Müller aber sagte ihm, bei Tag könnt' er recht gut da mahlen, aber nicht in der Nacht, da sey die Mühle verwünscht, und wer da noch hineingegangen, der sey am Morgen todt darin gefunden worden. Er sprach: "ich will schon durchkommen, macht euch nur fort und legt euch auf's Ohr". Darauf ging er in die Mühle und schüttete das Korn auf und wie's bald[34] elf schlagen wollte, ging er in die Müllerstube und setzte sich auf die Bank. Als er ein bischen da gesessen hatte, that sich auf einmal die Thür auf und kam eine große, große Tafel herein, und auf die Tafel stellte sich Wein und Braten und viel gutes Essen, alles von selber, denn es war niemand da der's auftrug. Und darnach rückten sich die Stühle herbei, aber es kamen keine Leute, bis auf einmal sah er Finger, die handthierten mit den Messern und Gabeln und legten Speisen auf die

Teller, aber sonst konnt' er nichts sehen. Nun war er hungrig und sah die Speisen, da setzte er sich auch an die Tafel und aß mit und ließ sich's gut schmecken. Wie er aber satt war und die andern ihre Schüsseln auch ganz leer gemacht hatten, da wurden die Lichter auf einmal alle ausgeputzt, das hörte er deutlich, und wie's nun stock finster war, so kriegte er so etwas wie eine Ohrfeige in's Gesicht; da sprach er: "wenn noch einmal so etwas kommt, so theil' ich auch wieder aus;" und wie er zum zweiten Mal eine kriegte, da schlug er gleichfalls mit hinein. Und so ging das fort die ganze Nacht, er ließ sich nicht schrecken, und schlug nicht faul um sich herum; bei Tagesanbruch aber hörte alles auf. Wie der Müller aufgestanden war, wollt' er nach ihm sehen und verwunderte sich, daß er noch lebte. Da sprach er: "ich habe Ohrfeigen gekriegt, aber ich habe auch Ohrfeigen ausgetheilt und mich satt[35] gegessen". Der Müller freute sich und sagte, nun wäre die Mühle erlöst und er wollt' ihm gern zur Belohnung viel Geld geben. Er sprach aber: "Geld will ich nicht, ich habe doch genug". Dann nahm er sein Mehl auf den Rücken und ging nach Haus und sagte dem Amtmann, er habe die Sache ausgerichtet und wollte nun seinen bedungenen Lohn haben. Wie der Amtmann das hörte, da ward ihm erst recht Angst und er wußte sich nicht zu lassen und ging in der Stube auf und ab, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne herunterliefen. Da machte er das Fenster auf nach ein wenig frischer Luft, eh er sich's aber versah, hatte ihm der Großknecht einen Tritt gegeben, daß er durchs Fenster in die Luft hinein flog, immer fort, bis ihn niemand mehr sehen konnte. Da sprach der Großknecht zur Frau des Amtmanns, nun müßte sie den andern Streich hinnehmen, die sagte aber: "ach nein, ich kann's nicht aushalten" und machte auch ein Fenster auf, weil ihr die Schweißtropfen die Stirn' herunter liefen. Da gab er ihr gleichfalls einen Tritt, daß sie auch hinausflog und noch viel höher als ihr Mann; und der rief ihr zu: "komm doch zu mir!" sie aber rief: "komm du doch zu mir, ich kann nicht zu dir;" und sie schwebten da in der Luft und konnte keins zum andern, und ob sie da noch schweben, das weiß ich nicht; der junge Riese aber nahm seine Eisenstange und ging weiter.[36]

5. Dat Erdmänneken.

Et was mal en rik Künig west, de hadde drei Döchter had, de wören alle Dage in den Schlott-Goren spazeren gaan, un de Künig, dat was so en Lievhaber von allerhand wackeren Bömen west; un einen, den hadde he so leiv had, dat he denjenigen, de ünne en Appel dervon plückede, hunnerd Klafter unner de Eere verwünschede. As et nu Hervest war, da wurden de Appel an den eine Baume so raut, ase Blaud. De drei Döchter

gungen alle Dage unner den Baum un seken to, ov nig de Wind 'n Appel herunner schlagen hädde, awerst se fannen ir levedage kienen, un de Baum, de satt so vull, dat he brecken wull, un de Telgen(Zweige) hungen bis up de Eere. Da gelustede den jungesten Künigskinne gewaldig, un et segde to sinen Süstern: "use Teite(Vater), de hett us viel to leiv, ase dat he us verwünschen deihe; ik glöve, dat he dat nur wegen de frümden Lude dahen hat". Un indes plücked dat Kind en gans dicken Appel af un sprunk fur sinen Süstern und segde: "a! nu schmecket mal, mine lewen Süsterkes, nu hew ik doch min levedage so wat schönes no nig schmecket". Da beeten de beiden annern Künigsdöchter auch mal in den Appel, un da versünken[37] se alle drei deip, so deip unner de Eere, dat kien Haan mer danach krehete.

As et da Middag is, da willt se de Künig do Diske roopen, do sind se nirgens to finnen, he söket se so viel im Schlott un in Goren; awerst he kun se nig finnen. Da werd he so bedröwet, un let dat ganse Land upbeien(aufbieten), un wer ünne sine Döchter wier brechte, de sull ene davon tor Fruen hewen. Da gahet so viele junge Lude uwer Feld, un söket, dat is gans ut der Wise(über alle Maßen); denn jeder hadde de drei Kinner geren had, wiil se wören gegen jedermann so fründlig un so schön von Angesichte west. Und et togen auck drei Jäger-burschen ut, un ase da wol en acht Dage riefet hadden, da kummet se up en grot Schlott, da woren so hübsche Stoben inne west, un in einer Zimmer is en Disch decket, darup wören so söte Spisen, de sied noch so warme, dat se dampet, awerst in den ganzen Schlott is kien Minsk to hören noch to seihen. Da wartet se noch en halwen Dag, un de Spisen bliewet immer un dampet, bis up et lest, da weret se so hunerig, dat se sik derbie settet un ettet un macket mit en anner ut, se wullen up den Schlotte wuhnen bliewen, un wüllen darümme loosen, dat eine in Huse blev un de beiden annern de Dochter söketen; dat doet se auk, un dat Loos dreppet den ölesten. Den[38] annern Dag, da gaet de twei jüngesten söken, un de öleste mot to Huse bliewen. Am Middage kümmt der so en klein klein Männeken un hölt um 'n Stukesken Braud ane, da nümmt he von dem Braude, wat he da funnen hädde un schnitt en Stücke rund umme den Braud weg, un will ünne dat giewen, indes dat he et ünne reiket, lett et dat kleine Männeken fallen un segd, he sulle dok so gut sin un giewen ün dat Stücke wier. Da will he dat auck doen un bucket sik, mit des nümmt dat Männeken en Stock un päckt ünne bie den Haaren un giwt ünne düchtige Schläge. Den anneren Dag, da is de tweide to Hus bliewen, den geit et nicks better; ase de tweide da den Avend nah Hus kümmet, da segd de öleste: "no, wie hätt et die dann gaen?" - "o et geit wie gans schlechte". Da klaget se sik enanner ehre Naud, awerst den jungesten

hadden se nicks davonne sagd, den hadden se gar nig lien(leiden) mogt und hadden ünne jümmer den dummen Hans heiten, weil he nig recht van de Weld was. Den driden Dag, da blivt de jüngeste to Hus, da kümmet dat kleine Männeken wier un hölt um en Stücksken Braud an, da he ünne da giewen hätt, let he et wier fallen un segd, he mögte dock so gut sien und reicken ünne dat Stücksken wier. Da segd he to den kleinen Männeken: "wat! kannst du dat Stücke nig sulwens wier up nummen, wenn du die de Möhe nig mal um dine[39] däglige Narunge giewen wust, so bist du auck nig werth, dat du et etest". Do word dat Männeken so bös und sehde, he möst et doen; he awerst nig fuhl, nam min lewe Männeken un drosch et daet dör(tüchtig durch), da schrige dat Männeken so viel un rep: "hör up, hör up, nu lat mie geweren, dann will ik die auck seggen, wo de Künigsdöchter sied;" wie he dat hörde, häll he up to slaen un dat Männeken vertelde, he wör en Erdmänneken un sulke wören mehr ase dusend, he mögte man mit ünne gaen, dann wulle he ünne wiesen, wo de Künigsdöchter weren. Da wist he ünne en deipen Born, da is awerst kien Water inne west, da segd dat Männeken, he wuste wohl, dat et sine Gesellen nig ehrlich mit ünne meinten, wenn he de Künigskinner erlösen wulle, dann möste he et alleine doen. De beiden annern Bröer wullen wohl auck geren de Künigsdöchter wier hewen, awerst se wullen der kiene Möge un Gefahr umme doen, he möste so en grauten Korv nümmen, un möste sik mit finen Hirschfänger un en Schelle darinne setten un sik herunner winnen laten, unnen da wören drei Zimmer, in jeden sette ein Künigskind un hädde en Drachen mit villen köppen to lusen, den möste he de Köppe afschlagen. Ase dat Erdmänneken nun alle sagd hadde, verschwand et. Ase't Awend is, da kümmet de beiden anneren un fraget, wie et ün goen hädde, da segd he;[40] "o, so wit gud" un hädde keinen Minsken sehen, ase des Middags, da wer so ein klein Männeken kummen, de hädde ün umme en Stücksken Braud biddit, do he et ünne giewen hädde, häddet dat Männeken et fallen laten un hädde segd, he mogtet ünne doch wier up nümmen, wie he dat nig hadde doen wullt, da hädde he anfangen to puchen, dat hädde he awerst unrecht verstan un hädde dat Männeken prügelt, un da hädde et ünne vertellt, wo de Künigsdöchter wären. Da ärgerten sik de beiden, so viel, dat se gehl un grön wören. Den anneren Morgen da gungen se to haupe an den Born un mackten Loose, we sik dat erste in den Korv setten sulle, do feel dat Loos wier den öllesten to, he mot sik darin setten un de Klinget mitniemen, da segd he: "wenn ik klingele, so mütt gi mik nur geschwinne wier herupwinnen". Ase he en bitken herunner is, da klingelte wat, da winnen se ünne wier heruper, da sett sik de tweide herinne, de maket ewen sau; nu kümmet dann auck

de Riege an den jüngesten, de lät sik awerst gans derinne runner winnen. Ase he ut den Korwe stigen is, da nümmet he sinen Hirschfänger un geit vor der ersten Doer staen un lustert, da hort he den Drachen gans lute schnarchen; he macket langsam de Döre oppen, da sitt da de eine Künigsdochter un häd op eren Schot niegene(neun) Drachenköppe ligen un luset de. Da nümmet he sinen Hirschfänger un hogget to,[41] do sied de niegene Köppe awe. De Künigsdochter sprunk up un fäl ünne um den Hals un drucket un piepete(küßte) ünn so viel; un nümmet ihr Bruststücke, dat wor von rauen Golle west, un henget ünne dat umme. Da geit he auck nach der tweiten Künigsdochter, de häd en Drachen mit sieven Köppe to lusen un erlöset de auck, so de jungeste, de hadde en Drachen mit viere Köppen to lusen had, da geit he auck hinne. Do froget se sich alle so viel, un drucke'n un piepete'n ohne uphören. Da klingelte he sau harde, bis dat se öwen hört. Da set he de Künigsdochter ein nach der annern in den Korv un let se alle drei heruptrecken, wie nu an ünne de Riege kümmt, da fallet ün de Woore(Worte) von den Erdmänneken wier bie, dat et sine Gesellen mit ünne nig gud meinden. Da nümmet he en groten Stein, de da ligt, un lägt ün in den Korv, ase de Korp da ungefär bis in de Midde herup is, schnien de falsken Broer owen de Strick af, dat de Korv mit den Stein up den Grund füll un meinten, he wöre nu daude un laupet mit de drei Künigsdöchter wege un latet sik dervan verspreken, dat se an ehren vater seggen willt, dat se beiden se erlöset hädden; da kümmet se to Künig un begert se tor Frugen. Unnerdes geit de jungeste Jägerbursche gans bedröwet in den drei Kammern herümmer un denket, dat he nu wull sterwen möste, da süht he an der Wand 'n Fleutenpipe hangen, da[42] segd he: "woumme hengest du da wull, hier kann ja doch keiner lustig sin". He bekucket auck de Drachenköppe un segd: "ju kummt mie nu auck nig helpen;" he geit so mannigmal up un af spatzeren, dat de Erdboden davon glat werd. Up et lest, da krieht he annere Gedanken, da nümmet he de Flötenpipen van der Wand un blest en Stücksken, up eenmahl kummet da so viele Erdmännekes, bie jeden Don den he däht, kummt eint mehr; da blest he so lange dat Stücksken, bis det Zimmer stopte-vull is. De vraget alle, wat sin Begeren wöre, da segd he, he wull geren wier up de Ere an Dages Licht, da fatten se ünne alle an, an jeden Spir(Faden) Haar, wat he up sinen Koppe hadde, un sau fleigen se mit ünne herupper bis up de Ere. Wie he owen is, geit he glick nach den Künigs-Schlott, wo grade de Hochtit mit der einen Künigs-Dochter sin sulle, he geit up den Zimmer, wo de Künig mit sinen drei Döchtern is. Wie ünne da de Kinner seihet, da wered se gans beschwähmt(ohnmächtig), da werd de Künig so böse un lät ünne glick in een Gefängniße setten, wiel he meint, he hädde den

Kinnern en Leid anne daen. Ase awer de Künigsdöchter wier to sik kummt, da biddet se so viel, he mogte ünne doch wier lose laten. De Künig fraget se, worümme, da segd se, dat se dat nig vertellen dorften, awerst de Vaer de segd, se sulken et den Owen(Ofen) vertellen. Da geit he[43] herut un lustert an de Döre, un hört alles; da lät he de beiden an en Galgen hängen un den einen givt he de jungeste Dochter; un da trok ik en paar gläserne Schohe an, und da stott ik an en Stein, da segd et: klink! da wären se caput.[44]

6. Der König vom goldenen Berg.

Ein Kaufmann, der hatte zwei Kinder, einen Buben und ein Mädchen, die waren beide noch klein und konnten noch nicht laufen. Es gingen aber zwei reichbeladene Schiffe von ihm auf dem Meer, und sein ganzes Vermögen war darin, und wie er meinte, dadurch viel Geld zu gewinnen, kam die Nachricht, sie wären versunken. Da war er nun statt eines reichen Mannes ein armer Mann und hatte nichts mehr übrig, als einen Acker vor der Stadt; um sich nun sein Unglück ein bischen aus den Gedanken zu schlagen, ging er dahinaus. Und wie er da so auf und abging, stand auf einmal ein kleines schwarzes Männchen neben ihm und fragte, warum er so traurig wäre und was er sich so sehr zu Herzen nähme. Da sprach der Kaufmann: "wenn du mir helfen könntest, wollt' ich dir es wohl sagen". - "Wer weiß, sagte das schwarze Männchen, sag' mir's nur, vielleicht helf' ich dir". Da erzählte[44] der Kaufmann, daß ihm sein ganzer Reichthum auf dem Meer zu Grunde gegangen wäre und habe er nichts mehr übrig, als diesen Acker. "O! da bekümmere dich nicht, sagte das Männchen, wenn du mir versprichst, das, was dir zu Haus am ersten widers Bein stößt, in zwölf Jahren hierher auf den Platz zu bringen, sollst du Geld haben so viel du willst". Der Kaufmann dachte, das ist ein geringes, was kann das anders seyn, als dein Hund, aber an seinen kleinen Jungen dachte er nicht, und sagte ja und gab dem schwarzen Mann Handschrift und Siegel darüber und ging nach Haus.

Als er nach Haus kam, da hatte sich sein kleiner Junge so gefreut, daß er sich an den Bänken hielt, zu ihm hinwackelte und ihn an den Beinen fest packte. Da erschrack der Vater und wußte nun was er verschrieben hatte, weil er aber immer noch kein Geld sah, dachte er, es wär' nur ein Spaß von dem Männchen gewesen. Ohngefähr einen Monat nachher ging er auf den Boden und wollte das alte Zinn zusammensuchen und verkaufen, um noch etwas daraus zu lösen, da sah er einen großen Haufen Geld liegen. Wie er das Geld sah, war er vergnügt, kaufte wieder ein, ward ein größerer Kaufmann, als vorher, und ließ Gott einen guten

Mann seyn. Unterdessen ward der Junge groß und ein gescheidter Mensch. Je mehr aber die zwölf Jahre herbeikamen, je ängster es[45] dem Kaufmann ward, so daß man ihm die Angst im Gesicht sehen konnte. Da fragte ihn der Sohn einmal, was ihm fehle; der Vater wollt' es nicht sagen, aber er hielt so lange an, bis er ihm endlich sagte, er habe ihn ohne daß er es gewußt, einem schwarzen Männchen versprochen für vieles Geld und habe seine Handschrift mit Siegel darüber gegeben, und nun müsse er ihn, wenn zwölf Jahre jetzt herum wären, ausliefern. Da sprach der Sohn: "o Vater, laßt euch nicht bang seyn, das soll schon gut werden, der Schwarze hat keine Macht über mich."

Da ließ sich der Sohn von dem Geistlichen segnen und als die Stunde kam, gingen sie zusammen hinaus auf den Acker und der Sohn machte einen Kreis und stellte sich mit seinem Vater hinein. Da kam das schwarze Männchen und sprach zu dem Alten: "hast du, was du mir versprochen hast?" der schwieg aber still und der Sohn sprach: "was willst du hier?" Da sagte das schwarze Männchen: "ich habe mit deinem Vater zu sprechen und nicht mit dir". - Der Sohn sprach: "Du hast meinen Vater betrogen und verführt, gib die Handschrift heraus". - "Nein, sagte das schwarze Männchen, mein Recht geb ich nicht auf". Da redeten sie noch lange miteinander, endlich wurden sie einig, der Sohn, weil er nicht dem Erbfeind und nicht mehr seinem Vater zugehöre, solle sich in ein Schiffchen[46] setzen, das auf einem hinabwärts fließenden Wasser stehe, und der Vater solle es mit seinem eigenen Fuß fortstoßen und da solle der Sohn dem Wasser überlassen bleiben. Da nahm er Abschied von seinem Vater und setzte sich in ein Schiffchen und der Vater mußte es mit seinem eigenen Fuß fortstoßen. Und das Schiffchen drehte sich herum, daß der unterste Theil oben war, die Decke aber im Wasser, und der Vater glaubte, er wär verloren, ging heim und trauerte um ihn.

Das Schiffchen aber floß ganz ruhig fort und ging nicht unter und der Jüngling saß sicher darin, und so floß es lange, bis es endlich an einem unbekannten Ufer festsitzen blieb. Da stieg er an's Land, sah ein schönes Schloß vor sich liegen und ging drauf los, wie er aber hineintrat, war es verwünscht und alles leer, bis er zuletzt in einer Kammer eine Schlange antraf. Die Schlange aber war eine verwünschte Prinzessin, die freute sich, wie sie ihn sah und sprach zu ihm: "kommst du, mein Erlöser, auf dich habe ich schon zwölf Jahre gewartet, dies Reich ist verwünscht, und du mußt es erlösen. Heute Nacht kommen zwölf Männer, schwarz und mit Ketten behangen, die werden dich fragen, was du hier machst, da schweig aber still und gib ihnen keine Antwort, und laß sie mit dir machen, was sie wollen; sie werden dich quälen, schlagen und stechen, laß alles geschehen, nur rede nicht, um zwölf Uhr[47]

müssen sie wieder fort. Und in der zweiten Nacht werden wieder zwölf andere kommen, in der dritten vier und zwanzig, die werden dir den Kopf abhauen; aber um zwölf Uhr ist ihre Macht vorbei und wenn du dann ansgehalten und kein Wörtchen gesprochen hast, so bin ich erlöst und komme zu dir und stehe dir bei und habe das Wasser des Lebens, damit bestreich' ich dich und dann bist du wieder lebendig und gesund wie zuvor". Da sprach er: "gern will ich dich erlösen", und es geschah nun alles so, wie sie gesagt hatte: die schwarzen Männer konnten ihm kein Wort abzwingen und in der dritten Nacht ward die Schlange zu einer schönen Prinzessin, die kam mit dem Wasser des Lebens und machte ihn wieder lebendig. Und dann fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn und ward Jubel und Freude im ganzen Schloß, und ihre Hochzeit wurde gehalten und er war König vom goldenen Berge.

Also lebten sie vergnügt zusammen und die Königin gebar einen schönen Prinzen und acht Jahre waren schon herum, da fiel ihm sein Vater ein, daß sein Herz davon bewegt ward und er wünschte ihn einmal heimzusuchen. Die Königin wollte ihn aber nicht fortlassen und sagte: "ich weiß schon, daß das mein Unglück ist", er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie einwilligte. Beim Abschied gab sie ihm noch einen Wünschring und[48] sprach: "nimm diesen Ring und steck' ihn an deinen Finger, wo du dich hinwünschest, wirst du alsbald hinversetzt, nur mußt du mir versprechen, daß du ihn nicht gebrauchst, mich von hier weg zu deinem Vater zu wünschen". Da versprach er's, steckte den Ring an seinen Finger und wünschte sich heim vor die Stadt, wo sein Vater lebte. Alsbald war er auch davor, aber nicht darin; wie er nun vor's Thor kam, wollten ihn die Schildwachen nicht einlassen, weil er so seltsam und reich gekleidet war. Da ging er auf einen Berg, wo ein Schäfer hütete, mit diesem tauschte er die Kleider und zog den alten Schäferrock an und ging also ungestört in die Stadt ein. Als er zu seinem Vater kam, gab er sich zu erkennen, der aber sprach, er glaube nimmermehr, daß er sein Sohn sey, er hätte zwar einen gehabt, der sey längst todt, weil er aber sehe, daß er ein armer, dürftiger Schäfer sey, so wolle er ihm einen Teller voll zu essen geben. Da sprach der Schäfer zu seinen Eltern: "ich bin wahrhaftig euer Sohn, wißt ihr kein Mal an meinem Leibe, woran ihr mich erkennen könnt'?" - "Ja, sagte die Mutter, unser Sohn hatte eine Himbeer unter dem rechten Arm". Da streifte er das Hemd von seinem Arm und da sahen sie die Himbeer und waren nun überzeugt, daß es ihr Sohn war. Darauf erzählte er ihnen, er wäre König vom goldenen Berge und eine Prinzessin seine Gemahlin[49] und sie hätten einen schönen Prinzen von sieben Jahren. Da sprach der Vater: "nun und nimmermehr ist das wahr, das ist ein schöner König, der in einem zerlumpten

Schäferrock hergeht". Da ward er zornig, drehte seinen Ring herum, ohne an sein Versprechen zu denken und wünschte beide, seine Gemahlin und seinen Prinzen, zu sich. In dem Augenblick waren sie auch da, aber die Königin, die klagte und weinte und sagte, er hätte sein Wort gebrochen und sie unglücklich gemacht; doch weil sie einmal da war, mußte sie sich wohl zufrieden geben; aber sie hatte Böses im Sinn.

Da führte er sie hinaus vor die Stadt auf den Acker und zeigte ihr das Wasser und wo das Schiffchen war abgestoßen worden und dann sprach er: "ich bin müd, setz' dich nieder, ich will ein wenig auf deinem Schooß schlafen". Da legte er seinen Kopf auf ihren Schooß und sie lauste ihn ein wenig, bis er einschlief. Als er eingeschlafen war, zog sie den Ring von seinem Finger und den Fuß, den sie unter ihm stehen hatte, zog sie auch heraus und ließ nur den Toffel unter ihm liegen; dann nahm sie ihren Prinzen und wünschte sich wieder in ihr Königreich. Als er aufwachte, da lag er da ganz verlassen und seine Gemahlin mit dem Prinzen war fort und der Ring vom Finger auch, nur der Toffel stand noch da zum Wahrzeichen. "Nach Haus zu deinen[50] Eltern kannst du nicht wieder gehen, dachte er, die sagen, du wärst ein Hexenmeister, du willst aufpacken und gehen, bis du in dein Königreich kommst". Also ging er fort und kam endlich zu einem Berg, wo drei Riesen ihres Vaters Erbe theilen wollten und als sie ihn vorbeigehen sahen, riefen sie ihn und sagten, kleine Menschen hätten klugen Sinn, er sollt' ihnen die Erbschaft vertheilen, das war ein Degen, wenn einer den in die Hand nahm und sprach: "Köpf' alle runter, nur meiner nicht", so lagen alle Köpfe auf der Erde; zweitens ein Mantel, wer den anzog, war unsichtbar; drittens ein Paar Stiefeln, wenn man die an den Füßen hatte und sich wohin wünschte, so war man gleich da. Er sprach, sie müßten ihm die drei Stücke einmal geben, damit er sie probiren könne, ob sie auch alle noch in gutem Stand wären. Da gaben sie ihm den Mantel, den that er um, und wünschte sich zu einer Fliege, alsbald war er eine Fliege. "Der Mantel ist gut, sprach er, nun gebt mir einmal das Schwert". Sie sagten: "nein, das geben wir nicht", denn wenn du sprächst: "Köpf' alle runter, nur meiner nicht!" so wären unsere Köpfe alle herab und du hättest deinen noch; "doch gaben sie es ihm, wenn er's an den Bäumen probiren wollte, das that er und das Schwert war auch gut". Nun wollt' er noch die Stiefel haben, sie sprachen aber: "nein, die können wir nicht[51] geben, wenn du die anhättest und sprächst, du wolltest oben auf dem Berg seyn, so stünden wir da unten und hätten nichts". "Nein, sprach er, das will ich nicht thun", da gaben sie ihm die Stiefel auch noch. Wie er nun alle drei Stücke hatte, da wünschte er sich auf den goldenen Berg, und alsbald war er dort, und die Riesen verschwunden und war also ihr Erbe

getheilt. Als er nah beim Schloß war, hörte er Geigen und Flöten und die Leute sagten ihm, seine Gemahlin halte Hochzeit mit einem andern Prinzen. Da zog er seinen Mantel an, und machte sich zur Fliege, ging in's Schloß hinein und stellte sich hinter seine Gemahlin, und niemand sah ihn. Wenn sie ihr nun ein Stück Fleisch auf den Teller legten, nahm er's weg und aß es, und wenn sie ihr ein Glas einschenkten, nahm er's weg und tranks; sie gaben ihr immer und sie hatte doch immer nichts auf dem Teller. Da schämte sie sich, stand auf, ging in ihre Kammer und weinte, er aber ging hinter ihr her; da sprach sie vor sich: "ist denn der Teufel über mir oder mein Erlöser kam nie!" da gab er ihr ein paar derbe Ohrfeigen und sagte: "kam dein Erlöser nie, er ist über dir, du Betrügerin! habe ich das an dir verdient?" Darauf ging er hin und sagte, die Hochzeit wär' aus, er wäre wieder gekommen, da wurde er verlacht von den Königen, Fürsten und Ministern, die da waren. Er aber gab kurze[52] Worte und fragte, ob sie sich entfernen wollten oder nicht? da wollten sie ihn fangen, aber er zog sein Schwert und sprach: "Köpf' alle runter, nur meiner nicht!" Da lag alles gleich im Blut darnieder und er war wieder König vom goldenen Berge.[53]

7. Die Rabe.

Es war einmal eine Mutter mit einem Töchterchen, das war noch klein und wurde noch auf dem Arm getragen. Nun geschah es, daß das Kind einmal unruhig war und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es half nicht. Da ward sie ungeduldig und weil die Raben so um das Haus herumflogen, machte sie das Fenster auf und sagte: "ich wollt' du wärst eine Rabe und flögst fort, so hätt' ich Ruh", und kaum hatte sie das Wort gesagt, so war das Kind eine Rabe und flog von ihrem Arm zum Fenster hinaus. Die Rabe aber flog weg und niemand konnte ihr folgen, sie flog aber in einen dunkelen Wald und blieb darin. Auf eine Zeit führte einen Mann sein Weg in diesen Wald und er hörte die Rabe rufen und er ging der Stimme nach; und als er näher kam, sagte die Rabe zu ihm: "ich bin verwünscht worden und bin eine Königstochter von[53] Geburt, du kannst mich erlösen". Da sprach er: "wie soll ich das anfangen?" Da sagte sie: "geh' hin in das Haus dort, darin sitzt eine alte Frau, die wird dir Essen und Trinken reichen und dich davon genießen heißen, aber du darfst nichts nehmen, denn wenn du trinkst, so trinkst du einen Schlaftrunk und dann kannst du mich nicht erlösen. Im Garten hinter dem Haus ist eine große Lohhucke, darauf sollst du stehen und mich erwarten: den Nachmittag um zwei Uhr komm' ich in einer Kutsche, die ist mit vier weißen Hengsten bespannt, wenn du aber dann nicht wach

bist, sondern schläfst, so werd' ich nicht erlöst". Der Mann sprach, er wollt' alles thun, die Rabe aber sagte: "ach ich weiß es wohl, du kannst mich nicht erlösen, du nimmst doch etwas von der Frau". Da versprach der Mann noch einmal, er wollte gewiß nichts anrühren von dem Essen und Trinken. Wie er aber in das Haus kam, trat die alte Frau zu ihm und sagte: "ei, was seyd ihr abgemattet, kommt und erquickt euch, esset und trinkt". "Nein, sagte der Mann, ich will nicht essen und trinken;" sie ließ ihm aber keine Ruhe und sprach: "wenn ihr dann nicht essen wollt, so thut einen Zug aus dem Glas, einmal ist keinmal", bis er sich überreden ließ und einen Trunk nahm. Nachmittags gegen zwei Uhr ging er hinaus in den Garten auf die Lohhucke und wollte auf die Rabe warten; wie er da stand, auf[54] einmal ward er so müd' und wollte sich nicht hinlegen, aber er konnte es gar nicht mehr aushalten, und mußte sich ein Bischen legen; doch wollte er nicht einschlafen, aber kaum hatte er sich gelegt, da fielen ihm die Augen von selber zu und er schlief ein und schlief so fest, daß ihn nichts auf der Welt hätte erwecken können. Um zwei Uhr kam die Rabe mit vier weißen Hengsten gefahren und war schon in voller Trauer und sprach: "ich weiß doch schon, daß er schläft!" Und als sie in den Garten kam, lag er auch da auf der Lohhucke und schlief; und wie sie vor ihm war, stieg sie aus dem Wagen, schüttelte und rief ihn an, er wollte nicht erwachen. Sie rief aber so lang' bis sie ihn endlich aus dem Schlaf erweckte, da sagte sie: "ich sehe wohl, daß du mich hier nicht erlösen kannst, aber Morgen will ich noch einmal wiederkommen, dann habe ich vier braune Hengste vor dem Wagen, aber du darfst bei Leibe nichts nehmen von der Frau, kein Essen und kein Trinken". Da sagte er: "nein gewiß nicht". Sie sprach aber: "ach! ich weiß es wohl, du nimmst doch etwas!" Am andern Tag zur Mittagszeit kam die alte Frau und sagte, er äße und tränke ja nichts, was das wäre? Da sprach er: "nein, ich will nicht essen und trinken". Sie aber stellte das Essen und Trinken vor ihn hin, daß der Geruch zu ihm aufging und beredete ihn, daß er wieder etwas trank. Gegen zwei Uhr ging er in[55] den Garten auf die Lohhucke und wollte auf die Rabe warten, da ward er wieder so müde; daß seine Glieder ihn nicht mehr hielten und er konnte sich nicht helfen, er mußte sich legen und ein Bischen schlafen. Wie nun die Rabe daher fuhr mit vier braunen Hengsten, war sie wieder in voller Trauer und sagte: "ich weiß doch schon, daß er schläft!" Und als sie hin zu ihm kam, lag er da und schlief fest, da stieg sie aus dem Wagen, schüttelte ihn und sucht ihn zu erwecken; das ging aber noch schwerer als gestern, bis er endlich erwachte. Da sprach die Rabe: "ich sehe wohl, daß du mich nicht erlösen kannst, Morgen Nachmittag um zwei Uhr will ich noch einmal kommen, aber das ist das letztemal, meine Hengste sind

dann schwarz und ich habe auch alles schwarz; du darfst aber nichts nehmen von der alten Frau, kein Essen und kein Trinken". Da sagte er: "nein gewiß nicht". Sie sprach aber: "ach, ich weiß es wohl, du nimmst doch etwas!" Am andern Tag kam die alte Frau und sagte, er äße und tränke ja nichts, was das wäre? Da sprach er: "nein ich will nicht essen und trinken". Sie aber sagte, er sollte nur einmal schmecken, wie gut das alles sey, Hungers könnte er doch nicht sterben; da ließ er sich überreden und trank doch wieder etwas. Als es Zeit war, ging er hinaus in den Garten auf die Lohhucke und wartete auf die Prinzessin, da ward er wieder so müde, daß er[56] sich' nicht halten konnte und er sich hin legte und schlief so fest als wär' er von Stein. Um zwei Uhr kam die Rabe und hatte vier schwarze Hengste und die Kutsche und alles war schwarz; sie war aber in voller Trauer und sprach: "ich weiß doch schon, daß er schläft und mich nicht erlösen kann". Als sie zu ihm kam, lag er da und schlief fest, sie rüttelte ihn und rief ihn, aber sie konnt' ihn nicht aufwecken, er schlief in einem fort. Da legte sie ein Brot neben ihn hin, davon konnte er so viel essen, als er wollte, es wurde nicht all'; dann ein Stück Fleisch, davon konnt' er auch so viel essen, als er wollte, es wurde nicht all'; zum dritten eine Flasche Wein, davon konnt' er trinken, so viel er wollte, es wurde nicht all'. Darnach nahm sie ihren goldenen Ring vom Finger und steckt ihm den an und war ihr Name darein gegraben, und endlich legte sie einen Brief hin, darin stand, was sie ihm gegeben hatte und daß es nie all' würde und es stand auch darin: "ich sehe wohl, daß du mich hier nicht erlösen kannst, willst du mich aber noch erlösen, so komm nach dem goldenen Schloß von Stromberg, da kannst du es, das weiß ich gewiß". Und wie sie ihm das alles gegeben hatte, setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr weg in das goldene Schloß von Stromberg.

Als der Mann aufwachte, und sah, daß er geschlafen hatte, ward er von Herzen traurig und[57] sprach: "gewiß nun ist sie vorbei gefahren und du hast sie nicht erlöst". Da fielen ihm die Dinge in die Augen, die neben ihm lagen, und er las den Brief, darin geschrieben stand, wie es zugegangen war. Also machte er sich auf und ging fort und wollte nach dem goldenen Schloß von Stromberg, aber er wußte nicht, wo es lag. Nun war er schon lange in der Welt herumgegangen, da kam er in einen dunkeln Wald und ging vierzehn Tage darin fort, und konnte sich nicht herausfinden. Da ward es wieder Abend, und er war so müde, daß er sich an einen Busch legte und einschlief; am andern Tag ging er weiter und wollt' sich am Abend wieder an einen Busch legen, da hört' er ein Heulen und Jammern, daß er nicht einschlafen konnte. Und wie die Zeit kam, wo die Leute die Lichter anstecken, sah er eins schimmern und machte sich auf und ging ihm nach, da kam er vor ein Haus, das schien

so klein, denn es stand ein großer Riese davor. Da dacht' er bei sich: "gehst du wohl hinein oder nicht, wenn du's thust, kommst du vielleicht um's Leben, du willst aber doch einmal hineingehen". Wie er nun drauf zu ging und der Riese ihn sah, sprach er: "es ist gut, daß du kommst, ich habe doch lange nichts gegessen, jetzt will ich dich gleich zum Abendbrot verschlucken". "Laß das gut seyn, sprach der Mann, wenn du essen willst, so hab' ich was bei mir". "Wenn das ist, sagte der Riese, so[58] bist du gut". Da gingen sie beide hinein und setzten sich an den Tisch und der Mann holte sein Brot, Wein und Fleisch, was nicht all' wurde, hervor, und sie aßen sich beide recht satt. Darnach sagte der Mann zum Riesen: "kannst du mir nicht sagen, wo das goldene Schloß von Stromberg ist". Der Riese sprach: "ich will einmal auf meiner Landcharte nachsehen, darauf sind alle Städte, Dörfer und Häuser". Da holt' er seine Landkarte, die er in der Stube hatte, und suchte das Schloß, konnte es aber nicht finden: "das thut nichts, sprach er, ich habe oben in einem Schranke noch mehr Landkarten, da will ich einmal sehen, ob es darauf zu finden ist". Sie sahen zu, konnten's aber nicht finden. Der Mann wollte nun weiter gehen, der Riese aber sprach, er sollte noch ein Paar Tage warten, er hätte einen Bruder, der wär' aus und holte was zu essen, wenn der käme, der hätte auch gute Landkarten, da wollten sie noch einmal suchen, der fänd's gewiß. Also wartete der Mann, bis der Bruder nach Haus kam, der sagte, er wüßte es nicht gewiß, er glaubte aber das goldene Schloß von Stromberg stände auf seiner Karte. Da aßen sich die drei noch einmal recht satt und dann ging der zweite Riese hin und sprach: "nun will ich einmal zusehen auf meiner Karte;" allein das Schloß war auch nicht darauf. Da sagt' er, er hätte noch oben eine Kammer voll Landkarten, da[59] müßt' es darauf stehen. Wie er nun die herunter gebracht hatte, suchten sie von neuem und endlich fanden sie das goldene Schloß von Stromberg, aber es war viele tausend Meilen weit weg. "Wie werd' ich nun dahin kommen?" sprach der Mann. "Ei, sagte der Riese, zwei Stunden hab' ich Zeit, da will ich dich bis in die Nähe tragen, dann muß ich aber wieder nach Haus und das Kind säugen, das wir haben". Da trug der Riese den Mann bis etwa noch hundert Stunden vom Schloß und sagte: "jetzt muß ich zurück, den übrigen Weg kannst du wohl allein gehen". - "O ja, sagte der Mann, das kann ich wohl". Wie sie sich nun trennen wollten, sprach der Mann, "wir wollen uns erst recht satt essen;" und darauf nahm der Riese Abschied und ging heim. Der Mann aber ging vorwärts Tag und Nacht, bis er endlich zu dem goldenen Schloß von Stromberg kam. Da stand es aber auf einem gläsernen Berge, und oben darauf sah er die verwünschte Prinzessin fahren; nun wollte er hinauf zu ihr, aber er glitschte immer wieder

herunter. Da war er ganz betrübt und sprach zu sich selbst: "am besten ist, du baust dir hier eine Hütte, Essen und Trinken hast du ja". Also baute er sich eine Hütte und saß darin ein ganzes Jahr und sah die Prinzessin alle Tage oben fahren; konnte aber nicht hinauf zu ihr kommen.[60]

Da hörte er einmal wie drei Riesen sich schlugen, und rief ihnen zu: "Gott sey mit euch!" Sie hielten bei dem Ruf inne, als sie aber niemand sahen, fingen sie wieder an sich zu schlagen und das zwar ganz gefährlich. Da sprach er wieder: "Gott sey mit euch!" sie hörten wieder auf, guckten sich um, weil sie aber niemand sahen, fuhren sie auch wieder fort, sich zu schlagen. Da sprach er zum drittenmal: "Gott sey mit euch!" und dacht', du mußt doch sehen, was die drei vorhaben, ging hin und fragte sie, warum sie so auf einander losschlügen. Da sagte der eine, er hätt' einen Stock gefunden, wenn er damit wider eine Thür schlüge, so spränge sie auf; der andere sagte, er hätte einen Mantel gefunden, wenn er den umhinge, so wär' er unsichtbar; der dritte aber sprach, er hätte ein Pferd gefangen, mit dem könnte man den gläsernen Berg hinaufreiten. Da sprach der Mann: "für die drei Sachen will ich euch etwas geben, Geld habe ich zwar nicht, aber andere Dinge, die noch mehr werth sind; doch muß ich sie vorher probiren, damit ich sehe, ob ihr auch die Wahrheit gesagt habt". Da ließen sie ihn auf's Pferd sitzen, hingen ihm den Mantel um und gaben ihm den Stock in die Hand, und wie er das alles hatte, konnten sie ihn nicht mehr sehen und er prügelte sie durch und durch, rief: "nun, seyd ihr zufrieden?" und ritt den Berg hinauf. Oben aber vor dem Schloß, das[61] war verschlossen, da schlug er mit dem Stock vor die Thür, gleich sprang sie auf, und er ging hinein und die Treppe hinauf oben in den Saal, da saß die Prinzessin und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich stehen; konnt' ihn nicht sehen, weil er den Mantel um hatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring vom Finger, den sie ihm gegeben hatte und schmiß ihn in den Kelch, daß es klang. Da rief sie: "das ist mein Ring, so muß auch der Mann da seyn, der mich erlöst". Sie suchten im ganzen Schloß, und fanden ihn nicht, er aber war hinaus gegangen, hatte sich auf's Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Thor kamen, sahen sie ihn, und schrien vor Freude; und er stieg ab und nahm die Prinzessin in den Arm, da küßte sie ihn und sagte: "jetzt hast du mich erlöst". Darauf hielten sie Hochzeit und lebten vergnügt miteinander.[62]

8. Die kluge Bauerntochter.

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines

Häuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter: "wir sollten den Herrn König um ein Stückchen Rottland bitten". Da der König ihre Armuth hörte,[62] schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf säen; und als sie ihn beinah herum hatten, da fanden sie in der Erde einen Mörsel von purem Gold. "Hör', sagte der Vater zu dem Mädchen, weil unser Herr König so gnädig ist gewesen und hat uns diesen Acker geschenkt, so müssen wir ihm den Mörsel wiedergeben". Die Tochter aber wollt' es nicht bewilligen und sagte: "Vater, wenn wir den Mörsel haben und haben den Stößer nicht, dann müssen wir auch den Stößer schaffen, darum schweigt lieber still". Er wollt' ihr aber nicht gehorchen, nahm den Mörsel und trug ihn zum Herrn König und sagte, den hätt' er gefunden in der Heide. Der König nahm den Mörser und fragte, ob er nichts mehr gefunden? nein, sprach der Bauer, da sagte der König: er sollte nun auch den Stößer herbeischaffen. Der Bauer sprach, den hätten sie nicht gefunden; aber das half ihm soviel, als hätt' er's in den Wind gesagt, er ward in's Gefängniß gesetzt und sollte so lange da sitzen, bis er den Stößer herbeigeschafft hätte. Die Bedienten mußten ihm täglich Wasser und Brot bringen, was man so in dem Gefängniß kriegt, da hörten sie, wie der Mann als fort schrie: "ach! hätt' ich meiner Tochter gehört! ach! ach! hätt' ich meiner Tochter gehört!" Da gingen die Bedienten zum König und sprachen das, wie[63] der Gefangene als fort schrie: "ach! hätt' ich doch meiner Tochter gehört!" und wollte nicht essen und nicht trinken. Da befahl er den Bedienten, sie sollten ihn vor ihn bringen und da fragte der Herr König, warum er also fort schreie: ach! hätt' ich meiner Tochter gehört! "Was hat eure Tochter denn gesagt?" - "Ja, sie hat gesprochen, ich sollt' den Mörsel nicht bringen, sonst müßt' ich auch den Stößer schaffen". "Habt ihr dann so eine kluge Tochter so laßt sie einmal herkommen". Also mußte sie vor den König kommen; der fragte sie, ob sie dann so klug wäre, und sagte, er wollt' ihr ein Räthsel aufgeben, wann sie das treffen könnte, dann wollt' er sie heirathen. Da sprach sie ja, sie wollt's errathen. Da sagte der König: "komm zu mir nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg, und wann du das kannst, will ich dich heirathen". Da ging sie hin, und zog sich aus splinter nackend, da war sie nicht gekleidet, und nahm ein großes Fischgarn und setzte sich hinein und wickelte sich hinein, da war sie nicht nackend, und borgte einen Esel für's Geld und band dem Esel das Fischgarn an den Schwanz, daran er sie fortschleppen mußte, und war das nicht geritten und nicht gefahren, und mußte sie der Esel in der Fahrgleiße schleppen, so daß sie nur mit der großen Zehe auf die Erde kam, und war das nicht

in dem Weg und[64] nicht außer dem Weg. Und wie sie so daher kam, sagte der König, sie hätte das Räthsel getroffen und sey alles erfüllt. Da ließ er ihren Vater los aus dem Gefängniß und nahm sie bei sich als seine Gemahlin und befahl ihr das ganze königliche Gut an.

