Benedict Wells

"Vom Ende der Einsamkeit"


Rück mit dem Stuhl heran

Bis an den Rand des Abgrunds

Dann erzähl ich dir meine Geschichte

F. Scott Fitzgerald


ERSTER TEIL

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Vorsichtig öffne ich die Augen, blinzle ein paarmal. Langsam weicht die Dunkelheit. Ein kahler Raum, erhellt nur vom grün- und rotleuchtenden Glimmen kleiner Apparate und dem Lichtstrahl, der durch die angelehnte Tür fällt. Die nächtliche Stille eines Krankenhauses.

Es kommt mir vor, als wäre ich aus einem tagelangen Traum erwacht. Ein dumpfer, warmer Schmerz in meinem rechten Bein, meinem Bauch, meiner Brust. In meinem Kopf ein leises Dröhnen, das stärker wird. Allmählich ahne ich, was geschehen sein muss.

Ich habe überlebt.

Bilder tauchen auf. Wie ich mit dem Motorrad aus der Stadt fahre, beschleunige, vor mir die Kurve. Wie die Räder auf der Landstraße nicht mehr greifen, ich den Baum auf mich zukommen sehe, vergeblich versuche auszuweichen, die Augen schließe ...

Was hat mich gerettet?

Ich schiele an mir hinunter. Eine Halskrause, das rechte Bein fixiert, vermutlich Gips, das Schlüsselbein bandagiert. Vor dem Unfall bin ich gut in Form gewesen, für mein Alter sogar sehr gut. Vielleicht hat mir das geholfen.

Vor dem Unfall ... War da nicht noch etwas ganz anderes? Doch ich will mich nicht daran erinnern, denke lieber an den Tag, als ich den Kindern beigebracht habe, einen Stein übers Wasser hüpfen zu lassen. An die

gestikulierenden Hände meines Bruders, wenn er mit mir diskutierte. An den Italientrip mit meiner Frau und wie wir am frühen Morgen eine Bucht an der Amalfiküste entlangspazierten, während es um uns herum aufhellte und das Meer sanft gegen die Felsen schäumte ...

Ich döse weg. Im Traum stehen wir auf dem Balkon. Sie sieht mir eindringlich in die Augen, als habe sie mich durchschaut. Mit dem Kinn deutet sie zum Innenhof, wo unsere Kinder gerade mit den Nachbarsjungen spielen. Während unsere Tochter mutig auf eine Mauer klettert, hält unser Sohn sich zurück und beobachtet die anderen nur.

"Das hat er von dir", sagt sie.

Ich höre sie lachen und greife nach ihrer Hand ...

Es piept mehrmals. Ein Pfleger befestigt einen neuen Infusionsbeutel. Es ist noch immer mitten in der Nacht. September 2014 steht auf einem Wandkalender. Ich versuche, mich aufzurichten.

"Welcher Tag ist heute?" Meine Stimme klingt fremd.

"Mittwoch", sagt der Pfleger. "Sie waren zwei Tage im Koma."

Es ist, als spräche er von einem anderen.

"Wie fühlen Sie sich?"

Ich lehne mich wieder zurück. "Mir ist etwas schwindlig."

"Das ist völlig normal."

"Wann kann ich meine Kinder sehen?"

"Ich werde Ihrer Familie sofort morgen früh Bescheid sagen". Der Pfleger geht zur Tür, bleibt dort kurz stehen. "Wenn etwas ist, läuten Sie. Die Oberärztin sieht gleich noch mal nach Ihnen."

Als ich nicht antworte, verlässt er den Raum.

Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?

In der Stille höre ich jeden Gedanken, und auf einmal bin ich hellwach. Beginne einzelne Etappen meiner Vergangenheit abzugehen. Vergessen geglaubte Gesichter kommen mir entgegen, ich sehe mich als Jugendlichen auf dem Sportplatz des Internats und das rote Licht meiner Dunkelkammer in Hamburg. Erst sind die Erinnerungen nur unscharf, doch während der nächsten Stunden werden sie präziser. Meine Gedanken irren immer weiter in der Zeit zurück, ehe sie schließlich bei der Katastrophe landen, die meine Kindheit überschattet hat.

Strömungen
(1980)

Als ich sieben war, machte meine Familie Urlaub in Südfrankreich. Mein Vater, Stephane Moreau, stammte aus Berdillac, einem Dorf bei Montpellier. Tausendachthundert Einwohner, eine Boulangerie, eine Brasserie, zwei Weingüter, eine Schreinerei und eine Fußballmannschaft. Wir besuchten unsere Oma, die den Ort in den letzten Jahren nicht mehr verlassen hatte.

Wie auf allen längeren Autofahrten trug unser Vater eine alte, hellbraune Lederjacke, im Mundwinkel seine Pfeife. Unsere Mutter, die den Großteil der Fahrt über gedöst hatte, legte eine Kassette mit Beatles-Songs ein. Sie drehte sich zu mir um.

"Für dich, Jules."

Paperback Writer, damals mein Lieblingslied. Ich saß hinter ihr und summte mit. Die Musik wurde von meinen Geschwistern übertönt. Meine Schwester hatte meinen Bruder ins Ohr gekniffen. Martin, von uns nur "Marty" genannt, schrie auf und beschwerte sich bei unseren Eltern.

"Du blöde Petze". Liz zwickte ihn wieder ins Ohr.

Sie stritten heftiger, bis Mutter sich umdrehte und beide ansah. Ihr Blick war ein Meisterwerk. Er zeigte sowohl Verständnis für Marty angesichts seiner gemeinen Schwester wie auch für Liz angesichts ihres nervigen Bruders, vor allem aber zeigte er, dass jeglicher Streit total sinnlos war, und darüber hinaus deutete er sogar noch an, dass es für brave Kinder an der nächsten Tankstelle ein Eis geben könnte. Meine Geschwister ließen sofort voneinander ab.

"Wieso müssen wir eigentlich jedes Jahr zu Oma fahren?", fragte Marty. "Wieso können wir nicht mal nach Italien?"

"Weil es sich so gehört. Und weil eure mamie sich über euren Besuch freut", sagte Vater auf Französisch, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

"Stimmt nicht. Sie mag uns gar nicht."

"Außerdem riecht sie so komisch", sagte Liz. "Nach alten Polstermöbeln."

"Nein, sie riecht nach einem modrigen Keller", sagte mein Bruder.

"Sagt nicht immer solche Sachen über eure mamie!" Unser Vater lotste den Wagen durch einen Kreisverkehr.

Ich sah aus dem Fenster. In der Ferne erstreckten sich Thymiansträucher, Garigue und Krüppeleichen. Die Luft roch würziger in Südfrankreich, die Farben waren intensiver als zu Hause. Ich griff in meine Tasche und spielte mit den silbernen Franc-Münzen, die vom vorigen Jahr übriggeblieben waren.

Gegen Abend erreichten wir Berdillac. Der Ort kam mir im Rückblick immer wie ein mürrischer, aber im Grunde liebenswerter Greis vor, der den ganzen Tag vor sich hin döst. Wie in vielen Gegenden im Languedoc waren die Häuser aus Sandstein gebaut, sie hatten schlichte Fensterläden und rötliche, verwitterte Ziegeldächer, von der tiefstehenden Sonne in weiches Licht getaucht.

Der Kies knirschte unter den Rädern, als der Kombi vor dem Haus am Ende der Rue Le Goff zum Halten kam. Etwas Unheimliches ging von dem Gebäude aus, die Außenfassade war von Efeu überwachsen, das Dach marode. Es roch nach Vergangenheit.

Unser Vater stieg zuerst aus und eilte mit federnden Schritten zur Tür. Es müssen damals "seine" Jahre gewesen sein, wie man so sagt. Mit Mitte dreißig hatte er noch sein dichtes, schwarzes Haar und begegnete jedem mit liebenswürdiger Höflichkeit. Oft sah ich, wie Nachbarn und Kollegen um ihn standen und gebannt zuhörten, wenn er sprach. Das Geheimnis war seine Stimme: sanft, nicht zu tief, nicht zu hoch, sein Akzent nur angedeutet, wie ein unsichtbares Lasso legte sie sich um seine Zuhörer und zog sie näher zu sich heran. In seinem Job als Wirtschaftsprüfer war er sehr geschätzt, doch für ihn zählte nur seine Familie. Jeden Sonntag kochte er für uns alle, er hatte immer Zeit für uns Kinder, und mit seinem jungenhaften Lächeln wirkte er optimistisch. Wenn ich später Bilder von ihm ansah, erkannte ich allerdings, dass schon damals etwas nicht stimmte. Seine Augen. Ein Funke Schmerz lag in ihnen, vielleicht auch Angst.

Unsere Großmutter erschien in der Tür. Sie hatte einen schiefen Mund, und ihren Sohn sah sie kaum an, als schäme sie sich für etwas. Beide umarmten einander.

Wir Kinder beobachteten die Szene vom Wagen aus. Es hieß, unsere Großmutter sei in ihrer Jugend eine hervorragende Schwimmerin gewesen und im ganzen Dorf beliebt. Das musste hundert Jahre her sein. Ihre Arme wirkten zerbrechlich, sie hatte einen runzligen Schildkrötenkopf, und den Lärm, den ihre Enkel machten, schien sie kaum noch zu ertragen. Wir Kinder fürchteten uns vor ihr und vor dem karg eingerichteten Haus mit den altmodischen Tapeten und Eisenbetten. Ein Rätsel, wieso unser Vater jeden Sommer hierherkommen wollte. "Es war, als müsse er Jahr für Jahr an den Ort seiner größten Demütigungen zurückkehren", hatte Marty später einmal gesagt.

Doch es gab auch: Kaffeeduft am Morgen. Sonnenstrahlen auf dem gefliesten Boden des Salons. Zartes Scheppern aus der Küche, wenn

meine Geschwister das Besteck für das Frühstück holten. Mein Vater in seine Zeitung vertieft, meine Mutter Pläne für den Tag schmiedend. Danach Höhlenwanderungen, Fahrradtouren oder eine Partie Petanque im Park.

Ende August schließlich das alljährliche Weinfest von Berdillac. Abends spielte die Kapelle, die Häuser waren mit Lampions und Girlanden geschmückt, und der Geruch von gegrilltem Fleisch durchzog die Straßen. Meine Geschwister und ich saßen auf der großen Treppe vor dem Rathaus und sahen zu, wie die Erwachsenen auf dem Dorfplatz tanzten. In meiner Hand die Kamera, die mir mein Vater anvertraut hatte. Eine schwere und teure Mamiya; ich hatte den Auftrag bekommen, Fotos vom Fest zu schießen. Das empfand ich als Ehre, unser Vater überließ sonst keinem seine Kameras. Stolz machte ich ein paar Bilder, während er unsere Mutter elegant über die Tanzfläche führte.

"Papa ist ein guter Tänzer", sagte Liz sachverständig.

Meine Schwester war elf, ein großes Mädchen mit blonden Locken. Schon damals hatte sie das, was mein Bruder und ich die "Theaterkrankheit" nannten; Liz benahm sich zu jeder Zeit, als stünde sie auf einer Bühne. Sie strahlte, als wären mehrere Scheinwerfer auf sie gerichtet, und sprach so laut und klar, dass selbst die Menschen in den hintersten Reihen sie problemlos hörten. Vor Fremden gab sie gern die Frühreife, doch in Wahrheit hatte sie ihre Prinzessinnenphase gerade erst überwunden. Meine Schwester zeichnete und sang, sie spielte gern draußen mit den Nachbarskindern, duschte sich oft tagelang nicht, wollte mal eine Erfinderin werden, träumte dann wieder davon, eine Elfe zu sein, und in ihrem Kopf schienen tausend Dinge gleichzeitig zu geschehen.

Damals machten sich die meisten Mädchen über Liz lustig. Oft sah ich, wie meine Mutter bei ihr im Zimmer saß und beruhigend auf sie einredete, wenn ihre Mitschülerinnen sie wieder geärgert oder ihren Schulranzen versteckt hatten. Danach durfte auch ich in Liz' Zimmer. Dann schlang sie wild ihre Arme um mich, ich spürte ihren heißen Atem auf meiner Haut, und sie erzählte mir noch einmal alles, was sie unserer Mutter erzählt hatte, und vermutlich noch mehr. Ich liebte meine Schwester wie nur irgendwas, und das änderte sich auch nicht, als sie mich Jahre später im Stich ließ.

*

Nach Mitternacht lag noch immer eine feuchte Schwüle über dem Dorf. Die Männer und Frauen, die noch auf der Tanzfläche waren - unsere

Eltern gehörten dazu -, wechselten nach jedem Lied den Partner. Ich machte noch ein Foto, obwohl ich die Mamiya kaum mehr halten konnte.

"Gib mal die Kamera", sagte mein Bruder.

"Nein, Papa hat sie mir gegeben. Ich soll darauf aufpassen."

"Nur kurz, ich will bloß ein Bild machen. Du kannst das eh nicht."

Marty entriss mir die Kamera.

"Sei nicht so fies zu ihm", sagte Liz. "Er hat sich so gefreut, dass er sie haben darf."

"Ja, aber seine Fotos sind Mist, er kann das mit der Belichtung nicht."

"Du bist so ein Klugscheißer, kein Wunder, dass du keine Freunde hast."

Marty schoss ein paar Fotos. Er war das mittlere Kind. Zehn Jahre alt, Brille, dunkle Haare, blasses, unauffälliges Gesicht. Während in Liz und mir deutlich unsere Eltern wiederzufinden waren, hatte er äußerlich nichts mit ihnen gemein. Marty schien aus irgendeinem Nirgendwo gekommen zu sein, ein Fremdling, der zwischen uns Platz genommen hatte. Ich mochte ihn kein bisschen. In den Filmen, die ich sah, waren ältere Brüder immer heldenhafte Jungen, die sich für ihre kleineren Geschwister einsetzten. Mein Bruder dagegen war ein Einzelgänger, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockte, um mit seiner Ameisenkolonie zu spielen oder Blutproben von sezierten Salamandern und Mäusen zu untersuchen - sein Vorrat an toten Kleintieren schien unerschöpflich. Liz hatte ihn vor kurzem einen "widerlichen Freak" genannt, und damit hatte sie ziemlich ins Schwarze getroffen.

Von jenem Urlaub in Frankreich sind mir neben dem dramatischen Vorfall am Ende nur ein paar Bruchstücke geblieben. Allerdings weiß ich noch gut, wie wir Geschwister auf dem Fest die französischen Kinder betrachteten, die auf dem Dorfplatz Fußball spielten, und wie uns dabei ein Gefühl des Fremdseins überkam. Wir waren alle drei in München geboren und fühlten uns als Deutsche. Bei uns gab es außer speziellen Speisen kaum etwas, das auf unsere französischen Wurzeln verwies, und nur selten sprachen wir Französisch. Dabei hatten sich unsere Eltern in Montpellier kennengelernt. Mein Vater war nach der Schule dorthin gezogen, weil er vor seiner Familie fliehen wollte. Meine Mutter war dorthin gezogen, weil sie Frankreich liebte.(Und weil sie vor ihrer Familie fliehen wollte.) Wenn unsere Eltern von damals erzählten, dann von Abenden, an denen sie im Kino gewesen waren und an denen Mutter auf der Gitarre gespielt hatte, von der ersten Begegnung auf der Studentenfete eines gemeinsamen Freundes oder wie die beiden - da

war unsere Mutter bereits schwanger - zusammen nach München gegangen waren. Nach solchen Erzählungen hatten meine Geschwister und ich stets das Gefühl gehabt, unsere Eltern zu kennen. Und später, als sie weg waren, hatten wir feststellen müssen, dass wir nichts von ihnen wussten, gar nichts.

*

Wir machten einen Spaziergang, doch beim Aufbruch verriet unser Vater nicht, wohin wir gingen, und auch unterwegs sprach er kaum ein Wort. Zu fünft wanderten wir eine Anhöhe hinauf und kamen zu einem Waldstück. Vor einer gewaltigen Eiche auf dem Hügel blieb mein Vater stehen.

"Seht ihr, was da eingeritzt ist?", fragte er, doch er wirkte abwesend.

"L'arbre d'Eric", las Liz. "Erics Baum."

Wir betrachteten die Eiche. "Da hat jemand einen Ast abgehackt". Marty deutete auf die runde, wulstige Stelle am Baum.

"Ja, tatsächlich", murmelte Vater.

Meine Geschwister und ich hatten unseren Onkel Eric nie kennengelernt, es hieß, er sei schon vor vielen Jahren umgekommen.

"Wieso heißt denn der Baum so?", fragte Liz.

Die Miene unseres Vaters hellte sich auf. "Weil mein Bruder an diesem Baum seine Mädchen verführt hat. Er hat sie hierhergeführt, sie haben sich auf die Bank gesetzt, runter ins Tal gesehen, er hat ihnen Gedichte vorgetragen, und dann hat er sie geküsst."

"Gedichte?", fragte Marty. "Und das hat geklappt?"

"Jedes Mal. Und deshalb hat dann irgendein Scherzbold mit einem Messer die Worte in die Rinde geritzt."

Er blickte in das morgenkühle Blau des Himmels, unsere Mutter lehnte sich an ihn. Ich sah zum Baum und wiederholte im Stillen: L'arbre d'Eric.

*

Und dann kam das Ende der Ferien, noch ein letzter Ausflug. In der Nacht hatte es wieder geregnet, dicke Tautropfen hingen an den Blättern, die Morgenluft legte sich frisch auf meine Haut. Wie immer, wenn ich früh aufstand, hatte ich das herrliche Gefühl, der Tag gehöre mir. Ich hatte vor ein paar Tagen ein Mädchen aus dem Ort kennengelernt, Ludivine, und erzählte meiner Mutter von ihr. Mein Vater war wie jedes Mal am Ende des Frankreichurlaubs erleichtert, das Ganze für ein Jahr hinter sich gebracht zu haben. Er blieb manchmal stehen, um zu fotografieren, dabei pfiff er unablässig vor sich hin. Liz wanderte

voraus, Marty trottete als Letzter hinterher, fast immer mussten wir auf ihn warten.

Im Wald stießen wir auf einen Fluss voller Geröll, über den ein Baumstamm führte. Da wir ohnehin auf die andere Seite mussten, fragten meine Geschwister und ich, ob wir darüberbalancieren dürften.

Vater stieg auf das Holz und prüfte es. "Könnte gefährlich sein", sagte er. "Also ich gehe da bestimmt nicht rüber."

Auch wir sprangen auf den Baumstamm. Erst jetzt begriffen wir, wie tief es hinunterging, wie glitschig die Rinde war und wie steinig und breit der Fluss. Knapp zehn Meter lang war der Weg, und wer da ausrutschte und runterfiel, würde sich mit Sicherheit verletzen.

"Da hinten kommt eh eine Brücke", sagte Liz. Obwohl sie sonst alles ausprobierte - diesmal kniff sie und ging weiter, mein Bruder folgte ihr. Nur ich blieb stehen. Angst war mir damals fremd, erst vor wenigen Monaten hatte ich mich als Einziger aus meiner Klasse getraut, einen steilen Abhang mit dem Fahrrad hinunterzufahren. Nach einigen Metern hatte ich die Kontrolle verloren, mich überschlagen und mir den Arm gebrochen. Doch kaum war ich den Gips los und der Bruch verheilt, suchte ich schon nach dem nächsten gefährlichen Abenteuer.

Ich starrte noch immer auf den Baumstamm vor mir, und ohne groß darüber nachzudenken, setzte ich einen Schritt vor den anderen.

"Du bist verrückt", rief Marty, doch ich hörte nicht hin.

Einmal rutschte ich fast aus, beim Blick auf den steinigen Fluss unter mir wurde mir schwindlig, doch da hatte ich bereits die Hälfte erreicht. Mein Herz schlug schneller, ich rannte die letzten zwei Meter und kam glücklich auf der anderen Seite an. Vor Erleichterung riss ich die Arme hoch. Bis zur Brücke ging meine Familie links den Fluss entlang, ich allein rechts, ab und zu sah ich zu ihnen und grinste. So stolz war ich noch nie zuvor gewesen.

*

Der Fluss führte aus dem Wald hinaus. Er wurde breiter, die Strömung schneller, der Regen der vergangenen Tage hatte den Pegel ansteigen lassen. Das Ufer war schlammig und aufgeweicht, ein Schild warnte Spaziergänger davor, zu nahe zu treten.

"Wer da reinfällt, ertrinkt". Marty blickte auf das tosende Wasser.

"Hoffentlich plumpst du rein, dann sind wir dich endlich los", sagte Liz.

Er trat nach ihr, doch sie wich geschickt aus und hakte sich bei unserer Mutter auf eine so selbstverständliche und lässige Weise unter, wie nur sie es konnte.

"Bist du wieder frech gewesen?", fragte Mutter. "Wie es aussieht, werden wir dich wohl hier bei Oma zurücklassen müssen."

"Nein", sagte Liz in halb gespieltem, halb echtem Entsetzen. "Bitte nicht."

"Du lässt mir leider keine Wahl. Oma wird gut auf dich aufpassen". Sie machte den tadelnden Blick unserer Großmutter nach, und Liz lachte.

Unsere Mutter war eindeutig der Star der Familie, jedenfalls für uns Kinder. Sie war attraktiv und grazil, hatte in ganz München Freunde und gab Dinnerpartys, zu denen auch Künstler, Musiker oder Theaterschauspieler kamen, die sie Gott weiß wo kennengelernt hatte. Übrigens untertreibe ich gewaltig, wenn ich sie als "attraktiv" oder "grazil" beschreibe. Das sind klägliche Worte, die nicht ansatzweise unser Gefühl wiedergeben können, dass wir zufällig eine Mischung aus Grace Kelly und Ingrid Bergman als Mutter hatten. Es schien mir als Kind unbegreiflich, dass sie kein Leben als berühmte Schauspielerin führte, sondern einfach nur eine Lehrerin war. Sie selbst nahm ihre Pflichten zu Hause oft mit einem belustigten und zugleich liebevollen Lächeln hin, und erst später wurde mir bewusst, wie eingeengt sie sich gefühlt haben musste.

Auf einer Wiese am Flussufer rasteten wir. Unser Vater stopfte seine Pfeife, wir aßen die mitgebrachten Schinkenbaguettes. Später spielte Mutter auf der Gitarre ein paar Chansons von Gilbert Becaud.

Als sie und Vater dazu sangen, verdrehte Marty die Augen. "Bitte hört auf. Das ist so peinlich."

"Aber es ist doch niemand hier", sagte unsere Mutter.

"Doch, die da!"

Mein Bruder deutete auf das gegenüberliegende Flussufer, wo sich gerade eine andere Familie niedergelassen hatte. Die Kinder waren in unserem Alter, sie hatten einen jungen Mischlingshund dabei, der zwischen ihnen herumtobte.

Es wurde Mittag, die Sonne stand hoch am Himmel. In der Hitze zogen Marty und ich unsere T-Shirts aus und legten uns auf eine Decke. Liz kritzelte in einen Block; kleine Zeichnungen und immer wieder ihren Namen. Damals probierte sie oft aus, in welcher Schrift er am schönsten aussah, und schrieb ihn überall hin, auf Papier, auf den Tisch, in Ordner oder auf Servietten. Liz, Liz, Liz.

Unsere Eltern machten einen Spaziergang und verschwanden aneinandergeschmiegt in der Ferne, wir Geschwister blieben auf der Wiese zurück. Die Landschaft war von der Sonne gesättigt. Marty und Liz

spielten Karten, ich zupfte auf der Gitarre herum und beobachtete die Familie auf der anderen Flussseite. Immer wieder hörte ich ihr Gelächter, durchdrungen von Hundegebell. Ein Junge warf ab und zu einen Stock, den der Mischling sofort holte, bis es dem Jungen offenbar zu langweilig wurde und er den Stock unter einer Decke versteckte. Der Hund jedoch wollte weiterspielen, rannte immer wieder zu den einzelnen Familienmitgliedern und schließlich etwas weiter flussabwärts. Ein größerer Ast hatte sich in einem Gestrüpp am Ufer verfangen. Der Hund versuchte, ihn mit dem Maul wegzuzerren, doch es gelang ihm nicht. Die Strömung des Flusses war an dieser Stelle reißend und stark. Ich beobachtete die Szene als Einziger und spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten.

Der junge Hund zerrte am Ast und kam in seinem Übermut dem rauschenden Wasser immer näher. Ich wollte gerade die Familie von gegenüber darauf aufmerksam machen, da hörte ich ein Jaulen. Ein Stück des Ufers war einfach weggebrochen und der Hund ins Wasser gefallen. Nur mit seinen Vorderpfoten und den Zähnen krallte er sich weiter am Ast fest. Er winselte und versuchte, sich wieder ans bröckelnde Ufer zurückzukämpfen, doch die Strömung war zu stark. Sein Winseln wurde lauter.

"O mein Gott", sagte Liz.

"Er schafft es nicht", sagte Marty. Er klang so bestimmt, als wäre er der Richter über diese Szene.

Die Familie auf der anderen Seite rannte zum Hund. Sie hatte ihn gerade erreicht, da löste sich der Ast vom Gestrüpp und wurde mitsamt dem Mischling fortgespült.

Eine Weile hielt er sich noch über Wasser, dann verschwand er im Fluss. Während die Kinder von gegenüber schrien und weinten, wandte ich mich ab und sah in die Gesichter meiner Geschwister. Ihre Blicke habe ich nie mehr vergessen.

*

Abends im Bett hörte ich noch immer das Jaulen des Hundes. Liz war den ganzen Tag bedrückt gewesen, Marty sagte kaum etwas. Am seltsamsten war jedoch, dass unsere Eltern nicht da gewesen waren, als es geschah. Natürlich hatten sie nach ihrer Rückkehr versucht, uns zu trösten, aber es änderte nichts daran, dass meine Geschwister und ich etwas erlebt hatten, was nur uns allein erschütterte.

Damals wälzte ich mich die halbe Nacht im Bett. Wie das unbeschwerte Glück der Familie von der anderen Uferseite binnen

Sekunden zerstört worden war, ließ mich nicht los. Mir fiel wieder mein Onkel Eric ein und wie man uns einmal gesagt hatte, er sei "umgekommen". Bis jetzt war mein Leben behütet verlaufen, aber offenbar gab es unsichtbare Kräfte und Strömungen, die alles schlagartig verändern konnten. Denn es schien Familien zu geben, die vom Schicksal verschont blieben, und andere, die das Unglück auf sich zogen, und in dieser Nacht fragte ich mich, ob meine Familie auch so eine war.

An der Weiche
(1983-1984)

Dreieinhalb Jahre später, im Dezember 1983: das letzte Weihnachtsfest mit meinen Eltern. Am frühen Abend stand ich am Fenster meines Kinderzimmers, während die anderen das Wohnzimmer herrichteten. Wie jedes Jahr riefen sie mich erst, wenn alles fertig geschmückt war, doch wie lange dauerte es noch? Ich hörte draußen meinen Bruder maulen, das helle, versöhnliche Lachen meiner Mutter. Hörte, wie meine Schwester und mein Vater diskutierten, welche Tischdecke sie nehmen sollten. Um mich abzulenken, sah ich in den Innenhof, auf die winterlich kahlen Bäume, die Schaukel und das Baumhaus. Vieles hatte sich in den letzten Jahren verändert, aber nie der Blick in den geliebten Hof.

Es klopfte an der Tür. Mein Vater trat ein, er trug einen marineblauen Kaschmirpullover und kaute auf seiner Pfeife. Inzwischen ging er auf die vierzig zu. Die schwarzen Haare waren vorne gelichtet, das jungenhafte Lächeln verschwunden. Was war mit ihm geschehen? Vor Jahren hatte er noch fröhlich und zuversichtlich gewirkt, und nun stand diese geduckte Gestalt im Zimmer.

Er und Mutter machten nur noch selten etwas zu zweit, dafür verschwand mein Vater oft stundenlang, um zu fotografieren. Seine Fotos zeigte er uns jedoch nie, und selbst wenn ich mit Freunden spielte, konnte ich ihn und seine missmutigen Blicke in meinem Rücken spüren. Aus seinen Augen betrachtet, war die Welt ein Ort ständiger Gefahren. Etwa beim Autofahren, wenn meine Mutter am Steuer saß.("Das ist viel zu schnell, Lena, du bringst uns noch alle um".) Oder wenn ich wie jeden Sommer den Fluss bei Berdillac überqueren wollte und über den Baumstamm lief.("Jules, ich kann das wirklich nicht mehr mit ansehen, wenn du da runterfällst, brichst du dir das Genick!") Oder wenn Liz mit Schulfreundinnen auf ein Konzert gehen wollte.("Das verbiete ich dir, wer weiß, was da für Leute rumlaufen!") Hätte mein Vater einen

Ratgeber geschrieben, wäre der Titel vermutlich "Lass es lieber" gewesen.

Nur wenn er mit Freunden im Park kickte, war er gelöst, und dann bewunderte ich ihn dafür, wie er mit dem Ball am Fuß über den Platz schwebte und seine Gegenspieler ins Leere laufen ließ. Als Jugendlicher in Frankreich hatte er im Verein gespielt, und noch immer besaß er ein untrügliches Gefühl für den Raum, konnte die Zuspiele des Gegners erahnen und preschte im richtigen Moment in die Lücken. Als wäre er der Einzige, der das Spiel wirklich verstand.

Mein Vater stellte sich zu mir ans Fenster. Er roch nach Tabak und seinem herben, moosigen Rasierwasser. "Freust du dich aufs Fest, Jules?"

Als ich nickte, tätschelte er mir die Schulter. Früher waren wir, wenn er abends von der Arbeit gekommen war, oft durch Schwabing spaziert. Es gab noch die alten Eckkneipen und Stehcafes, verdreckte gelbe Telefonzellen und Kramläden, in denen Schokolade, Wollstrümpfe oder - mein Favorit - zertifizierte Grundstücke auf dem Mond angeboten wurden. Das Viertel wirkte wie ein zu groß geratenes Dorf, in dem die Zeit etwas langsamer verging. Manchmal hatten wir noch in einem Park ein Eis gegessen, und mein Vater hatte mir erzählt, wie er als junger Mann ein halbes Jahr in Southampton am Hafen gearbeitet hatte, um sich sein Studium zu finanzieren und Englisch zu lernen, oder von den Streichen seines Bruders Eric in ihrer Kindheit, und diese Geschichten mochte ich am meisten.

In besonderer Erinnerung ist mir jedoch der Ratschlag geblieben, den er mir bei unserem letzten Spaziergang gegeben hatte. Anfangs hatte ich mit seinen Worten nicht viel anfangen können, doch im Laufe der Jahre waren sie für mich zu einer Art Vermächtnis geworden.

Mein Vater hatte damals gesagt: "Am wichtigsten ist, dass du deinen wahren Freund findest, Jules". Er hatte gemerkt, dass ich nicht verstand, und mich eindringlich angesehen. "Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen". Er fasste mich an der Schulter. "Hörst du zu?"

Ich hatte mit einem Stock gespielt, den ich auf dem Boden gefunden hatte, und warf ihn weg. "Wer ist dein wahrer Freund?", fragte ich.

Mein Vater hatte nur den Kopf geschüttelt. "Ich habe ihn verloren", die Pfeife zwischen den Lippen, "ist das nicht seltsam? Einfach so verloren."

Ich hatte nicht gewusst, was ich mit alldem anfangen sollte, und vielleicht ahnte ich auch, dass aus diesen wohlmeinenden Worten seine

eigene Enttäuschung sprach. Nichtsdesto trotz hatte ich mir seinen Ratschlag eingeprägt. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.

"Hab gehört, du kriegst nachher ein richtig tolles Geschenk", sagte mein Vater auf Französisch, als er das Zimmer wieder verließ.

"Wirklich? Was denn?"

Er lächelte. "Die paar Minuten musst du dich noch gedulden."

Es fiel mir schwer. Von draußen hörte ich bereits Klaviermusik - Stille Nacht und A la venue de Noël. Und dann, endlich, kamen Liz und Marty den Flur entlanggerannt und rissen die Tür auf.

"Los, komm!"

Der bis zur Decke reichende Baum im Wohnzimmer war mit bunten Kugeln, Holzfiguren und Kerzen geschmückt, darunter stapelten sich die Geschenke, es duftete nach Wachs und Tannenzweigen. Auf dem Tisch standen ein großer Truthahn, dazu Kartoffelgratin, Lammragout, Roastbeef, Preiselbeermarmelade, Buttercremekuchen und Pasteten. Es war immer zu viel, so dass man die Reste in den folgenden Tagen als kalte Snacks aus dem Kühlschrank aß, was ich besonders liebte.

Nach dem Essen sangen wir Weihnachtslieder, dann folgte das letzte Ritual vor dem großen Geschenkeauspacken: Unsere Mutter spielte auf der Gitarre Moon River. Sie kostete diesen Moment jedes Mal aus.

"Wollt ihr das Lied wirklich hören?", fragte sie.

"Ja", riefen wir alle.

"Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, ihr seid nur höflich."

"Doch, wir wollen es hören!", riefen wir, lauter als zuvor.

"Gebt mir ein neues Publikum", seufzte unsere Mutter enttäuscht. "Dieses hier ist satt und will mich nicht mehr."

Wir brüllten immer lauter, bis sie doch noch die Gitarre nahm.

Unsere Mutter war für uns noch immer der Mittelpunkt der Familie. War sie in der Nähe, wurden aus den Streitereien meiner Geschwister alberne Wortgefechte, über die man lachte, und Krisen in der Schule verwandelten sich in kleinere Rückschläge, die man problemlos bewältigte. Sie stand Liz Modell für ihre Zeichnungen oder ließ sich von Marty seine Forschungsergebnisse mit dem Mikroskop zeigen. Mir brachte sie das Kochen bei und verriet mir sogar das Geheimrezept für ihren "unwiderstehlichen Kuchen", eine klebrige Schokoladenpampe, nach der man sofort süchtig wurde. Und obwohl sie etwas faul war - klassische Szene: Unsere Mutter lag auf der Couch und dirigierte uns zum Kühlschrank, um ihr etwas zu bringen - und heimlich rauchte,

wollten wir alle so sein wie sie.

Endlich fing sie an zu spielen, ihre Stimme erfüllte den Raum.

Moon River, wider than a mile,

I'm crossing you in style some day.

Oh, dream maker, you heart breaker,

wherever you're going I'm going your way.

Es war der Moment im Jahr, in dem alles stimmte. Liz hörte mit offenem Mund zu, mein Bruder nestelte gerührt an seiner Brille, und mein Vater lauschte mit traurigen Augen, aber verzücktem Gesicht. Neben ihm saß Tante Helene, die ältere Schwester unserer Mutter, eine heitere, voluminöse Frau, die allein in ihrer Wohnung im Glockenbachviertel lebte und uns jedes Mal riesige Geschenke machte. Abgesehen von unserer weit entfernten Großmutter in Frankreich war das alles an Familie, was wir noch hatten: ein dünner Ast am Moreau-Stammbaum.

Bei der Bescherung schnappte ich mir als Erstes das Geschenk meines Vaters, es war klobig und groß. Ich riss die Verpackung auf: eine alte Mamiya. Mein Vater sah mich erwartungsvoll an. Die Kamera kam mir bekannt vor, doch seit dem Fest in Berdillac hatte ich nicht mehr fotografiert. Dazu war die Mamiya schon gebraucht und voller Kratzer, die Linse wirkte wie das überdimensionale Auge eines Zyklopen, die Knöpfe knackten beim Verstellen. Enttäuscht legte ich sie weg und öffnete die anderen Geschenke.

Von meiner Mutter hatte ich ein rotes Notizbuch aus Leder und drei Romane geschenkt bekommen: Tom Sawyer, Der kleine Prinz und Krabat. Noch immer las sie mir abends vor, immer öfter ließ sie aber auch mich vorlesen und lobte mich, wenn ich es gut gemacht hatte. Vor kurzem hatte ich zum ersten Mal selbst eine Geschichte geschrieben, über einen verzauberten Hund. Meiner Mutter hatte sie sehr gefallen. Ich nahm das rote Notizbuch in die Hand, und später, als die anderen Brettspiele spielten, schrieb ich meine Gedanken hinein.

*

Kurz vor Neujahr sahen wir unseren Vater das erste und letzte Mal weinen. Ich lag an diesem Nachmittag auf dem Bett und schrieb an einer neuen Kurzgeschichte. Sie handelte von einer Bibliothek, in der die Bücher nachts heimlich miteinander sprachen, voreinander mit ihrem Verfasser prahlten oder sich über ihren schlechten Platz in einem der hinteren Regale beschwerten.

Ohne anzuklopfen kam meine Schwester ins Zimmer. Sie grinste

verschwörerisch und machte die Tür hinter sich zu.

"Was ist?"

Eigentlich konnte ich ihre Antwort eingrenzen. Liz war inzwischen vierzehn, und es gab genau drei Dinge, die sie interessierten: Zeichnen, kitschige Liebesfilme und Jungs. Sie war jetzt das hübscheste Mädchen ihrer Klasse; blondgelockt, mit einer tiefen Stimme und einem Lächeln, mit dem sie jeden um den Finger wickeln konnte. Auf dem Pausenhof sah man sie oft mit einer Entourage von Mädchen, denen sie erzählte, welchen Jungen sie wo geküsst hatte und wie langweilig oder bestenfalls mittelmäßig das gewesen sei. Es war nie gut, und es waren immer ältere Jungs aus der Stadt, die Jungen aus ihrer Klasse dagegen hatten keine Chance. Manchmal versuchten sie trotzdem ihr Glück, aber Liz schenkte ihnen keine Beachtung.

Sie setzte sich auf mein Bett und stieß mich an. "Du Verräter."

Ich schrieb noch immer an meiner Geschichte und hörte kaum zu. "Wieso?"

"Du hast ein Mädchen geküsst."

Meine Wangen glühten. "Woher weißt du das?"

"Eine Freundin von mir hat dich gesehen. Sie meinte, es wäre direkt hier vor der Haustür gewesen und du hättest dem Mädchen die Zunge in den Hals gesteckt. Wie zwei Labradore, hat sie gesagt."

Liz lachte, im selben Moment nahm sie mir das Notizbuch aus der Hand und begann Figuren hineinzukritzeln, dazu überall ihren Namen. Liz, Liz, Liz.

Das mit dem Kuss stimmte. Ich konnte mit Mädchen so reden, als wären sie Jungs, und bekam hin und wieder Liebesbriefe unter der Bank zugeschoben. Das Leben schien voll solcher Verheißungen zu sein, und meine Selbstsicherheit wuchs. Obwohl ich Klassensprecher war, redete ich im Unterricht häufig dazwischen oder legte mit einem lässigen Grinsen meine Füße auf den Tisch, bis der Lehrer mich ermahnte. Später empfand ich mein Verhalten als arrogant, aber damals gefiel es mir, vor meinen Freunden den Ton anzugeben und im Mittelpunkt zu stehen. Ich fing an, mit älteren Jungen herumzuhängen, und prügelte mich oft. Wenn etwa jemand aus der neuen Gruppe einen Spruch über mich machte, stürzte ich mich sofort auf ihn. Es war nie ganz ernst gemeint, aber auch nie nur Spaß. Ein paar der älteren Jungen kifften schon und tranken Alkohol, doch noch zögerte ich, wenn sie mir etwas anboten, und ich erzählte ihnen auch nicht, dass ich gern las oder mir Geschichten ausdachte. Ich wusste, dass sie mich dafür ausgelacht hätten und dass

ich diese Seite von mir gut verstecken musste.

"Wie war das Küssen denn so?" Liz warf mir das Notizbuch in den Schoß.

"Geht dich nichts an."

"Jetzt sag schon. Sonst erzählen wir uns doch auch alles."

"Ja, aber jetzt will ich eben nicht."

Ich stand auf und ging in das immer leicht nach Aktenstaub und altem Papier muffelnde Arbeitszimmer unseres Vaters. Als ich hörte, dass meine Schwester mir folgte, tat ich beschäftigt und stöberte in den Schubladen des Schreibtischs herum. In den meisten fanden sich nur Brillenetuis, Tintenfässer und vergilbte Notizblätter. In der untersten stieß ich jedoch auf eine Leica. Das Gefäß schwarz, das Objektiv silbern. Sie lag in ihrer Originalverpackung, ich hatte meinen Vater nie damit fotografieren sehen. In der Schublade war noch ein Brief, auf Französisch geschrieben, die Handschrift war mir unbekannt.

Lieber Stephane, diese Kamera ist für dich. Sie soll dich daran erinnern, wer du bist, und an das, was nie vom Leben kaputtgemacht werden darf. Bitte versuche, mich zu verstehen.

Von wem war dieser Brief? Ich legte ihn in die Schublade zurück und untersuchte die Kamera, öffnete den Verschluss für den Film und schraubte am Objektiv herum. Staub tanzte im Licht, das durch das Fenster einfiel.

Liz hatte sich gerade in einem kleinen Spiegel entdeckt. Hocherfreut über diesen Anblick betrachtete sie sich von allen Seiten, dann wandte sie sich wieder mir zu.

"Und wenn ich noch nie jemanden geküsst habe?"

"Was?"

Meine Schwester kaute auf ihrer Unterlippe und schwieg.

"Aber du erzählst uns doch die ganze Zeit, mit wem du alles rumgemacht hast". Die Kamera baumelte an meiner Hand. "Du redest von nichts anderem."

"Mein erster Kuss soll was Besonderes sein, ich ..."

Es knarzte. Unser Bruder, der ein sicheres Gespür hatte, wann und wo in der Wohnung Geheimnisse ausgetauscht wurden, tauchte in der Tür auf. Sein teuflisches Grinsen ließ erahnen, dass er uns belauscht hatte.

Marty war damals dreizehn, ein einzelgängerischer Streber mit Nickelbrille, bleich und dünn wie ein Stück Kreide. Ein Kind, das Kinder hasste, das sich an Erwachsene hängte und ansonsten bewusst allein

blieb. Immer hatte er im Schatten seiner Schwester gestanden, die ihn provozierte, wo sie nur konnte, ihn in der Schule nie beachtete und sich über ihn lustig machte, da er kaum Freunde hatte. Und nun waren ihm - ein Geschenk des Himmels - Geheiminformationen in die Hände gefallen, die den Ruf unserer Schwester an der Schule in Sekunden ruinieren konnten.

"Interessant", sagte er. "Lässt du deshalb immer alle Jungs abblitzen, weil du Schiss hast? Weil du ein kleines Kind bist, das lieber kitschiges Zeug zeichnet und mit Mama kuschelt?"

Liz brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

"Wenn du das jemandem erzählst, dann ..."

"Was dann?" Marty lachte und machte übertriebene Kussgeräusche.

Liz stürzte sich auf ihn. Sie rissen sich gegenseitig an den Haaren und traten sich. Ich versuchte, meine Geschwister zu trennen, und sah nicht, wer mir die Kamera aus der Hand schlug, nur noch, wie sie durchs Zimmer flog und mit dem Objektiv voran auf dem ... - Mist.

Sofort war es still. Ich hob die Leica auf, das Objektiv war gesprungen.

Wir beratschlagten eine Weile, was zu tun sei.

"Legen wir sie einfach wieder in die Schublade zurück", sagte Liz. "Vielleicht fällt es ihm gar nicht auf."

Und wie immer hatte unsere Schwester das letzte Wort.

An diesem Tag kam unser Vater erstaunlich früh nach Hause. Er wirkte aufgewühlt und verschwand sofort in seinem Arbeitszimmer.

"Kommt mit!", befahl Liz.

Zu dritt konnten wir durch den Türspalt beobachten, wie unser Vater eine Weile rastlos durch den Raum lief und sich immer wieder durchs Haar fuhr. Dann nahm er den Hörer des grünen Drehscheibentelefons und wählte.

"Ich bin's noch mal", sagte er mit seinem weichen Akzent, "Stephane. Ich wollte Ihnen sagen, dass Sie einen Fehler machen. Sie können nicht einfach ..."

Sein Gesprächspartner schien ihn sofort abzuwimmeln, unser Vater knickte spürbar ein. Immer wieder streute er ein "Aber Sie "... oder "Doch, das ist "... in die Unterhaltung ein, einmal sogar ein flehendes "Bitte", aber er kam kaum noch zu Wort.

"Sie hätten wenigstens eine Andeutung machen können", sagte unser Vater schließlich. "Nach zwölf Jahren. Ich kann mich doch ..."

Wieder wurde er abgewürgt. Dann legte er einfach auf.

Er ging zur Mitte des Raums und blieb dort sekundenlang regungslos stehen, als hätte ihm jemand den Stecker gezogen. Gespenstisch.

Endlich kam wieder Leben in ihn. Er trat an den Schreibtisch, und ich wusste sofort, welche Schublade er herausziehen würde. Zuerst las er den Brief, dann holte er die Leica aus der Verpackung. Als unser Vater das kaputte Objektiv bemerkte, zuckte er kurz zusammen. Er legte Kamera und Brief zurück in die Schublade und trat ans Fenster. Und dann weinte er. Es war für uns nicht auszumachen, ob wegen des Telefonats oder wegen der Leica oder vielleicht wegen der Schwere, die ihn in den letzten Jahren überkommen hatte. Wir wussten nur, dass wir das nicht sehen wollten, und stumm gingen wir auf unsere Zimmer.

*

Nach Neujahr wollten unsere Eltern übers Wochenende wegfahren. Eine spontane Reise, die mit der Entlassung unseres Vaters zusammenzuhängen schien, doch unsere Mutter erzählte uns nur, dass sie Freunde in Montpellier besuchen würden und wir nicht mitfahren könnten. Unsere Tante würde auf uns aufpassen.

"Wir brauchen aber keinen Babysitter", sagte Liz. "Ich bin schon vierzehn."

Unsere Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Es ist ja auch mehr für deine männlichen Kollegen."

"Danke, das hab ich gehört", sagte Marty, ohne von seiner Zeitung aufzublicken.

In unserem Haus in München lebten noch neun andere Mieter, darunter Marleen Jacobi, eine junge, außergewöhnlich hübsche Witwe, die nur dunkle Kleider trug. Man traf sie immer allein an, und es war mir unbegreiflich, wie man so einsam leben konnte. Liz dagegen bewunderte sie sehr und war jedes Mal aufgeregt, wenn sie ihr im Treppenhaus oder auf der Straße begegnete, sie zwickte mich dann in den Arm oder stieß mich an.

"Sie ist einfach so schön!", sagte sie atemlos.

Ihre Faszination führte dazu, dass Marty und ich begannen, unsere Schwester aufzuziehen. "Die Jacobi war gerade da", sagten wir an jenem Nachmittag zu ihr. "Du hast sie nur um wenige Sekunden verpasst. Sie sah so schön aus wie noch nie."

"Ach was", sagte Liz, übertrieben gelangweilt. "Ich glaub euch kein Wort."

"Doch, sie hat nach dir gefragt", sagten wir. "Sie will dich heiraten."

"Ihr seid kindische Idioten", antwortete Liz und fläzte sich zu unserer

Mutter auf die Wohnzimmercouch. "Mama", sagte sie, mich angrinsend, "rat mal, wer neulich zum ersten Mal ein Mädchen geküsst hat?"

Meine Mutter blickte sofort zu mir. "Ist das wahr?", fragte sie, und ich glaube, sie sagte es anerkennend.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was wir danach gesprochen haben, aber ich weiß noch, wie meine Mutter mit einem Mal von der Couch aufstand und ein Lied auflegte. Via Con Me von Paolo Conte. Sie streckte ihre Hand nach mir aus.

"Jules, pass auf", sagte sie, als wir tanzten. "Wenn du ein Mädchen kriegen willst, dann tanz mit ihr zu diesem Lied. Mit diesem Lied bekommst du sie ganz sicher."

Meine Mutter lachte. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass es das einzige Mal war, dass sie mit mir auf Augenhöhe gesprochen hatte.

Kurz bevor meine Eltern abends aufbrachen, hatte ich noch einen kleinen Disput mit meinem Vater, und am besten erzähle ich ihn so, wie ich ihn selbst lange in Erinnerung hatte:

Ich lief damals zufällig am Schlafzimmer vorbei, in dem mein Vater gerade packte. Er machte einen gestressten Eindruck.

"Gut, dass du kommst", sagte er. "Ich muss mit dir reden."

Ich blieb gegen die Tür gelehnt stehen. "Was gibt's?"

Er rückte nicht gleich damit heraus, sondern schob seine ewigen Bedenken vor, dass meine älteren Freunde ihm nicht gefallen würden, dass ich "schlechten Umgang" hätte. Dann kam er jedoch auf sein Weihnachtsgeschenk zu sprechen, die Kamera.

"Sie liegt noch immer in der Ecke. Du hast nicht ein Mal mit ihr fotografiert, stimmt's? Nicht mal richtig angeschaut hast du sie."

Auf einmal tat mir mein Vater leid, ich sah weg.

"Sie ist wirklich wertvoll. In deinem Alter hätte ich mich sehr darüber gefreut."

"Ich weiß nicht, wie ich mit ihr fotografieren soll. Sie ist so schwer und alt."

Da richtete sich mein Vater auf und kam auf mich zu. Ein erstaunlich großer, schlaksiger Mann. "Sie ist ein Klassiker, verstehst du?" Für einen Augenblick hatte sein Gesicht wieder etwas Jungenhaftes. "Besser als die neuen Kameras. Sie hat eine Seele. Wenn wir zurück sind, zeige ich dir, wie man mit ihr Fotos macht und sie entwickelt. Abgemacht?"

Ich nickte zögerlich.

"Du hast ein gutes Auge, Jules. Ich würde mich freuen, wenn du später mal fotografierst", sagte mein Vater, und auch diese Worte vergaß ich nie mehr.

Woran erinnere ich mich noch von jenem Abend? Auf jeden Fall daran, wie meine Mutter mir zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gab. Ich habe in meinem Leben bestimmt tausendmal an diesen letzten Kuss und die letzte Umarmung mit ihr gedacht, an ihren Geruch und an ihre beruhigende Stimme. Ich habe so oft daran gedacht, dass ich nicht mehr sicher bin, ob es wahr ist.

*

Meine Geschwister und ich verbrachten das Wochenende zu Hause. Mit unserer Tante spielten wir Malefiz(wie immer war es Liz' einziges Ziel, Marty mit den kleinen weißen Steinen einzumauern), und abends machte ich für alle Omeletts mit Pilzen, nach einem Rezept, das Mutter mir beigebracht hatte.

Am Samstag waren Liz und ich im Kino, und so war nur Marty da, als unser Vater von unterwegs anrief. Unsere Eltern wollten überraschend doch noch ein paar Tage dranhängen. Sie hatten einen Wagen gemietet, um einen Abstecher nach Berdillac zu machen.

Ich hatte nichts dagegen und freute mich vor allem auf die kleinen Geschenke und den Käse, den sie aus Südfrankreich mitbringen würden.

Und dann kam der 8. Januar, ein Sonntag. In den Jahren danach habe ich oft versucht, mir eine dumpfe Vorahnung anzudichten, aber das war vermutlich Unsinn. Gegen Abend lautete das Telefon. Als meine Tante den Hörer abnahm, spürte ich sofort die Veränderung in der Atmosphäre und setzte mich. Auch Marty blieb augenblicklich stehen. Alle anderen Details sind mir dagegen entfallen. Ich weiß nicht, was ich am Morgen gemacht habe, was ich nach dem Anruf tat oder weshalb meine Schwester an dem Abend nicht da war.

Was mir von diesem Tag blieb, ist einzig eine allerletzte Erinnerung, an deren Bedeutung ich allerdings erst viel später glaubte.

An jenem Nachmittag lief ich aufgedreht ins Wohnzimmer. Liz zeichnete gerade eine Bildergeschichte, mein Bruder saß neben ihr und schrieb in seiner krakeligen Mäuseschrift an Gunnar Nordahl. Das war sein Brieffreund in Norwegen, aber Liz und ich sagten immer, dass es Gunnar Nordahl gar nicht gebe und Marty ihn sich nur ausgedacht habe.

Ich baute mich vor meinem Bruder in Boxerpose auf. Ich war in meiner Muhammed-Ali-Phase und hielt mich für einen ausgezeichneten Imitator, vor allem die großmäuligen Kampfansagen hatten es mir angetan.

"Hey", sagte ich zu Marty. "Heute bist du fällig, du Ratte. Du bist nur ein Onkel Tom."

"Jules, du nervst. Außerdem weißt du gar nicht, was Onkel Tom bedeutet."

Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Als er nicht reagierte, noch einen. Mein Bruder schlug nach mir, aber ich sprang zurück und machte Schattenboxen. "Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene."

Ich war wohl kein ausgezeichneter Ali-Imitator, aber den Ali-Shuffle, das schnelle Tänzeln auf der Stelle, beherrschte ich recht gut.

Liz schaute uns beiden gespannt zu.

Wieder gab ich Marty einen Klaps. "In der zweiten Runde bist du dran", brüllte ich mit weit aufgerissenen Augen.

"Ich habe mit einem Alligator gerungen, dem Blitz Handschellen angelegt und den Donner eingekerkert. Letzte Woche hab ich einen Felsen ermordet, einen Stein verletzt und einen Ziegel krankenhausreif geprügelt. Du dagegen bist so hässlich, dass ich dich beim Kämpfen nicht ansehen werde."

"Stör mich nicht."

"Genau, stör ihn nicht", sagte Liz spöttisch. "Er schreibt wieder seinem imaginären norwegischen Freund."

"Ach, ihr langweilt mich", sagte Marty.

Diesmal gab ich ihm einen Klaps auf den Hinterkopf, so fest, dass er sich verschrieb. Ruckartig fuhr mein Bruder hoch und rannte hinter mir her. Wir rauften, erst schien es ernst, aber als ich immer wieder kreischte und brüllte, dass ich der Größte sei, musste Marty wider Willen lachen, und wir ließen voneinander ab.

Etwa zur gleichen Zeit stiegen meine Eltern in ihren gemieteten Renault, um unsere Großmutter in Berdillac zu besuchen. Währenddessen setzte sich eine junge Anwältin in ihren Toyota. Sie war in Montpellier zu einem Abendessen verabredet und wollte pünktlich dort sein. Ihr Wagen brach auf der nassen Fahrbahn aus und geriet auf die Gegenspur, wo er mit dem Renault meiner Eltern zusammenstieß. Zwei Menschen waren sofort tot.

Die junge Anwältin überlebte nur knapp.

Kristallisation
(1984-1987)

Was folgt, ist dunkles Staunen und ein dichter Nebel, nur selten gelichtet von einigen kurzen Erinnerungen. Wie ich in meinem Zimmer in München stehe und aus dem Fenster sehe, in den Innenhof mit der Schaukel und dem Baumhaus und in das Morgenlicht, das sich in den Ästen der Bäume verfängt. Es ist der letzte Tag in unserer komplett leergeräumten Wohnung, ich höre Marty nach mir rufen.

"Jules, kommst du?"

Zögerlich wende ich mich ab. Mir geht durch den Kopf, dass ich nie wieder in den geliebten Hof hinaussehen werde, doch ich fühle nichts, nicht mal, dass meine Kindheit vorbei ist.

Kurz darauf die erste Nacht im Internat, als wir zu spät ankommen und ich von meinen Geschwistern getrennt werde. Ich gehe mit dem Koffer den kahlen, mit Linoleum ausgelegten Gang entlang, der nach Essig riecht, an der Seite eines Erziehers. Er läuft zu schnell, ich falle etwas zurück. Schließlich öffnet er eine Tür. Ein Raum mit drei Betten, zwei davon schon belegt. Die anderen Kinder blinzeln verschlafen. Um sie nicht weiter zu stören, lösche ich das Licht und ziehe mich im Dunkeln aus. Verstecke ein Stofftier unter meinem Kissen. Als ich in meinem neuen Bett liege, denke ich an meine Eltern und an meine Geschwister, die in der Nähe sind und trotzdem ganz weit weg, und ich weine nicht, nicht eine Sekunde.

Ich erinnere mich auch noch an einen Tag im Winter, einige Wochen später. Ein böiger Wind peitscht über die hügelige, verschneite Landschaft. Ich schließe den Anorak, halte mir die Hand vors Gesicht und stapfe weiter. Meine Nase tropft, die Schuhe drücken den frischen Schnee platt, es knarzt bei jedem Schritt. Die Kälte ist ein Schock für meine Lungen. Nach einer Stunde setze ich mich auf eine eisige Bank und blicke runter ins Tal. Stumm und fremd wirkt es. Ich stelle mir vor, wie ich hinabspringe, nur wenige Meter über der glitzernden Schneekruste von der Luft aufgefangen werde, ein atemberaubender Moment. Wie ich rasch an Höhe gewinne, nach oben schieße, schneller werde, wie mir der Wind ins Gesicht weht, ehe ich mit ausgebreiteten Armen dem Horizont entgegenfliege, einfach fort. Ich betrachte wieder das Heim, so angenehm fern, und male mir aus, was sie gerade ohne mich tun. Wie sie Schlitten fahren und von Mädchen sprechen, wie sie herumalbern und einander ärgern, dabei manchmal zu weit gehen, ehe schon im nächsten Moment alles wieder vergessen ist. Allmählich treten erste Lichter aus der tiefer werdenden Dämmerung hervor, und ich denke an mein altes, vom Zufall zerschnittenes Leben in München, doch das Heimweh ist nur noch eine verblassende Narbe.

Als ich später das Internat erreiche, ist der Himmel bereits nachtschwarz. Ich öffne die Tür zum Haupteingang. Aus der Mensa wehen aufgekratzte Stimmen zu mir herüber, und ein intensiver Geruch drängt sich mir auf, nach Essen, Schweiß und Deodorant. Die Luft durchdrungen von Erwartungen, Gelächter und unterdrückter Angst. Ich laufe den Flur entlang und sehe einen Jungen, den ich nicht kenne, auf mich zukommen. Er betrachtet mich, den Neuen, argwöhnisch. Instinktiv richte ich mich auf, versuche, erwachsen auszusehen und keinen Fehler zu machen. Der Junge geht wortlos an mir vorbei.

Ich erreiche mein Zimmer, setze mich auf mein Bett und wische mir den Schnee aus dem Haar. Ich bin einfach nur da, ein Geist, ein winziges Wesen, elf Jahre alt. Starr und leer sitze ich im Zimmer, während alle anderen beim Abendessen sind. Später werde ich für mein Fernbleiben eine Strafe bekommen. Ich blicke in die Dunkelheit hinaus.