Nun waren etliche Jahre herum, als der Herr König einmal auf die Parade zog, da trug es sich zu, daß Bauern mit ihren Wagen vor dem Schloß hielten, die hatten Holz verkauft, etliche mit Ochsen und etliche mit Pferden. Da war ein Bauer, der hatte drei Pferde, davon kriegte eins ein junges Füllchen, das lief weg und legte sich an einen Wagen, wo zwei Ochsen davor waren, mittendrein. Als nun die Bauern zusammen kamen, fingen sie an sich zu zanken, schmeißen und lärmen und der Ochsenbauer wollte das Füllchen behalten und sagte, die Ochsen hätten's gehabt, und der andere sagte, nein, seine Pferde hätten's gehabt und es wär' sein. Der Zank kam vor den König und der that den Ausspruch: wo das Füllen gelegen hätte, da sollt' es bleiben und also bekam's der Ochsenbauer, dem's doch nicht gehörte. Da ging der andere weg, weinte und lamentirte über sein Füllchen; nun so hatte er gehört, wie daß die Frau Königin so gnädig sey, weil sie auch von armen Bauersleuten gekommen wäre, ging zu ihr und bat sie, ob sie ihm nicht helfen könnte,[65] daß er sein Füllchen wieder bekäme. Sagte sie, "ja", wenn ihr mir versprecht, daß ihr mich nicht verrathen wollt', will ich's euch sagen: morgen früh, wenn der König auf der Wachtparade ist, so stellt euch hin mitten in die Straße, wo er vorbeikommen muß, nehmt ein großes Fischgarn und thut als fischtet ihr, und fischt also fort und schüttet es aus, als wenn ihr's voll hättet, und sagte ihm auch, was er antworten sollte, wenn er vom König gefragt würde. Also stand der Bauer am andern Tag da, und fischte auf einem trockenen Platz; wie der König vorbeikam und das sah, schickte er seinen Laufer hin, der sollte fragen, was der närrische Mann vorhabe. Da gab er zur Antwort: "ich fische". Fragte der Laufer, wie er fischen könnte, es wär' ja kein Wasser da. Sagte der Bauer: "so gut als zwei Ochsen können ein Füllen kriegen, so gut kann ich auch auf dem trockenen Platz fischen". Da ging der Laufer hin und brachte dem König die Antwort, da ließ er den Bauer vor sich kommen und sagte ihm, das hätte er nicht von sich, von wem er das hätte? und sollt's gleich bekennen. Der Bauer aber wollt's nicht thun und sagte immer, Gottbewahr! er hätt' es von sich. Sie banden ihn aber auf ein Gebund Stroh und schlugen und drangsalten ihn so lange, bis er's bekannte, daß er's von der Frau Königin hätte. Als der König nach Haus kam, sagte er zu seiner Frau: "warum bist[66] du so falsch mit mir, ich will dich nicht mehr zur Gemahlin, deine Zeit ist rum, geh wieder hin, woher du kommen bist in dein Bauernhäuschen". Doch erlaubte er ihr

eins: sie sollte sich das Liebste und Beste mitnehmen, was sie wüßte und das sollte ihr Abschied seyn. Sie sagte, "ja, lieber Mann, wenn du's so befiehlst, will ich es auch thun", und fiel über ihn her und küßte ihn und sprach, sie wollte Abschied von ihm nehmen. Dann ließ sie einen starken Schlaftrunk kommen, Abschied mit ihm zu trinken, der König that einen großen Zug, sie aber trank nur ein wenig, da gerieth er bald in einen tiefen Schlaf. Und als sie das sah, rief sie einen Bedienten und nahm ein schönes weißes Linnentuch und schlug ihn da hinein, und die Bedienten mußten ihn in einen Wagen vor der Thüre tragen und fuhr sie ihn heim in ihr Häuschen. Da legte sie ihn auf ihr Bettchen, und er schlief Tag und Nacht in einem fort und als er aufwachte, sah er sich um und sagte: "ach Gott! wo bin ich denn?" rief seinen Bedienten, aber es war keiner da. Endlich kam seine Frau vor's Bett und sagte: "lieber Herr König, ihr habt mir befohlen, ich sollte das Liebste und Beste aus dem Schloß mitnehmen, nun hab' ich nichts besseres und lieberes als dich, da hab' ich dich mitgenommen". Der König sagte: "liebe Frau, du sollst mein seyn und ich dein", und nahm sie wieder mit ins königliche Schloß und ließ sich auf's[67] neue mit ihr vermählen und werden sie ja wohl noch auf heutigen Tag leben.

9. Der Geist im Glas.

Es ließ ein Mann seinen Sohn studiren, wie der ein paar Schulen durchstudirt hatte, konnte der Vater nichts mehr an ihn verwenden; da ließ er ihn zu sich kommen und sprach: "du weißt, unser Vermögen ist aufgegangen, ich kann nichts mehr an dir thun". Da sagte der Sohn: "lieber Vater, macht euch darüber keinen Kummer, wenn es so ist, da bleib' ich bei euch und will mit euch gehen und etwas am Malterholz(d.h. am Zuhauen und Aufrichten) verdienen;" denn der Vater war ein Taglöhner, und erwarb sein Brot damit. Der Vater sagte: "ja, mein Sohn, das soll dir beschwerlich ankommen, ich hab' auch nur eine Art und kann dir keine kaufen". "Ei, sagte der Sohn, geht zum Nachbar, der leiht euch eine". Also borgte der Vater eine Art für ihn und sie gingen miteinander ins Holz und arbeiteten. Wie sie bis Mittag gearbeitet hatten, sagte der Vater: "nun wollen wir ein Bischen rasten und unser Mittagsbrot essen, da geht die Arbeit hernach noch einmal so frisch". Der Student nahm sein Mittagsbrot in die Hand und[68] sagte zum Vater, er wollte damit herumgehen und Vogelnester suchen. "O du Geck! sprach der Vater, was willst du da herumgehen, bleib bei mir, sonst wirst du müd' und kannst hernach nichts mehr thun". Der Sohn ging aber in dem Wald herum, aß sein Brot und sah sich nach Vögelsnestern um und kam zu einer großen,

gefährlichen Eiche, da suchte er ein Bischen herum. Auf einmal kam gegen ihn eine Stimme aus der Wurzel, die rief mit so einem recht dumpfen Ton: "laß mich heraus! laß mich heraus!" Da horcht' er darnach und rief: "wo bist du?" es sprach von neuem: "laß mich heraus! laß mich heraus!" "Ja ich seh' aber nichts, sagte der Student, wo bist du?" - "Hier bin ich bei der Eichwurzel". Da fing er an zu suchen und fand in einer kleinen Höhle eine Glasflasche, daraus war die Stimme gekommen, er hielt sie gegen das Licht, da war eine Gestalt darin wie ein Frosch, die Gestalt rief aber weiter: "nimm den Pfropfen herab". Das that der Student, und wie er den Pfropfen abgenommen hatte, kam ein Kerl von entsetzlicher Größe heraus und sprach: "weißt du wohl, was du für einen Lohn verdient, weil du mich herausgelassen hast?" "Nein", sagte der Student. "So will ich dir's sagen: ich muß dir den Hals dafür brechen". "Nein, sagte der Student, mir nicht so, das hättest du früher sagen sollen, so hätt' ich dich nicht herausgelassen. Da müssen[69] erst mehr Leute gefragt werden". - "Mehr Leute hin, mehr Leute her, du mußt deinen verdienten Lohn haben, du kannst leicht denken, daß ich nicht aus Gnade da eingeschlossen war, sondern aus Strafe: weißt du wohl, was ich für einen Namen habe?" - "Nein, sagte der Student, das weiß ich nicht". Da sprach der Geist: "ich bin der großmächtige Merkurius, ich muß dir den Hals zerbrechen". "Nein das geht nicht, so wie du meinst, sagte der Student, du mußt einen andern Rath anfangen; ich muß auch sehen, ob du wieder in die Flasche hinein kommst, sonst glaub' ich nimmermehr, daß du herauskommen bist, wenn ich das aber sehe, will ich mich in deine Gefangenschaft geben". Da willigte der Geist ein und begab sich durch dasselbe Loch und durch den Hals der Flasche wieder hinein; wie er drin war, steckte der Student den abgezogenen Pfropfen wieder auf und der Geist war angeführt. Da bat der Geist, er möcht' ihn doch wieder erlösen und herauslassen. "Nein, sagte der Student, der mir nach dem Leben strebte, den kann ich nicht wieder herauslassen und den will ich in Ewigkeit nicht wieder herauslassen". Da sprach der Geist: "ich will dir auch so viel geben, daß du dein Lebtag genug hast". "Du würdest mich doch betrügen, wie das erstemal, sagte der Student". "Nein, sagte der Geist, ich will dir nichts thun". Da ließ er sich bewegen und that[70] den Pfropfen wieder ab und der Geist stieg heraus. "Nun will ich dich belohnen, sprach er, da hast du ein Pflaster, wenn du mit dem einen Ende eine Wunde damit bestreichst, so wird sie heilen, und wenn du Stahl oder Eisen mit dem andern Ende bestreichst, soll es all in Silber verwandelt seyn". Da wollte der Student das Pflaster probiren und machte an einem Baum einen kleinen Ritz und hielt dann das Pflaster daran, da war er alsbald geheilt. Da dankte der Student dem Geiste und

der Geist dankte ihm auch für seine Erlösung und sie nahmen Abschied von einander. Der Student ging zurück zu seinem Vater, der wieder an der Arbeit war und ihn schalt, daß er so lange ausgeblieben wäre: "ich hab's ja gesagt, daß du nichts thun würdest". "Ich will's schon nachholen", sprach der Student. "Ja, sagte der Vater zornig, nachholen hat keine Art". - "Vater, was soll ich zuerst thun?" - "Hau den Baum da um". Da that der Student sein Pflaster heraus und strich seine Art damit, wie er nun ein paar Hiebe gethan hatte, war sie ganz schief und hatte sich die Schärfe umgelegt, denn sie war von Silber geworden. "Nun seht ihr, Vater, sprach der Sohn, was habt ihr mir für eine Art gegeben, die ist ja ganz schief geworden?" - "Ach! was hast du gemacht, sagte der Vater und war noch böser, nun muß ich die Art bezahlen, so bringst du mich mit deiner[71] Hülfe nur in Schaden". Der Sohn sprach: "werdet nicht bös, Vater, ich will die Art schon bezahlen". "Ja du Dummbart, wovon willst du sie denn bezahlen, du hast nichts, als was ich dir gebe, das sind Studentenkniffe, die stecken dir im Kopf; vom Holzhacken hast du keinen Verstand". Da wollte der Sohn den Vater bereden, Feierabend zu machen, der Vater sagte, er solle sich packen; der Student aber ließ ihm keine Ruhe und sagte, er könne nicht allein nach Haus gehen, bis der Vater mitging. Der Sohn nahm die Art mit, der Vater aber war ein alter Mann und konnte nicht sehen, daß sie zu Silber geworden war. Wie sie nach Haus kamen, sagte der Vater: "nun bring' die Art hin und sieh, was sie dafür geben wollen". Der Student aber nahm die Art, ging damit in die Stadt zum Goldschmidt und fragte, was er dafür geben wollte. Wie der Goldschmidt sie gesehen hatte, sagte er, er wär' nicht so reich in seinem Vermögen, daß er sie bezahlen könnte. Da sprach der Student, er sollte ihm geben, was er hätte, er wollt ihm das andere borgen. Da gab ihm der Goldschmidt 300 Thaler und lieh noch 100 Thaler dazu. Damit ging der Student heim zu seinem Vater und sprach: "hier hab' ich Geld, nun geht hin und fragt was der Mann haben will für die Axt". "Das weiß ich schon, sagte der Vater 1 Thlr. 6 Gr". - "So gebt im 2 Thlr. 12 Gr. das ist das[72] Doppelte und ist genug". Dann gab der Student seinem Vater hundert Thaler und sagte, es sollte ihm niemals fehlen und erzählte ihm die ganze Geschichte, wie es gegangen wäre. Mit den andern 300 Thalern aber ging er hin und studirte aus; mit seinem Pflaster konnt' er hernach alle Wunden heilen und war der berühmteste Doctor in der ganzen Welt.[73]

10. De drei Vügelkens.

Et is wul dusent un meere Jaare hen, da wören hier im Lanne luter

kleine Künige, da hed auck einer um den Keuterberge wünt(gewohnt), de gink sau geren up de Jagd. Ase nu mal mit sinen Jägern vom Schlotte heruttrok, höen(hüteten) unner den Berge drei Mäkens ire Köge(Kühe), un wie sei den Künig mit den vielen Küen seien, so reip de ölleste den anner beden Mäkens to, un weis up den Künig: "helo! helo! wenn ik den nig kriege, so will ik keinen!" da antworde de tweide up de annere Side vom Berge, un weis up den, de dem Künige rechter Hand gink: "helo! helo! wenn ik den nig kriege, so will ik keinen!" Da reip de jüngeste un weis up den, de linker Hand gink: "helo! helo! wenn ik den nig kriege, so will ik keinen". Dat wören[73] averst de beden Ministers. Dat hörde de Künig alles un ase von der Jagd heime kummen was, leit he de drei Mäkens to sik kummen un fragete se, wat se da gistern am Berge sagd hedden. Dat wullen se nig seggen, de Künig frog averst de ölleste, ob se ün wol tom Manne hewen wulle? da segde se ja, un ere beiden Süstern friggeten de beiden Ministers, denn se wören alle drei scheun un schir(klar, schön) von Angesicht, besunners de Künigin, de hadde hare ase Flass.

De beiden Süstern averst kregen keine Kinner, un ase de Künig mal verreisen moste, let he se tor Künigin kummen, um se up to munnern, denn se war grae(gerad) swanger. Se kreg en kleinen Jungen, de hadde 'n ritsch-roen Stern mit up de Weld. Da sehden de beiden Süstern, eine tor annern, se wullen den hübsken Jungen in't Water werpen. Wie se'n darin worpen hadden(ik glöve, et is de Weser west) da flügt 'n Vügelken in de Högte, dat sank:

tom Daude bereit,

up wietern Bescheid,

tom Lilien-Strus:

wacker Junge, bist du's?

da dat de beiden hörten, kregen se de Angst up'n Lieve un makten, dat se fort keimen. Wie de Künig na Hus kam, sehden se to üm, de Künigin hedde 'n Hund kregen, da segde de Künig: "wat Gott deiet, dat is wole dahn!"[74]

Et wunde averst 'n Fisker an den Water, de fiskede den kleinen Jungen wier herut, ase noch ewen lebennig was, un da sine Fru kene Kinner hadde, foerden(fütterten) se 'n up. Na'n Jaar was de Künig wier verreist, da kreg de Künigin wier 'n Jungen, den namen de beiden falsken Süstern un warpen'n auck in't Water, da flügt dat Vügelken wier in die Högte un sank:

tom Daude bereit,

up wietern Bescheid,

tom Lilien-Struß;

wacker Junge, bist du's?

Un wie de Künig torügge kam, sehden se to üm, de Künigin hedde wier 'n Hund bekummen, un he segde wier: "wat Gott deit, dat is wole dahn!" Averst de Fisker trok düsen auck ut den Water, un foerd'n up.

Da verreisede de Künig wier, un de Künigin kreg 'n klein Mäken, dat warpen de falsken Süstern auck in't Water, da flügt dat Vügelken wier in die Högte un sank:

tom Daude bereit,

up wietern Bescheid,

tom Lilien-Struß:

wacker Mäken, bist du's?

Un wie de Künig na Hus kam, sehden se to üm, de Künigin hedde 'ne Katte kregt. Da worde de Künig beuse un leit sine Fru in't Gefänknis smieten, da hed se lange Jaare in setten.[75]

De Kinner wören unnerdes anewassen, da gink de ölleste mal mit annern Jungens herut to fisken, da wüllt ün de annern Jungens nig twisken sik hewen un segget: "du Fündling, gaa du diner Wege", da ward he gans bedrövet und fräggt den olen Fisker, ob dat war wöre? De vertellt ün, dat he mal fisked hedde un hedde ün ut den Water troken(gezogen). Da segd he, he wulle furt un sinen Teiten(Vater) söken. De Fisker de biddet 'n, he mögde doch bliven, averst he let sik gar nig hallen, bis de Fisker et tolest to givt. Da givt he sik up den Weg un geit meere Dage hinner 'n anner, endlich kümmt he vor 'n graut allmächtig Water, davor steit 'n ole Fru un fiskede. "Guden Dag, Moer", segde de junge. - "Großten Dank!" - "Du süst da wol lange fisken, e du 'n Fisk fängest". - "Un du wol lange söken, e du dinen Teiten findst: wie wust du der denn da över't Water kummen?" sehde de Fru. - "Ja, dat mag Gott witten!" - Da nümt de ole Fru ün up den Rüggen und drägt 'n der dörch, un he söcht lange Tiid un kann sinen Teiten nig finnen. Ase nu wol 'n Jaar voröwer is, da trekt de tweide auck ut, un will sinen Broer söken. He kümmt an dat Water un da geit et ün ewen so, ase sinen Broer. Nu was nur noch de Dochter allein to Hus, de jammerde so vil na eren Broern, dat se upt lest auck den Fisker bad, he mögte se treken laten, se wulle ere Broerkes söken. Da kam se[76] auck bie den grauten Water, da sehde se tor olen Fru: "guden Dag, Moer!" - "groten Dank!" - "Gott helpe ju bie juen fisken". Ase de ole Fru dat hörde, da word se ganz fründlich, und trog se över't Water, un gab er 'n Roe(Ruthe) un sehde to er: "un

gah man jümmer up düsen Wege to, mine Dochter! un wenn du bie einen groten schwarten Hund vorbei kümmst, so must du still, um drist, un one to lachen, un one ün an to kicken, vorbei gaan. Dann kümmest du an 'n grot open Schlott, up'n Süll(Schwelle) most du de Roe fallen laten un stracks dörch dat Schlott an den annern Side wier herut gahen; da is 'n olen Brunnen, darut is 'n groten Boom wassen, daran hänget 'n Vugel im Buer, den nümm af, dann nümm noch 'n Glaß Water uk den Brunnen, un gaa mit düsen beiden den sülvigen Weg wier torügge, up den Süll nümm de Roe auck wier mit, un wenn du dann wier bie den Hund vorbie kummst, so schlah ün in't Gesicht, averst sü to, dat du ün treppest, un dann kumm nur wier to mie torügge". Da fand se et grade so, ase de Fru et sagd hadde, un up den Rückwege da fand se de beiden Broer, de sik de halve Welt dorchsöcht hadden. Se ging tosammen, bis wo der swarte Hund an den Weg lag, den schlog se in't Gesicht, da word et 'n schönen Prinz, de geit mit ünen, bis an dat Water. Da stand da noch de ole Fru, de frögede sik ser, da[77] se alle wier da wören und trog se alle över't Water, un dann gink se auck weg, denn se was nu erlöst. De annern averst gingen alle na den olen Fisker un alle wören froh, dat se sik wier funnen hadden, den Vügel averst hüngen se an der Wand.

De tweide Suhn kunne averst nig to Huse rasten un nam 'n Flitzebogen un gink up de Jagd. Wie he möe was, nam he sine Flötepipen un mackte 'n Stücksken. De Künig averst wör auck up de Jagd un hörde dat, da ging he hin, un wie he den jungen drap, so sehde he: "we hett die verlövt hier to jagen?" - "O, neimes(niemand)". - "Wen hörst du dann to?" - "ik bin den Fisker sin Suhn". - "De hett ja keine Kinner!" - "Wen du't nig glöven must, so kum mit". Dat dehe de Künig und frog den Fisker, de vertälle ün alles, un dat Vügelken an der Wand fing an to singen:

De Möhme(Mutter) sitt allein,

wol in dat Kerkerlein!

o Künig, edeles Blod!

Dat sind dine Kinner god.

de falsken Süstern beide

de dehen de Kinnekes Leide,

wol in des Waters Grund,

wo se de Fisker fund!

Da erschracken se alle un de Künig nam den Vugel, den Fisker un de drei Kinner mit sik na den Schlotte, un leit dat Gefänknis upschluten un nam sine Fru wier herut, de was averst gans[78] kränksch un ellenig woren. Da gav er de Dochter von den Water ut den Brunnen to drinken,

da wor se frist un gesund. De beiden falsken Süstern woren averst verbrennt un de Dochter friggede den Prinzen.[79]

11. Das Wasser des Lebens.

Es war einmal ein König, der ward krank und glaubte niemand, daß er mit dem Leben davon käme. Er hatte aber drei Söhne, die waren darüber betrübt, gingen hinunter in den Schloßgarten und weinten, da begegnete ihnen ein alter Mann, der fragte sie nach ihrem Kummer. Da erzählten sie, ihr Vater wär' so krank, daß er wohl sterben würde; es wollte ihm nichts helfen. Der Alte sprach: "ich weiß ein Mittel, das ist das Wasser des Lebens, wenn er davon trinkt, so wird er wieder gesund; es ist aber schwer zu finden". Da sagte der älteste: "ich will es schon finden", ging zum kranken König und bat ihn, er möcht' ihm erlauben auszuziehen und das Wasser des Lebens zu suchen, das ihn allein heilen könne. "Nein, sprach der König, dabei sind zu große Gefahren, lieber will ich sterben". Er bat aber so lange, bis es der König zugab; der Prinz dachte auch in seinem Herzen:[79] "hol' ich das Wasser, so bin ich meinem Vater der liebste und erbe das Reich."

Also machte er sich auf, und als er eine Zeit lang fortgeritten war, stand da ein Zwerg auf dem Weg', der rief ihn an und sprach: "wohinaus so geschwind?" "Du Knirps, sagte der Prinz ganz stolz, das brauchst du nicht zu wissen;" und ritt weiter. Das kleine Männchen aber war zornig geworden und hatte einen bösen Wunsch gethan; wie nun der Prinz fortritt, kam er in eine Bergschlucht, und je weiter, je enger thaten sich die Berge zusammen, und endlich ward der Weg so eng, daß er keinen Schritt weiter konnte, und auch das Pferd konnte er nicht wenden und selber nicht absteigen und mußte da eingesperrt stehen bleiben. Indessen wartete der kranke König auf ihn; aber er kam nicht und kam nicht. Da sagte der zweite Prinz: "so will ich ausziehen und das Wasser suchen" und dachte bei sich, das ist mir eben recht, ist der todt, so fällt das Reich mir zu. Der König wollt' ihn auch anfangs nicht ziehen lassen, endlich aber mußte er's doch zugeben. Der Prinz zog also gleiches Wegs fort und begegnete demselben Zwerg, der hielt ihn wieder an und fragte: "wohinaus so geschwind?" "Du Knirps, sagte der Prinz, das brauchst du nicht zu wissen", und ritt in seinem Stolz fort. Aber der Zwerg verwünschte ihn, und er gerieth wie der andere in eine Bergschlucht[80] und konnte nicht vorwärts und rückwärts. So gehts aber den Hochmüthigen.

Wie nun der zweite Prinz ausblieb, sagte der jüngste, er wollte ausziehen und das Wasser holen und der König mußt' ihn endlich auch

gehen lassen. "Wie er nun den Zwerg auf dem Wege fand, und der fragte: wohinaus so geschwind?" so antwortete er ihm: "ich suche das Wasser des Lebens, weil mein Vater sterbenskrank ist". - "Weißt du denn, wo das zu finden ist?" "Nein", sagte der Prinz. "So will ich dir's sagen, weil du mir ordentlich Rede gestanden hast; es quillt aus einem Brunnen, in einem verwünschten Schloß, und damit du dazu gelangst, geb' ich dir da eine eiserne Ruthe und zwei Laiberchen Brot, mit der Ruthe schlag dreimal an das eiserne Thor vom Schloß, so wird es aufspringen; inwendig werden dann zwei Löwen liegen und den Rachen aufsperren, wenn du ihnen aber das Brot hin einwirfst, wirst du sie stillen, und dann eil' dich und hol' von dem Wasser des Lebens, eh' es zwölf schlägt, sonst geht das Thor wieder zu und du bist eingesperrt". Da dankte ihm der Prinz und nahm die Ruthe und das Brot, ging hin und war da alles, wie der Zwerg gesagt hatte. Als die Löwen gesänftigt waren, ging er in das Schloß hinein und fand einen großen schönen Saal, und darin verwünschte Prinzen, denen zog er die Ringe ab; und dann nahm er ein Schwert,[81] und ein Brot, das lag da. Und weiter kam er in ein Zimmer, darin war eine Prinzessin, die freute sich, als sie ihn sah, küßte ihn und sagte, er hätte sie erlöst und sollte ihr ganzes Reich haben; in einem Jahre sollt' er kommen und die Hochzeit mit ihr feiern. Dann sagte sie ihm auch, wo der Brunnen wäre mit dem Lebenswasser, er müßte sich aber eilen und daraus schöpfen, eh' es zwölf schlüge. Da ging er weiter und kam endlich in ein Zimmer, darin stand ein schönes frischgedecktes Bett' und weil er müd' war, wollt' er sich erst ein wenig ausruhen. Also legte er sich und schlief ein, wie er aber erwachte, schlug es drei Viertel auf Zwölf. Da sprang er ganz erschrocken auf, lief zu dem Brunnen, und schöpfte sich einen Becher, der daneben stand, voll und eilte, daß er fortkam. Wie er eben zum eisernen Thor hinausging, da schlug's zwölf, und das Thor fuhr zu, so heftig, daß es ihm noch ein Stück von der Ferse wegnahm.

Er aber war froh, daß er das Wasser des Lebens hatte und ging heimwärts und wieder an dem Zwerg vorbei. Als dieser das Schwert und das Brot sah, sprach er: "damit hast du großes Gut gewonnen, mit dem Schwert kannst du ganze Heere schlagen, das Brot aber wird niemals alle". Da dachte der Prinz, ohne deine Brüder willst du zum Vater nicht nach Haus kommen und sprach: "lieber Zwerg, kannst du mir nicht sagen, wo meine zwei Brüder sind, die waren früher,[82] als ich, nach dem Wasser des Lebens ausgezogen und sind nicht wieder kommen". "Zwischen zwei Bergen sind sie eingeschlossen, sprach der Zwerg, dahin hab' ich sie verwünscht, weil sie so übermüthig waren". Da bat der Prinz so lange, bis sie der Zwerg wieder los ließ, aber er sprach noch: "Hüte

dich vor ihnen, sie haben ein böses Herz."

Wie sie nun kamen, da freute er sich und erzählte ihnen alles, wie es ihm ergangen wäre, daß er das Wasser des Lebens gefunden und einen Becher voll mitgenommen und eine schöne Prinzessin erlöst habe, die wolle ein Jahr lang auf ihn warten, dann sollte Hochzeit gehalten werden und er bekäm ein großes Reich. Darnach ritten sie zusammen fort und geriethen in ein Land, wo Hunger und Krieg war und der König glaubte schon, er sollte verderben in der Noth; da ging der Prinz zu ihm und gab ihm das Brot, damit speiste und sättigte er sein ganzes Reich, und dann gab ihm der Prinz auch das Schwert und damit schlug er die Heere seiner Feinde und konnte nun in Ruhe und Friede leben. Da nahm der Prinz sein Brot und sein Schwert wieder zurück und die drei Brüder ritten weiter; sie kamen aber noch in zwei Länder, wo Hunger und Krieg herrschte und da gab der Prinz den Königen jedesmal sein Brot und Schwert und hatte nun drei Reiche gerettet. Und darnach setzten sie sich auf ein Schiff und fuhren über's Meer. Während der Fahrt da sprachen die beiden altesten[83] unter sich: "der jüngste hat das Wasser gefunden und wir nicht, dafür wird ihm unser Vater das Reich geben, das uns gebührt und er wird uns unser Glück wegnehmen". Da wurden sie rachsüchtig und verabredeten mit einander, daß sie ihn verderben wollten. Sie warteten aber bis er einmal fest eingeschlafen war, da gossen sie das Wasser des Lebens aus dem Becher und nahmen es für sich, ihm aber gossen sie bitteres Meerwasser hinein.

Als sie nun daheim ankamen, brachte der jüngste dem kranken König seinen Becher, damit er daraus trinken und gesund werden sollte. Kaum aber hatte er ein wenig von dem bittern Meerwasser getrunken, da ward er noch kränker als zuvor. Und wie er darüber jammerte, kamen die beiden ältesten Söhne und klagten den jüngsten an und sagten, er habe ihn vergiften wollen, das rechte Wasser des Lebens hätten sie gefunden und mitgebracht, und reichten es dem König. Und kaum hatte er davon getrunken, so fühlte er seine Krankheit verschwinden und ward stark und gesund, wie in seinen jungen Tagen. Darnach gingen die beiden zu dem jüngsten, spotteten sein und sagten: "nun, hast du das Wasser des Lebens gefunden? du hast die Mühe gehabt und wir den Lohn, du hättest die Augen aufthun sollen, wir haben dir's genommen, wie du auf dem Meere eingeschlafen warst. Ueber's Jahr da holt' sich[84] einer von uns deine schöne Prinzessin; aber hüt' dich, daß du davon nichts dem Vater verräthst, er glaubt dir doch nicht und wenn du ein Wort sagst, so sollst du auch noch dein Leben verlieren, schweigst du aber, so soll dir's geschenkt seyn."

Der alte König aber war zornig über seinen jüngsten Sohn, und

glaubte, er hätte ihm nach dem Leben getrachtet, also ließ er den Hof versammeln und das Urtheil über ihn sprechen, daß er heimlich sollte er schossen werden. Als der Prinz nun einmal auf die Jagd ritt und nichts davon wußte, mußte des Königs Jäger mitgehen. Draußen als sie ganz allein im Wald waren und der Jäger so traurig aussah, sagte der Prinz zu ihm: "lieber Jäger, was fehlt dir?" der Jäger sprach: "ich kann's nicht sagen und soll es doch". Da sprach der Prinz: "sag's nur heraus, was es ist, ich will dir's verzeihen". - "Ach, sagte der Jäger, ich soll euch todt schießen, der König hat mir's befohlen". Da erschrack der Prinz und sprach: "lieber Jäger, laß mich leben, da geb' ich dir mein königliches Kleid, gib mir dafür dein schlechtes". Der Jäger sagte: "das will ich gern thun, ich hätte doch nicht nach euch schießen können". Da nahm der Jäger des Prinzen Kleid und der Prinz das schlechte vom Jäger und ging fort in den Wald hinein.

Ueber eine Zeit, da kamen beim alten König drei Wagen mit Geschenken an Gold und Edelsteinen[85] für den jüngsten Prinzen, sie waren aber von den drei Königen geschickt, denen der Prinz das Schwert und das Brot geliehen, womit sie die Feinde geschlagen und ihr Land ernährt hatten. Das fiel dem alten König auf's Herz und er dachte, sein Sohn könnte doch unschuldig gewesen seyn und sprach zu seinen Leuten: "ach! wär' er noch am Leben, wie thut mir's so herzlich leid, daß ich ihn habe tödten lassen". So hab' ich ja Recht gethan, sprach der Jäger, "ich hab' ihn nicht todt schießen können", und sagte dem König, wie es zugegangen wäre. Da war der König froh und ließ bekannt machen in allen Reichen, sein Sohn solle wieder kommen, er nehme ihn in Gnaden auf.

Die Prinzessin aber ließ eine Straße vor ihrem Schloß machen, die war ganz golden und glänzend, und sagte ihren Leuten, wer darauf geradeswegs zu ihr geritten käme, das wäre der rechte, und den sollten sie einlassen, wer aber daneben käme, der wär' der rechte nicht und den sollten sie auch nicht einlassen. Als nun die Zeit bald herum war, dachte der älteste, er wollte sich eilen, zur Prinzessin gehen und sich für ihren Erlöser ausgeben, da bekäm er sie zur Gemahlin und das Reich dabei. Also ritt er fort; als er vor das Schloß kam und die schöne goldene Straße sah, dachte er: "ei, das wäre jammerschade, wenn du darauf rittest", lenkte ab und ritt rechts[86] nebenher. Wie er aber vor's Thor kam, sagten die Leute zu ihm, er wär' der rechte nicht, er sollte wieder fortgehen. Bald darauf machte sich der zweite Prinz auf, wie der zur goldenen Straße kam und das Pferd den einen Fuß darauf gesetzt hatte dachte er: "ei! es wäre jammerschade, das könnte etwas abtreten", lenkte ab und ritt links nebenher. Wie er aber vor's Thor kam, sagten die

Leute, er wär' der rechte nicht, er sollte wieder fortgehen. Als nun das Jahr ganz herum war, wollte der dritte aus dem Wald fort zu seiner Liebsten reiten und bei ihr sein Leid vergessen. Also machte er sich auf und dachte immer an sie und wär' gern schon bei ihr gewesen und sah die goldene Straße gar nicht. Da ritt sein Pferd mitten darüber hin und als er vor's Thor kam, ward es aufgethan und die Prinzessin empfing ihn mit Freuden, und sagte, er wär' ihr Erlöser und der Herr des Königreichs und ward die Hochzeit gehalten mit großer Glückseligkeit. Und als sie vorbei war, erzählte sie ihm, daß ihn sein Vater habe zu sich entboten und ihm verziehen. Da ritt er hin und sagte ihm alles, wie seine Brüder ihn betrogen, und er doch dazu geschwiegen hätte. Der alte König wollte sie strafen, aber sie hatten sich auf's Meer gesetzt und waren fortgeschifft und kamen ihr lebtag nicht wieder.[87]

12. Doctor Allwissend.

Es war einmal ein armer Bauer Namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Thaler an einen Doctor. Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doctor gerade zu Tisch, da sah der Bauer, was er schön aß und trank und das Herz ging ihm darnach auf und er wär' auch gern ein Doctor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doctor werden. "O ja, sagte der Doctor, das ist bald geschehen, erstlich kauf' dir ein Abcbuch, so eins, wo vornen ein Göckelhahn drin ist; zweitens mach' deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff' dir damit Kleider an und was sonst zur Doctorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten: ich bin der Doctor Allwissend; und das oben über deine Hausthüre nageln". Der Bauer that alles, wie's ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoctert, aber noch nicht viel, war einem reichen großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doctor Allwissend gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen wüßte, wo das Geld hinkommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus[88] in's Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doctor Allwissend wäre? "Ja, der wär' er". - "So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wiederschaffen", "o ja, aber die Grethe seine Frau müßte auch mit". Der Herr war das zufrieden, ließ sie beide in dem Wagen sitzen und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adlichen Hof kamen, war der Tisch gedeckt; da sollt' er erst mitessen. Ja, aber seine Frau die Grethe auch, sagte er, und setzte sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte: "Grethe,

das war der erste". Und meinte, es wär' derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit sagen wollen, das ist der erste Dieb und weil er's nun wirklich war, ward ihm angst und er sagte draußen zu seinen Cameraden: "der Doctor weiß alles, wir kommen übel an, er hat gesagt, ich wär' der erste". Der zweite wollte gar nicht herein, er mußte aber doch. Wie der nun mit seiner Schüssel herein kam, stieß der Bauer seine Frau an: "Grethe, das ist der zweite". Dem Bedienten ward ebenfalls angst und er machte, daß er hinauskam. Dem dritten ging's nicht besser, der Bauer sagte wieder: "Grethe, das ist der dritte". Der vierte mußte eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum Doctor, er sollte seine Kunst zeigen und rathen was darunter[89] läg', es waren aber Krebse. Der Bauer sah' die Schüssel an, wußt' nicht, wie er sich helfen sollte und sprach: "ach ich armer Krebs!" Wie der Herr das hörte, rief er: "da! er weiß es, nun weiß er auch wer das Geld hat."

Dem Bedienten aber ward gewaltig angst und er blinzelte den Doctor an, er mögt' einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle vier, sie hätten das Geld gestohlen, sie wollten's ja gern herausgeben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht verrathen wollte; es ging ihnen sonst an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag. Damit war der Doctor zufrieden, ging wieder hinein und sprach: "Herr nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt". Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen, und wollt' hören, ob der Doctor noch mehr wüßte. Er saß aber und schlug sein Abcbuch auf, blätterte darin hin und her und suchte den Göckelhahn, weil er ihn nun nicht gleich finden konnte, sprach er: "du bist doch darin und mußt auch heraus". Da meinte der im Ofen, er wär' gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief: "der Mann weiß alles!" Nun zeigte der Doctor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer's gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung und ward ein berühmter Mann.[90]

13. Der Froschprinz.

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, in seinem Hof aber stand ein Brunnen mit schönem klarem Wasser. An einem heißen Sommertag ging die älteste hinunter und schöpfte sich ein Glas voll heraus, wie sie es aber so ansah und gegen die Sonne hielt, sah sie, daß es trüb' war. Das kam ihr ganz ungewohnt vor und sie wollte es wieder hineinschütten, indem regte sich ein Frosch in dem Wasser, streckte den Kopf in die Höhe, und sprang endlich auf den Brunnenrand, da sagte er

zu ihr:

"wann du willst mein Schätzchen seyn,

will ich dir geben hell, hell Wässerlein."

"Ei, wer will Schatz von einem garstigen Frosch seyn", rief die Prinzessin und lief fort. Sie sagte ihren Schwestern was da unten am Brunnen für ein wunderlicher Frosch wäre, der das Wasser trüb machte. Da ward die zweite neugierig, ging hinunter und schöpfte sich auch ein Glas voll, das war eben wieder so trüb, daß sie es nicht trinken wollte. Aber der Frosch war auch wieder auf dem Rand und sagte:

"wann du willst mein Schätzchen seyn,

will ich dir geben hell, hell Wässerlein."[91]

"Das wär' mir gelegen", sagte die Prinzessin und lief fort. Endlich kam die dritte, und schöpfte auch, aber es ging ihr nicht besser und der Frosch sprach auch zu ihr:

"wann du willst mein Schätzchen seyn,

will ich dir geben hell, hell Wässerlein."

"Ja doch! ich will dein Schätzchen seyn, sagte die Prinzessin, schaff' mir nur reines Wasser", sie dachte aber: was schadet dir das, du kannst ihm ja leicht aus Gefallen so sprechen, ein dummer Frosch kann doch nimmermehr mein Schatz seyn. Der Frosch aber war wieder in's Wasser gesprungen, und als sie nun zum zweitenmal schöpfte, da war das Wasser so klar, daß die Sonne ordentlich vor Freuden darin blinkte. Sie trank sich recht satt und brachte ihren Schwestern noch mit hinauf: "was seyd ihr so einfältig gewesen und habt euch vor dem Frosch gefürchtet."

Darnach dachte die Prinzessin nicht weiter daran und legte sich Abends vergnügt in's Bett. Wie sie ein Weilchen darin lag und noch nicht eingeschlafen war, da hört sie auf einmal etwas an der Thüre krabbeln, und darnach singen:

"Mach' mir auf! mach mir auf!

Königstochter, jüngste,

weißt du nicht, wie du gesagt

als ich in dem Brünnchen saß,

du wolltest auch mein Schätzchen seyn,

gäb' ich dir hell, hell Wässerlein."[92]

"Ei! da ist ja mein Schatz, der Frosch, sagte die Prinzessin, nun weil ich's ihm versprochen habe, so will ich ihm aufmachen", also stand sie auf, öffnete ihm ein Bischen die Thüre und legte sich wieder. Der Frosch

hüpfte ihr nach und hüpfte endlich unten in's Bett zu ihren Füßen und blieb da liegen, und als die Nacht vorüber war und der Morgen graute, da sprang er wieder herunter und fort zur Thüre hinaus. Am andern Abend, als die Prinzessin wieder im Bett lag, krabbelte es wieder und sang an der Thüre. Die Prinzessin machte auf, und der Frosch lag bis es Tag werden wollte wieder unten zu ihren Füßen. Am dritten Abend kam er, wie an den vorigen. "Das ist aber das letztemal, daß ich dir aufmache, sagte die Prinzessin, in Zukunft geschiehts nicht mehr". Da sprang der Frosch unter ihr Kopfkissen und die Prinzessin schlief ein. Wie sie am Morgen aufwachte und meinte, der Frosch sollte wieder forthüpfen, da stand ein schöner junger Prinz vor ihr, der sagte, daß er der bezauberte Frosch gewesen, und daß sie ihn erlöst hätte, weil sie versprochen sein Schatz zu seyn. Da gingen sie beide zum König, der gab ihnen seinen Segen und da ward Hochzeit gehalten. Die zwei andern Schwestern aber ärgerten sich, daß sie den Frosch nicht zum Schatz genommen hatten.[93]

14. Des Teufels rußiger Bruder.

Ein abgedankter Soldat hatte nichts zu leben und wußte sich nicht mehr zu helfen. Da ging er hinaus in den Wald und als er ein Weilchen gegangen war, begegnete ihm ein kleines Männchen, das war aber der Teufel. Das Männchen sagte zu ihm: "was fehlt dir, du siehst ja so trübselig aus?" da sprach der Soldat: "ich habe Hunger und kein Geld". Der Teufel sagte: "willst du dich bei mir vermiethen und mein Knecht seyn, so sollst du für dein Lebtag genug haben; sieben Jahre sollst du mir dienen, dann bist du wieder frei, aber eins sag ich dir, du darfst dich nicht waschen, nicht kämmen, nicht schnippen, keine Nägel und Haare abschneiden und kein Wasser aus den Augen wischen". Der Soldat sagte: wohlan, so soll's seyn! und ging mit dem Männchen fort, das führte ihn nun geradeswegs in die Hölle hinein. Da sagte es ihm was er zu thun habe, er müßte das Feuer schüren unter den Kesseln, wo die Höllenbraten drin säßen, das Haus rein halten, den Kehrdreck hinter die Thüre tragen und überall auf Ordnung sehen, aber guckt' er einziges Mal in die Kessel hinein, so sollt's ihm schlimm gehen. Der Soldat sprach: "es ist schon gut, ich will's besorgen". Da ging nun[94] der alte Teufel wieder hinaus auf seine Wanderung und der Soldat trat seinen Dienst an, legte Feuer zu, kehrte und trug den Kehrdreck hinter die Thüre; wie der alte Teufel wieder kam, war er zufrieden und ging zum zweitenmal fort. Der Soldat schaute sich nun einmal recht um, da standen die Kessel rings herum in der Hölle und war ein gewaltiges Feuer darunter, und es kochte

und brutzelte darin. Da hätt' er für sein Leben gern hineingeschaut, es war ihm aber so streng verboten; endlich konnt' er sich nicht mehr anhalten, ging herbei und hob' vom ersten Kessel ein klein Bischen den Deckel auf und guckte hinein. Da sah er seinen ehemaligen Unteroffizier darin sitzen: "aha! Vogel, sprach er, treff' ich dich hier! du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich!" ließ geschwind den Deckel fallen, schürte das Feuer und legte noch frisch zu. Darnach ging er zum zweiten Kessel, hob ihn auch ein wenig auf und guckte, da saß sein Fähndrich darin: "aha! Vogel, treff' ich dich hier, du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich", machte den Deckel wieder zu und trug noch einen Klotz herbei, der sollt' ihm erst recht heiß machen. Nun wollt' er auch sehen, wer im dritten Kessel säße, da war's gar sein General: "aha! Vogel, treff' ich dich hier! du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich!" holte den Blasbalg und ließ das Höllenfeuer recht unter ihm flackern. Also that er sieben Jahr seinen Dienst in der Hölle,[95] wusch sich nicht, kämmte sich nicht, schnippte sich nicht, schnitt sich die Nägel und Haare nicht, und wischte sich kein Wasser aus den Augen, und die sieben Jahr waren ihm so kurz, daß er meinte, es wär' nur ein halb Jahr gewesen. Wie nun die Zeit vollends herum war, kam der Teufel und sagte: "nun, Hans, was hast du gemacht?" - "Ich hab' das Feuer unter den Kesseln geschürt, ich hab' gekehrt und den Kehrdreck hinter die Thüre getragen". - "Aber du hast auch in die Kessel geguckt; dein Glück ist, daß du noch Holz zugelegt hast, sonst war dein Leben verloren: jetzt ist deine Zeit herum, willst du wieder heim?" "Ja, sagte der Soldat, ich wollt auch gern sehen, was mein Vater daheim macht". Sprach der Teufel: "damit du deinen verdienten Lohn kriegst, geh' und raff' dir deinen Ranzen voll Kehrdreck und nimm's mit nach Haus, du sollst auch gehen ungewaschen und ungekämmt, mit langen Haaren am Kopf und am Bart, mit ungeschnittenen Nägeln und mit trüben Augen, und wenn du gefragt wirst, woher du kämst, sollst du sagen: aus der Hölle; und wenn du gefragt wirst, wer du wärst, sollst du sagen: des Teufels rußiger Bruder und mein König auch". Der Soldat schwieg still und that, was der Teufel sagte, aber er war mit seinem Lohn gar nicht zufrieden.

Wie er nun wieder auf die Welt kam und[96] im Wald war, hob er seinen Ranzen vom Rücken und wollt' ihn ausschütten; wie er ihn aber öffnete, so war der Kehrdreck pures Gold geworden. Als er das sah, war er vergnügt und ging in die Stadt hinein. Vor dem Wirthshaus stand der Wirth und wie er ihn herankommen sah, erschrack er, weil Hans so entsetzlich aussah, ärger als eine Vogelscheu, und rief ihn an: "woher kommst du?" - "Aus der Hölle". - "Wer bist du?" - "Des Teufels sein rußiger Bruder, und mein König auch". Der Wirth wollt' ihn nicht

einlassen, wie er ihm aber das Gold zeigte, ging er und klinkte ihm Hans selber die Thüre auf. Da ließ er sich nun die beste Stube geben, köstlich aufwarten, aß und trank sich satt, wusch sich aber nicht und kämmte sich nicht, wie ihm der Teufel geheißen hatte, und legte sich endlich schlafen. Dem Wirth aber war der Ranzen voll Gold vor den Augen und ließ ihm keine Ruh', bis er in der Nacht hinschlich und ihn wegstahl.

Wie nun Hans am andern Morgen aufstand, den Wirth bezahlen und weiter gehen wollte, da war sein Ranzen weg. Er faßte sich aber kurz, dachte, du bist ohne Schuld unglücklich gewesen, und kehrte wieder um geradezu in die Hölle; da klagte er es dem alten Teufel und bat ihn um Hülfe. Der Teufel sagte: "setz' dich, ich will dich waschen, kämmen, schnippen, die Haare und Nägel schneiden und die Augen auswischen",[97] und als er fertig mit ihm war, gab er ihm den Ranzen wieder voll Kehrdreck und sprach: "geh' hin und sag' dem Wirth, er sollt' dir dein Gold wieder herausgeben, sonst wollt' ich kommen und ihn abholen an deinen Platz". Hans ging hinauf und sprach zum Wirth: "du hast mein Gold gestohlen, gibst du's nicht wieder, so kommst du in die Hölle an meinen Platz und sollst aussehen, wie ich". Da gab ihm der Wirth das Gold und noch mehr dazu und bat ihn nur still davon zu seyn, und Hans war nun ein reicher Mann.

Hans machte sich auf den Weg heim zu seinem Vater, kaufte sich einen schlechten Linnenkittel auf den Leib, ging herum und machte Musik, denn das hatte er bei dem Teufel in der Hölle gelernt. Es war aber ein alter König im Land, vor dem mußt' er spielen und der gerieth darüber in solche Freude, daß er dem Hans seine älteste Tochter zur Ehe versprach. Als die aber hörte, daß sie so einen gemeinen Kerl im weißen Kittel heirathen sollte, sprach sie: "eh' ich das thät', wollt' ich lieber in's tiefste Wasser gehen". Da gab ihm der König die jüngste Prinzessin, die wollt's ihrem Vater zur Liebe gern thun, und also bekam des Teufels rußiger Bruder die Königstochter und als der alte König gestorben war, auch das ganze Reich.[98]

15. Der Teufel Grünrock.

Es waren drei Brüder, die stießen den jüngsten immer zurück und als sie ausgehen und in die Welt ziehen wollten, sprachen sie zu ihm: "wir brauchen dich nicht, du kannst allein wandern". Also verließen sie ihn und er mußte allein für sich ziehen, kam auf eine große Heide und war sehr hungrig. Auf der Heide aber stand ein Ring von Bäumen, darunter setzte er sich und weinte. Auf einmal hörte er ein Brausen, und wie er

aufsah, da kam der Teufel daher in einem grünen Rock und mit einem Pferdefuß und redete ihn an: "was fehlt dir, warum weinst du?" Da klagte er ihm seine Noth und sagte: "meine Brüder haben mich verstoßen". Da sprach der Teufel: "ich will dir wohl helfen, zieh' diesen grünen Rock an, der hat Taschen, die sind immer voll Geld, du magst hineingreifen, wann du willst; aber dafür verlang' ich, daß du dich in sieben Jahren nicht wäschest, deine Haare nicht kämmst und nicht betest. Stirbst du in diesen sieben Jahren, so bist du mein, bleibst du aber leben, so bist du frei und reich dazu auf dein Lebtag". Da trieb ihn die Noth, daß er dem Teufel zusagte und dieser zog den grünen Rock aus und er zog ihn an, und wie er seine Hand in die Tasche steckte, hatte er sie voll Geld.[99]

Nun ging er mit dem grünen Rock in die Welt, das erste Jahr war's gut, was er sich nur wünschte, konnt' er mit seinem Geld bezahlen, und er ward noch ziemlich für einen Menschen angesehen. Im zweiten Jahr ging's schlimmer, da waren die Haare ihm schon so lang gewachsen, so daß ihn niemand erkennen konnte und niemand wollt' ihn herbergen, weil er so abscheulich aussah. Und je länger, je ärger ward es, er gab aber den Armen überall viel Geld, damit sie für ihn beten möchten, daß er in den sieben Jahren nicht stürbe und in die Hände des Teufels fiele. Da kam er einmal im vierten Jahre in ein Wirthshaus, der Wirth wollt' ihn auch nicht aufnehmen, er zog aber einen Haufen Geld heraus und bezahlte vorher, da erhielt er endlich eine Stube. Abends hörte er im Nebenzimmer ein laut Jammern, da ging er hin und sah einen alten Mann darin sitzen, der weinte und beklagte sich und sagte zu ihm, er solle nur wieder weggehen, er könne ihm doch nicht helfen. Da fragte er ihn, was ihm fehle; der Alte sprach, er hätte kein Geld und wär viel im Wirthshaus schuldig, nun hätten sie ihn so lange festgesetzt, bis er bezahlte. Da sagte der im grünen Rock: "wenn's weiter nichts ist, Geld hab' ich genug, das will ich schon bezahlen, und machte den Alten frei."

Der Alte aber hatte drei schöne Töchter und sprach zu ihm, er sollte mit ihm gehen und zur,[100] Belohnung eine davon zur Frau haben. Da ging er mit ihm, wie sie aber zu Haus ankamen und die älteste ihn sah, schrie sie, daß sie einen so entsetzlichen Menschen, der gar keine menschliche Gestalt mehr habe und wie ein Bär aussehe, heirathen solle; die zweite lief auch fort und wollte lieber in die weite Welt gehen; die jüngste aber sprach: "lieber Vater, weil ihr es versprochen habt und er euch auch in der Noth geholfen, so will ich euch gehorsam seyn". Da nahm der Grünrock einen Ring von seinem Finger und brach ihn durch und gab ihr die eine Hälfte und behielt die andere für sich. In ihre Hälfte aber schrieb er seinen Namen und in seine schrieb er ihren, und sagte, sie möchte den halben Ring gut aufheben. Da blieb er noch ein Weilchen

bei ihr und sprach dann: "nun muß ich Abschied nehmen, drei Jahre bleib ich aus und so lang sey mir treu, dann komm ich wieder und soll unsere Hochzeit seyn, bin ich aber in drei Jahren nicht zurück, so bist du frei, denn da bin ich todt; bet' aber für mich, daß mir Gott das Leben schenke."

In den drei Jahren machten sich nun die beiden ältesten Schwestern recht lustig über die jüngste, und sagten, sie müßt' einen Bär zum Manne nehmen, und kriegte nicht einmal einen ordentlichen Menschen. Sie aber schwieg still und dachte, du mußt deinem Vater gehorchen, es mag kommen wie es will. Der Grünrock aber[101] zog in der Welt herum, griff oft in die Tasche und kaufte für seine Braut das Schönste was ihm nur vor die Augen kam, that nichts Böses, sondern Gutes, wo er konnte, und gab den Armen, daß sie für ihn beteten. Da erzeigte ihm Gott die Gnade, daß die drei Jahre verflossen und er gesund und lebendig blieb. Wie nun die Zeit herum war, ging er wieder hinaus auf die Heide und setzte sich unter den Ring von Bäumen. Da sauste es wieder ganz gewaltig daher und der Teufel kam ganz brummend und giftig und warf ihm seinen alten Rock hin und forderte den grünen. Da zog ihn der Jüngling mit Freuden aus und reichte ihn dem Teufel und war nun frei und reich auf immer. Dann ging er nach Haus, machte sich rein und putzte sich aus und zog fort zu seiner Braut. Als er an's Thor kam, begegnete ihm der Vater; er grüßte ihn und gab sich als den Bräutigam an, aber der Vater erkannte ihn nicht und wollte ihm nicht glauben. Da ging er hinauf zur Braut, die wollte ihm auch nicht glauben. Endlich fragte er, ob sie den halben Ring noch habe. Da sagte sie ja, ging hin und holte ihn; er aber zog den seinen heraus und hielt ihn daran, da paßten sie zusammen und war es gewiß, daß es niemand als ihr Bräutigam seyn konnte. Und wie sie nun sah, daß es ein schöner Mann war, freute sie sich und hatte ihn lieb und sie hielten Hochzeit miteinander;[102] die beiden Schwestern aber, weil sie ihr Glück versäumt hatten, waren so bös, daß am Hochzeittag die eine sich ersäufte, die andere sich erhenkte. Am Abend klopfte und brummte etwas an der Thüre und als der Bräutigam hinging und aufmachte, so war's der Teufel im grünen Rock, der sprach: "siehst du, da hab' ich nun zwei Seelen für deine eine!"[103]

16. Der Zaunkönig und der Bär.

Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spaziren, da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: "Bruder Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?" -

"Das ist der König der Vögel, sagte der Wolf, vor dem müssen wir uns neigen;" es war aber der Zaunkönig. "Wenn das ist, sagte der Bär, möcht' ich auch gern seinen königlichen Pallast sehen, komm und führ' mich hin". "Das geht nicht so, wie du meinst, sprach der Wolf, du mußt warten, bis die Frau Königin kommt". Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter im Schnabel und der Herr König auch und wollten ihre Jungen ätzen. Der Bär wär' gern nun gleich hintendrein gegangen,[103] aber der Wolf hielt ihn am Ermel und sagte: "nein, du mußt warten bis Herr und Frau Königin wieder fort sind". Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und gingen wieder ab. Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Pallast sehen und ging nach einer kurzen Weile wieder vor. Da waren König und Königin wieder ausgeflogen, er guckte hinein und sah 5 oder 6 Junge, die lagen darin: "ist das der königliche Palast? sagte der Bär, das ist ein elender Palast! ihr seyd auch keine Königskinder, ihr seyd unehrliche Kinder!" Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrien: "nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute, Bär, das soll ausgemacht werden mit dir". Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie kehrten um und setzten sich in ihre Löcher. Die jungen Zaunkönige aber schrien und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: "wir essen kein Fliegenbeinchen und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausmacht, ob wir ehrliche Kinder sind oder nicht, denn der Bär ist da gewesen und hat uns gescholten". Da sagte der alte König: "seyd nur ruhig, das soll ausgemacht werden". Flog darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein: "Brummbär, du hast meine Kinder gescholten, das soll dir übel bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen". Also war dem[104] Bär der Krieg angekündigt und ward alles vierfüßige Gethier berufen: Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh und was die Erde sonst alles trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt, nicht allein die Vögel groß und klein, auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen mußten herbei.

Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandirende General des Feindes wär. Die Mücke war besonders listig, schwärmte im Wald, wo der Feind sich versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: "Fuchs, du bist der schlauste unter allem Gethier, du sollst General seyn und uns anführen: was für Zeichen wollen wir verabreden?" Da sprach der Fuchs: "ich hab' einen schönen, langen, bauschigten Schwanz, der sieht aus fast wie ein rother Federbusch, wenn ich den in die Höhe halte, so geht die Sache gut und ihr müßt

drauf los marschiren, laß ich ihn aber herunterhängen, so fangt an und lauft". Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verrieth dem Zaunkönig alles haarklein.

Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu! da kam das vierfüßige Gethier dahergerennt mit Gebraus, daß die Erde[105] zitterte; Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher, die schnurrte, schrie und schwärmte, daß einem Angst wurde; und gingen sie da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter dem Schwanz setzen und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich bekam, zuckte er, daß er das eine Bein aufhob, doch ertrug er's und ließ den Schwanz noch in der Höhe; beim zweiten mußt' er ihn einen Augenblick herunter lassen, beim dritten aber konnte er sich nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine. Wie das die Thiere sahen, meinten sie, alles wär' verloren und fingen an zu laufen, jeder in seine Höhle, und hatten die Vögel die Schlacht gewonnen.

Da flog der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und riefen: "Kinder seyd fröhlich, eßt und trinkt nach Herzenslust, wir haben den Krieg gewonnen". Die jungen Zaunkönige aber sagten: "noch essen wir nicht, der Bär soll erst vor's Nest kommen und Abbitte thun und sagen, daß wir ehrliche Kinder sind". Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären, und rief: "Brummbär, du sollst vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte thun und sagen, daß sie ehrliche Kinder sind, sonst sollen die die Rippen im Leib' zertreten werden". Da[106] kroch der Bär in der größten Angst hin und that Abbitte, und darauf setzten sich die jungen Zaunkönige zusammen und aßen und tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein.[107]

17. Vom süßen Brei.

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald und begegnete ihm darin eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt' es sagen: "Töpfchen koch!" so kochte es guten, süßen Hirschenbrei, und wenn es sagte: "Töpfchen steh", so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim und nun waren sie ihrer Armuth und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: "Töpfchen koch!" da kocht es und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das

Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort und der Brei steigt über den Rand heraus, und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt's die ganze[107] Welt satt machen, und ist die größte Noth und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: "Töpfchen steh!" da steht es und hört auf zu kochen, und wenn sie wieder in die Stadt wollten, haben sie sich durchessen müssen.[108]

18. Die treuen Thiere.

Es war einmal ein Mann, der hatte gar nicht viel Geld; mit dem wenigen, das ihm übrig blieb, zog er in die weite Welt. Da kam er in ein Dorf, wo die Jungen zusammen liefen, schrien und lärmten. "Was habt ihr vor, ihr Jungen?" sagte der Mann. - "Ei, da haben wir eine Maus, die muß uns tanzen, seht einmal, was das für ein Spaß ist! wie die herumtrippelt!" Den Mann aber dauerte das arme Thierchen und er sprach: "laßt die Maus laufen, ihr Jungen, ich will euch auch Geld geben". Da gab er ihnen Geld und sie ließen die Maus gehen, die lief, was sie konnte, in ein Loch hinein. Der Mann ging fort und kam in ein anderes Dorf, da hatten die Jungen einen Affen, der mußte tanzen und Purzelbäume machen, und sie lachten darüber und ließen dem Thier keine Ruh. Da gab[108] ihnen der Mann auch Geld, damit sie den Affen losließen. Darnach kam der Mann in ein drittes Dorf, da hatten die Jungen einen Bären und ließen ihn tanzen, und wenn er dazu brummte, war's ihnen eben recht. Da kaufte ihn der Mann auch los, und der Bär war froh, daß er wieder auf seine vier Beine kam und trabte fort.

Der Mann aber hatte nun sein Bischen übriges Geld ausgegeben und keinen rothen Heller mehr in der Tasche. Da sprach er zu sich selber: "der König hat soviel in seiner Schatzkammer, was er nicht braucht, Hungers kannst du nicht sterben, du willst da etwas nehmen, und wenn du wieder zu Geld kommst, kannst du's ja wieder hineinlegen". Also machte er sich über die Schatzkammer, und nahm sich ein wenig davon, allein beim Herausschleichen ward er von den Leuten des Königs erwischt. Sie sagten, er wäre ein Dieb und führten ihn vor Gericht, da ward er verurtheilt, daß er in einem Kasten sollte auf's Wasser gesetzt werden. Der Kasten-Deckel war voll Löcher, damit Luft hinein konnte, auch ward ihm ein Krug Wasser und ein Laib Brot mit hinein gegeben. Wie er nun so auf dem Wasser schwamm und recht in Angst war, hört er was krabbeln am Schloß, nagen und schnauben, auf einmal springt das Schloß selber auf und der Deckel in die Höh', und stehen da Maus, Affe

und Bär, die hatten's gethan; weil er ihnen geholfen, wollten sie ihm[109] wieder helfen. Nun wußten sie aber nicht, was sie noch weiter thun sollten und rathschlagten mit einander, indem kam ein weißer Stein auf dem Wasser daher geschwommen, der sah aus wie ein rundes Ei. Da sagte der Bär: "der kommt zu rechter Zeit, das ist ein Wunderstein, wem der eigen ist, der kann sich wünschen, wozu er nur Lust hat". Da fing der Mann den Stein, und wie er ihn in der Hand hielt, wünschte er sich ein Schloß mit Garten und Marstall, und kaum hatte er den Wunsch gesagt, so saß er in dem Schloß mit dem Garten und dem Marstall, und war alles so schön und prächtig, daß er sich nicht genug verwundern konnte.

Nach einer Zeit zogen Kaufleute des Wegs vorbei. "Seh einmal einer, riefen sie, was da für ein herrliches Schloß steht und das letztemal wie wir vorbeikamen, lag da noch schlechter Sand". Weil sie nun neugierig waren, gingen sie hinein und erkundigten sich bei dem Mann, wie er alles so geschwind hätte bauen können. Da sprach er: "das hab' ich nicht gethan, sondern mein Wunderstein". - "Was ist das für ein Stein?" fragten sie. Da ging er hin und holte ihn und zeigte ihn den Kaufleuten. Die hatten große Lust dazu und fragten, ob er nicht zu erhandeln wäre, auch boten sie ihm alle ihre schönen Waaren dafür. Dem Manne stachen die Waaren in die Augen, und weil das Herz unbeständig ist, ließ er sich bethören,[110] und meinte, die schönen Waaren seyen mehr werth, als sein Wunderstein und gab ihn hin. Kaum aber hatte er ihn aus den Händen gegeben, da war auch alles Glück dahin und er saß auf einmal wieder in dem verschlossenen Kasten auf dem Fluß mit einem Krug Wasser und einem Laib Brot. Die treuen Thiere, Maus, Affe und Bär, wie sie sein Unglück sahen, kamen wieder und wollten ihm helfen, aber sie konnten nicht einmal das Schloß aufsprengen, weil's viel fester war, als das erstemal. Da sprach der Bär: "wir müssen den Wunderstein wieder schaffen, oder es ist alles umsonst". Weil nun die Kaufleute in dem Schloß noch wohnten, gingen die Thiere miteinander hin, und wie sie nah dabei kamen, sagte der Bär: "Maus geh hin und guck durch's Schlüsselloch und sieh, was anzufangen ist, du bist klein, dich merkt kein Mensch". Die Maus war willig, kam aber wieder und sagte: "es geht nicht, ich hab' hinein geguckt, der Stein hängt unter dem Spiegel an einen rothem Bändchen und hüben und drüben sitzen ein paar große Katzen mit feurigen Augen, die sollen ihn bewachen". Da sagten die andern: "geh nur wieder hinein und wart' bis der Herr im Bett liegt und schläft, dann schleich dich durch ein Loch hinein und kriech' auf's Bett und zwick' ihn an der Nase und beiß ihm seine Haare ab". Die Maus ging wieder hinein, und that wie die andern gesagt hatten, und der Herr wachte auf,[111] rieb sich die Nase, war ärgerlich und sprach: "die

Katzen taugen nichts, sie lassen mir die Mäuse die Haare vom Kopf abbeißen" und jagte sie alle beide fort. Da hatte die Maus gewonnen Spiel.

Wie nun der Herr die andere Nacht wieder eingeschlafen war, machte sich die Maus hinein, knuperte und nagte an dem rothen Band, woran der Stein hing, so lang, bis es entzwei war und herunterfiel, dann schleifte sie's bis zu der Hausthür. Das ward aber der armen kleinen Maus recht sauer, und sie sprach zum Affen, der schon auf der Lauer stand: "nimm du nun deine Pfote und hol's ganz heraus!" Das war dem Affen ein Leichtes, der trug den Stein und sie gingen so miteinander bis zum Fluß; da sagte der Affe: "wie sollen wir aber nun zu dem Kasten kommen!" Der Bär sagte: "das ist bald geschehen, ich geh' in's Wasser und schwimme, Affe, setz' du dich auf meinen Rücken, halt' dich aber mit deinen Händen fest und nimm den Stein in's Maul, Mäuschen, du kannst dich in mein rechtes Ohr setzen". Also thaten sie und schwammen den Fluß hinab. Nach einer Zeit war's dem Bären so still, fing an zu schwätzen und sagte: "hör' Affe, wir sind doch brave Cammeraden, was meinst du?" - Der Aff' aber antwortete nicht und schwieg still. "Ei! sagte der Bär, willst du mir keine Antwort geben? das ist ein schlechter Kerl, der nicht antwortet!"[112] Wie der Affe das hört, thut er das Maul auf, läßt den Stein in's Wasser fallen und sagt: "ich konnt' ja nicht antworten, ich hatte den Stein im Mund, jetzt ist er fort, daran bist du allein Schuld". "Sey nur ruhig, sagte der Bär, wir wollen schon etwas erdenken". Da berathschlagten sie sich und riefen die Laubfrösche, Unken und alles Ungeziefer, das im Wasser lebt, zusammen und sagten: "es kommt ein gewaltiger Feind, macht, daß ihr viele Steine zusammenschafft, so wollen wir euch eine Mauer bauen und euch schützen". Da erschraken die Thiere und brachten Steine von allen Seiten herbeigeschleppt, endlich kam auch ein alter, dicker Quackfrosch recht aus dem Grund herauf und hatte das rothe Band mit dem Wunderstein im Mund. Wie der Bär das sah, war er vergnügt: "da haben wir, was wir wollen", nahm dem Frosch seine Last ab, sagte den Thieren, es sey schon gut und machte einen kurzen Abschied. Darauf fuhren die drei hinab zu dem Mann im Kasten, sprengten den Deckel mit Hülfe des Steins und kamen noch zu rechter Zeit, denn er hatte das Brot schon aufgezehrt und das Wasser getrunken und war schon halb verschmachtet. Wie er aber den Stein in die Hände bekam, da wünscht er sich wieder frisch und gesund und in sein schönes Schloß mit dem Garten und Marstall und lebte vergnügt und die drei Thiere blieben bei ihm und hatten's gut ihr lebelang.[113]

19. Mährchen von der Unke.

I.

Ein Kind saß vor der Hausthüre auf der Erde und hatte sein Schüsselchen mit Milch und Weckbrocken neben sich und aß. Da kam eine Unke gekrochen und senkte ihr Köpfchen in die Schüssel und aß mit. Am andern Tag kam sie wieder und so eine Zeitlang jeden Tag. Das Kind ließ sich das gefallen, wie es aber sah, daß die Unke immerfort blos die Milch trank und die Brocken liegen ließ, nahm es sein Löffelchen, schlug ihr ein Bischen auf den Kopf und sagte: "Ding, iß auch Brocken!" Das Kind war seit der Zeit schön und groß geworden, seine Mutter aber stand gerade hinter ihm, und sah die Unke, da lief sie herbei und schlug sie todt, von dem Augenblick ward das Kind mager und ist endlich gestorben.

II.

Ein Waisen-Mädchen saß an der Stadtmauer und spann, sah eine Unke herkommen. Da breitete es ein blauseiden Tuch, das die Unken gewaltig lieben und auf das sie allein gehen, neben sich aus. Alsobald die Unke das erblickte, kehrte sie um, kam wieder und brachte ein kleines[114] goldenes Krönchen getragen, legte es darauf und ging dann wieder fort. Da nahm das Mädchen die Krone auf, sie glitzerte und war von zartem Goldgespinst: nicht lange, so kam die Unke zum zweitenmal wieder, wie sie aber die Krone nicht mehr sah, kroch sie an die Wand und schlug vor Leid ihr Häuptlein so lange dawider, als sie nur noch Kräfte hatte, bis sie endlich todt da lag. Hätte das Mädchen die Krone liegen lassen, die Unke hätte wohl noch mehr von ihren Schätzen aus der Höhle herbeigetragen.[115]

III.

(Die Unke ruft:) huhu! huhu!(Kind spricht:) komm herut!(Die Unke kommt hervor, da fragt das Kind nach seinem Schwesterchen:) "hast du Rothstrümpfchen nicht gesehen?"(Unke:) "Ne, ik og nit: wie du denn? huhu! huhu! huhu!"

20. Der arme Müllerbursch und das Kätzchen.

In einer Mühle dienten einmal drei Müllerbursche, worin nur ein alter Müller lebte ohne Frau und Kind. Wie sie nun etliche Jahre bei ihm gedient hatten, sagte er zu ihnen: "zieht einmal fort, und wer mir das beste Pferd nach Haus[115] bringt, dem will ich die Mühle geben". Der dritte von den Burschen war aber der Kleinknecht, der ward von den andern für albern gehalten, dem gönnten sie die Mühle nicht; und er wollte sie hernach nicht einmal! Da gingen alle drei miteinander hinaus, und wie sie vor das Dorf kamen, sagten die zwei zu dem albernen Hans: "du kannst nur hier bleiben, du kriegst doch dein lebtag keinen Gaul". Der Hans aber ging doch mit und als es Nacht war, kamen sie an eine Höhle, da hinein legten sie sich schlafen. Die zwei klugen warteten nun bis Hans eingeschlafen war, dann stiegen sie auf, machten sich fort, ließen das Hänschen liegen und meinten's recht fein gemacht zu haben: ja! es wird euch doch nicht gut gehen! Wie nun die Sonne heraufkam und Hans aufwachte, lag er in einer tiefen Höhle, er guckte sich überall um: "ach Gott! wo bin ich!" Da erhob er sich und kraffelte die Höhle hinauf, ging in den Wald und dachte: "wie soll ich nun zu einem Pferd kommen!" Indem er so in Gedanken dahin ging, begegnete ihm ein kleines buntes Kätzchen, sprach: "Hans, wo willst du hin?" - "Ach! du kannst mir doch nicht helfen". - "Was dein Begehren ist, weiß ich wohl, sprach das Kätzchen, du willst einen hübschen Gaul haben, komm mit mir und sey sieben Jahre lang mein treuer Knecht, so will ich dir einen geben, schöner, als du dein Lebtag einen gesehen hast."[116] Da nahm sie ihn mit in ihr verwünschtes Schlößchen, er mußt' ihr dienen und alle Tage Holz klein machen, dazu kriegte er eine Axt von Silber und die Keile und Säge von Silber und der Schläger war von Kupfer. Nun da machte er's klein, blieb bei ihm, hatte sein gutes Essen und Trinken, sah aber niemand als das bunte Kätzchen. Einmal sagte es zu ihm: "geh hin und mäh meine Wiese und mach das Gras trocken" und gab ihm von Silber eine Sense und von Gold einen Wetzstein, hieß ihn aber auch alles wieder richtig abliefern. Da ging der Hans hin und that was es geheißen hatte und als er fertig war und die Sense, den Wetzstein und das Heu nach Haus brachte, fragte er, ob es ihm noch nicht seinen Lohn geben wollte. "Nein, sagte die Katze, du sollst mir erst noch einerlei thun, da ist Bauholz von Silber, Zimmeraxt, Winkeleisen und was nöthig ist, alles von Silber, daraus bau mir erst ein kleines Häuschen". Da baute der Hans das Häuschen fertig und sagte, er hätte nun alles gethan und noch kein Pferd; die sieben Jahre aber waren ihm herumgegangen, wie ein halbes. Da fragte die Katze: "ob er ihre Pferde sehen wollte?" "Ja", sagte Hans. Da machte sie ihm das Häuschen auf und weil sie die Thüre so aufmacht, da stehen zwölf Pferde: ach! die waren gewesen ganz stolz!

die hatten geblänkt und gespiegelt, daß sich sein Herz im Leib darüber[117] freute. Nun gab sie ihm zu essen und zu trinken und sprach: "geh nun heim, dein Pferd geb' ich dir nicht mit, in drei Tagen aber komm' ich und bring' dir's nach;" also ging Hans heim und sie zeigte ihm den Weg zur Mühle. Sie hatte ihm aber nicht einmal ein neu Kleid gegeben, sondern er mußte sein altes lumpichtes Kittelchen behalten, das er mitgebracht hatte, und das ihm in den sieben Jahren überall zu kurz geworden war. Wie er nun heim kam, da waren die beiden andern Müllerburschen auch wieder da, jeder hatte zwar ein Pferd mitgebracht, aber des einen seins war blind, des andern seins lahm. Sie fragten ihn: "Hans, wo hast du dein Pferd?" - "In drei Tagen wird's nachkommen". Da lachten sie und sagten: "ja, du Hans, wo willst du ein Pferd herkriegen, das wird was rechtes seyn!" Hans ging in die Stube, der Müller sagte aber, er sollte nicht an den Tisch kommen, er wär' zu zerrissen und zerlumpt, man müßte sich schämen, wenn jemand herein käme. Da gaben sie ihm sein Bischen Essen hinaus, und wie sie Abends schlafen gingen, wollten ihm die zwei andern kein Bett geben, und er mußte endlich in's Gänseställchen kriechen und sich auf ein wenig Stroh hineinlegen. Am Morgen, wie er aufwacht, sind schon die drei Tage herum, und es kommt eine Kutsche mit sechs Pferden, ei! die glänzten, daß es schön war und ein Bedienter der[118] brachte noch ein siebentes, das war für den armen Müllersbursch, aus der Kutsche aber stieg eine prächtige Prinzessin, und ging in die Mühle hinein und die Prinzessin war das kleine bunte Kätzchen, dem der arme Hans sieben Jahre gedient hatte. Sie fragte den Müller, wo der dritte Mahlbursch, der Kleinknecht, wäre? Da sagte der Müller: "den können wir nicht in die Mühle nehmen, der ist so verrissen und liegt im Gänsestall". Da sagte die Prinzessin, sie sollten ihn gleich holen. Also holten sie ihn heraus, und er mußte sein Kittelchen zusammenpacken, um sich zu bedecken, da schnallte der Bediente prächtige Kleider aus, und mußte ihn waschen und anziehen und wie er fertig war, konnte kein König schöner aussehen. Darnach wollte die Prinzessin die Pferde sehen, welche die andern Mahlburschen mitgebracht hatten, eins war blind, das andere lahm. Da ließ sie den Bedienten das siebente Pferd bringen; wie der Müller das sah, sprach er, so eins wär' ihm noch nicht auf den Hof gekommen; "und das ist für den dritten Mahlbursch" sagte die Prinzessin. "Da muß er die Mühle haben" sagte der Müller; die Prinzessin aber sprach, da wär' sein Pferd, er solle die Mühle auch behalten; und nimmt ihren treuen Hans und setzt ihn in die Kutsche und fährt mit ihm fort. Sie fahren erst nach dem kleinen Häuschen, das er mit dem silbernen Werkzeug gebaut[119] hat, da ist es ein großes Schloß und ist alles darin von Silber und Gold,

und da hat sie ihn geheirathet und war er reich, so reich, daß er für sein Lebtag genug hatte. Darum soll keiner sagen, daß wer albern ist, deshalb nichts rechts werden könne.[120]

21. Die Krähen.

Es hatte ein rechtschaffener Soldat etwas Geld verdient und zusammen gespart, weil er fleißig war und es nicht, wie die andern, in den Wirthshäusern durchbrachte. Nun waren zwei von seinen Kammeraden, die hatten eigentlich ein falsches Herz und wollten ihn um sein Geld bringen; sie stellten sich aber äußerlich ganz freundschaftlich an. Auf eine Zeit sprachen sie zu ihm: "hör', was sollen wir hier in der Stadt liegen, wir sind ja eingeschlossen darin, als wären wir Gefangene, und gar einer wie du, der könnt' sich daheim was ordentliches verdienen und vergnügt leben". Mit solchen Reden setzten sie ihm auch so lange zu, bis er endlich einwilligte und mit ihnen ausreißen wollte; die zwei andern hatten aber nichts anders im Sinn, als ihm draußen sein Geld abzunehmen. Wie sie nun ein Stück Wegs fortgegangen waren, sagten die zwei: "wir[120] müssen uns da rechts einschlagen, wenn wir an die Gränze kommen wollen". - "Ei! Gott bewahre, da gehts ja gerade wieder in die Stadt zurück, links müssen wir weiter". - "Was willst du dich mausig machen", riefen die zwei, drangen auf ihn ein, schlugen ihn, bis er niederfiel, und nahmen ihm sein Geld aus den Taschen; das war aber noch nicht genug, sie stachen ihm auch die Augen aus, schleppten ihn zum Galgen und banden ihn daran fest. Da ließen sie ihn, und gingen mit dem gestohlenen Geld in die Stadt zurück.

Der arme Blinde wußte aber nicht, an welchem schlechten Ort er war, fühlte um sich und merkte, daß er unter einem Balken Holz saß. Da meinte er, es wäre ein Kreutz, sprach: "es ist doch gut von ihnen, daß sie mich wenigstens unter ein Kreutz gebunden haben, Gott ist bei mir", und fing an recht zu Gott zu beten. Wie es ungefähr Nacht werden mochte, hörte er etwas flattern; das waren aber drei Krähen, die ließen sich auf dem Balken nieder. Darnach hörte er, wie eine sprach: "Schwester, was bringt ihr Gutes? ja, wenn die Menschen wüßten, was wir wissen! die Königstochter ist krank und der alte König hat sie demjenigen versprochen, der sie heilt, das kann aber keiner, denn sie wird nur gesund, wenn die Kröte in dem Teich dort zu Asche verbrannt wird und sie die Asche trinkt."[121] Da sprach die zweite: "ja, wenn die Menschen wüßten, was wir wissen! heute Nacht fällt ein Thau vom Himmel, so wunderbar und heilsam, wer blind ist und bestreicht seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder". Da sprach auch die dritte: "ja, wenn die

Menschen wüßten, was wir wissen! Die Kröte hilft nur einem und der Thau hilft nur wenigen, aber in der Stadt ist große Noth, da sind alle Brunnen vertrocknet und niemand weiß, daß der große viereckige Stein auf dem Markt muß weggenommen und darunter gegraben werden, dort quillt das schönste Wasser". Wie die drei Krähen das gesagt hatten, hörte er es wieder flattern und sie flogen da fort; er aber machte sich allmälig von seinen Banden los, und dann bückte er sich und brach ein paar Gräserchen ab und bestrich seine Augen mit dem Thau, der darauf gefallen war. Alsbald ward er wieder sehend und war Mond und Sterne am Himmel und sah er, daß er neben dem Galgen stand. Darnach suchte er Scherben, und sammelte von dem köstlichen Thau, so viel er zusammenbringen konnte und wie das geschehen war, ging er zum Teich, grub das Wasser davon ab und holte die Kröte heraus; und dann verbrannte er sie zu Asche und ging damit an des Königs Hof. Da ließ er nun die Königstochter von der Asche einnehmen und als sie gesund war, verlangte er sie, wie es versprochen war, zur Gemahlin. Dem[122] König aber gefiel er nicht, weil er so schlechte Kleider an hatte, und er sprach daher, wer seine Tochter haben wollte, der müßte der Stadt erst Wasser verschaffen und damit hoffte er ihn los zu werden. Er aber ging hin, hieß die Leute den viereckigen Stein auf dem Markt wegheben und darunter nach Wasser graben. Das thaten sie auch und kamen bald zu einer schönen Quelle, da war Wasser zum Ueberfluß; der König aber konnte ihm nun die Prinzessin nicht länger abschlagen und er wurde mit ihr vermählt und lebten sie in einer vergnügten Ehe.

Auf eine Zeit, als er durch's Feld spatziren ging, begegneten ihm seine beiden ehemaligen Kameraden, die so treulos an ihm gehandelt hatten. Sie kannten ihn nicht, er aber erkannte sie gleich, ging auf sie zu und sprach: "seht, das ist euer ehemaliger Kammerad, dem ihr so schändlich die Augen ausgestochen habt, aber der liebe Gott hat mir's zum Glück gedeihen lassen". Da fielen sie ihm zu Füßen und baten um Gnade, und weil er ein gutes Herz hatte, erbarmte er sich ihrer und nahm sie mit sich, gab ihnen auch Nahrung und Kleider. Er erzählte ihnen darnach, wie es ihm ergangen und wie er zu diesen Ehren gekommen wäre; als die zwei das vernahmen, hatten sie keine Ruhe und wollten auch eine Nacht sich unter den Galgen setzen, ob sie vielleicht auch etwas Gutes hörten. Wie sie nun unter dem Galgen[123] saßen, flatterte auch bald etwas über ihren Häuptern und kamen die drei Krähen. Die eine sprach zur andern: "hört Schwestern, es muß uns jemand behorcht haben, denn die Prinzessin ist gesund, die Kröte ist fort aus dem Teich, ein Blinder ist sehend geworden und in der Stadt haben sie einen frischen Brunnen gegraben, kommt, laßt uns suchen, vielleicht finden wir ihn". Da

flatterten sie herab und fanden die beiden und eh' sie sich helfen konnten, saßen sie ihnen auf dem Kopf und hackten ihnen die Augen aus und hackten weiter so lange in's Gesicht, bis sie ganz todt waren. Da blieben sie liegen unter dem Galgen. Als sie nun in ein paar Tagen nicht wieder kamen, dachte ihr ehemaliger Kammerad, wo mögen die zwei herumirren und ging hinaus, sie zu suchen. Da fand er aber nichts mehr, als ihre Gebeine, die trug er vom Galgen weg und legte sie in ein Grab.[124]

22. Hans mein Igel.

Es war ein reicher Bauer, der hatte mit seiner Frau keine Kinder; öfters, wenn er mit den andern Bauern in die Stadt ging, spotteten sie ihn und fragten, warum er keine Kinder hätte. Da ward er einmal zornig und als er nach Haus[124] kam, sprach er: "ich will ein Kind haben und sollt's ein Igel seyn". Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: "siehst du, du hast uns verwünscht!" Da sprach der Mann: "was kann das alles helfen, getauft muß der Junge werden, aber wir können keinen Gevatter dazu nehmen". Die Frau sprach: "wir können ihn auch nicht anders taufen als Hans mein Igel." Als er getauft war, sagte der Pfarrer: "der kann wegen seiner Stacheln in kein ordentlich Bett kommen". Da ward hinter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht gemacht und Hans mein Igel darauf gelegt. Er konnte auch an der Mutter nicht trinken, denn er hätte sie mit seinen Stacheln gestochen. So lag er da hinter dem Ofen acht Jahre und sein Vater war ihn müde, und dachte, wenn er nur stürbe; aber er starb nicht, sondern blieb da liegen. Nun trug es sich zu, daß in der Stadt ein Markt war und der Bauer wollte darauf gehen, da fragte er seine Frau, was er ihr sollte mit bringen. "Ein wenig Fleisch und ein paar Wecke, was zum Haushalt gehört", sprach sie. Darauf fragte er die Magd, die wollte ein paar Toffel und Zwickelstrümpfe, endlich sagte er auch: "Hans mein Igel, was willst du denn haben?" - "Väterchen, sprach er, bringt mir doch einen Dudelsack mit". Wie nun der Bauer wieder[125] nach Haus kam, gab er der Frau, was er ihr mitgebracht hatte, Fleisch und Wecke, dann gab er der Magd die Toffeln und die Zwickelstrümpfe, endlich ging er hinter den Ofen und gab dem Hans mein Igel den Dudelsack. Und wie Hans mein Igel den hatte, sprach er: "Väterchen, geht doch vor die Schmiede und laßt mir meinen Göckelhahn beschlagen, dann will ich fortreiten und will nimmermehr wiederkommen". Da war der Vater froh, daß er ihn loswerden sollte, und ließ ihm den Hahn beschlagen und als er fertig war, setzte sich Hans

mein Igel darauf, ritt fort, nahm auch Schweine und Esel mit, die wollt' er draußen im Walde hüten. Im Wald aber mußte der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete die Esel und Schweine, und saß lange Jahre bis die Heerde ganz groß war, und wußte sein Vater nichts von ihm. Wenn er aber auf dem Baum saß, blies er seinen Dudelsack und machte Musik, die war sehr schön. Einmal kam ein König vorbeigefahren, der hatte sich verirrt und hörte die Musik; da verwunderte er sich darüber und schickte seinen Bedienten hin, er sollte sich einmal umgucken, wo die Musik herkäme. Der guckte sich um, sah aber nichts, als ein kleines Thier auf dem Baum oben sitzen, das war wie ein Göckelhahn, auf dem ein Igel saß und machte die Musik. Da sprach der König zum Bedienten, er sollte fragen, warum es da[126] säße und ob es nicht wüßte, wo der Weg in sein Königreich ging. Da stieg Hans mein Igel vom Baum und sprach, er wollte den Weg zeigen, wenn der König ihm wollte verschreiben und versprechen, was ihm zuerst begegnete am königlichen Hofe, wenn er nach Haus käme. Da dachte der König, das kannst du leicht thun, Hans mein Igel versteht's doch nicht und kannst schreiben was du willst. Da nahm der König Feder und Dinte und schrieb etwas auf und als es geschehen war, zeigte Hans mein Igel ihm den Weg und er kam glücklich nach Haus. Seine Tochter aber, wie sie ihn von weitem sah, war so voll Freuden, daß sie ihm entgegen ging und ihn küßte. Er gedachte an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm gegangen wäre, und daß er an ein wunderliches Thier, das auf einem Hahn geritten und schöne Musik gemacht, hätte verschreiben sollen, was ihm daheim zuerst begegnen würde; er hätte aber geschrieben, es sollt's nicht haben, denn Hans mein Igel könnt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nimmermehr hingegangen.

Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig und saß auf dem Baum und blies auf seinem Dudelsack. Nun geschah es, daß ein anderer König gefahren kam mit seinen Bedienten und Laufern und hatte sich verirrt und wußte nicht wieder nach Haus zu kommen,[127] weil der Wald so groß war. Da hörte er gleichfalls die schöne Musik von weitem und sprach zu seinem Laufer, was das wohl wäre, er sollt' einmal zusehen, woher es kömmt. Da ging der Laufer hin unter den Baum und sah den Göckelhahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Laufer fragte ihn, was er da oben vorhätte. "Ich hüte meine Esel und Schweine: was ist euer Begehren?" Der Laufer sagte, sie hätten sich verirrt und könnten nicht wieder in's Königreich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wollt' ihm den Weg

zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schlosse das erste begegnen würde. Der König sagte ja und unterschrieb sich dem Hans mein Igel, er sollt' es haben. Als das geschehen war, ritt er auf dem Göckelhahn voraus und zeigte ihm den Weg und gelangte er glücklich wieder in sein Königreich. Wie er auf den Hof kam, war große Freude darüber; nun hatte er eine einzige Tochter, die war sehr schön, die kam ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn und freute sich, daß ihr alter Vater wieder kam. Sie fragte ihn auch, wo er so lang in der Welt gewesen wäre, da erzählte er ihr, er hätte sich verirrt und wär' beinahe gar nicht wieder gekommen, aber als er durch einen großen Wald gefahren, hätte einer halb[128] wie ein Igel, halb wie ein Mensch, rittlings auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und, schöne Musik gemacht, der hätte ihm fortgeholfen und den Weg gezeigt, dafür aber er ihm versprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begegnete, und das wäre sie und das thäte ihm nun so leid. Da versprach sie ihm aber, sie wollte gern mit ihm gehen, wann er käme, ihrem alten Vater zu Liebe.

Hans mein Igel aber hütete seine Schweine und die Schweine bekamen wieder Schweine und diese wieder und wurden ihrer so viel, daß der ganze Wald voll war. Da ließ Hans mein Igel seinem Vater sagen, sie sollten alle Ställe im Dorf ledig machen und räumen, er käme mit einer so großen Heerde Schweine, daß jeder schlachten sollte, der nur schlachten könnte. Da war sein Vater betrübt, als er das hörte, denn er dachte, Hans mein Igel wäre schon lang' gestorben. Hans mein Igel aber setzte sich auf seinen Göckelhahn, trieb die Schweine vor sich her in's Dorf und ließ schlachten: hu! da war ein Gemetzel und ein Hacken, daß man's zwei Stunden weit hören konnte. Darnach sagte Hans mein Igel: "Väterchen, laßt mir meinen Göckelhahn noch einmal vor der Schmiede beschlagen, dann reit' ich fort und komm' mein Lebtag nicht wieder". Da ließ der Vater den Göckelhahn beschlagen[129] und war froh, daß Hans mein Igel nicht wieder kommen wollte.

Hans mein Igel ritt fort in das erste Königreich, da hatte der König befohlen, wenn einer käme auf einem Hahn geritten und hätte einen Dudelsack bei sich, dann sollten alle auf ihn schießen, hauen und stechen, damit er nicht in's Schloß käme. Als nun Hans mein Igel daher geritten kam, drangen sie mit den Bajonetten auf ihn ein, er aber gab dem Hahn die Sporn, flog auf, über das Thor hin vor des Königs Fenster, setzte sich da und rief ihm zu: "sollt' ihm geben, was er versprochen hätte, sonst so wollt' er ihm und seiner Tochter das Leben nehmen". Da gab der König der Prinzessin gute Worte, sie möchte zu ihm hinaus gehen, damit sie ihm und sich das Leben rettete. Da zog sie sich weiß an

und ihr Vater gab ihr einen Wagen mit sechs Pferden und herrliche Bedienten, Geld und Gut; sie setzte sich ein und Hans mein Igel mit seinem Hahn und Dudelsack neben sie, dann nahmen sie Abschied und zogen fort und der König dachte, er kriegte sie nicht wieder zu sehen. Es ging aber anders als er dachte, denn als sie ein Stück Wegs von der Stadt waren, da zog sie Hans mein Igel aus und stach sie mit seiner Igelhaut bis sie ganz blutig war, sagte: "das ist der Lohn für eure Falschheit, geh' hin, ich will dich nicht", und[130] jagte sie damit nach Haus und war sie beschimpft ihr Lebtag.