*

Das Heim, in das meine Geschwister und ich nach dem Tod unserer Eltern kamen, war keine dieser elitären Einrichtungen mit Tennisplätzen, Hockeyfeldern und Töpfereien, die uns anfangs vielleicht vorschwebten, sondern ein billiges staatliches Internat auf dem Land, bestehend aus zwei grauen Gebäuden und einer Mensa, alles auf dem Gelände des örtlichen Gymnasiums. Morgens gingen wir mit den Landkindern zur Schule, die Nachmittage und Abende verbrachten wir auf unseren Zimmern, am See oder auf dem Fußballplatz. Man gewöhnte sich an dieses Kasernenleben, dennoch konnte es auch noch nach Jahren deprimierend sein, wenn die externen Mitschüler nach dem Unterricht zu ihren Familien durften, während man selbst wie ein Gefangener auf dem Heimgelände zurückblieb und sich fühlte, als habe man einen Makel. Die spartanischen Zimmer teilte man mit Fremden, die manchmal zu Freunden wurden. Nach einem Jahr musste man wieder umziehen. Schwierig, sein ganzes Leben auf so wenig Zeit und Raum ausbreiten zu müssen, es gab viel Streit, aber auch nächtelange Unterhaltungen. Ganz selten sprachen wir über wirklich wichtige Dinge, Dinge, die wir bei Tageslicht nie wiederholt hätten, meistens jedoch redeten wir nur über Lehrer oder Mädchen. "Hat sie heute beim Essen wieder zu mir hergesehen?", oder: "Wie, die kennst du nicht? Verdammt, Moreau, das ist die Schönste an der ganzen scheiß Schule."

Viele Heimschüler waren zu Hause schon einmal auffällig geworden oder durchgefallen, manche hatten Drogen genommen. Hin und wieder wurden auch besonders kriminelle Exemplare wie Strandgut ins Internat gespült, das als staatliche Einrichtung dazu verpflichtet war, nahezu

jeden aufzunehmen. Dem gegenüber stand die fassungslose Dorfjugend, die mit ansehen musste, wie die Verrückten aus der Stadt in ihre Idylle einfielen. "Bist du auch aus dem Heim}", fragten sie einen dann, wobei mit "Heim" weniger Internat als Irrenanstalt gemeint war. Beim Essen schlangen wir alles in uns hinein, es gab nie genug. In uns ein Hunger, der nie ganz gestillt werden konnte. Dafür gab es im Heim ein ständiges Grundrauschen von Gerüchten, es wurde genau registriert, wer mit wem sprach, welche Freundschaften entstanden und wer bei den Mädchen hoch im Kurs stand. Nicht jede Veränderung wurde gebilligt. Es gab neue Klamotten, die von ihrem Besitzer erst stolz vorgeführt wurden und dann schnell wieder im Schrank verschwanden, wenn sie keinen Anklang gefunden hatten. Manche Heimschüler versuchten, sich über die Sommerferien ein neues Image zuzulegen, sie kamen von zu Hause mit frischem Selbstbewusstsein, aber die meisten von ihnen waren bereits nach wenigen Tagen wieder die Alten. Man war und blieb der, für den die anderen einen hielten.

Während ich mich in den Jahren davor im Innersten sicher gefühlt hatte, gab es nun Momente, in denen ich bemerkte, wie mattes Abendlicht in einen schummrigen Flur fiel oder wie die Bäume in der Dämmerung einen gespenstischen Schatten über die Landschaft breiteten, und dann zog sich plötzlich etwas in mir zusammen. Dass ich auf einem Planeten war, der mit unglaublicher Geschwindigkeit durchs All schoss, kam mir ebenso erschreckend vor wie der neue, verstörende Gedanke, dass es unvermeidlich war zu sterben. Wie ein sich ausbreitender Riss nahmen meine Ängste zu. Ich begann, mich vor dem Dunkeln zu fürchten, vor dem Tod, vor der Ewigkeit. Diese Gedanken trieben einen Stachel in meine Welt, und je häufiger ich über all das nachdachte, desto mehr entfernte ich mich von meinen oft unbeschwerten, gutgelaunten Mitschülern. Ich war allein. Und dann traf ich Alva.

*

In den ersten Tagen an der neuen Schule machte ich im Unterricht einen Witz. In meiner alten Klasse war so etwas von mir erwartet worden, doch schon während ich auf die Pointe zusteuerte, wurde mir klar, dass es hier nicht mehr funktionieren würde. Ich blickte in die fremden Gesichter meiner Mitschüler und spürte, dass mein Selbstbewusstsein verschwunden war, und am Ende lachte niemand. Damit war meine Rolle besiegelt. Ich war der seltsame neue Junge, der nicht darauf achtete, was er morgens anzog, und der aus Nervosität anfing, einzelne Wörter zu verdrehen: zum Beispiel "lostenkos" statt "kostenlos". Um nicht zum Gespött der Klasse zu werden, sagte ich

deshalb kaum noch etwas, und so saß ich isoliert in der letzten Bank. Bis sich nach Wochen ein Mädchen neben mich setzte.

Alva hatte kupferrote Haare und trug eine Hornbrille. Ein auf den ersten Blick anmutiges, schüchternes Landkind, das die Einträge an der Tafel mit verschiedenen Buntstiften in seine Hefte eintrug. Und doch ging noch etwas anderes von ihr aus. Es gab Tage, da schien Alva die anderen Kinder bewusst zu meiden. Dann blickte sie düster aus dem Fenster, vollkommen abwesend. Ich wusste nicht, warum sie neben mir sitzen wollte, wir sprachen kein Wort. Ihre Freundinnen kicherten, wenn sie zu uns sahen, und zwei Wochen später saß ich auch schon wieder allein in der Ecke. So überraschend, wie sie gekommen war, hatte sich Alva weggesetzt.

Seitdem sah ich im Unterricht oft zu ihr rüber. Wenn sie an der Tafel abgefragt wurde, beobachtete ich, wie sie unsicher vorne stand und die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Ich lauschte ihrer sanften Stimme und starrte auf ihre roten Haare, auf die Brille, auf ihre weiße Haut und ihr hübsches blasses Gesicht. Vor allem aber mochte ich ihre Vorderzähne, von denen einer leicht abstand. Alva versuchte, beim Reden den Mund nicht zu weit zu öffnen, damit es keiner sah, und wenn sie lachte, hielt sie sich die Hand davor. Doch manchmal lächelte sie; dann hatte sie nicht aufgepasst, und man sah den schiefen Schneidezahn, und das liebte ich ganz besonders. Mein ganzer Lebensinhalt bestand darin, ihr über mehrere Bänke hinweg Blicke zuzuwerfen, und wenn sie endlich zurücksah, schaute ich verschämt weg und war glücklich.

Einige Monate später gab es jedoch einen Vorfall. Es war ein schwüler Sommertag, und wir durften in der letzten Stunde ein Video ansehen, eine Erich-Kästner-Verfilmung. Alva weinte mitten im Film. Sie saß zusammengekauert auf ihrem Platz, ihre Schultern bebten, schließlich entfuhr ihr ein Schluchzer. Auch die anderen Schüler wurden nun auf sie aufmerksam. Hastig stoppte die Lehrerin das Video -bei einer Szene, die in einem Ferienlager spielte - und ging zu ihr. Als die beiden das Klassenzimmer verließen, erhaschte ich einen Blick auf Alvas gerötetes Gesicht. Ich glaube, wir waren alle erschrocken, aber es gab kaum Gerede. Nur einer sagte, dass Alvas Vater nie zum Elternsprechtag käme und überhaupt seltsam sei, vielleicht habe es damit etwas zu tun. Ich habe oft an diese Bemerkung gedacht, aber ich habe Alva nie darauf angesprochen. Was auch immer es war - ihr Leid musste sich im Verborgenen abgespielt haben und wurde seither gut von ihr gehütet.

Ein paar Tage danach ging ich nach der Schule allein in Richtung Heim.

"Jules, warte!" Alva zog an meinem Hemd, bis ich mich umdrehte. Sie begleitete mich zum Internatseingang.

"Was machst du jetzt?", fragte sie, als wir unschlüssig vor der Tür standen. Sie sprach immer sehr leise, so dass man sich zu ihr vorbeugen musste. Obwohl sie eine Externe war und zu Hause wohnte, schien sie nur ungern heimzugehen.

Ich betrachtete den bewölkten Himmel. "Weiß nicht ... Musik hören wahrscheinlich."

Sie sah mich nicht an und wurde rot.

"Willst du mithören?", fragte ich, und sie nickte.

Zu meiner Erleichterung waren meine Mitschüler nicht im Zimmer. Von meiner Mutter hatte ich den Plattenspieler und ihre Sammlung geerbt, knapp hundert Alben, von Marvin Gaye, Eartha Kitt, Fleetwood Mac oder John Coltrane.

Ich legte Pink Moon von Nick Drake auf, eines der Lieblingsalben meiner Mutter. Früher hatte ich mich kaum für Musik interessiert, nun war es jedes Mal ein Glücksmoment, wenn die Nadel knisternd auf dem Vinyl aufsetzte.

Alva war hochkonzentriert und veränderte beim Zuhören kaum ihre Miene. "Gefällt mir sehr gut", sagte sie. Seltsamerweise hatte sie sich nicht auf einen Stuhl, sondern auf meinen Schreibtisch gesetzt. Sie nahm ein Buch aus ihrem Rucksack und begann wortlos darin zu lesen, als wäre sie in meinem Zimmer zu Hause. Es gefiel mir, dass sie sich in meiner Nähe so wohl fühlte. Die Nachmittagssonne brach durch die Wolken und ließ das Zimmer in cognacfarbenem Licht leuchten.

"Was liest du da?", fragte ich nach einer Weile. "Ist es gut?"

"M-hm". Alva nickte und zeigte mir den Titel: Wer die Nachtigall stört ... von Harper Lee. Sie war elf wie ich. Ich beobachtete wieder, wie sie im Text versank. Ihre Augen rasten die Zeilen entlang, von links nach rechts und wieder zurück, unablässig.

Schließlich klappte sie das Buch zu und inspizierte meine Sachen. Ein seltsames Wesen, das sich zu mir ins Zimmer verirrt hatte und neugierig die Spider-Man-Comics und Kameras studierte, die in meinem Regal standen. Sie nahm erst die Mamiya in die Hand, dann die neueren Modelle, mit denen mein Vater in seinen letzten Jahren oft fotografiert hatte. Sie berührte alle Gegenstände bewusst, als wolle sie sichergehen, dass sie auch real seien.

"Ich hab dich nie fotografieren sehen."

Ich zuckte mit den Schultern. Alva griff nach einem Familienfoto, auf

dem meine Mutter und mein Vater zu sehen waren.

"Deine Eltern sind tot."

Dieser Satz überraschte mich, ich glaube, ich stellte sogar augenblicklich die Musik aus. Seit ich auf dem Internat war, hatte ich niemandem davon erzählt.

"Wie kommst du darauf?", fragte ich.

"Ich hab eine Erzieherin gefragt."

"Warum?"

Sie antwortete nicht.

"Ja, sie sind vor einem halben Jahr gestorben". Es war, als müsste ich für jedes Wort einen Spaten in einen gefrorenen Acker rammen.

Alva nickte und sah mir lange in die Augen, ungewöhnlich lange, und ich werde nie vergessen, wie wir dabei einen Blick in die innere Welt des anderen werfen konnten. Für einen kurzen Moment sah ich den Schmerz, der sich hinter ihren Worten und Gesten verbarg, und sie erahnte im Gegenzug, was ich tief in mir bewahrte. Doch wir gingen nicht weiter. Wir blieben jeweils an der Schwelle des anderen stehen und stellten einander keine Fragen.

*

Knapp drei Jahre später, Ende 1986, waren Alva und ich die besten Freunde. Mehrmals in der Woche hörten wir zusammen Musik. Hin und wieder erzählte sie mir etwas von sich, dass sie Sportler bewunderte und ihre Eltern Ärzte waren oder dass sie nach der Schule nach Russland wolle, das Land ihrer Lieblingsschriftsteller. Aber wir sprachen nie über das, was uns wirklich wichtig war, auch nicht darüber, wieso sie damals beim Filmschauen in der Klasse geweint hatte.

Unser vierzehnter Geburtstag stand bevor, und ein tiefer Graben ging durch unsere 8. Klasse. Auf der einen Seite standen Alva und jene Mitschüler, die bereits einige Jahre älter aussahen und irgendwie derber und lauter wirkten. Auf der anderen Seite standen die Spätzünder, linkische, unterentwickelte Außenseiter, zu denen ich gehörte. Ich war seit Jahren nicht mehr gewachsen, und während ich in meiner Kindheit einige Anzeichen von Begabung gezeigt hatte, verbrachte ich jene Phase meiner Jugend in anhaltender Talentlosigkeit. Schon immer hatte ich gern vor mich hin geträumt, doch daneben hatte es auch eine andere, wildere Seite gegeben. Jetzt, wo sie verschwunden war, zog ich mich immer mehr in mich zurück, und manchmal hasste ich mich im Stillen für das, was aus mir geworden war.

An einem Herbstabend besuchte ich meinen Bruder. Westflügel, zweite

Etage, eine gefährliche Zone für jüngere Heimkinder wie mich, die die Pubertät noch nicht gewappnet hatte. In diesem Stock, in dem nur Sechzehn- und Siebzehnjährige untergebracht waren, war diese eigentümliche Unruhe zu spüren. Dieser Moment, wo es einen überkam und man aus überschüssiger Energie und Langeweile heraus mit einem Mal ringen, raufen, sich schlagen oder brüllen wollte. Ich beobachtete, wie einige Altere nervös über den Flur strichen, andere saßen bei offener Tür in ihren Zimmern und starrten die Wand an, als würden sie etwas aushecken, manche von ihnen betrachteten mich mit Missfallen, wie Raubtiere, in deren Territorium jemand eingedrungen war. Ich übertreibe nur ein bisschen.

Mein Bruder wohnte ganz hinten im Gang. Im Gegensatz zu meiner Schwester oder mir hatten die letzten Jahre Marty kaum etwas anhaben können, er hatte aber auch am wenigsten zu verlieren gehabt. Er war wie eine Ameise, die nach einem Atomkrieg unbeirrt weitermachte. Inzwischen maß er eins neunzig, ein magerer Hüne mit eckigen Bewegungen, die langen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden. Es war, als hätte man Woody Allen gezwungen, noch einmal die Pubertät durchzumachen: Er trug nur noch schwarze Kleidung und einen schwarzen Ledermantel, gab den ganzen Tag intellektuelle Anspielungen von sich, die keiner von uns verstand, und mit seiner Hakennase und der Brille wirkte er wie eine existentialistische Vogelscheuche. Bei Mädchen hatte er kein Glück, doch mit sechzehn war er der Anführer einer Bande von Käuzen und Sonderlingen geworden. Martys Schattenarmee bestand aus sämtlichen Ausländern im Internat, dazu jeder Art von Nerds und Klugscheißern sowie seinem langjährigen Zimmernachbarn Toni Brenner, dem einzigen Österreicher der Schule, der wegen seines stark wienerischen Akzents im Koordinatensystem des Internats an den Rand verbannt worden war.

Kurz vor Martys Tür stellten sich mir zwei Jungen in den Weg. Ein Dünner - er hatte unreine Haut und glich mit seinem heiseren Lachen und den hochstehenden Haaren einer Hyäne - und ein massiger Schläger, an dessen Aussehen ich mich nicht mehr erinnern kann.

"Hey, Moreau!", sagte der Dünne und hielt mich fest. "Nicht so schnell". Beide grinsten überlegen.

Wie lächerlich, dachte ich, was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid, ihr zwei dämlichen Clowns. Für einen Moment flammte Zorn in mir auf, wie früher, wenn ich mich geprügelt hatte. Aber dann knickte ich ein. Wem wollte ich hier was vormachen? Ich war noch nicht mal im Stimmbruch, ich war ein verdammter Witz.

So laut ich konnte, rief ich nach meinem Bruder, dessen Tür nur einen Meter entfernt war. Er reagierte nicht. Wieder rief ich nach ihm: "Hilf mir, Marty. Bitte!" Ich schrie und schrie, aber seine Tür blieb verschlossen.

Die beiden Jungen, die mich festhielten, grinsten wieder, dann schleiften sie mich zum Duschraum. Unterwegs schlossen sich ihnen mehrere johlende Schüler an, zum Schluss trugen sie mich zu fünft. Ich zappelte und wehrte mich, doch ich hatte keine Chance. Sie stellten mich angezogen unter die Dusche, bis ich völlig durchnässt war. Es roch nach billigem Shampoo und Moder, ich schloss die Augen, hörte das Gelächter der anderen. Dann sagte einer, es wäre doch lustig, wenn sie mich ohne Kleidung im Mädchenstock aussetzen würden. Wieder packten sie mich unter lautem Gegröle.

"Ich hasse euch!" Ich musste die Lippen zusammenpressen, um meine Tränen zurückzuhalten.

"Hört's auf mit dem Scheiß!", sagte jemand. Ein Junge mit sandblonden Haaren hatte den Raum betreten: Toni, der Zimmernachbar meines Bruders. Mein Herz machte einen Satz. Er war ein begnadeter Skifahrer, nicht groß, aber sehr muskulös, oft stählte er sich stundenlang im Kraftraum. Toni ging zu der dürren Hyäne und schleuderte den Jungen mit einer solchen Wucht durchs Bad, dass die anderen zurückwichen.

Dann kam er zu mir. "Alles klar bei dir?"

Ich zitterte noch, das Wasser der Dusche war eiskalt gewesen. Toni legte mir die Hand auf die Schulter und brachte mich zum Zimmer meines Bruders. Er hinkte ein wenig, die Folgen seiner zweiten Knieoperation. Es war unklar, ob er seine geplante Skifahrerkarriere aufgeben musste.

Plötzlich grinste er mich an. "Hat sie schon auf den Brief geantwortet?"

Er wollte mich aufmuntern. Wie so viele andere war Toni unsterblich in meine Schwester verliebt. Vor einigen Monaten hatte ich Liz einen Liebesbrief von ihm übergeben müssen, auf den sie jedoch nie geantwortet hatte. Seitdem fragte mich Toni immer wieder im Spaß, ob Liz den Brief jetzt endlich gelesen habe.

Im Zimmer meines Bruders tropfte ich weiter den Boden nass. Marty, der in den letzten Jahren eine beachtliche Computersucht entwickelt hatte, sah von seinem Rechner auf. "Was ist denn mit dir?"

Ich ignorierte ihn und blickte nach draußen: die Fenster des Nachbargebäudes hell erleuchtet, in der Ferne die Silhouette des nächtlichen Walds. Marty tippte wieder auf der Tastatur seines gebraucht gekauften Commodore, doch durch seine aufgesetzte Geschäftigkeit

schimmerte sein schlechtes Gewissen.

"Du hast mir nicht geholfen", sagte ich. "Ich hab nach dir geschrien."

"Ich hab dich nicht gehört."

"Du hast mich gehört. Es war direkt vor deiner Tür."

"Ich hab dich wirklich nicht gehört, Jules."

Ich warf ihm einen wütenden Blick zu. "Wenn du nur die Tür aufgemacht hättest, hätten sie mich gehen lassen. Du hättest bloß rauskommen müssen."

Mein Bruder blieb jedoch stur, so dass ich am Ende sagte: "Gib wenigstens zu, dass du mich gehört hast. Dann verzeih ich dir."

Als Marty nach einigen Sekunden noch immer nicht antwortete, verließ ich das Zimmer. Wenn ich in jenen Jahren an meinen Bruder dachte, dann hatte ich immer das Bild einer geschlossenen Tür vor Augen.

*

Wir gingen zum See, ich wollte Alva etwas zeigen. Es war ein eisfahler Tag, und zum ersten Mal seit Jahren hatte ich eine der Kameras meines Vaters mitgenommen. Während ich dick eingepackt war, mit Anorak, Schal und Mütze, fiel mir auf, wie nachlässig Alva gekleidet war. Dünne Jeans, dazu eine verwaschene Strickjacke. Wie ein aus einer Sekte entflohenes, verwahrlostes Kind, doch obwohl sie frieren musste, ließ sie sich nichts anmerken.

Es dämmerte bereits, als wir den See erreichten. Einige Heimschüler fuhren auf dem Eis Schlittschuh.

"Komm mit". Ich führte Alva zu einer Stelle etwas abseits. Die Stimmen der anderen waren kaum noch zu hören, wir standen allein auf dem zugefrorenen See.

Alva schrie auf. Sie hatte den Fuchs entdeckt. Durch das Eis konnte man seine erstarrte Schnauze sehen, ein Teil seines Körpers ragte jedoch noch aus dem gefrorenen See heraus, das struppige Fell war von glitzernden Kristallen übersät. Als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren.

"Was für ein schrecklicher Tod!" Alvas Atem dampfte. "Wieso zeigst du mir das?"

Ich fuhr mit meinen Handschuhen über das Eis und wischte den Schnee weg, um die toten Augen des Fuchses besser erkennen zu können.

"Ich hab mal einen Hund ertrinken sehen. Aber das hier ist anders. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht. Er wirkt so ruhig, so ewig."

"Ich finde es furchtbar". Alva wandte sich ab.

"Jetzt findest du es furchtbar, aber ich wette mit dir, in zwanzig Jahren erinnerst du dich an den eingefrorenen Fuchs". Ich musste lachen. "Sogar auf deinem Totenbett wirst du noch an den eingefrorenen Fuchs denken."

"Sei nicht albern, Jules."

Ich machte einige Fotos, dann gingen wir zum Dorf zurück. Die letzten Reste von Farbe verblichen am Horizont, und die Landschaft um uns herum verlor sich in der Dunkelheit. Es wurde kälter, ich ballte die Fäuste in den Taschen. Endlich erreichten wir das Cafe.

Drinnen rieb sich Alva ihre Hände. Sie lackierte sich neuerdings die Nägel, und ich betrachtete misstrauisch ihre rotleuchtenden Fingerspitzen; ein Signal des Aufbruchs und der Veränderung. Wir tranken heiße Schokolade und sprachen über meine Schwester, die schon wieder Ärger bekommen hatte, weil sie nachts heimlich ausgestiegen war.

"Ich hab gehört, dass sie bald fliegt", sagte ich. "Sie nimmt einfach nichts ernst."

"Ich mag deine Schwester", sagte Alva nur. Sie und Liz waren sich einmal flüchtig in meinem Zimmer begegnet. "Und ich finde sie wunderschön. Ich hätte gern so eine schöne ältere Schwester."

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Dann sah ich, wie die Hyäne an unserem Fenster vorbeiging. Wütend blickte ich ihm nach. Alva dagegen musterte mich auf eine Weise, die mich störte. In einem unbedachten Moment hatte ich ihr von meinem demütigenden Erlebnis im Duschraum erzählt, und nun befürchtete ich, sie könnte mich für einen Schwächling halten.

"Ich hätte ihm eine reinhauen sollen", sagte ich großmäulig und nahm einen Schluck Kakao. "Früher hätte ich ihn einfach ... Ich weiß nicht, wieso ich nichts gemacht habe."

Alva lachte. "Jules, ich finde es gut, dass du nichts gemacht hast. Der ist doch viel größer als du". Sie zog eine Augenbraue hoch. "Wie klein bist du eigentlich?"

"Eins sechzig."

"Ach was, so groß bist du bestimmt nicht. Stell dich mal neben mich."

Wir standen beide auf und stellten uns neben den Tisch. Alva überragte mich um einige peinliche Zentimeter. Sekundenlang blieben wir dicht voreinander stehen, ich roch ihr zu süßes neues Parfüm. Dann setzte sie sich wieder hin.

"Du hast übrigens einen Schokoladenschnurrbart", sagte sie.

"Weißt du, was ich manchmal denke?" Ich wischte mir über die Oberlippe und sah sie angriffslustig an. "Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich ein Erwachsener bin, kommt die Ernte, und dann ist es zu spät."

Ich wartete auf ihre Reaktion. Zu meiner Überraschung lächelte Alva.

Ich verstand erst nicht. Dann drehte ich mich um und erkannte hinter mir einen großen Jungen aus der Mittelstufe, sicher schon sechzehn. Mit einem selbstsicheren Schauspielergrinsen kam er auf uns zu. Alva sah ihn auf eine Weise an, wie sie mich noch nie angesehen hatte, und während der Junge mit ihr sprach, spürte ich ein aschiges Gefühl der Unterlegenheit, das in den folgenden Jahren nie ganz verschwinden sollte.

*

Vor der Mensa entdeckte ich meine Schwester. Wie eine Königin thronte sie, von ihren Mitschülern umgeben, auf einer Bank und rauchte. Liz war damals siebzehn, sie trug einen olivgrünen Kapuzenparka und Chucks, die blonden Haare fielen ihr ins Gesicht. Sie war für eine Frau ungewöhnlich groß, sicherlich eins achtzig, und noch immer rannte sie lieber, als zu gehen, verwechselte Bewunderung oft mit Zuneigung und tat, wozu sie Lust hatte. Liz hatte eine spielerische Neugier auf den männlichen Körper; wenn ihr jemand gefiel, zögerte oder taktierte sie nicht, sondern schnappte einfach zu. In den Ferien ging sie häufig mit älteren Bekannten weg, und schon zweimal war sie - nicht ohne Stolz - von der Polizei nach Hause gebracht worden.

Gerade erzählte sie von einer Diskothek in München, ihre Mitschüler lauschten gespannt. In diesem Augenblick trat ein Referendar an sie heran. "Liz, kommst du bitte? Deine Arbeitsstunde hat schon angefangen."

"Ich rauch noch fertig", sagte meine Schwester. "Und ich seh sowieso nicht ein, wieso ich schon wieder diese scheiß Arbeitsstunde machen soll."

Liz hatte eine tiefe Stimme, die einen einschüchtern konnte. Dabei sprach sie noch immer etwas zu laut, als stünde sie auf einer Bühne. Und in gewisser Weise tat sie das ja auch.

Sie begann, sich mit dem Referendar vor allen anderen zu streiten, und brüllte immer wieder zornig: "Den Scheiß mach ich nicht, das kannst

du vergessen."

Sie duzte alle Referendare.

"Außerdem geht's mir nicht gut "..., die Kippe im Mundwinkel, "ich bin krank."

Dann musste sie selbst lachen. Sie nahm noch einen tiefen Zug und seufzte. "Also gut, ich komm in fünf Minuten."

"In drei", sagte der junge Referendar.

"In fünf", sagte Liz. Sie grinste ihn dabei so charmant und frech an, dass er ihrem Blick ausweichen musste.

Das alles geschah kurz vor den Weihnachtsferien. Kränze hingen an den Etagentüren, beim Abendessen gab es Lebkuchen, Mandarinen, Nüsse und Punsch. Ein gemeinsames Gefühl der Vorfreude legte sich wie eine Glocke über das Heim, mich jedoch störten die Ferien. Auf dem Internatsgelände gab es keine Eltern, was mich mit den anderen verband. War ich dann jedoch bei meiner Tante in München, während meine Mitschüler nach Hause zu ihren Familien fuhren, schmerzte es mich jedes Mal.

Unsere Tante war damals Anfang fünfzig, liebevoll und sanft, abends stets ein Weinglas in der Hand und ein Kreuzworträtsel auf dem Schoß. Der Verlust ihrer jüngeren Schwester hatte die Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht vertrieben, sie hatte in den vergangenen Jahren zugenommen und wirkte wie jemand, der einem Spiel zusah, dessen Regeln er nicht mehr verstand. Dennoch brachte es unsere Tante fertig, immer dann ein Lächeln in ihrem Gesicht aufleuchten zu lassen, wenn wir Aufmunterung brauchten. Sie ging mit uns zum Bowling und ins Kino, erzählte Geschichten von unseren Eltern, und sie schien auch die Einzige zu sein, die aus Martys kompliziertem Wesen schlau wurde. Nachts saßen beide oft in der Küche, tranken Tee und redeten. In ihrer Nähe verlor die Stimme meines Bruders ihren besserwisserischen Unterton, und manchmal, wenn er von seiner Chancenlosigkeit bei Mädchen erzählte, ließ er sich von unserer Tante auch in den Arm nehmen.

In den Weihnachtsferien errichteten wir in ihrem Wohnzimmer ein Matratzenlager. Liz, die alles auf einen Haufen warf. Und Marty, der seine Sachen ordentlich zusammenlegte und sein Bett so akkurat glattstrich, dass man kaum wagte, sich darauf zu setzen. Seltsam, meinen Geschwistern wieder so nahe zu sein. Wir machten sonst nur noch wenig gemeinsam, dafür bot das Internat zu viele Parallelwelten; saß man beim Mittagessen nur einen Tisch entfernt, war das bereits, als wäre man in einem anderen Land. Doch nun lagen wir zu dritt vor dem Fernseher und

sahen uns eine Dokumentation über den ägyptischen Pharao Ramses u. an. Ramses, so hieß es, habe geglaubt, er sei nicht erst seit seiner Geburt, sondern schon im Mutterleib mächtig gewesen. Er nannte es "stark im Ei". Meine Geschwister und ich griffen dieses Bild auf. "Bist du stark im Ei?", fragten wir einander und lachten. Und wenn wir über jemanden sprachen, der etwas verpatzt hatte, sagten wir: "Tja, was will man machen, er war eben nicht stark im Ei."

Am Weihnachtsmorgen entdeckte ich - auf der Suche nach Kerzen - in der Abstellkammer meine Schwester. Sie schloss hastig die Tür hinter mir. "Merry Christmas, Kleiner". Liz umarmte mich, dann drehte sie weiter ihren Joint. Hingerissen beobachtete ich, wie sie das Filterpapier ableckte und dabei die Augen schloss.

"Was läuft da eigentlich zwischen dir und Alva?" Sie nahm einen Zug und ließ den Rauch in kleinen Kreisen davonschweben. "Die wäre doch was für dich."

"Nichts, wir sind nur Freunde."

Meine Schwester nickte bedauernd, dann stieß sie mich an. "Hast du denn überhaupt schon mal ein Mädchen geküsst?"

"Nein, niemanden mehr seit ... Erinnerst du dich nicht?"

Liz schüttelte nur den Kopf. Schon immer schien sie nur in der Gegenwart zu leben und vergaß vieles wieder, während ich es liebte, das Erlebte noch lange zu betrachten und zu überlegen, wo ich es einordnen könnte.

"Kein Wunder, dass du keine Freundin hast". Sie musterte meine Kleidung, die ich mit unserer Tante bei Woolworth gekauft hatte. "Du ziehst dich an wie ein scheiß Achtjähriger. Wir müssen dringend mal zusammen Klamotten kaufen."

"Ich muss also cooler werden?"

Liz blickte nachdenklich zu mir herab. "Pass auf. Was ich jetzt sage, ist sehr wichtig, das darfst du niemals vergessen."

Begierig sah ich sie an, ich wusste, ich würde ihr jedes Wort glauben.

"Du bist nicht cool", sagte sie zu mir. "Das ist leider so, und das wirst du auch niemals ändern können. Also versuch es gar nicht erst. Aber was du tun kannst, ist, zumindest so auszusehen."

Ich nickte. "Stimmt es, dass du bald fliegst?"

Liz zog die Nase hoch. "Was? Wer erzählt denn so was?"

"Keine Ahnung, das sagen sie halt so. Was, wenn sie dich mal mit irgendwelchen Drogen erwischen? Ich meine nicht mit Hasch, sondern

mit dem ... anderen Zeug."

"Das werden die nicht. Ich bin stark im Ei."

Ich hatte erwartet, dass sie hinzufügen würde: "Und solche Sachen nehme ich sowieso nicht", doch den Gefallen tat sie mir nicht. "Weißt du", ein hartes Lächeln, "es ist viel passiert in den letzten Wochen. Manchmal denke ich wirklich, dass ich einfach ..."

Sie rang nach Worten.

"Was denkst du? Was ist passiert?"

Offenbar amüsierte es sie, wie ich sie mit großen Augen anblickte, jedenfalls schüttelte Liz nur den Kopf. "Ach nichts, Kleiner, vergiss es. Ich fliege nicht von der Schule, okay?" Sie zwinkerte mir zu. "Eher falle ich durch."

Später schmückten wir gemeinsam mit unserer Tante das Wohnzimmer, im Radio liefen Chansons, und für einen Moment war es wie früher, nur dass zwei Menschen fehlten. Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.

*

Am Weihnachtsabend eskalierte die Situation. In diesem Jahr schenkte uns Liz zum ersten Mal nichts Selbstgezeichnetes mehr, dafür begleitete sie uns beim Singen auf der Gitarre. Ich sah sie oft im Internat auf Stufen, Bänken oder der Laufbahn sitzen und konzentriert üben. Doch obwohl sie auch eine schöne Stimme hatte, weigerte sie sich, wie früher unsere Mutter Moon River vorzutragen.

"Eher fall ich tot um, als dass ich dieses beschissene Lied spiele". Liz begutachtete ihre Fingernägel. "Ich habe es immer so gehasst."

"Du hast es geliebt", sagte Marty leise. "Wir alle haben es geliebt."

Nach dem Essen spielten wir Malefiz. Lange sah es aus, als würde Marty gewinnen, bis meine Schwester und ich uns gegen ihn verbündeten und ihn mit den weißen Holzsteinen einmauerten. Er jaulte auf und beschimpfte uns, vor allem, als auch noch Liz gewann und danach triumphierende Schreie von sich gab.

Als wir das Spiel wieder wegräumten, ließ meine Schwester einen der weißen Steine in ihre Hosentasche gleiten.

"Als Glücksbringer", flüsterte sie mir zu.

Das war für mich der schönste Moment an diesem Weihnachten. Der Abend schien friedlich auszuklingen, bis unsere Tante uns nach dem Internat fragte.

Während ich schwieg und Marty sich fortlaufend beschwerte(er hätte

damals auch in einem leeren Raum Streit anfangen können), redete Liz provozierend offen über Abende am See, Partys und Jungs. Genüsslich sezierte sie die Schwächen von Lehrern oder das tollpatschige Verhalten ihrer Verehrer und brach dabei immer wieder in ein dreckiges Lachen aus.

Marty verzog das Gesicht. "Liz, musst du immer mit deinen Geschichten angeben? Ich will dich ja nicht unterbrechen, aber das nervt". Ein typischer Marty-Satz. Er sagte immer: "Ich will ja nicht "..., und tat dann das genaue Gegenteil.

Liz winkte ab. "Du bist nur sauer, weil du noch immer keine Freundin hast. Weißt du, wie man dein Zimmer im Internat nennt? Die Masturbationszelle."

"Die was?", fragte unsere Tante.

"Ach, halt die Klappe". Marty spielte mit dem Kragen seines Ledermantels, den er auch in beheizten Räumen nicht auszog. Sein Gesicht hatte die Farbe von Altpapier, die langen Haare waren fettig, dazu ließ er sich seit neuestem einen Ziegenbart stehen. Ein schmuddeliger Kleinkrimineller aus Philly, der jederzeit einen Supermarkt überfallen und mit fünf Dollar und einer Tüte Milch flüchten konnte.

"Kümmer dich lieber darum, was sie an der Schule über dich reden", sagte er.

"Wieso, was reden sie denn?", fragte Liz.

"Ach, nichts", sagte Marty, der offenbar merkte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Liz sah erst zu ihm, dann zu mir. "Weißt du, was er meint?"

Ich schwieg. Natürlich wusste ich, was mein Bruder meinte. Auch mir waren die Geschichten, die man sich über unsere Schwester erzählte, zu Ohren gekommen. Es mussten Lügen sein. In die Welt gesetzt von enttäuschten Jungen oder eifersüchtigen Mädchen. Aber was wusste ich schon wirklich über meine Schwester?

"Was sagen sie an der Schule?", fragte nun auch unsere Tante.

"Dass sie eine ... Schlampe ist", sagte Marty, selbst geschockt von der Zerstörungskraft seiner Worte. Ich sah genau, dass er nicht mehr weiterreden wollte, aber er schien unter einem inneren Zwang zu stehen. "Dass sie für Drogen mit Männern schläft", fuhr er fort. "Dass sie von einem sogar schwanger geworden ist."

Es klirrte. Liz hatte den Löffel für das Dessert auf den Teller geworfen. Ruckartig stand sie auf und verließ das Zimmer. Sekunden später hörten

wir, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Ich rannte zum Fenster und sah nur noch, wie meine Schwester mit schnellen Schritten in der Dunkelheit verschwand.

Am nächsten Morgen kam sie zwar zurück, doch nur wenige Wochen nach Weihnachten schmiss Liz die Schule und verschwand für Jahre aus meinem Leben. Sie erzählte einer Mitschülerin, dass das Abitur nichts für sie sei und sie die Welt erkunden wolle. Sie müsse es tun. Damals suchte ich lange nach dem Warum. Täglich wartete ich auf ein Zeichen von Liz, auf einen erklärenden Brief, eine Karte oder einen Anruf. Wie ein Schiffbrüchiger, der unermüdlich an den Knöpfen eines Funkgeräts dreht, in der Hoffnung, endlich auf eine Stimme zu stoßen. Doch alles, was von meiner Schwester kam, war jahrelanges Rauschen.

Chemische Reaktionen
(1992)

Ich wartete auf dem Parkplatz des Internats und betrachtete die leuchtenden Flugzeugspuren am rötlichen Horizont. Wie so oft, wenn sich ein Schauspiel in der Natur mit meinen Sehnsüchten und Erinnerungen verband, spürte ich ein leichtes Ziehen in der Magengegend. Mit neunzehn stand ich kurz vor dem Abitur. Die Zukunft lag ausgebreitet vor mir, und ich hatte das trügerische Hochgefühl eines jungen Menschen, der in seinem Leben noch keinen großen Fehler gemacht hatte.

Eine Viertelstunde später fuhr endlich der rote Fiat aufs Internatsgelände. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und küsste Alva auf die Wange.

"Unpünktlich wie immer", sagte ich.

"Ich mag's, wenn du warten musst."

Sie ließ die Kupplung kommen und beschleunigte rasch.

"Wie war's zu Hause?", fragte sie. "Irgendwelche Frauengeschichten, von denen ich wissen muss?"

"Nun, ich bin kein Kind von Traurigkeit, wie du weißt ..."

"Jules, du bist ein Kind von entsetzlicher Traurigkeit."

Alva ließ nicht locker und fragte nach einem bestimmten Mädchen aus unserer Klasse - es wäre falsch, hier ihren Namen zu nennen. "Was lief jetzt mit ihr? Hast du sie in den Ferien gesehen?"

"Der Angeklagte beruft sich auf sein Recht zu schweigen."

"Jetzt sag schon. Wie lief's?"

Ich seufzte. "Wir haben uns nicht gesehen."

"Tja, Monsieur Moreau, da hätte ich aber mehr von Ihnen erwartet."

"Sehr witzig. Ich glaub eh nicht, dass sie mich will."

"Weißt du, wie gut du aussiehst? Natürlich will sie dich."

Alva lächelte breit. Sie liebte es, mich zu bestärken und mit irgendwelchen Mädchen zu verkuppeln.

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich in den vorangegangenen Jahren in die Höhe geschossen war. Meine Haare waren so schwarz wie die meines Vaters, ich hatte auch seinen starken Bartwuchs geerbt und rasierte mich nur sporadisch. Mich erstaunte, wie erwachsen ich aussah und wie lauernd und schroff mein Blick geworden war.

In meinen letzten Schuljahren hatte ich zwei kurze Beziehungen gehabt, die mich jedoch kaum berührten. Viel mehr interessierte mich damals die Fotografie. Ich lernte alles über die chemischen Reaktionen, die es benötigte, um ein Negativ zu belichten; wir hatten im Internatskeller einen leerstehenden Raum, den ich als Dunkelkammer benutzen durfte.

Oft zog es mich in die Natur, ich konnte stundenlang mit der Kamera meines Vaters am Seeufer sitzen oder durch Wiesen und Wälder streifen, ehe ich spätabends mit meiner Beute nach Hause kam. Durch die Linse der Mamiya wurden die Dinge lebendig, Baumrinden bekamen auf einmal Gesichter, die Struktur des Wassers ergab nun Sinn, auch die Menschen wirkten plötzlich anders, und manchmal verstand ich ihre Blicke nur, wenn ich sie durch den Sucher der Kamera betrachtete.

"Ich will ab jetzt keine Ausreden mehr hören", beharrte Alva neben mir. "Du kannst nicht immer nur schüchtern sein, du hast nur noch wenige Wochen". Beschwörend: "Willst du die Schule verlassen, ohne dass was mit ihr lief?"

Ich blickte schweigend aus dem Fenster. Die Landschaft dunkelte ein, es war, als würde die erste Grundierung für die Nacht aufgetragen.

Nach einer Weile stupste Alva mich an. "An was denkst du, wenn du so schaust?"

"Wieso, wie schaue ich?"

Alva brachte eine ziemlich gute Imitation eines in seiner Traumwelt versunkenen, leicht verblödeten Grüblers.

"Woran denkst du da?", fragte sie noch mal, doch ich antwortete nicht.

Seit ich aufs Internat gekommen war, hatten wir uns fast jeden Tag

gesehen. Alva war meine Ersatzfamilie geworden und mir in vielerlei Hinsicht vertrauter als meine Geschwister oder meine Tante. Doch in den letzten Jahren hatte sie sich verändert. Noch immer gab es Momente, in denen ich ihr ein seltenes, unbeschwertes Lachen entlocken konnte oder in denen wir uns beim Musikhören ansahen und einfach wussten, was der andere gerade dachte. Aber daneben gab es inzwischen auch eine zweite Alva. Eine, die sich mir immer öfter entzog und die rauchend und voller Selbsthass auf einer Bank saß und Dinge sagte, wie dass sie vielleicht besser gar nicht erst geboren worden wäre.

Mit ihren roten Haaren und der blassen Haut hatte sie einige Verehrer, aber erst mit Ende sechzehn hatte sie ihren ersten Freund gehabt. Danach hatte sie noch zaghaft etwas mit ein, zwei Jungen aus der Oberstufe angefangen. Doch während Liz in meinen Augen einfach den Sex liebte und in jedem Mann etwas Besonderes sehen konnte, hatte es bei Alva eher so gewirkt, als benutze sie ihren Körper als Waffe gegen sich selbst. Und sobald jemand Gefühle für sie entwickelte, hatte sie ihn schnell wieder verstoßen. Als wäre etwas in ihr zu Scherben zerfallen, die jeden verletzten, der ihr zu nahe kam.

Mit siebzehn hatte sie sich dann ganz von den Männern zurückgezogen. Jede Form von Annäherung schien sie regelrecht anzuwidern, so dass Gerüchte kursierten, sie wäre eher an Frauen interessiert. Oder sie sei eben seltsam. Es war Alva egal. Stattdessen hatte sie wie besessen gelernt und philosophische Bücher gelesen; Sartre und immer wieder Kierkegaard. Zwar hatte sie seit kurzem wieder einen Freund, doch über dieses Thema sprachen wir nie.

An jenem Abend fuhren wir zu einer Kneipe. Unterwegs musste Alva ihre Mutter von einer Telefonzelle aus anrufen. "Mit Jules", hörte ich sie sagen. "Nein, den kennst du nicht, das war ein anderer". Ihre Stimme wurde zunehmend lauter. "Ich komme, wann es mir passt", rief sie schließlich und knallte den Hörer auf die Gabel.

Ihre Mutter verfolgte mit bösartiger Wachsamkeit, wo ihre Tochter sich aufhielt, und mehr als einmal hatte Alva ihr angedroht, nach dem Abitur einfach zu verschwinden und nie mehr wiederzukommen. Doch was genau zwischen den beiden vorgefallen war, wusste ich nicht. Alva hielt mich seit jeher von ihrer Familie fern und blockte alle Fragen nach ihren Eltern ab. Ein paarmal hatte ich sie bei ihr zu Hause abgeholt, doch da hatte sie jedes Mal bereits vor der Tür auf mich gewartet, damit ich ja nicht ins Haus kam.

"Alles okay?", fragte ich, als sie wieder in den Wagen stieg.

Sie nickte und startete den Motor, aber es arbeitete in ihr, und ihre

Augen erschienen mir um eine Nuance dunkler. Alva fuhr generell viel zu schnell, doch diesmal raste sie geradezu in die Kurven. Sie öffnete das Fenster, ihre Haare wehten im Fahrtwind. Es war einer jener Momente, in denen ich eine Ahnung davon bekam, dass sie mir, ich kann es nicht anders sagen, irgendwie gefährlich werden konnte. Alva trieb dieses Spiel schon seit Monaten mit mir. Sie wusste genau, dass ich mich fürchtete, wenn sie zu schnell fuhr, und auch, dass ich es vor ihr nicht zugeben wollte. Sie war deshalb immer schneller mit dem roten Fiat in die Kurven gebogen, es schien ihr Spaß zu machen, wie ich mich in meinem Sitz wand, aber beharrlich schwieg. Jedes Mal ging sie ein kleines bisschen weiter. Und an diesem Abend, als ich begriff, dass sie tatsächlich nie aufhören würde, sondern zum Äußersten bereit war, gab ich auf.

"Fahr langsamer", sagte ich, als sie wieder zu schnell eine Kurve schneiden wollte.

"Hast du Angst?"

"Ja, verdammt. Fahr bitte langsamer."

Alva ging sofort vom Gas und warf mir ein triumphierendes und seltsam abgründiges Lächeln zu.

Sie parkte den roten Fiat vor der versifften Dorfkneipe, dem ›Jackpot‹. Treffpunkt der Kollegstufe. Die Jukebox spielte meistens altmodischen Rock, der Billardtisch war abgewetzt. Hinten, bei der Dartscheibe, standen zwei Spielautomaten, die eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf alle gescheiterten Existenzen im Landkreis ausübten.

Anstatt in die Kneipe zu gehen, blieben wir erst mal draußen im Wagen sitzen. Alva stellte das Radio leise und öffnete eine Dose Bier. Dann ein bedeutungsvoller Blick zu mir: "Mach mal das Handschuhfach auf."

Ich fand darin ein eckiges, buntverziertes Geschenk. "Für mich?"

Als sie nickte, riss ich die Verpackung auf. Ein Erinnerungsalbum mit Fotos aus unserer Kindheit und Jugend, alle mit kleinen, liebevollen Gedichten versehen. Sie musste Stunden daran gesessen haben.

Ich war so gerührt, dass mir einen Moment lang die Worte fehlten. "Warum machst du das?"

Eher beiläufig sagte sie: "Ach, ich dachte, es würde dich freuen."

Ich betrachtete die Fotos, sie zeigten uns am See, bei gemeinsamen Ausflügen auf Konzerte und Festivals, auf einem Straßenfest in München oder in meinem Internatszimmer. Ich umarmte Alva, und als sie meine Freude sah, errötete sie.

Wie so oft sprach sie über Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson

McCullers, ihr Lieblingsbuch. "Du musst es endlich lesen", sagte sie.

"Ja, ich weiß, mach ich schon noch."

"Bitte, Jules. Ich will wissen, was du davon hältst. Allein wie die Figuren nachts einsam umherspazieren, voller Unruhe. Am Ende landen sie alle in diesem Cafe, dem einzigen, das auch nachts noch offen hat". Sie wurde immer aufgeregt, wenn sie über Bücher sprach. "Ich wäre gern auch so eine literarische Figur. Eine, die einsam im Dunkeln durch die Stadt streunt und dann nach Mitternacht in ein Cafe geht."

Alvas Stimme war leise, doch ihre Augen funkelten, und das mochte ich sehr.

Ich erzählte ihr von meinen Ferien in München und wie ich das Haus aufgesucht hatte, in dem ich aufgewachsen war. "Sie haben jetzt alles renoviert. Sogar die Schaukel und das Baumhaus im Hof sind verschwunden, da wachsen jetzt Blumen. Es sieht so anders aus, so fremd. Als ich da war, habe ich mich beobachtet gefühlt, wie ein Dieb."

Im Gegensatz zu mir sprach Alva kaum über ihre Kindheit. Nur einmal hatte sie mir anvertraut, dass sie als Kind an besonders schönen Tagen mit der Familie immer auch diesen Schmerz verspürt hätte, dass dieser Moment vorbeigehen würde. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fand ich in dieser knappen Bemerkung mich selbst wieder.

Ich beobachtete, wie zwei Mitschüler aus der Tür des ›Jackpot‹ traten.

"Willst du was?", fragte Alva.

Ich hatte keine Antwort, aber es schien mir wichtig, mich erst einmal aufzurichten. Dann sah ich, dass sie einen Joint drehte. Bis dahin hatte ich noch nie Drogen genommen.

"Ja klar", sagte ich. "Wo hast du das her?"

"Ich bin die Chefin eines Drogenkartells, hab ich das nie erwähnt?"

"Die Chefin? Hast du schon mal jemanden umlegen lassen?"

"Ein paarmal musste es sein."

Sie warf mir einen finsteren Blick zu, durchaus überzeugend.

In Wahrheit war Alva bei Drogen bisher sehr zurückhaltend gewesen. Als sie den Joint fertig hatte, zog sie daran, dann reichte sie ihn mir.

"Du musst tief einatmen und den Rauch in dir behalten."

Ich nickte, hustete anfangs, doch nach einiger Zeit klappte es, und mir schwirrte der Kopf. Ich räkelte mich auf dem Beifahrersitz und dachte wieder an die Wohnung, die ich als Kind verlassen musste. Zu meinem Erschrecken hatte ich Mühe, sie in präzisen Bildern heraufzubeschwören; ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie die einzelnen Zimmer

ausgesehen hatten. Wo hatte die Uhr in der Küche gehangen? Welche Bilder hatte ich zuletzt an der Wand gehabt?

Während ich überlegte, tauchte in meinen Erinnerungen ein Taxi auf, das im nächtlichen Laternenlicht um eine Ecke bog. Immer wieder sah ich diese Szene vor mir. Ich wollte dem Taxi etwas hinterherschreien, aber da war es schon verschwunden. Ich wusste, dass dieses Bild sehr wichtig für mich war, doch zugleich war mir, als wäre diese Erinnerung noch nicht reif, wie ein Foto, das noch im Entwicklungsbad lag.

"Was ist?", fragte Alva.

"Nichts, wieso?"

"Du zitterst."

Ich bemerkte es selbst und atmete einige Male tief ein und aus. Schließlich beruhigte ich mich, und der Gedanke an das davonfahrende Taxi verblasste.

"Was ist eigentlich mit deinen Geschwistern?", fragte sie. "Wie oft siehst du sie noch?"

Ich nahm einen tiefen Zug und überlegte, ob ich von der Fremdheit erzählen sollte, die sich zwischen meine Geschwister und mich geschlichen hatte. Doch ich zuckte nur mit den Schultern. "Meine Schwester lebt gerade in London, glaube ich. Und mein Bruder in Wien."

"Also siehst du sie kaum noch?"

"Nein ... Eigentlich fast gar nicht mehr."

Alva nahm mir den Joint aus der Hand und ließ ihn aufglühen. Sie stellte das Radio lauter und schloss die Augen. Eine Weile blieb sie regungslos. Dann griff sie, die Augen noch immer geschlossen, nach meiner Hand. Sie tat nichts weiter, rückte nicht näher, hielt sie einfach nur fest. Ich drückte einmal zu. Sie ebenfalls. Dann zog sie ihre Hand wieder zurück.

*

Am Wochenende kam nach langer Zeit überraschend Marty zu Besuch. Nachdem er mein Zimmer besichtigt hatte, gingen wir zu seinem Wagen, einem gebrauchten Mercedes. Ich verstand nie genau, was mein Bruder neben seinem Informatikstudium so alles trieb, doch offenbar hatte er bei mehreren Projekten erfolgreich die Finger im Spiel. Vor kurzem hatte er mit seinem früheren Zimmernachbarn Toni und einem reichen Kommilitonen eine Firma gegründet, die sich mit den für mich abstrakten Begriffen "Vernetzung" und "Information" beschäftigte. Die unglücklichen Internatsjahre schienen seinen Willen geschärft zu haben; aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hatte Marty eine dreistufige

Treppe gebaut, die ihn steil nach oben führte.

"Glaubst du, das klappt mit deiner Firma?", fragte ich.

"Alle werden uns wollen". Mein Bruder grinste. "Wir sind stark im Ei!"

Wir erreichten den Wagen. Erfreut sah ich, dass auch Toni mitgekommen war. Er war noch genauso muskulös wie zu Schulzeiten. Entspannt lehnte er gegen die Fahrertür und kaute an einem Apfel.

"Der Moreau Jules", sagte er.

"Der Brenner Anton", sagte ich.

Wir umarmten uns. Als ich vor einigen Jahren der Leichtathletikmannschaft beigetreten war, hatten Toni und ich oft zusammen im Kraftraum des Internats Gewichte gestemmt. Hin und wieder waren wir danach noch ein Bier trinken gegangen. Er hatte mir ein paar Zauber- und Kartentricks beigebracht und von Liz geschwärmt. Später, als er nach einer weiteren Knieoperation Sportinvalide wurde, fand er, dass er als Trost ein Anrecht darauf habe, meine Schwester zu heiraten.

Darauf angesprochen, verzog er nur das Gesicht. "Hat sie jetzt endlich auf meinen Liebesbrief geantwortet?"

Gemeinsam gingen wir zum See. Während Marty in einem Anflug von Genialität das Internet vorhersagte("Es wird eine neue Welt geben, Jules, verstehst du? Die alte Welt ist vermessen, aber bald können wir alle noch einmal Pioniere sein"), betrachtete ich seine Aufmachung: Scheitel, randlose Brille, Sakko und geflochtene Lederschuhe. Aus dem Kokon des schwarzgekleideten Nerds war ein beflissener Harvard-Überflieger gestiegen. Auch wenn mein Bruder kein sonderlich hübsches Gesicht hatte, mit der langen Nase und dem dünnen Mund("Ein Gesicht wie eine schludrige Bleistiftskizze von Sempe", hatte Liz einmal gesagt), sah er um Klassen besser aus als zu Schulzeiten, und er glühte vor Tatkraft.

"Dein Bruder wird ein Tipptoppmanager, hab ich immer gewusst", sagte Toni. "Ich häng mich einfach nur an ihn dran."

Allerdings hatte Marty noch immer seine Ticks: Durch alle Pfützen auf unserem Weg musste er zwanghaft mittendurch gehen. Schon im Internat hatte er nie das Zimmer verlassen können, ohne mehrmals die Klinke runterzudrücken. Mal nur viermal, dann zwölfmal, dann wieder achtmal. Mit der wissenschaftlichen Präzision eines Irrsinnigen schien er ein in sich logisches System entwickelt zu haben, doch obwohl ich immer mitzählte, kam ich nie dahinter.

Die beiden fragten mich übers Heim aus. Was soll ich sagen? Nach neun Jahren beherrschte ich die Rolle des fröhlichen, geselligen

Internatsschülers so gut, dass ich hin und wieder für ein paar Augenblicke glaubte, ich wäre wirklich so unbeschwert. Doch noch immer sprach ich nie über meine Eltern. Mein sehnlichster Wunsch war es, keine verdammte Waise mehr zu sein, sondern einfach nur normal. Ich ließ die Erinnerungen an meine Eltern gut verschnürt in einer Ecke meines Bewusstseins verstauben, und hatte ich früher noch oft ihr Grab in München besucht, war ich nun schon lange nicht mehr dort gewesen.

"Ich will dir übrigens keine Sorgen machen", sagte Marty, "aber Liz geht's schlecht. Sie war neulich bei mir in Wien und sah fertig aus. Sie nimmt zu viel Dreck."

"Aber das hat sie doch schon immer gemacht."

"Ich spreche von richtig harten Drogen. Ich glaube, sie bereut es inzwischen, dass sie die Schule geschmissen hat."

"Wie kommst du darauf?"

"Sie wirkte traurig, als sie mich zur Uni begleitete. Und ich weiß einfach, dass sie es bereut."

Ich wusste darauf nichts zu antworten. Jahrelang hatte ich kaum etwas von Liz gehört, inzwischen gab es zumindest wieder einen losen Kontakt. Das letzte Mal hatte ich sie vor einigen Monaten in München gesehen. Ein flüchtiges Treffen, wie immer.

Um das Thema zu wechseln, erzählte mein Bruder mir von seiner Freundin Elena, die er an der Uni kennengelernt hatte. Als ich ihn fragte, ob er sie liebe, winkte Marty ab. "Liebe", sagte er. "Das ist ein dummer, literarischer Begriff, Jules. Das sind nur chemische Reaktionen."

*

Ich sprintete in höchstem Tempo die Hundertmeterbahn entlang. Im Gras lag Alva und las. Der sandige Rasen und die Laufbahn waren in erbärmlichem Zustand, dennoch war das Sportgelände so etwas wie die Seele des Internats. Hier trafen sich nachmittags die verschiedensten Cliquen, um ihre Pläne für den Abend zu besprechen, zu lesen oder die Zeit totzuschlagen.

Ich war ein guter Läufer, brach zwar keine Rekorde, hatte aber bei Wettkämpfen schon das ein oder andere Rennen für unsere Leichtathletikmannschaft gewonnen. Keuchend kam ich vor Alva zum Stehen. Sie hielt ein Reclam-Heft in der Hand. Wenn sie las, veränderte sich etwas bei ihr. Ihr Gesicht entspannte sich, der Mund stand leicht offen, sie wirkte plötzlich unangreifbar und beschützt.

Ich konnte zwei Verse eines Gedichts erhaschen und las vor:

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen ...

"Sehr ermutigend", sagte ich. "Und, wie geht's weiter?"

Alva klappte das Heft zu. "Los, lauf noch eine Runde!", sagte sie vergnügt.

Nach dem Training duschte ich, zog mich um und kehrte mit meiner Kamera zu ihr zurück. Ich machte ein paar Fotos von ihr, dann legte ich mich neben sie ins Gras. Ich glaube, es war Alva, die zuerst davon sprach, dass sie später unbedingt Kinder wolle.

"Und wie viele?", fragte ich.

"Ich möchte zwei Mädchen. Das eine ist sehr selbständig und widerspricht mir oft, das andere ist ganz anhänglich und kommt immer zu mir, wenn es Rat braucht. Es schreibt auch Gedichte, die nie Sinn ergeben."

"Und wenn beide Mädchen total verkorkst oder seltsam sind?"

"Na ja, ein bisschen seltsam dürfen sie schon sein". Alva lächelte. Die kleine Falte in der Mitte ihrer Stirn verschwand.

Dann sagte sie ernst: "Ich muss dich warnen, Jules, wenn ich dreißig bin und keine Kinder habe, und du hast ebenfalls keine, dann möchte ich welche von dir. Du wärst ein guter Vater, da bin ich mir absolut sicher."

"Das würde aber bedeuten, dass wir vorher miteinander schlafen müssten."

"Dieses Übel würde ich in Kauf nehmen."

"Ja, du vielleicht. Aber wer sagt, dass ich dazu bereit wäre?"

Sie zog eine Augenbraue hoch. "Wärst du nicht?"

Für einen Moment stockte das Gespräch.

Ich blickte verlegen zum Internatsgebäude, in der Sonne glitzerte der erhitzte Zement des Parkplatzes wie Scherben im Licht.

"Doch, das klingt gut", sagte ich. "Ich möchte kein alter Vater sein. Dreißig ist auch bei mir die Grenze. Ich wäre also bereit, dich dann notfalls zu schwängern."

"Aber was, wenn wir uns mit dreißig nicht mehr kennen?"

"Das kann niemals passieren."

Sie sah mich lange an. "So etwas kann immer passieren."

Alvas Katzenaugen waren grün, nicht blass und dunkel wie bei einem Dollarschein, sondern leuchtend hell. Das Grün war ein faszinierender Kontrast zum Rot ihrer Haare, ihr Blick jedoch hatte oft etwas Abweisendes, fast Kühles. Es war nicht der Blick einer Neunzehnjährigen,

sondern der einer gleichgültigen, nicht mehr jungen Frau. Als sie aber "So etwas kann immer passieren" sagte, veränderte sich etwas in ihren Augen, und alles Kalte war daraus verschwunden.