Hans mein Igel aber ritt weiter auf seinem Göckelhahn und mit seinem Dudelsack nach dem zweiten Königreich, wo er dem König auch den Weg gezeigt hatte. Der aber hatte bestellt, wenn einer käm', wie Hans mein Igel, sollten sie das Gewehr vor ihm präsentiren, ihn frei hereinführen, Victoria rufen und ihn ins königliche Schloß bringen. Wie ihn nun die Prinzessin sah, war sie erschrocken, weil er doch gar so wunderlich aussah, sie dachte aber, es wäre nicht anders, sie hätte es ihrem Vater versprochen. Da ward Hans mein Igel von ihr bewillkommt, mußte mit an die königliche Tafel gehen und sie setzte sich zu seiner Seite und sie aßen und tranken. Wie's nun Abend ward, daß sie wollten schlafen gehen, da fürchtete sie sich sehr vor seinen Stacheln, er aber sprach, sie sollte sich nicht fürchten, es geschäh ihr kein Leid, und sagte zu dem alten König, er sollte vier Mann bestellen, die sollten wachen vor der Kammerthüre und ein großes Feuer anmachen, und wann er in die Kammer eingehe und sich in's Bett legen wolle, würde er aus seiner Igelshaut herauskriechen und sie vor dem Bett liegen lassen; dann sollten die Männer hurtig herbeispringen, und sie in's Feuer werfen, auch dabei bleiben, bis sie vom Feuer verzehrt wäre. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging[131] er in die Kammer und streifte die Igelshaut ab, und ließ sie vor dem Bett liegen, da kamen die Männer und holten sie geschwind und warfen sie ins Feuer, und als sie das Feuer verzehrt hatte, da war er erlöst und lag da im Bett ganz als ein Mensch gestaltet, aber er war kohlschwarz wie gebrannt. Der König schickte zu seinem Arzt, der wusch ihn mit guten Salben und balsamirte ihn, da ward er weiß und war ein schöner junger Herr. Wie das die Prinzessin sah, war sie froh, und sie stiegen auf mit Freuden, aßen und tranken und ward die Vermählung gehalten, und Hans mein Igel bekam das Königreich von dem alten König.

Wie etliche Jahre herum waren, fuhr er mit seiner Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn, der Vater aber sprach, er hätte keinen, er hätte nur einen gehabt, der wär' aber wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und in die Welt gegangen. Da gab er sich zu

erkennen, und der alte Vater freute sich und ging mit ihm in sein Königreich.[132]

23. Das Todtenhemdchen.

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war schön und sie hatte es lieber, wie alles auf der Welt. Auf einmal starb es,[132] darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Als aber das Kind noch gar nicht lang begraben, so zeigte es sich in der Nacht an den Plätzen, wo es sonst gesessen und gespielt, und weinte die Mutter, so weinte es auch, aber wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als nun die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Todtenhemdchen, in dem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach: "ach Mutter, hör' doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Todtenhemdchen wird gar nicht trocken von deinen Thränen, die alle darauf fallen". Da erschrak die Mutter, als sie das hörte und weinte nicht mehr und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder mit einem Lichtchen in der Hand und sagte: "siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken und ich habe Ruhe in meinem Grab". Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.[133]

24. Der Jud' im Dorn.

Ein Bauer hatte einen gar getreuen und fleißigen Knecht, der diente ihm schon drei Jahre,[133] ohne daß er ihm seinen Lohn bezahlt hatte. Da fiel es ihm endlich bei, daß er doch nicht ganz umsonst arbeiten wollte, ging vor seinen Herrn und sprach: "ich habe euch unverdrossen und redlich gedient die lange Zeit, darum so vertraue ich zu euch, daß ihr mir nun geben wollet, was mir von Gottes Recht gebührt". Der Bauer aber war ein Filz und wußte, daß der Knecht ein einfältiges Gemüth hatte, nahm drei Pfennige und gab sie ihm, für jedes Jahr einen Pfennig, damit wäre er bezahlt. Und der Knecht meinte ein großes Gut in Händen zu haben, dachte: "was willst du dir's länger sauer werden lassen, du kannst dich nun pflegen und in der Welt frei lustig machen". Steckte sein großes Geld in den Sack und wanderte fröhlich über Berg und Thal.

Wie er auf ein Feld kam singend und springend erschien ihm ein kleines Männlein, das fragte ihn seiner Lustigkeit wegen? "ei, was sollt'

ich trauren, gesund bin ich, und Geldes hab' ich grausam viel, brauche nichts zu sorgen; was ich in drei Jahren bei meinem Herrn erdient, das hab' ich gespart und ist all' mein". Wie viel ist denn deines Guts? sprach das Männlein. Drei ganzer Pfennig, sagte der Knecht. "Schenk' mir deine drei Pfennige, ich bin ein armer Mann". Der Knecht war aber gutmüthig, erbarmte sich und gab sie hin. Sprach der Mann: "weil du reines Herzens bist, sollen dir drei Wünsche erlaubt[134] seyn, für jeden Pfennig einer, so hast du was dein Sinn begehrt". Das war der Knecht wohl zufrieden, dachte, Sachen sind mir lieber als Geld und sprach: "erstens wünsche ich mir ein Vogelrohr, das alles trifft, was ich ziele, zweitens eine Fiedel, wenn ich die streiche, muß alles tanzen, was sie hört; drittens: worum ich die Leute bitte, daß sie es mir nicht abschlagen dürfen". Das Männchen sagte: alles sey dir gewährt und stellte ihm Fiedel und Vogelrohr zu; darauf ging es seiner Wege.

Mein Knecht aber, war er vorher froh gewesen, dünkte er sich jetzt noch zehnmal froher, und ging nicht lange zu, so begegnete ihm ein alter Jude. Da stand ein Baum und obendrauf auf dem höchsten Zweig saß eine kleine Lerche und sang und sang. "Gottes Wunder, was so ein Thierlein kann, hätt' ich's, gäb' viel darum". "Wenn es weiter nichts ist, die soll bald herunter", sagte der Knecht, setzte sein Rohr an und schoß die Lerche auf das Haar, daß sie den Baum herabfiel, "geht hin und leset sie auf", sie war aber ganz tief in die Dörner unten am Baum hineingefallen. Da kroch der Jud' in den Busch und wie er mitten drin stack, zog mein Knecht seine Fiedel und geigte, fing der Jud' an zu tanzen und hatte keine Ruh, sondern sprang immer stärker und höher; der Dorn aber zerstach seine Kleider, daß die Fetzen herum hingen und ritzte und wundete[135] ihn, daß er am ganzen Leibe blutete. "Gotts willen, schrie der Jud', laß der Herr sein Geigen seyn, was hab' ich verbrochen?" Die Leute hast du genug geschunden, dachte der lustige Knecht; so geschieht dir kein Unrecht, und spielte einen neuen Hüpfauf. Da legte sich der Jud' auf Bitten und Versprechen und wollte ihm Geld geben, wenn er aufhörte, allein das Geld war dem Knecht erst lange nicht genug und trieb ihn immer weiter, bis der Jud' ihm hundert harte Gulden verhieß, die er im Beutel führte und eben einem Christen abgeprellt hatte. Wie mein Knecht das viele Geld sah, sprach er: "unter dieser Bedingung ja", nahm den Beutel und stellte sein Fiedeln ein; darauf ging er ruhig und vergnügt weiter die Straße.

Der Jud' riß sich halb nackicht und armselig aus dem Dornstrauch, überschlug, wie er sich rächen möchte, und fluchte dem Gesellen alles Böse nach. Lief endlich zum Richter, klagte daß er von einem Bösewicht unverschuldeterweise seines Geldes beraubt und noch dazu zerschlagen

wäre, daß es erbarmte, und der Kerl, der es gethan hätte, trüge ein Rohr auf dem Buckel und eine Geige hinge an seinem Hals. Da sandte der Richter Boten und Häscher aus, die sollten den Knecht fahen, wo sie ihn könnten sehen, der wurde bald ertappt und vor Gericht gestellt. Da klagte der Jud', daß er ihm das Geld geraubt hätte, der Knecht sagte: "nein,[136] gegeben hast du mir's, weil ich dir aufgespielt habe", aber der Richter machte das Ding kurz und verurtheilte meinen Knecht zum Tod am Galgen. Schon stand er auf der Leitersprosse, den Strick am Hals, da sprach er: Herr Richter, gewahrt mir eine letzte Bitte! "wofern du nicht dein Leben bittest, soll sie gewährt seyn". "Nein, um mein Leben ist's nicht, laßt mich noch eins auf meiner Geige geigen zu guter Letzt". Da schrie der Jud': "bewahre Gott! erlaubt's ihm nicht! erlaubt's ihm nicht!" allein das Gericht sagte: einmal ist es ihm zugestanden und dabei soll's bewenden, auch durften sie's ihm nicht weigern, weil er die Gabe hatte, daß ihm keiner die Bitte abschlug. Da schrie der Jud': "bindet mich fest, um Gotteswillen!" mein Knecht aber faßte seine Fiedel und that einen Strich, da wankte alles und bewegte sich, Richter, Schreiber, und Schergen und den Jud' konnte keiner binden, und er that den zweiten Strich, da ließ ihn der Henker los und tanzte selber, und wie er nun ordentlich in's Geigen kam, tanzte alles zusammen, Gericht und der Jude vornen und alle Leute auf dem Markt die da wollten zuschauen. Und anfangs ging's lustig, weil aber das Geigen und Tanzen kein Ende nahm, so schrien sie jämmerlich und baten ihn, abzulassen, aber er that's nicht eher, bis ihm der Richter das Leben nicht nur schenkte, sondern auch versprach die hundert Gulden zu lassen. Und erst noch rief[137] er dem Juden zu: "Spitzbub' gesteh' wo du das Geld her hast, sonst hör' ich dir nicht auf zu spielen". "Ich hab's gestohlen, ich hab's gestohlen und du hattest es ehrlich verdient" schrie der Jude, daß es alle hörten. Da ließ mein Knecht die Geige ruhen und der Schuft wurde für ihn am Galgen gehängt.[138]

25. Der gelernte Jäger.

Es war einmal ein junger Bursch, der hatte die Schlosserhandthierung gelernt und sprach zu seinem Vater, er müßte in die Welt gehen und sich versuchen. Ja, sagte der Vater, das bin ich zufrieden und gab ihm etwas Geld auf die Reise. Also zog er herum; auf eine Zeit, da wollt' ihm das Schlosserwerk nicht mehr folgen und stand ihm auch nicht mehr an, aber er kriegte Lust zur Jägerei. Da begegnete ihm auf der Wanderschaft ein Jäger in grünem Kleide, der fragte, wo er her käm' und hin wollte? Er wär' ein Schlossergesell, sagte der Bursch, aber das Handwerk gefiele

ihm nicht mehr, hätte Lust zur Jägerei, ob er sie ihn lehren wollte. - "O ja, wenn du mit mir gehen willst". Da ging der junge Bursch mit und vermiethete sich etliche Jahre bei ihm und lernte die Jägerei. Darnach wollt' er[138] sich weiter versuchen, und der Jäger gab ihm nichts zum Lohn als eine Windbüchse, die hatte aber die Eigenschaft, wenn er damit schoß, so traf er ohnfehlbar. Da ging er nun fort und kam in einen sehr großen Wald, von dem konnt' er in einem Tag das Ende nicht finden; wie's nun Abend war, setzte er sich auf einen hohen Baum, damit er aus den wilden Thieren käme. Gegen Mitternacht zu, däuchte ihm, schimmerte ein kleines Lichtchen von weitem, da sah er durch die Aeste darauf hin und behielt in acht, wo es war. Doch nahm er erst noch seinen Hut und warf ihn nach dem Licht zu herunter, daß er darnach gehen wollte, wann er herabgestiegen wär, als nach einem Zeichen. Nun kletterte er herunter, ging auf seinen Hut los, setzte ihn wieder auf und zog gerades Wegs fort. Je weiter er ging, je größer ward das Licht, und wie er nahe dabei kam, sah er, daß es ein gewaltiges Feuer war und saßen drei Riesen dabei, aßen und hielten große Stücke Fleisch vor dem Mund, die sie bei dem Feuer gebraten hatten. Da nahm er seine Windbüchse und schoß dem ersten Riesen das Stück Fleisch vor dem Mund weg, wie er eben hineinbeißen wollte; und dann auch dem zweiten. Die Riesen sprachen zu einander: "ei! das muß ein scharfer Schütze seyn, der uns das vor dem Maul wegschießen kann, käm' er zu uns, wir wollten ihn gern aufnehmen". Der Jäger aber schoß[139] nun dem dritten auch das Stück vor dem Mund weg; da riefen sie: "wer bist du? komm her zu uns, setz dich und iß mit uns". Da trat der Bursch herzu und sagte, er wär' ein gelernter Jäger und wornach er mit seiner Büchse ziele, das treffe er auch sicher und gewiß. Da sprachen sie, wenn er mit ihnen gehe, solle er's gut haben und erzählten ihm, vor dem Wald sey ein groß Wasser, dahinter ständ ein Thurm, und in dem Thurm säß eine schöne Prinzessin, die wollten sie gern rauben. "Ja, sprach er, die will ich bald geschafft haben". Sagten sie weiter: "es ist aber etwas noch dabei, es liegt ein kleines Hündchen dort, das fängt gleich an zu bellen, wann sich jemand nähert, und sobald das bellt, wacht gleich alles am königlichen Hofe auf, darum können wir nicht hinein kommen: unterstehst du dich, das Hündchen todt zu schießen?" "Ja, sprach er, das ist mir ein kleiner Spaß". - Darnach setzte er sich auf ein Schiff und fuhr über das Wasser und wie er bald beim Land war, kam das Hündchen gelaufen und wollte bellen, aber er kriegte seine Windbüchse und schoß es todt. Wie die Riesen das sahen, freuten sie sich, und meinten, sie hätten die Prinzessin nun schon gewiß; er sprach aber zu ihnen, sie sollten haußen bleiben, bis er ihnen riefe. Da ging er in das Schloß und

es war mäuschenstill und schlief alles; wie er das erste Zimmer aufmachte, hing da ein Säbel an der Wand, der war von purem Silber[140] und ein goldener Stern darauf und des Königs sein Name; daneben aber stand ein Tisch und auf dem Tisch lag ein versiegelter Brief, den brach er auf und stand darin, wer den Säbel hätte, könnte alles um's Leben bringen, was ihm vorkäme. Da nahm er den Säbel von der Wand, ging hin und rief den Riesen, sie sollten heran kommen, die Thür aber könnt' er ihnen nicht ganz aufmachen, da wär' ein Loch, wo sie durchkriechen müßten. Also kam der erste und kroch hinein, und wie der Kopf darin war, nahm der Jäger den Säbel und hieb ihn ab, und duns1 ihn dann vollends herein. Darnach rief er dem zweiten und hieb ihm auch den Kopf ab und duns ihn herein; endlich rief er dem dritten und sagte, sie hätten die Prinzessin schon, da kam er gekrochen und ging ihm nicht besser, als den beiden andern; und hatte der Jäger die Prinzessin nun von ihnen befreit. Darnach machte er das Loch zu und ging weiter, da kam er in das Zimmer, wo die Prinzessin lag und schlief und die war gar schön, so daß er still stand und sie betrachtete und den Athem anhielt. Wie er sich weiter umschaute, da standen unter dem Bett ein Paar Pantoffel, auf dem rechten stand ihres Vaters Name mit einem Stern und auf dem linken ihr Name mit einem Stern. Sie hatte auch ein großes Halstuch[141] um, von Seide mit Gold ausgestickt, auf der rechten Seite ihres Vaters Name, auf der linken ihren Namen, alles mit goldenen Buchstaben. Da nahm der Jäger eine Scheere und schnitt den rechten Schlippen ab und stopfte ihn in seinen Ranzen und dann nahm er auch den rechten Pantoffel mit des Königs Namen, und steckte ihn hinein. Nun lag die Prinzessin noch immer und schlief und sie war ganz in ihr Hemd eingenäht, da schnitt er auch ein Stückchen von dem Hemd ab und steckte es zu dem andern; doch that er das alles ohne sie anzurühren. Dann ging er wieder fort und ließ sie schlafen und als er hinkam, wo die Riesen lagen, schnitt er allen dreien die Zungen aus den Köpfen und steckte sie auch in den Ranzen; damit wollt' er heim gehen und es seinem Vater zeigen.

Der König in dem Schloß aber, als er aufwachte, sah drei Riesen da todt liegen; ging in die Schlafkammer der Prinzessin, weckte sie auf und fragte, wer das wohl gewesen, der die Riesen ums Leben gebracht. Da sagte sie: "lieber Vater, ich weiß es nicht, ich habe geschlafen". Wie sie nun aufstand und ihre Pantoffel anziehen wollte, da war der rechte weg und wie sie ihr Halstuch betrachtete, war es durchschnitten und fehlte der rechte Schlippen, und wie sie ihr Hemd ansah, war ein Stückchen heraus. Der König ließ den ganzen Hof zusammen kommen, Soldaten[142] und alles was da war, und fragte, wer die Riesen hätte

ums Leben gebracht. Nun hatte er einen Hauptmann, der war einäugig und ein häßlicher Mensch, der sagte, er hätte es gethan. Da sprach der alte König, so er das vollbracht, sollte er die Prinzessin heirathen. Die Prinzessin aber sagte: "lieber Vater, dafür, daß ich den heirathen soll, will ich lieber in die Welt gehen, soweit als mich meine Beine tragen". Da sprach der König, wenn sie den nicht heirathen wollte, sollte sie die königlichen Kleider ausziehen und Bauernkleider anthun, und fortgehen; und sie sollte zu einem Töpfer gehen und sich einen irden Geschirr-Handel anfangen. Da thät sie ihre königlichen Kleider aus und ging zu einem Töpfer und borgte sich einen Kram irden Werk; versprach ihm auch, wenn sie's am Abend verkauft hätte, es zu bezahlen. Nun sagte der König, sie sollte sich an eine Ecke damit setzten und es verkaufen, dann bestellte er etliche Bauernwagen, die sollten mitten durchfahren, daß alles in tausend Stücke ging. Wie nun die Prinzessin ihren Kram auf die Straße hingestellt hatte, kamen die Wagen und zerbrachen ihn zu lauter Scherben; fing sie an zu weinen und sprach: "ach Gott! wie will ich nun den Töpfer bezahlen". Der König aber hatte sie damit zwingen wollen, den Hauptmann zu heirathen, statt dessen ging sie wieder zum Töpfer und fragte ihn, ob er ihr noch einmal borgen wollte.[143] Er antwortete nein, sie sollte erst das Vorige bezahlen. Da ging sie zu ihrem Vater und schreite und sagte, sie wollte in die Welt hineingehen. Da sprach er, sie sollt hingehen in den Wald, da wollt' er ihr ein Häuschen bauen, darin sollt' sie ihr Lebtag sitzen und für jedermann kochen; dürfte aber kein Geld nehmen. Also ließ er ihr ein Häuschen im Wald bauen, vor der Thüre ein Schild, darauf stand geschrieben: "heute umsonst, morgen für Geld". Da saß sie lange Zeit und sprach es sich in der Welt herum, da säß eine Jungfrau, die kochte umsonst und das ständ vor der Thüre an einem Schild. Das hörte auch der Jäger und dachte: ei! das wär' etwas für dich, du bist doch arm und hast kein Geld; nahm also seine Windbüchse und seinen Ranzen, worin noch Alles steckte, was er damals im Schloß als Wahrzeichen hineingethan hatte, und ging in den Wald. Er fand auch das Häuschen mit dem Schild: "heute umsonst, morgen für Geld". Er hatte aber den Degen umhängen, womit er den drei Riesen den Kopf abgehauen hatte, trat so in das Häuschen hinein und ließ sich etwas zu essen geben. Er freute sich über das schöne Mädchen, es war aber auch bildschön. Sie fragte ihn, wo er her käm und hin wollte, da sagte er: "ich reise in der Welt herum". Da fragte sie ihn, wo er den Degen her hätte, da stünde ja ihres Vaters Name darauf! Fragte er, ob sie des Königs[144] Tochter wäre? "ja" sagte sie. "Mit diesem Säbel, sprach er, hab' ich drei Riesen den Kopf abgehauen" und holte zum Zeichen ihre Zungen aus dem Ranzen, dann zeigte er ihr auch den

Pantoffel, den Schlippen vom Halstuch und das Stück vom Hemd. Da war sie voller Freude und sagte, er wär' derjenige, der sie erlöst hätte. Darauf gingen sie zusammen zum alten König, und die Prinzessin führte ihn in ihre Kammer und sagte ihm, der Jäger sey der rechte, der sie erlöst hätte von den Riesen. Und wie der alte König die Wahrzeichen alle sah, da konnt' er nicht mehr zweifeln und sagte, das wär' ihm lieb, und er sollte sie nun auch zur Gemahlin haben; darüber war die Prinzessin von Herzen froh. Darauf kleideten sie ihn, als wenn er ein fremder Herr wäre, und der König ließ ein Gastmahl anstellen. Als sie nun zu Tisch gingen, kam der Hauptmann auf die linke Seite der Prinzessin, der Jäger aber auf die rechte, und der Hauptmann meinte, das sey ein fremder Herr und wär' zum Besuch gekommen. Wie sie gegessen und getrunken hatten, sprach der alte König zum Hauptmann, er wollt' ihm etwas aufgeben, das sollt er errathen: wenn einer spräch, er hätte drei Riesen um's Leben gebracht und er gefragt würde, wo die Zungen der Riesen wären, und er müßt' zusehen, und wären keine in ihren Köpfen, wie das zuginge? Da sagte der Hauptmann:[145] "sie werden keine gehabt haben". "Ei! sagte der König, jed' Gethier hat eine Zunge", und fragte weiter, was der werth wäre, daß ihm widerführe? Da sprach der Hauptmann: "der gehört in Stücken zerrissen zu werden". Da sagte der König, er hätte sich selber sein Urtheil gesprochen, und ward der Hauptmann gefänglich gesetzt und dann in vier Stücke zerrissen, die Prinzessin aber mit dem Jäger vermählt, der holte seinen Vater und seine Mutter und die lebten in Freude bei ihrem Sohn, und nach des alten Königs Tod bekam er das Reich.[146]

Fußnoten

1 Duns soviel als zog, von dinsen.

26. Der Dreschflegel vom Himmel.

Es zog einmal ein Bauer mit einem Paar Ochsen zum Pflügen aus, als er auf's Land kam, da fingen den beiden Thieren die Hörner an zu wachsen, wuchsen fort und als er nach Haus will, sind sie so groß, daß er nicht mit zum Thor hinein kann. Zu gutem Glück kam gerade ein Metzger daher, dem überließ er sie, und schlossen sie den Handel dergestalt, daß er sollte dem Metzger ein Maas Rübsamen bringen, der wollt' ihm dann für jedes Korn einen brabanter Thaler aufzählen: das heiß ich mir gut verkauft! Der Bauer ging nun hin und trug das Maas Rübsamen, unterwegs[146] verlor er aber aus dem Sack ein Körnchen. Der Metzger bezahlt' ihn nun nach dem Handel richtig aus. Wie der Bauer wieder des Wegs zurück kam, war aus dem Korn ein Baum gewachsen, der reichte

bis an den Himmel. "Ei, dachte der Bauer, weil die Gelegenheit da ist, mußt du doch sehen, was die Engel da droben machen und ihnen einmal unter die Augen gucken". Also stieg er hinauf und sah, daß die Engel oben Haber droschen und schaute das mit an; wie er so schaute, merkte er, daß der Baum, worauf er stand, anfing zu wackeln und guckte hinunter da wollt' ihn eben einer umhauen. Wenn du da herab stürzest, das wär' ein böses Ding, dachte er, und in der Noth wußt' er sich nicht besser zu helfen, als daß er die Spreu vom Haber nahm, die haufenweis da lag und daraus einen Strick drehte, auch griff er nach einer Hacke und einem Dreschflegel, die da herum im Himmel lagen und ließ sich an dem Seil herunter. Er kam aber unten auf der Erde gerade in ein tiefes, tiefes Loch, und da war es ein rechtes Glück, daß er die Hacke hatte, denn die nahm er und hackte sich eine Treppe und brachte den Dreschflegel zum Wahrzeichen mit.[147]

27. Die beiden Künnigeskinner.

Et was mol en Künig west, de hatte en kleinen Jungen kregen, in den sin Teiken(Zeichen) [147] hadde stahn, he sull von einen Hirsch ümmebracht weren, wenn he sestein Johr alt wäre. Ase he nu so wit anewassen was, do gingen de Jägers mol mit ünne up de Jagd. In den Holte, da kümmt de Künigssohn bie de anneren denne,(von den andern weg) up ein mol süht he da ein grooten Hirsch, den wull he scheiten, he kunn en awerst nig dreppen; up't lest is de Hirsch so lange für ünne herut laupen, bis gans ut den Holte; da steiht da up einmol so ein grot lank Mann stad des Hirsches, de segd: "nu dat is gut, dat ik dik hewe, schon 6 paar gleserne Schlitschau hinner die caput jaget, un hewe dik nig kriegen könnt". Da nümmet he ün mit sik un schlippet em dur ein grot Water bis für en grot Künigsschlott, da mut he mit an'n Disk un eten wat. Ase se tosammen wat geeten het, segd de Künig: "ik hewe drei Döchter, bie der ölesten mußt du en Nacht waken, von des Obends niegen Uhr bis Morgen sesse, un ik kumme jedesmol, wenn de Klocke schlätt sülwens un rope. Un wenne mie dan immer Antwort givst, so salst du se tor Fruen hewen". Ase do die jungen Lude up de Schlopkammer kämen, da stehnd der en steinern Christoffel, da segd de Künigsdochter to emme: "um niegen Uhr kummet min Teite(Vater), alle Stunne bis et dreie schlätt, wenn he froget, so giwet gi em Antwort statt des Künigsohns", da nickede de steinerne Christoffel mit den Koppe gans schwinne[148] und dann jümmer langsamer, bis he to leste wier stille stand. Den anneren Morgen, da segd de Künig to emme: "du hest dine Sacken gut macket, awerst mine Tochter kann ik nig hergiewen, du

möstest dann tin Nachte bie de tweiten wacken, dann will ik mie mal drup bedenken, ob du mine ölleste Dochter tor Frugge hewen kannst; awerst ik kumme olle Stunne sülwenst, un wenn ik die rope, so antworte mie, un wenn ik die rope un du antwortest nig, so soll fleiten din Blaud für mie". Un da gengen de beiden up de Schlopkammer, da stahnd da noch en gröteren steineren Christoffel, dato seg de Künigsdochter: "wenn min Teite frögt, so antworte du", da nickede de grote steinerne Christoffel wier mit den Koppe. Un de Künigssohn legte sik up den Dörsüll(Thürschwelle), legte de Hand unner den Kopp un schläpt inne. Den anneren Morgen seh de Künig to ünne: "du hast dine Sacken twaren gut macket, awerst mine Dochter kann ik nig hergiewen, du möstetst süs bie der jungesten Künigsdochter en Nacht wacken, dann will ik mie bedenken, ob du mine tweide Dochter tor Frugge hewen kannst; awerst ik kumme alle Stunne sülwenst, un wenn ik rope, so antworte mie, un wenn ik die rope un du antwortest nig, so soll fleiten dein Blaud für mie". Da gingen se vier tohope(zusammen) up ehre Schlopkammer, da was da noch en viel grötern un viel längern Christoffel, ase bie de twei ersten; dato[149] segde de Künigsdochter: "wenn min Teite röppet, so antworte du", da nickede de grote lange steinerne Christoffel wohl ene halwe Stunne mit den Koppe, bis de Kopp tolest wier stille stehnd. Un de Künigssohn legte sik up de Dörsül und schläp inne. Den annern Morgen da segd de Künig: "du hast twaren gut wacket, awerst ik kann die noch mine Dochter nig giewen, ik hewe so en groten Wald, wenn du mie den von hüte Morgen seße bis tin Morgen afhoggest, so will ik mie drup bedenken". Da dehe he ünne en gleserne Axt gläsernen Kiel un en gleserne Holt-Hacke midde. Wie he in dat Holt kummen is, da hoggete se einmal to, da was de Axt entwei, da nam he den Kiel un schlett einmal mit de Holt-Hacke daruppe, da is et so kurt un so klein ase Grutt(Sand). Da was he so bedröwet un glövte, nu möste he sterwen, un he geit sitten un grient(weinte). Asset nu Middag is, da segd de Künig: "eine von juck Mäken mott ünne wat to etten bringen". - "Nee, segged de beiden öllesten, wie willt ün nicks bringen, wo he dat leste bie wacket het, de kann ün auck wat bringen". Da mutt de jungesten weg un bringen ünne wat to etten. Ase in den Walle kummet, da frägt se ün, wie et ünne ginge? O, sehe he, et ginge ün gans schlechte. Do sehe se, he sull herkummen und etten erst en bitken: nee, seh he, dat künne he nig, he möste jo doch sterwen, etten wull he nig mehr. Do gav se ünne[150] so viel gute Woore, he möchte et doch versöken: do kümmt he un ett wat. Ase he wat getten hetten her, do sehe se: "ich will die eest en bitken lusen, dann werst du annerst to Sinnen". Do se ün luset, do wett he so möhe un schlöppet in, un do nummet se ehren Doock un binnet en

Knupp do in un schlätt ün drei mol up de Eere un segd: "Arweggers herut!" Do würen glick so viele Eerdmänneken herfurkummen in hadden froget, wat de Künigsdochter befelde. Do seh se: "in Tied von drei Stunnen mutt de groote Wall afhoggen un olle dat Holt in Höpen settet sien". Do gingen de Eerdmännekens herum un boen ehre ganse Verwanschap up, dat se ehnen an de Arweit helpen sullen. Do fingen se glick an un ase de drei Stunne ümme würen, do is alles to enne west; un do keimen se wier to der Künigsdochter un sehen't ehr. Do nümmet se wier ehren witten Doock un segd: "Arweggers nah Hus!" Do siet se olle wier weege west. Do de Königssuhn upwacket, do wett he so frau, do segd se: "wenn et nu sesse schloen het, so kumme nach Hus!" Dat het he auk bevolget un do frägt de Künig: "hest du den wall aawe?" Ja segd de Künigssuhn. Ase se do en Diske sittet, do seh de Künig: "ik kann die nau mine Dochter nie tor Frugge giewen", he möste eest nau wat umme se dohen. Do frägt he, wat dat den sien sulle? "Ik hewe so en grot Dieck, seh de Künig, do[151] most du den annern Morgen hönne, un most en utschloen, dat he so blank is, ase en Spegel, un et müttet von ollerhand Füke dorinne sien". Den anneren Morgen do gav ünne de Künig ene gleserne Schute(Schüppe) un segd: "umme sess Uher mot de Dieck ferig sien". Do geit he weg, ase he do bie den Dieck kummet, do stecket he mit de Schute in de Muhe(Moor, Sumpf), do brack se af; do strecket he mit de Hacken in de Muhe un et was wier caput. Do wert he gans bedröwet. Den Middag brachte de jungeste Dochter ünne wat to etten, do frägt se, wo et ünne ginge? Do seh de Künigssuhn, et ginge ünne gans schlechte, he sull sienen Kopp wohl mißen mutten: "dat Geschirr is mie wier klein gohen". - "O, seh se, he sull kummen un etten eest wat", dann west du anneren Sinnes. Nee, segde he, etten kunn he nig, he wer gar to bedröwet, do givt se unne viel gudde Woore, bis he kummet un ett wat. Do luset se ünn wier, un he schloppet in, se nümmet von niggen en Doock, schlett en Knupp do inne, un kloppet mit den Knuppe dreimol up de Eere un segd: "Arweggers herut!" da kummt glick so viele Erdmännekes un froget olle, wat ehr Begeren wär? "In Tied von trei Stunne moften se den Diek gans utschloen hewen un he möste so blank sien, dat man sik inne speigelen künne, un von ollerhand Fiske mosten dorinne sien". Do gingen de Erdmännekes hünn un boen ehre Verwanschap[152] up, dat se ünnen helpen sullen; un et is auck in twei Stunnen ferrig west. Do kummet se wier un sehget: "wie hät dohen, so us befolen is". Do nümmet de Künigsdochter den Doock un schlett wier dremol up de Eere un segd: "Arweggers to Hues!" do siet se olle wier weg. Ase do de Künigssuhn upwecket, do is de Dieck ferrig. Do geit de Künigsdochter auck weg un segd, wenn et sesse wär, dan sull he nach

Hus kummen; ase he do nah Huss kummet, do frägt de Künig: "hes du den Dieck ferrig?" Jo, seh de Künigssuhn. "Dat wer schöne". Do se do wier to Diske seiten, do seh de Künig: "du hast den Dieck twaren ferrig, awerst ik kann die mine Dochter noch nie giewen, du most eerst nau eins dohen". - "Wat is dat den?" frögte de Künigssuhn. "He hedde so en grot Berg, do würen luter Dorenbuske anne, de mosten olle afhoggen weren, un bowen up moste he en grot Schlott buggen, dat moste so wacker sien, ase't nu en Menske denken kunne, un olle Ingedömse, de in den Schlott gehorden, de mösten der olle inne sien". Do he nu den annern Morgen up steit, do gav ünne de Künig en gleseren Exen un en gleseren Boren mie, et mott awerst um sess Uhr ferrig sien. Do he an den eersten Dorenbuske mit de Ere an hogget, do ging se so kurt un so klein, dat de Stücker rund um ünne herfloen un de Boren kunn he auck nig brucken. Do war he gans bedröwet un toffte(wartete) up[153] sine Leiweste, op de nie keime un ünn ut der Naud hülpe. Ase't do Middag is, do kummet se un brinet wat to etten, do geit he ehr in de Möte(entgegen) un vertellt ehr olles, un ett wat, un lett sik von ehr lusen, un schloppet in. Do nümmet se wier den Knupp un schlett domit up de Eere un segd: "Arweggers herut!" Do kummet wier so viel Eerdmännekes un froget, wat ehr Begeren wür? Do seh se: "in Tied von drei Stunnen müttet ju de gansen Busk afhoggen un bowen den Berge, do mot en Schlott stohen, dat mot so wacker sien, ase't nu ener denken kann un olle Ingedömse muttet do inne sien". Do ginge se hünne un boen ehre Verwanschap up, dat se helpen sullen un ase de Tied umme was, do was alles ferrig. Do kümmet se to der Künigsdochter, un segget dat, un de Künigsdochter nümmet den Doock und schlett dreimol domit up de Eere und segd: "Arweggers to Hues!" Do siet se glick olle wier weg west. Do nu de Künigssuhn upwecket un olles soh, do was he so frau, ase en Vugel in der Luft. Do et do sesse schloen hadde, do gingen se tohaupe nah Hues. Do segd de Künig: "is dat Schlott auck ferrig?" Jo, seh de Künigssuhn. Ase do to Diske sittet, do segd de Künig: "mine jungeste Dochter kann ik nie giewen, befur de twei öllesten frigget het". Do wor de Kunigssuhn un de Künigsdochter gans bedröwet, un de Künigssuhn wuste sik gar nig to bergen[154](helfen). - Do kummet he mol bie Nachte to der Künigsdochter un löppet dermit furt. Ase do en bitken wegsiet, do kicket de Dochter mol umme un sicht ehren Vader hinner sik: "o, seh se, wo sull wie dat macken? min Vader is hinner us, un will us ummeholen, ik will die grade to'n Dörenbusk macken un mie tor Rose un ik will mie ümmer midden in den Busk waaren(schützen)". Ase do de Vader an de Stelle kummet, do steit do en Dörenbusk un ene Rose, do anne do will he de Rose afbrecken, do kummet de Dören un stecket ün in

de Finger, dat he wier nah Hues gehen mut. Do frägt sine Frugge, worumme he se nig hedde middebrocht? do seh he, he wür der bald bie west, awerst he hedde se uppen mol ut den Gesichte verlohren, un do hedde do en Dörenbusk un ene Rose stohen. Do seh de Künigin: "heddest du ment(nur) de Rose afbrocken, de Busk hedde sullen wohl kummen". Do geit he wier weg un will de Rose herholen. Unnerdes waren awerst de beiden schon wiet öwer Feld un de Künig löppet der hinner her. Do kiket sik de Dochter wier umme un seiht ehren Vader kummen, do seh se: "o, wo sull wie et nu macken? ik will die grade tor Kerke macken un mie tom Pastoer; do will ik up de Kanzel stohn un priedigen". Ase do de Künig an de Stelle kummet, do steiht do ene Kerke un up de Kanzel is en Pastoer un priediget, do hort he de Priedig to un geit wier nah Hues. Do frägt de Küniginne,[155] worumme he se nig midde brocht hedde, do segd he: "nee, ik hewe se so lange nachlaupen, und as ik glovte, ik wer der bold bie, do steit do en Kerke un up de Kanzel en Pastoer, de priedigte. ›Du heddest sullen ment den Pastoer brinen‹ se de Fru, de Kerke hedde sullen wohl kummen; dat ik die auck(wenn ich gleich dich), schicke, dat kann nig mehr helpen, ik mut sulwenst hünne gehen". Ase se do ene Wiele wege is, un de beiden von Feren süt, do kicket sik de Künigsdochter umme un süht ehre Moder kummen un segd: "nu sie, wie unglücksk! nu kümmet miene Moder sulwenst, ik will die grade tom Dieck macken un mie tom Fisk". Do de Moder up de Stelle kummet, do is do en grot Dieck un in de Midde sprank en Fisk herumme un kuckte mit den Kopp ut den Water un was gans lustig. Do wull se geren den Fisk krigen, awerst se kunn ün gar nig fangen. Do wett se gans böse un drinket den gansen Dieck ut, dat se den Fisk kriegen will, awerst do wett se so üwel, dat se sik spiggen mott un spigget den gansen Dieck wier ut. Do seh se: "ik sehe do wohl, dat et olle nig mehr helpen kann; sei mogten nu wier to ehr kummen". Do gohet se dann auck wier hünne, un de Küniginne givt de Dochter drei Wallnütte un segd: "do kannst du die mit helpen, wenn du in dine högste Naud bist". Un do gingen de jungen Lude wier tohaupe weg. Do se do wohl tein Stunne gohen[156] hadden, do kummet se an dat Schlott, wovon de Künigssuhn was, un dobie was en Dorp. Ase se do anne keimen, do segd de Künigssuhn: "blief hie, mine Leiweste, ik will eest up dat Schlott gohen un dann will ik mit den Wagen un Bedeinten kummen un will die afholen". Ase he do up dat Schlott kummet, do wert se olle so frau, dat se den Künigssuhn wier hett; do vertellt he, he hedde ene Brut un de wür ietzt in den Dorve, se wullen mit den Wagen hintrecken un se holen. Do spannt se auck glick an un viele Bedeinten setten sik up den Wagen. Ase do de Künigssuhn instiegen wull, do gab ün sine Moder en

Kus, do hadde he alles vergeten, wat schehen was un auck wat he dohen will; do befal de Moder, se sullen wier utspannen un do gingen se olle wier in't Hues. Dat Mäken awerst sitt im Dorpe un luert un meint, he sull se afholen, et kummet awerst keiner. Do vermaiet(vermiethet) sik de Künigsdochter in de Muhle, de hoerde bie dat Schlott, do moste se olle Nohmiddage bie den Water sitten un Stunze schüren(Gefäße reinigen). Do kummet de Küniginne mol von den Schlotte gegohen un gohet an den Water spatzeiern un seihet dat wackere Mäken do sitten, do segd se: "wat is dat fur en wacker Mäken! wat gefölle mie dat gut!" Do kiket se et olle an, awerst keen Menske hadde et kand. Do geit wohl ene lange Tied vorbie, dat dat Mäken eerlick un getrugge[157] die den Müller deint. Unnerdes hadde de Küniginne ene Frugge fur ehren Suhn socht, de is gans feren ut der Weld west. Ase da de Brut ankümmet, do söllt se glik tohaupe giewen weeren. Et laupet so viele Lude tosamen, de dat alle seihen willt, do segd dat Maken to den Müller, he mögte ehr doch auck Verlöv giewen. Do seh de Müller: "goh menten hünne". Ase't do weg will, do macket et ene van den drei Wallnütten up, do legt do so en wacker Kleid inne, dat trecket et an un gink domie in de Kerke gigen den Altor stohen; up enmol kummt de Brut un de Brume(Bräutigam) un settet sik für den Altor, un ase de Pastor se da insegnen wull, do kiket sik de Brut van der halwe(seitwärts), un süht et do stohen, do steit se wier up un segd, se wull sik nie giewen loten, bis se auck so en wacker Kleid hädde, ase de Dame. Da gingen se wier nah Hues un läten de Dame froen, ob se et dat Kleid wohl verkoste. Nee, verkaupen dau se nig, awerst verdeinen, dat mögte wohl sien. Do frogten se ehr, wat se denn dohen sullen? Da segd se, wenn se van Nachte fur dat Dohr van den Künigssuhn schlapen doffte, dann wull se et wohl dohen. Do seget se: "jo, dat sull se menten dohen". Do muttet de Bedeinten den Künigssuhn en Schlopdrunk ingiewen un do legt se sik up den Süll un gunselt(winselt) de heile Nacht: "se hädde den Wall fur ün afhoggen loten, se hädde den Dieck fur ün utschloen,[158] se hädde dat Schlott fur ün bugget, se hädde ünne to'n Dörenbusk macket, dann wier tor Kerke un tolest tom Dieck un he hädde se so geschwinne vergeten". De Künigssuhn hadde nicks davon hört, de Bedeinten awerst wuren upwacket, un hadden tolustert, un hadden nie wust, wat et sull bedden. Den anneren Morgen, ase se upstohen würen, do trock de Brut dat Kleid an un fort mit den Brumen nah der Kerke; ünnerdes macket dat wackere Mäken de tweide Wallnutt up, un do is nau en schöner Kleid inne, dat tuht et wier an un geit domie in de Kerke gigen den Altor stohen, do geit et dann ewen, wie dat vürge mol. Un dat Mäken liegt wier en Nacht sur den Süll, de nah des Künigssuhns Stobe geit un de Bedeinten süllt ün

wier en Schlopdrunk ingiewen; de Bedeinten kummet awerst un giewet ünne wat to wacken, domie legt he sik to Bedde un de Müllersmaged fur den Dörsüll gunselt wier so viel un segd, wat se dohen hädde. Dat hört olle de Künigssuhn un wett gans bedröwet un et söllt ünne olle wier bie, wat vergangen was, do will he nah ehr gohen, awerst sine Moder hadde de Dör toschlotten. Den annern Morgen awerst ging he glies to siner Leiwesten un vertellte ehr olles, wie et mit ünne togangen wer, un se mögte ünne doch nig beuse sin, dat he se so lange vergetten hädde. Do macket de Künigsdochter de dridde Wallnutt up, do is nau en viel wacker Kleid inne,[159] dat trecket se an un fört mit ehren Brumen nah de Kerke, un do keimen so viele Kinner, de geiwen ünne Blomen, un hellen ünne bunte Bänner fur de Föte, un se leiten sik insegenen un hellen ene lustige Hochtied; awerst de falske Moder un Brut mosten weg. Un we dat lest vertellt het, den is de Mund noch wärm.[160]

28. Vom klugen Schneiderlein.

Es war einmal eine Prinzessin gewaltig stolz; kam ein Freier, so gab sie ihm etwas zu rathen auf, und wenn er's nicht errathen konnte, so ward er mit Spott fortgeschickt. Sie ließ auch bekannt machen, wer's erriethe, sollte sich mit ihr vermählen und möchte kommen, wer da wollte. Nun fanden sich auch drei Schneider zusammen, davon meinten die zwei ältesten, sie hätten so manchen feinen Stich gethan, und hätten's getroffen, da könnt's ihnen nicht fehlen, sie müßten's wohl bei der Prinzessin auch treffen; der dritte aber war ein kleines unnützes Ding, das nicht einmal sein Handwerk verstand. Da sprachen die zwei zu ihm: "bleib nur zu Haus, du wirst mit deinem Bischen Verstand auch nicht weit kommen;" das Schneiderlein ließ sich aber nicht irr' machen und sagte, es hätte einmal seinen Kopf darauf gesetzt[160] und wollte sich schon helfen, und ging dahin, als wär' die ganze Welt sein.

Da meldeten sie sich alle drei bei der Prinzessin und sagten, sie sollte ihnen ihr Räthsel vorlegen; es wären die rechten Leute angekommen, die hätten einen feinen Verstand, den könnte man wohl in eine Nadel fädeln. Da sprach die Prinzessin: "ich habe zweierlei Haar auf dem Kopf, von was für Farben ist das?" "Wenn's weiter nichts ist, sagte der erste, es wird schwarz und weiß seyn, wie Kümmel und Salz". Die Prinzessin sprach: "falsch gerathen, antworte der zweite". Da sagte der zweite: "ist's nicht schwarz und weiß, so ist's braun und roth, wie meines Vaters Bratenrock". "Falsch gerathen, sagte die Prinzessin, antworte der dritte, dem seh ich's an, der weiß es sicherlich". Da trat das Schneiderlein hervor und sprach: "die Prinzessin hat ein silbernes und ein goldenes

Haar auf dem Kopf und das sind die zweierlei Farben". Wie die Prinzeß das hörte, ward sie blaß und wäre vor Schrecken beinah hingefallen, denn das Schneiderlein hatte es getroffen, und sie hatte geglaubt, das würde kein Mensch auf der Welt herausbringen. Als ihr das Herz wiederkam, sprach sie: "damit hast du mich noch nicht gewonnen, du mußt noch eins thun, unten im Stall liegt ein Bär, bei dem sollst du die Nacht zubringen, wenn ich dann morgen aufstehe und du bist noch lebendig, so sollst du mich heirathen."[161] Sie dachte aber, damit wollte sie das Schneiderlein los werden, denn der Bär hatte noch keinen Menschen lebendig gelassen, der ihm unter die Tatzen gekommen war. Das Schneiderlein sprach vergnügt: "das will ich auch noch vollbringen."