Ein Tropfen fiel auf ihren Arm, wir blickten nach oben. Schwere Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, wie aus dem Nichts ein mächtiger Donnerschlag. Sekunden später regnete es heftig auf uns herab.

Wir packten unsere Sachen und flüchteten in mein Zimmer. Alva entdeckte den Gin, den Toni mir bei seinem Besuch mitgebracht hatte. Sie schenkte uns immer wieder ein, und ohne es richtig zu merken, leerten wir allmählich die Flasche. Der Alkohol machte mich beschwingt, Alva dagegen war angespannt.

"Er hat mit mir Schluss gemacht", sagte sie auf einmal.

Ihr Freund war schon Mitte zwanzig, ein mir unsympathischer, plump wirkender Autohändler aus der Stadt. Sie schüttelte den Kopf. "Aber ich war wahrscheinlich scheiße zu ihm. Ich hab's verdient."

"Das hast du nicht. Du warst sowieso zu gut für diesen Idioten."

"Glaub mir, ich hab's verdient, dass er mich verlassen hat". Fast spöttisch: "Jules, du siehst immer jemanden in mir, der ich nicht bin."

"Nein, andersrum. Du bist jemand, den du nicht siehst."

Sie trank achselzuckend ihr Glas leer und schenkte sich gleich nach. Inzwischen schwankte sie leicht. Danke, Toni, dachte ich. Keine Ahnung, wieso du mir den Gin mitgebracht hast, aber ich schulde dir etwas.

Mir fiel ein, wie sie im Fiat nach meiner Hand gegriffen hatte. "Weißt du noch, wie du dich in der fünften Klasse neben mich gesetzt hast?"

"Wie kommst du darauf?"

"Nur so ... Wieso hast du das damals getan?"

"Du warst neu und hast dich komisch angezogen, blaue und rote Socken, nichts hat zusammengepasst. Und du hast so traurig und verlassen gewirkt, und alle haben Witze über dich gemacht."

"Wirklich? Das hab ich überhaupt nicht mitbekommen."

"Sie haben auch gelacht, weil du immer die Wörter verdreht hast. ›Kieftühltruhe‹, das weiß ich noch. Oder ›Schwert der hör‹ statt ›Hört der schwere" Alva nahm die Bleiweste in die Hand, mit der ich immer sprintete, und begutachtete sie. "Deshalb habe ich mich neben dich gesetzt, damit du nicht so allein bist. Aber als dann alle angefangen haben, mich zu ärgern und zu sagen, ich wäre verknallt in dich, habe ich mich wieder weggesetzt."

"Ganz schön schwach von dir."

"Ja, stimmt."

Wir sahen einander lange an.

"Alva, du bist betrunken", sagte ich.

"Nein, Jules, du bist betrunken. Seit wann trinkst du eigentlich Gin?"

"Schon immer, jeden Tag eine Flasche vor dem Unterricht". Ich trat einen Schritt näher und nahm ihr die Bleiweste aus der Hand. "Es gibt so vieles, was du nicht über mich weißt."

Sie fixierte mich. "So, was denn?"

Es wurde still. Je länger die Frage unbeantwortet blieb, desto mehr wandelte sie sich, von spielerisch zu ernst. Ich lachte kurz, aber es klang mehr wie ein Keuchen.

Da Alva in dieser Szene nicht die Regie übernehmen wollte, legte ich, einem inneren Gefühl folgend, Musik auf. Via Con Me von Paolo Conte, das Lied, das mir meine Mutter kurz vor ihrem Tod vorgespielt hatte.

Ich betrachtete Alva, der die noch immer feuchten Haare ins Gesicht hingen. Ihr Kleid schien an ihr zu kleben, behutsam zog sie es wieder über ihre nackten Beine. In diesem Moment begann ich mich zur Musik zu bewegen. Meine Knie zitterten.

"Du tanzt wirklich gut", sagte sie und klang überrascht.

Ich antwortete ihr nicht, sondern forderte sie auf. Als sie abwinkte, streckte ich sogar die Hand aus. "Komm", sagte ich. "Nur dieser eine Song ... Komm!" Ich spielte einen gestenreichen Italiener und bewegte zum Text des Lieds theatralisch die Lippen.

It's wonderful, it's wonderful,

it's wonderful good luck my baby

It's wonderful, it's wonderful, it's wonderful

I dream of you ...

Alva lachte kurz. Dann aber verdüsterte sich ihr Gesicht, und mir war, als wäre sie mit ihren Gedanken plötzlich woanders. Sie hatte jede Körperspannung verloren, und einmal schüttelte sie sogar den Kopf. Die Enttäuschung darüber raubte mir den Atem. Ich presste die Lippen zusammen, tanzte noch eine Weile allein weiter, ein tapferer Narr. Doch schließlich machte ich die Musik aus, und kurz darauf nahm Alva ihre Sachen und ging.

*

Die Pfingstferien 1992 flossen ereignislos dahin, bis ich meine Tante eines Tages in sich gekehrt in der Küche vorfand, in ihren Augen ein

seltsamer Glanz. Erschrocken stellte ich fest, dass sie alt geworden war. Und dann verstand ich. An diesem Tag wäre der Geburtstag meiner Mutter gewesen. Ich schämte mich, dass ich ihn völlig vergessen hatte. Trotzdem stimmte ich nur aus Höflichkeit zu, als meine Tante sich mit mir auf die Couch setzen und Familienfotos ansehen wollte.

Ich sah meine Mutter als kleines Kind, als Teenager und als junge Frau mit modisch kurzen Haaren und Minirock inmitten einer Gruppe Studenten. Ihr bewundernder Blick galt dem gutaussehenden Mann neben ihr. Er trug ein weißes Hemd mit kurzer Krawatte, die Ärmel hochgekrempelt, hatte eine Pfeife im Mund und redete mit leuchtenden Augen auf die anderen ein.

"Dein Vater konnte so hinreißend sein, so klug", sagte meine Tante. "Er hat es geliebt, stundenlang zu diskutieren."

Auf dem nächsten Foto entdeckte ich meine französische Großmutter, die schon damals diesen harten Zug um den Mund gehabt hatte. Da war auch der kleine Marty mit seiner Ameisenkolonie. Liz in ihren Prinzessinnenkleidern, mit der rosa Schleife im Haar und im Hintergrund ich selbst, wie ich sie mit offenem Mund anstarrte. Auf einem anderen Bild stand ich als Neunjähriger in der Küche, konzentriert über einen Topf gebeugt. Sofort stiegen mir wieder die vertrauten Essensgerüche in die Nase. Ich hatte seit Jahren nichts mehr gekocht, aber hatte ich das Kochen nicht mal geliebt, oder bildete ich mir das jetzt nur wegen der Fotos ein? Ich prüfte mein Gedächtnis und fand tatsächlich immer deutlichere Erinnerungen.

Ein weiteres Bild zeigte mich mit meinem früher selbstsicheren Grinsen vor einem Klettergerüst, umringt von mehreren Jungen und Mädchen.

"Du wolltest immer im Mittelpunkt stehen", sagte meine Tante. "Ein Draufgänger. Wehe, wenn jemand nicht nach deiner Pfeife getanzt hat, dann bist du sauer geworden. Und es konnte dir nie gefährlich genug sein."

Mir war, als spräche sie von einem anderen.

"Wirklich?", fragte ich.

"Du warst ein besonderes Kind", sagte sie. "Marty war immer der Schlaue, Liz die Glamouröse, aber du warst etwas ganz Eigenes, viel feiner als die meisten anderen Kinder". Sie lächelte. "Auch wenn du dauernd geplappert hast."

Schließlich kam ein Foto, auf dem meine Mutter mich versonnen betrachtete, während ich etwas in mein rotes Notizbuch schrieb.

Meine Tante blätterte nicht weiter, sondern verharrte bei diesem Foto. "Sie hat dich so geliebt", sagte sie. "Du warst ihr Schatz."

Ich starrte auf das Bild mit meiner Mutter. In meiner Kindheit hatte sie mich "Schneckchen" genannt, weil ich mich in der Natur oft wie eine Schnecke aufgerichtet und alle Eindrücke in mich eingesogen hatte. Immer, wenn ich unsicher gewesen war, hatte ich sie um Rat gefragt. Sie war mein Kompass gewesen. Ich betrachtete ihren Blick, ihr vertrautes Gesicht, ihre Hand, die auf meiner Schulter ruhte.

Überrascht merkte ich, dass mir die Tränen gekommen waren.

"Das ist "..., fing ich an.

Meine Tante nahm meinen Kopf und umarmte mich. Als ich ihre Wärme fühlte, konnte ich nicht anders, ich begann zu weinen, wie ich seit Jahren nicht geweint hatte.

"Sie fehlt mir so", sagte ich immer wieder und spürte, wie meine Tante mir tröstend über den Rücken fuhr.

*

Die Feier fand auf einer Berghütte ohne Strom und fließend Wasser statt. Alle Klausuren waren geschrieben, der eiserne Griff des Schulsystems lockerte sich, nur noch die mündlichen Abiturprüfungen standen aus. Meine Mitschüler hatten beschlossen, vorher noch einmal zusammen zu feiern. Aus dem tragbaren CD-Player lief Musik, wir lachten lauter als nötig und machten alberne Sprüche. Fühlten uns mit dem Abitur, als hätten wir eine Bank ausgeraubt und müssten nur noch überlegen, was wir mit dem Geld anstellen wollten.

Alva war auf einmal verschwunden. Es geschah oft, dass sie sich absonderte, doch als sie auch nach einer Stunde nicht wiederkam, ging ich sie suchen. Ich entdeckte sie einige hundert Meter von der Hütte entfernt. Sie stand an einem Felsvorsprung und blickte in die Tiefe.

Ich kickte mit dem Fuß nach einem Stein. Alva drehte sich um.

"Was ist mit dir?"

"Nichts", sagte sie.

Wir setzten uns nebeneinander und ließen die Füße über dem Abgrund baumeln. Der Mond hellte das Tal vor uns auf.

"Ich habe gestern deine Geschichten gelesen", sagte sie. "Sie haben mir sehr gefallen. Wirklich sehr."

In den vergangenen Wochen hatte ich wieder angefangen zu schreiben. Es war, als wäre die Tür zu meiner Kindheit aufgesprungen, und ich stellte fest, dass ich noch genauso viel Spaß am Erzählen hatte

wie früher als Zehnjähriger. Vorbild für meine Kurzgeschichten war Ein unbeugsames Herz von A. N. Romanow, den Alva beinahe so sehr verehrte wie Tolstoi oder McCullers.

"Du hast wirklich Talent, Jules", sagte sie. "Du musst weiterschreiben, du wirst bestimmt mal Schriftsteller."

"Ich weiß nicht. Fotos sind präziser, wahrer."

"Manchmal sind Lügen besser."

Ich musste meinen Zivildienst in München machen und fragte sie an diesem Abend, ob sie mit mir eine Wohnung teilen würde, vielleicht zusammen mit einem weiteren Mitbewohner. Alva war unsicher, sie sprach oft davon, erst einmal reisen zu wollen oder weit wegzuziehen. "Eigentlich hält mich hier fast gar nichts", hatte sie einmal gesagt und dann gelacht. "Ich müsste mich schon unsterblich verlieben oder so, damit ich bleibe."

Ich hatte das Gefühl, ich müsse etwas tun, um sie stärker an mich zu binden. Gleichzeitig holte ich wie aus einem tiefen, verdreckten Brunnen meine Sorgen hervor: dass Alva bisher jeden Mann verstoßen hatte, der ihr zu nahe gekommen war. Dass sie nicht mit mir hatte tanzen wollen und dass es für diese Zurückweisung nur einen Grund geben konnte. Was soll ich machen, dachte ich immer wieder. Was soll ich jetzt machen.

"Weißt du, was mir mein Vater vor seinem Tod gesagt hat?" Ich spielte nervös mit den Fingern. "Er hat gesagt, es sei wichtig, einen wahren Freund zu haben, einen Seelenverwandten. Jemand, den man nie verlieren würde, der immer für einen da sei. Das wäre viel wichtiger als Liebe."

Alva drehte sich zu mir. Ihre Lippen glänzten im Mondlicht. "Wieso sagst du das?"

"Manchmal glaube ich, dass du das für mich bist oder ich für dich. Ich kann mir vorstellen, dass wir unser ganzes Leben lang befreundet sind, und ich bin unendlich froh, dass wir uns hier kennengelernt haben. Es gibt vielleicht niemanden, der mir mehr bedeutet."

Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und merkte im selben Moment, wie selten ich sie berührte. "Was ich damit sagen will: Bitte komm mit mir nach München."

Sie dachte nach. "Lass uns morgen Abend über alles reden. Dann hab ich mich auch entschieden, ob wir das mit der Wohnung machen. Okay?"

"Okay. Ich koche auch was, wenn du möchtest."

"Du kochst? Kannst du das denn?" Sie war amüsiert. "Ja, das klingt gut.

Holst du mich gegen sieben bei mir ab?"

Ich nickte. Da ich fühlte, dass sie noch einen Moment für sich bleiben wollte, ging ich allein zurück. Ich bin mir sicher, dass ich in der Hütte gutgelaunt mit den anderen tanzte, allerdings kann ich mich kaum noch daran erinnern. Viel mehr beschäftigte mich dagegen noch über Jahre hinweg das zweite Gespräch mit Alva.

Als wir uns alle schlafen gelegt hatten, waren die wenigen Betten schnell belegt, so dass der Rest von uns in der Hütte verstreut auf Isomatten und Schlafsäcken lag. Die Nacht war kühl, mich fror. Ich hatte zu viel getrunken und konnte nicht einschlafen, wenn ich die Augen schloss, drehte sich alles. Alva war direkt neben mir, immer wieder hörte ich, wie sie ihren Walkman vor- und zurückspulte. Schließlich legte sie ihn weg.

Stille ... Stille.

Für mich begann nun die Arbeit der Nacht, wie ein Detektiv zum Tatort kehrte ich zu einzelnen Geschehnissen des Tages zurück, und alles war noch da. Jede Geste von Alva, die ich nachträglich zu deuten versuchte, jeder Dialog, den wir geführt hatten. Etwa, als wir über unsere meist sorglos wirkenden Mitschüler gesprochen hatten. "Manchmal glaube ich, es gibt Menschen, die wissen gar nicht, dass sie sterben müssen". Das beschäftigte mich sehr. Wieso hatte Alva so etwas gesagt? Obwohl sie neben mir lag, sehnte ich mich nach ihr. Ich stellte mir vor, wie es wäre, mit ihr in München zu leben. Dachte an das Abendessen am nächsten Tag, an dem wir alles besprechen wollten.

Kurz bevor ich in den Schlaf sank, stieß sie mich an. "Jules. Bist du noch wach?"

"Ja. Was ist?"

"Die Batterie vom Walkman ist leer", flüsterte sie, "und ich kann nicht einschlafen, wenn ich nichts dabei höre. Ich muss mich immer ablenken, sonst ..."

Ich wartete, dass sie den Satz beendete, aber das tat sie nicht.

"Soll ich dir eine Geschichte erzählen?"

Sie lachte leise. "Nein, ich wollte dich nur fragen, ob ich mich zu dir legen darf. Wenn jemand neben mir liegt, ist es nicht so schlimm."

Als ich nickte, schlüpfte sie in meinen Schlafsack. Da wir beide nicht nebeneinander Platz hatten, lag sie halb auf mir, und ich war überrascht, wie kühl, schwer und vor allem weich sich ihre Beine und ihr ganzer Körper anfühlten. Auch sie fror, doch dann vermischte sich meine Kälte mit ihrer, und uns wurde warm. Alvas Atem traf in regelmäßigen

Abständen auf meinen Hals, es kitzelte mich. Als ich ihre ungewohnte Nähe spürte, ihre Brüste an meiner Schulter, ihr Knie auf meinem Bein, bekam ich eine Erektion. Ich wusste nicht, ob sie es bemerkte. Kurz lag ich noch regungslos da, dann legte ich meinen Arm um sie.

"Ich muss immer an meine Schwester denken. Es hört einfach nie auf."

Alvas Stimme klang brüchig. Verwundert hob ich den Kopf. Sie hatte mir bis dahin nie erzählt, dass sie eine Schwester hatte.

Vorsichtig fragte ich: "Was ist mit ihr?"

"Ich weiß es nicht ... Sie war ein Jahr älter als ich, wir waren unzertrennlich, wir haben alles zusammen gemacht. Unsere Eltern haben gesagt, wir wären wie Zwillinge gewesen. Und dann ... Sie ist vor ein paar Jahren verschwunden."

Benommen hörte ich zu. Ich hatte das Gefühl, die anderen würden uns beobachten, und reckte den Hals. Alva dagegen schien mich für einen Moment vergessen zu haben. "Sie hieß Josephine", sagte sie mehr zu sich selbst. "Aber wir haben sie immer Phine genannt."

"Und was ist passiert?"

"Niemand weiß es ... Sie kam einfach eines Tages nicht mehr vom Ballett zurück". Alva sprach zittrig und abgehackt. "Natürlich hat die Polizei nach ihr gesucht ... Sie haben jeden Stein umgedreht, in der ganzen Umgebung ... es gab Hundestaffeln und monatelange Suchaktionen ...

Aber außer ihrer Jacke hat man nichts gefunden, nicht mal ihre Leiche ..."

Sie wandte ihr Gesicht ab. Ich spürte die Verzweiflung, die aus ihr sprach, und wusste nicht, was ich tun sollte; ich konnte nur da sein, direkt neben ihr. Mir fiel ein, wie sie damals beim Filmschauen aus dem Klassenzimmer gegangen war.

"Wieso sagst du mir das erst jetzt?"

Sie antwortete nicht. Erstes Morgenlicht drang in die Hütte und ließ die Umrisse unserer schlafenden Mitschüler aus der Dunkelheit auftauchen.

"Ich bin zu müde", sagte sie. "Lass uns morgen Abend darüber reden."

Sie schmiegte sich an mich. "Du darfst nicht einschlafen, bevor ich eingeschlafen bin", flüsterte sie so nah an meinem Ohr, dass es mich kribbelte. "Das ist ganz wichtig, Jules. Ganz wichtig."

"Versprochen". Ich wischte ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Alvas Hand fuhr kurz über meine Brust, ehe sie wieder ruhte, und während ihr Atem langsamer und gleichmäßiger wurde, küsste ich sie

auf die Schläfe und flüsterte: "Ich bin für dich da."

*

Am nächsten Tag kaufte ich in der Stadt für das Essen ein. Ich reservierte die Schülerküche im Internat und fuhr mit dem Bus in das Dorf, in dem Alva wohnte. Erstaunt stellte ich fest, dass sie diesmal nicht wie sonst vor dem Haus auf mich wartete. Ich klingelte an der Tür. Nichts regte sich. Der Garten war penibel gepflegt, in den blankpolierten Fenstern spiegelte sich die untergehende Sonne. Ich musste an Alvas Schwester denken, dann klingelte ich noch mal.

Endlich summte es, ich trat ein.

Der Flur war nur schwach beleuchtet. Alvas Mutter stand im Dunkeln, Schatten teilte ihr Gesicht. In der einen Hand hielt sie eine Zigarette, in der anderen einen Telefonhörer, ihre Stimme klang laut und gestresst. Von Alva selbst war noch immer nichts zu sehen. Ein starker Geruch von Bolognese-Sauce strömte mir aus der Küche entgegen. Plötzlich lautes Gebell, zwei große Dalmatiner kamen auf mich zugelaufen. Sie sahen völlig identisch aus, bis auf den kleinsten schwarzen Felltupfer, und beäugten mich angriffslustig.

"Du möchtest sicher zu Alva", sagte ihre Mutter, als sie aufgelegt hatte. Ein seltsamer Ausdruck der Niedergeschlagenheit lag auf ihrem Gesicht.

Ich nickte und folgte ihr in die Küche, die Hunde trotteten hinterher.

"Willst du vorher einen Saft oder eine Cola?", fragte sie und ging schon zum Kühlschrank.

"Nein, danke", sagte ich, und sie blieb stehen. "Ich bin mit Alva zum Abendessen verabredet und wollte sie nur schnell abholen. Ist sie oben?"

Vielleicht lag etwas Hoffnungsvolles in meiner Stimme, das ihre Mutter irritierte. Sie sah mich lange an. "Gott, bist du jung". Sie blies Rauch in die Luft und taxierte mich noch immer. Ich fühlte mich unwohl.

"Ja, sie ist oben", sagte sie. "Anklopfen bringt nichts, sie hört wieder laut Musik."

Ich ging die Treppen hinauf, nahm die letzten Stufen auf einmal, schon war ich vor Alvas Tür, machte sie auf - und erstarrte, nein, es katapultierte mich aus der Szene. Noch bevor ich die Tür wieder geschlossen hatte, war meine Welt aus den Fugen geraten.

Ich rannte die Treppen hinunter. In meinem Kopf wirbelten Bilder umher: die leeren Bierdosen, das Mathebuch und der Pullover auf dem Boden. Das Bett. Der nackte, auf dem Rücken liegende Mann. Die ebenfalls nackte, rittlings auf ihm sitzende Alva. Ihre roten,

verschwitzten Haarsträhnen, ihr Hals, der vor Anstrengung leicht gerötet war, ihre nur kurz langsamer werdenden Bewegungen und ihr leicht geöffneter Mund. Die Geräusche, die sie von sich gaben, und vor allem der kurze, aber eindringliche Blick, den Alva mir zugeworfen hatte.

Ein Blick, stärker als jede Antwort, stumm und doch aggressiv, anklagend und gleichzeitig bedauernd. Ich hatte etwas in ihr gesehen, was sie war und nicht sein wollte. Aber vor allem hatte ich mich selbst in ihren Augen wahrgenommen, das, was aus mir geworden war, und das, was eben nicht. Und was auch immer all diese Jahre zwischen uns gewesen war, ein einziger Blick hatte gereicht, um es wieder kaputtzumachen.

Während ich die Treppen hinunterlief, verspürte ich einen unglaublichen Zorn. Ich hatte keine Lust mehr, nur ein Junge zu sein, ich wollte alles Jugendliche loswerden, ich hätte es aus mir herausgeprügelt, wenn ich gekonnt hätte. Unten stand Alvas Mutter mit den zwei Hunden. Sie wollte etwas sagen, doch ich rannte einfach davon, aus dem Dorf hinaus, quer über die angrenzenden Wiesen und ohne mich umzudrehen.

Die Ernte
(1997-1998)

In meiner Erinnerung sehe ich mich auf der Verlobungsfeier meiner Schwester. Ich bin leider nicht der elegante Charmeur im Anzug, der die umstehenden Leute zum Lachen bringt. Und auch nicht der zugekokste Typ, der seine Air Jordans im Takt eines Charlestons wippen lässt und mit einer Studentin flirtet. Nein, dieser unscheinbare Vierundzwanzigjährige dort an der Getränketheke, der sich unter all den fremden Menschen sichtbar unwohl fühlt, c'est moi. Während ich einer geviertelten Zitrone den Rücken breche und den Saft in meinen Drink presse, denke ich an die Geburtstagspartys und Feste in meiner Kindheit, auf denen ich stets im Mittelpunkt stand. Diese ungeheure Energie hatte. Wann ist das alles eigentlich verlorengegangen? Mein Jurastudium habe ich geschmissen, und auch als Fotograf habe ich keinen Erfolg. Zu Recht, denke ich, denn längst trage ich einen glühenden Funken Selbsthass in mir.

Der einzige Mann im Raum, der so verloren wirkt wie ich, ist Liz' Verlobter Robert Schwan. Ein erfolgreicher Jazzpianist, allerdings mag Liz keinen Jazz. Er ist überhaupt eine rätselhafte Wahl. Meine Schwester hatte immer eine Schwäche für gutaussehende, interessante Männer, und mit einer Gefräßigkeit, die ich oft bewundert habe, nahm sie sich,

was sie wollte. Ihr Verlobter jedoch ist ein knochiger, schwarzlockiger Mann Mitte vierzig, mit stechenden Paul-Auster-Augen und einem absurden Schnurrbart, der ihn etwas zwielichtig wirken lässt.

"Was für ein Langweiler", sagt eine Männerstimme neben mir. "Hab vorhin zehn Minuten mit ihm geredet. Keine Ahnung, was sie an ihm findet."

Mein Bruder hat sich mit seiner Freundin zu mir gestellt. Elena ist klein, schwarzhaarig, etwas kräftig, mit wachen Augen, die alles in sich aufnehmen. Schüchtern umarmt sie mich und entfernt dabei eine Fluse von meinem Jackett.

Verlegen begrüße ich nun auch Marty. Das letzte Mal habe ich ihn bei der Beerdigung unserer Tante gesehen, wo wir im Streit auseinandergegangen sind.

"Gratuliere dir", sage ich. "Dr. Moreau."

"Nicht schlecht, oder? Hätte nie gedacht, dass ich mal promoviert werde". Marty deutet ein Grinsen an. "Obwohl, eigentlich habe ich das schon immer gedacht."

Wir beobachten unsere Schwester. Sie ist siebenundzwanzig, trägt an diesem Abend ein blaues Kleid und hat die blonden Haare hochgesteckt, ihre Highheels lassen sie alles und jeden überragen. Liz sieht ihre Schönheit in den Blicken der Anwesenden widergespiegelt und lässt es zu, dass sich alle in sie verlieben. Sie hält überschwengliche Reden und küsst innig ihren Verlobten, danach schwirrt sie wie eine Biene von einem Gast zum nächsten, versprüht überall ihren Charme und bricht immer wieder in ihr Lachen aus, das einen einfach mitreißt, so wie einen alles mitreißen muss, was meine Schwester tut. Dabei wirkt es stets, als erfülle Liz nur die Anweisungen eines unsichtbaren Kameramanns. Noch ein strahlendes Lächeln, perfekt, jetzt eine kleine Schnute, ein kurzer, flirtender Blick. Wenn sie einen ansieht, ist es, als richte sich ein Scheinwerfer auf das eigene Selbst, und man will nur noch, dass man ihr gefällt. Selbst ich will das.

Und wie fern scheinen auf einmal die Zeiten, in denen ich mich als Kind nachts in ihr Zimmer geschlichen habe. Liz hatte oft noch gelesen oder ihre Comics gezeichnet und mich unter ihre Decke schlüpfen lassen. Ich war jedes Mal fasziniert gewesen, wie warm ihre Beine waren, sie schienen zu glühen. Meist hatte sie mir dann von Jungen aus ihrer Klasse erzählt und wie süß der eine wäre und wie frech der andere. Ich hatte diesen Schwärmereien atemlos zugehört, stolz darauf, dass meine ältere Schwester mir das alles anvertraute. Manchmal hatte ich aber auch nur neben ihr im Bett gelegen, während sie gelesen und Musik

gehört hatte. Ich hatte diese Augenblicke geliebt. Meine Mutter und mein Vater waren am Ende des Flurs gewesen, Marty nebenan, alles war so sicher und gemütlich, und ich hatte mich an Liz gekuschelt, die neben mir ruhig die Seiten umblätterte, und dann war ich einfach eingeschlafen ...

Die nächste Erinnerung hat eine andere, dunklere Farbe.

Vier Monate nach der Verlobungsfeier meiner Schwester reißt mich ein schlimmer Anruf aus dem Schlaf. Mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Ich wohne damals in Hamburg, in einem heruntergekommenen Apartment in Hafennähe, und fahre sofort mit dem Zug zu Liz nach Berlin. Anders als bei meinem letzten Besuch ist es in ihrer Wohnung beklemmend still. Doch Stille hat noch nie zu meiner Schwester gepasst. Trübes Morgenlicht fällt durch die Fenster in den Gang, in der Küche ragt ein Berg dreckigen Geschirrs aus der Spüle, am Eingang stolpere ich beinahe über eine zerstörte Gitarre.

Im Schlafzimmer riecht es nach Räucherstäbchen und Erbrochenem. Liz sitzt auf dem Boden, die Augen halbgeöffnet. Um sie herum ein paar Leute, offenbar Freunde von ihr, die meisten kenne ich nicht. Von ihrem Verlobten ist nichts zu sehen.

"Was ist mit ihr?"

Ich knie mich neben Liz. Sie trägt nur Slip und Pullover, aschgraue Ringe laufen um ihre Augen. Sie scheint mich nicht wahrzunehmen und murmelt etwas von einem Verstärker, der in ihrem Hirn sei und die Stadt regulieren könne.

"Sie ist zusammengebrochen", sagt eine Freundin von ihr, die ich von der Verlobungsfeier kenne. "Sie stand halbnackt auf der Straße und hat Leute beschimpft."

Ich wische meiner Schwester das feuchte Haar aus dem Gesicht. "Was hat sie genommen?"

"Weiß nicht. Koks, MDMA, ein paar Downer und Meskalin, so was."

"Wo ist ihr Verlobter?"

"Weißt du das denn nicht? Robert hat sich längst von ihr getrennt."

Ich bin kurz sprachlos. Dann rufe ich Marty in seiner Firma in Wien an.

"Bring sie auf keinen Fall in eine Klinik", sagt er immer wieder. "Ich schicke dir einen befreundeten Internisten vorbei und komme, so schnell ich kann."

Plötzlich wird Liz wieder munter. Sie streckt ihre Hand nach mir aus und redet mit mir wie mit einem Kleinkind.

"Ach, mein kleiner Bruder, was willst du denn hier?"

Dann lacht sie mir ins Gesicht. Ein schrilles, wahnsinniges Lachen, dabei sieht sie mich die ganze Zeit an. Aber es ist nicht ihr schwesterlicher Blick, nicht diese jugendfreie Fassung. Sondern der harte, belustigte, unendlich überlegene Blick, an dem sich seit Jahren alle Männer abarbeiten, alle Frauen, der Blick, dem nur Robert Schwan standhalten konnte. Noch immer lacht sie irre, und mich schaudert es. Liz hat diese abgründigen, schwarzen Augen bekommen. Die Augen von jemandem, der fällt und fällt und fällt.

Und sie liebt den Fall.

"Wann bist du da?", frage ich Marty.

"Ich nehme den nächsten Flieger". Er klingt gehetzt, ich höre, wie er die Treppe hinunterläuft und eine Tür öffnet. Wie immer drückt er mehrmals die Klinke runter. Acht knallende Geräusche. "Alles wird gut, hörst du?"

In diesem Moment bedeutet mir Liz, ich solle näher kommen, damit sie mir etwas ins Ohr flüstern kann. Sie wirkt jetzt aufgeregt, wie ein Kind, dem etwas Wichtiges eingefallen ist. Ich beuge mich zu ihr rüber, das Telefon noch immer in der Hand, und als ich ganz nah bei ihr bin, murmelt meine Schwester: "Sischdodibsumwracht."

"Was?", frage ich.

"Es ist tot, ich habe es umgebracht", wiederholt sie.

*

Im Sommer 1998 fuhr ich mit meinen Geschwistern zum ersten Mal seit unserer Jugend wieder nach Berdillac. Es war Martys Idee gewesen. Er hatte das Haus, das wir von unserer Großmutter geerbt hatten, vor einiger Zeit renovieren lassen und gemeint, er könne auch von Frankreich aus arbeiten, Elena würde einige Tage später nachkommen. Wir redeten von alldem wie von einem lange geplanten Urlaub, doch der wahre Grund für die Reise war, dass wir uns Sorgen um Liz machten. Nach ihrer Abtreibung und dem Zusammenbruch war sie immer noch nicht ganz auf die Beine gekommen.

In Frankreich erwartete uns ein Unwetter, die Scheibenwischer huschten hin und her. Mein Bruder lenkte den Mercedes über die Landstraßen, Liz schlief. Ich blickte aus dem Fenster und erkannte vieles wieder; seltsam vertraute Burgen, die leuchtenden Farben der Felder. Die silbernen Franc-Münzen, mit denen ich als Kind gespielt hatte, kamen mir in den Sinn. Mein Vater, der am Steuer saß, meine Mutter, die ihre Beatles-Kassette hörte.

In Berdillac hatte der Regen aufgehört, die Luft war frisch und angenehm kühl. Marty stieg als Erster aus und lief zur Haustür. Kurz hatte ich unseren Vater vor Augen, wie er - in seiner Lederjacke, die Pfeife im Mundwinkel -früher ebenfalls immer als Erster zur Tür gegangen war. Nach all den Jahren an diesen Ort zurückzukehren war wie einen alten Schwarzweißfilm zum ersten Mal in Farbe zu sehen. Das Haus am Ende der Straße wirkte von außen unverändert. An der Vorderseite wuchs Efeu, auf der steinernen Veranda im Garten standen Stühle und eine Tischbank, das rötliche Ziegeldach war verdreckt, die Farbe der dunkelgrünen Haustür noch immer abgeblättert. Innen war jedoch nichts wiederzuerkennen. Die Wand zwischen Küche und Salon war entfernt worden. Ein großer, gemütlich eingerichteter Raum, im vorderen Teil mit einer Bibliothek, einer Couchecke und Kamin, hinten standen Herd, Spüle und der Esstisch aus Holz.

"Das Haus ist jetzt in einem Topzustand". Marty führte uns herum. "Bad komplett saniert, Böden im ersten Stock neu gefliest, die hässlichen Tapeten sind ab. Nur die Kommoden, Tische und Schränke von Opa habe ich dringelassen."

Er stolzierte vor uns her. Als einer der Ersten hatten er und Toni das Potential des Internets richtig eingeschätzt. Ihre Firma hatte eine elitäre Website ins Leben gerufen, auf der sich Manager, Juristen, Banker, Politiker oder Journalisten darstellen und miteinander vernetzen konnten. Ihr Startup wuchs schnell. Auf der Fahrt hatte Marty erzählt, dass Microsoft es für eine siebenstellige Summe kaufen wollte. Immerhin, dachte ich, da kann ich mir vielleicht etwas von ihm leihen.

Beim Abendessen kam kein richtiges Gespräch in Gang, und schließlich schwiegen wir ganz. Ich dachte an die lauten, fröhlichen Abendessen in unserer Kindheit, wenn meine Geschwister miteinander stritten oder wir zusammen über etwas lachten, was wir erlebt hatten. Und nun saßen wir am Tisch wie drei Schauspieler, die nach langer Zeit wieder zusammentrafen und sich nicht mehr an den Text ihres berühmtesten Stücks erinnerten.

Irgendwann hielt ich die Stille nicht mehr aus und holte eine Mappe mit Bildern aus meiner Tasche. "Ich hab sie einer Galerie angeboten". Es war mein neues Projekt: eine Serie über Schönheit im Unscheinbaren. Auf einem Foto war ein im Nebel liegendes Tal zu sehen, dichter, weißer Dunst, aus dem nur die schwarzen Wipfel der Bäume herausragten, andere Bilder zeigten ein von Moos überwachsenes und dem Verfall preisgegebenes Häuschen im Wald oder einen Jungen, der sich gerade noch die Schuhe zugebunden hatte und nun mit beseeltem Gesicht

seinen Freunden hinterherrannte. Kurz bevor er sie erreicht hatte, hatte ich auf den Auslöser gedrückt.

Meine Schwester schnappte sich die Bilder. "Gefällt mir richtig gut", sagte sie, aber mich beschlich das Gefühl, dass sie die Fotos nicht aufmerksam genug studierte, um Details und Tiefe erkennen zu können.

Marty dagegen betrachtete sie eingehend. "Ich finde sie wirklich nicht schlecht. Du ahmst ganz gut den Stil von Salgado oder Cartier-Bresson nach ..."

"Aber?", fragte ich.

"Aber ich sehe noch immer nicht, wie du damit über die Runden kommen willst."

Ich weiß nicht, welche Reaktion ich mir von ihm erhofft hatte, doch ein "Ich glaube an dich" wäre ganz nett gewesen. Meine Schwester sah nicht so aus, als würde sie mir zu Hilfe kommen. Auch ihre Existenz war brüchig, mal verdiente sie ihr Geld mit Modeln, mal gab sie Gitarrenunterricht oder arbeitete einige Monate lang bei einer Werbeagentur.

"Kann dir doch egal sein", sagte ich leise.

Marty seufzte. "Ich will mich ja nicht in dein Leben einmischen, aber ich finde, du hättest dein Studium nicht abbrechen dürfen."

"Ich hab es gehasst", sagte ich. "Wenn ich etwas bereue, dann, dass ich damit überhaupt angefangen habe."

"Aber es wäre sicher gewesen. Ich weiß, am Anfang ist es nie leicht, man muss bei solchen Sachen durchhalten. Am Ende hätte es dir vielleicht doch gefallen."

"Woher willst du bitte wissen, was mir gefällt? Du weißt überhaupt nichts von mir, also führ dich nicht dauernd auf wie mein Vater."

Verärgert nahm ich die Bilder an mich. Ich hatte diese Unterhaltung mit Marty in den letzten Jahren schon häufiger geführt, und jedes Mal kam ich mir dabei wie ein unbeherrschter Jugendlicher vor. Auch, weil mein Bruder mich nicht aus dieser Rolle entließ.

An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen. Eine Weile betrachtete ich den Vollmond, der wie das Bullauge der Nacht am schwarzen Himmel leuchtete, dann stand ich auf und klopfte an die Tür meiner Schwester. Liz öffnete mir im Pyjama. Auf ihrem Bett lagen ein altes Kinderbuch, das sie offenbar hier gefunden hatte, und eine Packung Weingummi.

"Bist du noch wütend?", fragte sie kauend. "Mach dir nichts draus, wegen vorhin. Marty wird einfach immer mehr wie Papa. Genauso

kritisch, allerdings nicht so ein Loser. Er ist wie Papa, wenn er Erfolg gehabt hätte."

Ich nickte, aber es traf mich, dass sie unseren Vater einen Verlierer nannte.

"Hat es eigentlich mit der Ausstellung im Kunsthaus geklappt?"

Ich schüttelte nur den Kopf.

"Jules, kann ich dich was fragen?" Liz warf mir einen mütterlichen Blick zu. "Wie lange versuchst du es jetzt schon als Fotograf, drei Jahre? Machst du das alles wegen ihm} Weil du dich schuldig fühlst?"

Ich erinnere mich noch gut, dass diese Frage eine tiefe Unruhe in mir auslöste, und es kann sein, dass ich in einem zu lauten Tonfall antwortete.

"Wieso sollte ich mich schuldig fühlen? Ich bin Papa gegenüber zu nichts verpflichtet. Ich weiß, er war enttäuscht, weil ich die Kamera vor seinem Tod nicht benutzt habe, aber das hatten wir doch damals längst ausgeräumt."

"Ich wollte dich nicht ..."

"Ich fotografiere nicht wegen Papa, sondern weil es mich interessiert. Du redest ja schon genau wie Marty."

Genervt wandte ich den Blick ab. An der Wand hing eine gerahmte Zeichnung, sie zeigte einen Mann, der die Flügel eines Adlers hatte und durch die Lüfte flog, in der Ferne war ein Schloss angedeutet. Daneben stand in Kinderschrift: Er muss die Prinzessin befreien, die in einen dunklen Turm gesperrt wurde ... Dass diese Zeichnung überlebt hatte! Sie stammte aus den Wochen nach dem Tod unserer Eltern. Wir waren hier bei unserer Großmutter in Frankreich gewesen, und es war die Zeit, in der wir noch immer insgeheim damit rechneten, dass unsere Eltern jeden Moment zur Tür reinkommen und sich alles als großes Missverständnis herausstellen würde. Um Marty und mich aufzumuntern, hatte sich Liz ein Spiel ausgedacht: Traumredaktion. Sie hatte die engagierte Chefredakteurin und Illustratorin gegeben, und gemeinsam mussten wir uns absurde oder schöne Träume ausdenken, die wir dann zeichneten und mit Texten versahen. Später hatten wir die Blätter verbrannt, und der Rauch, der davonschwebte, würde laut Liz von anderen Menschen eingeatmet werden, die dann nachts das träumten, was wir uns ausgedacht hatten.

"Was, wenn wir hier in Montpellier aufgewachsen wären?", fragte ich Liz. "Ich hab mir oft vorgestellt, wie du als typische Französin gewesen wärst. Ich glaube, das hätte gut gepasst. Du hättest hier die Schule

fertig gemacht und dann studiert."

"Und was hätte ich studiert?"

"Auf jeden Fall etwas Künstlerisches. Malerei vielleicht, oder Literatur. Oder du wärst wie Mama Lehrerin geworden, das hätte auch sein können."

Liz starrte mich an. "Erzähl weiter", sagte sie leise.

"Na ja, man hätte dich jedenfalls immer mit einem Buch in der Hand gesehen, du hättest es geliebt, zu lesen und zu zeichnen. Mama hätte dir manchmal geholfen, wenn sie noch gelebt hätte, ihr hättet oft telefoniert. Du wärst nach der Schule nämlich zum Studieren nach Paris gegangen. Du hättest ein paar Verehrer gehabt, aber auch noch oft an deine Schulliebe gedacht, einen Typen namens Jean oder Sebastian, mit dem du jahrelang zusammen gewesen wärst. Dein erster Freund. Er hätte aber im Ausland studiert, und deshalb wäre die Beziehung erst mal auseinandergegangen. Du wärst zwar traurig gewesen, aber es wäre eine schöne Art von Trauer gewesen, die einzig richtige Art. Und irgendwie hättest du gewusst, dass du ihn noch mal wiedersehen würdest. Er ist nicht für jetzt, er ist eben für später, hättest du zu uns gesagt. Du hättest dich schön angezogen, so wie Mama. An den Wochenenden hättest du natürlich gefeiert, aber viel zurückhaltender als in Deutschland. Du hättest ein paar Freunde gehabt, die immer gut auf dich aufgepasst hätten. In den Ferien wärst du dann zu uns nach Montpellier gekommen, und ich hätte dich ausgefragt, wie es an der Uni so ist, ob es viele hübsche Mädchen gibt. Marty dagegen hätte ein Stipendium in Harvard bekommen, er hätte dort Biologie studiert und seine Käfer und Schnecken seziert, und wir hätten uns zusammen über ihn lustig gemacht. Dann, kurz nach deinem Abschluss, wärst du ... ach, ich weiß nicht, hilf mir mal ..."

Ich hatte beim Erzählen gelächelt und mir eingebildet, Liz würde es ebenfalls amüsieren. Doch als ich sie jetzt ansah, stellte ich fest, dass sie Tränen in den Augen hatte.

"Tut mir leid. In letzter Zeit spinne ich hin und wieder". Sie wischte sich übers Gesicht. "Ich weiß nicht mal, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Es ist egal. Ich vermisse es einfach."

Ich setzte mich zu ihr aufs Bett. "Wir wären für dich da gewesen. Du hättest es uns einfach sagen müssen. Ich wusste nicht mal, dass ihr euch getrennt habt."

"Ich tue mich schwer, anderen zu vertrauen."

"Aber deinen Geschwistern kannst du doch vertrauen", sagte ich. Noch

im selben Moment fragte ich mich, mit welcher Berechtigung ich das behauptete.

"Bereust du es?"

Liz zuckte mit den Schultern. "Manchmal ja, manchmal nein". Mit einem Mal war sie wie eine Zehnjährige. "Ich weiß, dass Robert nicht der Richtige war. Ich muss nur so oft daran denken, wie Mama als Oma gewesen wäre. Ich wünschte, ich hätte sie anrufen können, sie hätte gewusst, was richtig ist."

Sie ging zu ihrer Jacke, die über einem Stuhl hing, holte eine Zigarette heraus und zündete sie an. Dann schlang sie plötzlich ihre Arme um mich und gab mir drei schnelle, stürmische Küsse auf die Wange. Ich begann, ihr übers Haar zu streichen, und der Geruch von Rauch vermischte sich mit dem Honigduft ihres Shampoos.

Mir fiel ein, wie ihr Verlobter bei unserem letzten Treffen kaum einen Satz herausgebracht und oft desinteressiert ins Nichts gestarrt oder auf seinem Pager herumgetippt hatte. Gelangweilt sein, aus Angst davor, langweilig zu sein.

"Wieso hast du ihn eigentlich geliebt?", fragte ich. "Er hatte doch nichts."

"Das war es, glaube ich. Er war so leer, so angenehm leer. Ich konnte aus ihm machen, was ich wollte. Und er hatte keine einzige verwundbare Stelle. Nichts konnte ihn verletzen, das hat mich fasziniert."

*

Der Morgen schimmerte in trostlosem Grau, dennoch fuhren wir ans Meer. Liz trug einen schwarzen Bikini und eine Sonnenbrille. Sie lag am Strand und las, die milchige Sonne hatte ihre Haut bereits rot überhaucht. Ich grub meine Zehen in den Sand und beobachtete, wie mein Bruder im eiskalten Meer schwamm. Marty drosch ungelenk auf das Wasser ein und machte schon den ganzen Tag einen nervösen Eindruck. Später erzählte er, dass er mehrmals im Jahr sein Blut untersuchen lasse und noch immer auf die Ergebnisse des letzten Tests warte.

"Wieso machst du überhaupt den ganzen Aufwand?", fragte Liz.

Er zuckte mit den Schultern.

"Hunde, wollt ihr ewig leben?", fragte sie nur verächtlich und winkte ab. "Ich werde jung sterben, aber das ist mir egal", sagte sie, und das war nach den schwierigen letzten Monaten genau das, was wir nicht hören wollten.

"Nein, wirst du nicht."

"Doch, ich weiß es". Unsere Schwester räkelte sich provozierend auf ihrem Handtuch und zündete sich eine Zigarette an. "Ich werde jung sterben, und zwar dann, wenn ich endlich glücklich bin. Dann passiert irgendwas, und ganz plötzlich bin ich tot". Sie sah uns beide abwechselnd an. "Aber das ist okay. Ich war fast überall, habe so viel gesehen, den Morgendunst in Manhattan oder den Dschungel in Ecuador, ich bin Fallschirm gesprungen, hatte viele Liebhaber und eine wilde, schwierige Zeit, aber davor auch eine glückliche, behütete, und ich habe wirklich viel über den Tod gelernt. Es ist egal, wenn ich früh sterbe, denn ich kann trotzdem sagen: Ich habe gelebt."

Marty schüttelte nur den Kopf. "Wie eingebildet muss man sein, um so zu reden?"

"Wie verklemmt muss man sein, um das eingebildet zu nennen?"

Während die beiden weiterdiskutierten, schlenderte ich allein am Strand entlang. Liz hat recht, dachte ich. Sie liebte bedingungslos, verschwendete sich bedingungslos, scheiterte bedingungslos.

Und ich?

Aus der Ferne näherte sich ein Eisverkäufer, der seinen kleinen Wagen vor sich her schob. Er hatte ein Transistorradio dabei, aus dem Musik dröhnte. Ich atmete tief ein und spürte die salzige Luft in meinen Lungen. Vor mir das silberbetupfte Meer. Der Eisverkäufer kam an mir vorbei, und jetzt hörte ich, welcher Song gerade lief.

It's wonderful, it's wonderful,

it's wonderful good luck my baby

It's wonderful, it's wonderful, it's wonderful

I dream of you ...

In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder an Alva gedacht. Hatte sie vermisst und verteufelt. Nachts wach gelegen und mich daran erinnert, wie sie mir kleine Bemerkungen in meine Bücher geschrieben hatte oder mir mit den Fingern durchs Haar gefahren war und lachend gesagt hatte, ich hätte ja winzige Ohren ...

Nie den Mut gehabt, sie zu gewinnen, immer nur die Angst, sie zu verlieren.

Ich hätte es damals nicht zugegeben, aber letztlich waren all meine Beziehungen nach der Schule gescheitert, weil ich Alva nicht vergessen konnte. Oft fragte ich mich, was sie wohl gerade machte. Handys waren damals eine Rarität, das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, es gab kaum Spuren von ihr. Ich hatte mal gehört, dass sie in Russland lebte, doch Genaueres wusste ich nicht. Ich fühlte nur, dass mit ihr alles

anders verlaufen wäre. Die Jahre nach dem Internat, der Fehlgriff mit dem Jurastudium, von dem mir niemand abgeraten hatte, und schließlich mein Umzug, nein, meine Flucht von München nach Hamburg. Auf keinem dieser Bilder war Alva zu sehen, und ohne sie gab es nichts mehr, das mich vor der Einsamkeit bewahrte.

*

Nach einigen Tagen konnte ich Marty dazu überreden, mit mir zu joggen. Jeden Morgen liefen wir durchs Dorf, am Kirchturm vorbei den Hügel hinauf, zum Baum mit dem abgehackten Ast. Unser Wendepunkt. Zufrieden machten wir auf der Bank Rast, blickten auf die weitläufigen Felder im Tal, die im sommerlichen Morgennebel lagen, und liefen dann wieder zum Haus zurück, wo unsere Schwester und Elena, die inzwischen ebenfalls eingetroffen war, bereits auf der Terrasse saßen.

"Frauen, wir Hunger haben", sagten wir zu ihnen, als wir schnaufend die Veranda hinaufkamen. "Ugh, ugh, Weiber, bringen uns was zu essen."

Ich klopfte mir auf die Brust wie ein Gorilla, und Marty gab Affenlaute von sich. Ich glaube, er genoss es sehr, einmal so herumalbern zu können.

"Ihr könnt gleich weiterrennen", sagte Liz. "Solange ihr noch so reden könnt, seid ihr nicht genug gelaufen."

Zu meinem Erstaunen war es fast immer mein Bruder, der uns beim anschließenden Frühstück im Garten unterhielt. Zwar mochte Marty keine Romane, dafür war er ein leidenschaftlicher Leser von Biographien und Zeitungen. Keiner, der das Leben intuitiv erfasste, er musste sich seine Weisheit mühsam herbeilesen. Aber er war ein guter Erzähler, oft sprach er beim Essen anschaulich von einer ungewöhnlichen neuen Ausstellung, einem meisterhaften Kunstfälscher aus England oder einer folgenreichen Entdeckung im Bereich der Primzahlen.

Nach dem Frühstück zog er sich meist für ein paar Stunden in sein Zimmer zurück, um zu arbeiten. Liz, die immer irgendetwas tun musste, ging spazieren, spielte mit mir Badminton oder fuhr allein in die Stadt. Ich selbst setzte mich gern mit einem Buch zu Elena auf die Terrasse, die dort an ihrer Dissertation in Psychologie arbeitete. Wir verstanden uns gut, auch ohne viele Worte.

Nichts deutete auf den Streit hin.

An jenem Abend war Elena zu einer Kommilitonin nach Marseille gefahren. Meine Geschwister und ich besuchten den kleinen Berdillacer Friedhof. Er war menschenleer und dunkel, Liz zündete zwei Kerzen an.

Das flackernde Licht brachte die Namen unserer Großeltern und unseres Onkels Eric zum Vorschein. Ich betrachtete die Grabsteine. Die drei Toten waren mir immer fremd geblieben. Onkel Eric war schon Jahre vor unserer Geburt gestorben, er war nur einundzwanzig geworden. Über die genaueren Umstände seines Todes hatte man uns stets im Unklaren gelassen. Auch von unserem Großvater, einem Schreiner, wussten wir nicht viel, nur einmal hatte unsere Tante Helene Andeutungen gemacht, dass er sehr cholerisch gewesen sein musste und sich später offenbar zu Tode gesoffen hatte. "Er ist nur ein paar Monate nach Eric gestorben", sagte mein Bruder, als hätte er meine Gedanken erahnt.

Ich war froh, als wir den Friedhof wieder verließen.

Zurück im Haus fühlten wir uns wie befreit. Wir tranken drei, vier Flaschen Corbieres und erzählten Anekdoten von früher. Liz sprach über ihre Exfreunde("Sie sahen alle viel zu gut aus, wie ein edel verpacktes Geschenk. Und wenn man es aufgemacht hat, war nur ein alter Schuh drin"), und irgendwann kam die Rede auch auf Martys norwegischen Brieffreund Gunnar Nordahl, an dessen Existenz wir nie richtig geglaubt hatten.

"Gab es ihn jetzt, oder hast du ihn dir damals nur ausgedacht?", fragten wir.

"Natürlich gab es Gunnar", sagte unser Bruder. Dann betrachtete er sein Weinglas. "Also gut, es gab ihn nicht". Er schüttelte den Kopf. "Ich habe einfach irgendeinem Norweger, den ich im Telefonbuch gefunden hatte, jahrelang Briefe geschrieben, ich hab mich oft gefragt, ob er sie jemals gelesen hat."

"O mein Gott, ich wusste es!", rief Liz triumphierend, während er es gelassen hinnahm, wie jemand, der sich im Innersten unangreifbar fühlt.

Später führte Liz einen gelben Minirock vor. "Schaut mal, den hab ich von einem Geschäft direkt an der Uni, in dem nur neunzehnjährige Mädchen waren". Sie grinste. "Nachher gehen wir aus, und ratet mal, was ich dann trage."

"Ich gehe bestimmt nicht mehr aus". Marty nestelte an seiner Brille. "Und ich will dich ja nicht enttäuschen, aber du bist leider keine neunzehn mehr."

"Ach was, sagt wer}"

Sie posierte albern vor ihm herum, bis er lachte und uns doch noch in die Stadt fuhr. Sein letztes, volles Weinglas ließ er einfach stehen, unsere Schwester hingegen musste ihres noch schnell leeren.

Gemeinsam tanzten wir in einem Club in Montpellier bis zum Morgen,

und vor allem ist mir dabei in Erinnerung geblieben, wie wohl sich Liz unter all den Fremden auf der Tanzfläche fühlte. Nicht nur, weil sie so von sich überzeugt war, sondern weil sie sich ganz einfach überall willkommen fühlte.

Es war bereits sieben Uhr morgens, und ich war gerade ins Bett gegangen, als von unten laute Stimmen zu mir heraufdrangen. Vorsichtig schaute ich von der Treppe aus ins Wohnzimmer. Liz stand mitten im Raum, Marty saß etwas zusammengekauert auf dem Sofa. Sie bemerkten mich nicht.

"Ja, das würde ich gern mal wissen", sagte Liz gerade. "Du führst dich hier wie der verdammte König Babar auf und spielst den fürsorglichen Bruder, aber wo bist du gewesen, als wir dich gebraucht hätten?"

"Es tut mir leid, aber wenn hier irgendjemand abgehauen ist, dann ja wohl du", sagte Marty ruhig. "Außerdem musste ja mal einer aus unserer Familie Geld verdienen."

"Geld ist sowieso alles, was dich noch interessiert. Börsenkurse, Immobilienseiten, dein Internetportal, dieser ganze Scheiß."

"Rede doch nicht so daher wie ein pubertierendes Girlie", sagte Marty. "Das ist ja fürchterlich. Die Wahrheit ist, dass du damals einfach weg warst."

"Wann?"

"Als Mama und Papa starben. Du hast uns alleingelassen, du warst nur mit deinen Leuten unterwegs, hast dich zugedröhnt und dich nicht mehr für uns interessiert. Ich weiß ja nicht, wie es dir ging, aber wir hatten eine grauenhafte Zeit damals, wir hatten kaum Freunde, gar nichts. Und willst du wissen, wieso? Weil wir nicht gelernt hatten, Freunde zu haben, weil wir immer uns drei hatten. Und dann bist du einfach aus unserem Leben verschwunden, obwohl du versprochen hattest, auf uns aufzupassen. Kannst du mir jetzt vielleicht sagen, wieso du das gemacht hast, wieso du einfach abgehauen bist?"

Liz schien von dieser Frage getroffen. Sie griff nach einem Pfirsich, der im Obstkorb auf dem Esstisch lag, und spielte mit ihm.

"Ich war damals doch noch viel mehr Kind als du", sagte sie. "Klar, ich habe immer von Jungs geredet und so getan, als wäre ich die reifere ältere Schwester. Aber in Wirklichkeit hab ich es so sehr geliebt, Kind zu sein. Ich hab es geliebt, albernes Zeug zu reden, mit Mama zu kuscheln und stundenlang in meinem Zimmer zu sitzen und zu zeichnen. Ich wollte gar nicht erwachsen werden, auf jeden Fall nicht so schnell. Und dann war alles weg. Von einer auf die andere Sekunde. Jules war zu klein

für alles, und du warst dieser schwarzgekleidete Freak, der sich von allem abgewandt hat, schon vergessen?"

Marty gab ihr mit einem Achselzucken widerwillig recht.

"Wir sind damals alle verletzt worden", sagte sie, "und wir haben alle unterschiedlich reagiert. Ich habe dafür gesorgt, dass es nie mehr still war, dass mein Geist nie zur Ruhe kam. Ich hab mich so sehr ins Leben gestürzt, weil ich in den Momenten, in denen ich allein in meinem Zimmer saß und nachgedacht habe, nur hätte heulen können."

"Aber wieso hast du uns im Stich gelassen?"

"Wenn ich mich um euch hätte kümmern können, hätte ich es getan. Aber ich hatte nicht die Kraft dafür. Weißt du, wie mein erstes Mal war? Weißt du das?"

"Du warst mit diesem älteren Jungen zusammen und ..."

"Nein, das war gelogen. Weißt du, wie mein erstes Mal wirklich war?"

Marty wurde immer stiller. "Nein."

"Ich kenne nicht mal seinen Namen". Liz' Stimme zitterte. "Wir waren erst ein paar Wochen auf dem Internat, und damals haben sich die Mädchen auf meinem Stock über mich lustig gemacht, über meine Stofftiere, über meine kindlichen Comics, über meine uncoolen Klamotten. Also wollte ich beweisen, dass ich härter war als sie, ich war bereit, mir mehr Wunden zuzufügen als jedes andere Mädchen. Deshalb ging ich als Einzige mit, als sie uns irgendwelches Zeug in einem Club angeboten haben. Ich weiß nicht, was es war, ich habe danach kaum noch was gespürt und gesehen. Und dann kam dieser Typ. Er war Anfang zwanzig und hatte etwas Abgefucktes, Kaltes, das ich nicht verstand. Plötzlich hat er mich von der Tanzfläche weggezogen, und als wir genügend weit weg waren, hat er seine Hose geöffnet. Ich wollte nicht, aber ich hatte nicht die Kraft, mich zu wehren. In meinem Kopf war noch immer alles von dieser Droge benebelt, ich dachte an München und Mama und Papa und an euch und wie weit weg das alles auf einmal war. Und währenddessen hat er mich einfach gefickt."

Marty biss sich auf die Lippe und schwieg.

"Auf einmal war ich jemand, der ich nie sein wollte. Und je mehr Zeit verging, desto weniger konnte ich zu euch zurück. Ihr wusstet nicht, wie es war, auf Speed morgens um sieben auf die Tanzfläche irgendeines Provinzclubs zu kotzen, auf Acid mit jemandem zu schlafen oder neben jemandem aufzuwachen, den ihr Stunden zuvor zum ersten Mal gesehen habt. Ihr wusstet nie, wie es sich anfühlt, wenn man sich so sehr in allem verliert. Du warst nur in deine Schulbücher und Computerspiele

versunken und Jules in seine Träumereien. Uns trennt so viel ... Noch immer."

Beide schauten zu Boden und schwiegen. Die Szenerie hatte etwas von einem Schachspiel, bei dem nur noch zwei gegnerische Figuren übriggeblieben waren, die sich jedoch nicht mehr angreifen konnten. Wie zwei Läufer auf unterschiedlichen Farben.

"Und was ist, wenn wir es zusammen machen?", fragte ich von der Treppe aus.

Sie sahen zu mir hoch, waren von meiner Anwesenheit jedoch kaum überrascht.

"Du hast recht", sagte ich zu Liz. "Wir wissen nichts von dem, was du weißt. Du hast Erfahrungen, die uns einfach fehlen. Allein die Drogen. Du hast Dinge gesehen und gefühlt, die Marty und ich uns nicht mal vorstellen können. Du hast mir zum Beispiel oft erzählt, wie unglaublich LSD ist. Also, wieso nehmen wir es nicht zusammen. Dann können wir wenigstens einmal mitreden."

Liz überlegte, dann schüttelte sie den Kopf. "Ihr nehmt keine Drogen, ihr seid einfach nicht ..."

"Siehst du", unterbrach ich, "genau das meine ich. ›Ihr seid einfach nicht so wie ich‹, das wolltest du doch jetzt sagen, oder? Wir können es auch nicht sein, wenn du uns nicht lässt. Fakt ist, dass wir seit Jahren kaum noch etwas miteinander zu tun haben. Lass uns endlich einmal an deinem Leben teilhaben."

Liz dachte nach. "Selbst wenn, wo willst du überhaupt LSD herkriegen?"

"Das wäre nicht das Problem", sagte Marty, etwas überraschend. "Ich könnte das organisieren, ich kenne genügend Leute, auch hier. Die Frage ist nur, was schiefgehen kann."

Wir diskutierten das Für und Wider und beschlossen, dass wir den Trip erst machen würden, wenn Elena wieder da war, um auf uns aufzupassen. Als sie von unserem Plan erfuhr, war sie zwar nicht begeistert, doch schließlich ließ sie sich überreden.

Drei Tage später hielt ein grauer Van vor dem Haus. Marty schwatzte mit dem freundlichen Fahrer, dann kam er mit einer Plastiktüte zurück. Kurz darauf saßen wir zu dritt nebeneinander auf dem Sofa und hielten die bunten Papierstückchen in der Hand. Liz erklärte, dass wir sie einfach schlucken müssten, das wäre es auch schon. Ich betrachtete meines. Es war hellblau und schmeckte nach gar nichts.

Die Wirkung ließ auf sich warten. Marty holte sich den Figaro und las.

Liz lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ich schaute zu Elena, die uns gegenübersaß und meinen Blick erwiderte. Dann musste ich schlucken und hatte kurz den schalen Geschmack der Jugend im Mund, eine Mischung aus Rauch, Mensaessen, billigem Bier und dem Moment, als Alva nach meiner Hand griff. Ich trank ein Glas Wasser, und das ferne, synästhetische Echo auf meiner Zunge verschwand.

Als Nächstes schien mein Bruder etwas zu spüren. Fasziniert betrachtete er die Zeitung und murmelte, dass die Buchstaben ineinanderfließen würden, dann ging er zu Elena und legte seinen Kopf in ihren Schoß.

Im selben Moment überkam mich eine Welle der Erinnerungen, als blätterte jemand in meinem Leben. Einige Kapitel zurück: die Beerdigung unserer Tante. Sie war im Jahr zuvor an einem Hirnschlag gestorben, einfach aus dem Leben gepflückt. Auf dem Weg zur Trauerfeier hatte Marty abgeklärt, fast emotionslos gewirkt, obwohl er unsere Tante sehr geliebt hatte. Stumm hatte er den Wagen zum Friedhof gelenkt, während Liz und ich darüber sprachen, dass das Schicksal uns schon wieder verraten hatte. "So ein Unsinn", hatte Marty plötzlich gesagt. "Es gibt kein Schicksal, genauso wenig wie es einen Gott gibt. Es gibt gar nichts oder nur uns Menschen, was in etwa dasselbe ist. Es ist also völlig absurd zu hadern. Tod ist Statistik, und die scheint momentan gegen uns zu sein, aber irgendwann, wenn alle Menschen um uns herum einschließlich wir selbst gestorben sind, wird sie sich wieder ausgeglichen haben, so einfach". Doch als wir eine halbe Stunde später bei der Trauerfeier saßen und auf den Sarg mit unserer Tante schauten, hatte mein Bruder zu meiner Überraschung heftig geweint. Es war ein herzzerreißendes Schluchzen gewesen, alle in der Kapelle hatten auf Marty geblickt, wie er an Liz' Schulter lehnte und sich von ihr in den Arm nehmen ließ.

Dann blätterte es in meinem Kopf auch schon weiter zurück, und ich sah, wie ich als Kind im Wohnzimmer stand und von meiner Tante erfuhr, dass meine Eltern tot waren. Marty stand bleich und regungslos neben mir, doch er hätte genauso gut tausend Meilen entfernt sein können. Langsam entfalteten diese Worte ihre ungeheure Wirkung, sickerten überall ein, in den Boden, der uneben zu werden schien, in meine Augen, die nur noch verschwommen sahen, in meine Beine, die mich durchs Zimmer taumeln ließen. Die Wellen der Detonation erreichten später auch Liz, als sie zur Wohnungstür hereinkam und mich sofort besorgt ansah. "Was ist?", hatte sie gefragt, aber ich konnte und wollte es ihr nicht sagen, als könnte man sie dadurch vor der Wahrheit beschützen.

"Ich sehe das Gleiche", sagte Liz neben mir, jedenfalls glaubte ich, dass sie das gesagt hatte.

Ich wollte ihr erzählen, wie anders alles geworden war, wie anders ich geworden war, doch ich konnte nicht. Mein Herz klopfte schneller, Bilder fluteten meinen Verstand. Wie mein Vater mir einen Ball zuwarf. Wie Liz einen kleinen weißen Holzstein von Malefiz als Glücksbringer einsteckte. Wie meine Mutter mich Schneckchen nannte und mir vorlas. Wie ich das Mehl für ihren "unwiderstehlichen Kuchen" siebte. Alles durcheinander, alles so nah, so schön, so schnell, dass ich es kaum aushielt.

Ich atmete tief ein, tief aus, tief ein, tief aus.

"Es ist zu viel", sagte ich immer wieder. "Ich kann nicht mehr. Bitte aufhören."

Liz griff nach meiner Hand. "Ganz ruhig", sagte sie. "Alles ist gut."

Tränen liefen meine Wangen hinunter, die Farben des Zimmers leuchteten, ich sah jede winzige Kerbung in meiner Hand. Mein Atem raste, mein Brustkorb schnürte sich zusammen. Doch dann - von einem Moment auf den anderen - wurde alles frei, und ich konnte wieder normal atmen. Vor Erleichterung musste ich lachen. Immer wieder sah ich zu Elena, die mich musterte und den Raum durch ihre Ruhe unter Kontrolle hielt.

"Ich weiß jetzt, was für ein Bild ich als Zwölfjährige gern gemalt hätte". Liz lehnte sich an mich. "Die letzten Jahre hab ich's vergessen, aber jetzt fällt es mir wieder ein. Ich hätte vier Hunde gemalt, die am Strand wie Menschen Ball spielen. Sie hätten komische Namen gehabt und altmodische Kleidung getragen."

Ich nickte, froh, ihr so nahe zu sein.

Alles verschmolz nun miteinander, während es mein Bewusstsein aus der Halterung riss und ich in der Zeit zurückreiste.

Ich war ... Ich bin auf einmal Marty, der als Kind an einem benzinbetriebenen Spielzeugauto bastelt. Diese wunderbare Präzision, mit der die einzelnen Teile ineinandergreifen, dieser Glücksmoment, wenn der Motor startet und die Technik unter der Karosserie auf einen Schlag Sinn ergibt.

Ich bin Liz und male etwas in bunten Farben auf ein Blatt Papier, und plötzlich entstehen lebendige Wesen, die ich selbst erschaffen habe, und das ist so großartig, dass ich mich darin verliere. Und in meinem Kopf sind noch weitere leuchtende Bilder, so viele, dass es mich manchmal schmerzt, und ich kann es keinem sagen oder zeigen, so dass ich hin und wieder übermütig werden muss und wild durchs Zimmer renne, um

all diese Energie loszuwerden und abzuschütteln.

Ich bin meine Mutter, die ihren Kindern dabei zusieht, wie sie spielen und älter werden, und ich hoffe, sie werden mir noch ein wenig erhalten bleiben. Und ich bin zufrieden, meine Freiheit für dieses Leben hier aufgegeben zu haben, auch wenn ich sie manchmal vermisse.

Und ich bin mein Vater, der im Auto zur Arbeit fährt und am liebsten sofort umdrehen und nach Hause zu seiner Familie fahren will, es aber wie so vieles einfach nicht kann. Ich frage mich, wann die Dinge anfingen, falsch zu laufen, oder ob sie nie richtig liefen, von Anfang an nicht. Und ich denke daran, wie ich meinem jüngsten Sohn Jules kurz vor meinem Tod eine alte Kamera zu Weihnachten geschenkt habe, die dieser nicht benutzt. Es kommt daraufhin zu einer letzten Auseinandersetzung und ...

"Ich erinnere mich", sage ich. Gestochen scharf sehe ich meinen Vater vor mir, wie er niedergeschlagen die Pfeife in der Hand hält und mich erschrocken ansieht. Meine Schuld. Meine verdammte Schuld.

"O mein Gott, jetzt fällt mir alles wieder ein."

Noch immer halte ich die Augen geschlossen. Ich bin nun ich selbst, laufe über eine Wiese und sehe unglaubliche Grüntöne. Ich habe den Geruch von duftendem Heu in der Nase, von Harz und von feuchtem Moos; meine Sinne sind bis zum Rand gefüllt. Es regnet, und völlig durchnässt erreiche ich einen Wald. Binnen Sekunden verrinnt der Tag in die Nacht. Auf einmal ist es finster und kalt, und ich fühle, dass hier Gefahr lauert. Ich muss durch undurchdringliches Unterholz. Die spitzen schwarzen Äste fahren in meine Haut, ich blute.

"Etwas ist falsch", sage ich. "Etwas ist ganz falsch. Es hört nicht auf."

Ich spüre, wie jemand an mir rüttelt, doch ich halte die Augen fest geschlossen, laufe immer weiter. Ich kenne diesen Wald. Ich habe ihn seit meiner Kindheit nicht mehr verlassen, er ist zu meinem Zuhause geworden. Und wenn ich nicht aufpasse, werde ich in diesem Wald sterben.

Ich stoße ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.

Auf dem Weg ins Innere stolpere ich und spieße mich an einem auf dem Boden liegenden Ast auf. Der Ast sticht mir mitten ins Herz. Ich verblute auf der Stelle, alles wird warm und hell, sehr angenehm und zugleich das trostloseste Gefühl, das ich jemals hatte, weil ich alles

loslassen muss und alles verliere ...

Ich riss die Augen auf, ich war klatschnass.

"Ich will nicht sterben", rief ich. "ICH WILL NICHT STERBEN!"

Sich von sich selbst verabschieden müssen. Alle Gedanken, Hoffnungen und Erinnerungen ausgelöscht. Ein schwarzer Bildschirm für die Ewigkeit.

Ich kauerte am Boden und weinte. "Ich will nicht sterben", murmelte ich immer wieder. Liz legte sich neben mich, Marty und Elena hielten meine Hände. Ich spürte die Nähe der anderen und wie warm und gemütlich es bei uns im Haus war. Doch das alles schien weit entfernt zu sein, denn ich war tief in mir selbst, und dort gab es nur kalte Angst.

*

Am letzten Tag unseres Urlaubs saß ich mit meinem Bruder am Strand. Es war kühl, der auffrischende Wind wehte uns durch die Haare. Ein Fischerboot trieb nah an der Küste vorbei und zeichnete seine Umrisse auf die Oberfläche des Wassers.

"Du?", sagte Marty.

"Ja?"

"Tut mir leid, dass wir uns so selten gesehen haben". Er nahm die Brille ab und kniff den Nasenrücken fest mit Daumen und Zeigefinger. "Ich war wahrscheinlich kein sehr guter Bruder in den letzten Jahren."

"Du warst ein Klugscheißer."

"Ja, vielleicht."

"Ein Klugscheißer und ein Riesenarsch."

"Danke, ich hab's verstanden."

Wir sahen uns an. Mein Bruder klopfte mir auf die Schulter, und auf einmal wirkte er jugendlich auf mich. "Ich werde es wiedergutmachen."

Am Nachmittag, als meine Geschwister schon für die Rückfahrt packten, machte ich mit Elena noch einen letzten Spaziergang durchs Dorf.

"Was ist eigentlich aus Martys Ticks geworden?", fragte ich. "Dieses fünfmal Absperren, Klinken nach einem geheimen Muster mehrmals Runterdrücken, nicht auf Pflasterfugen Treten ... Wo ist das alles hin?"

Elena senkte den Blick. "Es wurde immer schlimmer", sagte sie. "Am Ende ist er fünfmal im Jahr zur Krebsvorsorge gegangen und konnte keine Rolltreppen und Aufzüge benutzen, weil er das Gefühl hatte, sie würden Unglück bringen."

"Wie bitte?"

Wider Willen musste Elena lachen. "Ja, Rolltreppen und Aufzüge waren böse. Anfangs hat er das alles vor mir geheim gehalten, er hat sogar Scherze gemacht, wenn mir was auffiel. Aber irgendwann haben diese Zwänge sein ganzes Leben bestimmt. Seit ein paar Monaten macht er eine Therapie."

Wir näherten uns dem Haus. Schon von weitem sah ich, wie Marty den Kofferraum belud, er pfiff dabei eine Melodie aus Carmen.

"Hat er seine Ticks jetzt abgelegt?", fragte ich.

"Ich wünschte es. Ich glaube, es ist besser geworden, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Ticks noch immer da sind. Dass er sie nur besser versteckt. Ich versuche, ihn dabei zu erwischen, aber es ist mir noch nicht gelungen."

Als ich den Garten betrat, nickte ich meinem Bruder zu. Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.

ZWEITER TEIL

Von meinem Motorradunfall erhole ich mich erstaunlich schnell. Bald bin ich wieder fähig zu lesen, fernzusehen und zu telefonieren, und inzwischen habe ich auch den kompletten Befund: Quetschung der Milz, rechtes Schien- und Wadenbein gebrochen, Bruch des Schlüsselbeins, schwere Gehirnerschütterung. Die Ärzte sagen, ich hätte Glück gehabt.

Glück. Ein Wort, mit dem ich in dieser Zeit wenig anfangen kann.

Es klopft an der Tür. Marty hat meine Kinder mitgebracht, auch Elena ist gekommen und sogar Toni, der extra meinetwegen nach München geflogen ist.

Meine Kinder laufen zu mir ans Bett und umarmen mich. Vincent hat mir ein Bild gemalt, es zeigt einen grinsenden Mann mit Krücken, Luise stellt ein Stofftier auf meinen Nachttisch, das mir Gesellschaft leisten soll. Auch wenn beide schon sieben Jahre alt sind, ist es für mich immer noch ein Wunder, dass sie wirklich zu mir gehören. Dass ich immer ihr Vater sein werde, egal, ob ich eines Tages auswandere, mir etwas zustößt oder sie mich nie mehr sehen wollen.

Luise deutet auf den Gips an meinem Bein und die Halskrause. Wie bei ihrem letzten Besuch fragt sie, ob ich sterben müsse, und ich schüttle den Kopf. Sie nickt erleichtert. Vincent scheint mit der Antwort nicht besonders zufrieden. Er knetet seine Finger, und in seinen Augen sehe

ich Angst.

Ich beschließe, mich zusammenzureißen, und spiele den zuversichtlichen, fröhlichen Clown, der ich immer für meine Kinder gewesen bin, erzähle von meinem Klinikalltag und stelle Fragen.

"Wie ist es bei Onkel Marty und Tante Elena?"

Mein Sohn schweigt.

"Schön", antwortet Luise für ihn.

"Was habt ihr gestern gemacht?"

"Wir waren im Zoo, wir haben einen Löwen gesehen, ganz nah."

Sie freut sich, denke ich. Nach allem, was passiert ist, freut sie sich über irgendeinen armen eingesperrten Löwen. Ich nehme meine Tochter in den Arm und gebe ihr einen Kuss.

"Und du?", frage ich Vincent. "Welche Tiere haben dir besonders gefallen?"

Er hebt den Kopf, schafft es aber nur wenige Sekunden, mir in die Augen zu sehen. "Die Schlangen", sagt er leise.

Ich werfe Marty einen beunruhigten Blick zu und hoffe inständig, dass mein Sohn später keine wehrlosen Geschöpfe sezieren und ihr Blut unter einem Mikroskop begutachten wird.

Wir zeichnen nun alle miteinander Tiere: einen Elefanten, dann Mäuse, Giraffen und einen Tiger. Während Tonis Versuche kläglich sind("Diese armen Tiere wären, so wie du sie gezeichnet hast, nicht einen Tag überlebensfähig", sagt mein Bruder), malt Vincent erstaunlich präzise. Vor allem seine Giraffe ist gut geraten. Als ich ihn dafür lobe, lächelt mein Sohn zum ersten Mal. Das Lächeln kommt plötzlich, und es ist so entwaffnend und schön, dass ich mir für ein paar Augenblicke keine Sorgen mehr um ihn mache.

*

Als der Besuch gegangen ist, bricht der Abend herein. Draußen ziehen fahle Wolken vorüber, und mir ist mit einem Mal, als ob mich die Dunkelheit durch die Fenster betrachtet. Ich sehne mich nach meiner Frau, doch sie ist auf einer für sie sehr wichtigen Reise im Ausland. Ich habe ihr gesagt, ich werde sie nicht stören, ich werde das zu Hause allein hinkriegen und sie solle ihr deutsches Handy gar nicht erst mitnehmen. Sie ist in Russland, genauer gesagt in Jekaterinburg, und es kann noch Tage dauern, bis sie einen Flug bekommt. So lange bin ich hier allein.

In der Nacht schlafe ich schlecht. Im Traum läuft wieder der Film ab,

wie ich mit dem Motorrad von der Fahrbahn abkomme und stürze.

"Das war's", habe ich im letzten Moment noch gedacht, vielleicht auch: "Das wird hart". Ich weiß nicht mehr, was von beidem.

Dann erwache ich.

Ich knipse das Licht an. Auf meinen Wunsch hin hat mir mein Bruder ein Fotoalbum und zwei Romane mitgebracht; Zeit, fliegst du davon von A. N. Romanow und Zärtlich ist die Nacht von F. Scott Fitzgerald. Beide Bücher habe ich mehrmals gelesen, immer wieder bleibe ich an vertrauten Szenen und Beschreibungen hängen. Schließlich döse ich ein. Diesmal keine Traumbilder, einfach nur Leere.

*

Am Vormittag bin ich in Gedanken versunken, als sie anruft. Sie steckt noch in Jekaterinburg fest; wegen einer Industriemesse sind alle Flüge ausgebucht.

"Ich halte es hier kaum noch aus", sage ich. "Wann kommst du endlich?"

"Ich bin bald bei dir."

"Ich wäre fast schon zu dir gekommen, das scheint ja einfacher zu sein."

"Sei nicht so sarkastisch. Mit deinen Titaniumschrauben und -platten lassen sie dich am Flughafen gar nicht durch."

Sie fragt nach den Kindern. Da mein Bruder und Elena immer gut mit ihnen zurechtkamen, ist sie beruhigt. Ich sage ihr noch, dass ich sie liebe, dann legen wir auf.

Diesmal besucht mich Marty allein. Er steht am Fenster, blickt ins Tageslicht. Das Hemd wie maßgeschneidert, die Bügelfalten in der Hose messerscharf, allerdings fallen ihm seit einiger Zeit die Haare aus. Ich betrachte meinen Bruder, der nie sentimental ist oder der Vergangenheit nachhängt, sondern aus jedem Zufall in seinem Leben etwas Eigenes, Besonderes geschnitzt hat. Auf einmal habe ich vor Augen, wie wir als Siebzigjährige beieinanderstehen werden. Ich habe mir Marty nicht ausgesucht, und eigentlich sind wir grundverschieden, aber es gibt da etwas, was ihn von allen anderen Menschen unterscheidet: Er ist immer da. Seit einundvierzig Jahren an meiner Seite.

"Wieso hast du das getan?", fragt er.

Es ist die Frage, auf die ich gewartet habe.

"Dann glaubst du also auch, dass es kein Unfall war?"

"Wieso auch}"

Ich denke an das Gespräch mit der jungen Krankenhauspsychologin, die ebenfalls der Meinung gewesen ist, es sei kein Unfall gewesen, man habe keine Bremsspuren gefunden.

"Also ein Selbstmordversuch oder was?", hatte ich ihr entgegnet, um sie zu provozieren.

Sie hatte diesen Satz im Raum stehenlassen.

"Es ist wichtig, dass Sie sich der Wirklichkeit stellen", hatte sie schließlich gesagt. "Ich weiß, dass Sie sich wieder in Ihre Traumwelten flüchten. Doch Sie müssen das Geschehene akzeptieren. Ihre Familie braucht jemanden, der im Hier und Jetzt lebt."

Ich hatte nichts geantwortet.

Ich fixiere meinen Bruder mit einem langen Blick. "Wieso hätte ich mich umbringen sollen? Ich habe zwei Kinder, niemals hätte ich die beiden im Stich gelassen. Es war ein Unfall, ich hab einfach die Kontrolle über die Maschine verloren."

Marty scheint mir nicht zu glauben. "Das Ding ist übrigens Totalschrott", sagt er nur. "Ich verstehe nicht, wieso du plötzlich zum Motorradjunkie geworden bist. Viel zu gefährlich."

*

Als er gegangen ist, versuche ich, mich wieder meinen Tagträumen hinzugeben, doch diesmal gelingt es nicht. Ich starre aus dem Fenster. Ein paar Schwalben gleiten durch die Luft. Mir fällt ein, wie ich mir früher, wenn es mir schlechtging, vorgestellt habe, ich könnte fliegen.

Ich blättere ein wenig im Fotoalbum. Neben den Bildern mit meiner Frau betrachte ich am liebsten die Fotos mit meinen Geschwistern. Einige zeigen meine Schwester auf einer Party, in der Hand ein Cocktailglas, der Blick angriffslustig und ohne jeden Zweifel. Fünfzehn Jahre ist das her, und es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr mir Liz hier fehlt.

Ein Pfleger klopft an die Tür. Gemeinsam mit ihm mache ich - gestützt auf Krücken - einen ersten, vorsichtigen Spaziergang im Klinikpark. Mein gebrochenes Bein schmerzt kaum noch, auch die Fraktur im Schlüsselbein verheilt gut, meine Kopfschmerzen sind beinahe verschwunden. Das ungewohnte Tageslicht blendet mich, ich atme tief ein und setze mich auf eine Bank. Um mich herum Vogelgezwitscher, die Sonne scheint aus einem wolkenlosen Himmel auf den Park herab.

Sie ist tot, denke ich.

Für einige Momente habe ich Mühe, die Fassung zu bewahren. Ablenken, ablenken. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken

durcheinander, und auf einmal habe ich wieder meine Jahre in Berlin vor Augen. Ich denke daran, wie ich in einsamen Momenten in meiner Wohnung getanzt habe, überwältigt von einer verzweifelten Albernheit. Denke an den Keller in der Schweiz und die Packung mit den Gewehrpatronen. Daran, wie ich zum Schreiben zurückgefunden habe. Eine immer schnellere Montage aus unzusammenhängenden Bildern, und plötzlich sehe ich doch wieder vor mir, was vor meinem Motorradunfall geschehen ist. Der Abgrund blickt mich an.

Und ich blicke zurück.

Der Weg zurück
(2000-2003)

Etwa zwei Jahre nach dem Frankreichurlaub mit meinen Geschwistern hörte ich mit dem Fotografieren auf. Ich hatte eine Absage eines befreundeten Kurators erhalten und aus Wut eine Kiste mit all meinen Kameras auf die Straße gestellt. Nach einer Stunde wollte ich sie wieder holen, doch da war sie weg. Der Beginn einer monatelangen Talfahrt. Ich fing an, bis in den Nachmittag hinein zu schlafen, kiffte zu viel, schrieb ein paar Kurzgeschichten, die ich niemandem zeigte, und wurde zu einer streitlustigen Kreatur. Meine damalige Freundin trennte sich von mir. Ich sei zu verschlossen, zu uneigentlich, und sie könne diesen Blick von mir nicht mehr ertragen, als wäre ich in meiner eigenen, unzugänglichen Welt. Es traf mich kaum. Wie bei den Beziehungen davor war ich nicht verliebt gewesen, und tief in mir spürte ich, dass das alles ohnehin nicht mein wahres Leben war. Dass ich es noch immer mit jenem, in dem meine Eltern noch lebten, tauschen würde. Dieser Gedanke kam mir immer wieder, er war wie ein in meine Seele gewebter Fluch.

Als Liz mir von der freien Stelle bei Yellow Records erzählte, kündigte ich meine Hamburger Wohnung und zog zu ihr nach Berlin. Das Musiklabel befand sich in einem Hinterhof am Kottbusser Damm und war spezialisiert auf Singer/Songwriter und Indierock. Und so kam es, dass ich auf einmal als juristischer Berater und später als Scout arbeitete, doch genauso gut hätte ich auch im Ausland leben oder noch einmal studieren können. Ich hätte es damals nicht so klar formulieren können, aber in meinem Innern ahnte ich, dass ich vom Weg abgekommen war. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wann und wo. Ich wusste nicht mal mehr, von welchem Weg.

*

Kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag, im Januar 2003, fuhr ich

mit der Vespa durch die Stadt, als neben mir ein roter Fiat hielt. Wieso konnte ich meine Blicke nicht von ihm abwenden? Ach ja, Alva. Sie hatte den gleichen Wagen gehabt. Mit einem Mal kam mir wieder in den Sinn, wie alles zu Ende gegangen war. Wie ich sie gebeten hatte, mit mir nach München zu gehen. Und wie sie als Antwort mit diesem Mann geschlafen und mich gezwungen hatte, es mit anzusehen. Das war es gewesen.

Nun, nicht ganz.

Am letzten Wochenende unserer Schulzeit war Alva unerwartet auf mich zugekommen. Sie hatte mich angestrahlt, als sei nie etwas vorgefallen, und erzählt, dass sie vielleicht für ein freiwilliges soziales Jahr nach Neuseeland gehen würde. Wir sprachen darüber, dass wir uns in Zukunft wohl kaum noch sehen würden und wie seltsam es sei, dass man sich jahrelang täglich sah und dann nie wieder. Eigentlich war ich noch gekränkt gewesen, aber sie hatte etwas Verletzliches in ihrem Blick gehabt, das mich berührte, und dann hatte sie mich am Arm gefasst und gefragt, ob wir am Wochenende nicht etwas zusammen machen wollten. Ihr seien einige Dinge klargeworden, sie würde wirklich gern mit mir darüber reden.

Ich war so überrascht gewesen, dass ich erst nicht antworten konnte. Ich versprach, sie auf jeden Fall anzurufen, und Alva sagte, sie würde sich sehr darauf freuen.

Doch ich hatte mich nicht gemeldet.

Das ganze Wochenende über war ich um das Flurtelefon des Internats gestrichen. Aber ich konnte sie nicht anrufen. Alva hatte mich bewusst gekränkt, und offenbar bedeutete ich ihr trotz aller Beteuerungen nicht viel, denn wie es aussah, würde sie mich bald für immer verlassen. Wie konnte ich ihr da verzeihen? Gleichzeitig wollte ich sie unbedingt sehen. Ich hoffte, dass vielleicht sie mich anrufen würde, aber das tat sie nicht.

Als ich dann am Montag in der Schule erschien, sprach sie mich nicht an. Die ganze Zeit sah sie beinahe demonstrativ weg. In der Pause ging ich zu ihr.

"Tut mir leid", sagte ich, eine Hand betont lässig gegen die Wand gestützt. "Ich wollte dich anrufen, aber am Wochenende war einfach zu viel los!"

Es konnte sogar sein, dass ich ihr auch von einer Party erzählte, auf die ich gegangen sei und auf der ich dieses eine Mädchen getroffen hätte, von dem Alva wusste, dass es mich mochte. Auf jeden Fall empfand ich ein köstliches Gefühl der Genugtuung, mich ein wenig für das revanchieren zu können, was Alva mir angetan hatte. Ich hatte fest

damit gerechnet, dass sie bedauernd nicken würde oder zumindest überrascht über mein kühles Verhalten war. Aber sie sah mich nur fragend an.

"Ach so", sagte sie. "Stimmt, das hatte ich total vergessen. Na ja, macht nichts."

Das war das letzte Mal, dass ich mit Alva geredet hatte.

*

Wenige Tage nachdem ich den roten Fiat gesehen hatte, holte ich Liz von der Arbeit ab. Der gemeinsame Sommer in Berdillac war inzwischen fast fünf Jahre her. Sie hatte ihr Abitur auf einer Abendschule nachgeholt und auf Lehramt studiert, ihr Referendariat in Musik, Kunst und Deutsch lief gut. Ich beobachtete, wie sie mit einigen jungen Lehrern aus dem Gebäude kam. Aus der Ferne wirkte Liz noch größer, eine imposante Erscheinung. Sie hatte eine Tasche geschultert und lachte. Ganz klar die Anführerin, die anderen blickten bewundernd zu ihr auf. Wer nicht wusste, dass sie die dreißig längst überschritten hatte, hätte sie auf Mitte zwanzig geschätzt, einzig ihr Gesicht war etwas voller geworden.

Wir kochten in Liz' mit Kleinkram und Bildern überfüllter, fast schon etwas schlampiger Wohnung - "wir kochten" bedeutete: Sie kochte, ich sah zu -, und natürlich sprachen wir auch über den Umzug unseres Bruders. Marty hatte seine Firma vor kurzem für eine exorbitant hohe Summe verkauft und lehrte jetzt an der Technischen Universität in München. Er und Elena hatten ein Haus nahe dem Englischen Garten gekauft.

"Kannst du dir das vorstellen?" Ich kippelte mit dem Stuhl in ihrer Küche. "Er wohnt nur wenige Blocks entfernt von unserem früheren Zuhause."

"Ich wusste, dass wir irgendwann wieder zurückkehren würden". Sie hackte Basilikum klein. "Aber ich hatte gedacht, es dauert länger."

"Ich werde nie wieder nach München zurückgehen. Wieso sollte ich?"

"Weil wir alle damals nicht freiwillig gegangen sind."

Liz zündete Räucherstäbchen an. Aus ihrer Anlage kam mexikanische Folkmusik, sie summte mit. Ich dachte daran, wie sie ihren Schülern in den Musikstunden etwas auf der Gitarre vorspielte, den jüngeren als Lob kleine Figürchen oder Tiere in ihr Heft malte und im Sommer mit ihnen ein Theaterstück veranstalten wollte. Meine Schwester mochte Jahre gehabt haben, in denen sie sich verirrt hatte, aber nun kam ihr Leben in meiner Vorstellung endlich wieder jenem nahe, in dem unsere Eltern nicht gestorben waren. Sie hatte den Rückweg geschafft, und auch mein

Bruder schien wieder bei sich angekommen zu sein. Mir selbst dagegen war Tage zuvor in einem Cafe eine Gruppe am Nebentisch aufgefallen, im Mittelpunkt ein Mann in meinem Alter. Er hatte seine Freunde zum Lachen gebracht und mit einer fast aufreizenden Lässigkeit den Ton angegeben. Genervt hatte ich weggesehen, doch etwas an seinem Verhalten hatte mich nicht losgelassen, und auf einmal war mir der Gedanke gekommen, dass ich selbst dieser Mann hätte sein können, wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären.

Draußen ertönte Geschrei. Eine Horde Kinder lief durch den betonierten Innenhof.

"Wie alt wäre es jetzt?", fragte ich, noch halb in meiner Gedankenwelt.

Die Frage kam zu plötzlich und unpassend, der Blick meiner Schwester verdüsterte sich. "Fünf", sagte sie.

"Denkst du noch oft daran?"

"Nicht mehr so oft wie früher. Aber manchmal habe ich Angst, dass das meine Chance war und dass ich keine Kinder haben werde. Beim ersten Mal auf dem Internat war ich zu jung. Aber mit Robert, da hatte ich das richtige Alter. Wer weiß, ob es noch einmal klappt."

Noch immer verließ sie ihre Freunde, um nicht selbst verlassen zu werden, und auch ihre letzte Beziehung mit einem holländischen Schauspieler war gescheitert. "Ein Mann von bezaubernder Dummheit", hatte Liz einmal gesagt.

Marty hatte ebenfalls noch keine Kinder, dafür seit einigen Jahren einen Hund, den er mit einem erfrischenden Mangel an Kreativität einfach nur Hund nannte. Erst kürzlich hatte er verlauten lassen, dass am Ende ohnehin alles dem Untergang geweiht sei, wieso dann also noch Kinder haben.

Liz konnte sich darüber aufregen. "Das ist Martys nihilistisches Geschwätz", sagte sie. "Aber du weißt, dass es nicht stimmt. In Wahrheit sind all diese Nihilisten und Zyniker Schisser. Sie tun so, als wäre alles bedeutungslos, denn dann gibt es am Ende auch nichts zu verlieren. Ihre Haltung scheint unangreifbar und überlegen, aber sie ist im Innern auch nichts wert."

Sie zündete kopfschüttelnd eine Zigarette an. "Die Alternative zur Vorstellung von Leben und Sterben ist das Nichts", den wippenden Stengel zwischen den Lippen, "wäre es wirklich besser, wenn es diese Welt überhaupt nicht gäbe? Stattdessen leben wir, wir schaffen Kunst, lieben, beobachten, leiden, freuen uns und lachen. Wir existieren alle auf millionenfach unterschiedliche Weisen, damit es kein Nichts gibt, und der

Preis dafür ist nun mal der Tod."

Plötzlich dachte ich wieder an Alva und den roten Fiat. Die Nacht zuvor hatte ich geträumt, dass ich durch ein Kriegsgebiet lief. Helikopter stürzten vom Himmel, Bomben schlugen ein, Menschen um mich herum brachen zusammen. Die Stadt war dem Untergang geweiht, aber ich lief immer weiter, mitten ins Gefecht, weil ich gehört hatte, dass Alva in einem Haus im Zentrum gefangen war. Bis zur Erschöpfung irrte ich durch die Stadt, einige Male entrann ich nur knapp dem Tod, aber ich kam nie an. Dann wachte ich auf.

Nach dieser Nacht war alles wiedergekommen. Im Traum gab es stets eine eigene Zeit, oder besser: Es gab gar keine Zeit, und so kam es mir vor, als sei ich eben erst meine Runden um den Sportplatz gelaufen, während Alva lesend auf dem Rasen lag. Manchmal hatte ich mich damals neben sie gelegt und versucht, ihr die Seiten umzupusten. Das hatte ihr stets ein Lächeln entlockt, doch an einem Nachmittag hatte Alva unwirsch reagiert. Sie hielt ihr Buch mit beiden Händen umklammert, offenbar starb gerade eine geliebte Figur zwischen ihren Fingern. Und erst da hatte ich bemerkt, dass sie weinte. Ich hatte sie nicht stören wollen und konnte doch nichts daran ändern, dass ich diesen intimen Moment mit ihr teilte. Ich hatte auf ihr gerötetes Gesicht geblickt, und mir war bewusst geworden, wie sehr Alva Literatur liebte, so viel mehr als alle anderen Menschen, die ich kannte. Und die Tatsache, dass sie neben mir saß und von einer Geschichte so berührt worden war, berührte auch mich. Ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen und beschützt, am meisten vor sich selbst und vor all diesen Dingen, die sie mir nie erzählte, und doch war danach alles anders gekommen, und nun lag das Ganze bereits elf Jahre zurück.

An diesem Abend machte ich Alvas Mail-Adresse ausfindig und schrieb ihr. Ich rechnete nicht mit einer Antwort, aber ich folgte einem inneren Gefühl. Erst wurde es ein seitenlanger Brief, doch am Ende blieben nur zwei Zeilen übrig.

Ich bin dreißig und habe noch keine Kinder.

Was ist mit dir?

*

Sie schrieb nicht zurück. Einige Tage, sogar Wochen wartete ich insgeheim noch auf eine Antwort, dann gab ich es auf. Ich hatte in die Vergangenheit gerufen, aber kein Echo zurückerhalten.

Im Frühling nahm ich Urlaub und besuchte Marty, der mit Elena für ein paar Tage nach Berdillac gefahren war. Ich parkte meinen Mietwagen vor

dem Haus am Ende der Rue Le Goff. Sofort sprang mir der Hund entgegen, ein Husky. Marty und Elena hatten ihn als Welpen zu sich geholt, inzwischen war er ausgewachsen und stark, ein majestätisches Tier mit weißschwarzem Fell und lichtblauen, klugen Augen.

Auch Elenas Schwester war mit ihren drei Kindern zu Besuch. Als ich Elena begrüßte, machte sie einen merkwürdig traurigen Eindruck auf mich. Mein Bruder dagegen hatte etwas ewig Jugendliches. Ich zog ihn damit auf, dass er immer mehr wie unser Vater aussah und dass ich ihm wohl bald eine Pfeife und eine hellbraune Lederjacke schenken müsse.

Zu siebt machten wir einen Ausflug. Die Kinder spielten mit dem Hund, Marty und ich blieben etwas zurück. Ich spürte, dass seine Gedanken woanders waren. Schließlich deutete er auf Elena, die gerade ihren Neffen auf die Schultern hob. Umgeben von ihren kleinen Verwandten, blühte sie auf.

"Sie liebt Kinder", sagte Marty.

"Ich weiß."

"Und sie wird wohl nie welche haben können."

Ich blieb stehen. "Seit wann wisst ihr es?"

"Wir haben uns natürlich in der letzten Zeit schon so etwas gedacht. Seit zwei, drei Jahren haben wir nicht mehr verhütet, in den letzten Monaten haben wir es sogar darauf angelegt. Als dann nichts passierte, hat sich Elena untersuchen lassen ..."

Marty suchte meinen Blick. "Weißt du, ich bin mir gar nicht sicher, ob ich selbst unbedingt Kinder haben will. Ich mag die Vorstellung, mit meinem Kind an einem ferngesteuerten Auto zu basteln, doch es ist kein Muss. Aber sie liebt Kinder, sie wollte immer eigene haben. Unser Haus hat so viele Zimmer ... Die letzten Wochen hat sie oft geweint."

Wir schlenderten den Weg entlang, der in den vertrauten Wald führte.

"Ich werde sie heiraten", sagte Marty mit dieser stoischen Ruhe, die er wie ein Wasserzeichen in sich zu tragen schien. "Das wollten wir zwar nie, aber ich denke, es ist jetzt das Richtige. Was meinst du?"

"Ich finde, das klingt gut."

Marty sah mich verlegen an. "Und ich möchte, dass du mein Trauzeuge bist."

"Trauzeuge? Nimmt man da normalerweise nicht jemanden, den man mag?"

"Ich dachte, ich mache für dich eine Ausnahme."

Im Wald roch es würzig und frisch, und ich bekam eine Vorahnung von

der hereinbrechenden Nacht. Wir kamen an den steinigen Fluss, über den der alte Baumstamm führte.

"Unglaublich, dass ich da als Kind einfach drübergelaufen bin". Ich tippte mit dem Fuß gegen das Holz. "Das ist ja mehr als zwei Meter über dem Fluss, wenn man da runterfliegt, bricht man sich alle Knochen."

"Du hattest als Kind nie Angst."

Ich stieg auf den Baumstamm. Es war, als beträte ich einen verwunschenen Ort, ein Tor zur Vergangenheit. Nach nur zwei Schritten wurde mir schwindlig. Das Wasser rauschte unter mir, größere Steine ragten aus dem Fluss hervor, jedoch weniger spitz als in meiner Erinnerung. Der Stamm wackelte, bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, auszurutschen und herunterzufallen. Ich begann zu schwitzen und hatte die mahnende Stimme meines Vaters im Ohr, dass das viel zu gefährlich sei. All seine Ängste, die nun wie ein unerwünschter Mieter meinen Kopf bewohnten.

"Dreh um", sagte auch Marty. "Das sieht wirklich nicht gut aus!"

"Ich bin als Kind sehr schnell drübergelaufen, nur deshalb hat es funktioniert."

Inzwischen hatte ich ein Viertel der Strecke bewältigt, doch das rettende Ufer schien unendlich weit entfernt zu sein. Zurückkehren, dachte ich. Wieder der werden, der man war. Dann rutschte ich weg. Nur mit einem Reflex und etwas Glück hielt ich mich auf den Beinen. Mein Puls schlug mir bis zum Hals. Es hatte keinen Sinn. Vorsichtig kehrte ich um und ging wieder zu Marty zurück. Wie ein Boxer, der in die Ringecke zurückwankt, geschlagen von seinem jüngeren Ich.

*

Nach dem Verkauf der Firma hatte Toni zwei Jahre in Los Angeles gelebt, um dort an der Chavez School of Magic, der besten Schule für Zauberer, zu studieren und in seiner Freizeit mit dem Motorrad durch die Staaten oder runter bis nach Feuerland zu fahren. Jetzt war er überraschend nach Berlin gezogen, und bis er eine Wohnung fand, schlief er bei mir auf der Couch.

Eines Abends saß ich mit ihm in einer Bar, als zufällig meine Schwester hereinkam. Sie sah nicht nach links oder rechts, bemerkte uns nicht, sondern setzte sich zu einer Gruppe Frauen an einen Ecktisch, wo sie sich eine Zigarette ansteckte und sofort die Unterhaltung an sich riss. Mit dem Weinglas in der Hand hatte Liz etwas Glamouröses, und sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort.

Toni wollte zu ihr gehen, aber ich hielt ihn zurück. Ich hörte meine Schwester mit ihrer dunklen Bühnenstimme sprechen, es schien um eine "Anmache" zu gehen. "Die Beste war auf einer Gothic-Party an der Lower Eastside", sagte sie laut, "als mich ein Mann mit Lederklamotten, Bart und zwei angeklebten Hörnern ansprach."

"Was hat er gesagt?", fragte eine ihrer Freundinnen.

Liz kostete den Moment aus. "Er kam ganz dicht an mich ran und hat dann mit tiefer Stimme gefragt: Bist du bereit, mit einem Dämon zu schlafen?" Ihr Lachen schallte durch die Bar, ein bisschen dreckig, auch die anderen Frauen lachten.

Toni warf ihr immer wieder Blicke zu. "Hat sie jetzt endlich auf meinen Brief geantwortet?"

Später fuhren wir alle zusammen zum ›Club der Visionärem Meine Schwester und Toni saßen nebeneinander auf dem Steg und hielten die Füße in die Spree. Toni flirtete fortlaufend mit ihr, was Liz reizte. Sie nahm ihn nicht mehr nur als Freund ihres Bruders wahr, sondern als Mann, hatte sich lässig nach hinten gelehnt und taxierte ihn. Ein Träger ihres schwarzen Kleids war verrutscht, die blonden Haare offen, ihre nackten Beine übereinandergeschlagen. Sie war auf der Lauer, wollte wissen, ob Tonis Frotzeleien nur gespielt waren und er eigentlich nett war oder ob er wirklich dieses Abgründige, Männliche hatte. Meine Schwester hatte wieder ihren spöttischen, überlegenen Blick, dem etwas Zerstörerisches innewohnte und dem Toni sich stellen musste. Eine Sekunde, zwei Sekunden ... Dann wich er aus. Immer wieder. Ich sah es genau. Er würde keine Chance haben.

Ich selbst versuchte mit ein paar Bekannten von Liz ins Gespräch zu kommen, aber es gelang nicht recht, und als die ganze Gruppe noch in einen anderen Club gehen wollte, verabschiedete ich mich. Zu Hause erwartete mich Stille, ein mir seit Jahren vertrautes Geräusch. Doch wie sehr war mir diese Einsiedlerexistenz inzwischen zuwider, diese Unfähigkeit, am Leben teilzunehmen. Immer nur geträumt, nie wirklich wach gewesen. Sieh dich an, dachte ich, was sehnst du dich in Gesellschaft so oft danach, allein zu sein, wenn du das Alleinsein kaum noch aushältst?

Ich klappte den Laptop auf. Zwei neue Mails. Marty schrieb, dass seine Hochzeit fest in der Hand von Elenas Familie und er von der Planung ausgeschlossen sei. Die zweite Nachricht war von einem ehemaligen Jurakommilitonen, der eine Rund-Mail verschickt hatte. Verärgert löschte ich sie. Ich sah eine Weile fern, zappte wahllos durch die Programme. Gerade als ich ins Bett gehen wollte, kam noch eine Mail herein.

Geschrieben um 02:46. Ich rieb mir die Augen und öffnete sie.

Hab die letzten Jahre immer mal wieder an dich gedacht.

Hoffe, dir geht's gut. Würde mich freuen, wenn wir uns mal wiedersehen würden.

Alva

*

Die folgenden Wochen verbrachte ich in freudiger Anspannung. Selbst Martys Hochzeit mit all ihren Feierlichkeiten und seinen kroatischen Schwiegereltern und Schwägern vermochte mich da nur kurz herauszureißen. Es war, als wäre meine Vergangenheit durch eine einzige Nachricht wieder lebendig geworden.

Alva lebte in der Schweiz. Wir beschlossen nach einigem Hin und Her - sie antwortete oft tagelang nicht -, uns auf halbem Weg in München zu treffen. Schon wenig später reiste ich in meine Heimatstadt und nutzte den Vormittag, um meinen Bruder zu besuchen. Er war gerade mit Elena aus den Flitterwochen in Spanien zurückgekommen.

"Nervös?", fragte Marty. Wir wateten durch die turmhoch gestapelten, zum Teil noch unausgepackten Hochzeitsgeschenke, das ganze Wohnzimmer war voll davon.

"Ich kann nicht glauben, dass ich sie gleich wiedersehe."

"Hat sie einen Freund?", fragte mein Bruder und zielte auf ein hellgrünes Paket. Die Neffen von Elena hatten ihre Softair-Pistolen vergessen, und wir schossen damit auf die Hochzeitsgeschenke.

"Ich hab gehört, sie ist inzwischen verheiratet", sagte ich und feuerte einen Schuss auf einen langen, in rotes Papier eingewickelten Gegenstand. Es schepperte, offenbar ein Besteckkasten.

"So, das hast du also gehört". Mein Bruder knallte drei schnelle Schüsse auf ein weißes Päckchen, das auf einer Kommode im Wohnzimmer stand und herunterfiel. Es platzte auf, und eine billige Küchenuhr in Form eines Mainzelmännchens kam zum Vorschein.

Marty hob sie angewidert auf. "Das ist alles Schrott". Er stellte die Küchenuhr zurück auf die Kommode. "Was für Leute schenken so etwas?"

"Das ist, weil du keine richtigen Freunde hast."

"Du hast auch keine Freunde."

"Ich weiß. Wenn ich jemals heirate, kommen auf meiner Seite drei Menschen. Du, Liz und vielleicht noch Toni."

"Tut mir leid, es sind nur zwei", sagte mein Bruder. "Ich werde keine

Zeit haben."

"Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist.

Und zwar zum Schlechten". Ich zielte auf das Mainzelmännchen und schoss ihm zwischen die Glubschaugen, bis es wieder von der Kommode fiel und zerbrach.

"Wo genau lebt Alva eigentlich?" Marty feuerte eine ganze Serie auf ein blaues Paket.

"In Luzern, schon seit ein paar Jahren. Vielleicht spricht sie inzwischen Schweizerdeutsch."

Plötzlich richtete Marty seine Waffe auf mich. "Was, wenn sie wirklich verheiratet ist?"

"Davon gehe ich aus". Ich zielte auf ihn. "Sie hätte es verdient."

"Aber davon gehst du doch nicht wirklich aus?" Marty grinste. "Ich seh's dir an. Du hoffst doch."

"Kein Kommentar."

"Hoffnung ist was für Idioten."

"Pessimismus auch."

Er deutete mit dem Kinn nach links. Das Mastergeschenk. Eine riesige, in bonbonfarbenes Glanzpapier eingewickelte Vase, die auf dem Wohnzimmertisch stand. "Auf drei?"

"Auf drei!"

"Eins, zwei ... drei!"

Wir schossen gleichzeitig das Magazin leer. Die Vase taumelte einen Moment, ehe sie krachend zu Boden fiel. Wir lachten einander an, dann sahen wir uns um. Das Wohnzimmer war inzwischen vollkommen verwüstet. "Lass uns aufräumen", sagte Marty und pustete in den Lauf seiner Softair. "Elena kommt gleich."

*

Die Bar, in der ich Alva treffen wollte, befand sich im Glockenbachviertel, gleich neben der früheren Wohnung meiner Tante.

Ich war nervös wie ein Teenager und kam eine Viertelstunde zu früh. Ich wollte schon wieder gehen(bloß nicht der Erste sein ...), da fiel mir die rothaarige Frau am Tisch neben dem Eingang auf. Sie studierte die Speisekarte und hatte die Beine übereinandergeschlagen.

Sekundenlang beobachtete ich Alvas schmale Nase, die Brille mit dem schwarzen Gestell, den schöngeschwungenen Mund mit den vollen Lippen, das zarte Schlüsselbein. Ihre blasse, noch immer makellose Haut

und ihre schlanke Figur. Sie wirkte im ersten Moment fremd auf mich, so erwachsen. Am meisten hatten sich ihre Augen verändert. Sie waren noch immer groß und von einem leuchtenden Grün, doch alles Kühle war daraus verschwunden. Ich fragte mich, wie das passiert war, als sie mich entdeckte.

"Hey", sagte sie.

Wie hatte ich nur den Klang ihrer Stimme vergessen können! Eine kurze Umarmung, und ich lächelte so sehr, dass meine Wangen schmerzten, doch ich konnte nicht damit aufhören. Sie saß auf der gepolsterten Bank, ich auf einem Stuhl. Zwischen uns ein kleiner, runder Tisch.

"Seit wann bist du pünktlich?"

"Eigentlich gar nicht", sagte sie. "Ich wollte aber unbedingt vor dir hier sein und sehen, wie du zur Tür reinkommst ... Und jetzt hab ich's verpasst."

Alva trug schwarze Jeans, einen weitausgeschnittenen grauen Pullover und wirkte selbstbewusst, geheimnisvoll, aber auch etwas matt.

"Ich hab etwas für dich", sagte ich und überreichte ihr mein Geschenk.

"Darf ich es aufmachen?"

Alva zerriss die Verpackung nicht, sondern öffnete das Geschenk vorsichtig, fast liebevoll. Sie zog das Album heraus. "Pink Moon von Nick Drake."

"Erinnerst du dich noch?", fragte ich. "Wir haben es damals gehört, als du das erste Mal bei mir auf dem Zimmer warst. Du hast es gemocht, das weiß ich noch."

Ich glaube, dass sie sich freute, jedenfalls betrachtete sie immer wieder die Schallplatte und strich mit ihren Fingern die abgewetzte Kante entlang.

Anfangs redete ich in meiner Aufregung zu schnell. Alva hörte zu, wie ich ein paar Details aus meinem Leben skizzierte, dann erzählte sie von ihrem Literaturstudium in Moskau, das sie bereits nach einem Semester abgebrochen hatte. Ein kurzes, gegenseitiges Abklopfen.

"Und als was arbeitest du?", fragte ich schließlich.

"Ehrlich gesagt, arbeite ich nicht."

"Wieso nicht?"

Alva zuckte mit den Schultern. Sie tat, als spiele es keine Rolle, aber selbst nach all den Jahren spürte ich, wenn sie nervös war. Überhaupt ließ sie entscheidende Kapitel in ihrer Erzählung aus, machte einen

Bogen um ihre Jahre in Russland, verbarg, was sie jetzt tat, und sprach nur über Geschehnisse, die lange zurücklagen.

Sie fuhr mit den Händen über den Tisch und griff nach meinen. "Ich find es so toll, dich hier zu sehen. Ich hatte Angst, du würdest nicht kommen."

"Warum?"

Alva zog ihre Hände weg. "Du siehst gut aus", sie musterte mich, "und du hast ein schönes Lächeln, Jules. Das wollte ich dir schon damals in der Schule sagen. Wenn du lächelst, wirkst du wie ein anderer Mensch, nicht so verschlossen. Du solltest wirklich viel öfter lächeln". Sie war mit einem Mal beschwingt. "Ja, genau so wie jetzt". Plötzlich forsch: "Aber sag, was machst du eigentlich?"

"Ich arbeite bei einem Musiklabel". Ich bestellte einen Drink, sie einen Cappuccino. "Ich wollte eigentlich nach Italien gehen, dann hat mir meine Schwester von der Stelle erzählt. Der Job ist jedenfalls nicht schlecht. Viel juristischer Kram, aber immer öfter betreue ich auch Bands."

Während meine Arbeit sonst recht gut ankam, schien Alva nicht sehr begeistert.

"Musik passt natürlich zu dir. Aber ich dachte immer, du machst selbst etwas, Schreiben zum Beispiel. Ich fand deine Kurzgeschichten wunderbar. Aber warum nicht fotografieren? Du hast doch immer so gern fotografiert."

Es rührte mich, wie sehr sie an mich glaubte. Der einzige Mensch, der meine Geschichten und Bilder wirklich mochte.

"Ich habe es ja auch als Fotograf versucht, aber es lief nie wirklich gut. Irgendwann hab ich dann aufgegeben."

"Wieso?"

"Zu viele Absagen. Zu viel Frust."

Alva dachte nach. Ein kurzer Blick: "Hast du wirklich nur deshalb aufgehört?"

Wie immer durchschaute sie mich.

"Nein. Ich habe einfach begriffen, dass ich "... Ich schüttelte mein Glas und ließ die beiden Eiswürfel, die in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit badeten, hin- und herrutschen. "Vergiss es, nicht so wichtig. Ein andermal."

Wir schwiegen uns an. Die erste Aufregung des Wiedersehens war inzwischen verflogen, alles war so förmlich, so bemüht. Kurz kam es mir

so vor, als wären unsere eigentlichen Ichs weit entfernt und wir hätten nur zwei Unterhändler in die Bar geschickt, die nicht befugt waren, über die wirklich wichtigen Dinge zu reden.

"Was hörst du zurzeit für Musik?", fragte Alva schließlich.

Auf ihren Wunsch hin holte ich meinen MP3-Player heraus und setzte mich neben sie auf die Bank. Wir teilten uns meine Kopfhörer und gingen ein paar Bands durch. Mit jedem Song taute sie ein bisschen mehr auf.

"Das hier ist schön", sagte sie, als ich ihr Between the Bars von Elliott Smith vorspielte. Sie strahlte. "Das gefällt mir richtig gut."

Und für einen Moment, als wir nebeneinandersaßen und Musik hörten, war es doch wieder so vertraut wie im Internat.

"Bist du glücklich?", fragte ich sie.

Irritiert setzte sie den Kopfhörer ab. "Was?"

"Ob du glücklich bist?"

Alva schien erst ausweichen zu wollen, und ich befürchtete schon, dass die Frage zu direkt war. Dann zuckte sie nur mit den Schultern. "Und du?"

Ich zuckte ebenfalls mit den Schultern.

"Dann sind wir uns ja einig", rief sie fröhlich.

Ich deutete auf ihren Cappuccino. "Ich dachte irgendwie, wir betrinken uns, wenn wir uns wiedersehen."

"Das können wir ja immer noch."

"Wie war's mit Gin?"

"Lieber nicht. Das letzte Mal, als wir Gin getrunken haben, war es irgendwie seltsam, erinnerst du dich? Du hast vor mir getanzt, und ich war völlig besoffen. Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mich auf dich gestürzt."

Das sagte sie einfach so und wandte sich der Getränkekarte zu.

Zwei Drinks später saßen wir noch dichter nebeneinander. Ich weiß nicht, ob es am Alkohol lag oder am Musikhören, aber auf einmal fühlten sich unsere letzten Begegnungen wieder an wie gestern, nur dass gestern viele Jahre her war. Ich hatte bereits einen Zug verpasst und beschloss, auch den nächsten zu verpassen. Zwar lallte ich inzwischen ein wenig, aber dafür sagte ich endlich das, was ich sagen wollte.

Auch Alva lebte auf.

"Was machen die Frauen?", fragte sie.

"Ach, du kennst mich. Sie werfen sich mir an den Hals, selbst vorhin

auf dem Weg zur Bar zwei. Es ist kaum zum Aushalten."

Sie schlug mir dafür auf den Arm, und der Abend wurde ein einziges "Weißt du noch?" und "Unglaublich, wie wir damals "..., wir tauschten viele kleine Geschichten aus, sie erzählte mir mit ihrer leisen Stimme, dass sie noch immer Kassetten hörte, um einschlafen zu können, oder sprach von ihren Jahren in Russland und wie Händler in der Moskauer U-Bahn von Abteil zu Abteil gingen und den Pendlern Sexspielzeug oder raubkopierte DVDS und Bücher andrehten("Es fehlen immer ein paar wichtige Seiten, aber dafür kosten die Bücher fast nichts"), im Gegenzug erzählte ich von Martys Hochzeit und wie mein Bruder wie ein schlecht justierter Roboter mit der Braut getanzt, dafür aber die Hälfte seiner Bankettrede in akzentfreiem Kroatisch vorgetragen hatte, und draußen war es längst dunkel, während wir über die Einsamkeit sprachen, die uns hin und wieder heimsuchte(Ich: "Dieses ständige Alleinsein bringt mich um". Alva: "Ja, aber das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit". Ich, einem Kellner winkend: "Darauf stoßen wir an!"), und die ganze Zeit konnte ich nicht aufhören, Alvas schönes Film-Noir-Gesicht anzustarren, in diese großen, leuchtend hellgrünen Augen zu blicken, und noch ein Drink, und wir versanken in seliger Betrunkenheit, und ich sagte zu meiner Verwunderung: "Ich würde am liebsten kündigen, aus Berlin wegziehen und einfach nur schreiben", und auf einmal war es, als hätte ich meine innere Stimme wiedergefunden, und ich gab endlich zu, dass ich Alva vermisst hatte, ja dass ich in all den Jahren immer wieder an sie denken musste, und sie sagte ganz dicht an meinem Ohr: "Ich auch an dich", und an meinem Nacken kribbelte es, ich genoss diese samtige Spannung zwischen uns, und mir fiel auf, dass unsere Beine sich berührten, und ständig fragte ich mich, ob sie es bemerkte, ob ihr auffiel, dass sie mir beim Reden immer wieder so nahe kam, dass ihre Haare mein Gesicht kitzelten und ich ihr Parfüm riechen konnte, ob sie es sogar absichtlich tat, und da wollte ich es ihr fast sagen: Dass ich damals zu spät begriffen hatte, dass ich sie liebte, doch sie erzählte gerade von ihrem Praktikum in Neuseeland, und ich verpasste auch den vorletzten Zug und betrachtete Alvas Hände, mit denen sie beim Reden gestikulierte, oder ihre Zähne, wenn sie lachte, was sie an diesem Abend oft tat, und sie hatte den leicht schiefen Schneidezahn inzwischen akzeptiert und hielt sich nicht mehr die Hand vor den Mund.