Als nun der Abend kam, ward mein Schneiderlein zum Bären gebracht; der Bär wollt' auch gleich auf es los und ihm mit seiner Tatze einen guten Willkommen geben. "Sachte, sachte, sprach das Schneiderlein, ich kann dich noch dispen(zur Ruh bringen)". Da holte es, als hätt' es keine Sorgen, Welsche-Nüsse aus der Tasche, biß sie auf und aß die Kerne; wie der Bär das sah, kriegte er Lust und wollte auch Nüsse haben. Das Schneiderlein griff in die Tasche und reichte ihm eine Hand voll; es waren aber keine Nüsse, sondern Wackersteine. Der Bär steckte sie ins Maul, er konnt' aber nichts aufbeißen, er mogte drücken wie er wollte. "Ei, dachte er, was bist du für ein dummer Klotz, du kannst nicht einmal die Nüsse aufbeißen" und sprach zum Schneiderlein: "mein, beiß mir die Nüsse auf". "Da siehst du was du für ein Kerl bist, sprach das Schneiderlein, hast so ein groß Maul und kannst die kleine Nuß nicht aufbeißen". Da nahm es die Steine, war hurtig, steckte dafür eine Nuß in den Mund und knack! war sie entzwei. "Ich muß das Ding noch einmal probiren, sprach der Bär, wenn ich's so ansehe, ich mein', ich müßt's können". Da[162] gab ihm das Schneiderlein wieder die Wäckersteine und der Bär arbeitete und biß aus allen Leibeskräften hinein; Gott geb, er hätte sie aufgebracht! Wie das vorbei war, holte das Schneiderlein eine Violine unter dem Rock hervor und spielte sich ein Stückchen darauf. Als der Bär das hörte, konnt' er es nicht lassen und fing an zu tanzen, und als er ein Weilchen getanzt hatte, gefiel ihm das Ding so wohl, daß er zum Schneiderlein sprach: "hör, ist das Geigen schwer?" "Ei gar nicht, siehst du, mit der Linken leg ich die Finger auf und mit der Rechten streich ich mit dem Bogen drauf los, da gehts lustig, hopsasa vivallalera!" "Willst du mich's lehren? sprach der Bär, so geigen, das mögt' ich auch verstehen, damit ich tanzen könnte, wann ich Lust hätte". - "Von Herzen gern, sagte das Schneiderlein, wenn du's lernen willst, aber weis einmal deine Tatzen her, die sind gewaltig lang, ich muß dir erst die Nägel ein wenig abschneiden". Da holte es einen Schraubstock und der Bär legte seine

Tatzen drauf, das Schneiderlein aber schraubte sie fest und sprach: "nun warte bis ich wiederkomme mit der Scheere;" ließ den Bär brummen, soviel er wollte, legte sich in die Ecke auf ein Bund Stroh und schlief ein.

Die Prinzessin, als sie am Abend den Bären so gewaltig brummen hörte, glaubte nicht anders, als der freute sich recht und mit dem Schneider[163] wär's jetzt vorbei. Am Morgen stand sie auch recht vergnügt auf, wie sie aber nach dem Stall guckt, so steht das Schneiderlein ganz munter davor und ist gesund wie ein Fisch im Wasser. Da konnte sie nun kein Wort mehr dagegen sagen, weil sie's öffentlich versprochen hatte und der König ließ einen Wagen kommen, darin mußte sie mit dem Schneiderlein zur Kirche fahren und sollte sie da vermählt werden. Wie sie nun eingestiegen waren, gingen die beiden andern Schneider, die falsch waren und ihm sein Glück nicht gönnten, in den Stall und schraubten den Bären los, der war nun voller Wuth und rennte hinter dem Wagen her. Die Prinzessin aber hörte ihn schnauben, da ward ihr Angst und sie sagte: "ach! der Bär ist hinter uns und will dich holen". Das Schneiderlein war bei der Hand, stellte sich auf den Kopf, streckte die Beine zum Fenster hinaus und rief: "siehst du den Schraubstock; wann du nicht gehst, so sollst du wieder hinein". Wie der Bär das sah, drehte er um und lief fort. Mein Schneiderlein fuhr da ruhig in die Kirche und die Prinzessin ward ihm an die Hand getraut und lebte mit ihr vergnügt wie eine Heidlerche. Wers nicht glaubt, bezahlt einen Thaler.[164]

29. Die klare Sonne bringt's an den Tag.

Ein Schneidergesell reiste in der Welt auf sein Handwerk herum; nun konnt' er einmal keine Arbeit finden und war die Armuth bei ihm so groß, daß er keinen Heller Zehrgeld hatte. In der Zeit begegnete ihm auf dem Weg ein Jude und da dachte er, der hätte viel Geld bei sich und stieß Gott aus seinem Herzen, ging auf ihn los und sprach: "gib mir dein Geld oder ich schlag dich todt!" Da sagte der Jude: "schenkt mir doch das Leben, Geld hab' ich keins und nicht mehr als acht Heller". Der Schneider aber sprach: "du hast doch Geld und das soll auch heraus!" brauchte Gewalt und schlug ihn so lange, bis er nah am Tod war. Und wie der Jude nun sterben wollte, sprach er das letzte Wort: "die klare Sonne wird es an den Tag bringen!" und starb damit. Der Schneidergesell griff ihm in die Taschen und suchte nach Geld, aber er fand nicht mehr als die acht Heller, wie der Jude gesagt hatte. Da packte er auf, trug ihn hinter einen Busch und zog weiter auf seine Profession. Wie er nun lange Zeit gereist

war, kam er in eine Stadt bei einen Meister in Arbeit, der hatte eine schöne Tochter, in die verliebte er sich und heirathete sie und lebte in einer guten, vergnügten Ehe.[165]

Ueberlang, als sie schon zwei Kinder hatten, starben Schwiegervater und Schwiegermutter und die Jungen hatten den Haushalt allein. Eines Morgens, wie der Mann auf dem Tisch vor dem Fenster saß, brachte ihm die Frau den Kaffee und als er ihn in die Unterschale ausgegossen hatte und eben trinken wollte, da schien die Sonne darauf und blinkte oben an der Wand so hin und her und machte Kringel daran. Da sah der Schneider hinauf und sprach: "ja, die will's gern an den Tag bringen und kann's nicht!" Die Frau sprach: "ei! lieber Mann, was ist denn das? was meinst du damit?" Er antwortete: "das darf ich dir nicht sagen". Sie aber sprach: "wenn du mich lieb hast, mußt du mir's sagen" und gab ihm die allerbesten Worte, es sollt's kein Mensch wieder erfahren, und ließ ihm keine Ruhe. Da erzählte er, vor langen Jahren, wie er auf der Wanderschaft ganz abgerissen und ohne Geld gewesen, habe er einen Juden erschlagen und der Jude habe in der letzten Todesangst die Worte gesprochen: "die klare Sonne wird's an den Tag bringen". Nun hätt's die Sonne eben gern an den Tag bringen wollen und hätt' an der Wand geblinket und Kringel gemacht, sie hätt's aber nicht gekonnt. Darnach bat er sie noch besonders, sie dürfte es niemand sagen, sonst käm' er um sein Leben, das versprach sie auch; als er aber zur Arbeit sich gesetzt hatte, ging sie zu ihrer Gevatterin[166] und erzählte es der, wenn sie's keinem Menschen wiedersagen wollte; eh' aber drei Tage vergingen, mußt' es die ganze Stadt und der Schneider kam vor das Gericht und er ward gerichtet. Da brachte es doch die klare Sonne an den Tag.[167]

30. Das blaue Licht.

Es war einmal ein König, der hatte einen Soldaten zum Diener, wie der ganz alt wurde und unbrauchbar, schickte er ihn fort und gab ihm nichts. Da wußte er nicht, womit er sein Leben fristen sollte, ging traurig fort den langen Tag und kam Abends in einen Wald. Wie er ein Weilchen gegangen war, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem kleinen Haus, darin wohnte eine alte Hexe. Er bat um ein Nachtlager und ein wenig Essen und Trinken, sie schlug's ihm aber ab, endlich sagte sie: "ich will dich doch aus Barmherzigkeit aufnehmen, du mußt mir aber morgen meinen ganzen Garten umgraben". Der Soldat versprach's und ward also beherbergt. Am andern Tag hackte er der Hexe den Garten um und hatte damit Arbeit bis zum Abend, nun wollte sie ihn wegschicken,

er sprach aber: "ich bin so müd', laß mich noch die[167] Nacht hier bleiben". Sie wollte nicht, endlich gab sie's zu, doch sollt' er ihr andern Tags ein Fuder Holz klein spalten. Der Soldat hackte den zweiten Tag das Holz und hatte sich Abends so abgearbeitet, daß er wieder nicht fort konnte, also bat er um die dritte Nacht; dafür sollte er aber den folgenden Tag das blaue Licht aus dem Brunnen holen. Da führte ihn die Hexe an einen Brunnen und band ihn an ein lang Seil, daran ließ sie ihn hinab; und als er unten war, fand er das blaue Licht und machte das Zeichen, daß sie ihn wieder hinaufziehen sollte. Sie zog ihn auch in die Höhe, wie er aber am Rand war, so nah, daß man sich die Hände reichen konnte, wollte sie das Licht haben, um ihn dann wieder hinunter fallen zu lassen. Aber er merkte ihre bösen Gedanken und sagte: "nein, ehe geb ich das blaue Licht nicht, als bis ich mit meinen Füßen auf dem Erdboden stehe". Da erboßte die Hexe und stieß ihn mit sammt dem Licht hinunter in den Brunnen und ging fort. Der Soldat unten in dem dunkeln, feuchten Morast war traurig, denn ihm stand sein Ende bevor, da fiel ihm seine Pfeife in die Hand, die war noch halb voll, und er dachte: die willst du zum letzten Vergnügen doch noch ausrauchen. Also steckte er sie an dem blauen Licht an und fing an zu rauchen; als der Dampf ein wenig herumzog, so kam ein klein schwarz Männlein daher und fragte: "Herr,[168] was befiehlst du mir? ich muß dir in allem dienen". - "Hilf mir vor allen Dingen aus dem Brunnen". Da faßte ihn das schwarze Männchen bei der Hand und führte ihn herauf und das blaue Licht nahmen sie mit. Als sie oben waren, sagte der Soldat: "nun schlag mir die alte Hexe todt". Als das Männchen das gethan, offenbarte es ihm die Schätze und das Gold der Hexe, das lud der Soldat auf und nahm es mit sich. Dann sprach das Männchen: "wenn du mich brauchst, so zünde nur deine Pfeife an dem blauen Licht an". Darauf ging der Soldat in die Stadt und in den besten Gasthof, da ließ er sich schöne Kleider machen und ein Zimmer prächtig einrichten. Wie das fertig war, rief er sein Männchen und sprach: "der König hat mich fortgeschickt und mich hungern lassen, weil ich seine Dienste nicht mehr thun konnte, nun bring' mir die Königstochter heut Abend hierher, die soll mir aufwarten und thun, was ich ihr heiße". Das Männchen sprach: "das ist ein gefährlich Ding". Doch ging es hin und holte die Königstochter schlafend aus ihrem Bett und brachte sie dem Soldaten, dem mußte sie nun gehorchen und thun, was er wollte; am Morgen vor Hahnenschrei trug sie das schwarze Männchen wieder zurück. Als sie aufgestanden war, erzählte sie ihrem Vater: "ich habe diese Nacht einen wunderlichen Traum gehabt, als wär' ich weggeholt worden und die[169] Magd von einem Soldaten und mußte ihm aufwarten". Da sprach der König: "steck dir die Tasche voll Erbsen

und mach ein Loch hinein, der Traum könnte war seyn, dann fallen sie heraus und lassen die Spur auf der Straße". Also that sie auch, aber das Männchen hatte gehört, was der König ihr angerathen; wie nun der Abend kam und der Soldat sagte, er sollte ihm wieder die Königstochter holen, da streute er die ganze Stadt vorher voll Erbsen und konnten die wenigen, die aus ihrer Tasche fielen, keine Spur machen und am andern Morgen hatten die Leute den ganzen Tag Erbsen zu lesen. Die Königstochter erzählte ihrem Vater wieder, was ihr begegnet war, da sprach er: "behalt einen Schuh an, und verstecke ihn heimlich, wo du bist". Das schwarze Männchen hörte das mit an, und wie der Soldat wiederum die Königstochter wollte hergebracht haben, sagte es zu ihm: "jetzt kann ich dir nicht mehr helfen, du wirst unglücklich, wenn's heraus kommt". Der Soldat aber bestand auf seinem Willen; "so mach dich nur gleich frühmorgens aus dem Thor hinaus, sagte das Männchen, wenn ich sie fort getragen habe."

Die Königstochter behielt nun einen Schuh an und versteckte ihn bei dem Soldaten ins Bett; am andern Morgen, wie sie wieder bei ihrem Vater war, ließ der überall in der Stadt darnach suchen und da ward er dann bei dem Soldaten gefunden.[170] Er hatte sich zwar aus dem Staube gemacht, wurde aber bald eingeholt und in ein festes Gefängniß geworfen. Da saß er nun in Ketten und Banden und über der eiligen Flucht war sein Bestes stehn geblieben, das blaue Licht und das Gold und ihm nichts übrig als ein Dukaten. Wie er nun so traurig an dem Fenster seines Gefängnisses stand, sah er einen Cammeraden vorbeigehen, den rief er an und sprach: "wenn du mir das kleine Bündelchen holst, das ich im Gasthause habe liegen lassen, geb' ich dir einen Dukaten;" da ging der hin und brachte ihm für den Dukaten das blaue Licht und das Gold. Der Gefangene steckte alsbald seine Pfeife an und ließ das schwarze Männchen kommen, das sprach zu ihm: "sey ohne Furcht, geh' getrost zum Gericht und laß alles geschehen, nur nimm das blaue Licht mit". Darauf ward er verhört und ihm das Urtheil gesprochen, daß er sollte an den Galgen gehängt werden. Wie er hinaus geführt wurde bat er den König um eine Gnade. "Was für eine?" sprach der. "Daß ich noch eine Pfeife auf dem Weg rauchen darf". "Du kannst drei rauchen, wenn du willst", sagte der König. Da zog er seine Pfeife heraus und zündete sie an dem blauen Flämmchen an, alsbald trat das schwarze Männchen vor ihn; "schlag mir da alles todt, sprach der Soldat, und den König in drei Stücke". Also fing das Männchen an und schlug die Leute rings[171] herum todt, da legte sich der König auf Gnadebitten und um nur sein Leben zu erhalten, gab er dem Soldaten das Reich und seine Tochter zur Frau.[172]

31. Von einem eigensinnigen Kinde.

Es war einmal ein Kind eigensinnig und that nicht was seine Mutter haben wollte. Da hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und es ward krank, und kein Arzt konnt' ihm helfen und bald lag es auf dem Todtenbettchen. Als es ins Grab versenkt war, und Erde darüber gedeckt, kam auf einmal sein Aermchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber legten, so half das nicht, er kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selber zum Grab gehen und mit der Ruthe auf das Aermchen schlagen, und wie sie das gethan hatte, zog es sich hinein und hatte nun erst Ruh unter der Erde.

32. Die drei Feldscherer.

Drei Feldscherer reisten in der Welt, meinten ihre Kunst ausgelernt zu haben und kamen in ein[172] Wirthshaus, wo sie übernachten wollten. Der Wirth fragte, wo sie her wären und hinaus wollten? "Sie zögen auf ihre Kunst in der Welt herum". - "Ei, sprach der Wirth, zeigt mir doch einmal, was ihr könnt". Sprach der erste, er wollte seine Hand abschneiden und morgen früh wieder anheilen; der zweite sprach: er wollte sein Herz ausreißen und morgen früh wieder anheilen; der dritte sprach, er wollte seine Augen ausstechen und morgen früh wieder einheilen. Sie hatten aber eine Salbe, was sie damit bestrichen, das heilte zusammen, und das Fläschchen, wo sie drin war, trugen sie beständig bei sich. Da schnitten sie Hand, Herz und Auge vom Leibe, wie sie gesagt hatten, legten's zusammen auf einen Teller und gaben's dem Wirth, der Wirth gab's einem Mädchen, das sollt's in den Schrank stellen und wohl aufheben. Das Mädchen aber hatte einen heimlichen Schatz, der war ein Soldat; wie nun der Wirth, die drei Feldscherer und alle Leute im Haus schliefen, kam der und wollte was zu essen haben. Da schloß das Mädchen den Schrank auf und holte ihm etwas, und über der großen Liebe vergaß es die Schrankthüre zuzumachen, setzte sich zum Liebsten an Tisch, und sie sprachen mit einander. Wie es so vergnügt saß und an kein Unglück dachte, kam die Katze hereingeschlichen, fand den Schrank offen, und nahm die Hand, das Herz und die Augen der drei Feldscherer und[173] und lief mit hinaus. Als nun der Soldat gegessen hatte und das Mädchen das Geräth aufheben und den Schrank zuschließen wollte, da sah sie wohl, daß der Teller, den ihr der Wirth aufzuheben gegeben hatte, ledig war. Da sagte es erschrocken zu seinem Schatz: "ach! was will ich armes Mädchen anfangen! Die Hand ist fort, das Herz und die

Augen sind auch fort, wie wird mir's morgen früh ergehen!" Da sprach er: "sey still, ich will dir davon helfen, gib mir nur ein scharfes Messer; es hängt ein Dieb am Galgen, dem will ich die Hand abschneiden, welche Hand war's denn?" - "Die rechte". Da gab ihm das Mädchen ein scharf Messer und er ging hin, schnitt dem armen Sünder die rechte Hand ab, und brachte sie. Darauf packte er die Katze und stach ihr die Augen aus; nun fehlte nur noch das Herz. "Habt ihr nicht geschlachtet und Schweinefleisch im Keller?" "Ja", sagte das Mädchen. "Nun das ist gut", sagte der Soldat, ging hinunter und holte ein Schweineherz und gab's dem Mädchen. Das that alles wieder auf den Teller und stellte es in den Schrank, und als ihr Liebster darauf Abschied genommen hatte, legte es sich ruhig ins Bett.

Morgens, als die Feldscherer aufstanden, sagten sie dem Mädchen, es sollte ihnen den Teller holen, darauf Hand, Herz und Augen lägen. Da brachte es ihn aus dem Schrank, und der erste[174] hielt sich die Diebshand an, bestrich sie mit seiner Salbe, alsbald war sie ihm angewachsen. Der zweite nahm die Katzenaugen und heilte sie ein; der dritte machte das Schweineherz fest. Der Wirth aber stand dabei, bewunderte ihre Kunst und sagte, dergleichen hätte er noch nicht gesehen, er wollt' sie bei Jedermann rühmen und empfehlen. Darauf bezahlten sie ihre Zeche und reisten weiter.

Wie sie so dahin gingen, so blieb der mit dem Schweineherzen gar nicht bei ihnen, sondern wo eine Ecke war, lief er hin, schnüffelte darin herum, wie Schweine thun. Die andern wollten ihn an dem Rockschlippen zurückhalten, aber das half nichts, er riß sich los und lief hin, wo der dickste Dreck lag. Der zweite stellte sich auch wunderlich an, rieb die Augen und sagte zu dem andern: "Cammerad, was ist das? das sind meine Augen nicht, ich sehe ja nichts, leit' mich doch, daß ich nicht falle". Da gingen sie mit Mühe fort bis zum Abend und sie zu einer andern Herberge kamen. Sie traten zusammen in die Wirthsstube, da saß in einer Ecke ein reicher Herr vorm Tisch und zählte Geld. Der mit der Diebshand ging um ihn herum, zuckt' ein paarmal, endlich wie der Herr sich umwendete, griff er in den Haufen hinein und nahm eine Hand voll Geld heraus. Der eine sah's und sprach: "Cammerad, was machst du, stehlen darfst du nicht, schäm' dich."[175] "Ei, sagte er, was kann ich dafür, es zuckt mir in der Hand, ich muß zugreifen, ich mag wollen oder nicht". Sie legten sich darnach schlafen, wie sie da liegen, ist's so finster, daß man keine Hand vor den Augen sehen kann. Auf einmal erwachte der mit den Katzenaugen, weckte die andern und sprach: "Brüder, schaut einmal auf, seht ihr die weißen Mäuschen, die da herumlaufen?" Die zwei richteten sich auf, konnten aber nichts sehen.

Da sprach er: "es ist mit uns nicht richtig, wir haben das Unsrige nicht wieder gekriegt, wir müssen zurück zu dem Wirth, der hat uns betrogen". Also machten sie sich am andern Morgen dahin auf und sagten dem Wirth, sie hätten ihr richtig Werk nicht wieder kriegt, der eine hätte eine Diebshand, der zweite Katzenaugen und der dritte ein Schweineherz. Der Wirth sprach, da müßte das Mädchen Schuld daran seyn und wollte es rufen, aber wie das die drei hatte kommen sehen, war es zum Hinterpförtchen fortgelaufen und kam nicht wieder. Da sprachen die drei, er sollte ihnen viel Geld geben, sonst ließen sie ihm den rothen Hahn über's Haus fliegen; da gab er, was er hatte und nur aufbringen konnte, und die drei zogen damit fort; es war für ihr Lebtag genug, die hätten aber doch lieber ihr richtig Werk gehabt.[176]

33. Der Faule und der Fleißige.

Es waren einmal zwei Handwerkspursche, die wanderten zusammen und gelobten bei einander zu halten. Als sie aber in eine große Stadt kamen, ward der eine ein Bruder Liederlich, vergaß sein Wort, verließ den andern und zog allein fort, hin und her; wo's am tollsten zuging war's ihm am liebsten. Der andere hielt seine Zeit aus, arbeitete fleißig und wanderte hernach weiter. Da kam er in der Nacht am Galgen vorbei, ohne daß er's wußte, aber auf der Erde sah er unten einen liegen und schlafen, der war dürftig und blos, und weil es sternenhell war, erkannte er seinen ehemaligen Gesellen. Da legte er sich neben ihn, deckte seinen Mantel über ihn und schlief ein. Es dauerte aber nicht lang, so wurde er von zwei Stimmen aufgeweckt, sie sprachen mit einander, das waren zwei Raben, die saßen oben auf dem Galgen. Der eine sprach: "Gott ernährt!" der andere: "thu darnach!" und einer fiel nach den Worten matt herab zur Erde, der andere blieb bei ihm sitzen und wartete bis es Tag war, da holte er etwas Gewürm und Wasser, erfrischte ihn damit und erweckte ihn vom Tod. Wie die beiden Handwerksburschen das sahen, verwunderten sie sich und fragten den[177] einen Raben, warum der andere so elend und krank wäre, da sprach der kranke: "weil ich nichts thun wollte und glaubte, die Nahrung käm doch vom Himmel". Die beiden nahmen die Raben mit sich in den nächsten Ort, der eine war munter und suchte sich sein Futter, alle Morgen badete er sich und putzte sich mit dem Schnabel, der andere aber hockte in den Ecken herum, war verdrießlich und sah immerfort struppig aus. Nach einer Zeit hatte die Tochter des Hausherrn, die ein schönes Mädchen war, den fleißigen Raben gar lieb, nahm ihn von dem Boden auf, streichelte ihn mit der Hand, endlich drückte sie ihn einmal an's Gesicht und küßte ihn

vor Vergnügen. Der Vogel fiel zur Erde, wälzte sich und flatterte und ward zu einem schönen jungen Mann. Da erzählte er, der andere Rabe wär' sein Bruder und sie hätten beide ihren Vater beleidigt, der hätte sie dafür verwünscht und gesagt: "fliegt als Raben umher, so lang, bis ein schönes Mädchen euch freiwillig küßt". Also war der eine erlöst, aber den andern trägen wollte niemand küssen und er starb als Rabe. - Bruder Liederlich nahm sich das zur Lehre, ward fleißig und ordentlich und hielt sich bei seinem Gesellen.[178]

34. Die drei Handwerkspurschen.

Es waren drei Handwerkspursche, die hatten es verabredet, immer mit einander zu wandern und in Einer Stadt zu arbeiten. Auf eine Zeit aber war gar kein Verdienst mehr, so daß sie ganz abgerissen wurden und nichts zu loben hatten, da sprach der eine: "was sollen wir anfangen? zusammenbleiben können wir nicht länger, das soll die letzte Stadt seyn, wo wir jetzt hineinkommen, finden wir keine Arbeit, so wollen wir beim Herbergsvater ausmachen, daß wir ihm schreiben, wo wir uns aufhalten und einer vom andern Nachricht haben kann, und dann wollen wir uns trennen; das schien auch den andern das Beste". Wie sie noch im Gerede waren, so kam ein reich gekleideter Mann ihnen entgegen, der fragte, wer sie wären? "Wir sind Handwerksleute, suchen Arbeit und haben uns bisher zusammen gehalten, weil wir aber keine mehr finden, wollen wir uns trennen". "Ei, das hat keine Noth, sprach der Mann, wenn ihr thun wollt, was ich euch sage, soll's euch an Geld und Arbeit nicht fehlen; ja ihr sollt große Herren werden und in Kutschen fahren". Der eine sprach: "wenn's unserer Seele und Seligkeit nicht schadet, so wollen wir's wohl thun;" "nein sagte der Mann, ich habe kein[179] Theil an euch". Der andere aber hatte nach seinen Füßen gesehen und als er da einen Pferdefuß und einen Menschenfuß erblickte, wollte er sich nicht mit ihm einlassen. Der Teufel aber sprach: "gebt euch zufrieden, es ist nicht auf euch abgesehen, sondern auf eines anderen Seele, der schon halb mein ist und dessen Maaß nur voll laufen soll". Weil sie nun sicher waren, willigten sie ein und der Teufel sagte ihnen was er verlangte, der erste sollte auf jede Frage antworten: "wir alle drei;" der zweite: "um's Geld" der dritte: " und das war Recht!" das sollten sie immer hinter einander sagen, weiter aber dürften sie kein Wort sprechen und überträten sie das Gebot, so wäre gleich alles Geld verschwunden; so lange sie es aber befolgten, sollten ihre Taschen immer voll seyn. Zum Anfang gab er ihnen auch gleich so viel, als sie tragen konnten und hieß sie in die Stadt in das und das Wirthshaus gehen. Sie gingen hinein, der

Wirth kam ihnen entgegen und fragte: "wollen Sie etwas zu essen?" Der erste antwortete: "wir alle drei". "Ja, sagte der Wirth, das mein' ich auch". Der zweite: "um's Geld". "Das versteht sich", sagte der Wirth. Der dritte: "und das war Recht". "Ja wohl, war's Recht", sagte der Wirth. Es ward ihnen nun gut Essen und Trinken gebracht und wohl aufgewartet, nach dem Essen mußte die Bezahlung geschehen, da hielt der Wirth dem einen[180] die Rechnung hin, der sprach: "wir alle drei;" der zweite: "um's Geld;" der dritte: "und das war Recht". "Freilich ist's Recht, sagte der Wirth, alle drei bezahlen und ohne Geld kann ich nichts geben;" sie bezahlten aber noch mehr als er gefordert hatte. Die Gäste sahen das mit an und sprachen: "das müssen tolle Leute seyn", "ja das sind sie auch, sagte der Wirth, sie sind nicht recht klug". So blieben sie eine Zeitlang in dem Wirthshaus und sprachen kein ander Wort als: "wir alle drei, um's Geld, und das war recht". Sie sahen aber und wußten alles, was darin vorging. Es trug sich aber zu, daß ein großer Kaufmann kam mit vielem Geld, der sprach: "Herr Wirth, heben sie mir mein Geld auf, da sind die drei närrischen Handwerkspursche, die möchten mir's stehlen". Das that der Wirth; wie er den Mantelsack in seine Stube trug, fühlte er, daß er schwer von Gold war, darauf gab er den drei Handwerkern unten ein Lager, der Kaufmann aber kam oben hin in eine besondere Stube. Als Mitternacht war, und der Wirth dachte, sie schliefen alle, kam er mit seiner Frau und sie hatten eine Holzart und schlugen den reichen Kaufmann todt; nach vollbrachtem Mord legten sie sich wieder schlafen. Wie's nun Tag war, gab's großen Lärm, der Kaufmann lag todt im Bett und schwomm in seinem Blut; da liefen alle Gäste zusammen, der Wirth aber sprach: "das[181] haben die drei tollen Handwerker gethan". Die Gäste bestätigten es und sagten: "niemand anders kann's gewesen seyn". Der Wirth aber ließ sie rufen und sagte zu ihnen: "habt ihr den Kaufmann getödtet?" "Wir alle drei", sagte der erste, "um's Geld", der zweite, "und das war recht!" der dritte. "Da hört ihr's nun, sprach der Wirth, sie gestehen's selber". Sie wurden also in's Gefängniß gebracht und sollten gerichtet werden. Wie sie nun sahen, daß es so ernsthaft ging, ward ihnen doch Angst, aber Nachts kam der Teufel und sprach: "haltet nur noch einen Tag aus und verscherzt euer Glück nicht, es soll euch kein Haar gekrümmt werden". Am andern Morgen wurden sie vor Gericht geführt; da sprach der Richter: "seyd ihr die Mörder?" - "wir alle drei". - "Warum habt ihr den Kaufmann erschlagen?" - "um's Geld". - "Ihr Bösewichter, sagte der Richter, habt ihr euch nicht der Sünde gescheut?" - "und das war Recht". - "Sie haben bekannt und sind noch dazu halsstarrig, sprach der Richter, führt sie gleich zum Tod". Also wurden sie hinaus gebracht und der Wirth mußte

mit in den Kreis treten; wie sie nun von den Henkersknechten gefaßt und eben auf's Gerüst geführt wurden, wo der Scharfrichter mit bloßem Schwerte stand, kam auf einmal eine Kutsche mit vier blutrothen Füchsen bespannt, und fuhr, daß das Feuer aus[182] den Steinen sprang, aus dem Fenster aber winkte einer mit einem weißen Tuche. Da sprach der Scharfrichter, es kommt Gnade, und ward auch aus dem Wagen: Gnade! Gnade! gerufen. Da trat der Teufel heraus, als ein sehr vornehmer Herr, prächtig gekleidet und sprach: "ihr drei seyd unschuldig; ihr dürft nun sprechen, sagt, was ihr gesehen und gehört habt". Da sprach der älteste: "wir haben den Kaufmann nicht getödtet, der Mörder steht da im Kreis und deutete auf den Wirth; zum Wahrzeichen geht hin in seinen Keller, da hängen noch viele andere, die er um's Leben gebracht". Da schickte der Richter die Henkersknechte hin, die fanden es, wie's gesagt war, und als sie dem Richter das berichtet hatten, ließ er den Wirth hinauf führen und ihm das Haupt abschlagen. Da sprach der Teufel zu den Dreien: "nun hab' ich die Seele, die ich haben wollte, ihr seyd aber frei und habt Geld für euer Lebtag."[183]

35. Die himmlische Hochzeit.

Es war einmal ein armer Bauerjung' in der Kirche und hörte, wie der Pfarrer sprach: "wer da will in's Himmelreich kommen, muß immer geradaus gehen". Da machte er sich auf und ging[183] ganz gerad' fort, über Berg und Thal; endlich kam er in eine große Stadt und mitten in die Kirche, wo eben Gottesdienst gehalten wurde. Wie er all die Herrlichkeit sah, meinte er, nun wär' er im Himmel angelangt, setzte sich hin und war froh. Als der Gottesdienst vorbei war, kam der Küster und hieß ihn hinausgehen. "Nein, sprach er, ich gehe nicht heraus, ich bin froh, daß ich endlich im Himmel bin". Da ging der Küster zum Pfarrer und sagte ihm, es wär' ein Junge in der Kirche, der wolle nicht wieder heraus, weil er glaube, er wäre da im Himmelreich. Der Pfarrer sprach: "wenn's so ist, wollen wir ihn behalten", ging hin und fragte ihn, ob er auch Lust hätte zu arbeiten? Ja, antwortete der Kleine, Arbeiten sey er gewohnt, aber heraus ginge er nicht. Also blieb er in der Kirche und als er sah, wie die Leut' zu dem Muttergottesbild mit dem Jesuskind, das aus Holz geschnitten war, kamen, knieten und beteten, meinte er, das wär' der liebe Gott und sprach: "hör' einmal, lieber Gott, was bist du mager! wie dich die Leut' hungern lassen! ich will dir auch jeden Tag mein halbes Essen bringen". Nun bracht er dem Bild jeden Tag die Hälfte von seinem Essen und das Bild fängt auch an zu essen. Wie ein paar Wochen herum

sind, merkten die Leute, daß das Bild zunahm, dick und stark ward, wunderten sich sehr; der Pfarrer konnte es auch nicht begreifen, blieb[184] in der Kirche und ging dem Kleinen nach, da sah er, wie er sein Brot mit der Mutter Gottes theilte. Auf eine Zeit ward er krank und konnte acht Tage nicht aus dem Bett, wie er aber zuerst wieder aufstand, nahm er gleich Essen und der Pfarrer ging ihm nach und sah, wie er's hinbrachte und hörte ihn sprechen: "lieber Gott, nimm's nicht übel, daß ich so lange nichts gebracht, ich war aber krank und konnte nicht aufstehen". Da antwortete das Bild und sprach: "das thut nichts, ich habe deinen guten Willen gesehen, das ist genug und nächsten Sonntag sollst du zu mir auf die Hochzeit kommen". Der Junge freute sich sehr und der Pfarrer bat ihn, zu gehen und das Bild zu fragen, ob er auch dürfe mitkommen. "Nein, sagte das Bild, du allein". Der Pfarrer aber wollte ihn erst vorbereiten und ihm das Abendmahl geben, das war der Kleine zufrieden und nächsten Sonntag, wie's Abendmahl an ihn kommt, fällt er um und ist todt und war zur ewigen Hochzeit.[185]

36. Die lange Nase.

Es waren drei alte abgedankte Soldaten, die waren so alt, daß sie auch keine Libermilch mehr heißen konnten, da schickte sie der König fort, gab[185] ihnen keine Pension, hatten sie nichts zu leben und mußten betteln gehn. Da reisten sie durch einen großen Wald und konnten das Ende davon nicht finden; als es Abend war, legten sich zwei schlafen und der dritte mußte bei ihnen Wache halten, damit sie von den wilden Thieren nicht zerrissen werden. Wie die zwei nun eingeschlafen waren, und der eine dabei stand und Wache hielt, kam ein kleines Männchen in rothem Kleide und rief: wer da? "Gut Freund", sagte der Soldat. "Was für Gutfreund?" - "Drei alte abgedankte Soldaten, die nichts zu leben haben". Da sprach das Männchen, er sollte zu ihm kommen, es wollt' ihm was schenken, wenn er das in Acht nähme, sollte er sein Lebtag genug haben. Da ging er heran und es schenkte ihm einen alten Mantel, wenn er den umhängte, was er dann wünschte, das ward alles wahr, er sollt' es aber seinen Kammeraden nicht sagen, bis es Tag würde. Wie es nun Tag war und sie aufwachten, da erzählte er ihnen was geschehen war und sie reisten weiter bis zum zweiten Abend, und als sie sich schlafen legten, mußte der zweite wachen und Posten bei ihnen stehen. Da kam das rothe Männchen und rief wer da? "Gutfreund". - "Was für Gutfreund?" - "Drei alte abgedankte Soldaten". Da schenkte ihm das Männchen ein altes Beutelchen, das wurde nie leer von Geld, soviel auch herausgenommen wurde; er soll's aber auch[186] erst bei Tag seinen

Kammeraden sagen. Da gingen sie noch den dritten Tag durch den Wald und Nachts mußte der dritte Soldat Wache stehen. Das rothe Männchen kam auch zu dem und rief wer da? "Gutfreund!" - "Was für Gutfreund?" - "Drei alte abgedankte Soldaten". Da schenkte ihm das rothe Männchen ein Horn, wenn man darauf blies, kamen alle Völker zusammen. Am Morgen, wie nun jeder ein Geschenk hatte, that der erste den Mantel um und wünschte, daß sie aus dem Wald wären, da waren sie gleich draußen. Sie gingen in ein Wirthshaus und ließen sich da Essen und Trinken geben, das Beste, das der Wirth nur auftreiben konnte; als sie fertig waren, bezahlte der mit dem Beutelchen alles und zog dem Wirth auch keinen Heller ab.

Nun waren sie das Reisen müde, da sprach der mit dem Beutel zu dem mit dem Mantel: "ich wollte, daß du uns ein Schloß dahin wünschtest, Geld haben wir doch genug, wir könnten wie Fürsten leben". Da wünschte er ein Schloß und gleich stand es da und war alles Zugehör dabei. Als sie eine Zeitlang da gelebt hatten, wünschte er einen Wagen mit drei Schimmeln, sie wollten in ein ander Königreich fahren und sich für drei Königssöhne ausgeben. Da fuhren sie ab mit einer großen Begleitung von Lakaien, daß es recht fürstlich aussah. Sie fuhren zu einem König,[187] der nur eine einzige Prinzessin hatte und als sie ankamen, ließen sie sich melden und wurden gleich zur Tafel gebeten und sollten die Nacht da schlafen. Da ging's nun lustig her und als sie gegessen und getrunken hatten, fingen sie an Karten zu spielen, was die Prinzessin so gerne that. Sie spielte mit dem, der den Beutel hatte, und so viel sie ihm abgewann, so sah sie doch, daß sein Beutel nicht leer ward und merkte, daß es ein Wünschding seyn müßte. Da sagte sie zu ihm, er sey so warm vom Spiel, er solle einmal trinken und schenkte ihm ein, aber sie that einen Schlaftrunk in den Wein. Und wie er den kaum getrunken hatte, so schlief er ein, da nahm sie seinen Beutel, ging in ihre Kammer und näht einen andern, der ebenso aussah, that auch ein wenig Geld hinein und legt ihn an die Stelle des alten. Am andern Morgen reisten die drei weiter, und als der eine das wenige Geld ausgegeben hatte, was noch im Beutel war und nun wieder hineingriff, war er leer und blieb leer. Da rief er aus: "mein Beutel ist mir von der falschen Prinzessin vertauscht worden, nun sind wir arme Leute!" Der mit dem Mantel aber sprach: "laß dir keine graue Haare wachsen, ich will ihn bald wieder geschafft haben". Da hing er den Mantel um und wünschte sich in die Kammer der Prinzessin; gleich ist er da, und sie sitzt da und zählt an dem Geld, das sie in einem fort aus dem[188] Beutel holt. Wie sie ihn sieht, schreit sie, es wär' ein Räuber da, und schreit so gewaltig, daß der ganze Hof gelaufen kommt und will ihn fangen. Da springt er in der Hast

zum Fenster hinaus und läßt den Mantel hängen und ist auch der verloren. Wie die drei wieder zusammenkamen, hatten sie nichts mehr als das Horn, da sprach der, dem es gehörte: "ich will schon helfen, wir wollen den Krieg anfangen", und blies soviel Husaren und Cavallerie zusammen, daß sie nicht alle zu zählen waren. Dann schickte er zum König und ließ ihm sagen, wenn er den Beutel und Mantel nicht herausgäbe, sollt' von seinem Schloß kein Stein auf dem andern bleiben. Da redete der König seiner Tochter zu, sie sollt' es herausgeben, eh' sie sich so groß Unglück auf den Hals lüden, sie hörte aber nicht darauf und sprach, sie wollt' erst noch etwas versuchen. Da zog sie sich an wie ein armes Mädchen, nahm einen Henkelkorb an den Arm und ging hinaus in's Lager, allerlei Getränk zu verkaufen und ihre Kammerjungfer mußte mitgehen. Wie sie nun mitten im Lager ist, fängt sie an zu singen so schön, daß die ganze Armee zusammenlauft aus den Zelten, und der das Horn hat, lauft auch heraus und hört zu; und wie sie den sieht, gibt sie ihrer Kammerjungfer ein Zeichen, die schleicht sich in sein Zelt, nimmt das Horn und lauft mit in's Schloß. Dann ging sie auch wieder heim und hatte[189] nun alles und die drei Kammeraden mußten wieder betteln gehen.

Also zogen sie fort, da sprach der eine, der den Beutel gehabt hatte: "wißt ihr was, wir können nicht immer beisammen seyn, geht ihr dort hinaus, ich will hier hinaus gehen". Also ging er allein und kam in einen Wald, und weil er müd' war, legte er sich unter einen Baum, ein wenig zu schlafen. Wie er aufwachte und über sich sah, da war es ein schöner Apfelbaum, unter dem er geschlafen und hingen prächtige Aepfel daran. Vor Hunger nahm er einen, aß ihn und dann noch einen. Da fängt ihm seine Nase an zu wachsen und wächst und wird so lang, daß er nicht mehr aufstehen kann; und wächst durch den Wald und sechzig Meilen noch hinaus. Seine Kammeraden aber gingen auch in der Welt herum und suchten ihn, weil es doch besser in Gesellschaft war, sie konnten ihn aber nicht finden. Auf einmal stieß einer an etwas und trat auf was weiches, ei! was soll das seyn, dachte er, da regte es sich und war es eine Nase. Da sprachen sie, wir wollen der Nase nachgehen und kamen endlich in den Wald zu ihrem Kammeraden, der lag da, konnt' sich nicht rühren noch regen. Da nahmen sie eine Stange und wickelten die Nase darum und wollten sie in die Höhe heben und ihn forttragen, aber es war zu schwer. Da suchten sie im Wald einen Esel, darauf legten sie ihn und die[190] lange Nase auf zwei Stangen und führten ihn also fort, und wie sie ein Eckchen weit gezogen waren, war er so schwer, daß sie ruhen mußten. Als sie so ruhten, sahen sie einen Baum neben sich stehen, daran hingen schöne Birnen; und hinter dem Baum kam das kleine rothe

Männchen hervor und sagte zu dem Langnasigen, er sollte eine von den Birnen essen, so fiel ihm die Nase ab. Da aß er eine Birne und alsbald fiel die lange Nase ab und er behielt nicht mehr, als er zuvor hatte. Darauf sagte das Männchen: "brich dir von den Aepfeln und Birnen ab und mach' Pulver aus jedwedem, wem du von dem Apfelpulver gibst, dem wächst die Nase, und wenn du dann von dem Birnpulver gibst, so fällt sie wieder ab; und dann reise als Arzt und gib der Prinzessin von den Aepfeln und dann auch von dem Pulver, da wächst ihr die Nase noch zwanzigmal länger als dir; aber halt dich fest". Da nahm er von den Aepfeln, ging an den Königshof und gab sich für einen Gärtnersbursch aus und sagte, er hätte eine Art Aepfel, wie in der Landschaft keine wüchsen. Wie die Prinzessin aber hörte davon, bat sie ihren Vater, er sollt' ihr einige von diesen Aepfeln kaufen; der König sprach: "kauf dir, soviel du willst". Da kaufte sie und aß einen, der schmeckte ihr so gut, daß sie meinte, sie hätte ihr Lebtag keinen so guten gegessen, und aß dann noch einen; wie das geschehen war,[191] machte der Arzt sich fort. Da fing ihr die Nase an zu wachsen und wuchs so stark, daß sie vom Sessel nicht aufstehen konnte, sondern umfiel. Da wuchs die Nase sechszig Ellen um den Tisch herum, sechszig um ihren Schrank und dann durch's Fenster hundert Ellen um's Schloß, und noch zwanzig Meilen zur Stadt hinaus. Da lag sie, konnte sich nicht regen und bewegen und wußte ihr kein Doctor zu helfen. Der alte König ließ ausschreiben, wenn sich irgend ein Fremder fände, der seiner Tochter womit helfen könnte, sollt' er viel Geld haben. Da hatte nun der alte Soldat drauf gewartet, meldete sich als ein Doctor: "so es Gottes Wille wäre, wollt' er ihr schon helfen". Darauf gab er ihr Pulver von den Aepfeln, da fing die Nase an von neuem zu wachsen und ward noch größer; am Abend gab er ihr Pulver von den Birnen, da ward sie ein wenig kleiner, doch nicht viel. Am andern Tag gab er ihr wieder Aepfelpulver, um sie recht zu ängstigen und zu strafen, da wuchs sie wieder, viel mehr als sie gestern abgenommen hatte. Endlich sagte er: "gnädigste Prinzessin, Sie müssen einmal etwas entwendet haben, wenn Sie das nicht herausgeben, hilft kein Rath". Da sagte sie: "ich weiß von nichts". Sprach er: "es ist so, sonst müßt mein Pulver helfen und wenn Sie es nicht herausgeben, müssen Sie sterben an der langen Nase". Da sagte der alte König: "gib den Beutel, den[192] Mantel und das Horn heraus, das hast du doch entwendet, sonst kann deine Nase nimmermehr kleiner werden". Da mußte die Kammerjungfer alle drei Stücke holen und hinlegen und er gab ihr Pulver von den Birnen, da fiel die Nase ab und mußten 250 Männer kommen und sie in Stücken hauen. Und er ging mit dem Beutelchen, dem Mantel und dem Horn fort zu

seinen Kammeraden, und sie wünschten sich wieder in ihr Schloß; da werden sie wohl noch sitzen und Haus halten.[193]

37. Die Alte im Wald.

Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald, und als sie mitten darin waren, kamen Räuber hervor und ermordeten, wen sie fanden; da kam alles mit einander um, nur das Mädchen nicht, das war aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einen Baum verborgen. Wie die Räuber mit ihrer Beute fort waren, kam es hervor, fing an bitterlich zu weinen und sagte: "was soll ich armes Mädchen nun anfangen, ich weiß mich nicht zu finden in dem Wald, kein Haus ist da, so muß ich gewiß verhungern!" Es ging herum, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden, bis[193] zum Abend, da setzte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollt' da sitzen bleiben und nicht weggehen, möchte geschehen, was immer wollte. Als er aber ein Bischen da gesessen, kam ein weiß Täubchen heruntergeflogen, mit einem kleinen goldnen Schlüsselchen im Schnabel, das legte es ihm in die Hand und sprach: "siehst du dort den großen Baum, daran ist ein kleines Schloß, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden". Da ging es zu dem Baum und schloß ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, daß es sich satt essen konnte. Als es satt war, sprach es: "jetzt ist Zeit, wo die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müd', könnt' ich mich auch in mein Bett legen!" Da kam das Täubchen wiedergeflogen und hatt' ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagt: "schließ dort den Baum auf, da wirst du ein Bett finden". Da schloß es auf und fand ein schönes weiches Bettchen, da betete es zum lieben Gott, er sollt' es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein. Am Morgen kam das Täubchen zum drittenmal und brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: "schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden;" und wie es aufschloß fand es Kleider mit Gold und Juwelen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat. Also lebte es da eine[194] Zeitlang, und kam das Täubchen alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und war das ein stilles, gutes Leben.