"Wieso ist Pizza-Essen eine Trauma-Bewältigung für dich?", fragte sie.

"Na, wegen dem Heim", antwortete ich. "Damals gab es oft nicht genug zum Abendessen, und wenn doch, dann war es häufig

ungenießbar. Wir hatten eigentlich nicht genug Taschengeld, um uns danach noch eine Pizza zu bestellen, aber ab und zu tat es jemand. Eine halbe Stunde später kam dann das weiße Pizza-Auto in den Internatshof gefahren. Während der Besteller bezahlte und die herrlich duftende Pizza entgegennahm, wurde er von unzähligen Augenpaaren an den Fenstern beobachtet. Und kaum hat er das Heim betreten, haben wir ihn alle bestürmt. Bitte, nur ein Stück, ich hob dir auch immer eins gegeben. Oder: Du kriegst das nächste Mal, wenn ich bestelle, ein Viertel der Pizza, ich versprech's dir. Nur ein Stück. - Man musste den anderen etwas geben, meist die Hälfte der Pizza, denn beim nächsten Mal war man auf ihre Großzügigkeit angewiesen. Deshalb wurde man nie satt. Da ist ein Hunger in mir, der ist nie gestillt worden. Ein neun Jahre dauernder Heißhunger, und egal, wie viele Pizzen ich heute esse, es ist nie genug."

Alva nippte an ihrem Getränk. "Ich muss gerade an deine Mail denken". Ein amüsierter Blick. "Willst du wirklich immer noch Kinder haben?"

Ich nickte. "Ja, ich möchte es besser machen als mein Vater". Selbst in dieser gelösten Stimmung fing meine Stimme an zu zittern. "Nein, ich möchte es besser machen als beide. Ich möchte einfach überleben und immer da sein. Wenn die Kinder eingeschult werden, wenn sie in die Pubertät kommen, wenn sie sich verlieben, wenn sie erwachsen werden. Ich möchte sie dabei sehen, ich möchte wissen, wie das ist, wenn sie dabei nicht allein sind."

Auf einmal war Alva ernst. "Wie war das eigentlich für dich, als du mit deinen Geschwistern ins Internat gekommen bist? Ich hab mich das oft gefragt. Auf einen Schlag alle alten Freunde weg, das Zuhause, alles. Gerade die erste Fahrt ins Heim muss doch schrecklich gewesen sein."

Ich dachte nach. "Ehrlich gesagt, weiß ich davon nichts mehr."

"Aber du vergisst doch sonst kaum was". Sie deutete auf die Nick-Drake-Platte. "Dass du das noch wusstest ... Du musst dich doch erinnern."

"Es interessiert mich nicht mehr. Wir waren einfach im Internat - wie wir da hingekommen sind ... Keine Ahnung."

Alva war enttäuscht. "Ich bin nur wenige Monate vor dir auf die Schule gekommen, wir sind ja damals umgezogen. Ich musste mich jedenfalls vor dem ersten Tag fast übergeben. Ich weiß noch jede Sekunde von diesem Tag."

Das war neu für mich, ich hatte geglaubt, sie wäre schon immer an

unserer Schule gewesen. Wie wenig wirklich Wichtiges wir uns doch damals erzählt hatten.

Ich überlegte noch einmal, aber mein Gedächtnis gab keine Bilder von meiner ersten Fahrt ins Internat her, höchstens Fragmente, die sich gleich wieder auflösten. Verschwundene Orte in der von mir gründlich bereisten Landschaft der Vergangenheit.

Wir blickten einander an, im Gefühl, dass wir alles gesagt hatten, außer den Dingen, die wir unbedingt verschweigen wollten.

"Wieso arbeitest du nicht?", fragte ich erneut.

Alva zögerte, sie strich ihr Haar nach hinten. Und erst jetzt sah ich die beiden feinen Narben an ihrem Hals, direkt unter ihrem linken Ohr. Zwei lange Striche. Ich wollte mit dem Finger darüberfahren und konnte mich gerade noch beherrschen.

"Wie ist das passiert?"

Sie sah mich erschrocken an und ließ das Haar sofort wieder über das Ohr fallen. Unruhig trank sie den letzten Rest ihres Drinks aus, und zum ersten Mal an diesem Abend lag wieder etwas Dunkles, fast Abwesendes in ihrem Blick.

"Ich möchte nicht darüber reden", sagte sie leise. Und an der Art, wie sie ihr Glas auf den Tisch stellte, an diesem leisen Klirren erkannte ich, dass die Magie des Abends vorbei war, dass die Zeit für uns nicht mehr rückwärtslief, sondern wieder vorwärts.

Alva sah auf die Uhr. "Wann geht noch mal dein Zug?"

Ich musste am nächsten Morgen bei einer Besprechung sein. Sie brachte mich zum Bahnhof, im Taxi redeten wir kein Wort. Alles war so schnell gegangen, und jetzt hatte ich sie nicht mal gefragt, ob sie selbst Kinder wollte. Und wieso sie auf einmal so angespannt wirkte.

Wir standen bereits am Bahnsteig. "Willst du mich nicht mal in Berlin besuchen?"

Alva schien sich erst zu freuen, dann bekam ihr Gesicht etwas Distanziertes.

"Ich weiß nicht, ob du davon erfahren hast, aber ich bin verheiratet."

Kurz blieb mir die Luft weg, ich betrachtete meine Hände und sah alles nur noch verlangsamt. Erst jetzt begriff ich, dass ich nie vorgehabt hatte, diesen letzten Nachtzug zu nehmen, dass ich überhaupt nie mehr zurückwollte.

Als ich wieder zu Alva sah, kramte sie etwas aus ihrer Tasche hervor.

"Ich hab übrigens auch ein Geschenk für dich. Ich wusste nur nicht,

wann ich es dir geben soll. Es ist von mir und meinem Mann."

Ein Päckchen in der Form eines Buchs. Ich nahm es in die Hand, öffnete es aber nicht. Und dann umarmte ich sie einfach. Alvas Hände umfassten meinen Rücken, und mit einem Mal fiel mir auf, wie ausgehungert ich all die Jahre gewesen war. Sie ließ mich nicht los, oder ich sie nicht. Ich glaube, wir standen eine volle Minute regungslos, einander fest umarmend auf dem Bahnsteig, und mir wurde bewusst, dass wir uns nach diesem Abend nicht mehr wiedersehen würden. Weil meine Zeit mit ihr unweigerlich in der Vergangenheit lag und weil ich das nicht ertrug.

Als ich in den Zug stieg, war ich bemüht, ihr nicht mein Gesicht zu zeigen. Ich warf meinen Trenchcoat und ihr Geschenk auf einen Sitz, sammelte mich ein wenig und betrachtete die anderen Fahrgäste, die miteinander plauderten oder ihre Zeitungen und Laptops vor sich ausbreiteten.

Kurz bevor der letzte Pfiff des Schaffners ertönte, ging ich noch einmal zu ihr. Ich spürte ihre Hand auf meinem Arm.

"Mach's gut, Jules."

Ich nickte. "Du auch."

Die Türen schlossen sich. Durchs verkratzte Fenster sah ich, wie sie mir zuwinkte. Schon setzte sich der Zug in Bewegung, und während ich zu meinen Platz ging, zog der Bahnhof an mir vorüber.

Ich dachte an meine Besprechung am nächsten Tag und den Vertrag mit einem Musiker, den ich aufsetzen sollte, und dann dachte ich wieder an Alva, wie sie auf dem Bahnsteig stand. Ein jäher Schmerz durchfuhr mich. Ich schloss die Augen. Es war Nacht, und ich lief über wogende Weizenfelder in die Dunkelheit hinaus. Beim Rennen wurde ich leichter und leichter, mit einem Mal erhob ich mich. Ich spürte den Wind, breitete die Arme aus und wurde immer schneller. Unter mir der Wald, über mir das Nichts. Es wirbelte mich durch die Luft, und ich flog davon, immer weiter, als flöge ich nach Hause.

Der Flug der Zeit
(2005-2006)

Ich packte Alvas Geschenk nicht aus. Nach dem Treffen mit ihr war die stille Hoffnung, die ich all die Jahre in mir getragen hatte, erloschen. Fortan begegnete ich meinem Schicksal mit Gleichgültigkeit, und es folgte eine bedeutungslose Zeit, wegwerfbar wie zerknülltes Papier.

Erst zweieinhalb Jahre später hörte ich wieder etwas von ihr. Inzwischen war ich seit längerem mit Norah zusammen, einer ehemaligen Arbeitskollegin. Sie kam aus Bristol und war wie ich ein Hypochonder; beide schalteten wir sofort um, wenn im Fernsehen ein Bericht über schlimme Krankheiten kam. Dass ich meine Jugend in einem Heim verbracht hatte, überraschte sie kaum: "Als ich dich das erste Mal essen und alles wie verrückt in dich reinschlingen sah, dachte ich nur: Knast oder Internat". Gerade war Norah für ein dreimonatiges Praktikum nach England zurückgegangen. Zuvor hatte sie ein paar Andeutungen gemacht, dass sie sich in mich verliebt hätte. Zwar liebte ich sie nicht in gleichem Maße zurück, aber das schien mir nicht mehr so wichtig.

Beim Label war ich zum Leiter der A&R-Abteilung aufgestiegen, ich reiste durch Europa, um mir Bands anzuschauen, deren Demos vielversprechend waren. Dieser Job war ein Privileg, und es gab jüngere Kollegen, die sich über meine Beförderung beschwerten. Wieso darf Jules das alles machen, fragten sie und behaupteten, ich sei zu anachronistisch und zu unterkühlt. Doch mein Chef stärkte mir den Rücken, und tatsächlich hatten die Bands, die ich unter Vertrag nahm, Erfolg. Ich suchte nie Künstler aus, die einfach nur sehr talentiert waren, denn davon gab es erstaunlich viele. Ich suchte nach Bands und Sängern, die es wollten. Mehr, als ich es damals als Fotograf gewollt hatte. Ich war davon überzeugt, dass man sich zwingen konnte, kreativ zu sein, dass man an seiner Phantasie arbeiten konnte, aber nicht an seinem Willen. Das wahre Talent war der Wille. Heute bin ich sicher, dass es dieser Gedanke war, der meine jüngeren Kollegen am meisten störte.

Liz und Toni waren inzwischen gute Freunde geworden, meine Schwester ging oft mit ihm auf den Flohmarkt, besuchte seine Zaubershows oder ließ sich von ihm auf dem Motorrad mitnehmen. Nur über ein Thema wurde nie gesprochen.

"Läuft jetzt eigentlich etwas zwischen euch?", hatte ich sie einmal gefragt.

"Red keinen Unsinn. Toni ist viel zu klein."

"Aber er ist doch nur ein paar Zentimeter kleiner als du, ist das wirklich für alle Zeiten zu wenig? Bist du so oberflächlich?"

Meine Schwester hatte mich angesehen, als hätte ich gar keine Ahnung. "Es läuft jedenfalls nichts, er passt einfach auf mich auf."

Ich wusste, dass es irgendwann eine Nacht gegeben hatte, in der Liz etwas nahm, was sie nicht vertrug. "Eine kleine Episode", wie sie es nannte. Sie hatte mich damals nicht erreicht und in ihrer Verzweiflung

Toni angerufen, der sofort vorbeigekommen war. Die ganze Nacht hatte er auf einem Stuhl neben ihrem Bett gesessen.

"Und irgendwann hab ich ihr gesagt, dass ich sie liebe, immer schon", hatte mir Toni später erzählt. "Da hat deine Schwester gesagt, dass sie das schon weiß. Ich hab dann gemeint, ich erwarte nichts, ich würde nur mal gerne die Fronten klären". Er hatte gelacht. "Es würde mir reichen, in Zukunft a' bissl auf sie aufzupassen, hab ich gesagt. Und weißt du was?" Toni hatte mich angesehen. "Es reicht mir wirklich. Klar, ich möchte auch mehr, aber so, wie's jetzt ist, ist's auch in Ordnung."

"Darf ich dich in ein paar Monaten zitieren, wenn sie einen neuen Freund hat?"

"Lieber ned."

Mittlerweile war Liz als Lehrerin am Gymnasium fest angestellt. Bei einem Abendessen erzählte sie mir von einem Schüler, der ihr heimlich Liebesbriefe schrieb. "Er ist einer der Allerschlechtesten in der Klasse", sagte sie. "Er hat das Wort ›Gefühle‹ immer falsch geschrieben, ohne ›h‹. Süß, oder?" Meine Schwester lächelte kindlich verschämt.

Und dieses Lächeln erinnerte mich an eine längst vergessene Szene.

Ich musste an Alva denken und an das Treffen mit ihr in München. Im ersten Augenblick hielt ich es für einen sentimentalen Rückfall, dann erkannte ich, dass nicht Alva selbst in meinem Kopf aufgetaucht war, sondern die Antwort auf eine Frage, die sie mir damals gestellt hatte: Wie es für meine Geschwister und mich gewesen sei, als wir nach dem Tod unserer Eltern zum ersten Mal ins Internat fuhren.

Wie bei einem sich entwickelnden Polaroid trat das Bild langsam aus dem weißen Nichts hervor.

Mehr als zwanzig Jahre zuvor, im Tunnel der Vergangenheit, saß ich im Wagen auf der Rückbank, neben mir mein Bruder. Vorne am Steuer unsere Tante Helene, daneben Liz. Die Vorstellung, in einem Heim zu wohnen, hatte mich die ganze Fahrt über bedrückt. Immer wieder hatte ich an die Beerdigung meiner Eltern gedacht. An die beiden winzigen Löcher, in die man ihre Urnen versenkt hatte.

Draußen zogen kahle Winterlandschaften vorbei, das letzte Licht des Tages verschwand. Und mitten in diese düstere Stimmung hinein begann meine Schwester, von unserem neuen Zuhause zu schwärmen.

"Ich wette, die haben dort Schuluniformen", sagte sie. "Blusen und Röcke für die Mädchen und Anzug mit Krawatte für die Jungs."

"Ich mag keine Anzüge", hatte Marty geantwortet. "Und auch keine Krawatten."

"Und der Speisesaal ist bestimmt riesig", fuhr Liz fort. "Ein Schwimmbad haben die sicher auch. Und in den Sportanlagen kann man Tennis spielen oder sogar Kricket."

"Ich mag kein Kricket", sagte Marty, der schon seit Wochen jeden zweiten Satz mit "Ich mag kein "... begann. "Wie kommst du überhaupt auf Kricket", fragte er. "Das spielen sie doch nur in England oder Indien."

Aber Liz war schon längst weiter und schilderte uns prunkvolle Schlafsäle und gut ausgestattete Gemeinschaftsküchen. Ich hatte mich damals darüber gewundert, nun, Jahrzehnte später, verstand ich, dass sie einfach nur Angst hatte. Auf eine Serviette schrieb sie ein letztes Mal ihren Namen. Liz, Liz, Liz.

Erste Schilder wiesen auf das Internat hin. Ich stellte mir vor, wie mich die Schüler dort in den nächsten Tagen aufnehmen würden, und mir schnürte sich der Magen zusammen.

"Das wird genial werden", sagte meine Schwester wieder. "Oder was denkt ihr?"

"Nein!" Marty säuberte seine Brille und warf mir einen besorgten Blick zu.

Auch unsere Tante, die das Heim für uns ausgesucht hatte, versuchte, uns Mut zu machen. "Als Kind wollte ich immer aufs Internat. Aber ich durfte nie. Es wird bestimmt toll."

"Genau, toll", sagte Liz albern. "Gleich sind wir da. Ich kann's kaum erwarten."

Als wir dann ankamen und in der Dunkelheit die maroden, ärmlichen Internatsgebäude erblickten, in denen nur noch wenige Fenster erleuchtet waren, da verstummte auch sie.

Vom Auto aus sah ich, wie die Leiterin des Heims mit unserer Tante sprach, wie meine Geschwister ihr Gepäck aus dem Kofferraum wuchteten und unsicher auf dem Parkplatz herumstanden. Ich stieg ebenfalls aus und wollte mit meinem Koffer zu ihnen gehen, doch die Internatsleiterin sagte, dass die Fünft- und Sechstklässler, zu denen ich gehören würde, in einem Spezialbau untergebracht seien. Ehe ich begriff, dass ich von nun an von meinen Geschwistern getrennt sein würde, sah ich Marty und Liz auch schon ihr Gepäck schultern und nach einem kurzen Abschied in dem größeren der beiden Gebäude verschwinden. An der Tür warf mir meine Schwester noch einen letzten Blick zu, ein Blick, in dem sich alles, was später folgte, bereits abzeichnete. Sie brachte gerade noch ein Lächeln zustande, kindlich verschämt, dann war sie weg, und es sollte Jahre dauern, bis sie

wiederkam.

*

Im Spätherbst 2005 besuchte ich nach einem Konzert in Bayern meinen Bruder. Mit Elena und ihren Neffen und Nichten gingen wir auf ein Volksfest. Die Nachmittagssonne warf ihr goldenes Licht auf die Karussells und Imbissbuden, von überall her dröhnte Musik und Stimmengewirr, wir waren umweht vom Geruch gebrannter Mandeln. Marty erzählte mir, dass man Bücher bald nur noch elektronisch lesen werde.

"Das ist doch Mist", sagte ich, "auf diese Weise wird die Wirklichkeit ausgeleert. Bücher, Platten und Filme werden weggeworfen und in eine Welt hineindigitalisiert, die man nie betreten kann. Die Kinder der Zukunft werden nur noch in leeren weißen Zimmern sitzen."

"White Wall Kids", warf mein Bruder ein. "Wäre auch ein guter Bandname."

Ich runzelte die Stirn. "Früher musste man warten, bis ein Film entwickelt war. Aber es waren doch nicht nur die Fotos, die man liebte, sondern auch die Vorfreude, sie endlich in den Händen zu halten."

"Ja, Großvater". Marty deutete ein Schmunzeln an. "Niemand kann die Uhr zurückdrehen."

Ich winkte ab. Doch im Nachhinein störte mich etwas an unserem Gespräch, wie ein kleiner Schnitt am Finger, den man erst nach einer Weile bemerkt. Es war der Satz: "Niemand kann die Uhr zurückdrehen", der mich noch länger beschäftigte.

"Alles in Ordnung?" Marty stieß mich an. "Du siehst irgendwie bedrückt aus."

"Alles gut."

"Ich weiß nicht", sagte er. "Du wirst jetzt bald dreiunddreißig, und ich hab manchmal Angst, dass dir die Zeit davonläuft. Du hast mir neulich gesagt, dass du deinen Beruf hasst."

"Ich habe gesagt, ich werde ihn wohl nicht ewig machen. Na und? Es ist alles okay. Hör bitte auf, dir dauernd Sorgen zu machen."

Vielleicht wurde ich bei diesen Worten etwas laut.

"Verdammt, Jules, ich möchte doch nicht mit dir streiten. Ich will nur nicht, dass du irgendwann aufwachst und Ende vierzig bist, und deine Chancen sind vorbei. Du träumst dich noch immer in ein anderes Leben hinein."

Marty packte mich an der Schulter. "Du musst endlich die

Vergangenheit vergessen. Weißt du, wie viele Menschen es schlechter hatten als wir? Du bist nicht schuld an deiner Kindheit und am Tod unserer Eltern. Aber du bist schuld daran, was diese Dinge mit dir machen. Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast."

Ich schwieg, die restlichen Minuten auf dem Rummel blieb ich für mich. Dann entdeckte ich den Hau-den-Lukas. Und da überkam es mich. Ohne darüber nachzudenken, bezahlte ich, griff nach dem Hammer und ließ ihn mit aller Kraft auf die Markierung niedersausen. Die Metallkugel sprang nach oben, erreichte aber nur achtzig Prozent.

Ich nahm nun alles, was ich hatte, all die angestaute Wut und den Frust, und schlug noch mal zu. Diesmal kam die Kugel nur bis fünfundsechzig Prozent.

Eine blecherne Clownsstimme aus dem Apparat verhöhnte mich. "Mehr haben wir nicht?"

Ich schlug wieder zu. Siebzig Prozent.

"Ist das alles?", fragte die schrille Automatenstimme und lachte heiser.

Und wieder und wieder schlug ich mit dem Hammer auf die kleine schwarze Markierung ein, aber alles, was ich hatte, war zu wenig, einfach zu wenig, und die Kugel stieß nie oben an.

An diesem Abend öffnete ich Alvas Geschenk.

*

Es war ein weißes Taschenbuch. Der verwandelte Gedanke und andere Erzählungen von A. N. Romanow. Wie meine Nick-Drake-Platte ein nostalgisches Geschenk, Romanow war zu Schulzeiten einer unserer Lieblingsschriftsteller gewesen.

Ich las erst Alvas Widmung, die ziemlich kurz gehalten war. Dann hatte offenbar auch ihr Mann noch etwas geschrieben.

Lieber Jules,

Meine Frau redet nur sehr gut über Sie.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Herzlich,

Ihr

Alexander Nikolaj

Ich las diese Zeilen immer wieder. Konnte das wirklich sein? Mir fiel ein, wie Alva mir im Internat von Romanows Kurzgeschichten vorgeschwärmt hatte. Der ehrfürchtige Ton in ihrer Stimme, wenn sie mir

eine Stelle vorlas. Wieso hatte sie mir bei unserem Treffen nicht erzählt, dass sie mit ihm verheiratet war? Hatte sie mir eine Demütigung ersparen wollen, weil ich ihm nicht das Wasser reichen konnte?

Ich fuhr mit der Vespa aufs Land. Gegen Abend, zur blauen Stunde, bekam die Umgebung etwas Geheimnisvolles, Lockendes. Ein Licht wie aus einer anderen Welt. Nur noch das dumpfe Mahlen der Stadt war in der Ferne zu hören, und allein hier draußen wurde mir mit einem körperlichen Schmerz bewusst, dass ich meine Zeit nicht genutzt hatte. Um Minuten gekämpft, wenn es darum ging, einen Bus noch zu erreichen. Jahre verschwendet, weil ich nicht das getan hatte, was ich wollte.

Noch in der Nacht schrieb ich eine scherzhaft gehaltene Mail an Alva und ihren Mann, dass ich das Buch mit einer Verspätung von nur wenigen Jahren endlich gelesen und mich sehr über das Geschenk und die etwas überraschenden Widmungen gefreut hätte. Anders als beim letzten Mal antwortete Alva sofort. Sie schloss mit folgenden Worten:

Mein Mann und ich würden uns sehr freuen, wenn du uns einmal besuchen würdest. Wir wohnen inzwischen in einem Chalet bei Luxem, du bist immer willkommen.

Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder,

Alva

Ihre prompte Antwort und die gleich mehrfach ausgesprochene Einladung wühlten mich auf. Ich hoffte wieder, wie ich mit fünfzehn gehofft hatte. Mit dreißig gehofft hatte. Gleichzeitig spürte ich, dass ich mit dieser Geschichte endlich abschließen musste, wenn ich nicht mein Leben lang einem Geist hinterherrennen wollte. Wie auf Bestellung rief kurz darauf Norah an und sagte, dass sie sich freue, mich nach ihrer Rückkehr wiederzusehen, sie habe eine Überraschung für mich. "Sei gespannt", sagte sie nur. "You will like it". Nach dem Telefonat musste ich daran denken, wie gern Norah mit mir tanzen ging, wie sie mir aus England immer meine geliebten Scones mitbrachte und an ihr schönes Gesicht mit dem winzigen Muttermal über der Lippe, dem sie zum Spaß den Namen "Simon" gegeben hatte. Wieder wurde mir bewusst, dass ich sie mochte, dass sie mir in den vergangenen Monaten gefehlt hatte, dass sie real war. Ein Mensch, dem ich etwas bedeutete.

Meine Entscheidung traf ich nach einem Gespräch mit Toni. Sein Apartment lag nahe der Oranienburger Straße. Im Wohnzimmer ein riesiger Billardtisch, im Flur gerahmte Fotos von Will Steacy und Drucke von Rothko, das Arbeitszimmer voll von Werkzeugkästen, Lichtgeneratoren, Schleifmaschinen, Lötkolben und anderen Dingen, die

er für seine Zaubertricks benötigte. Tonis neueste Nummer bestand darin, auf der Bühne einen grünen Laserstrahl zu verbiegen oder zu verknoten, mit der Hand durch ihn hindurchzufahren, um dann unerklärlicherweise einen Kleiderhaken an ihm aufzuhängen, der - nur von grünem Licht getragen - in der Luft zu schweben schien.

Wir spielten, wie meistens, wenn ich ihn besuchte, Billard. Das hatten wir schon während unserer Internatszeit getan, als wir beinahe jedes Wochenende zusammen mit meinem Bruder im ›Jackpot‹ gewesen waren. Marty war einer der besten Billardspieler der Schule gewesen, eine Figur wie aus einem B-Movie, mit Queue, langen fettigen Haaren, Ziegenbart und dem schwarzen Ledermantel. Wir hatten nie mithalten können.

"Sie hat einen Freund", sagte Toni beim Spielen. "Einen ziemlich netten."

"Und was jetzt?"

Er betrachtete ratlos die Kugeln. Dann nahm er die gelbe ins Visier. "Ich weiß nicht. Ich schätze, ich liebe deine Schwester, und ich bin in sie verliebt. Der Teil, der sie liebt, gönnt ihr den Freund. Der Teil, der in sie verliebt ist, will ihn zerfetzen."

Sein Stoß ging daneben. "Ich weiß, dass du dich schon lange fragst, wieso ich das mit deiner Schwester nicht endlich aufgebe", sagte er. "Wieso ich nicht einfach den Kontakt verringere, irgend a' andere find, mit ihr ein Leben führe, das auch ganz nett ist. In dem ich dann manchmal noch dasteh und mir denk: Schad, dass es mit der Liz nicht geklappt hat, aber so ist es doch auch ganz schön, mehr war eben nicht drin". Kopfschüttelnd: "Ich kann nicht anders."

"Ich weiß."

"Es wird niemals klappen, und vielleicht rede ich in einem halben Jahr was anderes und fange an, mich selbst zu belügen, aber wenigstens jetzt war ich mal ehrlich". Er legte den Queue weg. "Ich mein, wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann's dann trotzdem das Richtige sein?"

*

Ein Tag im Januar, graues, rußiges Abendlicht fiel ins Abteil, die Wolken bekamen an den Rändern einen metallenen Glanz. Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit, rollte aus, kam zum Stehen. In Luzern erwartete mich Alva auf dem Bahnsteig. Sie küsste mich dreimal auf die Wangen, dann führte sie mich zu ihrem Wagen, wo ihr Mann auf mich wartete.

"Ich kann nicht glauben, dass du wirklich gekommen bist", sagte sie im Gehen und fasste damit zusammen, was ich mir ebenfalls dachte.

A. N. Romanow war bereits siebenundsechzig, sah jedoch mindestens zehn Jahre jünger aus.

"Alexander", sagte er und reichte mir die Hand. "Sehr erfreut, Sie kennenzulernen."

Sein Akzent war kaum herauszuhören. Romanow war eine schlanke, große, distinguierte Erscheinung mit gewellten grauen Haaren, an jenem Abend noch elegant mit Anzug und Hemd, dessen oberste Knöpfe er offen ließ. Sein kantiges Gesicht war wie gemeißelt, er hatte einen spitzbübischen Zug um den Mund und strahlte darüber hinaus etwas altmodisch Männliches aus; man konnte sich nicht vorstellen, dass er früher einer Schlägerei ausgewichen war oder nicht wusste, wie man ein undichtes Abflussrohr reparierte.

Alva nannte ihren Mann nicht Alexander, sondern Sascha, die russische Koseform. Während sie uns zum Chalet hinauffuhr, erklärte mir Romanow die Gegend. Ich war davon überwältigt, der sonoren Stimme dieses Mannes zuzuhören, von dem ich so viele intime niedergeschriebene Gedanken kannte. Romanow hatte seinen Durchbruch mit Anfang zwanzig gehabt, ein intellektueller Dandy, dessen Romane und Novellen in dreißig Sprachen übersetzt worden waren. Inzwischen war sein Ruhm allerdings verblasst und nur noch im Internet existent, wo ich neben Berichten über seine erste Ehe auch mehrere Schwarzweißfotos gefunden hatte, mal mit berühmten Künstlern seiner Zeit, mal einsam rauchend vor einem Club in Camden.

Alva und er lebten nicht mehr in Luzern, sondern seit zwei Jahren in einem kleinen Bergdorf namens Eigenthal, am Fuße des Pilatus. Die Gegend war ländlich, außer einigen Bauern und Einheimischen wohnte kaum jemand hier oben, die meisten Ferienhäuser schienen unbewohnt. In der Ferne das melodische Hupen des gelben Postautos.

Wir erreichten ein weitläufiges Grundstück, eingefasst von einem morschen Lattenzaun. Das Chalet selbst war ein mächtiger Bau mit einem Fundament aus Stein, die oberste, schindelgedeckte Etage war aus Holz. Dahinter erstreckten sich ein Garten und eine Wiese, die von einer feinen Eisschicht überzogen war. Ein abgeschiedener Ort, der nie ganz den Zugang zur Welt gefunden zu haben schien. Ich verstaute meine Sachen im Gästezimmer und überlegte einen Moment, was ich hier eigentlich tat.

Zum Abendessen gab es Raclette, Kartoffeln und Weißwein. Das Grammophon auf der Kommode spielte Jazz.

"Time Further Out", sagte ich. "So etwas hören Sie beim Abendessen?"

Romanow war erfreut. "Manchmal. Gefällt es Ihnen?"

"Meine Mutter mochte Brubeck gern."

"Ich habe Dave mal in San Francisco erlebt. Sehr umgänglicher Typ, wir landeten nach einer Show in derselben Bar, haben Stunden miteinander geredet."

Alva warf mir einen kurzen Blick zu. "Du musst wissen, dass Sascha ihn die ganzen Sechziger hindurch gestalked hat. Er ist ihm von Konzert zu Konzert hinterhergereist. Irgendwann hat Brubeck aus Mitleid fünf Minuten mit ihm geredet."

Romanow legte seine Hand auf ihre. "Ich weiß sie kaum noch zu beeindrucken. Ich biete ihr Dave Brubeck, aber sie will immer noch mehr."

Alva strich ihm vergnügt über den Handrücken. Es schmerzte mich, wie sie vertraute Blicke austauschten. Wie ihr seine Art gefiel, sein hintergründiges Lächeln, als habe er als Einziger etwas Lustiges bemerkt, das er jedoch für sich behielt. Ich stellte mir die glücklichen Jahre vor, die sie mit ihm verbracht haben musste. Wie sie anfangs vielleicht noch abweisend gewesen und dann an seiner Seite aufgetaut war. Früher hatte sie mir oft Romanows Bücher ausgeliehen. Einige Stellen waren unterstrichen gewesen, sie hatten vom Tod seines Vaters oder von der zersetzenden Angst gehandelt, nicht glücklich sein zu können. Und selbst jetzt noch bewunderte sie ihn, ich sah es genau.

"Auf der Fahrt hierher habe ich noch mal Ein unbeugsames Herz von Ihnen gelesen", sagte ich. "Neben Schnee auf dem Kilimandscharo von Hemingway die beste Kurzgeschichte, die ich kenne."

"Danke, aber sie wird ein wenig überschätzt". Romanow pfefferte seinen Käse. "Sie müssen wissen, ich war zwanzig, als ich sie schrieb. Das ist jetzt mehr als ... es ist lange her. Die Geschichte ist unpräzise, kitschig und voller Fehler."

"Mich hat sie berührt."

Romanow blickte zu Alva. "Wie viel hast du ihm gezahlt, dass er das sagt?"

"Unsere Konten sind jetzt leer."

Er reichte mir wie schon am Bahnhof die Hand. "Jules, ich danke Ihnen für Ihre Worte."

Nach dem Essen setzten wir uns ins Wohnzimmer. Wir tranken alle etwas zu viel Wein, Romanows Wangen waren gerötet. Gutgelaunt

erzählte er uns, dass er genaue Vorstellungen davon habe, wie seine Seele aussehe. "Sie ist im Durchmesser ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter groß und schwebt auf Brusthöhe", sagte er. "Sie schimmert gräulich-silbern, und wenn man sie anfasst, ist es, als würde man mit der Hand über feinsten Samt streichen, ehe man durch sie hindurchfährt wie durch Luft."

Später erzählte er von seiner Freundschaft zu Nabokov und von einer Chinareise. "Ich war in Ihrem Alter und bin mit Freunden jeden Abend in einem illegalen Casino in Macau gewesen". Romanow stellte sein Weinglas ab, um mit beiden Händen gestikulieren zu können. "Es herrschte eine wunderbare Verbrecherstimmung, es gab die eindeutigsten Angebote, man flirtete und unterhielt sich mit Kriminellen und zwielichtigen Geschäftsleuten. Am ersten Abend wollen meine Freunde zu den Automaten, ich dagegen zum Roulette, wir machen also aus, dass wir uns um Punkt Mitternacht an der Geldwechselstube wiedertreffen. Mit ein bisschen Anfängerglück gewinne ich in den folgenden Stunden zweitausend Dollar, damals eine unfassbare Summe für mich. Pünktlich um Mitternacht warte ich am vereinbarten Treffpunkt, aber meine Freunde sind noch nicht da". Romanow trank einen Schluck. "Beim Warten fällt mir auf, dass an einem Tisch bereits sagenhafte dreiundzwanzigmal hintereinander Rot kam. Das ist der ideale Moment, denke ich, also gehe ich hin und setze hundert Dollar auf Schwarz. Kein Risiko. Es kommt wieder Rot. Ich setze noch einmal hundert Dollar auf Schwarz, es kommt jedoch zum fünfundzwanzigsten Mal Rot. Um mein Geld zurückzuholen, setze ich zweihundert Dollar auf Schwarz. Wieder Rot. Nun muss ich schon vierhundert Dollar setzen. Wieder nichts. Achthundert Dollar. Rot. In diesem Moment kommen meine Freunde. Ich leihe mir Geld und setze zweitausend auf Schwarz. Zweitausend! Doch es kommt zum neunundzwanzigsten Mal Rot. Und während ich als gebrochener Mann das Casino verlasse, höre ich noch den Croupier in meinem Rücken rufen: Schwarz."

Eigentlich keine herausragende Anekdote, aber Romanow erzählte sie mit einem so meisterlichen Timing, dass man bei der Pointe lachen musste.

Er kramte aus einem silbernen Etui eine Zigarette hervor. "Meine Gute-Nacht-Zigarette. Möchten Sie auch?"

Ich lehnte dankend ab und bewunderte, wie lustvoll er den Rauch zur Decke steigen ließ, wie sehr er diesen simplen Moment genießen konnte. "Alva sagt, Sie kennen sich seit Ihrer Jugend?"

"Das stimmt."

"Wieso haben Sie einander aus den Augen verloren?"

"Weil "... Ein Blick zu Alva, doch sie hielt den Kopf gesenkt. Eine seit Jahren verdrängte Szene kam mir in den Sinn: ein kahles, lieblos eingerichtetes Haus. Wie ich damals die Treppen nach oben gerannt war und wie es mich insgeheim erregt hatte, Alva nackt zu sehen, während im selben Moment unsere Freundschaft zerbrach. Und wie so oft fragte ich mich: Hatte ihre Mutter mich bewusst nach oben geschickt?

Romanow musterte erst mich, dann sah er zu Alva, und in seinem Blick lag mit einem Mal etwas Melancholisches.

Er stand auf und kam auf mich zu. Wir waren gleich groß. "Sie sind jung, Jules. Merken Sie sich das. Sie haben Zeit". Die nachdrückliche Art, mit der er das Wort "Zeit" aussprach, faszinierte mich. Er nahm noch einen letzten Zug, dann drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus. "Es ist schön, dass Sie unser Gast sind. Bleiben Sie, so lange Sie wollen, Sie werden sehen, man schläft hier oben ausgezeichnet". Er küsste Alva, dann ging er mit bedächtigen Schritten die Treppe hinauf.

Als er weg war, ließ ich mich auf die Couch fallen und schenkte mir vom Fendant nach. "Bist du sein Groupie?", fragte ich nur halb scherzhaft. "Seine Muse?"

"Wahrscheinlich beides", sagte sie. "So viel hat Sascha übrigens seit Ewigkeiten nicht mehr geredet. Ich glaube, er wollte dich beeindrucken. Er ist sogar ohne Stock gegangen, das macht er normalerweise nie."

"Ich mag ihn. Wie hast du ihn kennengelernt?"

Alva setzte sich auf eine Kommode und zog die Beine zu sich heran. "Das war vor zehn Jahren, bei einem Symposium in St. Petersburg, für das ich als studentische Übersetzerin arbeitete. Er war damals Mitte fünfzig und sah aus wie ein Schauspieler, hatte aber auch was von George Gershwin. Er fiel mir vor allem auf, weil er hervorragend Deutsch sprach und die Frauen sich richtig an ihn rangeworfen haben, so was habe ich noch nie erlebt. Er machte seine Sprüche und sah dabei immer wieder zu mir rüber. Ich weiß nicht, er hatte so etwas Lässiges ... Das hat mich fasziniert."

"Wie haben deine Eltern auf ihn reagiert? Besuchen sie dich hier?"

"Mein Vater kommt ein paarmal im Jahr. Zu meiner Mutter habe ich keinen Kontakt mehr. Wir haben seit dem Abitur nicht mehr miteinander gesprochen."

Draußen war es ruhig, die nächsten Menschen wohnten weit entfernt, verborgen von einer tintenfarbenen Wetterwand. Ich betrachtete Alva, die in den vergangenen Jahren kaum gealtert war. Sie trug ihre Brille, die

roten Haare hatte sie hochgesteckt. An ihrem Hals die zwei elfenbeinfarbenen Narben.

Sie legte den Kopf in den Nacken. "Weißt du, ich will ehrlich sein. Ich liebe Sascha "..., auf einmal bedrückt, "aber du darfst dich von dem heutigen Abend nicht täuschen lassen. Er hat das Chalet seit Monaten nicht verlassen, und in letzter Zeit ist er etwas ... vergesslich geworden."

Von oben hörten wir das Rauschen des Wasserhahns, dann wieder Schritte.

"Früher waren wir viel unterwegs. Auf Reisen, auf Lesungen und Symposien, er hat so viele Freunde auf der ganzen Welt. Doch vor allem war er so lebendig, so neugierig. Bevor ich ihn kennenlernte, dachte ich immer, er wäre schwermütig, weil er all diese traurigen Sachen geschrieben hat. Stattdessen verströmte er eine kindliche Zuversicht, die einfach ansteckend war. Das habe ich am meisten an ihm geliebt."

Alva goss uns wieder Wein nach. "Vor zwei Jahren hatte Sascha eine schwere Krankheit. Es ist fürs Erste alles gutgegangen, aber es hat ihn verändert. Als wäre sein Zauber verflogen, als wäre er plötzlich ein normaler alter Mann geworden, mit den üblichen Ängsten und Eigenarten. Er ist nur noch oben und schreibt, er möchte unbedingt noch sein Buch abschließen. Neulich hat er mir gesagt, dass er das Ende fühlen kann. Das Ende ist hier im Raum, hat er gesagt, kannst du es auch fühlen? Ich habe ihn umarmt, und das Verrückte war: Ich konnte sein Ende ebenfalls fühlen."

Sie verzog das Gesicht und hielt kurz inne. Dann sammelte sie sich und wandte sich mir zu. "Er weiß übrigens, dass du auch schreibst."

"Aber ich schreibe doch gar nicht, Alva, wie oft denn noch. Das ist alles Jahre her."

"Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es", sagte sie mit ihrer leisen Stimme und berührte mich am Arm. "Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es."

*

In der Ferne das Pilatusmassiv im Morgenrot. Das Rauschen eines Bachs. Tief einatmen, die Luft klar. In aller Frühe lief ich meine Runde, am Fluss entlang, an Bauernhöfen und Wäldern vorbei. Verschwitzt und keuchend kam ich eine Stunde später am Chalet an. Zu meiner Verwunderung erwartete mich Romanow auf den Stufen vor dem Eingang. "Soso, ein Sportler", sagte er. "Meine Frau liebt Sportler, aber das wussten Sie sicher."

"Ihre Frau liebt vor allem Schriftsteller."

Er fasste mich am Ärmel. "Jules, kommen Sie kurz."

Romanow führte mich nach oben in sein Arbeitszimmer. Es roch nach warmem, trockenem Staub. Ein großer Schreibtisch mit einer Olivetti, ein kleiner Tisch in der Ecke, ein Klavier, dazu einige herumliegende Manuskriptseiten und ein Kruzifix aus Holz, das war's.

"Mein Verstand braucht Platz", sagte Romanow. "Früher habe ich hier noch zwei Bücherregale gehabt, aber anstatt zu schreiben habe ich dann gelesen, und deshalb mussten sie leider wieder weg. Ich muss arbeiten. Die Zeit fliegt". Dieses "Die Zeit fliegt" schien sein Leitmotiv zu sein, er wiederholte es ständig. Einmal sagte er, dass er als Kind ein Gedicht geschrieben habe, Zeit, fliegst du davon, es sei bei einem Umzug jedoch verlorengegangen. Den Titel habe er aus einer Oper von Schubert, seinem Lieblingskomponisten, nur leicht variiert. Die ersten Zeilen seines Kindergedichts lauteten:

Zeit, fliegst du davon,

nimmst du mich mit.

Ich deutete auf das Klavier. "Können Sie spielen?"

"Ein bisschen."

Romanow stimmte einen der Phantastischen Tänze von Schostakowitsch an. Seine Finger schienen von allein zu wissen, was zu tun war, fanden mühelos die richtigen Tasten. "Damals hat mich das Konservatorium abgelehnt", sagte er, "aber ich hatte ja immer noch meine Olivetti. Man kann also sagen, ich habe mein Leben damit verbracht, mehr oder weniger elegant in die Tasten zu hauen."

Als er das Stück beendet hatte, klappte er den Deckel zu. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. Schließlich deutete er auf den Ecktisch. "Wenn Sie wollen, können Sie hier arbeiten oder schreiben."

"Danke, aber ich möchte Sie nicht stören."

"Sie stören mich nicht, im Gegenteil. Ich habe früher immer gern in Bibliotheken geschrieben, es hat mich beflügelt, andere Menschen arbeiten zu sehen. Anfangs saß Alva oft bei mir, aber sie ist zu neugierig, das hat mich nervös gemacht". Er sah mich an. "Also, was sagen Sie? Ich würde mich über etwas Gesellschaft freuen."

Er klang eher beiläufig, aber ich spürte, dass es eine Bitte war, und schon nach dem Mittagessen setzte ich mich zu ihm ins Arbeitszimmer. Sein Schreibtisch stand vor dem Fenster, meiner an der Wand. Romanow sah auf die Berglandschaft der Schweiz, ich auf Holzbalken. Er hatte einen Lederstuhl mit Rollen, ich einen Klappstuhl aus Plastik. Eine klare

Zweiklassengesellschaft.

Anfangs redigierte ich noch einen Bericht für mein Label, doch es fiel mir schwer. Schließlich schloss ich das Dokument und schrieb einfach drauflos. So absurd mir die Vorstellung auch erschienen war, neben einem Autor zu sitzen, den ich früher einmal verehrt hatte, so sehr motivierte sie mich. Meine Phantasie war wie ein stillgelegtes Bergwerk, und nun fuhr ich mit der Lore hinab und war erstaunt, was man von dort unten alles zutage fördern konnte. Ich hatte gleich mehrere Ideen und Entwürfe, die jahrelang in mir geschlummert haben mussten.

Romanow beobachtete mich.

"Was ist?", fragte ich.

"Sie schreiben so schnell. Sie hacken richtig auf die Buchstaben ein. Klack, klack, klack."

Ein Blick zu seiner Olivetti: Auf dem in die Schreibmaschine eingespannten weißen Blatt standen nur wenige Zeilen. Er trug seine Brille und hatte die Lippen vor Anstrengung geschürzt.

"Worüber schreiben Sie denn?"

"Über das Erinnern. Ein Roman, bestehend aus fünf Erzählungen. Alle sind miteinander verbunden, und im Kern geht es darum, wie uns Erinnerungen bestimmen und lenken. Es ist "..., Romanow dachte nach und schnaubte dann, "es ist alles fürchterlich". Er stand auf. "So fürchterlich, dass ich am liebsten die Schreibmaschine nehmen und aus dem Fenster werfen würde. Meine letzte Veröffentlichung ist sechs Jahre her, ich habe dieses Buch immer wieder verschoben."

Romanow ging im Zimmer umher und stützte sich dabei auf einen der Gehstöcke, die in einem Korb in der Ecke standen und auf die er seit einem Wanderunfall vor einigen Jahren angewiesen war. Er tippte sich an die Stirn. "Da ist einfach nichts mehr drin. Wie eine leergefressene Speisekammer. Alles in veröffentlichten Büchern, auf zusammengeknüllten Blättern, in ausgesprochenen Worten. Ich kann ..."

Er schien mitten im Satz vergessen zu haben, was er sagen wollte. Abrupt wendete er sich ab. Erst jetzt hörte ich das Ticken der Uhr, die in der Ecke an der Wand hing.

"Als ich so alt war wie Sie, Jules, da habe ich auch so viel geschrieben. Klack, klack, klack", machte er wieder. "Ich war so sorglos. Ich dachte, es würde immer so weitergehen. Doch es wurde immer weniger. Ich sollte mich damit abfinden. Aber ich kann nicht. Nicht, solange Sie denken, dass Ein unbeugsames Herz meine beste Geschichte ist. Ich habe sie mit zwanzig geschrieben, eher nebenbei."

Er machte eine Pause. Und dann kam dieser schaurige Moment, in dem er einfach das Thema wechselte und mir die Geschichte von dem illegalen Casino Wort für Wort noch einmal erzählte.

*

Die ersten Tage mit Alva fühlten sich an, wie von einer langen Reise nach Hause zu kommen. All diese Augenblicke aus unserer Jugend bedeuteten mir so viel mehr als alles danach, jedes Gespräch mit ihr, jeder Blick, selbst jede Enttäuschung von damals ragte wie ein Monolith in meiner Erinnerung hervor. Und nun war ich wieder an der Quelle. Wenn wir in der Küche saßen, Wein tranken und herumalberten, durch den Wald gingen und kein Wort sprachen, wenn sie mir ungelenk etwas auf dem Klavier vorspielte und ich ihr Geschichten von meinen Geschwistern erzählte oder wenn wir nachts auf der Wohnzimmercouch saßen, Musik hörten und Alva sich an mich lehnte; in all diesen Momenten konnte ich beinahe zusehen, wie sich unsere Vergangenheit wieder zart mit unserer Gegenwart und Zukunft verknüpfte.

Am dritten Tag meines Besuchs fuhren Alva und ihr Mann frühmorgens in die Stadt. Als sie weg waren, betrat ich das zweite Stockwerk. Stellte fest, dass die beiden in getrennten Zimmern schliefen. Ein scharfer Geruch nach Kräutern, Salben und Medizin durchzog die Etage. Alva hatte mir erzählt, dass Romanow seit seiner Prostataoperation starke Medikamente nahm. Sein Zimmer erinnerte an den Lagerraum eines Antiquitätenladens, auf dem Nachttisch saß - neben einer asiatischen Korblampe, einem Globus und Notizheften - ein angegrauter Stoffhase. Alvas Zimmer wirkte dagegen provisorisch: ein rundes Bett, neben dem sich Bücher in hüfthohen Türmchen stapelten, die Drachenbäume und Palmlilien am Fenster reichten bis zur Decke.

Diesmal wählte ich beim Joggen einen Pfad durch nasses, von Tannen umstandenes Bergland. Der Wanderweg führte mich höher und höher, bis auf den Chräigütsch hinauf. Eisiger Wind pfiff über die Felder unter mir.

Als ich wieder am Chalet ankam, war es nicht Romanow, der mich an der Eingangstür erwartete, sondern Alva. "Ich hab dich vom Fenster aus beobachtet", sagte sie. "Wer hätte gedacht, dass ich dich noch mal laufen sehe?"

Nach einem späten Frühstück gingen wir beide spazieren. Das Chalet grenzte an ein Waldstück, die Bäume wuchsen teilweise so dicht beieinander, dass der Himmel nicht mehr zu sehen war und der Wald mir wie eine schattige, magische Unterwelt vorkam. Alva ging dicht neben mir, ihr Gesicht von der Kälte gerötet.

"Ich hab in den letzten Jahren oft an deine Schwester gedacht", sagte ich nach einer Weile, "an die Jacke, die man von ihr gefunden hat. Ich wünschte, du hättest es mir früher erzählt, ich hätte dich viel besser verstanden."

Alva schwieg. Sie hob einen Stein vom Boden auf und betrachtete ihn, als wäre er etwas Kostbares.

"Es war zu viel, um dir alles zu sagen". Sie warf den Stein weg. "Als meine Schwester verschwand, ist mein Vater fast durchgedreht. Am schlimmsten war für ihn, dass man an ihrer Jacke nicht die geringste Spur gefunden hat. Er hat seinen Job aufgegeben, bei jeder einzelnen Suchaktion mitgemacht und auf eigene Faust mit Zeugen gesprochen. Er hat kaum noch geschlafen, und als er nicht mehr konnte, hat er sich selbst in eine Klinik eingewiesen. Meine Mutter hat ein paar Wochen lang nur noch geweint, und danach hat sie nie wieder darüber geredet. Als hätte es Phine nie gegeben. Sie hat sie einfach totgeschwiegen."

Alvas Stimme wurde leiser. "Meine Eltern haben nur noch gestritten. Nach der Scheidung sind meine Mutter und ich dann in ein anderes Dorf gezogen, ziemlich weit weg von zu Hause. Wir haben es niemandem erzählt. Ich hatte damals Depressionen, auch Selbstmordgedanken. Aber ich dachte immer: Was, wenn Phine doch noch irgendwann zurückkommt und ich bin nicht mehr da?"

Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch sie wich mir aus.

Wir kamen an einer gefrorenen Weide vorbei. Für einen Moment war ich versucht, den elektrischen Zaun zu berühren.

Sie griff nach meiner Schulter. "Die anderen in unserer Klasse hatten keine Ahnung, was ich durchgemacht habe, sie haben nur über die Ferien und ihre Eltern geredet, und sie haben alle so glücklich gewirkt. Nur du"..,, es durchrieselte mich, "nur du hast nicht glücklich gewirkt. Deshalb habe ich mich damals neben dich gesetzt."

Wir steuerten auf eine Almwirtschaft zu, die den seltsamen Namen "Unterlauelen" trug.

"Dann kennst du ja dieses Gefühl", sagte ich ruhig, "wenn das Leben von Anfang an durch etwas vergiftet wurde. Wie wenn man schwarze Flüssigkeit in ein Becken mit sauberem Wasser gießt."

"Ich dachte, Reisen hilft. Nach der Schule bin ich ein halbes Jahr nach Neuseeland, dann nach Russland. Später, mit Sascha, war ich überall. Aber es hilft nicht."

"Und Literatur, hilft die?"

"Manchmal."

"Und A. N. Romanow?"

Sie lächelte. "Auch manchmal. Ich hab eigentlich immer nur gelesen, um zu fliehen, um mich von ein paar Sätzen oder einer Geschichte trösten zu lassen. Früher wollte ich unbedingt eine Romanfigur werden. Unsterblich sein und für immer in einem Buch leben, während mich jeder von außen lesen und beobachten kann. Bescheuert, ich weiß". Mit einem verschämten Blick: "Obwohl, wenn ich ehrlich bin, würde ich am liebsten immer noch eine Romanfigur werden."

Und da wurde mir klar, wieso sie mich in die Schweiz gelockt hatte: Sie fühlte sich betrogen. Sicherlich hatte sie Romanow auch deshalb geheiratet, weil er zwei ihrer Lieblingsdrogen herstellte: Zuversicht und schöne Worte. Doch inzwischen war dieser fast siebzigjährige Lieferant unzuverlässig geworden. Ich stellte mir vor, wie Alva die letzten Jahre in den Bergen verbracht hatte. Ein vereinsamter Satellit, der um das Arbeitszimmer des Chalets kreiste, in dem sich ihr Mann immer vergeblicher an der Schreibmaschine abmühte und kaum noch mit ihr sprach.

Wir setzten uns an einen Tisch in der Wirtschaft. Sie erzählte von ihrem Vater, dass er ihr zum achtzehnten Geburtstag den roten Fiat geschenkt hatte und inzwischen ein leidenschaftlicher Bergsteiger geworden war. "Es hat ihn übrigens sehr amüsiert, als er gemerkt hat, dass sein Schwiegersohn zehn Jahre älter ist als er."

"Wie geht es ihm?"

"Ganz gut, glaube ich. Inzwischen arbeitet er wieder als Internist in einer Gemeinschaftspraxis. Er hat es immer geliebt, mit seinen Patienten zu reden, als Kind hab ich ihn oft bei der Arbeit besucht."

"Du hast mir früher nie von ihm erzählt."

Sie starrte auf ihren Teller. "Als meine Mutter das Sorgerecht bekam, ist mein Vater nach Augsburg gezogen. Anfangs war ich noch jedes zweite Wochenende bei ihm, ich hatte mein eigenes Zimmer, er hat mir Bücher geschenkt und ging mit mir wandern. Doch dann gab es auf einmal jahrelang keinen Kontakt mehr. Ich dachte, es wäre meine Schuld und ich würde ihn vielleicht zu sehr an meine Schwester erinnern, aber als ich achtzehn war, hat er mich aufgesucht, und wir haben uns ausgesprochen. Ich war so froh, dass ich ihn wiederhatte! Und erst da habe ich erfahren, dass meine Mutter mir nie seine Briefe gegeben hat. Sie hat ihm gesagt, ich wolle ihn nicht mehr sehen."

"Wieso hat sie das gemacht?"

"Ich weiß es nicht. Sie hatte Phine immer ein bisschen mehr geliebt

und ist nie über den Verlust hinweggekommen. Wir haben uns oft gestritten. Schreckliche Dinge gesagt. Sie war mir gegenüber so kalt, ich war froh, als ich endlich wegkonnte. Ich dachte, das war's, aber vor ein paar Jahren hat sie meinem Vater einen Brief für mich geschickt. Ohne Absender. Sie lebt inzwischen im Ausland, aber sie hat nicht viel darüber geschrieben. Der Brief war jedenfalls schön, eine Art Leb wohl."

Alva schüttelte den Kopf. "Ich wünschte nur, sie hätte mir das alles schon gesagt, als ich noch jünger war. Damals hab ich das Leben so gehasst. Ich hatte das Gefühl, wenn meine Schwester verschwindet und meine Mutter mich trotzdem nicht liebt, dann kann ich doch nichts wert sein. Ich wollte die Person werden, die all das verdient."

Ihre Augen schimmerten. Ich beugte mich rüber und umarmte sie.

"Bleibst du noch ein wenig?", fragte sie nah an meinem Ohr.

Ich sah ihren flehenden Blick und erkannte, vielleicht sogar noch vor ihr, wie tief ihre Frage reichte.

Ich benötigte zwei Anläufe, um zur Überraschung meines Chefs zu kündigen. Beim ersten Anruf tat ich so, als hätte ich eine Lungenentzündung, aber da ich nie ein guter Lügner war, teilte ich ihm in einem zweiten Anruf mit, dass ich nicht mehr zur Arbeit erscheinen würde. Entgegen meiner sonstigen Art dachte ich keinen Augenblick über mögliche Konsequenzen nach. Und ich antwortete Norah auf eine sehr liebevolle Mail, dass es mir vorerst nicht möglich wäre, sie weiter zu treffen. Sie schrieb mir daraufhin mehrmals, rief mich an und hinterließ Nachrichten, doch ich reagierte nicht darauf.

Binnen weniger Tage hatte ich unter mein altes Leben einen Schlussstrich gezogen. Dabei war ich mir nicht mal sicher, wie ich mir die Zukunft mit Alva vorstellte. Ich wusste nur, dass ich sie nicht noch einmal gehen lassen konnte. Dass ich nicht mein Leben lang für die Fehler büßen wollte, die ich als Jugendlicher gemacht hatte.

"Ich sag's dir nur ungern noch mal, aber man kann die Vergangenheit nicht zurückholen oder ändern", sagte mein Bruder am Telefon.

"Doch, man kann", sagte ich.

*

Ich hatte einige Stunden im Wohnzimmer im Netz gesurft, als mir auffiel, dass Alva nicht im Haus war. Ich hatte erst gedacht, sie würde Romanow oben Gesellschaft leisten, aber ich vermisste ihre Schritte und das Rauschen des Wasserhahns, das man in dem hellhörigen Chalet immer zu den gleichen Zeiten vernehmen konnte. Ich wartete noch eine Weile unten im Wohnzimmer, ehe ich mich ins Bett legte. Es war Ende

Februar, draußen schneite es stark. Um sechs Uhr morgens wachte ich davon auf, dass die Haustür ins Schloss fiel. Als ich Alva später fragte, wo sie die ganze Zeit gewesen sei, zuckte sie nur mit den Schultern und sah mich an, als wisse sie nicht, wovon ich rede.

Mir neu war auch ihre Leidenschaft für das Gärtnern. Als der Frühling kam, war sie stundenlang mit dem Ziehen von Gemüse oder dem Umtopfen und Gießen ihrer Pflanzen beschäftigt, und wenn sie vom Garten zurückkehrte, hatte sie schwarze Fingernägel und war glücklich. Romanows Reich hingegen war das Chalet, und wenn man es mit einem Geräusch beschreiben müsste, dann mit dem langsamen, unermüdlichen Klacken seiner Schreibmaschine.

Eines Tages nahm er plötzlich seinen Gehstock und forderte mich zu einem Duell heraus. Ich griff mir meinerseits einen seiner Gehstöcke, und einen Moment lang fochten wir damit herum. Als ich ihn darauf ansprach, antwortete Romanow lakonisch: "Das Beste, was man von ihm sagen kann: Er war ein Kind, und er war ein Mann!"

Das Fechten hatte ihn sichtlich erschöpft, er setzte sich auf seinen Stuhl und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Jules, was machen eigentlich Ihre Eltern?"

"Sie starben bei einem Unfall, als ich zehn war."

"Das tut mir leid."

Ich winkte ab. "Was ist mit Ihren Eltern? Wie waren sie?"

Er erzählte von seiner Mutter, einer Dichterin, die aus einer alten Petersburger Familie stammte. "Sie liebte deutsche Literatur und die deutsche Sprache, wir hatten deshalb immer ein Kindermädchen aus Deutschland. Mein Vater dagegen kam aus einfacheren Verhältnissen, aus der Nähe von Jekaterinburg. Ein träumender Muschik, der stets eine große Geschäftsidee im Kopf hatte, ohne je eine davon erfolgreich zu verwirklichen. Auch er ist mit seiner Familie vor der Oktoberrevolution geflohen, als er noch ein Kind war. Er hat meine Mutter in Amerika kennengelernt, später haben wir dann in den Niederlanden gelebt. Dort hat sich mein Vater auch erschossen."

Ich sah ihn fragend an.