Einmal aber kam das Täubchen und sprach: "willst du mir etwas zu Lieb' thun?" - "Von Herzen gern", sagte das Mädchen. Da sprach das Täubchen: "ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh' hinein, mittendrin am Heerd da wird eine alte Frau sitzen und guten Tag sagen. Aber gib ihr bei Leibe keine Antwort, sie mag auch anfangen was

sie will, sondern geh zu ihrer rechten Hand weiter, da ist eine Thüre, die mach auf, so wirst du in eine Stube kommen, wo eine große Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt, darunter sind prächtige mit glitzerigen Steinen, die laß aber alle liegen und such nur einen schlichten heraus, der auch darunter seyn muß und bring ihn zu mir her so geschwind du kannst". Da ging das Mädchen hin in das Häuschen und fand die Alte, die machte große Augen, wie sie es sah, und sprach: "guten Tag mein Kind". Es gab ihr keine Antwort und ging auf die Thüre zu; "ei! wo hinaus?" rief sie und faßt es beim Rock und wollte es festhalten; "das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich's nicht haben will". Aber es schwieg immer still, machte sich von ihr los und ging in die Stube hinein. Da war nun eine übergroße Menge von Ringen, die glitzten und[195] glimmerten ihm vor den Augen, es warf sie herum und suchte nach dem schlichten, konnt' ihn aber nicht finden. Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daher schlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fort wollte; da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand und wie es ihn aufhob und hinein sah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel. Da war es froh und lief damit zum Haus hinaus und dachte, das weiße Täubchen würde kommen um den Ring holen, aber es kam nicht. Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf es warten, und wie es so stand, da däuchte ihm, der Baum würde weich und biegsam und senkte seine Zweige herab. Und auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum und waren zwei Arme und wie es sich umsah, war der Baum ein schöner Prinz, der es umfaßte und herzlich küßte und sagte: "du hast mich erlöst, die Alte ist eine Hexe, die hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tag ein paar Stunden in eine weiße Taube, und so lang sie den Ring hatte, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wieder erhalten". Da waren auch seine Bedienten und Pferde von dem Zauber frei und keine Bäume mehr und standen neben ihm, da fuhren sie fort in sein Reich, heiratheten sich und lebten glücklich.[196]

38. Die drei Brüder.

Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen, als sein Haus, worin er wohnte. Nun hätte jeder gern nach seinem Tod das Haus gehabt, dem Vater war aber einer so lieb, als der andere, da wußt er gar nicht, wie er's anfangen sollte, daß er keinem zu nahe thät; verkaufen wollt' er das Haus auch nicht, weil's von seinen Voreltern war, sonst hätte er das Geld unter sie getheilt. Da fiel ihm endlich ein Rath ein und er sprach zu seinen Söhnen: "geht in die Welt und versucht euch

und lerne jeder ein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben."

Das waren die Söhne zufrieden und der ältste wollte ein Hufschmied, der zweite ein Barbier, der dritte aber ein Fechtmeister werden. Darauf bestimmten sie eine Zeit, wo sie wieder nach Haus zusammenkommen wollten und zogen fort. Es traf sich auch, daß jeder einen tüchtigen Meister fand, wo er was rechtschaffenes lernte; der Schmied mußte des Königs Pferde beschlagen und dachte: "nun kann dir's nicht fehlen, du kriegst das Haus;" der Barbier rasirte lauter vornehme Herrn und meinte auch, das[197] Haus wär' sein; der Fechtmeister kriegte manchen Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sich's nicht verdrießen, denn er dachte bei sich: "fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr". Als nun die gesetzte Zeit herum war, kamen sie zusammen nach Haus, sie wußten aber nicht, wie sie die beste Gelegenheit finden sollten, ihre Kunst zu zeigen, saßen beisammen und rathschlagten. Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Haas über's Feld daher gelaufen. "Ei, sagte der Barbier, der kommt wie gerufen", nahm Becken und Seife, schaumte, bis der Haas in die Nähe kam, dann seifte er ihn in vollem Laufe ein und rasirte ihm auch im vollen Laufe ein Stutzbärtchen und dabei schnitt er ihn nicht und that ihm an keinem Haare weh. "Das gefällt mir, sagte der Vater, wenn sich die andern nicht gewaltig angreifen, so ist das Haus dein". Es währte nicht lang, so kam ein Herr in einem Wagen daher gerennt in vollem Jagen. "Nun sollt ihr sehen, Vater, was ich kann", sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riß dem Pferd, das in einem fort jagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an. "Du bist ein ganzer Kerl, sprach der Vater, du machst deine Sachen so gut, wie dein Bruder, ich weiß nicht, wem ich das Haus geben soll". Da sprach der dritte: "Vater, laßt mich auch einmal gewähren", und weil es anfing[198] zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinem Kopf, daß kein Tropfen auf ihn fiel; und als der Regen stärker ward und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel göß, schwang er den Degen immer schneller, und blieb so trocken, als säß er unter Dach und Fach. Wie der Vater das sah, erstaunte er und sprach: "du hast das beste Meisterstück gemacht, das Haus ist dein."

Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten, und weil sie sich einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus, trieben ihre Profession und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld. So lebten sie vergnügt bis in ihr Alter zusammen und als der eine krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber, daß sie auch krank

wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie so geschickt gewesen und sich so lieb gehabt, alle drei in ein Grab gelegt.[199]

39. Der Teufel und seine Großmutter.

Es war ein großer Krieg und der König gab seinen Soldaten wenig Gold, so daß sie nicht davon leben konnten; da thaten sich drei zusammen[199] und wollten ausreißen. Einer sprach zum andern: "wenn wir aber gekriegt werden, hängt man uns an den Galgenbaum; wie wollen wir das machen?" Sprach der andere: "da steht ein großes Kornfeld, wenn wir hinein kriechen, findet uns kein Mensch, das Herr kommt nicht hinein". Das thaten sie und saßen zwei Tage und zwei Nächte im Korn, hatten aber so großen Hunger, daß sie beinah gestorben wären, denn sie durften nicht heraus. Da sprachen sie: "was hilft uns unser Ausreißen, wir müssen elendig im Korn sterben". Indem kam ein feuriger Drache über das Kornfeld durch die Luft geflogen, der sah sie liegen und fragte: "was thut ihr drei da im Korn?" Sie antworteten: "wir sind drei ausgerissene Soldaten, wir konnten von unserm Gold nicht länger im Heer leben, nun müssen wir hier Hungers sterben, weil das Heer rund herum liegt, und wir nicht entrinnen können". "Wollt ihr mir sieben Jahre dienen, sagte der Drache, so will ich euch mitten durch's Herr führen, daß euch niemand kriegen soll?" "Wir haben keine Wahl, sprachen sie, und sind's zufrieden". Da nahm sie der Drache in seine Klauen und unter seine Fittiche und brachte sie durch die Luft über das Herr weg in Sicherheit. Darnach ließ er sie wieder zur Erde, er war aber der Teufel und gab ihnen ein kleines Peitschgen, womit sie sich Geld peitschen konnten, soviel sie wollten. "Damit,[200] sprach er, könnt ihr große Herren werden und in Wagen fahren; nach Verlauf der sieben Jahre aber seyd ihr mein eigen" und hielt ihnen ein Buch vor, in das mußten sie alle drei unterschreiben. "Doch will ich euch", sagte er, dann erst noch ein Räthsel geben, könnt ihr das rathen, sollt ihr frei und aus meiner Gewalt seyn. Da ging der Drache von ihnen ab und sie reisten fort mit ihren Peitschgen, hatten Geld die Fülle, ließen sich Herrenkleider machen und zogen in der Welt herum. Wo sie waren, lebten sie in Freuden und Herrlichkeit, fuhren mit Pferden und Wagen, aßen und tranken und die sieben Jahre strichen in kurzer Zeit um. Als es nun bald an's Ende kam, wurde ihnen angst und bang, zwei waren ganz betrübt, der dritte aber nahm's leichter und sprach: "Brüder fürchtet nichts, vielleicht können wir das Räthsel rathen". Wie sie so zusammensaßen, kam eine alte Frau daher, die fragte, warum sie so traurig wären? "Ach, was liegt euch daran, ihr könnt uns doch nicht

helfen". "Wer weiß das, erzählt mir's nur". Da erzählten sie's ihr, daß sie fast sieben Jahr dem Teufel gedient, der hätte ihnen Geld wie Heu geschafft, sie hätten sich ihm aber verschrieben und wären sein Eigenthum, wenn sie nach den sieben Jahren nicht ein Räthsel auflösen könnten. Die Alte sprach: "soll euch geholfen werden, so muß einer von euch zum Wald hinein gehen und da wird er[201] an eine zerfallene Klippe kommen, die aussieht wie ein Häuschen". Die zwei traurigen dachten, das wird uns doch nicht retten und blieben vor dem Wald, der dritte lustige machte sich auf und fand alles so, wie die Frau gesagt hatte; in dem Häuschen aber saß eine steinalte Frau, die war des Teufels Großmutter und fragte ihn, woher er käme und was er wollte? Da erzählte er ihr alles und weil er ein gar schöner Mensch war, hatte sie Erbarmen und hob einen großen Stein auf. "Darunter sitz ganz still, wann der Drache kommt, will ich ihn um die Räthselfragen". Um zwölf Uhr Nachts kam der Drache geflogen und wollte sein Essen, da deckte ihm seine Großmutter den Tisch und trug Trank und Speise auf, daß er vergnügt war, und sie aßen und tranken zusammen. Da fragte sie ihn im Gespräch, wie's den Tag ergangen wäre, wie viel Seelen er kriegt hätte? "Ich hab' noch drei Soldaten, die sind mein", sprach er. "Ja, drei Soldaten, sagte sie, haben etwas an sich, die können dir noch entkommen". Sprach der Teufel höhnisch: "die sind mir gewiß, denen gebe ich ein Räthsel auf, das sie nimmermehr rathen können". "Was ist das für ein Räthsel?" fragte sie. "Das will ich dir sagen: in der großen Nordsee liegt eine todte Meerkatze, das soll ihr Braten seyn; und von einem Wallfisch die Rippe, das soll ihr silberner Löffel seyn; und ein alter Pferdefuß, das soll ihr[202] Weinglas seyn". Da ging der Teufel fort zu schlafen und die alte Großmutter hob den Stein auf und ließ den Soldaten heraus: "Hast du auch alles wohl in Acht genommen?" "Ja", sprach er, und mußte auf einem andern Weg durch's Fenster schnell zu seinen Gesellen gehen, damit ihn der Teufel nicht merkte. - Wie er nun zu den andern kam, erzählte er ihnen, was er gehört hatte und nun könnten sie rathen, was sonst keine Seele gerathen hätte; da waren sie alle fröhlich und guter Dinge und peitschten sich Geld genug. Als nun die sieben Jahre völlig herum waren, kam der Teufel mit dem Buche, zeigte die Unterschriften und sprach: "ich will euch nun in die Hölle mitnehmen, da sollt ihr eine Mahlzeit haben, könnt ihr mir rathen, was ihr für einen Braten werdet zu essen kriegen, so sollt ihr frei und los seyn und das Peitschgen dazubehalten". Da fing der erste Soldat an: "in der großen Nordsee liegt eine todte Meerkatze, das wird wohl der Braten seyn". Der Teufel ärgerte sich, machte hm! hm! hm! und fragte den zweiten: "was soll euer Löffel seyn?" Da antwortete er: "von einem Wallfisch die Rippe, das soll unser

silberner Löffel seyn". Der Teufel schnitt ein Gesicht, knurrte wieder dreimal hm! hm! hm! und sprach zum dritten: "was soll euer Weinglas seyn". "Ein alter Pferdefuß, das soll unser Weinglas seyn". Da flog der Teufel[203] fort, ließ sie im Stich und hatte keine Gewalt mehr über sie, aber die drei behielten das Peitschgen, schlugen Geld hervor, soviel sie wollten, und lebten vergnügt bis an ihs Ende.[204]

40. Ferenand getrü un Ferenand ungetrü.

Et was mal en Mann un 'ne Fru west, de hadden so lange se rick wören kene Kinner, as se awerst arm woren, da kregen se en kleinen Jungen. Se kunnen awerst kenen Paen dato kregen, da segde de Mann, he wulle mal na den annern Ohre(Orte) gahn un tosehn, ob he da enen krege. Wie he so gink, begegnete ünn en armen Mann, de frog en, wo he hünne wulle? he segde, he wulle hünn un tosehn, dat he 'n Paen kriegte, he sie arm un da wulle ünn ken Minske to Gevaher stahn. "O, segde de arme Mann, gi sied arm un ik sie arm, ik will guhe(euer) Gevaher weren; ik sie awerst so arm, ik kann dem Kinne nix giwen, gahet hen und segget de Bähmoer(Wehmutter), se sulle man mit den Kinne na der Kerken kummen". Ase se nu tohaupe na der Kerken kummet, da is de Bettler schaun darinne, de givt dem Kinne den Namen: Ferenand getrü.

Wie he ut der Kerken gahet, da segd de Bettler: "nu gahet man na Hus, ik kann guh[204](euch) nix giwen, un gi süllt mie ok nix giwen". De Bähmoer awerst gav he 'n Schlüttel un segd er, se mögt en, wenn se na Hus käme, dem Vaer giwen, de sull'n verwahren, bis dat Kind vertein Johr old wöre, dann sull et up de Heide gahn, da wöre 'n Schlott, dato paßte de Schlüttel, wat darin wöre, dat sulle em hören. Wie dat Kind nu sewen Johr alt woren un düet(tüchtig) wassen wor, gink et mal spilen mit annern Jungens, da hadde de eine noch mehr vom Paen kriegt, ase de annere, he awerst kunne nix seggen, und da grinde he un gink na Hus un segde tom Vaer: "hewe ik denn gar nix vom Paen kriegt?" - "O ja, segde de Vaer, du hest en Schlüttel kriegt, wenn up de Heide 'n Schlott steit, so gah man hen und schlut et up". Da gink he hen, awerst et was kein Schlott to hören un to sehen. Wier na sewen Jahren, ase he vertein Jahr old ist, geit he nochmals hen, da steit en Schlott darup. Wie he et upschloten het, da is der nix enne, ase'n Perd, 'n Schümmel. Da werd de Junge so vuller Früden, dat he dat Perd hadde, dat he sik darup sett un to sinen Vaer jegd(jagt). "Nu hew ik auck 'n Schümmel, nu will ik auck reisen", segd he.

Da treckt he weg un wie he unnerweges is, ligd da 'ne Schriffedder up 'n Wegge, he will se eist(erst) upnümmen, da denkt he awerst wier bie

sich: "o du süst se auck liggen laten, du finndst ja[205] wul, wo du hen kümmst 'ne Schriffedder, wenn du eine bruckest". Wie he so weggeit, da roppt et hinner üm: "Ferenand getrü, nimm se mit!" He süt sik ümme, süt awerst keinen, da geit he wier torugge un nümmt se up. Wie he wier 'ne Wile rien(geritten) is, kümmt he bie'n Water vorbie, so ligd da en Fisk am Oewer(Ufer) un snappet un happet na Luft, so segd he: "töv, min lewe Fisk, ik will die helpen, dat du in't Water kümmst", un gript'n bie'n Schwans un werpt 'n in't Water. Da steckt de Fisk den Kopp ut den Water un segd: "nu du mie ut den Koth holpen hest, will ik die 'ne Flötepiepen giwen, wenn du in de Naud bist, so flöte derup, dann will ik die helpen; wenn du mal wat in't Water hast fallen laten, so flöte man, so will ik et die herut reicken". Nu ritt he weg, da kümmt so'n Minsk to üm, de frägt 'n, wo he hen wull. "O na den neggsten Ohre". - "Wu he dann heite?" - "Ferenand getrü". - "Sü, da hewe wie ja fast den sülwigen Namen, ik heite Ferenand ungetrü." Da trecket se beide na den neggsten Ohre in dat Wertshus.

Nu was et schlimm, dat de Ferenand ungetrü allet wuste, wat 'n annerer dacht hadde un doen wulle; dat wust he döre so allerhand slimme Kunste. Et was awerst im Wertshuse so'n wacker Mäken, dat hadde 'n schier(klares) Angesicht un drog sik so hübsch; dat verleiv sik in den Ferenand[206] getrü, denn et was 'n hübschen Minschen west un frog'n, wo he hen to wulle? "O, he wulle so herümmer reisen". Da segd se, so sull he doch nur da bliewen, et wöre hier to Lanne 'n Künig, de neime wul geren 'n Bedeenten oder 'n Vorrüter; dabie sulle he in Diensten gahn. He antworde, he künne nig gud so to einen hingahen un been sik an. Da segde det Mäken: "o dat will ik dann schun dauen". Un so gink se auck stracks hen, na den Künig, un sehde ünn, se wüste ünn 'n hübschen Bedeenten. Dat was de wol tofreen un leit 'n to sik kummen un wull'n to'm Bedeenten macken. He wull awerst leewer Vorrüter sin, denn wo sin Perd wäre, da möst he auck sin: da mackt 'n de Künig to'm Vorrüter. Wie düt de Ferenand ungetrü gewahr wore, da segd he to den Mäken: "töv! helpest du den an, un mie nig?" "O, segd dat Mäken, ik will'n auck anhelpen". Se dachte: "den most du die to'm Frünne wahren, denn he is nig to truen". Se geit alse vor'm Künig stahn un beed 'n als Bedeinten an; dat is de Künig tofreen.

Wenn he nu also det Morgens den Heren antrock, da jammerte de jümmer: "o wenn ik doch eist mine Leiweste bie mie hädde". De Ferenand ungetrü war awerst dem Ferenand getrü jümmer upsettsig, wie asso de Künig mal wier so jammerte, da segd he: "Sie haben ja den Vorreiter, den schicken Sie hin, der muß sie herbeischaffen[207] und wenn er es nicht thut, soll ihm der Kopf vor die Füße gelegt werden". Do

leit de Künig den Ferenand getrü to sik kummen und sehde üm, he hädde da un da 'ne Leiweste, de sull he ünn herschappen, wenn he dat nig deie, sull he sterwen.

De Ferenand getrü gink im Stall to sinen Schümmel un grinde un jammerde. "O wat sin ik 'n unglücksch Minschenkind". Do röppet jeimes hinner üm: "Ferenand getreu, was weinst du?" He süt sik um, süt awerst neimes un jammerd jümmer fort: "o min lewe Schümmelken, nu mot ik die verlaten, nu mot ik sterwen". Da merkt he eist, dat dat sin Schümmelken deit dat Fragen. "Döst du dat, min Schümmelken, kast du küren(reden)?" un segd wier: "ik sull da un da hen un sall de Brut halen, west du nig, wie ik dat wol anfange?" Da antwoerd dat Schümmelken: "gah du na den Künig un segg, wenn he die giwen wulle, wat du hewen möstest, so wullest du se ünn schappen: wenn he die 'n Schipp vull Fleisk un 'n Schipp vull Brod giwen wulle, so sull et gelingen; da wören de grauten Riesen up den Water, wenn du denen ken Fleisk midde brächtest, so terreitn se die; un da wören de grauten Vüggel, de pickeden die de Ogen ut den Koppe, wenn du ken Brod vor se häddest". Da kett de Künig alle Slächter im Lanne slachten un alle Becker backen, dat de Schippe vull werdt.[208] Wie se vull sied, segd dat Schümmelken to'm Ferenand getrü: "nu gah man up mie sitten un treck mit mie in't Schipp, wenn dann de Riesen kümmet, so segg:

›still, still, meine lieben Riesechen,

ich hab' euch wohl bedacht,

ich hab' euch was mitgebracht!‹

Un wenn de Vüggel kümmet, so seggst du wier:

›still, still, meine lieben Vögelchen,

ich hab' euch wohl bedacht,

ich hab' euch was mitgebracht!‹

dann doet sie die nix, un wenn du dann bie dat Schlott kümmst, dann helpet die de Riesen, dann gah up dat Schlott un nümm 'n Paar Riesen mit, da ligd de Prinzessin un schlöppet; du darfst se awerst nig upwecken, sonnern de Riesen mött se mit den Bedde upnümmen un in dat Schipp dregen".(Und da geschah nun alles, wie das Schimmelchen gesagt hatte, und die Riesen trugen die Prinzessin zum König.) Un ase se to'm Künig kümmet, segd se, se künne nig liwen, se möste ere Schrifften hewen, de wören up eren Schlotte liggen bliwen. Da werd de Ferenand getrü up Anstifften det Ferenand ungetrü roopen, un de Künig bedütt ünn, he sulle de Schrifften von den Schlotte halen, süst sull he sterwen. Da geit he wier in Stall un grind un segd: "o min lewe Schümmelken, un

sull ik noch 'n mal weg, wie süll wie dat macken". Da segd de Schümmel,[209] se sullen dat Schipp man wier vull laen(laden).(Da geht es wieder wie das Vorigemal, und die Riesen und Vögel werden von dem Fleisch gesättigt und besänftigt.) Ase se bie dat Schlott kümmet, segd de Schümmel to ünn, he sulle man herin gahn, in den Schlapzimmer der Prinzessin, up den Diske, da lägen de Schrifften. Da geit Ferenand getrü hün un langet se. Ase se up'n Water sind, da let he sine Schriffedder in't Water fallen, da segd de Schümmel: "nu kann ik die awerst nig helpen". Da fällt 'n dat bie mit de Flötepipen, he fänkt an to flöten, da kümmt de Fisk un het de Fedder im Mule un langet se 'm hen. Nu bringet he de Schrifften na den Schlotte, wo de Hochtid hallen werd.

De Künigin mogte awerst den Künig nig lien, weil he keine Nese hadde, sonnern se mogte den Ferenand getrü geren lien. Wie nu mal alle Herens vom Hove tosammen sied, da segd de Künigin, se künne auck Kunstücke macken, se künne einen den Kopp afhoggen un wier upsetten, et sull nur mant einer versöcken. Da wull awerst kener de eiste sien, da mott Ferenand getrü daran, wier up Anstifften von Ferenand ungetrü, den hogger se den Kopp af un sett'n ünn auck wier up, et is auck glick wier tan heilt, dat et ut sach ase hädde he'n roen Faen(Faden) üm'n Hals. Da segd de Künig to ehr: "mein Kind, wo hast du denn das gelernt?" - "Ja, segd se, soll ich es an dir[210] auch einmal versuchen?" - "O ja", segd he. Da hogget se an awerst den Kopp af un sett'n en nig wier upp, se doet as ob se'n nig darup kriegen künne un as ob he nig fest sitten wulle. Da ward de Künig begrawen, se awerst frigget den Ferenand getrü.

He ridde awerst jümmer sinen Schümmel un ase he mal darup sat, da segd de to em, he sulle mal up 'ne annere Heide, de he em wist, trecken, un da 3 mal mit em herummerjagen. Wie he dat dahen hadde, da geit de Schümmel up de Hinnerbeine stahn un verwannelt sik in 'n Künigssuhn.[211]

41. Der Eisen-Ofen.

Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat, ward ein Prinz von einer alten Hexe verwünscht, daß er im Walde in einem großen Eisen-Ofen sitzen sollte. Da brachte er nun viele Jahre zu und konnte ihn niemand erlösen. Einmal kam eine Prinzessin in den Wald, die hatte sich irr gegangen und konnte ihres Vaters Königreich nicht wieder finden; neun Tage war sie so herum gegangen und stand zuletzt vor dem eisernen Kasten. Da fragte er sie: "wo kommst du her und wo willst du hin?" Sie antwortete: "ich habe[211] meines Vaters Königreich verloren und kann

nicht wieder nach Haus kommen". Da sprach's aus dem Eisen-Ofen: "ich will dir wieder nach Haus verhelfen in einer kurzen Zeit, wann du dich willst unterschreiben, zu thun, was ich verlange. Ich bin ein größerer Königssohn, als du eine Königstochter und will dich heirathen". Da erschrak sie und dachte: "lieber Gott, was soll ich mit dem Eisen-Ofen anfangen!" weil sie aber gern wieder zu ihrem Vater heim wollte, unterschrieb sie sich doch, zu thun, was er verlangte. Er sprach aber: "du sollst wiederkommen, ein Messer mitbringen und ein Loch in das Eisen schrappen;" dann gab er ihr jemand zum Gefährten, der ging nebenher und sprach nicht, er brachte sie aber in zwei Stunden nach Haus. Nun war große Freude am Schloß, als die Prinzessin wieder kam und der alte König fiel ihr um den Hals und küßte sie. Sie war aber sehr betrübt und sprach: "lieber Vater, wie mir's gegangen hat! ich wär' nicht wieder nach Haus gekommen aus dem großen wilden Walde, wann ich nicht wär' bei einem eisernen Ofen gekommen, dem habe ich mich müssen dafür unterschreiben, daß ich wollte wieder zu ihm zurückkehren, ihn erlösen und heirathen". Da erschrack der alte König so sehr, daß er beinahe in eine Ohnmacht gefallen wäre, denn er hatte nur die einige Tochter. Berathschlagten sich also, sie wollten die Müllerstochter, die schön wär', an[212] ihre Stelle nehmen, führten die hinaus, gaben ihr ein Messer und hießen sie an dem Eisen-Ofen schaben. Sie schrappte auch 24 Stund, konnte aber nicht das geringste herabbringen; wie nun der Tag anbrach, rief's in dem Eisen-Ofen: "mich däucht, 's ist Tag draußen!" Da antwortete sie: "das däucht mich auch, ich meint, ich hört meines Vaters Mühle rappeln". - "So bist du ja eine Müllerstochter, dann geh gleich hinaus und laß die Prinzessin herkommen". Da ging sie hin und sagte dem alten König, der draußen wollte sie nicht, er wollte seine Tochter. Da erschrak der alte König und die Prinzessin weinte; sie hatten aber noch eine schöne Schweinhirtstochter, die war noch schöner, als die Müllerstochter, der wollten sie ein Stück Geld geben, damit sie für die Prinzessin zum eisernen Ofen ging. Also ward sie hinausgebracht und mußte auch 24 Stund schrappen, sie bracht aber nichts davon. Wie nun der Tag anbrach, rief's im Ofen: "mich däucht, es ist Tag draußen!" Da antwortete sie: "das däucht mich auch, ich meint, ich hört meines Vaters Hörnchen tüten!" - "So bist du ja eine Schweinshirten-Tochter, dann geh gleich hinaus und laß die Prinzessin kommen. Und sag' ihr, es sollt' ihr wiederfahren, was ich ihr versprochen hätte, und wann sie nicht käme, sollte alles zerfallen und einstürzen und kein Stein auf dem andern bleiben". Als[213] die Prinzessin das hörte, fing sie an zu weinen, es war aber nun nicht anders, sie mußte ihr Versprechen halten. Da nahm sie

Abschied von ihrem Vater, steckte ein Messer ein und ging zu dem Eisen-Ofen hinaus. Wie sie nun angekommen war, hub sie an zu schrappen und das Eisen gab ihr nach und wie zwei Stunden vorbei waren, hatte sie schon ein kleines Loch geschabt. Da guckte sie hinein und sah einen so schönen Königssohn, ach! der glimmerte, daß er ihr recht in der Seele gefiel. Nun da schrappte sie noch weiter fort und machte das Loch so groß, daß er heraus konnte. Da sprach er: "du bist mein und ich bin dein, du bist meine Braut und hast mich erlöst". Sie bat sich aus, daß sie noch einmal dürfte zu ihrem Vater gehen und der Königssohn erlaubte es ihr, sie sollte aber nicht mehr mit ihrem Vater sprechen, als drei Worte und dann sollte sie wiederkommen. Also ging sie heim, sie sprach aber mehr als drei Worte, da verschwand alsbald der Eisen-Ofen und war weit weg über gläserne Berge und schneidende Schwerter; doch war der Prinz erlöst und nicht mehr darin eingeschlossen. Darnach nahm sie Abschied von ihrem Vater und etwas Geld mit, aber nicht viel, ging wieder in den großen Wald und suchte den Eisen-Ofen, allein der war nicht wieder zu finden. Neun Tage suchte sie, da ward ihr Hunger so groß, daß sie sich nicht zu helfen wußte, denn sie hatte nichts[214] mehr zu leben. Und wie es Abend wurde, setzte sie sich auf einen kleinen Baum und gedachte darauf die Nacht hinzubringen, weil sie sich vor den wilden Thieren fürchtete. Als nun Mitternacht heran kam, sah sie von ferne ein kleines Lichtchen, dacht sie, "ach! da wär' ich wohl erlöst", stieg vom Baum und ging dem Lichtchen nach, auf dem Weg aber betete sie. Da kam sie zu einem kleinen alten Häuschen, da war viel Gras um gewachsen und stand ein kleines Häufchen Holz davor. Dachte sie: "ach! wo kommst du hier hin;" guckte durch's Fenster hinein, so sah sie nichts darin, als dicke und kleine Itschen(Kröten), aber einen Tisch, schön gedeckt mit Wein und Braten, und Teller und Becher waren von Silber. Da nahm sie sich das Herz und klopfte an; alsbald rief die Dicke:

"Jungfer grün und klein,

Hutzelbein!

Hutzelbeins Hündchen

Hutzel hin und her!

Laß geschwind sehen, wer draußen wär."

Da kam eine kleine Itsche herbei gegangen und machte ihr auf; wie sie eintrat, hießen alle sie willkommen und sie mußte sich setzen. "Wo kommt ihr her? wo wollt ihr hin?" Da erzählte sie alles, wie es ihr gegangen wäre, und weil sie das Gebot übertreten, nicht mehr als drei Worte zu sprechen, wäre der Ofen weg sammt[215] dem Prinzen; nun

wollte sie so lange suchen und über Berg und Thal wandern, bis sie ihn fände, da sprach die alte Dicke:

"Jungfer grün und klein,

Hutzelbein!

Hutzelbeins Hündchen!

Hutzel hin und her!

bring mir die große Schachtel her!"

Da ging die kleine hin und brachte die Schachtel herbeigetragen, hernach gaben sie ihr Essen und Trinken und brachten sie zu einem schönen gemachten Bett, das war wie Seide und Sammet, da legt sie sich hinein und schlief in Gottes Namen. Als der Tag kam, stieg sie auf und gab ihr die alte Itsche drei Nadeln aus der großen Schachtel, die sollte sie mitnehmen; sie wür den ihr nöthig thun, denn sie müßte über einen hohen gläsernen Berg und über drei schneidende Schwerter und über ein großes Wasser, wann sie das durchsetzte, würde sie ihren Prinzen wiederkriegen. Nun gab sie hiermit drei Theile(Stücke), sie sollte sie recht in Acht nehmen, nämlich drei große Nadeln, ein Pflugrad und drei Nüsse. Hiermit reiste sie ab und wie sie vor den gläsernen Berg kam, der so glatt war, steckte sie die drei Nadeln als hinter die Füße und dann wieder vorwärts und gelangte so hinüber, und als sie hinüber war, steckte sie sie an einen Ort, den sie wohl in Acht nahm. Darnach kam sie vor die drei schneidenden[216] Schwerter, da stellte sie sich auf ihr Pflugrad und rollte hinüber. Endlich kam sie vor ein großes Wasser und wie sie übergefahren war, in ein großes schönes Schloß. Sie ging hinein und hielt um einen Dienst an, sie wär' eine arme Magd und wollte sich gern vermiethen; sie wußte aber, daß ihr Prinz drinne war, den sie erlöst hatte aus dem eisernen Ofen im großen Wald. Also ward sie angenommen zum Küchenmädchen für geringen Lohn. Nun hatte der Prinz schon wieder eine andere an der Seite, die wollte er heirathen, denn er dachte, sie wäre längst gestorben. Abends nun, wie sie aufgewaschen hatte und fertig war, fühlte sie in ihre Tasche und fand die drei Nüsse, welche ihr die alte Itsche gegeben hatte. Biß eine auf und wollte den Kern essen, siehe da war ein stolzes königliches Kleid drin. Wie's nun die Braut hörte, kam sie und hielt um das Kleid an und wollte es kaufen: "es wär' kein Kleid für eine Dienstmagd". Da sprach sie, ja sie wollt's nicht verkaufen, doch wann sie ihr einerlei(ein Ding) wollte erlauben, so sollte sie's haben, nämlich eine Nacht in der Kammer ihres Bräutigams zu schlafen. Die Braut erlaubt' es ihr, weil das Kleid so schön war und sie noch keins so hatte. Wie's nun Abend war, sagte sie zu ihrem Bräutigam: "das närrische Mädchen will in deiner Kammer

schlafen". "Wann du's zufrieden bist, sprach er, bin ich's auch". Sie[217] gab aber dem Mann ein Glas Wein, in das sie einen Schlaftrunk gethan hatte. Also gingen beide in die Kammer schlafen, und er schlief so fest, daß sie ihn nicht erwecken konnte. Sie weinte aber die ganze Nacht und rief: "ich hab' dich erlöst aus einem wilden Wald und aus einem eisernen Ofen, du hast mich erlöst und ich hab' dich erlöst durch ein verwünschtes Schloß, über einen gläsernen Berg, über drei schneidende Schwerter und über ein großes Wasser, ehe ich dich gefunden habe und willst mich doch nicht hören". Die Bedienten saßen vor der Stubenthüre und hörten wie sie so die ganze Nacht weinte und sagten's am Morgen ihrem Herrn. Und wie sie am anderen Abend aufgewaschen hatte, biß sie die zweite Nuß auf, da war noch ein weit schöneres Kleid drin, wie das die Braut sah, wollte sie es auch kaufen. Aber Geld wollte das Mädchen nicht und bat sich aus, daß es noch einmal in der Kammer des Bräutigams schlafen dürfte. Sie gab ihm aber wieder einen Schlaftrunk und er schlief so fest, daß er nichts hören konnte. Das Küchenmädchen weinte aber die ganze Nacht und rief: "ich hab' dich erlöst aus einem wilden Walde und aus einem eisernen Ofen, du hast mich erlöst und ich habe dich erlöst, durch ein verwünschtes Schloß, über einen gläsernen Berg, über drei schneidende Schwerter und über ein großes Wasser ehe ich dich gefunden habe und willst mich doch[218] nicht hören". Die Bedienten saßen vor der Stubenthüre und hörten, wie sie so die ganze Nacht weinte und sagten's am Morgen ihrem Herrn. Und wie sie am dritten Abend aufgewaschen hatte, biß sie die dritte Nuß auf, da war ein noch schöneres Kleid darin, das starrte von purem Gold. Wie die Braut das sah, wollte sie es haben, das Mädchen aber gab es nur hin, wenn sie zum drittenmal dürfte in der Kammer des Bräutigams schlafen. Der Prinz aber hütete sich und ließ den Schlaftrunk vorbeilaufen; wie sie nun anfing zu weinen und zu rufen: "liebster Schatz, ich habe dich erlöst aus dem grausamen, wilden Walde und aus einem eisernen Ofen, du hast mich erlöst und ich habe dich erlöst;" so sprang der Prinz auf und sprach: "du bist mein und ich bin dein". Darauf setzte er sich noch in der Nacht mit ihr in einen Wagen und der falschen Braut nahmen sie die Kleider weg, daß sie nicht aufstehen konnte. Als sie zu dem großen Wasser kamen, da schifften sie hinüber, und vor die drei schneidende Schwerter, da setzten sie sich aufs Pflugrad, und vor den gläsernen Berg, da steckten sie die drei Nadeln hinein; und so gelangten sie endlich zu dem alten kleinen Häuschen, aber wie sie hineintraten, war's ein großes Schloß, die Itschen waren alle erlöst und lauter Prinzen und Prinzessinnen und waren in voller Freude. Da ward Vermählung gehalten und sie blieben[219] in dem Schloß, das war viel

größer, als ihres Vaters Schloß. Weil aber der Alte jammerte, daß er allein bleiben sollte, so fuhren sie weg und holten ihn zu sich und hatten zwei Königreiche und lebten in gutem Ehestand.[220]

42. Die faule Spinnerin.

Auf einem Dorfe lebte ein Mann und eine Frau, und die Frau war so faul, daß sie immer nichts arbeiten wollte und was ihr der Mann zu spinnen gab, das spann sie nicht fertig und was sie auch spann, haspelte sie nicht, sondern ließ alles auf dem Klauel gewickelt liegen. Schalt sie nun der Mann, so war sie mit ihrem Maul doch vornen und sprach: "ei, wie sollt' ich haspeln, da ich keinen Haspel habe, geh du erst in den Wald und schaff' mir einen". "Wenn's daran liegt, sagte der Mann, so will ich in den Wald gehen und Haspelholz holen. Da fürchtete sich die Frau, wenn er das Holz hätte, daß er daraus einen Haspel machte und sie da abhaspeln und dann frisch spinnen müßte. Sie besann sich ein Bischen, da kam ihr ein guter Einfall und sie lief dem Manne heimlich nach in den Wald. Wie er nun auf einen Baum gestiegen war, das Holz auszulesen und zu hauen, schlich sie darunter in[220] das Gebüsch, wo er sie nicht sehen könnte und rief hinauf:

›wer Haspelholz haut, der stirbt,

wer da haspelt, der verdirbt!‹"

Der Mann horchte auf, legte die Axt eine Weile nieder und dachte nach, was das wohl zu bedeuten habe. "Ei was, sprach er endlich, was wird's gewesen seyn, es hat dir in den Ohren geklungen, mach dir keine unnöthige Furcht;" also ergriff er die Axt von neuem und wollte zuhauen, da rief's wieder unten:

"wer Haspelholz haut, der stirbt,

wer da haspelt, der verdirbt!"

Er hielt ein, kriegte Angst und Bang und sann dem Ding nach; wie aber ein Weilchen vorbei war, kam ihm das Herz wieder und er langte zum drittenmal nach der Axt und wollte zuhauen. Aber zum drittenmal rief's und sprach's laut:

"wer Haspelholz haut, der stirbt,

wer da haspelt, der verdirbt!"

Da hatte er's genug und alle Lust war ihm vergangen, so daß er eilends den Baum herunterstieg und sich auf den Heimweg machte. Die Frau lief, was sie konnte, auf Nebenwegen, damit sie eher nach Haus käme; wie er nun in die Stube trat, that sie unschuldig, als wäre nichts

vorgefallen und sagte: "nun bringst du ein gutes Haspelholz?"[221] "Nein, sprach er, ich sehe wohl, es geht mit dem Haspeln nicht", erzählte ihr, was ihm im Walde begegnet war, und ließ sie von nun an damit in Ruhe.

Bald hernach fing der Mann doch wieder an sich über die Unordnung im Hause zu ärgern und es lief bei ihm über: "Frau, sagte er, es ist doch eine Schande, daß das gesponnene Garn da auf dem Klauel liegen bleibt". "Weißt du was, sprach sie, weil wir doch zu keinem Haspel kommen, so stell dich auf den Boden und ich steh unten, da will ich dir den Klauel hinaufwerfen und du wirfst ihn herunter, so gibt's doch einen Strang". "Ja, das geht, sagte der Mann;" also thaten sie das und wie sie fertig waren, sprach er: "das Garn ist nun gesträngt, nun muß es auch gekocht werden". Der Frau ward wieder Angst; sie sprach zwar: "ja, wir wollen's gleich morgenfrüh kochen", dachte aber bei sich auf einen neuen Streich. Frühmorgens stand sie auf, machte Feuer an, und stellte den Kessel bei, allein statt des Garns legte sie einen Klumpen Werg hinein und ließ es so zukochen. Darauf ging sie zum Manne, der noch im Bette lag, und sprach zu ihm: "ich muß einmal ausgehen, steh derweil auf und sieh nach dem Garn, das im Kessel über'm Feuer steht, aber du mußt's bei Zeit thun, gib wohl Acht, denn wo der Hahn kräht und du sähest nicht nach, wird das Garn zu Werg."[222] Der Mann war bei der Hand und wollte nichts versäumen, also stand er eilend auf, so schnell er konnte und ging in die Küche; wie er aber zum Kessel kam und hinein sah, da erblickte er mit Schrecken nichts als einen Klumpen Werg. Da schwieg er mäuschenstill, dachte, er hätt's versehen und wär' Schuld daran und ließ in Zukunft die Frau mit Garn und Spinnen immer zufrieden.[223]

43. Der Löwe und der Frosch.

Es war ein König und eine Königin, die hatten einen Sohn und eine Tochter, die hatten sich herzlich lieb. Der Prinz ging oft auf die Jagd und blieb manchmal lange Zeit draußen im Wald, einmal aber kam er gar nicht wieder. Darüber weinte sich seine Schwester fast blind, endlich, wie sie's nicht länger aushalten konnte, ging sie fort in den Wald und wollte ihren Bruder suchen. Als sie nun lange Wege gegangen war, konnte sie vor Müdigkeit nicht weiter und wie sie sich umsah, da stand ein Löwe neben ihr, der that ganz freundlich und sah so gut aus. Da setzte sie sich auf seinen Rücken und der Löwe trug sie fort und streichelte sie immer mit seinem Schwanze und kühlte ihr die Backen. Als er[223] nun ein gut Stück fortgelaufen war, kamen sie vor eine

Höhle, da trug sie der Löwe hinein und sie fürchtete sich nicht und wollte auch nicht herabspringen, weil der Löwe so freundlich war. Also ging's durch die Höhle, die immer dunkler war und endlich ganz stockfinster, und als das ein Weilchen gedauert hatte, kamen sie wieder an das Tagslicht in einen wunderschönen Garten. Da war alles so frisch und glänzte in der Sonne, und mittendrin stand ein prächtiger Pallast. Wie sie an's Thor kamen, hielt der Löwe und die Prinzessin stieg von seinem Rücken herunter. Da fing der Löwe an zu sprechen und sagte: "in dem schönen Haus sollst du wohnen und mir dienen, und wenn du alles erfüllst was ich fordere, so wirst du deinen Bruder wiedersehen."