"Kein Erfolg", sagte er. "Er hatte schon wieder eine Firma ruiniert, wir wussten nicht mehr weiter und standen buchstäblich auf der Straße. Es war seine Schuld. Da hat er Schluss gemacht. Einige Bekannte der Familie fanden das feige, ich fand es konsequent". Er suchte meinen Blick. "Ein Sohn hat immer ein instinktives, gutes Verhältnis zur Mutter, den Vater dagegen beobachtet er, er misstraut und verehrt ihn, er misst

sich an ihm. Ich habe mein Leben lang über ihn nachgedacht."

"Ich kannte meinen Vater kaum", sagte ich. "Ich frage mich oft, wie unser Verhältnis wäre, wenn er noch leben würde. Hätten wir überhaupt viel Kontakt? Oder wären wir sogar befreundet? Ich würde gern mal mit ihm in einer Bar sitzen und mich mit ihm unterhalten, beide als Erwachsene. Es fehlt einfach alles. Gespräche, kleine Momente, Vater-Sohn-Dinge. Erst mit zwanzig ist mir aufgefallen, dass ich mich falsch rasiere. Ich stand mit meinem Mitbewohner im Bad. Unter dem Kinn immer aufwärts, hat er gesagt. Ich hab's nicht gewusst."

Ich setzte mich auf einen Stuhl neben Romanow. Er tätschelte meine Schulter. "Sie sind ein guter Mann, Jules. Ich bin sicher, Ihr Vater würde Sie mögen."

Ich wurde verlegen. "Wie kam es eigentlich, dass Sie in der Schweiz gelandet sind?"

"Wieso ich hier gelandet bin? Meine erste Frau kam von hier, ich mochte das Land auf Anhieb, außerdem wollte Alva nach so vielen Jahren im Ausland wieder zurück. Und ich ehrlich gesagt auch. Ich bin nach der Perestroika nach Russland gezogen, aber ich habe mich dort nie so heimisch gefühlt wie erhofft."

"Ich habe übrigens angefangen, Ihren Briefwechsel mit Nabokov zu lesen. Stimmt es, dass Sie ihn als kleiner Junge aufgesucht haben?"

Romanow lachte und strich sich das Haar aus der Stirn. Für einen Moment war er alterslos. "So klein war ich eigentlich nicht mehr. Ich war, glaube ich, sechzehn oder siebzehn und hatte gerade Lolita gelesen. Es war das erste Buch, das mich wirklich begeisterte, auch wenn ich sicher nur die Hälfte davon verstanden habe. Aber allein dieser spielerische Witz, diese sprachliche Brillanz. Ich musste ihn kennenlernen. Damals haben wir noch in Oregon gelebt, und eines Nachts bin ich abgehauen und mit einem Greyhound-Bus nach New York gefahren, um ihn an der Cornell University zu besuchen. Ausgerechnet an dem Tag hatte er aber keine Vorlesung. Ich sagte - mit extra starkem russischen Akzent -, ich sei ein Neffe von ihm, da haben sie mir seine Privatadresse gegeben. Ein paar Stunden später habe ich an seiner Haustür geklingelt. Er hat Augen gemacht, als er gehört hat, dass ich seinetwegen abgehauen bin. Wir haben meine Eltern angerufen, dann haben wir Tee getrunken und über Autoren und Tennisspieler geredet, die wir beide bewunderten. Ich habe ihm natürlich all meine Geschichten geschickt, später auch in die Schweiz. Er hat sie immer gelesen, obwohl er vierzig Jahre älter war."

Kurze Stille. "Was macht Alva, wenn sie nachts fort ist?", fragte ich. "Sie war jetzt mehrere Male verschwunden. Was tut sie da?"

"Ich weiß es nicht. Sie sagt es mir nicht, aber sie macht das schon, seit wir uns kennen. Ich hatte immer das Gefühl, ich sollte sie nicht darauf ansprechen. Ich glaube, sie möchte das nicht, und sie braucht diese nächtlichen Spaziergänge."

Ich nickte. "Alexander, darf ich Sie noch etwas fragen? Wieso haben Sie Alva geheiratet?"

"Wieso ich sie geheiratet habe?" Romanow wiederholte inzwischen oft die Fragen, die ich ihm stellte. Überhaupt häuften sich auf beunruhigende Weise die Momente, in denen er Dinge vergaß, unkonzentriert war oder seine Brille suchte. "Alva hat Ihnen sicher schon von dem Symposium erzählt und wie sie mich ansprach. Mir war da jedoch schon längst diese junge Frau aufgefallen, die immer den anderen den Weg erklärte und so beflissen war, in allem, was sie tat. Beflissen, ja, aber auch geheimnisvoll. Man spürte, dass sie einiges durchgemacht hatte". Stolz: "Und natürlich war sie bildhübsch. Manchmal erkennt man Menschen besser aus der Ferne, und sie wirkte wie jemand, der im selben Moment traurig, warmherzig und fröhlich sein konnte. Und sie las. Mein Gott, hat diese Frau gelesen, auf Treppen, auf Stühlen, am Boden, in jeder freien Minute hatte sie ein Buch auf dem Schoß."

"Und dann?", fragte ich leise.

Er überlegte. "Alva war sehr zurückhaltend. Wir sind einige Male essen gegangen, aber sie war fast schüchtern, anfangs hat sie kaum etwas gesagt. Normalerweise fühle ich mich in solchen Momenten verpflichtet, die Unterhaltung anzukurbeln, mich vielleicht auch ein wenig darzustellen. Aber in ihrer Gegenwart habe ich zum ersten Mal die Stille in mir genossen. Sie war wie eine kalte Hand auf einer heißen Stirn."

Später stand ich allein vor der Panoramascheibe im Wohnzimmer und beobachtete, wie es draußen dunkel wurde. Anfangs waren mir die Nächte im Chalet ein wenig unheimlich. Die lachenden afrikanischen Masken an den Wänden schienen auf gespenstische Weise lebendig zu werden, die Hirschköpfe und anderen Jagdtrophäen starrten den Betrachter an, und wenn man aus dem Fenster blickte, sah man oft nur einen unterweltlichen Dämmer über dem Tal, auf den später ein schwarzes Nichts folgte. Manchmal begegneten wir tagelang keinem anderen Menschen und bekamen das Gefühl, dass es nur noch uns hier oben gab. Es waren die Geräusche der Zivilisation, die einen dann wieder in die Wirklichkeit zurückholten: das Gluckern der Heizung oder das Pfeifen des Teekessels auf dem Herd. Es war ein monotoner, fast bizarrer Alltag, und bald wurde mir bewusst, dass wir hier gestrandet

waren und alle auf etwas warteten. Und als ich erkannte, was das war, erschrak ich.

*

An einem dieser Abende kam mir wieder diese eigenartige Szene in den Sinn, die ich seit meiner Jugend verdrängt hatte. Wir hatten in einem Programmkino einen Billy-Wilder-Film gesehen und waren in der Stadt noch etwas essen gegangen. Romanow, der sonst nur ungern unter Menschen ging, war ausnahmsweise mitgekommen. Auf der Fahrt zurück ins Chalet erzählte er uns, wie der Soziologe Max Weber sich mit seinem Vater gestritten hatte und dieser kurz darauf starb. Es hatte deshalb keine Aussöhnung mehr gegeben, und Weber war nach dem Tod seines Vaters ein nervliches Wrack geworden.

"Er musste seine Lehrtätigkeit aufgeben", sagte Romanow. "Er hat durch den Vorfall sogar seine Sprache verloren."

"Nur wegen dieses einen Streits?", fragte ich.

"Es gab sicher viele Gründe, aber er kam wohl einfach nicht damit zurecht, dass es keine Versöhnung mit seinem Vater gab. Es hat ihn von innen zerstört. Webers Frau hat es das böse Etwas genannt, das aus den bewusstlosen Untergründen des Lebens seine Krallen nach ihrem Mann ausgestreckt hatte."

Zurück im Chalet, als Romanow nach oben gegangen war, legte Alva das Album von Nick Drake auf. "Ich hab es nach unserem letzten Treffen in München sehr oft gehört", sagte sie. "Ich war mir damals sicher, dass wir uns nicht mehr wiedersehen würden". Sie saß auf einer Anrichte und klappte ihr Buch zu. Alva liebte es, an den unmöglichsten Orten im Haus zu sitzen.

"Manchmal höre ich dich oben mit Sascha reden und kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist. Mit dir zusammen zu sein und zu reden oder Musik zu hören war mal ein so wichtiger Teil meines Lebens, aber in den letzten Jahren habe ich oft gedacht, es wäre nur ein Traum gewesen. Als wäre es nie passiert. Und jetzt ist es plötzlich so, als wäre es gestern gewesen."

"Das ist, weil wir gerade die gleiche Musik wie damals hören. Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem gerade emotional nahe ist. An Weihnachten denkt man immer, das vergangene Weihnachten wäre erst vor kurzem gewesen, obwohl es zwölf Monate zurückliegt. Der eigentlich nähere Sommer von vor sechs Monaten liegt dagegen gefühlt viel ferner. Die Erinnerungen an Dinge, die emotional der Gegenwart ähnlich sind,

nehmen quasi eine Abkürzung. Hier "... Ich kritzelte es auf ein Blatt Papier und zeigte es ihr:

"Soso. Über so was denkst du also nach", sagte sie.

Ich griff nach Romanows Gehstock und ging damit einige Schritte durchs Zimmer. Alva kam zu mir und zog mir den Stock einfach weg.

"Läufst du jetzt auch schon damit herum?" Sie ließ ihre Finger über das polierte Mahagoni gleiten.

"Gib mir den Stock wieder. Ich brauche ihn."

Sie lachte. "Nein."

Ein leises Donnergrummeln. In den Bergen zog ein Gewitter auf, immer wieder zuckten Blitze über den Gipfeln und erhellten die Nacht. Umso behaglicher war es, drinnen und geschützt zu sein, während der Wind über die Bäume pfiff und an den Ästen zerrte.

Alva kam näher. "Wieso hast du damals wirklich aufgehört zu fotografieren?"

"Ich hatte immer das Gefühl, meinem Vater nahe zu sein, wenn ich fotografiere. Aber dann ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt". Mir wurde heiß im Gesicht. "Aber vor allem hab ich angefangen, weil ich mich wohl einfach ..."

Sie machte noch einen Schritt auf mich zu. "Einfach was?"

Eine vergessen geglaubte Szene tauchte vor meinen Augen auf: ein Taxi, das sich im nächtlichen Laternenlicht von mir fortbewegte und um eine Ecke bog. Ich wollte ihm noch etwas hinterherschreien, etwas Wichtiges, doch ich konnte nicht ...

Benommen sah ich zu Alva. Sollte ich ihr sagen, was ich nur ahnte und mir selbst kaum eingestand? Dass ich aufgrund von unbewussten Schuldgefühlen meine besten Jahre vergeudet hatte, in ein falsches Studium gestolpert war und wieder zur Kamera griff? Dass ich mir all die Jahre das Schreiben versagt hatte, obwohl ich es liebte?

"Ich erzähl es dir ein andermal."

"Ein andermal, ein andermal", sagte Alva ziemlich hinreißend, und ohne darüber nachzudenken landete meine Hand auf ihrem Ellenbogen. Die Hand entwickelte ein Eigenleben, krabbelte vorsichtig an ihrem Arm hoch und erreichte ihre Wange. Ein weiterer Halbschritt in ihre Richtung, mein Kinn stieß fast an ihre Stirn. Ich blickte zu ihr hinunter, sie zu mir hoch, für einen Moment unsicher. Sie griff nach meiner Hand. Doch im selben Moment trat sie einen Schritt zurück, pikste mich mit dem Gehstock in den Bauch und sagte mir gute Nacht.

*

Noch ahnte ich nicht, wie rasch sich Romanows Zustand verschlechtern würde, nicht mal, als er binnen kurzer Zeit zweimal die Wanne überlaufen ließ, weil er vergessen hatte, dass er baden wollte. Er war ein Meister darin, seine wirkliche Verfassung zu verbergen. Ein Haus, dessen Außenfassade noch intakt war, während drinnen alles zusammenbrach.

Ich begleitete ihn in den Keller des Chalets, wo man die Heizung regulieren und Wäsche waschen konnte. Unten schlug mir ein intensiver Geruch entgegen, nach Putzmitteln, alten Zeitungen und feuchtem Gemäuer. In einem isolierten Bereich standen ein Weinregal und ein Waffenschrank. Romanow holte die verschiedenen Gewehre heraus und erklärte sie mir. Es gab Klein- und Großkaliber, Zimmerstutzen, Vorderlader und eine Bockdoppelflinte.

"Früher habe ich viel gejagt", sagte er. "Aber jetzt schon seit Jahren nicht mehr. Mein Vater hat es mir beigebracht, da war ich ein kleiner Junge, vielleicht neun. Er war ein hervorragender Jäger."

Romanow sah meinen Blick und nickte. "Damit hat er es getan. Eine Browning, sein Lieblingsgewehr. Mein Vater war ein Mann, der loslassen konnte. Sein Tod war schrecklich für uns, aber für diesen Mut habe ich ihn immer bewundert, heute vielleicht mehr denn je."

Seine Fingerkuppen berührten den Gewehrlauf. "Hör zu", mich auf einmal duzend, "vor zwei Jahren hatte ich Krebs, ich habe dem Tod guten Tag gesagt. Er meinte, ich hätte nur noch wenig Zeit. Seitdem muss ich schreiben. Ich weiß, dass meine Frau darunter leidet. Sie ist hier oben abgeschnitten von der Außenwelt, ich sage ihr immer, sie solle sich eine Wohnung in der Stadt nehmen, aber sie will bei mir bleiben. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr der Mann bin, in den sie sich verliebt hat. Aber ich kann nicht anders. Ich hatte gehofft, dass sie in dir einen Kameraden hat, mit dem sie reden und Zeit verbringen kann. Es bedeutet mir viel, dass Alva nicht so zurückgezogen und allein ist. Du bist ein Freund von uns, und ich weiß das zu schätzen."

Er legte mir die Hand auf die Schulter und sah mir ins Gesicht. Dann wandte er sich abrupt ab.

"Aber wehe, du bumst sie."

Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen. Instinktiv wich ich einen halben Schritt zurück. "Ich wollte nicht ..."

"Ich bin kein Narr", Romanow sah mich immer noch nicht an, "Zukunft ist etwas, was ich euch jungen Leuten überlasse. Aber solange ich lebe,

möchte ich nicht, dass sie mich betrügt. Vor ein paar Jahren hätte ich noch selbst dafür gesorgt, ich weiß, wie man eine Frau an sich bindet. Aber jetzt ... Versprechen Sie mir, dass Sie sie nicht anrühren."

Ich schwieg und betrachtete erst die Schusswaffen, dann ihn.

"Versprechen Sie es mir, Jules!"

Romanow sah mich wieder an, sein Blick hatte kurz etwas Lauerndes, und seine sonst so freundlichen Augen fixierten mich unerbittlich.

*

Im Juni war ich seit fünf Monaten in den Bergen. Um meine Ersparnisse nicht aufzubrauchen, ließ ich durch Liz meine Wohnung in Berlin untervermieten. Doch wie weit weg ist das alles, dachte ich, als ich mit Alva zu dem kleinen, eiskalten Bergsee fuhr. Zitternd stiegen wir aus dem Wasser und legten uns auf die Handtücher, um uns von der Sonne trocknen zu lassen. Es roch nach Gras, der Himmel war wolkenlos blau. Eine Weile schauten wir einem Paragleiter zu, der in der Ferne ins Tal hinabsegelte. Ich auf dem Rücken, Alva auf dem Bauch liegend. Sie winkelte immer wieder ihre Beine an und stieß dabei jedes Mal absichtlich mit den Zehen gegen mein linkes Schienbein.

"Macht dir das Spaß?", fragte ich.

"Ein bisschen ... Hast du eigentlich inzwischen Das Herz ist ein einsamer Jäger gelesen?"

"Ja, schon während der Schulzeit. Es hat mich wirklich bewegt, ich hatte dir damals sogar einen Brief geschrieben."

"Komisch", sagte sie, "ich habe nie einen Brief von dir bekommen."

"Ich fand ihn zu kitschig und hab ihn dir dann doch nicht gegeben."

"Hast du ihn noch?"

"Nein."

"Du lügst, Jules, ich wette, du hast den Brief noch."

Ein Zitronenfalter flog über das Gras und verharrte direkt vor mir.

"Ich möchte etwas von dir lesen", sagte Alva.

"Ich bin noch nicht so weit."

"Was macht ihr beide überhaupt die ganze Zeit? Ich höre euch dauernd reden."

"Wir reden meistens über dich."

Wieder trafen ihre Zehen auf mein Schienbein, diesmal war es eine leichte Mahnung.

"Wie läuft es bei Sascha?"

"Schwer zu sagen". Ich überlegte, wie ich es formulieren konnte. "Ist dir aufgefallen, wie zerstreut er in letzter Zeit ist? Ich hab das Gefühl, es geht ihm schlechter als noch vor ein paar Wochen."

"Ich weiß", sagte Alva tonlos, wie von ganz weit weg.

"Und was bedeutet das?"

Sie schwieg. Es war die Frage, auf die niemand von uns dreien eine Antwort wusste.

Während ich selbst gut vorankam und an zwei Novellen arbeitete, lief es bei Romanow nur noch schleppend. Ab und zu las er mir ein paar Sätze vor oder fragte mich sogar nach meiner Meinung. Doch manchmal sah er auch nur zu, wie ich schrieb. "Klack, klack, klack", sagte er dann wieder, mal belustigt, mal deprimiert. Es war unwichtig, dass er der Bessere war: Er würde nie mehr so enthusiastisch drauflosschreiben können wie ich.

"Schauen wir nachher einen Film an?", fragte Alva.

"Nur, wenn du nicht weinst."

"Ich weine bestimmt nicht."

Das sagte sie jedes Mal. Und dann weinte sie doch. Melodramatische Szenen trieben ihr zuverlässig die Tränen in die Augen, selbst die klischeehaftesten Wendungen rührten sie ungemein, etwa wenn ein Paar doch noch zusammenfand oder wenn ein alter, verletzter Footballspieler das Match im letzten Moment triumphal herumriss. Sie schämte sich dafür, und ich liebte es, sie damit aufzuziehen.

"Achtung, jetzt küssen sie sich gleich", sagte ich dann. "Willst du lieber wegsehen?"

Was ich inzwischen jedoch am meisten an Alva schätzte, war ihre Behutsamkeit. Es war, als wäre das Wort für sie erfunden worden. Sie war behutsam beim Umtopfen einer Pflanze, beim Formulieren eines Gedankens, wenn sie ihrem Mann zärtlich über den Nacken strich, beim Schreiben eines Briefs oder beim Decken des Tischs, wo sie Besteck, Teller und Gläser stets exakt platzierte. Als wolle sie nichts mehr dem Zufall überlassen.

Am frühen Abend suchte ich mit meinen Notizen Romanows Arbeitszimmer auf. Schon von weitem hörte ich Musik. Ich spähte durch die angelehnte Tür. Romanow saß am Klavier, Alva auf einem Stuhl neben ihm. Er flüsterte ihr etwas zu, was sie zum Lachen brachte. Sie küssten sich, nicht sehr leidenschaftlich, dann spielte Romanow wieder. Seine Finger tänzelten elegant über die Tasten, doch mit einem Mal verspielte er sich. Er versuchte immer wieder, den Anschluss an die

Melodie zu finden, vergeblich. Die Noten fielen ihm einfach nicht mehr ein. Schließlich schloss er den Deckel des Klaviers. Alva sagte etwas auf Russisch, dann lehnte sie ihren Kopf an seine Brust, und Romanow streichelte ihr durchs Haar. Sein gesenkter Blick ließ mich nicht mehr los.

In jener Nacht verschwand Alva wieder für einige Stunden und kehrte erst am frühen Morgen ins Chalet zurück.

*

Ich war unsicher, wie meine Geschwister mit Alva zurechtkommen würden, doch schon am Bahnhof begrüßten sie sie mit einer Umarmung. Liz und Marty wollten übers Wochenende bleiben, gemeinsam fuhren wir zum Bergdorf hinauf. Alva steuerte den Wagen fast übervorsichtig die Serpentinen entlang, und ich musste daran denken, wie sie als Jugendliche gefahren war.

"Es ist hier ja wie im Auenland, nur ohne Hobbits". Marty betrachtete fasziniert die goldgeäderten Wolken am Abendhimmel. Er hatte seit kurzem Bandscheibenprobleme und saß etwas steif auf dem Beifahrersitz.

"Wir holen hier sogar Milch vom Bauern", sagte Alva. "Wir haben einen Zwei-Liter-Kessel und tragen die schäumende Milch zu uns nach Hause."

"Du willst damit sagen, dass ich die Milch trage", warf ich ein.

"Und ich bekoche dich hier schon seit Monaten."

"Ich finde es so schade, dass Jules nicht mehr kocht", sagte mein Bruder. "Als er klein war, stand er immer in der Küche. Manchmal hat er sogar unsere Eltern rausgeworfen, weil sie ihm reingeredet haben."

"Das wusste ich gar nicht", sagte Alva. "Ich habe ihn neulich mal gefragt, ob er auch mal kochen will, und er hat gesagt, das könne er nicht."

Statt einer Antwort blickte ich zu meinen Geschwistern. "Alvas Mann freut sich sehr, dass ihr kommt."

"Ich habe ihn gegoogelt", sagte Marty. "Amerika, Niederlande, Russland, Schweiz. Er hat ein bewegtes Leben gehabt. Wie alt ist er jetzt?"

"Siebenundsechzig."

Martys Blick wanderte von mir zu Alva. Sie saß am Steuer und wusste, dass alle im Wagen das Gleiche dachten, doch es machte ihr nichts aus.

"Ich finde das toll", sagte meine Schwester. "Als ich ein Teenager war, wollte ich immer einen viel älteren Mann."

"Gott, ich weiß", sagte Marty. "Du hattest damals ein paar Monate lang

einen sechsunddreißigjährigen Freund, und dein seltsamer Verlobter war auch fast zwanzig Jahre älter. Außerdem hat er nie mit uns gesprochen."

"Mein Bruder kann nicht mitreden", sagte Liz zu Alva. "Er ist seit hundert Jahren mit derselben Frau zusammen. Die Einzige, die ihn je genommen hat."

Marty küsste seinen Ehering und machte ein überlegenes Gesicht.

Mit einem satten Knirschen hielt der Wagen auf dem kiesbedeckten Parkplatz. Romanow beobachtete uns vom Balkon aus wie ein Jäger das Wild von seinem Hochsitz. Zwar begrüßte er meine Geschwister ausgesprochen freundlich, verschwand dann aber bis zum Abendessen in den zweiten Stock, ohne sich noch einmal blicken zu lassen.

"Er ist Besuch einfach nicht mehr gewohnt". Alva stand in der Küche und schnitt eine Zwiebel. "Wieso hast du eigentlich nie gesagt, dass du gern kochst? Es war schön, mal von dir zum Essen eingeladen zu werden."

"Wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären, hätte ich schon mal für dich gekocht."

"Ach ja. Wann?"

"Am Ende der Schulzeit. Ich hatte dich gefragt, ob du mit mir in München eine Wohnung teilen willst, wir wollten es am Abend bei einem Essen besprechen. Ich hatte schon alles eingekauft, ich dachte, wenn du meine Farfalle mit Ragout isst, vergisst du deine Auswanderungspläne."

Sie lächelte. "Ach, stimmt, ich erinnere mich. Wieso ist das Essen dann noch mal nicht zustande gekommen?"

Ich blickte sie fassungslos an, und auf einmal verschwand ihr Lächeln, und es wurde still in der Küche. Wieder bekam ihre Stirn diese Furchen. Sie rührte schweigend und sichtbar angespannt in dem Topf mit dem Risotto. Schließlich legte sie den Kochlöffel weg. "Es tut mir leid."

"Ist doch egal."

"Kochst du noch einmal für mich?"

Ich musterte sie einen Moment. Dann nickte ich.

Beim Abendessen saß Romanow wie versteinert auf seinem Stuhl am Tischende und wusste nicht mit dem seltenen Besuch umzugehen. Er trug ein schwarzes Hemd und ein graues Jackett, äußerlich noch immer tadellos. Aber im Gegensatz zu dem Tag, an dem ich ihn kennengelernt hatte, schwieg er die meiste Zeit.

Marty erzählte von seiner Habilitation und dass Elena eine

psychotherapeutische Praxis in München eröffnen würde. Liz dagegen sprach kaum mehr von ihrem Beruf oder ihrem Alltag. Sie wirkte unruhig, als warte sie nur darauf auszubrechen. Das wilde Tier in meiner Schwester, das die letzten Jahre zufrieden gedöst hatte, regte sich wieder.

Es leckte seine Tatzen und begann, in seinem Käfig auf und ab zu gehen.

Als wir später im Wohnzimmer saßen, lebte Romanow allmählich auf. Ich weiß nicht mehr, was er zu Beginn erzählte, nur noch, wie er von seiner ersten Frau sprach, der Tochter eines schwerreichen Zürcher Industriellen. Er hatte die Veröffentlichung seines Romans Die Unberührbarkeit der Seele in der ›Kronenhalle‹ gefeiert und sie dort an der Bar kennengelernt.

"Sie starb leider viel zu früh", sagte er. "Ich dachte immer, es wäre das Unglück meines Lebens gewesen. Ich ging nach Russland, bereit, mich zurückzuziehen. Dann wurde ich vom lieben Gott noch einmal beschenkt."

Romanow hob das Glas, um auf Alva anzustoßen. Ich wusste, dass er es mit dem lieben Gott ernst meinte, er hielt mir oft Vorträge, dass nur Narren nicht glauben würden.

Er schenkte sich noch einmal Wein nach und kam ins Erzählen, sprang von Anekdote zu Anekdote, glaubte, uns zu unterhalten, aber an diesem Abend erkannte ich, dass nicht er die Geschichten im Griff hatte, sondern die Geschichten ihn. Sein Gehirn schien unentwegt zu arbeiten und riss alle möglichen Schubladen auf. Ich sah, dass es Alva schmerzte, auch wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Dann hielt Romanow mitten im Satz inne und musterte meine Geschwister. Seine Augen verrieten Unsicherheit, er schien für einen Moment nicht mehr zu wissen, wen er da eigentlich vor sich hatte. Eine unheimliche Pause. Schließlich lächelte er und fragte Liz und Marty erstaunlich souverän, ob sie das erste Mal in der Gegend seien und wie es ihnen hier gefalle. Allgemeine Fragen, die er jedem Fremden hätte stellen können und die ich inzwischen als Teil seiner Tarnung erkannte. Kurz darauf brachte Alva ihn nach oben.

Im Wohnzimmer breitete sich eine befangene Stille aus. Marty runzelte die Stirn, sagte aber erst mal nichts.

Liz zündete sich eine Zigarette an. "Er hat etwas". Sie überlegte. "Er muss einmal wahnsinnig gut ausgesehen haben."

"Er wirkt ein wenig "..., Marty zögerte, "verwirrt. Nicht den ganzen

Abend, aber es blitzt immer wieder auf. Wie geht Alva damit um?"

"Es nimmt sie mit. Aber sie will mit mir nicht drüber reden, sie hat mir nicht mal gesagt, was er genau hat. Ich nehme an, Alzheimer, aber ich bin nicht sicher."

"Und wie gehst du damit um?" Liz sah mich an. "Wir machen uns langsam Sorgen, was du hier eigentlich treibst. Ich meine, wie läuft es mit Alva, seid ihr ..."

Ich schüttelte den Kopf.

Liz rollte die Augen. "Mein lieber Jules, du bist im Herzen wirklich einer der romantischsten Menschen, die ich kenne. Und es ist bestimmt nicht leicht mit ihrem Mann", sie tippte eine Aschesäule von ihrer Zigarette, "aber verdammt, wie lange bist du jetzt schon hier oben? Ein paar Monate}"

Ein Knarzen auf der Treppe. Alva kam wieder, sie nahm ein Glas Wein und nickte uns zu. "Es ist schön, dass du Geschwister hast", sagte sie zu mir.

"Es ist schön, dass mein kleiner Bruder eine Frau hat", sagte Liz.

Ich warf ihr einen bösen Blick zu und ärgerte mich im selben Moment darüber, denn dadurch war mir entgangen, was für ein Gesicht Alva gemacht hatte.

Es war eine der ersten milden Sommernächte, wir setzten uns raus auf die Veranda. Marty legte sich wegen seiner Bandscheibenprobleme auf den Boden. Das Tal vor uns war in Dunkelheit gehüllt, auf der gegenüberliegenden Bergseite machte jemand ein großes Lagerfeuer.

"Schade, dass Toni nicht mitkommen konnte", sagte ich und sah dabei zu meiner Schwester. "Hast du ihm mit deinem neuen Freund schon das Herz gebrochen, oder kommt das erst noch?"

"Ich glaube, wir sind gerade dabei". Liz machte eine entschuldigende Geste.

Mein Bruder wandte sich zu Alva. "Weißt du, wir sind die einsamsten Geschwister der Welt", sagte er, auf dem Rücken liegend. "Wir teilen uns zu dritt einen einzigen besten Freund. Best-friend-sharing nenne ich das manchmal, da könnte man fast eine Agentur gründen, die Toni an Leute wie uns vermietet. Gegen eine monatliche Gebühr könnte er sich auch mit dir befreunden."

"Ihr habt wenigstens immer jemanden gehabt", sagte Alva. "Meinen besten Freund hatte ich fast fünfzehn Jahre lang verloren."

Meinen Blick ließ sie unbeantwortet.

Ich war froh, dass meine Geschwister sich so gut mit Alva verstanden und sie zu mögen schienen. Als Liz fragte, ob Alva selbst Geschwister habe, verstummte sie kurz, aber nach einem kleinen Zögern erzählte sie von Phine, die vielleicht noch irgendwo lebte oder längst tot war, und zu meiner Erleichterung schien es sie zu befreien, darüber zu reden.

Das sanfte Grau der Dämmerung wurde heller. Mir fielen nicht viele Gelegenheiten ein, bei denen ich den Sonnenaufgang mit jemandem geteilt hatte. Ein paarmal auf dem Internat, dann mit Liz und Marty in Montpellier. Es war, als käme im morgendlichen Dämmerlicht das wahre Wesen der Menschen zutage, als gäbe es kein Verstellen mehr. Und so saßen wir hier zu viert, redeten und sahen zu, wie das erste Sonnenlicht auf die Bergspitzen traf.

*

Als Marty und Liz weg waren, fühlte sich das Chalet auf einmal leer und zu groß an. Wussten wir anfangs nicht mit dem Lärm umzugehen, den meine Geschwister mitgebracht hatten, war es nun die Stille, die sie hinterließen. Noch immer konnte Romanow mit klarem Verstand reden, aber es kam vor, dass er nicht mehr in der Lage war, abstrakt über große Zusammenhänge zu sprechen, sondern sich stattdessen minutenlang in Details verrannte. Außerdem verlegte er zunehmend seine Sachen. Manchmal fand ich ein paar Bücher im Badschrank oder eine Teetasse im Schuhfach vor der Garderobe.

Eines Abends saß ich mit Alva im Wohnzimmer, wir spielten Scrabble. Der Raum wurde nur von einer blakenden Kerze und einer kleinen Lampe erhellt. Draußen regnete es leise, dazwischen immer wieder das Gebimmel von Kuhglocken. Alva saß im Schneidersitz auf dem Sessel. Sie wollte gerade ein Wort legen, da hörten wir oben Romanows Schritte.

Plötzlich knallte sie die Buchstaben, die sie in der Hand hielt, aufs Brett.

"ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS!", schrie sie. "Ich kann so nicht mehr weitermachen. Er wird wahnsinnig, Jules". Sie stand auf. "Er ist überhaupt nicht mehr der Mann, den ich kennengelernt habe. Manchmal habe ich das Gefühl, mit einem Fremden zusammenzuleben."

Ihre Mundlinie zuckte. "Jeden Tag verliert er ein bisschen mehr von sich selbst. Jeden Tag vergisst er mehr von mir. Hin und wieder wirkt er dann wieder völlig normal, aber ich weiß, dass er innerlich verschwindet."

"Kannst du mit ihm denn nicht drüber reden? Ihm helfen?"

"Sascha will es nicht. Außerdem gibt es sowieso keine Hilfe". Sie ließ diese Worte ihre Wirkung entfalten.

Dann seufzte sie. "Ich brauch was zu trinken."

Sie holte eine Flasche Scotch aus der Speisekammer. Wir leerten einige Gläser, ohne davon richtig betrunken zu werden. Benommen saßen wir auf der Küchenablage, direkt neben dem Kühlschrank.

"Wie ist das eigentlich passiert?" Ich deutete auf die feinen Narben unter Alvas Ohr.

"Es war in meinen ersten Jahren in Russland, lange bevor ich Sascha traf". Sie sprach leise und nicht in meine Richtung. "Damals habe ich noch in Moskau gelebt, und mein Leben hatte etwas von einem Alptraum. Ich war dort völlig fremd und habe die falschen Leute getroffen. Ich habe mich immer weiter treiben lassen und Dinge gemacht, die man nicht tun sollte."

"Was für Dinge?"

"Ich möchte nicht genauer werden". Sie winkte ab. "Ist eh lange her. Am Ende habe ich einen Schlussstrich gezogen. Mein Vater hat mir Geld gegeben, und ich bin nach St. Petersburg gegangen."

Alva redete nur selten über ihre Jahre in Moskau, und manchmal kam es mir so vor, als wäre damals etwas in ihr kaputtgegangen oder ein Teil von ihr in dieser Dunkelheit zurückgeblieben. Ich wünschte, ich wäre da gewesen und hätte es verhindern können.

"Was tust du, wenn du nachts spazieren gehst?"

"Nichts. Ich gehe einfach nur, ich mag es, um diese Zeit allein zu sein und mich all dem zu stellen, worüber ich sonst nie nachdenken will". Sie blickte mich an, und dann sagte sie: "Ich fing damit an, weil ich mir sicher war, dass ich eines Nachts nicht mehr von einem Spaziergang zurückkommen würde. Dass ich einfach verschwinde. Das war jedes Mal ein Gefühl grenzenloser Freiheit."

"Wolltest du dich umbringen}"

"Das hab ich nicht gesagt. Und bis jetzt bin ich ja auch immer zurückgekommen". Etwas versöhnlicher: "Manchmal glaube ich, dass ich es nur noch aus reiner Gewohnheit mache. Es ist ein bisschen seltsam, ich weiß."

Sie trank ihr Glas in einem Zug leer. Dann sah sie mich mit verloren wirkenden Augen an. "Jules, ich will, dass du gehst. Am besten schon morgen."

Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte.

Erst jetzt spürte ich die Wucht des Alkohols, fühlte mich gelähmt, müde. Nicht fähig, angemessen zu reagieren oder ihren Blick zu

erwidern.

"Ich möchte so nicht weitermachen mit dir", hörte ich sie sagen. "Ich weiß, was Sascha bevorsteht, es lässt sich nicht mehr leugnen, und ich möchte dich nicht mit hineinziehen. Du solltest uns jetzt besser verlassen. Das ist mein Mann, der hier zugrunde geht, das ist meine Aufgabe."

Ich saß noch immer da wie betäubt. Stellte mir vor, wie ich am Morgen mit meiner Tasche das Chalet verließ. Wie ich Alva und ihren Mann zurückließ und wie so oft in meinem Leben einer nutzlosen Freiheit entgegenging.

Das ist mein Mann, der hier zugrunde geht.

Plötzlich hörte ich aus allem, was sie gesagt hatte, den Refrain ihrer Jugend heraus, ein leises: "Ich bin nicht gut genug."

Ich hatte wieder die elfjährige Alva vor Augen, die mich schüchtern in meinem Internatszimmer besuchte und meine Sachen inspizierte. Dann die unerreichbare Neunzehnjährige, die sich so sehr selbst hasste, dass für mich kein Platz gewesen war. Die Fünfundzwanzigjährige, die ich nie kennengelernt hatte, gerade frischverliebt und wohl glücklich. Die sanfte, verheiratete Dreißigjährige, die mich in München zum Zug brachte. Und jetzt saß sie hier neben mir, Jahre später, mit ihren Wunden und Ängsten und nicht in der Lage, die richtige Entscheidung zu treffen.

Der Kühlschrank summte vor sich hin, draußen prasselnder Regen. Mein Atem ging schneller, als ich meine Hand auf Alvas Wange legte und ihren Kopf zu mir drehte. Sie zuckte kurz zusammen, ihr ganzer Körper spannte sich.

Sie schien etwas sagen zu wollen, ich hörte das feine Geräusch, mit dem sich ihre Zunge vom Gaumen löste. In diesem Moment küsste ich sie auf den Mund. Ich konnte ihre Überraschung fühlen, auch ihr Zögern. Dann erwiderte sie den Kuss.

*

Am nächsten Morgen erwachte ich kurz nach sechs in meinem Zimmer. Ich zog die Laufschuhe an und trat ins Freie. Regentropfen fielen von den Blättern der Bäume, Nebelschwaden überzogen die Landschaft, und im Tal verdichtete sich milchiger Dunst. Ein Bild wie aus einer Sage. Doch nun kam langsam die Sonne hervor. Für einen Moment fühlte ich mich wieder wie zwanzig, dann lief ich los.

Anfangs bemerkte Romanow nichts von der Veränderung, die sich vor seiner Nase abspielte. Zu sehr war er mit sich selbst und seinem verwehenden Geist beschäftigt. Alva schlief nach wie vor in ihrem Bett,

und in seiner Nähe vermieden wir jede Form von Zärtlichkeit.

"Jules, Sie scheinen glücklich zu sein", sagte er jedoch eines Tages von seinem Schreibtisch aus. "Die ganze Woche tippen Sie schon still und vergnügt vor sich hin. Woran schreiben Sie gerade?"

"Noch immer an den beiden Novellen. Die erste handelt von einem verheirateten Mann, der die Kontrolle über seine Träume verliert. Er träumt nicht mehr jede Nacht etwas anderes, sondern kontinuierlich das Gleiche. Von einem anderen Leben, anderen Menschen, einem anderen Beruf und einer anderen Frau, die er ebenfalls liebt. Bald sind beide Realitäten gleich stark. Als die Frau aus seinem Traum stirbt, hat das auch große Auswirkungen auf die Wirklichkeit."

Ich hatte der Novelle den Titel Ein anderes Leben gegeben, sie spielte während des Ersten Weltkriegs. Der Protagonist wurde schließlich einberufen, während er in seinen Träumen in Frieden auf dem Land lebte.

Romanow griff nach seinem Stock und trat an meinen Schreibtisch, die Brille auf der Nase. Er las einige Zeilen. Als er fertig war, ließ er seine Hand auf meiner Schulter ruhen, was mir wie ein Kompliment oder eine Aufmunterung vorkam. Ich schilderte ihm auch die zweite Novelle. Sie erinnerte ein wenig an den Seltsamen Fall des Benjamin Button von Fitzgerald, in der ein Mensch rückwärts alterte, und handelte von einem Mann, mit dem die Zeit schneller verging. Wenn man ein paar Minuten mit ihm redete, war in Wirklichkeit bereits eine halbe Stunde vergangen. Wenn eine Frau mit ihm ausging und es für sie genau drei Stunden dauerte, waren bereits sieben vorbei, manchmal auch zwölf. Der Mann blieb sein Leben lang einsam. Die Leute mieden ihn, sobald sie sein Geheimnis herausbekamen, und er war auf der Suche nach einem Menschen, der es dennoch in Kauf nahm, an seiner Seite alt zu werden, da einige Jahre und die Erinnerungen mit ihm kostbarer waren als ein ganzes Leben ohne ihn.

An diesem Tag war ich erfüllt von Zuversicht, ich holte die Milch, spülte ab und übernahm das Wäschewaschen. Pfeifend öffnete ich am frühen Abend die Kellertür und erschrak. Romanow stand allein in der Mitte des Raums und redete unruhig vor sich hin. Als er mich bemerkte, wurde er stumm und musterte mich.

"Wie spät ist es?", fragte er.

"Viertel vor sieben."

Diese Information schien ihn mehr zu verwirren als zu beruhigen.

"Viertel vor sieben Uhr abends", ergänzte ich.

"Und was tue ich hier?"

Mein Blick fiel auf den Waffenschrank. "Sie haben die Heizung aufgedreht. Es ist zu kalt im Haus."

Romanow schien darüber nachzudenken. Dann nickte er. "Richtig, das war's". Er warf mir einen freundlichen Blick zu und ging zum Thermostat.

Ein paar Tage arbeitete ich noch an den beiden Texten, dann gab ich sie Alva zu lesen. Sie waren für Novellen recht lang und noch nicht ganz fertig. Doch es waren ohnehin nicht die Geschichten, die wichtig waren, es war der Blick in mein Innerstes. Es gab Dinge, die ich nicht sagen, sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.

Wir lagen auf meinem Bett. Alva biss in einen Apfel und überflog die Zeilen. Gespannt sah ich zu. Einmal musste sie beim Lesen lachen, und da fühlte ich mich wie auf einer nächtlichen Straße, auf der schlagartig alle Laternen angegangen waren. Irgendwann schlief ich ein. Mitten in der Nacht kam ich kurz zu mir, da las Alva noch immer neben mir, sie schien mitgenommen und sagte, der Text würde ihr sehr nahe gehen. Ich sah noch, wie sie nach ihrer Wasserflasche griff und trank, dann schloss ich die Augen.

Stunden später wachte ich erneut auf. Obwohl es draußen schon hell war, konnte es erst früher Morgen sein.

"Na endlich!" Alva saß in Unterwäsche auf meinem Schoß und ließ ihre Finger um meinen Bauchnabel kreisen. Ihre roten Haare waren zu einem Zopf gebunden, sie trug keine Brille. Ich muss sie fragend angesehen haben, denn sie deutete auf die beiden Geschichten, die mit deutlichen Lesespuren und in einem unordentlichen Stapel auf dem Nachttisch lagen. Und dann, kurz bevor sie sich auf mich stürzte, sagte sie fünf magische Worte, und ich habe sie immer noch im Ohr.

"Jules, das ist richtig gut."

*

Am Nachmittag saß ich im Arbeitszimmer. Romanow machte nicht einmal mehr den Versuch zu schreiben, sondern starrte mich die ganze Zeit an.

"Ist alles in Ordnung?", fragte ich.

Er nickte geistesabwesend und stand auf. Dann fasste er sich plötzlich an die Brust. "Es sticht", sagte er mit brüchiger Stimme.

Aufs Schlimmste gefasst, rannte ich zu ihm hin. Ein fester Griff, und auf einmal war mein Kopf unter Romanows Arm eingeklemmt, ohne dass ich wusste, wie mir geschah. Er rammte meinen Schädel gegen den

Schreibtisch und schlug ihn ein weiteres Mal auf die Tastatur der Olivetti. Endlich konnte ich mich aus der Umklammerung befreien, da traf mich seine Hand im Gesicht. Danach setzte er sich schnaufend auf den Stuhl.

Ich war über den Angriff so erschrocken, dass ich mich ebenfalls auf meinen Platz setzte. In meinem Kopf hämmerte es. In meinem Mund der metallische Geschmack von Blut.

"Glauben Sie, ich merke es nicht, wenn jemand meine Frau fickt?", hörte ich ihn sagen. "Ich bin alt, aber nicht blind. Was denken Sie, wer Sie sind? Casanova, ein Meisterverführer? Alte Menschen schlafen schlecht. Ich bin jeden Morgen um fünf Uhr wach, und seit ich mit Alva hier lebe, habe ich sie um diese Uhrzeit besucht und sie dabei betrachtet, wie sie schlafend in ihrem Bett liegt. Diese Nacht nicht. Und sie war auch nicht auf einem ihrer Spaziergänge. Sie war bei Ihnen."

Ich tastete mit der Zunge nach Verletzungen an meiner Lippe und schwieg.

"Ich habe Sie gebeten, sie bis zu meinem Tod nicht anzurühren. Es war eine Bitte."

"Es war eine Drohung."

Romanows Kiefer mahlten. "Sie haben den sterbenden Bettler beklaut, Sie konnten nicht einmal warten, bis er tot ist ..."

Er redete auf Russisch vor sich hin, die Worte klangen bitter. Ich konnte mir denken, was er sagte. Es war wie bei einer auf den Kopf gestellten Sanduhr, bei der - ohne dass er es verhindern konnte - in jeder Sekunde mehr Körner von seiner Kammer in meine herabfielen.

Ich ging langsam auf ihn zu. "Seit ich elf bin, ist Alva der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich konnte sie nicht "... Instinktiv beschloss ich, ihm nicht zu erzählen, dass Alva mich hatte fortschicken wollen. "Es tut mir leid, Alexander", sagte ich nur. "Es tut mir so leid. Aber es geht nicht nur um Sie und mich, es geht auch um Alva. Darum, was sie will."

Romanow antwortete nicht, sein Blick glitt über mich hinweg. Schließlich deutete er auf meinen Schreibtisch. "Ich möchte Ihre beiden Geschichten lesen."

"Sie haben noch nie etwas von mir gelesen. Vielleicht mögen Sie meinen Ton nicht, vielleicht gefällt es Ihnen nicht."

"Sie schlafen mit einer Frau, die Sie lieben", sagte er matt. "Alles, was Sie jetzt schreiben, ist entweder fürchterlich oder sehr gut."

*

Zwischen Romanow und Alva hatte es eine längere Auseinandersetzung gegeben, ich hatte Alvas energisch werdende Stimme gehört. Ohnehin schien sie kaum noch mit seinem schleichenden Verfall umgehen zu können. Sie schlief schlecht und schleppte sich mit umschatteten Augen durchs Haus. Ich wünschte, ich hätte etwas für sie tun können, irgendwas. Es war, als fürchtete sie sich jeden Tag mehr vor einer klaren Entscheidung, gleichzeitig sehnte sie sie herbei.

Tiefhängender Nebel in den Baumwipfeln, der Himmel über den Bergen grau. Bereits Ende Oktober fiel der erste Schnee, was uns noch stärker ans Haus band. Zwar lief ich noch jeden Morgen meine Runde, aber die eisige Luft schnitt mir ins Gesicht, und die Kälte wand sich in meine Knochen.

Romanow hatte mich wissen lassen, dass er die beiden Geschichten mochte, danach hatte er sich nie wieder dazu geäußert. Stattdessen tippte er weiter langsam, aber unermüdlich auf seiner Schreibmaschine. Es schien mir, als wolle er sich mit seinem endlosen Getippe ständig bei uns in Erinnerung rufen.

Einmal liebten wir uns in meinem Zimmer, als wir wieder die mahnenden Klagelaute der Schreibmaschine hörten. Wir versuchten es zu ignorieren, doch das Klacken hörte nicht auf, und schließlich stieß Alva mich weg. Den Tränen nahe, zog sie sich wortlos an und ging zu ihm.

Ob Romanow noch wütend auf mich war, kann ich nicht sagen. Eines Morgens hatte er sich jedoch unten an der Straße verirrt und war dabei gestürzt, und als ich ihm aufhalf, umarmte er mich, was er bis dahin nie getan hatte.

Inzwischen trug er ständig ein Buch von Nabokov mit sich herum. Wo immer er war, hatte er es dabei, nur einmal ließ er es auf dem Küchentisch liegen. Ich wollte es ihm nach oben bringen, da entdeckte ich den Zettel, der zwischen den Seiten steckte. Mir fiel sofort mein Name auf. Daneben standen in beinahe unleserlicher Krakelschrift eine kurze Beschreibung meines Äußeren und das Wort Freund. Darunter "Alva, rothaarig, Brille, jung. Meine Frau" und weitere Beschreibungen, etwa seines Arbeits- oder Schlafzimmers, sein Geburtsdatum und ein großes "Schweiz, 2006". Am meisten ließen mich aber die zwei Worte schaudern, die er rechts an den Rand gekritzelt hatte.

1. Schreiben

2. Keller

Ich brachte ihm das Buch - Erinnerung, sprich - mit dem Zettel in den ersten Stock. Romanow nahm beides wortlos an sich. Ich hatte befürchtet, mit einem geistig Verwirrten zu reden, doch er verstand sofort. Es wurde das letzte klare Gespräch, das ich mit ihm führte.

"Wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, bin ich krank", sagte er, auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch sitzend. "Meine Frau dachte anfangs, dass die Prostataoperation mein Leben verändert hat, aber es war die allgemeine Untersuchung im Vorfeld. Alzheimer, damals noch im frühen Stadium. Ich hatte erst versucht, es vor ihr geheim zu halten, aber sie hat es schnell gemerkt."

Er senkte das Kinn. "In meinem Kopf stimmt es nicht mehr, das spüre ich selbst. Ich wollte hier raus aufs Land, weil ich mich in der Stadt überfordert fühlte. Anfangs kamen noch Freunde und Bekannte zu Besuch, doch ich will meine Ruhe. Hier oben gibt es nur noch wenige Dinge, die ich mir merken muss. Mich, meine Frau, Sie, dieses Zimmer, mein Buch. Doch mein Verstand löst sich immer schneller auf."

"Wieso lassen Sie sich nicht helfen? Man könnte einen Pflegedienst kommen lassen."

"Ich habe mit Alva darüber geredet. Ich will das alles nicht, die ständigen Kontrollbesuche beim Arzt, die Pillen und Gedächtnisübungen. Meine Therapie ist das Schreiben". Er wandte sich ab. "Und ich möchte auch nicht, dass Alva sich um mich kümmern muss. Ich will, dass meine Frau frei sein kann."

"Also lieber eine Klinik?"

"Sie verstehen nicht". Romanow machte nach jedem Satz eine Pause und wägte seine Worte ab. "Meine Mutter wurde schon sehr früh dement, sie ist in einem Pflegeheim gestorben. Am Schluss war sie ein sabberndes Wesen, das sich gefreut hat, wenn es ein Puppenspiel anschauen konnte. Dabei war meine Mutter Dichterin, eine Intellektuelle mit scharfem Verstand. Doch sie konnte nicht loslassen, nicht rechtzeitig reagieren. Ich habe noch ein paar Wochen, in denen ich selbst über mein Leben entscheiden kann. Ich weiß, dass ich nicht mehr allzu weit von dem Moment entfernt bin, in dem mein Gehirn endgültig zerfällt und ich nicht mehr Herr meiner selbst bin. Dann werde ich nicht mehr fähig sein, die Dinge richtig zu Ende zu bringen, sondern in einem Heim dahinvegetieren."

Er öffnete eine Schublade. "Doch davor muss ich noch ein paar Dinge regeln. Das hier "..., er holte ein großes Kuvert heraus, "ist für Sie. Lesen Sie es nach meinem Tod. Nicht vorher."

Zögernd nahm ich es an mich. "Warum erzählen Sie mir das alles? Wieso sollten Sie mir noch vertrauen?"

"Weil Sie es mir schuldig sind, Jules". Romanow atmete tief ein und aus. Seine Hand griff nach mir. "In letzter Zeit sehe ich wieder deutlich meine Kindheit vor mir. Kalte Winter, ein Abendessen in Amerika, Gespräche mit meinen Eltern, die ich längst vergessen hatte. All diese Momente kommen wieder hoch, sie verfolgen mich". Er massierte sich den Nacken. "Ich muss jetzt loslassen, verstehen Sie, was das bedeutet? Zu wissen, dass das eigene Leben bald vorbei sein wird? Dass man dem Verstand Leb wo hl sagen muss, weil er einen verlässt und nie mehr wiederkommt?"

Er schüttelte den Kopf. "Ich weiß noch, wie ich so alt war wie Sie, wie alles vor mir lag und ich dem Tod trotzen konnte. Und jetzt sitze ich hier, in einer brennenden Bibliothek, und nichts davon kann ich retten."

Sein Mund begann zu zittern.

"Lassen Sie mich noch meine Angelegenheiten regeln", sagte Romanow leise. "Ich kann noch nicht loslassen. Aber ich werde es rechtzeitig schaffen."

*

Wenn Alva in den folgenden Wochen über die Zukunft ihres Mannes sprechen wollte, wiegelte ich jedes Mal ab. Ich wollte ihm Zeit verschaffen, wusch seine Wäsche, erledigte Besorgungen und unterstützte die beiden, so gut ich konnte. Romanow war immer stolz darauf gewesen, sich weitgehend selbst um alles kümmern zu können, doch nun bereitete ihm sogar das Anziehen Probleme, so dass er sich oft von Alva helfen lassen musste.

Hin und wieder schmiedete er Pläne, die aus der Vergangenheit kamen. Eines Abends sprach er davon, seinen längst verstorbenen Bruder in Amerika zu besuchen. Als er unsere Blicke sah und seinen Fehler begriff, verzog er das Gesicht. "Das kann doch nicht wahr sein", murmelte er zu sich selbst.

Neu und beängstigend waren auch seine Wutanfälle.

"Ich brauch dich nicht!", schrie er Alva einmal vor meinen Augen an, und bevor ich eingreifen konnte, schüttelte er sie heftig durch. "Ich kann das allein machen!"

Alva wehrte sich nicht. Ich ging dazwischen und hielt ihn fest. Romanow zerrte an mir und schrie etwas auf Russisch, was ich nicht verstand. Es dauerte lange, bis wir ihn beruhigt hatten, doch schon nach kurzer Zeit schien er sich nicht mehr an den Vorfall zu erinnern und griff

zärtlich nach Alvas Hand.

Als wir später gemeinsam zu Mittag aßen, verkündete sie, dass sie so nicht weitermachen könne. Bei diesem Gespräch ließ sie einige taktvolle Lücken, um mir Einzelheiten seines Verfalls zu ersparen.

"Es könnte jemand herkommen und sich um dich kümmern", sagte sie.

Romanow antwortete nicht. Aus Angst, etwas falsch zu machen, sprach er inzwischen kaum noch, und selbst das morgendliche Lesen der Zeitung hatte er aufgegeben. Nur wenn er aß, war er ganz er selbst, und ich beobachtete, wie er ein Stück Fleisch abschnitt, den würzigen Duft einsog, es sich in den Mund schob und beim Kauen genießerisch die Augen schloss.

"Man kann dir doch das Leben erleichtern", fing Alva noch einmal an. "Und uns auch."

Romanow starrte auf seinen Teller. "Kein Pflegedienst", sagte er. "Ich will nicht, dass jemand hierherkommt."

Er zog ihre Hand zu sich und küsste sie, dann stand er einfach auf und schlurfte ins Arbeitszimmer. Vom Esszimmer aus hörten wir, wie er oben, langsam und trotzig, auf seine Schreibmaschine einhämmerte. Es waren Angstblüten. Ich hatte den Papierkorb durchwühlt, er schien keine vernünftige Zeile mehr schreiben zu können, es war mehr eine Auflistung von Namen oder kryptischen Notizen:

Monday rain ...

Abends ein Spieler. Geht, wenn er bleibt.

Am Ende nicht entscheidend was man gewollt hat.

Aber die Frage steht

Und mit dem gleichen sturen Stolz, mit dem er sich noch immer an die Schreibmaschine setzte, wehrte er sich weiter dagegen, dass Alva ihn pflegte. Jeden Tag gab es Streitereien und Anschuldigungen, und als er sich schon wieder draußen verirrt und unterkühlt hatte, sagte Alva, es wäre das Beste, ihn nach Weihnachten in die Obhut des Christianstifts in Zürich zu geben, einer privaten Pflegeeinrichtung. Sie hatte dem dortigen Leiter die Situation geschildert und gleich einen Platz zugesichert bekommen.

Romanow hatte nach dieser Ankündigung keine Gefühlsregung gezeigt, doch ich sah ihn nun oft brütend in die Ferne blicken.

Und dann kam der 17. Dezember, der Tag, an dem meine Tante Helene Geburtstag gehabt hätte. "Genau eine Woche vor Weihnachten", hatte sie immer gesagt, wenn wir es als Kinder wieder vergessen hatten. "Das

ist ganz leicht zu merken."

Den ganzen Morgen über lastete eine eigenartige Unruhe auf mir. Irgendetwas war anders an diesem Tag, nur was? Alva war in der Stadt, ich rief meine Geschwister an. Vor zwei Monaten hatte ich sie für die Weihnachtsfeiertage zu uns eingeladen, jetzt musste ich es rückgängig machen. Liz sagte, dass sie und Toni bei unserem Bruder in München feiern würden. Ich erwiderte, dass ich für einen Tag dazustoßen würde, falls es sich irgendwie einrichten lasse.

"Komm da raus", sagte meine Schwester, ehe sie auflegte.

Ich trat ans Fenster. Garten und Wiese des Grundstücks waren verschwunden, vor mir das schneebedeckte Tal. Es war absolut ruhig im Chalet. Und da wusste ich, was fehlte. Das Geräusch von Romanows Schreibmaschine oben im ersten Stock.

*

Ich rannte ins Arbeitszimmer - leer. Als ich Sekunden später die Kellertür aufstieß, stand Romanow mit einem Wäschebeutel in der Hand vor mir. Seine Wangen wächsern und bleich, das Kinn mit grauen Bartstoppeln übersät. Er schien einige Momente zu brauchen, bis er mich erkannte. Zu meiner Erleichterung nannte er mich beim Namen.

"Jules, du musst mir helfen", sagte er freundlich, mich mit einem Mal wieder duzend. Er holte ein gefaltetes Blatt aus der Hosentasche. Darauf stand nur noch ein einziges Wort: Keller.

"Was wollte ich hier tun?"

Ich dachte an Alva, die in der Stadt einkaufte und danach einen Termin beim Leiter des Christianstifts hatte, um die nächsten Schritte zu besprechen. Währenddessen stand ich hier mit ihrem Mann, der wissen wollte, ob er gerade Wäsche waschen oder sich umbringen wollte. Mir fiel sein Zettel ein, auf dem neben einer Beschreibung meines Äußeren das Wort "Freund" gestanden hatte. Meine Schläfen pochten, als ich zum Lieblingsgewehr seines Vaters ging und den schweren metallenen Lauf berührte.

Ich drückte Romanow die Waffe in die Hand.

Auch Jahre später sah ich diese Szene im Keller noch immer in aller Deutlichkeit vor mir, und selbst heute träume ich manchmal davon.

"Die Browning", sagte er sofort.

"Erinnern Sie sich an Ihren Vater?"

"Natürlich."

"Erinnern Sie sich daran, wie er gestorben ist."

"Er hat sich erschossen. Ob du es glaubst oder nicht, es war dieses Gewehr. Ich habe früher viel damit gejagt. Auch mein Vater war ein leidenschaftlicher Jäger."

Romanow starrte versonnen auf das Gewehr. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Ich sah Furcht und Panik in ihm aufsteigen. Sein Mund verzog sich, und seine Hände fingen an zu zittern.

"O mein Gott, ich weiß, wieso ich hier bin", flüsterte er.

Die Erkenntnis erschütterte ihn. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er mich an, und mir wurde bewusst, dass dies vielleicht der letzte Moment war, in dem er noch die Kontrolle über sein Handeln hatte. Danach lag nur noch die Weite des Irrsinns vor ihm.

"Tue ich das Richtige?", fragte er, das Gewehr noch immer in der Hand. "Sag, Jules? Ist es das Richtige?"

"Ihre Frau ist in der Stadt". Mein Mund war ausgetrocknet. "Sie trifft sich mit dem Leiter eines Pflegeheims. Sie ..."