Da diente die Prinzessin dem Löwen und gehorchte ihm in allen Stücken. Einmal ging sie in dem Garten spatziren, darin war es so schön und doch war sie traurig, weil sie so allein und von aller Welt verlassen war. Wie sie so auf und ab ging, ward sie einen Teich gewahr und auf der Mitte des Teichs war eine kleine Insel mit einem Zelt. Da sah sie, daß unter dem Zelt ein grasgrüner Laubfrosch saß und hatte ein Rosenblatt auf dem Kopf statt einer Haube. Der Frosch guckte sie an und sprach: "warum bist du so traurig?" "Ach, sagte sie, warum sollte ich nicht traurig seyn?" und klagte ihm da recht ihre[224] Noth. Da sprach der Frosch ganz freundlich: "wenn du was brauchst, so komm nur zu mir, so will ich dir mit Rath und That zur Hand gehen". "Wie soll ich dir das aber vergelten?" "Du brauchst mir nichts zu vergelten, sprach der Quackfrosch, bring mir nur alle Tage ein frisches Rosenblatt zur Haube". Da ging nun die Prinzessin wieder zurück und war ein Bischen getröstet und so oft der Löwe etwas verlangte, lief sie zum Teich, da sprang der Frosch herüber und hinüber und hatte ihr bald herbeigeschafft, was sie brauchte. Auf eine Zeit sagte der Löwe: "heut Abend äß ich gern eine Mückenpastete, sie muß aber gut zubereitet seyn". Da dachte die Prinzessin, wie soll ich die herbei schaffen, das ist mir ganz unmöglich, lief hinaus und klagte es ihrem Frosch. Der Frosch aber sprach: "mach dir keine Sorgen, eine Mückenpastete will ich schon herbeischaffen". Darauf setzte er sich hin, sperrte rechts und links das Maul auf, schnappte zu und fing Mücken, so viel er brauchte. Darauf hüpfte er hin und her, trug Holzspäne zusammen und blies ein Feuer an. Wie's brannte, knetete er die Pastete und setzte sie über Kohlen, und es währte keine zwei Stunden, so war sie fertig und so gut als einer nur wünschen konnte. Da sprach er zu dem Mädchen: "die Pastete kriegst du aber nicht eher, als bis du mir versprichst, dem Löwen, sobald er eingeschlafen ist, den Kopf abzuschlagen[225] mit einem Schwert, das hinter seinem Lager verborgen ist". "Nein, sagte sie, das thue ich nicht, der Löwe ist doch immer gut gegen mich gewesen". Da sprach der Frosch: "wenn du das

nicht thust, wirst du nimmermehr deinen Bruder wiedersehen, und dem Löwen selber thust du auch kein Leid damit an". Da faßte sie Muth, nahm die Pastete und brachte sie dem Löwen. "Die sieht ja recht gut aus", sagte der Löwe, schnupperte daran und fing gleich an einzubeißen, aß sie auch ganz auf. Wie er nun fertig war, fühlte er eine Müdigkeit und wollte ein wenig schlafen; also sprach er zur Prinzessin: "komm und setz dich neben mich und krau mir ein Bischen hinter den Ohren, bis ich eingeschlafen bin". Da setzt sie sich neben ihn, kraut ihn mit der Linken und sucht mit der Rechten nach dem Schwert, welches hinter seinem Bette liegt. Wie er nun eingeschlafen ist, so zieht sie es hervor, drückt die Augen zu und haut mit einem Streich dem Löwen den Kopf ab. Wie sie aber wieder hinblickt, da war der Löwe verschwunden und ihr lieber Bruder stand neben ihr, der küßte sie herzlich und sprach: "du hast mich erlöst, denn ich war der Löwe und war verwünscht es so lang zu bleiben, bis eine Mädchenhand aus Liebe zu mir dem Löwen den Kopf abhauen würde". Darauf gingen sie miteinander in den Garten und wollten dem Frosch danken, wie sie aber ankamen, sahen sie, wie er nach allen Seiten herumhüpfte[226] und kleine Späne suchte und ein Feuer anmachte. Als es nun recht hell brannte, hüpfte er selber hinein und da brennt's noch ein Bischen und dann geht das Feuer aus, und steht ein schönes Mädchen da, das war auch verwünscht worden und die Liebste des Prinzen. Da ziehen sie miteinander heim zu dem alten König und der Frau Königin und wird eine große Hochzeit gehalten und wer dabei gewesen, der ist nicht hungrig nach Haus gegangen.[227]

44. Der Soldat und der Schreiner.

Es wohnten in einer Stadt zwei Tischler, deren Häuser stießen aneinander und jeder hatte einen Sohn; die Kinder waren immer beisammen, spielten miteinander und hießen darum das Messerchen und Gäbelchen, die auch immer nebeneinander auf den Tisch gelegt werden. Als sie nun beide groß waren, wollten sie auch von einander nicht weichen, der eine war aber muthig und der andere furchtsam, da ward der eine Soldat, der andere lernte das Handwerk. Wie die Zeit kam, daß dieser wandern mußte, wollt' ihn der Soldat nicht verlassen und gingen sie zusammen aus. Sie kamen nun in eine Stadt, wo der Tischler bei einem Meister in die Arbeit[227] ging, der Soldat wollte da auch bleiben und verdingte sich bei demselben Meister als Hausknecht. Das wär' gut gewesen, aber der Soldat hatte keine Lust am Arbeiten, lag auf der Bärenhaut und es dauerte nicht lang, so wurde er vom Meister weggeschickt; der fleißige wollt' ihn aus Treue nun nicht allein lassen,

sagte dem Meister auf und zog mit ihm weiter. So ging's aber immer fort; hatten sie Arbeit, so dauerte es nicht lang, weil der Soldat faul war und fortgeschickt wurde, der andere aber ohne ihn nicht bleiben wollte. Einmal kamen sie in eine große Stadt, weil aber der Soldat keine Hand regen wollte, ward er am Abend schon verabschiedet und sie mußten dieselbe Nacht wieder hinaus. Da führte sie der Weg vor einen unbekannten großen Wald; der Furchtsame sprach: "ich geh' nicht hinein, darin springen Hexen und Gespenster herum". Der Soldat aber antwortete: "ei was! davor fürcht' ich mich noch nicht!" ging voran, und der Furchtsame, weil er doch nicht von ihm lassen wollte, ging mit. In kurzer Zeit hatten sie den Weg verloren und irrten in der Dunkelheit durch die Bäume, endlich sahen sie ein Licht. Das suchten sie auf und kamen zu einem schönen Schloß, das hell erleuchtet war, und haußen lag ein schwarzer Hund und auf einem Teich neben saß ein rother Schwan; als sie aber hineintraten, sahen sie nirgends einen Menschen, bis sie in die Küche kamen, da saß noch[228] eine graue Katze bei einem Topf am Feuer und kochte. Sie gingen weiter und fanden viele prächtige Zimmer, die waren alle leer, in einem aber stand ein Tisch mit Essen und Trinken reichlich besetzt. Weil sie nun großen Hunger hatten, machten sie sich daran und ließen sich's gut schmecken. Darnach sprach der Soldat: "wenn du gegessen hast und satt worden bist, sollst du schlafen gehen!" machte eine Kammer auf, darin standen zwei schöne Betten. Sie legten sich, aber als sie eben einschlafen wollten, fiel dem Furchtsamen ein, daß sie noch nicht gebetet hätten, da stand er auf und sah in der Wand einen Schrank, den schloß er auf und war da ein Crucifix mit zwei Gebetbüchern dabei. Gleich weckte er den Soldaten, daß er aufstehen mußte und sie knieten beide nieder und thaten ihr Gebet; darnach schliefen sie ruhig ein. Am andern Morgen kriegte der Soldat einen heftigen Stoß, daß er in die Höhe fuhr: "du, was schlägst du mich" rief er dem andern zu, der aber hatte auch einen Stoß gekriegt und sprach: "was stößt du mich, ich stoß dich nicht!" Da sagte der Soldat: "es wird wohl ein Zeichen seyn, daß wir hervor sollen". Wie sie nun herauskamen, stand schon ein Frühstück auf dem Tisch, der Furchtsame sprach aber: "eh' wir es anrühren, wollen wir erst nach einem Menschen suchen". "Ja, sagte der Soldat, ich mein' auch immer, die[229] Katze hätt's gekocht und eingebrockt, da vergeht mir alle Lust."

Sie gingen also wieder von unten bis oben durch's Schloß, fanden aber keine Seele, endlich sagte der Soldat: "wir wollen auch in den Keller steigen". Wie sie die Treppe herunter waren, sahen sie vor dem ersten Keller eine alte Frau sitzen; sie redeten sie an und sprachen: "guten Tag! hat sie uns das gute Essen gekocht?" - "Ja, Kinder, hat's euch

geschmeckt?" Da gingen sie weiter und kamen zum zweiten Keller, davor saß ein Jüngling von 14 Jahren, den grüßten sie auch, er gab ihnen aber keine Antwort. Endlich kamen sie in den dritten Keller, davor saß ein Mädchen von zwölf Jahren, das antwortete ihnen auch nicht auf ihren Gruß. Sie gingen noch weiter durch alle Keller, fanden aber weiter niemand. Wie sie nun wieder zurückkamen, war das Mädchen von seinem Sitz aufgestanden, da sagten sie zu ihm: "willst du mit uns hinaufgehen?" Es sprach aber: "ist der rothe Schwan noch oben auf dem Teich?" - "Ja, wir haben ihn beim Eingang gesehen". - "Das ist traurig, so kann ich nicht mitgehen". Der Jüngling war auch aufgestanden und als sie zu ihm kamen, fragten sie ihn: "willst du mit uns hinauf gehen?" Er aber sprach: "ist der schwarze Hund noch auf dem Hof?" - "Ja, wir haben ihn beim Eingang gesehen". - "Das ist traurig, so kann[230] ich nicht mit euch gehen". Als sie zu der alten Frau kamen, hatte sie sich auch aufgerichtet: "Mütterchen, sprachen sie, wollt ihr mit uns hinaufgehen?" - "Ist die graue Katze noch oben in der Küche?" - "Ja, sie sitzt auf dem Heerd bei einem Topf und kocht". - "Das ist traurig, eh ihr nicht den rothen Schwan, den schwarzen Hund und die graue Katze tödtet, können wir nicht aus dem Keller heraus."

Als die zwei Gesellen wieder oben in die Küche kamen, wollten sie die Katze streicheln, sie machte aber feurige Augen und sah ganz wild aus. Nun war noch eine kleine Kammer übrig, in der sie nicht gewesen waren, wie sie die aufmachten, war sie ganz leer, nur an der Wand ein Bogen und Pfeil, ein Schwert und eine Eisen-Zange. Ueber Bogen und Pfeil standen die Worte: "das tödtet den rothen Schwan", über dem Schwert: "das haut dem schwarzen Hund den Kopf herunter", und über der Zange: "das kneift der grauen Katze den Kopf ab". "Ach, sagte der Furchtsame, wir wollen fort von hier", der Soldat aber: "nein, wir wollen die Thiere aufsuchen". Sie nahmen die Waffen von der Wand und gingen in die Küche, da standen die drei Thiere, der Schwan, der Hund und die Katze beisammen, als hätten sie was Böses vor. Wie der Furchtsame das sah, lief er wieder fort; der Soldat sprach ihm ein Herz ein, er hingegen wollte erst etwas essen; wie er[231] gegessen hatte, sagte er: "in einem Zimmer hab' ich Harnische gesehen, da will ich einen zuvor anlegen". Als er in dem Zimmer war, wollt' er sich forthelfen und sprach: "es ist besser, wir steigen zum Fenster hinaus, was kümmern uns die Thiere!" Wie er aber zum Fenster trat, war ein stark Eisen-Gitter davor. Nun konnt' er's nicht länger verreden, ging zu den Harnischen und wollte einen anziehen, aber sie waren alle zu schwer. Da sagte der Soldat: "ei was, laß uns so gehen, wie wir sind". "Ja, sprach der andere, wenn unser noch drei wären". Wie er die Worte sprach, da flatterte eine weiße Taube

außen an's Fenster und stieß daran, der Soldat machte ihr auf und wie sie herein war, stand ein schöner Jüngling vor ihnen, der sprach: "ich will bei euch seyn und euch helfen" und nahm Bogen und Pfeil. Der Furchtsame sprach zu ihm, er hätt's am besten, mit dem Bogen und Pfeil, nach dem Schuß wär's gut und er könnte hingehen, wohin er Lust hätte, sie aber müßten mit ihren Waffen den Zauber-Thieren näher auf den Leib. Da gab der Jüngling ihm den Bogen und Pfeil und nahm das Schwert.

Da gingen alle drei zur Küche, wo die Thiere noch beisammen standen, und der Jüngling hieb dem schwarzen Hund den Kopf ab, und der Soldat packte die graue Katze mit der Zange und der Furchtsame stand hinten und schoß den rothen[232] Schwan todt. Und wie die drei Thiere niederfielen, in dem Augenblick kam die Alte und ihre zwei Kinder mit großem Geschrei aus dem Keller gelaufen: "ihr habt meine liebsten Freunde getödtet, ihr seyd Verräther", drangen auf sie und wollten sie ermorden. Aber die drei überwältigten sie und tödteten sie mit ihren Waffen und wie sie todt waren, fing auf einmal ein wunderliches Gemurmel rings herum an und kam aus allen Ecken. Der Furchtsame sprach: "wir wollen die drei Leichen begraben, es waren doch Christen, das haben wir am Crucifix gesehen". Sie trugen sie also hinaus auf den Hof, machten drei Gräber und legten sie hinein. Während der Arbeit nahm aber das Gemurmel im Schloß immer zu, ward immer lauter und wie sie fertig waren, hörten sie ordentlich Stimmen darin und einer rief: "wo sind sie? wo sind sie?" Und weil der schöne Jüngling nicht mehr da war, ward ihnen Angst und sie liefen fort. Als sie ein wenig weg waren, sagte der Soldat: "ei, das ist Unrecht, daß wir so fortgelaufen sind, wir wollen umkehren und sehen, was dort ist". "Nein, sagte der andere, ich will mit dem Zauberwesen nichts zu thun haben und mein ehrliches Auskommen in der Stadt suchen". Aber der Soldat ließ ihm keine Ruhe, bis er mit ihm zurückging. Wie sie vor's Schloß kamen, war alles voll Leben, Pferde sprangen durch den Hof und Bediente liefen hin und her.[233] Da gaben sie sich für zwei arme Handwerker aus und baten um ein wenig Essen. Einer aus dem Haufen sprach: "ja, kommt nur herein, heut wird allen Gutes gethan". Sie wurden in ein schönes Zimmer geführt und ward ihnen Speise und Wein gegeben. Darnach wurden sie gefragt, ob sie nicht zwei junge Leute von der Burg hätten kommen sehen. "Nein", sagten sie. Als aber einer sah, daß sie Blut an den Händen hatten, fragte er, woher das Blut käme? Da sprach der Soldat: "ich habe mich in den Finger geschnitten". Der Diener aber sagte es dem Herrn, der kam selber und wollt' es sehen, es war aber der schöne Jüngling, der ihnen beigestanden hatte und wie er sie mit Augen sah, rief er: "das sind sie,

die das Schloß errettet haben!" Da empfing er sie mit Freuden und erzählte, wie es zugegangen wäre: "Im Schloß war eine Haushälterin mit ihren zwei Kindern, die war eine heimliche Hexe und als sie einmal von der Herrschaft gescholten wurde, gerieth sie in Bosheit und verwandelte alles, was Leben hatte im Schloß, zu Steinen, nur über drei andere böse Hofbediente, die auch Zauberei verstanden, hatte sie keine rechte Gewalt und konnte sie nur in Thiere verwandeln, die nun oben im Schloß ihr Wesen trieben, dabei fürchtete sie sich vor ihnen und flüchtete mit ihren Kindern in den Keller. Auch über mich hatte sie nur soviel Gewalt gehabt, daß sie mich in eine[234] weiße Taube außerhalb des Schlosses verwandeln konnte. Wie ihr zwei in's Schloß kamt, da solltet ihr die Thiere tödten, damit sie frei würde und zum Lohn wollte sie euch wieder umbringen, aber Gott hat es besser gemacht, das Schloß ist erlöst und die Steine sind wieder lebendig geworden in dem Augenblick, wo die gottlose Hexe mit ihren Kindern getödtet wurde und das Gemurmel, das ihr gehört, das waren die ersten Worte, welche die frei gewordenen sprachen". Darauf führte er die zwei Gesellen zu dem Hausherrn, der hatte zwei schöne Töchter, die wurden ihnen gegeben, und sie lebten vergnügt ihr Lebelang, als große Ritter.[235]

45. Die schöne Katrinelje und Pif, Paf, Poltrie.

"Guten Tag, Vater Hollenthe!" - "Großen Dank, Pif, Paf, Poltrie!" - "Könnt ich wohl eure Tochter kriegen?" - "O ja, wenns die Mutter Malcho(Melk-Kuh), der Bruder Hohenstolz, die Schwester Käsetraut und die schöne Katrinelje will, so kanns geschehen."

"Wo ist dann die Mutter Malcho?"

"Sie ist im Stall und melkt die Kuh."

"Guten Tag, Mutter Malcho!" - "Großen Dank, Pif, Paf, Poltrie!" -[235] "Könnt ich wohl eure Tochter kriegen?" - "O ja, wenns der Vater Hollenthe, der Bruder Hohenstolz, die Schwester Käsetraut und die schöne Katrinelje will, so kanns geschehen."

"Wo ist dann der Bruder Hohenstolz?"

"Er ist in der Kammer und hackt das Holz."

"Guten Tag, Bruder Hohenstolz!" - "Großen Dank, Pif, Paf, Poltrie!" - "Könnt' ich wohl eure Schwester kriegen?" - "O ja, wenns der Vater Hollenthe, die Mutter Malcho, die Schwester Käsetraut und die schöne Katrinelje will, so kanns geschehen."

"Wo ist dann die Schwester Käsetraut?"

"Sie ist im Garten und schneidet das Kraut."

"Guten Tag, Schwester Käsetraut!" - "Großen Dank, Pif, Paf, Poltrie!" - "Könnt' ich wohl eure Schwester kriegen?" "O ja, wenn der Vater Hollenthe, die Mutter Malcho, der Bruder Hohenstolz und die schöne Katrinelje will, so kanns geschehen."

"Wo ist dann die schöne Katrinelje?"

"Sie ist in der Kammer und zählt ihre Pfennige."

"Guten Tag, schöne Katrinelje!" - "Großen Dank, Pif, Paf, Poltrie!" - "Willst du wohl mein Schatz seyn?" - "O ja wenns der Vater Hollenthe, die Mutter Malcho,[236] der Bruder Hohenstolz, die Schwester Käsetraut es will, so kanns geschehen."

"Schön Katrinelje, wie viel hast du an Brautschatz?" - "Vierzehn Pfennige baares Geld, drittehalb Groschen Schuld, ein halb Pfund Hutzeln, eine Hand voll Prutzeln, eine Hand voll Wurzeln,

un so der watt:

is dat nig en guden Brudschatt?"

"Pif, Paf, Poltrie, was kannst du für ein Handwerk? bist du ein Schneider?" - "Noch viel besser!" - "Ein Schuster?" - "Noch viel besser!" - "Ein Ackersmann?" - "Noch viel besser!" - "Ein Schreiner?" - "Noch viel besser!" - "Ein Schmidt?" - "Noch viel besser!" - "Ein Müller?" - "Noch viel besser!" - "Vielleicht ein Besenbinder?" - "Ja! ist das nicht ein schönes Handwerk?"[237]

46. Der Fuchs und das Pferd.

Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden, und konnte keine Dienste mehr thun, da wollt ihm sein Herr nichts mehr zu fressen geben und sprach: "brauchen kann ich dich[237] freilich nicht mehr, indeß zeigst du dich noch so stark, daß du mir einen Löwen hierher bringst, so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich fort aus meinem Stall;" und jagte es damit weit ins Feld. Das Pferd war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor dem Wetter zu suchen; da begegnete ihm der Fuchs und sprach: "was hängst du so den Kopf und gehst so einsam herum?" - "Ach, sagte das Pferd, Geitz und Treue wohnen nicht in einem Haus, mein Herr hat vergessen, was ich ihm alles in so vielen Jahren gethan habe, und weil ich nicht recht mehr ackern kann, will er mir kein Futter mehr geben und hat mich fortgejagt; er hat zwar gesagt, wenn ich so stark wäre, daß ich ihm einen Löwen brächte, wollt er mich behalten, aber er weiß wohl, daß ich das nicht kann". Der

Fuchs sprach: "da will ich dir helfen, leg dich nur hin, streck dich aus und reg dich nicht, als wärst du todt". Das Pferd that, was der Fuchs verlangte, der Fuchs aber ging zum Löwen, der seine Höhle nicht weit davon hatte und sprach: "da draußen liegt ein todtes Pferd, komm doch mit hinaus, da kannst du eine fette Mahlzeit halten". Der Löwe ging mit; wie sie bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs: "hier hast du's doch nicht nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? ich wills mit dem Schweif an dich binden, da kannst du's in deine Höhle ziehen und in aller[238] Ruhe verzehren". Dem Löwen gefiel der Rath und er stellte sich hin, damit ihm der Fuchs das Pferd anknüpfen könne, hielt auch fein still. Der Fuchs aber band mit des Pferdes Schweif dem Löwen die Beine zusammen, und drehte und schnürte alles so wohl und stark, daß es mit keiner Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein Werk vollendet hatte, klopfte er dem Pferd auf die Schultern und sprach: "zieh, Schimmel, zieh!" Da sprang das Pferd mit einmal auf, und zog den Löwen mit sich fort; der Löwe fing an zu brüllen, daß die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken aufflogen, aber das Pferd ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über das Feld vor seines Herrn Thür. Wie der Herr das sah, besann er sich eines bessern und sprach zu dem Pferd: "Du sollst bei mir bleiben und es gut haben", und gab ihm satt zu fressen bis es starb.[239]

47. Die zertanzten Schuhe.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere, die hatten ihre zwölf Betten zusammen in einem Saal, und wann sie waren schlafen gegangen, wurde die Thüre verschlossen und verriegelt, und[239] doch waren jeden Morgen ihre Schuhe zertanzt und wußte niemand, wo sie gewesen und wie es zugegangen war. Da ließ der König ausrufen, wers könnte ausfindig machen, wo sie in der Nacht tanzten, der sollte sich eine davon zur Frau wählen und nach seinem Tod König seyn; wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächten nicht herausbrächte, der hätte sein Leben verwirkt. Es kam bald ein Königssohn, der ward wohl aufgenommen, und Abends in das Zimmer geführt, das vor dem Schlafsaal der zwölf Töchter war, da stand sein Bett und da sollte er Acht haben, wo sie hingingen und tanzten; und damit sie nichts heimlich treiben konnten oder zu einem andern Ort hinaus gingen, war auch die Saalthüre offen gelassen. Der Königssohn aber schlief ein und als er am Morgen aufwachte, waren alle zwölfe zum Tanz gewesen, denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen. Den zweiten und dritten Abend gings eben so und da ward ihm sein Haupt abgeschlagen; und so kamen noch viele und meldeten sich

zu dem Wagestück, sie mußten aber alle ihr Leben lassen. Nun trug sichs zu, daß ein armer Soldat, der eine Wunde hatte und nicht mehr dienen konnte, nach der Stadt zuging, wo der König wohnte. Da begegnete ihm eine alte Frau, die fragte ihn, wo er hin wollte. "Ich weiß selber nicht recht, sprach er, aber ich hätte wohl Lust König zu werden[240] und auszumachen, wo die Königstöchter ihre Schuhe vertanzten". "Ei, sagte die Alte, das ist so schwer nicht, du mußt nur den Wein nicht trinken, den dir die eine Abends bringt, und mußt thun, als wärst du fest eingeschlafen". Darauf gab sie ihm ein Mäntelchen und sprach: "wenn du das umhängst, so bist du unsichtbar und kannst den Zwölfen dann nachschleichen". Wie der Soldat so guten Rath bekommen hatte, wards Ernst bei ihm, so daß er sich ein Herz faßte, vor den König ging, und sich als Freier meldete. Er ward so gut aufgenommen wie die andern auch, und wurden ihm königliche Kleider angethan. Abends zur Schlafenszeit wurde er in das Vorzimmer geführt, und als er zu Bette gehen wollte, kam die älteste und brachte ihm einen Becher Wein, aber er schüttete ihn heimlich aus, legte sich nieder, und als er ein Weilchen gelegen hatte fing er an zu schnarchen, wie im tiefsten Schlaf. Das hörten die zwölf Königstöchter, lachten, und die älteste sprach: "der hätte auch sein Leben sparen können!" Darnach standen sie auf, öffneten Schränke, Kisten und Kasten, und holten prächtige Kleider heraus, putzten sich vor den Spiegeln, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz. Nur die jüngste sagte: "ich weiß nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wunderlich zu Muthe, gewiß widerfährt uns ein Unglück". - "Du Schneegans, sagte die älteste, du fürchtest[241] dich immer, hast du vergessen, wie viel Königssöhne schon umsonst da gewesen sind; dem Soldaten hätt' ich nicht einmal brauchen einen Schlaftrunk zu geben, er wär' doch nicht aufgewacht". Wie sie alle fertig waren, kamen sie erst zu dem Soldaten, aber der rührte und regte sich nicht, und wie sie nun glaubten, ganz sicher zu seyn, so ging die älteste an ihr Bett und klopfte daran; alsbald sank es in die Erde und öffnete sich eine Fallthür. Da sah der Soldat, wie sie hinunter stiegen, eine nach der andern, die älteste voran, also daß keine Zeit für ihn zu verlieren war, er sich aufrichtete, sein Mäntelchen umhing, und hinter der jüngsten mit hinab stieg. Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig aufs Kleid; da erschrack sie und rief: "es ist nicht richtig, es hält mich was am Kleid". "Stell dich nicht so einfältig, sagte die älteste, du bist an einem Haken hängen geblieben". Da gingen sie vollends hinab, und wie sie unten waren, standen sie in einem wunderprächtigen Baumgang, da waren alle Blätter von Silber, und schimmerten und glänzten. Der Soldat dachte du willst dir ein Wahrzeichen mit nehmen, und brach einen Zweig davon ab, da kam ein

gewaltiger Knall aus dem Baume. Die jüngste rief wieder: "es ist nicht richtig, habt ihr den Knall gehört, das ist noch nie hier geschehen". Die älteste aber sprach: "das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst[242] haben!" Sie kamen darauf in einen Baumgang, wo alle Blätter von Gold, und endlich in einen dritten, wo sie klarer Demant waren; von beiden brach er einen Zweig ab, wobei es jedesmal knallte, daß die jüngste vor Schrecken zusammen fuhr, aber die älteste blieb dabei, es wären Freudenschüsse. Da gingen sie weiter bis zu einem großen Wasser, darauf standen zwölf Schifflein, und in jedem Schifflein saß ein schöner Prinz, die hatten auf die zwölfe gewartet, und jeder nahm eine zu sich, der Soldat aber setzte sich mit der jüngsten ein, da sprach der Prinz: "ich bin doch so stark als sonst, aber heute ist das Schiff viel schwerer, und ich muß rudern, was ich kann". - "Wovon sollt' das kommen, sprach die jüngste, als vom warmen Wetter, es ist mir auch so heiß zu Muth". Jenseits des Wassers aber stand ein schönes hellleuchtendes Schloß, woraus eine lustige Musik erschallte von Pauken und Trompeten; da hinüber ruderten sie, gingen ein, und jeder Prinz tanzte mit seiner Prinzessin; der Soldat aber tanzte unsichtbar mit, und wenn eine einen Becher mit Wein hielt, so trank er ihn aus, daß er leer war, wenn sie ihn an den Mund brachte; und der jüngsten ward auch Angst darüber, aber die älteste brachte sie immer zum Schweigen. Sie tanzten da bis drei Uhr am andern Morgen, wo alle Schuhe durchgetanzt waren, und sie aufhören mußten. Die Prinzen fuhren sie über das[243] Wasser wieder hinüber, und der Soldat setzte sich diesmal vornen hin zur ältesten; am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen Abschied und versprachen in der folgenden Nacht wieder zu kommen. Als sie an der Treppe waren, lief der Soldat voraus, legte sich ins Bett, und als die Zwölf langsam und müd' herauf getrippelt kamen, schnarchte er schon wieder laut, so daß sie sprachen: "nun vor dem sind wir sicher". Da thaten sie ihre schönen Kleider aus, hoben sie auf, stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich nieder. Am andern Morgen wollte der Soldat nichts sagen, sondern das wunderliche Wesen noch mehr ansehen, und ging die zweite und die dritte Nacht wieder mit, und da war alles, wie das erstemal, und sie tanzten jedesmal bis die Schuhe entzwei waren; nur das drittemal nahm er noch einen Becher mit zum Wahrzeichen. Zu der Stunde nun, wo er antworten sollte, nahm er die drei Zweige und den Becher, und ging vor den König, und die Zwölfe standen hinter der Thüre und horchten, was er sagen würde. Wie der König nun fragte: "wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?" antwortete er: "mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloß", und erzählte alles und holte die Wahrzeichen

hervor. Da rief der König seine Töchter und fragte sie, ob der Soldat die Wahrheit gesagt hätte, und da sie sahen,[244] daß sie verrathen waren und Läugnen nichts half, erzählten sie alles. Darauf fragte ihn der König, welche er zur Frau haben wollte? Er antwortete: "ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die älteste". Da ward noch an selbigem Tage die Hochzeit gehalten, und ihm das Reich nach des Königs Tode versprochen, aber die Prinzen wurden auf so viel Tage wieder verwünscht, als sie Nächte mit den zwölfen getanzt hatten.[245]

48. Die sechs Diener.

Eine alte Königin, die war eine Zauberin, und hatte die allerschönste Tochter unter der Sonne, wenn aber ein Freier kam, so gab sie ihm einen Bund(etwas zu lösen auf, und konnt' er den nicht herausbringen, so war keine Gnade, er mußt' niederknien und das Haupt ward ihm abgeschlagen. Nun geschah es, daß ein Königssohn um sie werben wollte, aber sein Vater ließ es nicht zu und sprach: "nein, gehst du hin, so kommst du nicht wieder zurück". Da legte sich der Prinz nieder und ward sterbenskrank sieben Jahre lang; weil nun der Vater sah, daß er doch verloren wäre, sprach er: "zieh hin, vielleicht bist du glücklich". Alsbald war er gesund, stand auf von seinem Lager und machte sich auf den Weg.[245] Nun mußte er auch durch ein Holz, darin sah er einen Mann auf der Erde liegen, der war gewaltig dick und ordentlich ein kleiner Berg; der Mann rief ihn aber an und fragte, ob er ihn wollte zum Diener haben? Der Prinz sprach: "was soll ich mit einem so dicken Mann anfangen; wie bist du nur so dick geworden?" - "O das ist noch gar nichts, wenn ich mich recht auseinander thue, bin ich noch dreitausendmal so dick!" - "Da komm mit mir", sagte der Prinz. Die zwei gingen weiter und fanden einen andern, der lag auf der Erde und hatte das Ohr auf den Rasen gelegt. "Was machst du da?" sprach der Prinz. "Ei! ich horche, denn ich kann das Gras wachsen hören, und alles, was sich in der Welt zuträgt, und darum werd' ich der Horcher genannt". "Sag' mir, was geschieht eben an der alten Königin Hof?" - "Es wird einem Freier der Kopf abgeschlagen, ich hör' das Schwert sausen". - "Komm mit mir", sprach der Prinz und sie zogen zu dreien weiter. Da fanden sie einen, der lag da und war ganz lang, so daß sie eine gute Strecke gehen mußten, bis sie von seinen Füßen bis zum Kopf kamen. "Warum bist du so lang?" fragte der Prinz. "O, sagte er, wenn ich mich ausstrecke, so bin ich noch dreitausendmal so lang, und größer, als der höchste Berg auf Erden". "Komm mit mir", sprach der Prinz. Da gingen die vier weiter, und fanden[246] einen, der saß da mit verbundenen

Augen. Der Prinz fragte: "warum hast du ein Tuch vor den Augen?" "Ei, sprach er, was ich mit meinen Augen ansehe, das springt von einander, darum darf ich sie nicht offen lassen". - "Komm mit mir", sagte der Prinz. Da gingen die fünf weiter und fanden einen, der lag mitten im heißen Sonnenschein, und fror und zitterte am ganzen Leibe, so daß ihm kein Glied still stand. Der Prinz fragte: "wie frierst du so im Sonnenschein?" "Ach, sprach der Mann, je heißer es ist, desto mehr frier' ich, und je kälter es ist, desto heißer wird mir, und mitten im Eis kann ichs vor Hitze, und mitten im Feuer vor Kälte nicht aushalten". "Komm mit mir", sprach der Prinz, da gingen die sechs weiter und fanden einen Mann, der stand da und schaute um sich über alle Berge hinaus. "Wornach siehst du?" fragte der Prinz. Da sprach er: "ich habe so helle Augen, daß ich damit weit über Berge und Wälder und durch die ganze Welt hinaussehen kann". "Komm mit mir", sagte der Prinz, "so einer fehlte mir noch."

"Nun zogen die sieben in die Stadt ein, wo die schöne und gefährliche Jungfrau lebte; der Prinz aber ging vor die alte Königin und sprach, er wollt' um ihre Tochter werben. Ja, sagte sie, dreimal will ich dir einen Bund aufgeben, lösest du den jedesmal, so ist die Prinzessin dein; der[247] erste Bund aber ist, daß du mir einen Ring wieder bringst, den ich ins rothe Meer habe fallen lassen". Der Prinz sagte: "den Bund will ich lösen", und rief seinen Diener mit den hellen Augen, und der schaute ins Meer bis auf den Grund, und sah den Ring da neben einem Steine liegen. Darnach kam der Dicke, der setzte seinen Mund ans Meer und ließ die Wellen hinein laufen, und trank es aus, daß es trocken ward wie eine Wiese; da bückte sich der Lange nur ein wenig und holte den Ring mit der Hand heraus. Der Prinz brachte ihn der Alten, die sprach mit Verwunderung: "Ja, das ist der rechte Ring; einen Bund hast du gelöst, aber nun kommt der zweite. Siehst du dort auf der Wiese vor meinem Schloß, da weiden dreihundert fette Ochsen, die mußt du mit Haut und Haar, Knochen und Hörnern verzehren, und darfst nicht mehr als einen einzigen Gast dazu einladen, und unten im Keller, da liegen dreihundert Fässer Wein, die mußt du dabei austrinken, und bleibt ein Spürchen und ein Tröpfchen übrig, so ist mir dein Leben verfallen". Der Prinz sprach: "Das will ich vollbringen", und setzte den Dicken als seinen Gast zu sich, der aß die dreihundert Ochsen auf, und blieb kein Haar übrig, und trank den Wein dazu gleich aus den Fässern selber, ohne daß er ein Glas nöthig hatte. Als die alte Zauberin das sah, erstaunte sie und sprach zum Prinzen:[248] "so weit hat's Keiner gebracht; aber es ist noch der dritte Bund übrig, und dachte, ich will dich schon berücken: ›Heut Abend bring' ich die Jungfrau, dir auf die Kammer und in deinen Arm, da sollt ihr beisammen sitzen, aber hüt' dich vor'm Einschlafen; ich komme Schlag

zwölf Uhr, und ist sie dann nicht mehr in deinen Armen, so hast du verloren.‹" Der Prinz dachte, das ist so schwer nicht, ich will wohl meine Augen nicht zuthun; doch Vorsicht ist immer gut, und als die schöne Jungfrau Abends zu ihm geführt ward, hieß er alle seine Diener hereinkommen, und der Lange mußte sich um sie herumschlingen, und der Dicke sich vor die Thüre stellen, daß keine lebendige Seele herein konnte. Da saßen sie und die schöne Jungfrau sprach kein Wort, aber der Mond schien durch's Fenster auf ihr Angesicht, daß er ihre wunderbare Schönheit sehen konnte. Sie wachten auch alle mit einander bis elf Uhr, da ließ die Zauberin einen Schlummer auf ihre Augen fallen, den sie nicht abwehren konnten. Sie schliefen alle hart bis ein Viertel vor zwölf, und als sie erwachten, war die Prinzessin fort und von der Alten entrückt. Der Prinz und die Diener jammerten, aber der Horcher sprach: "seyd einmal still!" horchte und sagte: "sie sitzt in einem Felsen dreihundert Stunden von hier und klagt über ihr Schicksal". Da sprach der Lange: "ich will helfen" und hackte den mit den verbundenen[249] Augen auf, und wie man die Hand umwendet, standen sie vor dem verwünschten Felsen. Da nahm der Lange dem andern die Binde ab; kaum hatte der den Felsen angeschaut, zersprang er gleich in tausend Stücke, und der Lange holte die Prinzessin aus der Tiefe, und schwang sich mit ihr in drei Minuten zurück. Schlag zwölf kam die Alte und glaubte, den Prinzen ganz gewiß allein und in Schlaf versenkt zu finden, aber da war er munter und ihre Tochter saß in seinem Arm. Nun mußte sie zwar still schweigen, aber es war ihr leid, und die Prinzessin kränkte es auch, daß sie einer sollte gewonnen haben, und ließ am andern Morgen dreihundert Malter Holz zusammensetzen, und sprach zum Prinzen, er hätte zwar den Bund gelöst, ehe sie ihn aber heirathe, verlange sie, daß Jemand sich mitten in das Holz setze, wenn es angezündet wäre, und das Feuer aushalte. Dabei dachte sie, wenn die Diener ihm auch alles thäten, würde sich doch keiner für ihn verbrennen, und aus Liebe zu ihr würde er selber sich hinein setzen, und dann wär' sie frei. Wie aber die Diener das hörten, sprachen sie: "wir haben alle etwas gethan, nur der Frostige noch nicht" und nahmen ihn und trugen ihn ins Holz hinein und steckten's darauf an. Da hub das Feuer an und brannte drei Tage, bis alles Holz verzehrt war, und als es verlosch, stand der Frostige mitten in der Asche und zitterte wie[250] ein Espenlaub, und sprach: "so hab' ich mein Lebtage nicht gefroren, und wenn's länger gedauert hätte, wär' ich erstarrt."

Nun mußte sich die schöne Jungfrau mit dem Prinzen vermählen, als sie aber nach der Kirche fuhren, sprach die Alte: "ich kann's nimmermehr zugeben", und schickte ihr Kriegsvolk nach, das sollte alles niedermachen, und ihr die Tochter zurückbringen. Der Horcher aber

hatte die Ohren gespitzt und alles angehört, was die Alte gesprochen, und sagte es dem Dicken, der speite einmal oder zweimal aus hinter den Wagen, und da entstand ein groß Wasser, in diesem blieben die Kriegsvölker stecken. Als sie nicht zurück kamen, schickte die Alte ganz geharnischte Reuter, aber der Horcher hörte sie kommen und band dem einen die Augen auf, der guckte die Feinde ein bischen scharf an, und sie sprangen auseinander wie Glas. Da fuhren sie ungestört weiter, und als sie in der Kirche verheirathet und eingesegnet waren, nahmen die sechs Diener ihren Abschied und wollten weiter ihr Glück in der Welt versuchen.

Eine halbe Stunde vor dem Schloß war ein Dorf, vor dem hütete ein Schweinehirt seine Heerde; wie sie dahin kamen, sprach der Prinz zu seiner Frau: "weißt du auch recht, wer ich bin? ich bin kein Prinz, sondern ein Schweinehirt, und der dort mit der Heerde, das ist mein[251] Vater, und nun müssen wir zwei auch daran und ihm helfen hüten". Dann stieg er mit ihr in ein Wirthshaus ab, und sagte heimlich zu den Wirthsleuten, heut' Nacht sollten sie der Prinzessin die Kleider wegnehmen. Wie sie nun am Morgen aufwachte, hatte sie nichts anzuthun und die Wirthin gab ihr einen alten Rock und ein paar alte wollene Strümpfe, und that noch, als wärs ein großes Geschenk. Da glaubte die Prinzessin, er sey wirklich ein Schweinehirt, und hütete mit ihm die Heerde, und sprach: "ich habe es verdient mit meinem Stolz". Das dauerte acht Tage, da konnte sie es nicht mehr aushalten, denn die Füße waren ihr ganz wund geworden. Da kamen ein paar Leute und fragten, ob sie recht wüßte, wer ihr Mann wäre? Da sagte sie: "ja, ein Schweinehirt, er ist eben ausgegangen, mit ein wenig Band zu handeln". Sie baten sie aber mitzugehen, und führten sie ins Schloß hinauf, und wie sie in den Saal kam, stand da der Prinz in königlichen Kleidern. Sie erkannte ihn aber nicht, bis er ihr um den Hals fiel und sie küßte, und sprach: "ich habe so viel für dich gelitten, da hast du auch für mich leiden sollen". Nun ward erst recht die Hochzeit gefeiert, und der's erzählt hat, wollte, er wär' auch dabei gewesen.[252]

49. Die weiße und schwarze Braut.

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter über Feld, Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte: "wo führt der Weg ins Dorf?" "Ei, sprach die Mutter, sucht ihn selber", und die Tochter setzte noch hinzu: "habt ihr Sorge, daß ihr ihn nicht findet, so bringt euch einen Wegweiser mit". Die Stieftochter aber sprach: "armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir". Da erzürnte

der liebe Gott über die Mutter und Tochter, wendete ihnen den Rücken zu, und verwünschte sie, daß sie sollten schwarz werden wie die Nacht, und häßlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber ward Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nah am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte: "wähl dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren". Da sprach das Mädchen: "ich mögte gern schön werden, wie die Sonne", alsbald wurde sie weiß und schön, wie der Tag. "Dann mögte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer würde:" den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber: "vergiß das Beste nicht, meine Tochter!" Sagte sie: "ich wünsche mir zum dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode". Das[253] wurde ihr auch zugesagt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Wie nun die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, daß sie beide kohlschwarz und häßlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, ward sie ihr im Herzen noch böser und hatte nur im Sinn, wie sie ihr ein Leid anthun könnte. Die Stieftochter aber hatte einen Bruder, Namens Reginer, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Der Bruder mahlte sich nun seine Schwester ab und hing das Bild in seiner Stube auf, in des Königs Schloß, bei dem er Kutscher war, und alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester. Nun war aber gerade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin verstorben, welche so schön gewesen war, daß man keine finden konnte, die ihr gliche, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener sahen es indessen dem Kutscher ab, wie er täglich vor dem schönen Bilde stand, misgönntens ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und sah, daß es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, so daß er sich sterblich hinein verliebte, und den Kutscher fragte, wen das Bild vorstellte? Als der Kutscher gesagt hatte, daß es seine Schwester wäre, entschloß sich der König, keine andere, als diese, zur Gemahlin zu nehmen,[254] gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Goldkleider, und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen. Wie der Kutscher mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester, allein die schwarze ärgerte sich über alle Maßen vor großer Eifersucht, und sprach zu ihrer Mutter: "was helfen nun all' eure Künste, da ihr mir kein solches Glück verschaffen könnt". Da sagte die Alte: "sey still, ich will dirs schon zuwenden", und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, daß er halb blind war, und der weißen verstopfte sie die Ohren, daß sie schwer hörte. Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und der Kutscher saß auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine

Weile gereist waren unterwegs rief der Kutscher:

"Deck dich zu, mein Schwesterlein,

daß Regen dich nicht näßt,

daß Wind dich nicht bestäubt,

daß du fein schön zum König kommst!"

Die Braut fragte: "was sagt mein lieber Bruder?" "Ach, sprach die Alte, er hat gesagt, du solltest dein gülden Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben". Da zog sie's aus und that's der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel. So fuhren sie weiter, über ein Weilchen rief der Bruder wieder:[255]

"Deck dich zu, mein Schwesterlein,

daß Regen dich nicht näßt,

daß Wind dich nicht bestäubt

und du fein schön zum König kommst!"

Die Braut fragte: "was sagt mein lieber Bruder?" "Ach, sprach die Alte, er hat gesagt, du solltest deine güldne Haube abthun und deiner Schwester geben". Da that sie die Haube ab und der Schwarzen auf, und saß im bloßen Haar. So fuhren sie weiter; wiederum über ein Weilchen rief der Bruder:

"Deck dich zu, mein Schwesterlein,

daß Regen dich nicht näßt,

daß Wind dich nicht bestäubt

und du fein schön zum König kommst!"

Die Braut fragte: "was sagt mein lieber Bruder?" "Ach, sprach die Alte, er hat gesagt, du mögtest einmal aus dem Wagen sehen". Sie fuhren aber gerade über ein tiefes Wasser, wie nun die Braut aufstand und aus dem Fenster sah, da stießen sie die beiden andern hinaus, daß sie gerad' ins Wasser fiel, sie versank auch, aber in demselben Augenblick stieg eine schneeweiße Ente hervor und schwamm den Fluß hinab. Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen, da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester, und meinte auch, sie wär's, weil es[256] ihm trüb vor den Augen war und er doch die Goldkleider schimmern sah. Der König, wie er die grundlose Häßlichkeit an seiner vermeinten Braut erblickte, ward sehr bös und befahl den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangen-Gezücht war. Die alte Hexe aber wußte den König doch so zu bestricken und ihm die Augen zu verblenden, daß er sie und ihre Tochter behielt und zu sich nahm, bis daß sie ihm ganz leidlich

vorkam und er sich wirklich mit ihr verheirathete.

Einmal Abends saß die schwarze Braut dem König auf dem Schoos, da kam eine weiße Ente zum Gossenstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen:

"Jüngelchen mach Feuer an,

Daß ich meine Federn wärmen kann!"

Das that der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Heerd, da kam die Ente, schüttelte sich und setzte sich daneben und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und sich wohlthat, fragte sie:

"Was macht mein Bruder Reginer?"

Der Küchenjunge antwortete:

"Liegt tief bei Ottern und Schlangen."

Fragte sie:

"Was macht die schwarze Hex im Haus?"[257]

Der Küchenjunge antwortete:

"Die sitzt warm ins Königs Arm."

Sagte die Ente:

"Daß Gott erbarm!"

und schwamm den Gossenstein hinaus.