Romanow sah mich fragend an.

"Sie wollen nicht in eine Klinik", sagte ich. "Nicht wie Ihre Mutter. Verstehen Sie?"

Ich konnte geradezu sehen, wie verzweifelt er nach diesen Erinnerungen suchte.

"Nein, das will ich nicht", sagte er schließlich.

Ich kam auf ihn zu. "Können Sie loslassen? Alexander, können Sie loslassen?"

Romanow schien mich nicht zu hören. "Meine Mutter war ganz falsch am Ende", sagte er, auf eine fast kindliche Weise. "Sie war wie ein Tier. Sie wusste nichts mehr, weder, wer ihr Sohn war, noch, wer sie selbst gewesen ist". Er ging zum Schrank und holte eine Schachtel mit Munition heraus, dann lud er das Gewehr. Eine Patrone fiel herunter, er hob sie mühsam auf.

"Soll ich Ihrer Frau etwas sagen? Ich werde Ihr sagen, dass Sie sie lieben."

Romanow antwortete nicht. Mit zittrigen Händen strich er über das Gewehr. Ich sah, dass er große Angst hatte.

"Als kleiner Junge habe ich immer die Zugvögel beobachtet", sagte er. "Wo fliegen die hin, habe ich gedacht. Wo fliegen die nur hin?"

Eine Stimme in meinem Kopf befahl mir, den Notruf zu wählen und ihm die Waffe wieder zu entreißen. Doch ich umarmte Romanow und verließ wortlos den Keller.

Hastig ging ich in mein Zimmer, holte meine Jacke und rannte den Hang in Richtung Tal hinab. Einmal rutschte ich aus und fiel in den Schnee. Ich rappelte mich auf und rannte weiter. Die ganze Zeit wartete ich auf einen Schuss, doch er kam nicht. Ich stellte mir Romanow vor, wie er mit dem Gewehr im Keller stand, allein mit der Entscheidung, seinen Verstand oder sein Leben zu verlieren. Noch ein paar letzte Momente, ein paarmal Abschiednehmen von allem, dann diese eine Sekunde des Muts nutzen, stark bleiben und loslassen.

Ich war schon unten an der Straße, da hörte ich den Knall. Ein paar Vögel flatterten aufgeregt über die Bäume, dann senkte sich wieder Stille über das Tal.

Die Entstehung der Angst
(2007-2008)

Für die Fahrt nach Italien hatten wir ein Auto gemietet. Kurz bevor es losging, besichtigten wir noch einmal unser neues Wohnzimmer. Die Wände frisch gestrichen, die Dielen abgeschliffen und poliert; erst Stunden zuvor waren wir damit fertig geworden. Alva sprach davon, wie wir die Wohnung nach unserer Rückkehr einrichten würden, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich wieder ein Zuhause hatte oder dass sie im sechsten Monat schwanger war, aber auf einmal schossen mir vor Glück die Tränen in die Augen. Verlegen wandte ich mein Gesicht ab.

Wir verließen München am frühen Abend und wechselten uns am Steuer ab. "Weißt du was?", Alva trommelte aufs Lenkrad. "Ich glaub, ich werde doch wieder studieren. Ich hab die Uni und das Lernen vermisst, und egal, dann bin ich dort eben die Älteste."

"Und was studierst du? Literatur?"

Ein vehementes Kopfschütteln. "Ich hab so viel mit Schriftstellern zu tun gehabt, ich brauche jetzt etwas Eigenes, nur für mich. Ich will was für meinen Verstand tun."

Ihre Augen funkelten hinter den Brillengläsern, und als ich ihr Gesicht betrachtete, die weiße, zarte Haut, die feinen, schwarzen Wimpern und das kräftige Rot ihrer Haare, war ich für einen Moment überwältigt von ihrer Schönheit.

Wir sprachen über die Fahrten, die wir als Jugendliche zusammen gemacht hatten; zu weit entfernten Seen und auf Festivals. In meinem Übermut sagte ich so etwas wie: "Ist es nicht verrückt, dass wir uns so viele Jahre nicht gesehen haben?"

Alva zuckte mit den Schultern. "Als wir zur Schule gingen, dachte ich, das mit uns wäre kompliziert. Erst später wurde mir klar, dass ich dich immer geliebt habe", sie war dabei, die Spur zu wechseln, und sah mich nicht an, "doch da war ich schon in Russland. Damals hab ich oft an dich gedacht, aber irgendwann wollte ich dich einfach nur vergessen."

"Du hast mich also vermisst?"

"Ja, manchmal", sagte Alva. "Aber meistens war ich froh, dich los zu sein."

Sie lächelte. Ich legte meine Hand auf ihren Bauch. Noch immer hatten wir keine Namen für die Zwillinge. Sie hatte unsere Tochter zuerst nach ihrer Schwester nennen wollen, sich dann aber dagegen entschieden. "Was, wenn Phine noch lebt?" Bei der Namenssuche hatte ich entdeckt, dass "Alva" im Skandinavischen Waldgeist bedeutete. Das gefiel mir. Alva bewachte den Wald, den ich seit meiner Kindheit nie mehr verlassen hatte.

Vor uns Dutzende LKWS, Benzingeruch, Licht aus unzähligen Scheinwerfern. Wir passierten die italienische Grenze und freuten uns auf das Hotel an der Amalfiküste, in dem wir zwei Wochen bleiben wollten. Die Reise bezahlte ich von meinen Ersparnissen, doch nötig war es nicht. Alva hatte nach Romanows Tod eine für mich erschreckend große Summe geerbt, dazu hatte der Verkauf des Chalets samt dem Grundstück noch einmal fast eine Million Schweizer Franken eingebracht. Geld spielte keine Rolle mehr, ob ich wollte oder nicht.

"Hast du noch mit dem Verlag telefonieren können?"

"Ja", sagte ich. "Sie bringen sein Buch jetzt doch im nächsten Frühjahrsprogramm."

"Kriegst du das hin?"

"Bin fast fertig."

Romanows letztes Werk - Zeit, fliegst du davon - würde aus fünf Novellen bestehen. Drei davon hatte er bereits Monate vor seinem Tod bei einem Notar in Luzern deponiert, um sie vor sich selbst zu schützen. In der ersten Geschichte ging es um einen Handelsvertreter in Polen am Ende der vierziger Jahre. Er hatte seine Familie im Krieg verloren und reiste im Winter durch ein kaltes, karges Land, in dem es nichts gab außer seinen Erinnerungen. Die nächste Novelle, Liebt und Gegenlicht, spielte in Amerika, es ging um ein Ehepaar aus Oregon, das sich trennte. Die Frau erkannte gerade, dass sie von ihrem Mann jahrelang betrogen worden war, wodurch die glücklichen Erinnerungen an ihn einen Riss bekamen. Die dritte Geschichte handelte von ihm selbst und erzählte

von dem in Vergessenheit geratenen Schriftsteller Aleksandr Nikolaj Romanow. Sie beschrieb, wie er seinen Verstand verlor, in ein Heim kam und sein Leben immer wieder auseinandernahm und falsch zusammensetzte. In ihrer Konsequenz meine Lieblingsgeschichte von ihm, noch vor Ein unbeugsames Herz.

Die letzten beiden Novellen waren von mir.

Das Kuvert, das Romanow mir Wochen vor seinem Tod gab, hatte dreißig Seiten mit Szenen, Anmerkungen, Erinnerungen und Ideen enthalten. Anbei lag auch ein Brief.

Wir sind beide Diebe, Jules ...

stand dort zu lesen.

Deshalb möchte ich Ihnen einen Tausch anbieten. Buch gegen Frau. Das sind Sie mir schuldig.

Er wollte - nach seinen Vorgaben überarbeitet - die beiden Geschichten haben, die ich in der Schweiz geschrieben hatte.

"Ich verstehe noch immer nicht, wieso du das für Sascha tust", sagte Alva. "Es war doch nur eine Bitte, und er war nicht mehr er selbst."

"Diese Bitte meinte er ernst."

"Selbst wenn? Du wirfst deine Zukunft als Schriftsteller weg. Warum machst du das?"

Ich schüttelte nur den Kopf. Ich konnte es ihr nicht sagen.

Manchmal war es überraschend leicht, manchmal aber auch fast unmöglich gewesen, Romanows Ideen in meine Novellen einfließen zu lassen. Fremde Szenen in ein Manuskript einzubauen war wie eine Transplantation. Oft hatte ich ganze Handlungsstränge dazuerfinden müssen, um die von ihm gewünschten Gedanken unterzubringen. Doch nach einiger Zeit konnte ich seine Szenen nicht mehr von meinen eigenen trennen. Auch sein letztes Buch würde voller Tragik sein, aber Romanow hatte mal gesagt, er habe das Leben nie dramatisiert, nie etwas hinzugefügt. Er habe nur nie weggesehen.

Alva seufzte. "Und was machst du, wenn du mit seinem Buch fertig bist?"

"Dann suche ich mir einen Job."

Sie winkte ab. "Wenn ich an der Uni bin, wirst du auf die Kinder aufpassen."

"Und was soll ich machen}"

"Du sollst wieder eigene Sachen schreiben. Ich werde mein Geld mit Freude dafür ausgeben, einen hoffnungsvollen Schriftsteller zu

unterstützen. Nenn es ein Stipendium."

"Sehr lustig". Ich parkte den Wagen vor einer Tankstelle.

Alva kam näher. "Das war schon immer mein Traum, Jules: ein eigener, von mir abhängiger Hofpoet". Sie gab mir einen Kuss. "Mein Haussklave."

"Du bist ganz schön frech geworden, Schiefzahn". Ich küsste sie zurück, biss dabei aber in ihre Unterlippe. "Pass auf, dass dich das viele Geld nicht korrumpiert."

"Das hat es längst."

Wir deckten uns mit Kaffee und Tramezzini ein, dann fuhren wir weiter. Der Himmel war tiefschwarz, das Armaturenbrett leuchtete, und es war sehr gemütlich, hier mit ihr im Wagen zu sitzen. Wir redeten die ganze Nacht miteinander, hörten italienische Lieder im Radio und alberten herum, und Alva sagte wieder, ich hätte sehr kleine Ohren, die kleinsten, die sie je gesehen habe, und ich behauptete, das sei ein Zeichen großer Intelligenz.

"Wenn wir da sind, frühstücken wir als Erstes am Meer". Sie kuschelte sich wohlig müde in den Sitz. Ein Saum von Sonnenlicht erschien am Horizont, wortlos sahen wir zu, wie die Landstraße vor uns allmählich aus der Dunkelheit auftauchte. Alvas Fingerspitzen strichen über meinen Unterarm, auf und ab, auf und ab, und vielleicht war das der Moment, in dem ich mein Leben nicht mehr gegen ein anderes tauschen wollte, nicht mal gegen jenes, in dem meine Eltern noch gelebt hätten.

*

Als Romanows Buch ein Dreivierteljahr später in seinem Schweizer Verlag erschien, gab es mehrere Besprechungen im Feuilleton, manche davon beleuchteten auch sein Lebenswerk, doch die Verkäufe waren enttäuschend. Der Name A. N. Romanow war ein letztes Mal poliert worden, dann war es vorbei.

"Wenigstens musste er das nicht miterleben". Verbittert betrachtete Alva das weiße Büchlein in ihrer Hand. "In fünf Jahren wird es kein Mensch mehr lesen. Es ist zu düster."

"Ich werde es lesen."

"Und bitte wann?"

"Wenn es mir schlechtgeht. Dann wird es mich trösten."

Alva trat ans Kinderbett. "Wieso sollte es uns schlechtgehen?" Sie betrachtete die Babys. "Ich stelle gern eine Rechnung auf, auch wenn sie makaber ist. Das Leben ist ein Nullsummenspiel. Auf der Minusseite

stehen bei mir bereits das Verschwinden meiner Schwester, meine Kindheit, meine Mutter, der Tod von Sascha und vor allem das Wie. Es muss uns nun also sehr viel Gutes passieren, damit das wieder ausgeglichen wird."

"Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es gibt Leute, die nur Pech haben, die alles, was sie lieben, nach und nach verlieren."

"Und du glaubst natürlich, dass du so jemand bist? ... Mein lieber Hiob". Alva fuhr mir durch die Haare. Behutsam, dachte ich.

"Vertrau mir". Sie gab mir einen Kuss. "Die nächsten Jahre gehören uns."

Ich hob unsere Tochter aus dem Bett. Noch immer ein überwältigendes Gefühl, eines der Babys im Arm zu halten. Als leuchtete der hellste Teil von mir nicht mehr in mir selbst, sondern in ihnen. "Hast du das gehört?", flüsterte ich Luise ins Ohr. "Die nächsten Jahre gehören uns."

Ich war inzwischen fünfunddreißig, fast so alt wie meine Eltern bei ihrem Tod. War kurz davor, eine Schwelle zu überschreiten, die ihnen verwehrt geblieben war. Es schmerzte mich, dass meine gemeinsame Zeit mit ihnen immer weiter zurücklag, nur noch aus dem fernen ersten Drittel meines Lebens stammte. Wenn ich Alva als junge Mutter sah, dachte ich oft an meine eigene Mutter und bedauerte, wie wenig ich von ihr wusste. Meine Erinnerung an sie war mehr ein Gefühl, war ihre Wärme, ihre unverwüstliche Heiterkeit. Als Mensch dagegen war sie mir fremd geblieben, und erst jetzt begriff ich, weshalb. Ich hatte nie einen Moment der Schwäche bei ihr gesehen. Nie einen Augenblick erlebt, in dem sie bedrückt oder niedergeschlagen gewesen war. Wie eine Schauspielerin, die ihr wahres Ich hinter der Maske einer strahlenden Mutter versteckte, war sie durch meine Kindheit geglitten, und so blieben mir nur die wenigen, immergleichen Geschichten, die ich von ihr wusste.

"Euer Vater war eigentlich überhaupt nicht mein Typ", hatte sie uns einmal gesagt. "Aber ich kam einfach nicht an ihm vorbei. Er war der Anführer einer kleinen Studentenclique, und jeden Tag haben sie vor der Universität auf mich gewartet, und er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe. Jedes Mal habe ich abgelehnt. Dann also bis morgen, hat er gesagt und sich grinsend verbeugt. Mir gefiel, wie hartnäckig er war. Und er hat meinen Namen immer so falsch ausgesprochen."

Bei diesen Worten hatte sie zu meinem Vater gesehen, der wie aufs Stichwort übertrieben akzentuiert "Magdalena Seitz" sagte.

Wenn ich an diese Schilderungen denke, die einen draufgängerischen

jungen Mann zeichnen, kann ich kaum glauben, wie anders mein Vater früher im Gegensatz zu seinen späteren, ängstlichen Jahren gewesen sein soll. Vermutlich hatte er damals das geliehene Selbstbewusstsein, das beinahe alle Menschen mit Anfang zwanzig erfasst. Oder es war das Gegenteil: die einzig authentische Phase in seinem Leben, ehe die Geschehnisse aus seiner Jugend ihr Netz über ihn zogen.

Um Licht in seine Vergangenheit zu bringen, durchforstete ich den Speicher. Hier lagerten all die Kisten mit Erinnerungsstücken aus Berdillac, München, Hamburg und Berlin. In einer fand ich neben alten Familienfotos auch das rote Notizbuch mit den Kurzgeschichten, die ich als Kind geschrieben hatte, sowie die kaputte Leica und den auf Französisch verfassten Brief.

Lieber Stephane, diese Kamera ist für dich. Sie soll dich daran erinnern, wer du bist, und an das, was nie vom Leben kaputtgemacht werden darf. Bitte versuche, mich zu verstehen.

Ich legte den Brief weg. Was wusste ich schon von meinem Vater? Er hatte als Jugendlicher gern Fußball gespielt und wollte Fotograf werden, wozu ihm aber Mut und Unterstützung gefehlt hatten. Denn sicher schien auch, dass er und sein älterer Bruder Eric von ihrem Vater geschlagen worden waren, meist, wenn dieser getrunken hatte. Das hatte unsere Tante Helene angedeutet. Alles andere musste ich aus dem zusammensetzen, was man uns nicht gesagt hatte. Wieso war mein Onkel Eric so jung gestorben? Sein Tod war ein tragisches Geheimnis, über das in der Familie nie gesprochen worden war. Nun war es zu spät, um nachzufragen. Mein Vater hatte seine Vergangenheit bewusst in den Hintergrund gerückt, und es gelang mir nicht mehr, sie scharfzustellen.

*

Ich räumte gerade alles zusammen, da stach mir eines der alten Familienfotos ins Auge: Es zeigte meine Eltern mit dem Ehepaar Lehner, mit dem sie einst eng befreundet gewesen waren. Hanno Lehner, ein gutaussehender Diplomat, der uns Kindern oft von seinen Reisen in den Sudan oder Iran erzählt hatte. Und Elli Lehner, wie meine Mutter Lehrerin. Irgendwann schien es jedoch ein Zerwürfnis gegeben zu haben, denn in den Jahren vor dem Tod meiner Eltern waren sie plötzlich nicht mehr zu Besuch gekommen. Auf dem Foto saßen sie zu viert am Esstisch in unserer Wohnung. Mein Vater blickte zu Elli Lehner, die gestenreich redete. Auch Hanno Lehner blickte gebannt zu seiner Frau. Nur meine Mutter blickte nicht zu ihr. Und sie schaute auch nicht zu meinem Vater oder in die Kamera. Sie sah ihn an. Ich kannte diesen Blick nur zu gut. Es war der gleiche schwärmerische, hungrige Blick, den auch meine

Schwester Männern zuwarf, die sie wollte. Und die sie dann auch bekam. Aber konnte das stimmen? Erzählte das Bild mir die Geschichte, oder erzählte ich sie mir selbst?

Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich an meinen Roman. Inzwischen ging es kaum noch voran. Die fast manische Energie, die ich während meiner Zeit im Chalet verspürt hatte, war verschwunden, und Romanows Tod wirkte noch in mir nach. Alva hatte nie erfahren, dass ich ihrem Mann das Gewehr in die Hand gedrückt hatte, und obwohl ich wusste, dass ich es nicht deshalb getan hatte, warf ich mir manchmal vor, damit auf elegante Weise meinen Konkurrenten beseitigt zu haben.

Ich tippte eine Weile vor mich hin, als meine Gedanken plötzlich wieder bei meinem Vater landeten. Bei meiner letzten Begegnung mit ihm. Auch wenn ich es lange anders in Erinnerung gehabt hatte, glaubte ich inzwischen meinen Eindrücken während des LSD-Trips. Es war eine Wahrheit, die ich lange verdrängt hatte, die wie ein giftiger Dorn in mir gesteckt und aus dem Dunkel meines Unterbewussten über mich bestimmt hatte.

Richtig ist, dass ich an diesem letzten Abend mit meinem Vater über die Kamera sprach, die er mir zu Weihnachten geschenkt und die ich nie benutzt hatte. Es ist auch richtig, dass wir diesen kleinen Streit beilegten und er anbot, mir zu zeigen, wie man die Mamiya benutzte. Er sagte, er würde sich sehr freuen, wenn ich fotografieren würde, ich hätte ein gutes Auge für Motive, das sei ihm schon oft aufgefallen.

Allerdings war unser Gespräch damit nicht vorbei.

Wir hatten damals ein angespanntes Verhältnis, nicht nur wegen der Kamera. Meine Mutter war immer souverän und ausgeglichen, nie hätte ich mich ihr widersetzt. Wenn mein Vater mich ins Bett schickte, zuckte ich dagegen mit den Schultern, und wenn er Autorität vortäuschte und mich ermahnte, lachte ich nur. Denn er zeigte mir seine Angst und Unsicherheit, und das hielt ich nicht aus.

Ich wollte an dem Wochenende, an dem meine Eltern nach Frankreich fuhren, unbedingt auf die Party eines älteren Jungen gehen. Er rauchte und trank schon, und dass er mich eingeladen hatte, erschien mir als große Ehre. Doch mein Vater verbot mir, bei ihm zu übernachten.

"Aber alle gehen da hin, Papa. Ich hab versprochen, dass ich auch komme."

"Wir haben schon mal über diesen Jungen geredet, der ist kein Umgang für dich. Ich lasse dich da sicher nicht ohne Aufsicht übernachten."

"Aber wenn ich da nicht hingehe, halten die mich für einen Feigling."

"Na, dann halten sie dich eben für einen. Jedenfalls gehst du da nicht hin."

Für ihn war die Diskussion damit beendet, er schloss den Reißverschluss seines Koffers und stopfte seine Pfeife.

"Ja klar", sagte ich. "Dachte ich mir, dass dir das egal ist. Du bist ja selbst ein Feigling."

Ich spürte sofort, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Mein Vater drehte sich zu mir um, genauso erschrocken wie ich, die Pfeife noch immer in seiner Hand.

"Was hast du da gesagt, Jules?"

"Dass du ein Feigling bist", hörte ich mich stammeln. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, ich ging viel zu weit und konnte trotzdem nicht aufhören. "Nie traust du dich was. Du verbietest alles, weil du dich selbst vor allem fürchtest. Du bist ein Feigling, und du willst, dass wir auch so werden wie du."

Es knallte an meiner linken Wange.

Mir kamen die Tränen. "Du kannst mich mal", brüllte ich. "Du und deine scheiß Kamera". Ich sah ihm zornig ins Gesicht. "Ich hasse dich!"

Es wurde augenblicklich still.

Ich trat einen Schritt zurück. Mir war plötzlich, als nähme ich meinen Vater zum ersten Mal richtig wahr. Er wirkte im Innersten getroffen und machte das gleiche Gesicht wie nach dem Telefongespräch, das er nach seiner Entlassung geführt hatte. Ein Teil von mir bemitleidete ihn auf der Stelle. Dann rannte ich in mein Zimmer.

Eine halbe Stunde später kam meine Mutter zu mir. Sie trug ihren beigen Mantel und umarmte mich zum Abschied, ich roch den Fliederduft ihres Parfüms. "Sei nicht so", sagte sie. "Papa hat es doch nicht so gemeint."

"Er hat mich gehauen."

"Ich weiß. Und es tut ihm auch sehr, sehr leid. Er kann selbst am allerwenigsten glauben, dass er so etwas getan hat". Sie machte eine Pause. "Er hat zurzeit einige ... Es geht ihm gerade nicht so gut."

"Fahrt ihr deswegen weg?"

"Auch". Sie strich mir durchs Haar. "Möchtest du Papa nicht doch auf Wiedersehen sagen? Er möchte sich so gern von dir verabschieden, das Taxi ist gleich da."

"Nein", bellte ich.

Meine Mutter küsste mich auf die Wange, dann hörte ich, wie sie sich im Gang auch von Liz und Marty verabschiedete. Mein Vater fragte, was mit mir sei.

"Du kennst ihn ja", sagte sie. "Er ist dickköpfig."

"Verdammt "..., murmelte er, und noch immer wirkte er geknickt. Er kam nun selbst zu mir ins Zimmer und wollte mit mir reden, doch ich wies ihn schweigend ab. Kurz darauf war das Taxi da, und ich hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.

Ich habe später dem "Ich hasse dich" nie mehr etwas hinzufügen können, und so blieb es das Letzte, was ich meinem Vater vor seinem Tod sagte.

Vom Wohnzimmerfenster aus sah ich damals, wie sie unten ins Taxi stiegen. Stephane, mein Vater, hielt Magdalena, meiner Mutter, den Wagenschlag auf, dann fuhren sie davon, und noch heute sehe ich vor mir, wie das Taxi im nächtlichen Laternenlicht um die Ecke bog und aus meinem Sichtfeld verschwand.

Das Unveränderliche
(2012-2014)

Im April 2012, gut zweieinhalb Jahre vor meinem Motorradunfall: ein gemeinsames Osterfest in München. Die Nachmittagssonne ließ die kupferfarbenen Dächer in unserer Straße erglühen, und der Duft von frischgebackenem Kuchen hing in der Luft. Während des Essens versuchte Marty immer wieder, meinen Sohn durch alberne Grimassen zum Lachen zu bringen, doch das war ein aussichtsloses Unterfangen. Vincent war bereits mit viereinhalb eher zurückhaltend und mein Bruder Kindern gegenüber nicht gerade der geborene Entertainer.

Nach dem Dessert suchten die Zwillinge nach den Ostereiern, die Elena im Haus versteckt hatte. Immer, wenn sie mit meinen Kindern zusammen war, blühte sie auf, so dass ich ihr die beiden oft und gern vorbeibrachte. Hin und wieder kam ich aber auch allein in ihre Praxis. Ich hatte damit begonnen, als ich erfahren hatte, dass ich Vater werden würde, und unsicher war, ob ich dieser Rolle gerecht werden würde. Während unserer Sitzungen sprach Elena nie viel, hörte mir stattdessen zu, wenn ich von meiner stillen Angst erzählte, alles wieder zu verlieren. Und sie durchschaute mich, meist wortlos. Dann reichte ein einziger mal freundlicher, mal mahnender Blick, und ich wusste, was sie meinte. Mir wurde immer klarer, was Marty bei ihr gesucht und gefunden hatte. Elena war eine Korrektorin, sie spürte, wenn man vom Weg abkam, und

führte einen mit sanfter Beharrlichkeit wieder zurück.

Toni war nicht nach München gekommen. Ich beschloss, Liz lieber nicht nach ihm zu fragen. Wenn Toni damals nach einer Vorstellung eine Frau abschleppte, erzählte er ihr alles bis ins kleinste Detail, und sie amüsierten sich zusammen darüber. Liz lehnte sich an ihn, nahm seine Hand und gab ihm liebevolle Kosenamen. Doch es ging nie weiter. Hatte sie dann selbst wieder einen Freund, berichtete meine Schwester ihm nichts davon und zog sich fast vollkommen von ihm zurück. "Die Sadistin und der Masochist", sagte mein Bruder einmal scherzhaft, aber natürlich war es kein Scherz.

Luise kam zu ihrer Tante gerannt und setzte sich auf ihren Schoß. Wie jedes Mal, wenn sie uns von Berlin aus besuchte, verkündete Liz feierlich, dass sie auch Kinder wolle. Sie war nun zweiundvierzig, und ich rechnete nicht mehr damit, dass sie noch Mutter wurde. "Genau so eine möchte ich haben", sagte sie. "Die hier ist perfekt". Sie küsste meine Tochter auf den Kopf, beide strahlten.

Doch auch wenn meine Schwester so tat, als genieße sie das Familienleben, hielt sie es immer nur wenige Tage in München aus. Ich erinnerte mich, wie sie auch schon früher, wenn wir bei unserer Tante Weihnachten feierten, immer dann zu einer Party aufgebrochen war, wenn alles zu harmonisch und glücklich schien, und ich dachte an den Spruch von Jack Kerouac, den sie als Teenager über ihrem Bett hängen hatte: Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt leben, verrückt reden, die alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern die brennen, brennen, brennen, wie römische Lichter in der Nacht.

*

Gelächter aus dem Wohnzimmer. Auf der Couch Alva und die Kinder, aneinandergekuschelt. Sie hatte ihnen vorgelesen, nun alberten sie herum. Ich konnte nie genug davon kriegen, Alva als Mutter zu sehen. Sie traf immer den richtigen Ton, wusste im Gegensatz zu mir genau, wann sie streng sein musste und wann ausgelassen, und sie schien alles geben zu wollen, was ihr selbst verwehrt gewesen war. Die Kinder liebten sie abgöttisch.

Ich ging zum Plattenspieler. "Passt auf", sagte ich, und für einen Moment verspürte ich dieselbe Vorfreude wie als Junge, wenn ich meinen Geschwistern etwas zeigen wollte. Ich legte ein Album auf. Laute Gitarrenklänge, Background-Chor. Alle Blicke zu mir.

"Papa, was ist das?"

"Das sind die Beatles", sagte ich, "Paperback Writer."

Luise schien die Musik lustig zu finden. Vincent dagegen wippte völlig erstaunt mit dem Fuß, die Augenbrauen hochgezogen, und als der Song fertig war, sagte er sofort: "Noch mal."

An diesem Tag übernachteten unsere Kinder bei Marty und Elena, damit wir mal wieder zu zweit ausgehen konnten.

"Wir schauen gerade einen Film, danach schicke ich sie ins Bett", sagte Elena abends am Telefon. Und dann zum dritten Mal in dem Gespräch: "Wir passen gut auf sie auf."

"Ja, ja, das weiß ich doch", sagte ich, fast lachend.

Als ich aufgelegt hatte, spürte ich Alvas Blick auf mir haften. "Was ist?"

"Du siehst so zufrieden aus. Du grinst richtig."

"Ich grinse nicht."

"Doch, du tust es ja noch immer."

Ich nahm ihre Hand und zog sie schwungvoll zu mir her. "Endlich wieder allein mit dir", meine Arme auf ihren Schultern, "wie war's, wenn wir die Kinder bei meinem Bruder lassen und zusammen durchbrennen?"

"Und ich dachte, du fragst nie."

Später im Restaurant erzählte Alva von einer Vorlesung, die Marty ihr empfohlen hatte. In den letzten Jahren hatte sie sich mit ihm angefreundet, es kam häufig vor, dass ich nach Hause kam und beide in einem intensiven Gespräch vorfand. Manchmal setzte ich mich dazu, aber im Grunde gefiel es mir, dass die beiden sich auch ohne mich so gut verstanden. "Ist dir aufgefallen, wie ähnlich sie und Liz sich in vielen Dingen sind?", hatte Marty mich einmal nach einem solchen Treffen gefragt. Im ersten Moment hatte ich nur ungläubig gelacht, doch später habe ich oft über diese Bemerkung nachgedacht.

Ihr Philosophiestudium hatte Alva längst beendet, inzwischen saß sie an ihrer Doktorarbeit, daneben kümmerte sie sich um unseren ramponierten Innenhof. Auf ihren Vorschlag hin hatte die Hausverwaltung frischen Rasen angelegt, nun ließ sie für die Kinder(und ein bisschen auch für mich) eine Schaukel und ein Baumhaus bauen.

Doch noch immer war da ein dunkles Vibrieren in ihr. Hin und wieder schien die Vergangenheit nach ihr zu greifen; Szenen aus ihrer Jugend und ihren für mich nicht fassbaren Jahren in Moskau holten sie ein. Manchmal hatte sie dann auch Alpträume, war nervös und zappelig im Schlaf, ehe sie sich an mich schmiegte und ruhiger wurde. Ich hatte früh lernen müssen, dass es zwei Alvas gab und dass ich die eine nicht ohne

die andere bekam. Zwar hatte sie ihre nächtlichen Spaziergänge seit der Geburt der Zwillinge aufgegeben, aber ein Teil von mir blieb besorgt, dass sie irgendwann wieder verschwinden und nicht mehr zu mir zurückkehren könnte.

"Ich hab übrigens in das Kinderbuch von diesem Schweden reingelesen". Ihr Kopf lugte hinter der Speisekarte hervor. "Magnus Soundso. Hat mir sehr gut gefallen."

Längst hatte ich mich daran gewöhnt, dass sie heimlich in die Manuskripte hineinlas, die ich lektorierte. Dennoch spielte ich den Entrüsteten.

"Was denn?", fragte sie nur. "Solange ich nichts von dir zu lesen kriege, lese ich eben das."

Den Job als Lektor hatte ich über Romanows Verlag bekommen. Die Arbeit an seinem Manuskript hatte ihnen gefallen, auf meinen Wunsch hin hatten sie mich einem Münchner Verlag empfohlen. An meinem eigenen Roman schrieb ich dagegen nur noch sporadisch. Vermutlich hätte ich ihn längst aufgegeben, wenn Alva nicht immer wieder danach gefragt hätte.

Wir tranken an diesem Abend ein bisschen zu viel, und Alva erzählte von der Zeit, bevor wir uns kennenlernten, und wie sehr sie es als Kind geliebt hatte, mit ihrem Vater auf einem zugefrorenen Weiher hinter dem Haus Schlittschuh zu laufen. Während sie davon sprach, war sie wie von einem inneren Licht erfüllt. Ich beugte mich über den Tisch und küsste sie, dann schenkte ich uns wieder nach, und sie fragte, ob ich sie betrunken machen wolle, und ich sagte, das sei seit jeher meine Absicht.

Auf dem Heimweg schwankte sie tatsächlich ein wenig. Ich wollte sie stützen, bis ich merkte, dass ich selbst nicht mehr sicher auf den Beinen war. Wir mussten kichern und trotteten, einander stützend, zur U-Bahn.

In der Nacht wurde ich von einem Geräusch geweckt. Ich hatte intensiv geträumt, und es dauerte, bis ich in meinem Körper zurückgekehrt war. Alva weinte neben mir. Erschrocken machte ich das Licht an.

"Wieso bin ich nicht glücklich?"

Sie sprach undeutlich und zu schnell. "Ich liebe dich, ich liebe Vincent und Luise. Ich liebe alles, was wir haben. Aber manchmal ist es, als ob es nicht reicht, als ob einfach nie etwas reichen wird. Dann will ich nur noch weggehen und nie mehr wiederkommen, und ich weiß nicht, warum."

Ihre Bemerkung versank in mir wie ein Stein, den man in einen See fallen ließ.

Ich nahm sie in den Arm. "Es ist okay", sagte ich immer wieder. Ich küsste sie leicht auf den Kopf. "Ich liebe dich so, wie du bist."

"Ich wollte nie so sein", sagte sie leise. "Ich kann doch nichts dafür."

"Ich weiß."

Minutenlang hielt ich sie fest umarmt und redete tröstend auf sie ein. Da Alva nicht mehr schlafen konnte, schauten wir Filme an, bis das Zimmer vom ersten Morgenlicht bläulich erhellt war. Und natürlich hatte all das nichts mit dem zu tun, was später geschah, doch seit dieser Nacht wusste ich die unbeschwerten Momente noch ein wenig mehr zu schätzen.

*

Wenige Stunden vor dem Flug spielte ich mit den Kindern im Hof. Luise wollte unbedingt Peter Pan sein, Vincent übernahm wechselnde Nebenrollen. Das vor kurzem fertiggestellte Baumhaus war die Piratenbucht, die von mir, einem verschlagenen Hook, verteidigt wurde. Als Säbel diente mir der Mahagoni-Gehstock von Romanow, meine Kinder dagegen griffen mit Ästen an, und natürlich besiegten sie mich in einem harten Kampf, an dessen Ende ich qualvoll starb.

"Er ist tot, er ist tot". Sie liefen lachend um mich herum und piksten mit ihren Stöcken in meinen Bauch.

Da erschien mein Bruder im Hof, eine Tasche geschultert. Er sah, wie ich mich auf dem Boden herumwälzte, und grinste. "Wir müssen los."

Ein Kurztrip nach Berlin, wir wollten Toni zu seinem Geburtstag überraschen. Er feierte in einer Kneipe und schien sich sehr über unseren Besuch zu freuen, doch erschrocken stellte ich fest, in welch schlechter Verfassung er war. Von seiner früher mitreißenden Ausstrahlung war nichts mehr zu spüren, er wirkte unglücklich und gealtert. Auch an diesem Abend galt seine Aufmerksamkeit Liz, die erst liebevoll mit ihm sprach und später mit einem mir unbekannten Mann an der Bar saß. Ich konnte sehen, wie Tonis Blicke sie dort immer wieder suchten und wie selbst seine aufgesetzte Fröhlichkeit nach und nach gedimmt wurde, bis er schweigend in der Ecke stand. Marty und ich stellten uns zu ihm, doch wir konnten ihn nicht aufmuntern, und kurz darauf ging er allein nach Hause.

In dieser Nacht saßen wir noch lange bei unserer Schwester in der Küche. Sie schien zu spüren, was wir dachten.

"Jetzt reicht's mir aber", sagte Liz schließlich. "Als ob es mir Spaß macht, ihn so niedergeschlagen zu sehen."

"Das ist doch nicht der Punkt", sagte Marty. "Sondern dass du ihn jetzt

seit Jahren quälst. Toni könnte längst eine eigene Familie haben, er könnte glücklich sein, doch du willst ihn ja nicht gehen lassen. Du machst die Tür nie ganz zu, lässt immer einen winzigen Spalt offen, damit er dir schön weiter nachläuft. Denn im Grunde könntest du es nicht ertragen, wenn er plötzlich weg wäre."

"Und was soll ich machen? Mit ihm zusammen sein, einfach, weil es richtig wäre?"

"Wieso nicht? Ich fände das nicht schlecht."

"Du bist ja verrückt". Liz sah ihn ungläubig an, dann blickte sie zu mir. "Was ist mit dir? Siehst du das genauso?"

"Na ja, du trägst sicher deinen Teil dazu bei, dass er jetzt nicht in irgendeiner Beziehung oder verheiratet ist, sondern allein lebt". Liz wollte schon antworten, aber ich winkte ab. "Allerdings wäre er dann trotzdem nicht glücklich. Genauso wie du anscheinend einfach nichts für ihn empfinden kannst, so sehr liebt er dich. Es ist seine Entscheidung, er will nichts anderes, und deshalb gibt es auch nichts zu bereuen."

Liz kaute an ihren Fingernägeln. "Ich kann mir doch nicht aussuchen, was ich fühle", sagte sie leise. "Selbst wenn er der Richtige wäre: Ich liebe ihn nicht."

"Aber Liebe ist doch nur ein Wort", sagte Marty. "Es geht darum, dass man zufrieden ist."

Liz lachte auf. "Das ist alles so Weicheiergelaber. Ich scheiß nun mal auf Zufriedenheit, tut mir leid. Ich will Aufregung, Herausforderungen, Spannung. Toni ist toll, und ganz ehrlich, ich kann mir sogar vorstellen, dass er der Mann ist, mit dem ich alt werde. Aber nur als Freund. Er ist jemand, den man liebhaben kann, aber niemand, in den ich mich verlieben könnte. Ich möchte jemanden, der mich auch mal zurückweist, jemanden, der mich schlecht behandelt, um den ich kämpfen kann."

"Aber wieso? Wer kann so etwas wollen?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Es gibt nun mal Frauen, denen reicht es nicht, einfach nur Sicherheit und Geborgenheit zu haben."

Marty trat auf sie zu. "Ach, so wie meine Frau zum Beispiel. Verstehe, das ist natürlich ein großartiges Beispiel. Die sieht mich, denkt sich, hm, der hat Potential, und dann hängt sie sich zwanzig Jahre an mich. Denn ich bin vielleicht etwas langweilig und nicht das ganz große Los, aber ich bin nett und wohlhabend. Und auch wenn sie sich als Teenager vielleicht etwas anderes gewünscht hat - für eine Ehe reicht's. Und wie schön, dass ihr Mann genauso denkt und dass sich alle mit gutem Mittelmaß abgefunden haben. So in etwa?"

Es entstand eine peinliche Pause, denn tatsächlich war es das, was wir manchmal über seine Beziehung gedacht hatten.

Mein Bruder schien es zu merken. Er packte hastig seine Tasche und ging zur Tür. "So, wie du über alles denkst, sehe ich schwarz für dich", sagte er zu unserer Schwester. "Denn so wirst du dein Leben lang unglücklich sein."

Er verschwand im Treppenhaus.

"Wenigstens ist es dann mein eigenes Leben", sagte Liz, doch er hörte sie nicht mehr.

*

Normalerweise ging Alva für ihre Dissertation in die Staatsbibliothek, doch an einem Abend im Spätherbst schrieb sie bei uns zu Hause. Im Arbeitszimmer brannte gedämpftes Licht, ich stand an der Türschwelle und beobachtete sie. Plötzlich trat die Falte zwischen ihren Augenbrauen hervor, sie schaute ins Nichts und kaute gedankenverloren an ihrem Finger. Ich liebte es, wenn sie konzentriert und strebsam wirkte. Längst konnte ich an der Haltung ihrer Schultern erkennen, ob sie angespannt war, die Art, wie sie die Tür angelehnt hatte, verriet hingegen, dass sie Gesellschaft wünschte. Da war eine Vertrautheit zwischen uns, die unendlich schien; wie zwei Spiegel, die einander spiegelten.

Ich schnitt eine Banane in zwei Hälften, nahm den Laptop und setzte mich an den Schreibtisch ihr gegenüber. Wir aßen die Banane und tippten schweigend, ab und zu warfen wir einander kurze Blicke zu. In solchen Momenten, wenn Luise und Vincent nebenan schliefen, fühlte ich mich geborgen wie seit meiner Kindheit nicht mehr.

Mir kam der furchtlose, selbstbewusste Junge in den Sinn, der ich damals gewesen war. Er war beim Tod meiner Eltern jedoch nicht stark genug gewesen und einem anderen Teil meiner Persönlichkeit gewichen. Ich vermisste ihn nicht. Vermisste nur manchmal die Ausgelassenheit, die mich als Zehnjährigen oft überkommen hatte. Würde es in meinem Leben wohl je ein Ereignis geben, das mich noch mal in diese rauschhafte, alberne Unbeschwertheit katapultierte, und sei es auch nur kurz?

"Etwas beschäftigt mich gerade."

"Schieß los."

Ich klappte den Laptop zu. "Ich hab überlegt, was passiert wäre, wenn ich nach Frankreich gegangen wäre und dort gelebt hätte. Wenn ich einen Unfall gehabt hätte. Wenn wir uns nie gesehen hätten. Es hat in meinem Leben so viele Abzweigungen gegeben, so viele Möglichkeiten,

ein anderer zu sein". Ein Blick zu Alva. "Ich meine, hast du dich nie gefragt, was aus dir geworden wäre, wenn deine Schwester damals nicht verschwunden wäre? Du wärst jetzt doch bestimmt anders."

Sie dachte nach. "Ja, sicher sogar."

"Die Frage ist, was wäre jedoch nicht anders? Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?"

"Und?"

Ich dachte an Liz, die immer schon sprunghaft und einzelgängerisch gewesen war, selbst als unsere Eltern noch gelebt hatten. Auch ihre Faszination für Jungs schien einfach ein Teil von ihr zu sein, ebenso ihre Suchtanfälligkeit und der Umstand, dass sie gern sang und kleine Geschichten zeichnete. Es spielte keine Rolle, dass sie jahrelang damit aufgehört und sich verirrt hatte. Denn ob sie irgendwann ein inspirierendes Kinderbuch in einem Laden fand oder eben mit ihren Geschwistern einen LSD-Trip einwarf:

Der Auslöser war egal, es hätte in ihrem Leben immer einen Moment gegeben, der den Wunsch in ihr geweckt hätte, wieder zu zeichnen oder Musik zu machen. Und Marty war zwar kein Arzt oder Forscher geworden, aber vielleicht schien das Unveränderliche bei ihm zu sein, dass er diesen raren Treibstoff in sich trug, der ihn alle Ziele erreichen ließ. Vermutlich wäre er auch in anderen Wissenschaften wie Biologie oder Physik Professor geworden.

"Ich weiß nicht "... Ich sah Alva an. "Was ist mit dir? Was denkst du darüber?"

"Hm ... Kierkegaard sagt dazu: Das Selbst muss gebrochen werden, um Selbst zu werden."

"Und das heißt?"

Sie krauste die Stirn. "Nun ja, man kommt auf die Welt und wird geprägt von seiner Umwelt, den Eltern, von Schicksalsschlägen, Bildung und zufälligen Erfahrungen. Irgendwann sagt man dann wie selbstverständlich: ›Ich bin so und so‹, meint damit aber nur seine Oberfläche, sein erstes Ich". Sie setzte sich auf meinen Tisch. "Um sein wahres Ich zu finden, ist es notwendig, alles in Frage zu stellen, was man bei der Geburt vorgefunden hat. Manches davon auch zu verlieren, denn oft lernt man nur im Schmerz, was wirklich zu einem gehört ... Es sind die Brüche, in denen man sich erkennt."

Ihre Füße baumelten in der Luft. "Andererseits hab ich keine Ahnung,

was passiert wäre, wenn mein Leben anders oder einfacher verlaufen wäre. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob wir dann zusammengekommen wären. Ich hätte wahrscheinlich eher nach einem sorglosen, draufgängerischen Mann gesucht, weniger nachdenklich. Aber so, wie alles geschehen ist, warst du der Richtige. Du und nur du."

"Das ist ehrlich, tut aber schon ein bisschen weh."

Sie gab mir einen zarten Kuss auf die Schläfe.

"Und warum war ich der Richtige?", fragte ich.

"Weil du alles verstehst."

Kurzes Nachdenken. "Und sonst? Mein gutes Aussehen, meine nicht unbeträchtliche Intelligenz ... meine Bescheidenheit?"

"Vielleicht noch deine Bescheidenheit". Sie begutachtete meinen Schopf. "Noch immer kein graues Haar dabei. Wie machst du das?"

Statt zu antworten, streckte ich die Hand aus und berührte ihre Wange. Sie schloss die Augen.

Ich dachte an die Hochzeit vor einigen Jahren. An das kleine Fest im mit Lampions geschmückten Garten meines Bruders und an die Rede, die ihr Vater gehalten hatte. Er und Alva gingen auf eine ganz eigene Art miteinander um. Obwohl ihr Verhältnis sehr liebevoll und innig war, sahen sie sich nur selten. Dafür schrieben sie sich häufig, und ihr Vater hatte damals auch darauf bestanden, die Hochzeit auszurichten.

"Denkst du noch oft an Phine?"

Sie nickte. "Ich glaube, das wird niemals aufhören."

Mit einem Seufzer nahm Alva ihre Brille ab und polierte die Gläser. Sie war blass. Schon in den letzten Wochen hatte sie müde gewirkt und wiederholt Fieber gehabt.

Ich verordnete ihr eine Pause und holte eine Flasche Wein aus der Küche, sie legte George Gershwin auf. Ich selbst fand keinen Zugang zu seiner Musik, Alva hingegen liebte ihren Gershwin - sie nannte ihn immer "mein George". Früher hatte ich mich vor dem Alter gefürchtet, aber nun hatte die Vorstellung, in vierzig Jahren noch mit ihr zusammenzuleben, etwas Beruhigendes. Wir würden beisammensitzen, lesen, reden oder Schach spielen, uns manchmal necken und dann wieder auf den Schatz an Erinnerungen zurückblicken, den wir gemeinsam angehäuft hätten. Ich überlegte, wie ihr Gesicht mit Falten aussehen würde und wie sie sich kleiden würde, wenn sie Ende siebzig war. Im selben Moment wurde mir bewusst, dass mir das alles egal sein würde, und die Vorstellung, alt zu werden, hatte nichts Angsteinflößendes mehr.

Später ging ich ins Zimmer unserer Kinder. Beide schliefen schon, ich lauschte ihren leisen Atemzügen. Zunächst setzte ich mich an Luises Bett. Ein lebhaftes, fröhliches Mädchen, fast schon zu selbstbewusst. Sie kannte bereits ihren Wert, wusste, dass wir sie alle süß fanden und ihr deshalb vieles verziehen. Noch immer kuschelte sie gern mit mir, doch inzwischen durchschaute sie mich. Instinktsicher rebellierte sie nur bei mir, während sie bei ihrer Mutter gehorchte. Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging zu Vincents Bett. Im Schlaf hatte er wieder die Decke weggestrampelt. Er war verträumter als Luise und fürchtete sich vor allem Unbekannten. Oft leistete er mir Gesellschaft, wenn ich im Arbeitszimmer lektorierte, er mochte die friedliche Ruhe, spielte auf dem Boden mit einem Laster oder erzählte mir die Geschichten nach, die Alva ihm vorgelesen hatte. So still war er schon als Baby gewesen, aber warum eigentlich? Wann war das entschieden worden?

Ich deckte ihn zu, dann holte ich aus der Küche ein Bier und stellte mich auf den Balkon. Ein kühler Lufthauch streifte mich, der Geruch von feuchtem Laub wehte mir vom Hof entgegen. Ich trank ein paar Schlucke und spürte die Ruhe der Nacht auf mich einströmen, und plötzlich überkam mich ein Gefühl von fast wohliger Wehmut.

*

Im Januar 2013 flog ich für ein paar Tage nach Berlin, um mit einem unserer Autoren an seinem Manuskript zu arbeiten. An einem Abend traf ich auch Liz zum Essen, und zu meiner Überraschung brachte sie Toni mit. Er sprach gutgelaunt von einer Zaubershow in Edinburgh, in der er als Gast aufgetreten war, und machte einen deutlich besseren Eindruck als beim letzten Mal. Er und Liz waren kein Paar geworden, aber sie schien nun ernsthafter mit ihm umzugehen und ihn nicht weiter mit ihren Affären zu quälen.

Als meine Maschine auf dem Rückflug über München war, dunkelte es gerade, und die Szenerie versank in einem schattenbevölkerten Zwielicht. Der Anblick löste eine diffuse Unruhe in mir aus, die aber nach der Landung sofort wieder verschwand. In der S-Bahn checkte ich mein Handy. Alva hatte mehrmals angerufen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ich rief zurück, doch sie ging nicht ran.

"Bin gleich zu Hause", schrieb ich ihr. "Was ist?"

Beim Betreten der Wohnung sah ich, dass die Kinder stritten. Luise hatte eine Stoffgiraffe von Vincent genommen und wollte sie mit einem ihrer Stofftiere verheiraten, was er nicht akzeptierte. Sie zankten sich um die Giraffe, und ich musste dazwischengehen.

"Gib sie ihm wieder", sagte ich in meiner Verkleidung als strenger

Vater, doch Luise rannte einfach davon, und als ich rief, dass sie herkommen solle, lachte sie so frech, dass ich beinahe selbst lachen musste.

Schließlich bekam Vincent das Stofftier zurück, meiner Tochter war es mittlerweile egal. Sie nahm eine Haarbürste aus dem Bad und sang laut vor sich hin.

Vincent tippte sich an die Stirn. "Sie ist so doof."

Ich sagte den beiden, dass sie sich fertigmachen sollten, da wir gleich zu ihrem Onkel und ihrer Tante zum Abendessen fahren würden, die Einladung war schon länger geplant.

"Aber das Essen hat Mama abgesagt", sagte Vincent.

"Warum?"

Er zuckte mit den Achseln. Erst jetzt fiel mir auf, dass Alva nicht zu Hause war. Ich suchte im Schlafzimmer nach einem Hinweis oder einem Zettel, doch ich fand nichts. Als ich sie erneut anrief, entdeckte ich, dass sie ihr Handy auf dem Nachttisch liegen gelassen hatte.

"Mama wollte noch kurz weg", sagte Luise in meinem Rücken.

Ich fuhr herum. "Wann?"

"Kurz bevor du gekommen bist."

"Hat sie gesagt, wohin oder wann sie wiederkommt?"

Luise schüttelte den Kopf. "Nein, sie hat nur gesagt, dass du gleich da bist und schon mal das Abendessen machen sollst."

Ich wurde nervös. Dass Alva die Kinder allein gelassen hatte, passte nicht zu ihr, auch wenn es nur für wenige Minuten war. Dann redete ich mir ein, dass ich mich grundlos sorgte; vermutlich war sie nur kurz in die Staatsbibliothek gegangen oder kopierte etwas für ihre Dissertation. Ich kochte für die Kinder, spielte mit ihnen das Leiterspiel und brachte sie ins Bett. Erst als ich allein im Wohnzimmer saß und die Stille der Wohnung bedrückend wurde, kam wieder Unruhe in mir auf. Die Bibliothek war inzwischen geschlossen. Ich rief Marty und Elena an, doch sie wussten von nichts. Für einen Moment überlegte ich, bei der Polizei anzurufen, wollte aber noch abwarten.

Ich starrte aufs Handy, trank zwei Flaschen Bier, starrte aufs Handy, ging um den Block, starrte aufs Handy, saß lange Zeit bei eisiger Kälte auf der kleinen Treppe vor unserer Haustür und hielt nach Alva Ausschau. Es wurde zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr. Ich kochte einen starken Kaffee und versuchte, mich abzulenken. Zappte wahllos durch die Fernsehprogramme und fing mit Un amour de Swann an, dem

Lieblingsbuch meiner Mutter. Doch vor Müdigkeit fielen mir beim Lesen immer wieder die Augen zu.

Gerade als ich mich kurz hinlegen wollte, hörte ich den Schlüssel im Schloss. Pure Erleichterung. Ich eilte zur Tür. Alva war tatsächlich zurück, doch ihre Augen waren verweint und dunkel. Sie kam mir verändert vor, wie ein Nachtwesen, das gerade erst wieder menschliche Gestalt angenommen hatte.

"Wo warst du?"

Sie hängte schweigend ihre Jacke über den Stuhl.

"Verdammt, sag, wo warst du?"

"Ich musste ein bisschen für mich sein."

Ich hätte eine gute Entschuldigung gebraucht. Oder eine logische Begründung für ihr Verschwinden. Irgendetwas, das mich besänftigte, aber nicht das hier.

"Bist du wieder spazieren gewesen? Fängst du wieder damit an?" Ich stand dicht vor ihr und merkte, dass ich mich nicht im Griff hatte. "Du hast Kinder, verdammt noch mal. Wie kannst du da einfach abhauen und uns so einen Schrecken einjagen?"

Sie starrte mich an, ihre Augen schimmerten immer noch dunkel. Gleichzeitig war sie von meinem wütenden Gerede eingeschüchtert.

"Ich hatte auf einmal Schiss, du kommst nie mehr wieder". Ich zitterte vor Anspannung. "Du kannst mit mir doch über alles reden. Ich meine, kannst du dir vorstellen, was wir uns für ..."

"Ich hab Krebs."

Es verging eine Sekunde, dann taumelte ich einen Schritt zurück, als hätte mir eine unsichtbare Hand einen Schlag versetzt. Die drei simplen Worte entfachten eine so archaische Wucht, dass ich augenblicklich verstummte, sie raubten mir jedes Gefühl, und für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen oder tun sollte.

"Ich hab versucht, dich zu erreichen", sagte Alva in die Stille. "Mehrmals. Irgendwann musste ich raus. Tut mir leid, ich hätte das nicht tun sollen."

Ein lähmendes Kribbeln breitete sich aus, es wanderte von meiner Brust zu meinen Armen und Beinen, kurz fühlte es sich an, als würde ich davonschweben.

"Was für Krebs?", brachte ich irgendwann hervor. Es war, als hätte jemand meine Stimme auf minimale Lautstärke gestellt.

"Leukämie."

"Ist es sicher? Woher weißt du das?"

"Ich war schon letzte Woche beim Arzt, als du in Berlin warst. Ich hatte wieder Fieber, aber ich hab mich auch schon davor schlecht gefühlt. Es gab mehrere Untersuchungen, ich wollte dir aber nichts sagen, um dich nicht zu beunruhigen. Heute kam dann der definitive Befund."

Ich stellte fest, dass ich mich gesetzt hatte. Als ich Alvas Hand auf meinem Nacken spürte, zuckte ich unwillkürlich zusammen, so dass sie ihre Hand wieder wegzog.

"Schau mich an", sagte sie.

Stumm blickte ich zu ihr hoch.

"Ich werde das hier überleben, Jules. Das weiß ich". Sie wirkte überraschend ruhig. "Ich werde es überleben."

Ich sah ihr in die Augen und glaubte ihr jedes Wort.

*

Alva hatte keine sehr gute Prognose bekommen, aber ihr waren reelle Chancen gegeben worden, den Krebs in ihrem Blut zu besiegen. Sie erhielt sofort eine Chemotherapie und musste für die ersten Behandlungen wochenlang im Krankenhaus bleiben. Die Medikamente bekam sie intravenös. Zytostatika: ein anderes Wort für Hoffnung. Ein anderes Wort für Gift.

Eine neue, hyperreale Wirklichkeit, mit klarem Verstand kaum auszuhalten. Ich war wie im Nebel, ein verstummter Geist, der an ihrem Klinikbett saß und über sie wachte. Doch selbst als ihr die Haare ausfielen, ließ Alva sich nicht unterkriegen. Sie ertrug die schmerzhaften Spritzen und die grenzenlose Übelkeit, manchmal machte sie sogar Scherze darüber. Den Kindern erzählte sie, dass es nichts allzu Schlimmes wäre und sie bald wieder gesund sein würde. Ich versuchte, es ihr gleichzutun. Zuversicht, Zuversicht. Nur ein einziges Mal rutschte mir heraus, dass das Schicksal schon wieder gegen uns sei, doch Alva unterbrach mich sofort.

"So was will ich nicht hören", sagte sie nachdrücklich. Dann freundlicher: "Du kannst rumjammern, wenn es mir wieder gutgeht."

Ich nickte. Wir standen bei uns im Schlafzimmer, damals durfte sie die Klinik zum ersten Mal für einige Tage verlassen. Im Radio lief ein Chanson. Ich muss noch immer niedergeschlagen ausgesehen haben, denn sie nahm meine Hand und machte ein paar Tanzschritte. Das kam überraschend; seit ich sie kannte, hatte ich sie nie tanzen sehen, von ein paar unsicheren Schritten auf unserer Hochzeit abgesehen.

Wir bewegten uns zur Musik, eng umschlungen und langsam, da Alva

noch geschwächt war. Sie hatte die Augen geschlossen. Dass das Leben dieses Menschen, der mir so nah und vertraut war, dessen Atem, Wärme und auch Erschütterung ich spürte, bedroht war, schien in diesem Augenblick unbegreiflich für mich.

"Wo bist du gerade?", fragte ich.

"Ich bin hier", die Augen noch immer geschlossen, "ich tanze mit dir und versuche, an nichts anderes zu denken."

"Ist es nicht seltsam, dass wir nie getanzt haben?"

"Ich mag es nicht so, wie du vielleicht mitbekommen hast."

Die Wände des Schlafzimmers wichen zurück und lösten sich auf, unsere Haut glättete sich, wir befanden uns wieder im Internat. Wir waren neunzehn und vor dem Regen in mein Zimmer geflüchtet, wo wir uns mit Gin betranken und ich sie ...

"Weißt du noch, wie ich dich mal zum Tanzen aufgefordert habe?"

"Das hast du nie."

"Doch, ich hab sogar ein Lied aufgelegt, von dem meine Mutter meinte, man könne damit jede Frau rumkriegen, aber du wolltest einfach nicht mit mir tanzen. Und da habe ich mir natürlich gedacht, dass du mich nicht willst."

Alva verzog das Gesicht. "Es war ihre Leidenschaft, verstehst du? Nicht meine. Sie war die Talentiertere von uns beiden, sie hatte seit ihrer Kindheit fast jeden Tag Ballettunterricht, und nachdem sie verschwunden war, wollte ich mit Tanzen nichts mehr zu tun haben. Es hat mich zu sehr an sie erinnert."

Mir war, als durchwehte mich ein eisiger Wind. "Wenn ich das gewusst hätte", sagte ich, mehr zu mir selbst.

Eine Weile bewegten wir uns schweigend zur Musik. Ich sog den vertrauten Duft ihres Parfüms ein, Sandelholz und Gardenie.

"Erzähl mir was Schönes von deiner Schwester", sagte ich. "Wenn ich an sie denke, dann fällt mir immer nur ein, dass man bloß ihre Jacke gefunden hat. Erzähl mir was, damit ich ein anderes Bild von ihr bekomme."