Den folgenden Abend kam sie wieder und that dieselben Fragen und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen und sagte dem König alles. Der König aber ging den andern Abend hin und wie die Ente den Kopf durch den Gossenstein herein streckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch, da wurde sie auf einmal zum schönsten Mädchen, und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte. Der König aber war voll Freuden und weil sie ganz naß dastand, ließ er ihr köstliche Kleider bringen, als sie die angethan hatte, erzählte sie ihm, wie sie in den Fluß war hinab geworfen worden, und die erste Bitte, die sie that, war, daß ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde, welches auch gleich geschah. Aber der König ging in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte: "was verdient die, welche das und das thut?" indem er den ganzen Hergang erzählte. Da war sie verblendet, merkte nichts und sprach: "die verdient, daß man sie nackt auszieht und in ein Faß mit Nägeln legt und vor das[258] Faß ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt". Alles das geschah nun an ihr und ihrer schwarzen Tochter, der König heirathete die schöne Braut und belohnte den treuen

Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.[259]

50. De wilde Mann.

Et was emoel en wilden Mann, de was verwünsket un genk bie de Bueren in den Goren(Garten) un in't Korn un moek alles do Schande. Do klagden se an eeren Gutsheeren, se können eere Pacht nig mehr betalen un do leit de Gutsheer alle Jägers bie ene kummen, we dat Dier fangen könne, de soll ne graute Belohnung hebben. Do kümmt do en ollen Jäger an, de segd, he wüll dat Dier wull fangen; do mött se em ne Pulle met Fusel(Branntwein) un ne Pulle met Wien un ne Pulle met Beer gierwen(geben), de settet he an dat Water, wo sick dat Dier alle Dage wäskt. Un do geit he achter en Baum stohn, do kümmt dat Dier un drinket ut de Pullen, do leckt et alle de Mund un kickt herüm, ov dat auck well süht. Do werd et drunken, un do geit et liegen un schlöpd; do geit de Jäger to un bind et an Händen un Föten, do weckt he et wier up un segd: "du wilde Mann, goh met, sök sast[259] du alle Dage drinken". Do nimmt he et mit noh dat adlicke Schloß, do settet se et do in den Thornt un de Heer geit to andre Nobers, de söllt seihn(sehen), wat he för'n Dier fangen hed. Do spierlt ene von de jungen Heerens met'n Ball un let de in den Thornt fallen un dat Kind segd: "wilde Mann, schmiet mie den Ball wier to;" do segd de wilde Mann: "den Ball most du sölvst wier hahlen". "Je, segd dat Kind, ick heve kinen Schlürtel". - "Dann mack du, dat du bie dien Moder eere Tasken kümmst un stehl eer den Schlürtel". - Do schlüt dat Kind den Thornt orpen un de wilde Mann löpd derut; do fänk dat Kind an to schreien: "o wilde Mann, bliev doch hier, ick kriege süs Schläge". Do niermt de wilde Mann dat Kind up de Nacken un lopd darmet de Wildniß herin: de wilde Mann was weg, dat Kind was verloren! De wilde Mann de tüt dat Kind en schlechten Kiel(Kittel) an un schickt et noh den Görner an den Kaisers Hof, do mot et frogen: ov de kinen Görners-Jungen van dohn(nöthig) hed? Do segd de, he wöre so schmeerig antrocken, de annern wullen nig bie em schlopen. Do seg he, he wull in't Strauh liegen, un geit alltied des Morgens fröh in den Goren, do kümmt em de wilde Mann entgiergen, do seg he: "nu waske die, nu kämme die!" nu de wilde Mann mäckt de Goren so schön, dat de Görner et sölvst nig so gut kann. Un de[260] Prinzessin süt alle Morgen den schönen Jungen, do seg se to den Görner, de kleine Lehrjunge söll eer en Bust Blomen brengen. Un se frög dat Kind, van wat för Standt dat et wöre; do seg et, ja, dat wüs et nig, do giv se em en broden Hohn vull Ducoeten. Es he in kümmt, giv he dat Geld sinen Heeren un seg: "wat sall ick do met dohn, dat bruckt ji

men". Un he moste eer noh enen Busk Blomen brengen, do giv se em ne Aant(Ente) vull Ducoeten, de giv he wier ansinen Heeren. Un do noh en moel, do giv se em ne Gans vull Ducoeten, de giv de Junge wier an sinen Heeren. Do ment de Prinzessin, he hev Geld un he hev nix, un do hierothet se em in't geheem, un do weeret eere Oeldern so beise un setten se in dat Brauhuse, do mot se sick met spinnen ernähren, un he geit in de Kücke un helpt den Kock de Broden dreien un steld manrden(zuweilen) en Stück Fleesk un brengd et an sine Frau.

Do kümmt so'n gewoltigen Krieg in Engelland, wo de Kaiser hin mott un alle de grauten Heerens, do seg de junge Mann, he wull do auck hen, ov se nig noh en Perd in Stall hedden, un se saden, se hedden noh ent, dat gönk up drei Beenen, dat wör em gut genog. He settet sick up dat Perd, dat Perd dat geit alle: husepus! husepus! Do kümmt em de wilde Mann in de möte(entgegen), do döt sick so'n grauten Berg[261] up, do sind wull dusend Regimenter Soldaten un Offzeers in, do dät he schöne Kleeder an un krigd so'n schön Perd. Do tüt he met alle sin Volk in den Krieg noh Engelland, de Kaiser enfänk en so fröndlick un begerd en, he mög em doh biestoen. He gewinnt de Schlacht un verschleit alles. Do dät sick de Kaiser so bedanken vör em un frägd, wat he för'n Heer wöre, he segd: "dat froget mie men nig, dat kann ick ju nig seggen". He ritt met sin Volk wier ut Engelland, do kümmt em de wilde Mann wier entgiergen un döt alle dat Volk wier in den Berg, un he geit wier up sien dreibeenige Perd sitten. Do seget de Luide: "do kümmt usse Hunkepus wier an met dat dreibeenige Perd", un se froget: "wo hest du achter de Hierge(Hecke) lägen un hest schlopen?" "Je, segd he, wenn ick der nig wör west, dann hädde et in Engelland nig gut gohn!" Se segget: "Junge, schwieg stille, süs giv die de Heer wat upd' Jack". - Un so genk et noh tweenmoel un ton derdenmoel gewient he alles; do kreeg he en Stick in den Arm, do niermt de Kaiser sinen Dock(Tuch) un verbind em de Wunden. Do neidigt(nöthigt) se em, he mög do bliewen, "ni, ick bliewe nig bie ju, un wat ick sin, geit ju nig an". Do kümmet em de wilde Mann wier entgiergen un deih alle dat Volk wier in den Berg un he genk wier up sin Perd sitten un genk wier noh Hues. Do lachten[262] de Luide und segden: "do kümmt usse Hunkepus wier an, wo hest du doh lägen un schlopen?" He seg: "ick heve förwohr nig slopen, nu is ganz Engelland gewunnen un et is en wohren Frerden(Frieden)."

Do segde de Kaiser von den schönen Ritter, de em hev biestohen; do seg de junge Mann to en Kaiser: "wöre ick nig bie ju west, et wöre nig guet gahen". Do will de Kaiser em wat upn Buckel gierwen, "ji, seg he, wenn ji dat nig gleiwen willt, will ick ju minen Arm wiesen" un asse he den Arm wiest un asse de Kaiser de Wunde süt, do wert he gans

verwündert un segd: "villicht büst du Gott sölvst ader en Engel, den mie Gott toschickt hev un bat em üm Verzeihnüß, dat he so grov met em handelt hädde, un schenket em sin ganse Kaisers Gut. Un de wilde Mann was erlöset un stund ase en grauten Künig för em un vertelde em de ganse Sacke un de Berg was en gans Künigs-Schloß un he trock met sine Frau derup un lerweten vergnögt bis an eeren Daud."[263]

51. De drei schwatten Princessinnen.

Ostindien was von den Fiend belagert, he wull de Stadt nig verloeten, he wull ersten 600 Dahler hebben. Do leiten se dat ut trummen: well de schaffen könne, de soll Börgemester weren.[263] Do was der en armen Fisker, de fiskede up de See mit sinen Sohn, do kam de Fiend un nam den Sohn gefangen und gav em doför 600 Dahler. Do genk de Vader hen un gav dat de Heerens in de Stadt un de Fiend trock av un de Fisker wurde Börgermester. Do word utropen, wer nig Heer Börgermester segde, de soll an de Galge richtet weren.

De Sohn de kam de Fiend wier ut de Hände un kam in en grauten Wold up en haujen Berg, de Berg de deih sick up, da kam he in en graut verwünstet Schloß, woin Stohle, Diske un Bänke alle schwatt behangen wören. Do queimen drei Princessinnen, de gans schwatt antrocken wören, de men en lück(wenig) witt in't Gesicht hädden, de segden to em, he soll men nig bange sien, se wullen em nix dohn, he könn eer erlösen. Do seg he, je dat wull he gern dohn, wann he men wüste, wo he dat macken söll? Do segget se: he söll en gans Johr nig met en kühren(sprechen) nu söll se auck nig anseihen; wat he gern hebben wull, dat söll he men seggen, wann se Antwort gierwen dröfden(geben dürften), wullen se et dohn. As he ne Tied lang der west was, sede he, he wull asse gern noh sin Vader gohn, da segget se, dat söll he men dohn, düssen Buel(Beutel) met Geld söll he met niermen, düsse Kleder söll he antrecken un in 8 Dage möst he der wier sien.[264]

Do werd he upnurmen(aufgehoben) un is glick in Ostindien, do kann he sin Vader in de Fiskhütte nig mer finden un frög de Luide, wo doh de arme Fisker blierwen wöre, do segget se, dat möst he nig seggen, dann queim he an de Galge. Do kümmt he bie sin Vader, do seg he: "Fisker, wo sin ji do to kümmen?" "Do seg de: dat mött ji nig seggen, wann dat de Heerens van de Stadt gewahr weeret, kümme ji an de Galge", He willt ober gar nig loten, he werd noh de Galge bracht; es he do is, seg he: "o mine Heerens, gierwet mie doh Verlöv, dat ick noh de olle Fiskhütte gohn mag". Do tüt he sinen ollen Kiel an, do kümmt he wier noh de Heerens un seg: "seih ji et nu wull, sin ick nig en armen Fisker sinen Sohn? in düt

Tueg heve ick minen Vader un Moder dat Braud gewunnen". Do erkennet se en un badden üm Vergiebnüß un niermt en met noh sin Hues, do verteld he alle wü et em gohn hev, dat he wöre in en Wold kummen up en haujen Berg, do hädde sick de Berg updohn, do wöre he in en verwünsket Schloß kummen, wo alles schwatt west wöre un drei Princessinnen wören der an kummen, de wören schwatt west, men en lück witt in't Gesicht. De hädden em segd, he söll nig bange sien, he könn eer erlösen. Do seg sine Moder: dat mög wull nig gut sien, he soll ne gewiehte Wasskeefze met[265] niermen un dräppen(tropfen) eer gleinig(glühend) Wass in't Gesicht.

He geit wier hen un do gruelte(graute) em so, un he drüppde eer Wass in't Gesicht, asse se sleipen, un se wören all halv witt: do sprüngen alle de drei Princessinnen up un segden: "de verfluchte Hund, usse Bloet soll örfer die Rache schreien, nu is kin Mensk up de Welt geboren, un werd geboren, de us erlösen kann, wie hevet noh drei Bröders, de sind in siewen Ketten anschloeten, de söllt die terrieten. Do givd et en Gekriesk in't ganse Schloß un he sprank noh ut dat Fenster un terbrack dat Been un dat Schloß sunk wier in den Grunde, de Berg was wier to, un nümmes wust, wo et west was."[266]

52. Knoist un sine dre Sühne.

Twisken Werrel un Soist, do wuhnde 'n Mann un de hede Knoist, de hadde dre Sühne, de eene was blind, de annre was lahm un de dridde was splenternaket. Do gingen se mohl öwer Feld, do sehen se eenen Hasen. De blinne de schöt en, de lahme de fienk en, de nackede de stack en in de Tasken. Do käimen se für een groot allmächtig Waater, do wuren dre Schippe uppe, dat eene dat rann, dat annre dat sank,[266] dat dridde, do was keen Buoden inne. Wo keen Buoden inne was, do gingen se olle dre inne: do käimen se an eenen allmächtig grooten Walle(Wald), do was een groot allmächtig Boom inne, in den Boom was eene allmächtig groote Capelle, in de Capelle was een hageböcken Köster un een bußboomen Pastoer, de deelden dat Wiggewaater mit Knuppeln uit.

Sielig is de Mann,

de den Wiggewaater entlaupen kann.[267]

53. Dat Mäken von Brakel.

Et gink mal 'n Mäken von Brakel na de sünt Annen Capellen unner de

Hinnenborg un weil et gierne 'n Mann heven wulle un ock meinde, et wäre süs neimes in de Capellen, sau sank et:

"O hilge sünte Anne!

help mie doch bald tom Manne,

du kennst 'n ja wull,

he wuhnt var'm Suttmer Dore,

hed gele Hore:

du kennst 'n ja wull!"

De Köster stand awerst hünner den Altare un höre dat, da rep he mit 'ner gans schrögerigen Stimme: "du kriggst'n nig! du kriggst'n nig!" Dat Mäken awerst meinde, dat Marienkinneken dat bie de Mudder Anne steiht, hedde üm dat to[267] ropen, da wor et beuse un reip: "Pepperlepep, dumme Blae, halt de Schnuten, un lat de Möhme kühren(die Mutter reden)."[268]

54. Das Hausgesinde.

"Wo wust du henne?" - "Nah Walpe!" - "Ick nah Walpe, du nah Walpe; sam, sam, goh wie dann!"

"Häst du auck 'n Mann? wie hedd din Menn?" - "Cham!" - "Min Mann Cham, din Mann Cham; ick nah Walpe, du nah Walpe; sam, sam, goh wie dann!"

"Häst du auck 'n Kind? wie hedd din Kind?" - "Grind!" - "Min Kind Grind, din Kind Grind; min Mann Cham, din Mann Cham; ick nah Walpe, du nah Walpe; sam, sam, goh wie dann!"

"Häst du auck 'n Weige? wie hedd dine Weige?" - "Hippodeige!" - "Mine Weige Hippodeige, dine Weige Hippodeige; min Kind Grind, din Kind Grind; min Mann Cham, din Mann Cham; ick nah Walpe, du nah Walpe; sam, sam, goh wie dann!"

"Häst du auck 'n Knecht? wie hedd din Knecht?" - "Mach mirs recht!" - "Min Knecht Mach mirs recht, din Knecht[268] Mach mirs recht; mine Weige Hippodeige, dine Weige Hippodeige; min Kind Grind, din Kind Grind; min Mann Cham, din Mann Cham; ick nah Walpe, du nah Walpe; sam sam, goh wie dann!"[269]

55. Das Lämmchen und Fischchen.

Es war einmal ein Brüderchen und Schwesterchen, die hatten sich

herzlich lieb, ihre rechte Mutter war aber todt und sie hatten eine Stiefmutter, die war ihnen nicht gut, und that ihnen heimlich alles Leid an. Es trug sich zu, daß die zwei mit andern Kindern auf einer Wiese vor dem Haus spielten, und an der Wiese war ein Teich, der ging bis an die eine Seite vom Haus. Die Kinder liefen da herum, kriegten sich und spielten Abzählens:

"Enecke, Benecke, lat mie liewen,

will die ock min Vügelken giewen.

Vügelken sall mie Strau söken,

Strau will ick den Köseken giewen,

Köseken sall mie Melk giewen,

Melk will ick den Bäcker giewen,

Bäcker sall mie 'n Kocken backen,

Kocken will ick den Kätken giewen,

Kätken sall mie Müse fangen,

Müse will ick in'n Rauck hangen

un will se anschnien."[269]

Dabei standen sie in einem Kreis und auf welchen nun das Wort: "anschnien" fiel, der mußte fortlaufen, und die andern liefen ihm nach und fingen ihn. Wie sie so fröhlich dahinsprangen, sah's die Stiefmutter vom Fenster mit an und ärgerte sich. Weil sie aber Hexenkünste verstand, so verwünschte sie beide, das Brüderchen in einen Fisch und das Schwesterchen in ein Lamm. Da schwamm das Fischchen im Teich hin und her und war traurig und das Lämmchen ging auf der Wiese hin und her und war traurig und fraß nicht und rührte kein Hälmchen an. So ging eine lange Zeit hin, da kamen fremde Gäste auf das Schloß. Die falsche Stiefmutter dachte, jetzt ist die Gelegenheit gut, rief den Koch und sprach zu ihm: "geh und hol das Lamm von der Wiese und schlachts, wir haben sonst nichts für die Gäste". Da ging der Koch hin und holte das Lämmchen und führte es in die Küche, band ihm die Füßchen, das litt es alles geduldig, und wollts abstechen. Wie er nun sein Messer herausgezogen hatte und auf der Schwelle wetzte, sah es, wie ein Fischlein in dem Wasser vor dem Gossenstein hin- und herschwamm und zu ihm hinaufblickte. Das war aber das Brüderchen, denn als das Fischchen gesehen hatte, wie der Koch das Lämmchen fortführte, war es mitgeschwommen im Teich bis zum Haus. Da rief das Lämmchen hinab:[270]

"Ach Brüderchen im tiefen See!

wie thut mir doch mein Herz so weh!

der Koch der wetzt das Messer,

will mir mein Herz durchstechen!"

Das Fischchen antwortete:

"Ach Schwesterchen in der Höh:

wie thut mir doch mein Herz so weh

in dieser tiefen See!"

Wie der Koch hörte, daß das Lämmchen sprechen konnte und so traurige Worte zu dem Fischchen hinabrief, erschrack er und dachte, es müßte kein natürliches Lämmchen seyn, sondern von der bösen Frau im Haus verwünscht. Da sprach er: "sey ruhig, ich will dich nicht schlachten", nahm ein anderes Thier und bereitete das für die Gäste und brachte das Lämmchen zu einer guten Bäuerin, der erzählte er alles, was er gesehen und gehört hatte. Die Bäuerin war aber gerade die Amme von dem Schwesterchen gewesen, vermuthete gleich, wer's seyn würde, und ging mit ihm zu einer weisen Frau. Da sprach die weise Frau einen Segen über das Lämmchen und Fischchen, wovon sie ihre menschliche Gestalt wieder bekamen und darnach führte sie sie beide in einen großen Wald in ein klein Häuschen, wo sie zufrieden und glücklich lebten.[271]

56. Simeliberg.

Es waren zwei Brüder, einer war reich, der andere arm. Der reiche aber gab dem Armen nichts und er mußte sich vom Kornhandel kümmerlich ernähren, da ging es ihm oft so schlecht, daß er für seine Frau und Kinder kein Brot hatte. Einmal fuhr er mit seinem Karren durch den Wald, da sah er zur Seite einen großen kahlen Berg und weil er den noch nie gesehen hatte, verwunderte er sich, hielt still und betrachtete ihn. Wie er so stand, kamen zwölf wilde große Männer, weil er nun glaubte, das wären Räuber, schob er seinen Karren ins Gebüsch und stieg auf einen Baum, und wartete, was da geschehen würde. Die zwölf Männer gingen aber vor den Berg und riefen: "Berg Semsi! Berg Semsi! thu dich auf". Alsbald that sich der kahle Berg in der Mitte von einander und die zwölfe gingen hinein und wie sie drin waren, schloß er sich zu. Ueber eine kleine Weile aber, thät er sich wieder auf und die Männer kamen mit schweren Säcken auf dem Rücken heraus und wie sie alle wieder am Tageslicht waren, sprachen sie: "Berg Semsi! Berg Semsi! thu dich zu!" Da fuhr der Berg zusammen und war kein Eingang mehr an ihm zu

sehen, und die Zwölfe gingen fort. Als sie ihm nun ganz aus[272] den Augen waren, stieg der Arme vom Baum herunter, und war neugierig, was wohl im Berge heimliches verborgen wäre. Also ging er davor und sprach: "Berg Semsi! Berg Semsi! thu' dich auf!" und der Berg that sich auch vor ihm auf. Da trat er hinein und der ganze Berg war eine Höhle voll Silber und Gold und hinten lagen große Haufen Perlen und leuchtende Edelsteine wie Korn aufgeschüttet. Der Arme wußte gar nicht, was er anfangen sollte, und ob er sich etwas von den Schätzen nehmen dürfte; endlich füllte er sich die Taschen mit Gold, die Perlen und Edelsteine aber ließ er liegen. Als er wieder herauskam, sprach er gleichfalls: "Berg Semsi! Berg Semsi! thu' dich zu!" da schloß sich der Berg, und er fuhr nun mit seinem Karren nach Haus. Nun brauchte er nicht mehr zu sorgen, und konnte mit seinem Golde, für Frau und Kind, Brot und auch Wein dazu kaufen, lebte fröhlich und redlich, gab den Armen und that Jedermann Gutes; als aber das Gold all' war, ging er zu seinem Bruder, lieh einen Scheffel, und holte sich von neuem; doch rührte er von den großen Schätzen nichts an. Wie er sich zum dritten Mal etwas holen wollte, borgte er bei seinem Bruder wieder den Scheffel. Der Reiche war aber schon lange neidisch über sein Vermögen und den schönen Haushalt, den er sich eingerichtet hatte, und konnte nicht begreifen, woher der[273] Reichthum käme und was sein Bruder mit dem Scheffel anfing. Da dachte er eine List aus, und bestrich den Boden mit Pech, und wie er das Maaß wieder bekam, so war ein Goldstück darin hängen geblieben. Alsbald ging er zu seinem Bruder und fragte ihn: "was hast du mit dem Scheffel gemessen?" "Korn und Gerste", sagte der andere. Da zeigte er ihm das Goldstück und drohte ihm, wenn er nicht die Wahrheit sagte, so wollt' er ihn beim Gericht verklagen. Er erzählte ihm nun alles, wie es zugegangen war, der Reiche aber ließ gleich einen Wagen anspannen, fuhr hinaus, und dachte ganz andere Schätze mitzubringen. Wie er vor den Berg kam, rief er: "Berg Semsi! Berg Semsi! thu' dich auf!" der Berg that sich auf und er ging hinein. Da lagen die Reichthümer alle vor ihm, und er wußte lange nicht, wozu er am ersten greifen sollte, endlich lud er Edelsteine auf, so viel er tragen konnte und wollte sie hinausbringen. Er kehrte also um, weil aber Herz und Sinn ganz voll von den Schätzen waren, hatte er darüber den Namen des Bergs vergessen, und rief: "Berg Semeli! Berg Semeli! thu' dich auf!" Aber das war der rechte Name nicht und der Berg regte sich nicht und blieb verschlossen. Da ward ihm Angst, aber je länger er nachsann, desto mehr verwirrten sich seine Gedanken und halfen ihm alle Schätze nichts mehr. Am Abend that sich der Berg auf und[274] die zwölf Räuber kamen herein, und als sie ihn sahen, waren sie froh und

riefen: "Vogel, haben wir dich endlich, meinst du wir hätten's nicht gemerkt, daß du zwei Mal hereingekommen bist, aber wir konnten dich nicht fangen, zum dritten Mal sollst du nicht wieder heraus". Da rief er: "ich war's nicht; mein Bruder war's!" aber er mogte bitten um sein Leben, und sagen was er wollte, sie schlugen ihm das Haupt ab.[275]

57. Die Kinder in Hungersnoth.

Es war einmal eine Frau mit ihren zwei Töchtern in solche Armuth gerathen, daß sie auch nicht ein Bischen Brot mehr in den Mund zu stecken hatten. Wie nun der Hunger bei ihnen so groß ward, daß die Mutter ganz außer sich und in Verzweiflung gerieth, sprach sie zu der ältesten: "ich muß dich tödten, damit ich etwas zu essen habe". Die Tochter sagte: "ach, liebe Mutter, schont meiner, ich will ausgehen und sehen, daß ich etwas zu essen kriege ohne Bettelei". Da ging sie aus, kam wieder, und hatte ein Stückchen Brot eingebracht, das aßen sie miteinander, es war aber zu wenig, um den Hunger zu stillen. Darum hub die Mutter zur andern Tochter an: "so mußt du daran". Sie antwortete aber: "ach, liebe Mutter, schont meiner, ich[275] will gehen und unbemerkt etwas zu essen anderswo ausbringen". Da ging sie hin, kam wieder und hatte zwei Stückchen Brot eingebracht; das aßen sie mit einander, es war aber zu wenig, um den Hunger zu stillen. Darum sprach die Mutter nach etlichen Stunden abermals zu ihnen: "ihr müsset doch sterben, denn wir müssen sonst verschmachten". Darauf antworteten sie: "liebe Mutter, wir wollen uns niederlegen und schlafen, und nicht eher wieder aufstehen, als bis der jüngste Tag kommt". Da legten sie sich hin und schliefen einen tiefen Schlaf, aus dem sie niemand erwecken konnte, die Mutter aber ist weggekommen und weiß kein Mensch, wo sie geblieben ist.[276]

58. Das Eselein.

Es lebte einmal ein König und eine Königin, die waren reich, und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte sie Tag und Nacht und sprach: "ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst". Endlich erfüllte Gott ihre Wünsche, als das Kind aber zur Welt kam, sah's nicht aus wie ein Menschenkind, sondern war ein junges Eselein. Wie die Mutter das erblickte, fing ihr Jammer und Geschrei erst recht an, sie hätte lieber gar kein Kind gehabt, als einen Esel,[276] und sagte, man sollt's in's Wasser werfen, damit's die Frische fräßen. Der König aber sprach: "nein, hat Gott ihn gegeben, soll er auch mein Sohn und Erbe

seyn, nach meinem Tod auf dem königlichen Thron sitzen und die königliche Krone tragen". Also ward das Eselein aufgezogen, nahm zu und die Ohren wuchsen ihm auch fein hoch und gerad hinauf. Es war aber sonst fröhlicher Art, sprang herum, spielte und hatte besonders seine Lust an der Musik, so daß es zu einem berühmten Spielmann ging und sprach: "lehr' mich deine Kunst, daß ich so gut die Laute schlagen kann, wie du". "Ach, liebes Herrlein, antwortete der Spielmann, das sollt' euch schwer fallen, eure Finger sind nicht allerdings dazu gemacht, und gar zu groß; ich sorg', die Saiten haltens nicht aus". Es half aber keine Ausrede, das Eselein wollt' und mußt' die Laute schlagen, war beharrlich und fleißig, und lernte es am Ende so gut, als sein Meister selber. Einmal ging es nachdenksam spatziren und kam an einen Brunnen, da schaute es hinein und sah im spiegelhellen Wasser seine Eseleins-Gestalt, darüber ward es so betrübt, daß es in die Welt hineinging und nur einen treuen Gesellen mitnahm. Sie zogen auf und ab, zuletzt kamen sie in ein Reich, wo ein alter König herrschte, der nur eine einzige aber wunderschöne Tochter hatte. Das Eselein sagte: "hier wollen wir weilen", klopfte an's Thor und[277] rief: "es ist ein Gast haußen, macht auf, damit er eingehen kann". Als aber nicht aufgethan ward, setzte es sich hin, nahm seine Laute und schlug sie mit seinen Füßen auf's lieblichste. Da sperrte der Thürhüter gewaltig die Augen auf, lief zum König und sprach: "da draußen sitzt ein Eselein vor dem Thor, das schlägt die Laute allzulieblich". "Ei, so laß mir den Musikant hereinkommen", sprach der König. Wie aber ein Eselein hereintrat, fing alles an über den Lautenschläger zu lachen. Nun sollte das Eselein unten zu den Knechten gesetzt und gespeist werden, es ward aber unwillig und sprach: "ich bin kein gemeines Stalleselein, ich bin ein gar vornehmes". Da sagten sie: "wenn du das bist, so setz' dich zu dem Kriegsvolk". "Nein, sprach es, ich will beim König sitzen". Der König lachte und sagte in gutem Muth: "Ja, so soll's seyn, wie du verlangst, Eselein, komm her zu mir". Darnach fragte er: "Eselein, wie gefällt dir meine Tochter?" das Eselein drehte den Kopf nach ihr, schaute sie an, nickte und sprach: "aus der Maßen wohl, so schön' hab' ich noch keine gesehen". "Nun so sollst du auch neben ihr sitzen", sagte der König. "Das ist mir eben recht", sprach das Eselein, und setzte sich an ihre Seite und aß und wußte sich gar fein und säuberlich zu betragen. Als das edle Thierlein eine gute Zeit an des Königs Hof geblieben war, dachte es, was hilft das[278] alles, du mußt wieder heim, ließ den Kopf traurig hängen, trat vor den König und verlangte seinen Abschied. Der König hatte es aber gar lieb und sprach: "Eselein, was ist dir, du schau'st ja sauer, wie ein Essigkrug, ich will dir geben, was du verlangst: willst du Gold?" - "Nein", sagte das Eselein und

schüttelte mit dem Kopf. "Willst du Kostbarkeiten und Schmuck?" - "Nein". - "Willst du mein halbes Reich?" - "Ach nein!" Da sprach der König: "wenn ich nur wüßte, was dich vergnügt machen könnte: willst du meine schöne Tochter zur Frau?" "Ach ja", sagte das Eselein, war auf einmal ganz lustig und guter Dinge, denn das war's gerade, was es sich gewünscht hatte. Also ward eine große und prächtige Hochzeit gehalten. Abends, wie Braut und Bräutigam in ihr Schlafkämmerlein geführt wurden, wollte der König wissen, ob sich das Eselein auch fein artig und manierlich betrüge, und hieß einen Diener sich dort verstecken. Wie sie nun beide drinnen waren, schob der Bräutigam den Riegel vor die Thüre, blickte sich um und wie er glaubte, daß sie ganz allein wären, da warf er auf einmal seine Eselhaut ab und stand da als ein schöner, königlicher Jüngling, der sprach: "siehst du, wer ich bin und daß ich deiner werth gewesen". Da ward die Braut froh, küßte ihn und hatte ihn von Herzen lieb. Als es aber Morgen ward,[279] sprang er auf, zog seine Thierhaut wieder über und hätte kein Mensch gedacht, was für einer dahinter steckte. Bald kam auch der alte König gegangen: "ei", rief er, ist das Eselein schon munter! du bist wohl recht traurig, sagte er zu seiner Tochter, "daß du keinen ordentlichen Menschen zum Mann bekommen hast?" "Ach nein, lieber Vater, ich habe ihn so lieb, als wenn er der allerschönste wär' und will ihn mein Lebtag behalten". Der König wunderte sich, aber der Diener, der sich versteckt hatte, kam und offenbarte ihm alles. Der König sprach: "Das ist nimmermehr wahr!" - "So wacht selber die folgende Nacht, ihr werdet's mit eigenen Augen sehen; und wißt ihr was, Herr König, nehmt ihm die Haut weg, und werft sie in's Feuer, so muß er sich wohl in seiner rechten Gestalt zeigen". "Dein Rath ist gut", sprach der König, und Abends, als sie schliefen, schlich er sich hinein, und wie er zum Bett' kam, sah er im Mondschein einen stolzen Jüngling da ruhen, und die Haut lag abgestreift auf der Erde. Da nahm er sie weg, und ließ draußen ein gewaltiges Feuer anmachen und die Haut hineinwerfen und blieb selber dabei, bis sie ganz zu Asche verbrennt war. Weil er aber sehen wollte, was der Beraubte anfangen würde, blieb er die Nacht wach, und lauschte. Als der Jüngling ausgeschlafen hatte, beim ersten Morgenschein, stand er auf und wollte die Eselshaut[280] umziehen, aber sie war nicht zu finden. Da erschrack er und sprach voll Trauer und Angst: "Nun muß ich sehen, daß ich entfliehe". Wie er hinaustrat, stand aber der König da und sprach: "Ei! mein Sohn, wohin so eilig, was hast du im Sinn? Bleib hier; du bist ein so schöner Mann, du sollst nicht wieder von mir; ich geb' dir jetzt mein Reich halb, und nach meinem Tod bekommst du es ganz". "So wünsch' ich dem guten Anfang auch ein gutes Ende", sprach der

Jüngling, "ich bleibe bei euch". Da gab ihm der Alte das halbe Reich, und als er nach einem Jahr starb, hatte er das ganze, und nach dem Tode seines Vaters noch eins dazu, und lebte reich und vergnügt.[281]

59. Der undankbare Sohn.

Es saß einmal ein Mann mit seiner Frau vor der Hausthür, und hatten ein gebraten Huhn vor sich stehen, und wollten das zusammen verzehren, da sah der Mann, wie sein alter Vater daher kam, geschwind nahm er das Huhn und versteckte es, weil er ihm nichts davon gönnte. Der Alte kam, that einen Trunk und ging fort. Nun wollte der Sohn das gebratene Huhn wieder auf den Tisch tragen, aber als er darnach griff, war es eine große Kröte geworden, die sprang ihm in's Angesicht, und saß da und ging nicht[281] wieder weg, und wenn sie jemand wegthun wollte, sah sie ihn giftig an, als wollt' sie ihm in's Angesicht springen, so daß keiner sie anzurühren getraute. Und die Kröte mußte der undankbare Sohn alle Tage füttern, sonst fraß sie ihm aus seinem Angesicht, und also ging er in der Welt hin und her.[282]

60. Die Rübe.

Es waren einmal zwei Brüder, die lebten beide im Soldatenstand, und war der eine reich, der andere arm. Da wollte der arme sich aus seiner Noth helfen, zog den Soldatenrock aus, und ward ein Bauer. Also grub und hackte er sein Stückchen Acker und säte Rübsamen. Der Same ging auf und es wuchs da eine Rübe, die ward groß und stark, und zusehends dicker, und wollte gar nicht aufhören zu wachsen, so daß sie eine Fürstin aller Rüben heißen konnte, denn nimmer war so eine gesehen, und wird auch nimmer wieder gesehen werden. Zuletzt war sie so groß, daß sie allein einen ganzen Wagen anfüllte, und zwei Ochsen daran ziehen mußten, und der Bauer wußte nicht was er damit anfangen sollte, und ob's sein Glück oder sein Unglück wäre. Endlich dachte er, verkaufst du sie, was wirst du großes dafür bekommen, und willst du sie selber[282] essen, so thun die kleinen Rüben denselben Dienst, du willst sie dem König bringen und verehren. Also lud er sie auf den Wagen, spannte zwei Ochsen vor, brachte sie an den Hof und schenkte sie dem König. "Ei! sagte der König, was ist das für ein seltsam Ding? mir ist viel wunderliches vor die Augen gekommen, aber so ein Ungethüm noch nicht: aus was für Samen mag die gewachsen seyn? oder dir ge räth's allein, und du bist ein Glückskind". "Ach nein, sagte der Bauer, ein Glückskind bin ich nicht, ich bin ein armer Soldat, der sich nicht mehr

nähren konnte, darum den Soldatenrock an den Nagel hing und das Land baute; ich habe noch einen Bruder, der ist reich und Euch, Herr König, auch wohlbekannt, ich aber, weil ich nichts habe, bin von aller Welt vergessen". Da empfand der König Mitleid mit ihm und sprach: "Deine Armuth ist vorbei, du sollst so von mir beschenkt werden, daß du wohl deinem reichen Bruder gleich kommst". Also schenkte er ihm eine Menge Gold, Acker, Wiesen und Heerden, und machte ihn steinreich, so daß des andern Bruders Reichthum gar nicht konnte damit verglichen werden. Als dieser hörte, was sein Bruder mit einer einzigen Rübe erworben hatte, beneidete er ihn und sann hin und her, wie er sich auch ein solches Glück zuwenden könnte. Er wollt's aber noch viel gescheidter anfangen, nahm Gold und Pferde und brachte sie dem König,[283] und meinte nicht anders, der würde ihm ein viel größeres Gegengeschenk machen, denn hätte sein Bruder soviel für eine Rübe bekommen, was würde es ihm für so schöne Dinge nicht alles tragen. Der König nahm das Geschenk und sagte, er wüßte ihm nichts wieder zu geben, das rarer und besser wäre, als die große Rübe. Also mußte der reiche seines Bruders Rübe auf einen Wagen legen und nach Haus fahren lassen. Daheim wußte er nicht, an wem er seinen Zorn und Aerger auslassen sollte, bis ihm böse Gedanken kamen und er beschloß seinen Bruder zu tödten. Er gewann Mörder, die mußten sich in einen Hinterhalt stellen, und darauf ging er zu seinem Bruder und sprach: "Lieber Bruder, ich weiß einen heimlichen Schatz, den wollen wir miteinander heben und theilen". Der andere ließ sich's auch gefallen und ging ohne Arg mit; als sie aber hinauskamen, stürzten die Mörder über ihn her, banden ihn und wollten ihn an einen Baum hängen. Indem sie eben darüber waren, erscholl aus der Ferne lauter Gesang und Hufschlag, daß ihnen der Schrecken in den Leib fuhr und sie über Hals und Kopf ihren Gefangenen in den Sack steckten, am Ast hinaufwanden und hängen ließen, er aber arbeitete darin, bis er ein Loch im Sack hatte, wodurch er den Kopf stecken konnte. Darauf ergriffen sie die Flucht. Wer aber des Wegs daher kam, war nichts als ein fahrender Schüler,[284] ein junger Geselle, der fröhlich sein Lied singend durch den Wald die Straße ritt. Wie der oben nun merkte, daß einer unter ihm vorbei ging, rief er: "sey mir gegrüßt, zu guter Stunde!" Der Schüler guckte sich überall um, wußte nicht, wo die Stimme herschallte, endlich sprach er: "Wer ruft mir?" Da antwortete es aus dem Wipfel: "Erhebe deine Augen, ich sitze hier oben im Sack der Weisheit; in kurzer Zeit habe ich große Dinge gelernt, dagegen sind alle Schulen ein Wind, um ein Weniges, so werde ich ausgelernt haben, herabsteigen und weiser seyn als alle Menschen. Ich verstehe die Gestirn: und Himmelszeichen, das Wehen aller Winde und den Sand im

Meer, Heilung der Krankheit, die Kräfte der Kräuter, Vögel und Steine. Wär'st du einmal darin, du würdest fühlen, was für Herrlichkeit aus ihm fließt". Der Schüler, wie er das alles hörte, erstaunte er und sprach: "Gesegnet sey die Stunde, wo ich dich gefunden, könnt' ich nicht auch ein wenig in den Sack kommen?" Oben der antwortete, als thät' er's nicht gern: "eine kleine Weile will ich dich wohl hineinlassen für Lohn und gute Worte, aber du mußt doch noch eine Stunde warten, es ist ein Stück übrig, das ich erst lernen muß". Als der Schüler ein wenig gewartet hatte, war ihm die Zeit zu lang und er bat, daß er doch mögte hineingelassen werden, sein Durst nach Weisheit wäre[285] gar zu groß. Da stellte sich der oben, als gäb' er endlich nach und sprach: "Damit ich aus dem Haus der Weisheit heraus kann, mußt du den Sack am Strick herunterlassen, so sollst du eingehen". Also ließ der Schüler ihn herunter, band den Sack auf und befreite ihn, dann rief er selber: "Nun zieh' mich recht geschwind hinauf", und wollt' geradstehend in den Sack einschreiten. "Halt!" sagte der andere, "so geht's nicht an", packte ihn beim Kopf, steckte ihn rücklings in den Sack, schnürte zu, und zog den Jünger der Weisheit am Strick baumwärts und schwengelte ihn in der Luft: "Wie steht's, mein lieber Gesell? siehe, schon fühlst du daß dir die Weisheit kommt, und machst gute Erfahrung, sitze also fein ruhig, bis du klüger wirst". Damit stieg er auf des Schülers Pferd und ritt fort.[286]

61. Das junggeglühte Männlein.

Zur Zeit da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends, sammt Peter, bei einem Schmied ein, und bekam willig Herberg. Nun geschah's, daß ein armer Bettelmann, von Alter und Gebrechen hart gedrückt, in dieses Haus kam und vom Schmied Almosen forderte. Deß erbarmte sich Petrus und sprach: "Herr und Meister, so dir's gefällt, heil' ihm doch seine[286] Plage, daß er sich selbst sein Brot möge gewinnen". Sanftmüthig sprach der Herr: "Schmied, leih' mir deine Esse und leg' mir Kohlen an, so will ich den alten, kranken Mann zu dieser Zeit verjüngen". Der Schmied war ganz bereit und St. Petrus zog die Bälge, und als das Kohlfeuer auffunkte, groß und hoch, nahm unser Herr das alte Männlein, schub's in die Esse, mitten in's rothe Feuer, daß es drin glühte, wie ein Rosenstock, und Gott lobte mit lauter Stimme. Nachdem trat der Herr zum Löschtrog, zog das glühend Männlein hinein, daß das Wasser über ihm zusammenschlug, und nachdem er's fein sittlich abgekühlet, gab er ihm seinen Segen; siehe, zuhand sprang das Männlein heraus, zart, gerad, gesund und wie von zwanzig Jahren. Der Schmied, der eben und genau zugesehen, lud sie alle zum Nachtmahl, er hatte aber eine alte,

halbblinde bucklichte Schwieger, die machte sich zum Jüngling hin und fragte ihn fleißig: ob ihn das Feuer hart gebrennet? "Nie sey ihm besser gewesen, antwortete jener, er habe da in der Glut gesessen, wie in einem kühlen Thau."

Dies klang die ganze Nacht in den Ohren der alten Frau und als der Herr frühmorgens die Straße weiter gezogen war, und dem Schmied wohl gedankt hatte, dachte der, er könnte seine alte Schwieger auch jung machen, da er fein ordentlich alles zugesehn, und es in seine Kunst schlage.[287] Rief sie daher an, ob sie auch wie ein Mägdlein von achtzehn Jahren in Sprüngen daher wolle gehen? Sie sprach: "von ganzem Herzen", weil es dem Jüngling auch so sanft angekommen. Machte also der Schmied große Glut und stieß die Alte hinein, die sich hin und wieder bog, und grausames Mordgeschrei anstimmte; "sitz' still, was schreist und hüpfst du, ich will erst weidlich zublasen!" zog damit die Bälge von neuem bis ihr alle Haderlumpen brannten, da schrie das alte Weib ohne Ruh. Der Schmied dachte: Kunst geht nicht recht zu! nahm sie raus und warf sie in den Leschtrog, da schrie sie ganz überlaut, daß es droben im Haus die Schmiedin und ihre Schnur hörten, die liefen beide die Stiegen herab, und sahen die Alte heulend und maulend ganz zusammen geschnurrt im Trog liegen, das Angesicht gerunzelt, gefaltet und ungeschaffen. Darob sich die zwei, die beide mit Kindern gingen, so entsetzten, daß sie noch dieselbe Nacht zwei Junge gebaren, die waren ganz nicht wie Menschen geschaffen, sondern wie Affen, liefen zum Wald hinein und von ihnen stammt das Geschlecht der Affen her.[288]

62. Des Herrn und des Teufels Gethier.

Gott der Herr hatte alle Thiere erschaffen und sich die Wölfe zu seinen Hunden auserwählet;[288] blos den Geis hatte er vergessen, da richtete sich der Teufel an, wollte auch schaffen, und machte die Geise, mit feinen, langen Schwänzen. Wenn sie nun zur Weide gingen, blieben sie gewöhnlich mit ihren Schwänzen in den Dornhecken hängen, da mußte der Teufel hineingehen und sie mit vieler Mühe losknüpfen; verdroß ihn zuletzt, war her und biß jeder Geis den Schwanz ab, wie noch heut' des Tags an den Stümpfen zu sehen ist.

Nun ließ er sie zwar allein weiden, aber es geschah, daß Gott der Herr zusah, wie sie bald einen fruchtbaren Baum benagten, bald die edlen Reben schädigten, bald andere zarte Pflanzen verderbten. Deß jammerte ihn, so daß er aus Güte und Gnaden seine Wölfe dran hetzte, die denn die Geise, so da gingen, bald zerrissen. Wie der Teufel das vernahm, trat er bald vor den Herrn und sprach: "dein Geschöpf hat mir das meine

zerrissen". Der Herr antwortete: "was hattest du es zu Schaden erschaffen?" der Teufel sagte: "ich mußte das; gleichwie selbst mein Sinn auf Schaden geht, konnte, was ich erschaffen, keine andre Natur haben, und mußt mir's theuer zahlen". - "Ich zahl' dir's, so bald das Eichenlaub abfällt, dann komm, dein Geld ist schon gezählt". Als das Eichenlaub abgefallen war, kam der Teufel und forderte seine Schuld. Der Herr aber sprach: "In der Kirche zu Constantinopel steht eine hohe Eiche, die hat[289] noch alles ihr Laub!" Mit Toben und Fluchen entwich der Teufel und wollte die Eiche suchen, irrte sechs Monate in der Wüstenei, eh' er sie befand, und als er wieder kam, waren derweil wieder alle andere Eichen voll grüner Blätter. Da mußte er seine Schuld fahren lassen stach im Zorn allen übrigen Geisen die Augen aus und setzte ihnen seine eigene ein.

Darum haben alle Geise Teufelsaugen und abgebißne Schwänz und er nimmt gern ihre Gestalt an.[290]

63. Der Hahnenbalken.

Es war einmal ein Zauberer, der stand mitten in einer großen Menge Volks und vollbrachte seine Wunderdinge, da ließ er auch einen Hahn einher schreiten, der hob einen schweren Balken und trug ihn, als wär' er federleicht. Nun war aber ein Mädchen, das hatte eben ein vierblättriges Kleeblatt gefunden, und war dadurch klug geworden, so daß kein Blendwerk vor ihm bestehen konnte, und es sah, daß der Balken nichts war, als ein Strohhalm. Da rief es: "Ei, ihr Leute seht ihr nicht, das ist ein bloßer Strohhalm und kein Balken, was der Hahn da trägt". Alsbald verschwand der Zauber, und die Leute sahen was es war, und jagten den Hexenmeister mit[290] Schimpf und Schande fort, er aber sprach voll Zorn innerlich: "Ich will mich schon rächen". - Nach einiger Zeit hielt das Mädchen Hochzeit, war geputzt, und ging in einem großen Zug über das Feld nach dem Ort, wo die Kirche stand. Auf einmal kamen sie an einen stark angeschwollenen Bach, und war keine Brücke und kein Steg darüber zu gehen. Da war die Braut flink, hob ihre Kleider auf und wollte durchwaten. Wie sie nun eben im Wasser so steht, ruft ein Mann und das war der Zauberer neben ihr ganz spöttisch: "Ei, wo hast du deine Augen, daß du das für ein Wasser hältst". Da gingen ihr die Augen auf und sie sah, daß sie mit ihren aufgehobenen Kleidern mitten in einem blaublühenden Flachsfeld stand. Da sahen es die Leute auch allesammt und jagten sie mit Schimpf und Gelächter fort.[291]

64. Die alte Bettelfrau.

Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau seh'n betteln geh'n? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: Gott lohn' euch! Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stund und zitterte,[291] "Kommt Altmutter und erwärmt euch". Sie kam herzu, Sie ging aber zu nahe ans Feuer steh'n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward's nicht gewahr. Der Ju