Alva überlegte. "Phine war sehr lebhaft, fast hibbelig", sagte sie. "Und sie hat Opern geliebt. Schon als Kind hat sie sehr viel Mozart gehört. Einmal waren wir bei einer Vorstellung der Zauberflöte, und sie war so aufgeregt, dass sie während der Aufführung hyperventilierte und vom Theaterarzt hinausgebracht werden musste". Sie lachte. "Wir waren beide oft übermütig, wenn wir zusammen gespielt haben. Vor dem

Einschlafen hatten wir ein festes Ritual. Immer, wenn unsere Mutter uns gute Nacht gesagt hat, haben Phine und ich auf unseren Betten noch jeweils zwei Purzelbäume gemacht. Einmal vor und dann wieder zurück, erst danach hat unsere Mutter das Licht ausgemacht". Sie schüttelte den Kopf, aber ich sah, dass ihr dieses aus den Trümmern gerettete Bild gefiel.

Ich tat damals für Alva, was ich konnte, umsorgte sie, versuchte ihr jeden Wunsch zu erfüllen, wich ihr kaum von der Seite und fühlte mich dennoch nutzlos. Es half ein wenig, dass mein Bruder beinahe täglich bei uns war, auch Elena kam jeden Abend aus ihrer Praxis direkt in unsere Wohnung. Mit ihrer sanften Art sorgte sie dafür, dass wir alle die Ruhe bewahrten.

Die erste, aggressive Phase der Behandlung war inzwischen abgeschlossen, es begann die monatelange Konsolidierungstherapie. Zwischen den einzelnen Chemozyklen konnte Alva nun jedes Mal für einige Wochen nach Hause, um sich zu erholen. Manchmal schlief sie vor Müdigkeit bis zum Abend, an guten Tagen war sie oft im Hof, der sich fast in einen Garten verwandelt hatte. Ich sah ihr gern vom Balkon aus zu, wie sie da unten auf dem Boden kniete und die Erde umgrub oder etwas einpflanzte. Am liebsten mochte ich jedoch den Augenblick, wenn sie nach getaner Arbeit ihr Werk betrachtete. Sie wischte sich dann meist noch mal über die Stirn oder rieb sich die Hände, aber vor allem wirkte sie dabei so zufrieden.

Im Sommer hatten wir noch immer keine klare Prognose erhalten. Inzwischen dachten wir nur noch in Blasten- und Leukozytenwerten, und um uns abzulenken, reisten wir nach Berdillac. Alva freute sich sehr auf den Ausflug, sie wollte als Erstes ans Meer.

"Macht euch fertig", rief sie vergnügt den Kindern zu, ehe sie nach oben ging, um ihre Sachen zu holen.

Ich sorgte dafür, dass Vincent und Luise angeschnallt im Wagen saßen, dann ging ich selbst noch mal ins Haus. Als ich am Bad vorbeikam, sah ich im Spiegel Alvas Gesicht. Ich hatte diesen Ausdruck noch nie bei ihr gesehen. Nicht mal, als sie mir zum ersten Mal von ihrer Schwester erzählt hatte. Ihr Mund war verzerrt, Tränen liefen über ihre Wangen. Es war die pure Angst, die ich in ihrem Gesicht sah.

Als sie mich entdeckte, wischte sie sich über die Augen. "Ich hatte gerade das Gefühl, dass ich es nicht schaffe". Alva nahm ihre Perücke ab. "Was, wenn ich bald nicht mehr da bin? Ich kann mir das einfach nicht vorstellen."

Sie betrachtete ihren kahlen Kopf im Spiegel.

"Das bin nicht ich, Jules. DAS HIER BIN ICH EINFACH NICHT!", schrie sie plötzlich, und ich zuckte zusammen.

Dann sank sie auf den gefliesten Boden im Bad. "Sie sind doch erst sechs", sagte sie leise. "Sie sind viel zu jung."

*

Im September wurden die Kinder eingeschult. Ich fühlte mich wie damals, als Alva kurz vor der Pubertät stand und ich begriff, dass ich sie fortan mit der Welt teilen musste. Ihr dagegen war es einfach unangenehm, die Kinder hinzubringen. "Mit der Perücke sehe ich beschissen aus", sagte sie. "Die werden mich alle anstarren". "Unsinn, du siehst toll aus."

Sie seufzte. "Jules, du warst nie ein guter Lügner, aber gerade hast du dich selbst unterboten."

Trotzdem kam sie am ersten Schultag mit.

Während Luise sich wahnsinnig auf alles freute, war Vincent skeptisch. "Kann ich nicht noch ein Jahr in den Kindergarten gehen?", fragte er mich.

"Willst du denn nichts lernen?"

"Doch. Aber da war es so schön."

"Schule wird auch schön."

Wieder diese großen, ungläubigen Augen.

"Also ich find's toll", sagte Luise.

"Also ich find's toll", äffte Vincent sie nach.

Obwohl sie Zwillinge waren, hatten sie nur wenig gemeinsam. Luise war noch immer lebendiger, wilder, fast schon aufsässig. Mit einer Begeisterung, die mich an die junge Liz erinnerte, brannte sie darauf, den anderen Kindern in der Klasse zu zeigen, dass sie schon lesen und schreiben konnte. Auch Vincent konnte bereits einige Worte lesen, trotzdem war sein Selbstbewusstsein sehr fragil. Die Krankheit seiner Mutter hatte ihn noch misstrauischer und einzelgängerischer gemacht. Er erzählte mir nur noch selten, was ihn beschäftigte, und zog sich immer mehr zurück. Nur beim Fußball ging er aus sich heraus. Manchmal spielte ich mit ihm und Luise im Hof, und dann kam mir mein Vater in den Sinn, wie er im Englischen Garten gekickt hatte und als Libero mit eleganten Bewegungen nach vorne gedribbelt war. Ich stellte mir vor, wie er nun - ein vermutlich faltiger siebzigjähriger Mann - mit meinen Kindern gespielt hätte, und es war einer jener Momente, in denen er mir sehr fehlte.

An den Vormittagen waren Alva und ich zum ersten Mal seit Jahren allein. Anfangs wussten wir mit der freien Zeit kaum etwas anzufangen, doch bald genossen wir es, ausgedehnt auf dem Balkon zu frühstücken, Zeitungsartikel zu diskutieren und dazu Musik zu hören. Danach schnappte ich mir ein paar Manuskripte und lektorierte im Schlafzimmer, um ihr Gesellschaft zu leisten. Wenn sie sich schwach fühlte, lag Alva im Bett, manchmal setzte sie sich auch mit einem Buch auf die Kommode, den Rücken an die Wand gelehnt. Ihr Lieblingsplatz. Noch immer war sie dieses sonderbar katzenhafte Wesen, das Stühle und Sessel mied und es vorzog, in Nischen oder auf Theken und Tischen zu sitzen.

Ging es ihr besser, machten wir auch längere Spaziergänge. "Ich vermisse die Universität", sagte sie dabei einmal mit ihrer leisen Stimme und berührte mich am Arm. "Ich finde es schade, dass ich das nie mit dir teilen konnte. Dieses Gefühl, seinen Verstand ernst zu nehmen, etwas zu lernen, das ist so ..."

Sie machte eine ausholende Handbewegung, weil ihr kein passendes Wort einfiel. "Jules, ich wünsche mir, dass du mich nächstes Jahr, wenn es mir bessergeht, mal in einen Kurs begleitest. Ich weiß, ich besteche dich ein wenig, aber für irgendetwas muss die Krankheit doch gut sein."

Der Herbst hatte einen Laubteppich über den Englischen Garten gebreitet. Ein Schwan stieg aus dem See und kam linkisch auf uns zu. Alva stieß mich an. "Was würdest du dir denn wünschen fürs nächste Jahr? Was würdest du tun, wenn du frei wählen könntest?"

"Motorrad fahren", antwortete ich, ohne nachzudenken.

"Wirklich?"

"Das wollte ich schon als Kind. Ich habe Toni immer beneidet, wenn er gefahren ist und danach gesagt hat, es wäre ein bisschen wie fliegen. Ich bin zwar sicher, dass er maßlos übertrieben hat, aber ich würde es gern selbst herausfinden."

"Aber wieso machst du es dann nicht?"

"Nun ja ... es könnte etwas passieren."

"Es fahren Millionen Menschen Motorrad, und es passiert nichts."

"Glück."

"Mag sein", sagte sie nur. "Aber wieso solltest du keines haben?"

Als wir später in der Küche standen und das Mittagessen zubereiteten, vibrierte Alvas Handy. Nach einem kurzen Zögern ging sie ran. Wir tauschten einen Blick aus.

"Die Klinik", flüsterte sie.

Sofort schoss mein Puls nach oben. Ich legte den Kochlöffel weg und ging nervös im Zimmer umher, beobachtete immer wieder Alvas Gesicht und suchte darin nach möglichen Anzeichen für eine gute oder schlechte Nachricht. Wieso dauerte das so lange? Kurz kniff sie die Augen zusammen, was mich sofort in tiefste Verzweiflung stürzte, doch schon kurz darauf hörte sie wieder konzentriert zu.

Auf einmal durchströmte mich ein heißes, fast elektrisierendes Gefühl. Erst verstand ich nicht, wieso. Dann begriff ich, dass Alva lächelte. Sie nickte immer wieder, ein überwältigendes Strahlen im Gesicht. "Ja, natürlich", sagte sie gerade und griff heftig nach meinem Hemd. Sie zog mich zu sich heran, wollte, dass ich mithörte, aber da war das Telefonat schon vorbei. Und dann ging alles schnell, sie legte das Handy weg, wir lagen uns in den Armen, ich hörte mich laut etwas rufen, was ich selbst kaum verstand, dann presste ich sie erneut an mich. Ich spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte.

Der behandelnde Arzt hatte ihr mitgeteilt, dass der Krebs vollständig verschwunden war. Er riet, auf die Anstrengungen und Risiken einer Knochenmarkstransplantation zu verzichten und stattdessen gleich mit der Erhaltungstherapie zu beginnen.

Ich wollte diese Nachricht immer wieder hören, in anderen Worten, und dann noch mal und noch mal. Ich rief Marty und Elena an, anschließend Liz und Toni, der in der U-Bahn saß und kaum etwas verstand, und das war das Beste, denn so konnte ich es brüllen: "Ich hab gesagt, Alva hat den Krebs besiegt!"

Doch der wahre Genuss war nicht diese erste, aufschäumende Freude, sondern die dumpfe, tiefe Erleichterung, die auf sie folgte. Am Nachmittag gingen wir mit den Kindern in den Park und spielten Fußball. Bis zum Abend kickten wir dort miteinander, saßen auf den Schaukeln am Spielplatz, die Beine in der Luft baumelnd, aßen Pommes frites von einem Imbiss und unterhielten uns, alle mit diesem Glanz in den Augen. Niemand von uns wollte nach Hause gehen und den magischen Moment zu früh beenden.

Als wir nachts im Bett lagen, konnten Alva und ich nicht einschlafen. Die Euphorie brannte noch immer in uns, wir waren hellwach. Auf ihren Wunsch hin holte ich von einer nahe gelegenen Tankstelle ihr Lieblingseis: Vanille mit Keksstücken. Auf dem Rückweg ging ich erst normal, dann wurde ich schneller, schließlich rannte ich mit der Tüte in der Hand die letzten Meter zur Haustür und musste dabei lachen.

Beim Eisessen schmiedeten wir Pläne für die Zukunft. In den vergangenen Monaten hatten wir nie weiter als bis zum nächsten Anruf

aus der Klinik gedacht, nun weitete sich der Horizont vor uns, und wir sprachen über geheime Wünsche, mögliche Reisen oder was wir mit Vincent und Luise machen wollten, wenn sie älter wären.

"Gib's zu", ich strich über die beiden feinen Narben an ihrem Hals, "du wusstest die ganze Zeit, dass es gut ausgeht."

"Natürlich. Es ist schließlich ein ..."

"Nullsummenspiel, ich weiß."

"Außerdem hätte ich dich nicht mit den Kindern alleinlassen können. Um mich wäre es nicht schade gewesen, aber die armen Kinder."

Wir redeten darüber, was passiert wäre, wenn ich die Zwillinge allein hätte erziehen müssen, und malten uns das Schrecklichste aus. Luise als zugedröhnte Punkerin mit Irokesenschnitt, die in einer furchtbar schlechten Band Bass spielte und von der Schule flog. Und Vincent als einsamen Esoteriker, der sich einer zweifelhaften Sekte anschloss und mit seinen neuen Freunden für immer in Kanadas Wildnis verschwand.

"Eine Sekte? Wäre ich wirklich so ein schlechter Vater?"

"Nun, vielleicht nicht ganz so schlecht."

"Sie hören einfach nicht auf mich, immer nur auf dich. Wie machst du das?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Stark im Ei", sagte ich leise.

Als Alva einschlief, blieb ich wach und betrachtete sie. Draußen regnete es, die Tropfen hämmerten gegen das Fenster, doch sie wirkte friedlich, der Schlaf schien alle dunklen Gedanken ausgelöscht zu haben. Sie drehte sich zu mir um, ihr Arm lag auf meiner Brust. Ich hielt ihn fest. Wellen der Müdigkeit überkamen mich, dennoch beobachtete ich sie noch immer, bis ich mich in einem Traum wiederfand, in dem ich mit dem Hund meines Bruders durch einen endlosen Wald streifte.

*

Als der Winter hereinbrach, waren Alvas Haare schon wieder ein gutes Stück nachgewachsen. Weihnachten verbrachten wir im Haus meines Bruders, das für solche Gelegenheiten reichlich Platz bot. Ein moderner, von dichten Hecken gesäumter Bau, einsam auf einem großen Grundstück gelegen. Das ideale Zuhause für einen Filmbösewicht, mit unzähligen überflüssigen Zimmern, einem riesigen Garten und technischen Spielereien wie einem internetfähigen Kühlschrank oder einer ausfahrbaren Videoleinwand.

"Marty ist der Eroberer des Nutzlosen", hatte meine Schwester einmal

gesagt.

Alle waren gekommen, auch Alvas Vater, ein kleiner, drahtiger, etwas kauziger Mann mit einer römischen Nase und einem melancholischen Zug um den Mund, der nicht ganz zu seiner sonst fröhlichen Art passte. Sein Blick war fest, seine Haut durch viele Klettertouren in den Alpen gegerbt. Zuerst umarmte er Alva lange, dann hob er unsere Kinder hoch. Er stellte ihnen viele Fragen, und beide wichen ihm den ganzen Abend über nicht von der Seite.

Wir sangen zusammen Lieder. Liz spielte zwar auf der Gitarre, weigerte sich aber nach wie vor, Moon River vorzutragen.

"Dieses blöde Lied singe ich erst wieder, wenn ich selbst Kinder bekomme."

"Tja, also nie mehr", sagte Marty.

Sie warf ihm einen strafenden Blick zu.

Anschließend durften die Kinder ihre Geschenke auspacken - Bücher und Lego von uns Eltern, Kleidung von Elena, Videospiele von Toni und Marty und Aquarellfarben von Liz -, während wir am großen Wohnzimmertisch saßen und ihnen dabei zusahen. Hinter uns lag ein schweres Jahr, und umso schöner war es, jetzt hier gemeinsam zu sitzen und darauf zurückblicken zu können wie auf einen schlimmen Traum.

Mein Bruder stand mit Toni vor der Musikanlage und diskutierte, wer die Auswahl treffen durfte. Kopfschüttelnd kam er an den Tisch. "Seit heute ist es endgültig klar, Toni hat keine Ahnung von Musik."

"Glaubt ihm kein Wort", rief Toni. "Im Internat hat er jahrelang Black Metal gehört, ich bin gestört fürs Leben."

Wie immer, wenn die beiden sich wiedersahen, frotzelten sie vor Aufregung erst mal herum, bis sie in brüderlicher Vertrautheit zusammensaßen und stundenlang miteinander redeten.

Liz dagegen war den ganzen Abend über sehr zurückhaltend. In ihr früher makelloses Gesicht hatten sich erste Fältchen gegraben. Es fiel nicht auf, wenn sie lächelte, aber wenn sie es nicht tat, wirkte sie verkniffen. Zwar nahm sie keine Drogen mehr, aber ich wusste, dass sie noch immer zu viel trank, das Rotweinglas gehörte zu ihr wie die blonden Haare. Meine Schwester war nun vierundvierzig und schien dem Älterwerden nichts entgegenzusetzen zu haben. Sie hatte immer nur den Moment genossen, in ihrem Leben alles wieder losgelassen, um frei zu sein, und jetzt hielt sie fast nichts in den Händen.

Als ich sie auf ihre Arbeit ansprach, schnitt sie eine Grimasse. "Ich werde immer älter, und die bleiben immer siebzehn. Die werden immer

das ganze Leben vor sich haben, während ich es zunehmend hinter mir habe."

Wir saßen allein in der Küche, es war schon spät. Liz erzählte mir, dass sie sich gerade von ihrem Freund, einem Journalisten, getrennt hatte. Wieder nichts. Sie fuhr mit den Fingern die schartige Tischkante entlang, und auf einmal war jede Zuversicht aus ihrem Gesicht verschwunden. Ihr Mund zuckte, sie versuchte es zu überspielen, aber das Zucken kehrte zurück. Schließlich trat sie hinter mich und schlang wie früher als Kind ihre Arme um mich. Ich hielt sie fest und dachte an ein Boot, das vor langer Zeit vom Ufer abgestoßen worden war, nur ganz leicht. Doch in all den Jahren hatte es nie etwas gegeben, was diesen winzigen ersten Impuls aufgehalten hätte, und so trieb das Boot immer weiter allein aufs Meer hinaus ...

"Ich weiß nicht", sagte ich. "Vielleicht solltest du einmal in deinem Leben etwas bis zum Ende festhalten, statt immer gleich weiterzuziehen."

"Ich wusste, dass du das sagst". Sie ließ von mir ab. "Aber es bringt nichts, so zu leben. Alles geht so schnell vorbei, und man kann nichts davon festhalten. Man kann nur sein."

Sie warf mir wieder diesen Blick zu, ihren Blick, und diesmal hielt ich ihm stand, denn ich wusste inzwischen, wovon sie sprach.

*

Im neuen Jahr meldete ich Vincent in einem Fußballverein an. Er reagierte mit Panik, Luise dagegen fand es ungerecht, weil sie auch in den Verein wollte. Aber es war mir wichtig, dass Vincent etwas hatte, das nur ihm gehörte und worin ihn seine allseits begabte Schwester nicht übertrumpfen konnte. Außerdem wollte ich, dass mein Sohn lernte, in einer Mannschaft zu spielen, und später nicht einsam die Hundert-Meter-Bahn entlanglief, im Kampf gegen sich selbst und die Zeit.

Nach und nach sickerten die dunklen Momente des vergangenen Jahres aus uns heraus. Inzwischen sah ich Alva wieder täglich vor ihrem Laptop im Arbeitszimmer sitzen und an ihrer Doktorarbeit schreiben. Noch immer drohte sie mir damit, nach Kursen zu suchen, in die wir im nächsten Semester zusammen gehen könnten. "Es sei denn, du gibst mir endlich was von deinem Roman zu lesen."

"Ich bin noch nicht so weit. Aber du wirst ihn schon noch lesen, versprochen."

"Das hat Sascha auch immer gesagt, und am Ende hat er mir nie mehr was gegeben."

Unsere Kinder hatten sich mittlerweile an die Schule gewöhnt. Sie führten nun tagsüber ein eigenes Leben, von dem ich zwar hörte, das ich aber niemals sah. Einmal jedoch sprach Vincent beim Essen davon, dass sie mit einem Lehrer über "Muhma Dali" geredet hatten. Als ich nachfragte, sagte er, dass das ein Boxer gewesen sei.

"Du meinst Muhammed Ali", rief ich. "Er war der beste Boxer aller Zeiten."

Vincent sah mich mit einem Gesicht an, das zu sagen schien: "Wenn du meinst "... Auch meine Tochter machte keine Anstalten, ihr Desinteresse zu bemänteln.

"Ali war großartig. Er hat immer eine riesige Klappe gehabt. Passt auf". Ich erhob mich von meinem Stuhl und brüllte mit weit aufgerissenen Augen: "Ich bin der Größte. Letzte Woche habe ich mit einem Wal gerungen. Ich habe einen Fels ermordet, einen Stein verletzt, einen Ziegel ins Krankenhaus geschickt. Ich bin so fies, dass selbst Medizin krank wird. Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene."

Ich tänzelte durchs Esszimmer. Die Kinder beobachteten den unerwarteten Ausbruch ihres Vaters mit Verblüffung.

"Und seine Gegner hat Ali immer beleidigt. So". Ich trat provozierend an Luise heran. "Du bist so hässlich, dass deine Tränen beim Weinen nach oben krabbeln und über den Hinterkopf laufen". Sie lachte. Ich schlug ein paarmal albern in die Luft und ging zu Vincent. "Und ich wette, du erschreckst dich zu Tode, wenn du nur in den Spiegel schaust. Du hässlicher Bär!"

Dann probierte ich den Ali-Shuffle und tänzelte schnell auf der Stelle, was mir jedoch nicht mehr allzu gut gelang. Ich kam bald ins Schnaufen, doch ich hörte nicht auf. Die Kinder lachten lauthals, und als Alva nur erstaunt den Kopf schüttelte, tänzelte ich vor ihr herum, bis sie ebenfalls lachen musste.

*

Ende Februar holte ich Marty an der Uni ab, um mit ihm mittagessen zu gehen. Als er aus seinem Institut kam, diskutierte er mit einer Gruppe Studenten, manche davon nur halb so alt wie er. Wie geschmackssicher mein Bruder im Gegensatz zu seiner Jugend geworden war! Er trug einen eleganten grauen Anzug mit blauem Hemd, hellbraune Budapester und, vermutlich um seinen Haarausfall zu kaschieren, eine Schiebermütze. Er hörte Musik von Springsteen, den Talking Heads und Van Zandt, hatte eine kaum sichtbare Brille auf und wirkte wie jemand, auf den man sich durch und durch verlassen konnte.

"Worüber hast du mit den Studenten diskutiert?"

Marty stieß die Tür zum Restaurant auf. "Ach, einer hatte am Ende der Stunde gefragt, ob es den freien Willen gibt."

"Und?"

"Es muss ihn natürlich geben. Aber die Frage ist eigentlich weniger wichtig als die Haltung dazu. Denn selbst wenn die Hirnforschung den Beweis vorlegen könnte, dass wir nie bewusst die Wahl haben, würde ich es nicht akzeptieren". Er lächelte. "Wäre der freie Wille nur eine Illusion, wäre sie trotzdem alles, was ich habe."

Ich wollte gerade antworten, als mein Handy klingelte. Alva.

"Komm bitte schnell nach Hause", sagte sie.

Ich spürte ein starkes Ziehen in der Brust. Aus irgendeinem Grund hatte ich sofort Vincent vor Augen. Wenn etwas passiert war, dann ihm.

"Ist etwas mit den Kindern?", fragte ich, als ich in der Wohnung war. "Ist Vincent verletzt?"

"Nein."

Erleichterung. Ich trat auf sie zu. "Was dann?"

Alva lächelte, aber es war kein richtiges Lächeln. Ihre Augen schimmerten, dann sah sie weg, und stumm ließ ich mich neben ihr aufs Bett fallen.

*

Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.

*

Seit ich wusste, dass Alvas Krankheit wieder zurück war, taumelte ich nur noch durch die Tage. Der Krebs hatte gestreut, es hatten sich Metastasen in Leber und Milz gebildet. Die Ärzte verabreichten ihr eine Chemo- und Strahlentherapie und erhöhten die Dosis. Unmengen von Gift wurden in sie hineingepumpt, und wieder stellte sich dabei die Frage, wer davon getötet wurde: der Krebs oder sie.

In diesen Tagen zogen Elena und mein Bruder bei uns ein, und wir kümmerten uns zu dritt um die Kinder. Marty spielte mit den beiden, Elena las ihnen abends vor und fuhr sie morgens vor der Arbeit zur Schule, wenn ich schon auf dem Weg in die Klinik war. Wir alle bemühten uns, Optimismus auszustrahlen, aber es war Vincent, der es zuerst

durchschaute.

"Muss sie sterben?", fragte er.

Ich schaute ihn bestürzt an. "Nein, natürlich nicht."

"Warum ist sie dann so lange weg?"

"Damit man ihr besser helfen kann. Deine Mutter ist unbesiegbar, mach dir keine Sorgen. Letztes Mal ist sie doch auch wieder gesund geworden, oder?"

Das schien ihn zu beruhigen. Luise wirkte zwar etwas zuversichtlicher als ihr Bruder, doch sooft es ging, besuchte sie Alva in der Klinik und schlüpfte zu ihr ins Bett. Noch heute sehe ich vor mir, wie sie dort neben ihrer Mutter liegt und beide einfach nichts sagen, die eine aus Schwäche, die andere aus Angst.

"Wir tun alles, was nötig ist", sagte Elena immer wieder zu mir. "Du brauchst dir keine Sorgen um die Kinder zu machen."

"Danke."

"Und wenn du reden möchtest ..."

"Ich weiß."

Bisher hatte ich mich immer darauf verlassen können, dass Alva die Hoffnung nicht aufgab und voranging, aber ich spürte, dass sie nicht damit gerechnet hatte, schon so früh einen Rückschlag zu erleiden. Ich wollte ein Zeichen setzen, und schließlich rief ich Toni an.

Einen Monat später, es war inzwischen Mai, rannte ich die Kliniktreppen hinauf und stürzte in Alvas Zimmer. Sie dämmerte vor sich hin, auf ihrem Bett Bücher für ihre Doktorarbeit. Der Frühling war bislang berauschend schön gewesen, und auch diesmal war es ein strahlender Tag, der kleine Raum barst fast vor Licht.

"Kannst du aufstehen?" Ich führte Alva ans Fenster und deutete auf das Motorrad, das unten auf dem Parkplatz stand. Sie sah erst zu der Maschine, dann zu mir.

"Aber du hattest doch immer zu viel Angst."

"Damit ist es vorbei", sagte ich. "Keine Angst mehr."

Sie gab mir einen langen Kuss und umarmte mich. Ich hielt in der einen Hand noch den Helm und warf ihn aufs Bett. Dann merkte ich, dass Alva weinte. Ohne ein Wort zu sagen, hielt ich sie fest.

"Aber ich habe Angst", flüsterte sie mir ins Ohr, als verrate sie ein Geheimnis. "Die Chemo schlägt nicht richtig an."

"Sie werden sie erhöhen oder ein anderes Mittel ausprobieren."

"Ich bin ja fast nur noch hier."

Sie brauchte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte, dann ließ sie sich von meinen heimlichen Fahrstunden berichten und wie Toni mich beim Kauf des Motorrads beraten hatte. Es war immer schön, Alva etwas zu erzählen. Ihre Augen weiteten sich, sie beugte sich vor, fasste einen unbewusst am Ellenbogen und ging ganz auf in ihrer Neugier. Sie schlief auch nie bei Filmen ein, selbst wenn sie völlig übermüdet war; sie wollte immer wissen, wie die Geschichte ausging.

"Wenn du wieder draußen bist, nehme ich dich mal auf dem Motorrad mit."

Sie sah mich skeptisch an. "Kannst du das denn überhaupt gut?"

"Na ja, ich bin ohne Unfall hierhergekommen."

Wir legten uns beide in ihr Bett, das dafür eigentlich zu schmal war.

Alva schmiegte sich an mich. "Ich find's schön, hier mit dir zu liegen". Ihre Finger strichen über mein Kinn, meinen Mund, wanderten über meine Augenbrauen und meine Schläfen. "Du weißt, dass ich deine kleinen Ohren mag?"

"Ich hab es irgendwie geahnt."

"Deine kleinen Ohren sind das Beste an dir."

Sie betrachtete mich lange, als sähe sie mich zum ersten Mal bewusst. Schließlich berührte sie meine Haare. "So viel Grau", sagte sie, und dann sagte sie nichts mehr.

*

Meine Schwester kam ein paarmal an den Wochenenden zu Besuch, passte auf die Kinder auf oder ging mit mir spazieren, und natürlich schaute sie auch bei Alva im Krankenhaus vorbei. Doch ich spürte, dass sie selbst zu kämpfen hatte. Ihr Beruf langweilte sie, und der Gedanke, nie Kinder zu haben, trieb sie immer stärker um. Eines Abends sahen wir im Fernsehen einen Bericht über Indien, und Liz sagte, sie sei noch nie dort gewesen. Es klang beiläufig, aber ich sah, wie die Lebensgier in ihren Augen aufflackerte, und ich wusste, dass sie bald etwas tun würde. Als wir den Fernseher ausmachten, umarmte sie mich tröstend. Oder ich sie, das war nicht so ganz klar.

Inzwischen arbeitete ich meist nachts, da ich ohnehin kaum Schlaf fand. Ich sagte den Ärzten, sie sollten ehrlich zu mir sein, doch sie beschwichtigten mich. Noch gebe es keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben. Das genügte, um weiterzumachen. Jeden Morgen lief ich durch den Park, oft mit dem Husky meines Bruders an meiner Seite. Danach versuchte ich, jede Sekunde des Tages zu nutzen, um Alva zu

unterstützen, räumte auf, machte Erledigungen, pendelte zwischen Klinik und zu Hause, kümmerte mich um die Kinder. Mein eigenes Ich verschwand völlig hinter dem Wunsch, für die beiden da zu sein. Doch Vincent und Luise stritten sich nun häufiger, und wenn ich schlichten oder sie ins Bett bringen wollte, liefen sie davon und brüllten unter Tränen, dass sie ihre Mutter wiederhaben wollten.

Marty half mir, er spielte Zuversicht, aber manchmal sah ich, wie er düster und entmutigt vor sich hin starrte. Ich wusste, dass er Alva sehr gern hatte und dass es in seinem nihilistischen Weltbild wenig gab, was in dieser Situation aufbauend sein konnte. Menschen wurden geboren, lebten, starben, ihre Körper vermoderten, und dann war auch schon alles vergessen. Ich selbst dagegen betete ein paarmal, dass Alva wieder gesund würde. Zwar konnte ich mit Religionen nichts anfangen, dennoch war ich nie ganz ungläubig gewesen. Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit Romanow. Wir hatten in seinem Arbeitszimmer gestanden und über die Theodizee diskutiert.

"Jules, hören Sie mir damit auf", hatte er gesagt. "Auf manche Dinge gibt es eben keine Antwort, das gehört dazu. Wir Menschen sind hier unten ganz auf uns allein gestellt. Was wäre das auch für eine Welt, in der jedes Gebet erhört werden würde und wir mit Sicherheit wüssten, dass es nach dem Tod weitergeht? Wozu brauchten wir dann noch das Leben, wir wären doch schon längst im Paradies. Kennen Sie das Sprichwort: Gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn einen Tag, bringe ihm bei, wie man Fische fängt, und du ernährst ihn ein ganzes Leben? Und genau so funktioniert es hier. Gott will, dass wir lernen, selbst für uns zu sorgen. Er gibt uns nicht den Fisch und erhört alle unsere Gebete, aber er hört uns zu und beobachtet, wie wir hier unten selbst mit allem fertig werden, mit Krankheit, Ungerechtigkeit, Tod und Leid. Das Leben ist dazu da, das Fischen zu lernen."

Diese Worte trösteten mich jetzt. Ich dachte an Romanows Großmut, mich damals in sein Haus geholt zu haben, und wie sehr er Alva geliebt haben musste, und ich nahm mir vor, eines Tages sein Grab in Luzern zu besuchen.

*

Es wurde Juli, und obwohl Alva inzwischen zu erschöpft war, um zu arbeiten, las sie im Bett immer noch Bücher für ihre Dissertation: Spinoza, Locke und Hegel. Es war, als ob sie ihren Körper, der sie verriet, einfach ignorieren wollte.

"All das schwierige Zeugs", sagte ich nur.

"Ich mag es. Es hat mir immer Spaß gemacht, mich mit den Gedanken

von anderen auseinanderzusetzen."

Ich konnte nicht sagen, was ich sagen wollte, aber sie wusste es auch so.

"Wenn ich wirklich sterben sollte", sagte sie, "dann mit erhobenem Kopf. Dann möglichst lange so, wie ich auch gelebt habe. Lesend und lernend."

Damals war ich mir sicher, dass sie ihre nächtlichen Streifzüge vermisste. Oft stellte ich mir vor, wie Alva nachts heimlich durch die Klinik geisterte, ich wünschte mir fast, dass sie es täte. Dass sie niemals auf irdische Weise gehen würde, sondern geheimnisvoll für immer in der Dunkelheit verschwand.

"Was machen die Kleinen?", fragte sie.

"Luise geht es ganz gut, sie ist nur sehr still in letzter Zeit. Sie hat mich gefragt, ob sie die Schule schwänzen und mit mir mitkommen kann. Und Vincent hat sich mit einem Mitspieler geprügelt."

"Schau, das hat er gemalt."

Alva deutete auf ein Bild, das auf dem Tisch lag. Es zeigte sie mit einem Hund, offensichtlich dem meines Bruders. Daneben hatte Vincent noch einen schwarzen Kreis gemalt. Er musste alle Stifte benutzt haben, um diesen Schwarzton hinzubekommen. Der dunkle Kreis ist der Tod, dachte ich erschrocken.

"Den gemeinsamen Philosophiekurs müssen wir wohl verschieben", sagte sie scheinbar belustigt. "Du kommst also noch mal drum rum."

Ich lächelte kurz, doch dann drang die Angst in mich ein, heftig und körperlich, wie eine Faust, die sich immer wieder in meinen Magen bohrte. Ein Schmerz, der die Welt zu einem einzigen Knoten zusammenschnürte.

Alva griff nach meiner Hand. Ein vertrautes, schönes Gefühl, ihre Hand in meiner zu halten, beide passten perfekt ineinander. Schon damals, im roten Fiat vor der Dorfkneipe, hatte ich das festgestellt. Ich blieb bei ihr, bis es draußen dämmerte, dann setzte ich mich auf das Motorrad. Aber ich fuhr nicht nach Hause, wo Marty die Kinder schon ins Bett gebracht hatte, sondern aus der Stadt hinaus. Auf der Landstraße öffnete ich das Visier. Der Wind schnitt mir ins Gesicht, ich liebte dieses Gefühl.

Manchmal blickte ich so starr auf die Fahrbahn, dass alles verschwand. Dann sah ich, wie sie sich in der Schule neben mich gesetzt hatte. Rothaarig, schüchtern, mit zu großer Hornbrille, sehr hübsch, trotz des leicht schiefen Vorderzahns. Die für mich so geheimnisvolle Alva.

Inzwischen wusste ich alles, was ich früher nicht gewusst hatte.

Wusste, dass dieses Mädchen seine Schwester verloren hatte, später nach Russland gehen und heiraten würde. Wusste, dass es mich wiedertreffen und mit mir Kinder haben würde, wusste von seinen nächtlichen Spaziergängen ebenso wie davon, dass es mal eine tolle Mutter sein würde, und ich wusste, dass es schließlich krank werden und in der Klinik liegen würde. Damals, als Alva in der Schule neben mir Platz genommen hatte, war von alldem noch nichts zu erahnen gewesen. Sie war einfach nur ein Mädchen vom Land gewesen, neben einem Jungen aus der Stadt, der gerade Waise geworden war. Der Anfang einer Geschichte. Unserer Geschichte.

Und dann dachte ich an den Tod und wie ich mir früher oft vorgestellt hatte, er wäre eine unendliche Weite, wie eine Schneelandschaft, über die man flog. Und dort, wo man das Weiße berührte, füllte sich das Nichts mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die man in sich trug, und bekam ein Gesicht. Manchmal war das Entstandene so schön und eigentümlich, dass die Seele hineintauchte, um dort zu verweilen, bis sie schließlich weiterzog, auf ihrem Weg durch das Nichts.

*

Ende Juli befand ich mich einmal ganz allein in der Wohnung. Es war früher Nachmittag, die Stille fühlte sich fremd an, und ich beobachtete, wie der Wind über den Hof stob und sich in die Sträucher grub. Die letzten Stunden hatte es unablässig geregnet, doch nun stießen breite Lichtbündel durch die schieferfarbenen Wolken. Ich beschloss, den Brief zu suchen, den ich Alva mit neunzehn geschrieben hatte, kurz bevor es mit uns auseinanderging. Damals hatte ich ihn ihr nach langem Ringen doch nicht gegeben, ich fand ihn zu kindisch und pathetisch. Stattdessen hatte ich meinen Vater zitiert, diesen Unsinn, dass sie nur mein wahrer Freund sei. Und so hatte sie diese handgeschriebenen Zeilen vom 26. Mai 1992 nie gelesen:

Liebe Alva,

ich hoffe, dir gefallen die Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe. Falls nicht, dann sei bitte nicht zu streng. Am Wochenende bin ich übrigens endlich mit Das Herz ist ein einsamer Jäger fertig geworden. Ich weiß jetzt, wieso du McCullers so magst, mich hat die Geschichte auch berührt. Dass du wie eine Figur aus dem Buch werden und später immer nach Mitternacht in ein Cafe gehen willst, verstehe ich jetzt gut. Aber eigentlich sind diese Leute, die da jede Nacht zusammenkommen, alle rastlos und ein bisschen gebrochen. Ich hoffe also nicht, dass du so wirst. Mich hat übrigens viel mehr bewegt, wie eine Figur das Leben in die äußere und die innere Welt aufteilt. Darüber habe ich die letzten Tage

oft nachgedacht, denn mir wurde bewusst, dass ich es ähnlich mache.

Die äußere Welt, das ist das, was die anderen Menschen als Realität bezeichnen. Eine Welt, in der meine Eltern gestorben sind, in der ich keine Freunde habe, in der meine Geschwister weggegangen sind, ohne sich nach mir umzudrehen. Eine Welt, in der ich irgendwas studieren werde, um dann irgendwas zu arbeiten. In der ich mich anderen Menschen einfach nicht mitteilen kann, in der ich vielleicht kalt wirke und etwas oder sogar alles von mir verloren habe. In der am Ende der Tod wartet und in der ich manchmal das Gefühl habe, einfach zu verschwinden.

Die innere Welt dagegen ist anders, sie ist nur in meinem Kopf. Aber ist nicht alles nur im Kopf? Du hast mich immer wieder gefragt, an was ich denke, wenn ich vor mich hin träume oder in der Schule nicht aufpasse. Die Wahrheit ist: Ich denke nicht, ich bin einfach nur. Manchmal stelle ich mir in diesen Momenten vor, dass ich in Amerika aufgewachsen bin oder dass meine Mutter und mein Vater noch leben. Heute bin ich während des Unterrichts zum Beispiel durch Italien gefahren. Mit meinen Eltern, meiner Tante und meinen Geschwistern, alle zusammen in einem gemütlichen Wohnwagen. Es war so intensiv, das kann ich gar nicht in Worte fassen. Wir waren wieder Kinder und fuhren an der Amalfiküste entlang, und ich könnte dir genau beschreiben, wie es dort gerochen hat, nach Zitronen und Algen, und welche Farbe die schon herbstlichen Blätter hatten und wie die Wassermelonenscheiben, die wir aßen, im Sonnenlicht rot leuchteten. Ich könnte dir sagen, worüber wir geredet haben, meine Geschwister und ich, und welche Blicke meine Eltern uns zugeworfen haben und wie wir in diesem kleinen italienischen Restaurant aßen und meine Schwester das erste Mal an einem Weinglas nippte und so tat, als hätte es ihr geschmeckt, aber in Wahrheit fand sie es scheußlich, das weiß ich.

Mir ist natürlich klar, dass diese Phantasien kindisch sind. Und doch bin ich mir sicher, dass es in diesem Universum einen Ort geben muss, von dem aus betrachtet beide Welten gleich wahr sind. Die echte und die ausgedachte. Denn wenn alles vergessen und vorbei ist, wenn die Zeit in Milliarden Jahren alles entfernt hat und es keinen Beweis mehr für gar nichts gibt, dann spielt es keine Rolle, was die Wirklichkeit war. Dann sind die Geschichten, die ich mir in meinem Kopf ausgedacht habe, vielleicht genauso wirklich und unwirklich gewesen wie das, was die Menschen Realität genannt haben.

Du fragst dich sicher, wieso ich dir das alles schreibe. Und bestimmt möchtest du wissen, wieso ich dich nur frage, ob du mit mir nach

München in eine WG ziehen möchtest, statt dir einfach zu sagen, was ich für dich fühle, obwohl es vielleicht offensichtlich ist. Ich tue es nicht, um dich vor den Kopf zu stoßen, im Gegenteil. Die Wahrheit ist, dass ich es einfach noch nicht kann. Denn ich weiß nicht, wie du über mich denkst und was du für mich empfindest. Und ich habe Angst, das mit uns aufs Spiel zu setzen und nach meinen Eltern und meinen Geschwistern auch noch dich zu verlieren.

Aber dieser Brief ist nach all den Jahren mein erster großer Schritt zurück in die äußere Welt. Ich habe dir etwas anvertraut, was ich noch niemandem gesagt habe.

Denn ich weiß, dass es falsch ist, sich so in sich selbst zurückzuziehen. Ich möchte dort sein, wo du auch bist, und das ist die Wirklichkeit.

Dein

Jules

*

Ein Tag im August, ich weiß nicht mehr, welcher. Die Deckenbeleuchtung des Klinikflurs flackerte, was mich ungemein störte. Der Geruch nach Desinfektionsmittel reizte meine Nase, jemand rannte den Gang entlang, die Turnschuhe quietschten auf dem Boden. Ich beobachtete die mechanisch wirkenden Mundbewegungen des Arztes, nur langsam drangen die Worte zu mir durch. Die Therapie schlug nicht mehr an, weitere Metastasen hatten sich gebildet, der Kampf war aussichtslos geworden. Der Krebs war überall in Alvas von Medikamenten geschwächtem Körper und hatte jetzt leichtes Spiel. Die Ärzte schlugen vor, die Behandlung abzusetzen und nur noch palliativ vorzugehen.

Sie gaben ihr nur noch wenige Wochen. Ich wiederholte es innerlich immer wieder. Nur noch wenige Wochen.

Auch wenn wir insgeheim schon lange damit rechneten, hatten wir uns bis zuletzt alle der Hoffnung hingegeben, es würde doch noch eine Wunderheilung eintreten. Und selbst nach dieser unfassbaren Diagnose konnte ich es noch nicht glauben. Es musste eine Sinnestäuschung sein, und im nächsten Moment würden wir alle am Tisch sitzen, zusammen abendessen und danach Brettspiele spielen. Es konnte einfach nicht wahr sein. Es durfte nicht.

Ich fühlte kaum mehr etwas, trottete mit leerem Geist den Klinikgang entlang und öffnete die Tür zu Alvas Zimmer. Ich trat in den kleinen Raum, wie ich es in den letzten Wochen Hunderte Male getan hatte, nur war diesmal alles anders.

"Jetzt ist es also passiert", sagte Alva, als sie mich sah. "Game Over."

Ich hatte erwartet, sie in Tränen aufgelöst vorzufinden, nicht jedoch, dass sie ein Buch las. Noch immer ließ sie ihre Doktorarbeit nicht los, auch wenn nun feststand, dass sie sie niemals beenden würde. Ich setzte mich zu ihr ans Bett und wollte sie umarmen, aber sie stieß mich sachte zurück.

"Ich kann gerade keine Nähe ertragen", sagte sie, "da muss man allein durch. Gib mir noch etwas Zeit, okay?"

Ich trat zurück. "Sicher."

"Morgen bin ich bestimmt wieder besser drauf."

Sie blickte weg. Ich betrachtete sie noch kurz, dann verließ ich das Zimmer.

*

In der Stadt war es mir zu hell, die Sonne ergoss sich über die Straßen und Häuser. Ich rief niemanden an, ließ mich im Menschenstrom treiben. Brezenduft aus einer Bäckerei. Arbeiter, die das Pflaster ausbesserten. Ein älteres Ehepaar, das Hand in Hand über den Bürgersteig schlenderte. Nur noch wenige Wochen.

Zu Hause hatte Elena für die Kinder gekocht, sie schien die Nachricht schon erfahren zu haben, denn sie umarmte mich wortlos. Die Kinder saßen still am Tisch. Ich ging davon aus, dass es ihnen noch niemand gesagt hatte, aber sie schienen zu spüren, dass sich etwas grundlegend verändert hatte.

Ich nahm meine Tochter in den Arm, dann meinen Sohn, aß ein paar Bissen, ging ins Schlafzimmer und legte mich auf meine Seite des Bettes. Die andere würde nun für immer leer bleiben. Ich ärgerte mich sofort über mein Selbstmitleid, pathetisches Zeug. Schließlich schlief ich ein.

Am Abend wurde ich von meinem Bruder geweckt. Ohne ein Wort zu sagen, legte er sich neben mich aufs Bett, dorthin, wo Alva immer gelegen hatte. Das Gesicht bleich.

"Ich habe mit Liz telefoniert", sagte er. "Sie hat kaum etwas gesagt, sie wirkt allerdings ohnehin schon angeschlagen. Bei allem, was gerade passiert, geht fast unter, wie schlecht es ihr geht. Neulich hat sie mir erzählt, dass sie am liebsten kündigen würde. Ich hab gesagt, sie soll in den Ferien zu uns kommen". Er drehte sich zu mir. "Und von Toni soll ich dir ausrichten, dass er immer für dich da ist, wenn du ihn brauchst. Er kommt sofort her, wenn du möchtest."

Wir blickten einander an.

Marty schüttelte den Kopf. "Ich weiß einfach nicht, was ich dir sagen soll. Ich habe mir den ganzen Tag etwas Tröstendes überlegt, aber es gibt einfach nichts ... Deine Kinder werden sich immerhin noch verabschieden können. Das ist nicht viel, aber mehr, als wir damals machen konnten."

"Sie sind erst sieben", sagte ich. "In dreißig Jahren werden sie sich kaum noch an ihre Mutter erinnern können."

"Dann ist es an dir, ihnen von ihr zu erzählen."

Einige Minuten lagen wir so da, dann stand Marty auf. Gemeinsam mit Elena kümmerte er sich an diesem Abend um die Kinder. Ich selbst lag reglos im Zimmer, hörte Luise und Vincent nach mir fragen und das Geräusch von klapperndem Geschirr oder einem laufenden Wasserhahn. Doch ich konnte mich nicht rühren und aufstehen. Ich blieb liegen, bis es in der Wohnung allmählich stiller wurde und alle schliefen. Dann machte ich das Licht an und las in Romanows letztem Buch.

*

Ich möchte nicht schildern, was die Krankheit am Ende mit Alvas Körper anrichtete. Und auch nicht auf die Momente eingehen, in denen sie die Fassung verlor und verzweifelte. Mir war, als hinge sie über einem Abgrund, nur noch mit einer Hand hielt sie sich an der Klippe fest, während die Krankheit einen Finger nach dem anderen löste.

Doch in ihrem sich selbst zerstörenden Körper wohnte noch immer ein starker Geist. Nach einigen Tagen der Fassungslosigkeit und Ohnmacht hatte Alva beschlossen, dem Tod tapfer entgegenzugehen. Ich wusste nicht, woher sie diese Kraft nahm, da sie doch kaum noch aufstehen konnte und nun immer länger im Morphiumschlaf vor sich hin dämmerte. Aber wenn sie wach wurde, blitzte sie auf, diese Kraft.

Alva war auf die Palliativstation verlegt worden. Kein weißer, monotoner Raum mehr, sondern ein fast wohnliches Zimmer mit getäfeltem Boden, Aquarellen an der Wand und einem roten Kunstledersessel. Vom Morgen bis zum Abend saß ich dort an ihrem Bett. Nutzte jede Sekunde, in der sie ansprechbar war, und wollte möglichst viele letzte Erinnerungen aus der Zeit stehlen, die uns noch blieb. Manchmal verlor ich in diesen Gesprächen die Fassung, überflutet von einem Gefühl des Verlusts, doch dann lächelte sie, auch wenn es nicht mehr ihr altes Lächeln war, und sagte, ich solle mich zusammenreißen, was solle der Tod denn von mir denken? Sie tat immer so, als stünde er mit im Raum.

"Du kannst ruhig offen reden", sagte sie. "Ich habe vor ihm keine

Geheimnisse."

Am schwierigsten waren für Alva die Vormittage, wenn sie starr und schweigend im Bett lag, unfähig, mit mir zu sprechen. "Wenn ich träume, ist alles weg", murmelte sie. "Wenn ich dann aufwache, muss ich jeden Tag aufs Neue lernen, dass ich bald sterbe. Und dann vergesse ich es nachts im Schlaf doch wieder."

Inzwischen war sie zu schwach und müde zum Lesen und ließ ihre philosophischen Bücher auf dem Nachttisch liegen. Dafür las ich ihr vor, Stellen aus Romanen, aber auch Gedichte. Ihr Lieblingsgedicht war von Rilke, inzwischen konnte ich es auswendig.

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen,

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,

wagt er zu weinen mitten in uns.

Am liebsten hatte sie es jedoch, wenn ich ihr etwas aus meinen eigenen Geschichten vorlas, aus den beiden Novellen in Romanows Buch. Von dem Mann, der in seinen Träumen ein zweites, anderes Leben führte. Und von jenem, der bis zu seinem Tod einsam blieb, weil er den Menschen die Zeit stahl und niemanden fand, der auf ein langes Leben verzichtete, um dafür wenige Jahre mit ihm zu verbringen.

"Deinen Roman werde ich ja in diesem Leben leider nicht mehr lesen können", sagte Alva bei einem unserer letzten längeren Gespräche. Später, als die Ärzte die Dosis erhöhten, war sie meist zu müde oder verwirrt vom Morphium, um sich noch richtig mit mir zu unterhalten, doch an jenem Nachmittag war sie wach.

"Es gibt so vieles, was ich noch gern gemacht hätte. So viele Orte, die ich gern gesehen hätte". Sie sah mich an. "Du wolltest immer für mich kochen."

"Ich habe oft für dich gekocht."

"Aber nie so, wie du es damals in der Schule wolltest."

Ich musste zugeben, dass das stimmte.

"Und die beiden Kleinen", sagte sie. "Ich wollte dabei zusehen, wie sie älter werden. Ich hätte mich so gern mit Luise unterhalten, wenn sie in die Pubertät gekommen ist und Probleme hat. Oder wenn Vincent zum ersten Mal verliebt ist". Sie griff nach meiner Hand. "Das musst jetzt du übernehmen."

In den Wochen zuvor hatte ich mir eingeredet, dass ich das alles schon

irgendwie hinkriegen würde, doch auf einmal brachen Verzweiflung und Wut aus mir heraus. Ich stand auf und ging im Zimmer umher. "Ich kann das alles aber nicht", sagte ich laut. "Ich kann dich doch nicht ersetzen. ICH BIN EINFACH NOCH NICHT BEREIT."

"Du bist ein toller Vater."

"Aber nur weil ich dich hatte. Du hast sie doch erzogen, du hast alles Wichtige gemacht. Ich habe nur mit ihnen gespielt. Ich bin einfach noch nicht bereit, jetzt allein für sie zu sorgen. Die Kinder hören jetzt schon nicht auf mich, sie nehmen mir die Rolle nicht ab."

Alva schüttelte müde den Kopf. "Du wirst daran wachsen, das weiß ich. Wenn sie dich brauchen, wirst du bereit sein."

"Ich möchte einfach nicht, dass sie so ein Leben führen wie ich früher". Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen, mein Fuß wippte nervös.

Sie blieb ruhig. "Ich verstehe dich. Aber ich sehe in dir als Vater weniger den fröhlichen Spaßvogel, der du mit den Kindern bist, als den ernsthaften Mann, der du immer warst. Und dein Bruder und deine Schwester werden dich unterstützen."

"Liz ist in Indien", sagte ich, noch immer ungläubig.

"Das wusste ich nicht."

"Sie hat vor drei Tagen gekündigt und ist einfach nach Mumbai abgehauen, statt mir hier zu helfen. Wie immer hat sie sich verpisst."

Darauf wusste Alva einen Moment nichts zu antworten.

"Trotzdem", sagte sie schließlich. "Ich könnte mir keinen besseren Vater für die beiden vorstellen. In diesem Punkt musst du mir jetzt mehr glauben als dir selbst."

Ich setzte mich zu ihr ans Bett. "Okay", sagte ich leise.

Ihre Hand wieder in meiner.

"Hast du Angst?", fragte ich.

"Manchmal. Wenn ich mir noch immer nicht vorstellen kann, dass ich bald sterbe, dann kriege ich Angst. Aber genauso oft kann ich es mir inzwischen vorstellen, und dann fühle ich mich gut. Irgendwann hätte es sowieso passieren müssen."

Ich nickte. Unser Gespräch war wie ein Wettlauf, beide wollten wir noch etwas hinzufügen. "Es sind nur acht Jahre", sagte ich. "Nur acht Jahre, in denen wir zusammen waren. Wir haben so viel Zeit vergeudet."

"Ich habe auch oft daran gedacht". Alva richtete sich mühsam auf und betrachtete mich. "Jules, weißt du noch, wann wir in der Schule das letzte Mal miteinander geredet hatten?"

"Beim Abschlussball?"

"Nein, da hast du mich nicht mal angeschaut. Es war davor."

"Stimmt", sagte ich. "Du bist plötzlich zu mir gekommen und hast gefragt, ob wir am letzten Wochenende des Schuljahres etwas zusammen machen, du wolltest unbedingt mit mir reden. Und ich hab mich nicht gemeldet, ich war wohl zu stolz. Dabei wollte ich dich natürlich treffen. Aber als ich dich später darauf angesprochen habe, hattest du es ohnehin vergessen. Es war dir völlig egal."

Sie zog ihre Hand zurück. "Nein", sagte sie. "Es war andersherum. Ich habe nach dem Wochenende dich angesprochen, wieso du dich nicht gemeldet hast, doch du ..."

Ich hörte ihre Stimme nur noch gedämpft. Ein weiteres Mal bekam die Realität einen feinen Riss, und ich sah nun wieder deutlich vor mir, wie ich damals im Klassenzimmer stand und ihr mit einem selbstgefälligen Grinsen diese Lüge erzählte, dass ich unsere Verabredung vergessen und auf einer Party etwas mit einem anderen Mädchen gehabt hätte.

Alva blickte mich an. "Das ganze Wochenende hatte ich gehofft, du würdest anrufen. Ich hatte dich endlich ... begriffen, Jules. Immer, wenn bei uns jemand angerufen hat, habe ich mir gewünscht, du wärst es."

"Ist das wahr?"

"Ja. Und als du dich nicht gemeldet hast, war ich traurig und sauer, vor allem aber auf mich selbst. Danach wollte ich nur noch weg."

Eine Weile suchte ich nach Worten. Doch als ich mir Vorwürfe machen wollte, unterbrach sie mich sofort.

"Wir waren einfach noch nicht so weit."

"Aber dann hätten wir viel mehr Zeit gehabt."

"Wir hatten auch so unsere Zeit", hörte ich sie sagen. "Lieber acht Jahre mit dir als fünfzig ohne dich."

Ich legte den Kopf auf ihr Bett. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich wieder zu diesem Sommer in unserer Jugend zurückkehren und ihre schüchternen Zeichen erkennen. Das Erinnerungsalbum, das sie mir damals einfach so geschenkt hatte und auf dem nur Fotos von uns beiden gewesen waren, zu denen sie kleine Gedichte geschrieben hatte. Oder wie sie einmal spöttisch sagte, sie wolle ins Ausland gehen und müsse sich schon verlieben, um zu bleiben. Damals hatten wir einander immer wieder verfehlt, uns als Freunde gebraucht und zu spät erkannt, was wir füreinander fühlten. Jetzt konnte ich unsere Fehler korrigieren, es war so teuflisch leicht. Egal, wo, ob in ihrem Fiat, in meinem Internatszimmer oder bei der Berghütte, es bedurfte nur weniger Worte,

nur weniger Taten, und alles lief anders ...

Doch dann musste ich die Augen wieder öffnen und mich dem stellen, was nun kommen würde. Es war das Unveränderliche.

*

Einige Nachbarn und Kommilitoninnen von Alva kamen vorbei, um sich noch von ihr zu verabschieden, und ihr Vater besuchte sie regelmäßig von Augsburg aus und brachte ihr Blumen mit. Nur ganz zum Schluss ertrug er es nicht mehr, nach der ersten nun tatsächlich auch noch seine zweite Tochter zu verlieren. Er bat mich, ihr einen Brief zu übergeben.

Und schließlich kam der Tag, an dem unsere Kinder Alva zum letzten Mal sahen. Da der Arzt gerade im Zimmer war, wartete ich mit ihnen auf einer Bank im Gang. Beide schwiegen, sichtbar überfordert. Sie waren erst sieben, und bestimmt war ihnen nicht bewusst, wie endgültig dieser Abschied sein würde, doch auf einer anderen, tieferen Ebene verstanden sie das, was ihnen bevorstand, nur zu gut.

Zwei Schwestern kamen diskutierend an unserer Bank vorbei, dann herrschte Stille.

"Gibt es Nangijala wirklich?", fragte Luise.

"Was soll das sein?", fragte ich.

"Das ist aus einer Geschichte, die Elena vorgelesen hat."

"Aus Die Brüder Löwenherz", ergänzte Vincent leise. "Nangijala ist ein Land, in das man kommt, wenn man stirbt."

"Ist es schön da?", fragte ich.

"Ja", sagten beide. Sie sahen mich erwartungsvoll an, als liege es nur an mir, was mit Alva nach ihrem Tod geschah.

"Ich bin mir sicher, dass sie dahin kommt, wenn sie will.

Vielleicht möchte sie aber auch woandershin. Sie wird jedenfalls irgendwo sein, wo sie euch gut sehen kann."

Beide glaubten es sofort, und für einen Augenblick glaubte ich es ebenfalls. Dann trat der Arzt aus ihrem Zimmer, und wir konnten hinein.

Ich hatte Angst, dass Alva schlafen oder von den Medikamenten benebelt sein würde. Erleichtert stellte ich fest, dass sie einigermaßen wach wirkte. Als sie die Kinder sah, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Im ersten Moment schien sie froh, doch als sie begriff, wieso ich die beiden hergebracht hatte, trat ein Schmerz in ihre Augen, den ich kaum ertragen konnte.

Wortlos legten unsere Kinder ihre Geschenke auf den Nachttisch. Vincent hatte ihr zum Abschied ein Bild mit seinen Lieblingstieren und

eines mit ihm und ihr gemalt, und Luise hatte ihr einen besonders schönen Stein mitgebracht, den sie beim Spielen im Park entdeckt hatte und der ihr Glück bringen sollte.

Sie umarmten Alva, dann legten sie sich noch einmal zu ihr ins Bett. Als sie schließlich weinten, wandte ich mein Gesicht ab und verließ das Zimmer. Mit verschwommenem Blick saß ich wieder auf der Wartebank, so machtlos, so nutzlos. Eine Leere in mir, die ich so nicht mal beim Tod meiner Eltern gespürt hatte.

Nach einigen Minuten kamen Luise und Vincent zu mir auf den Flur. Ich weiß nicht mehr, was wir danach machten oder redeten.

*

Inzwischen passten mein Bruder und Elena beinahe ununterbrochen auf die Kinder auf, damit ich bei Alva bleiben konnte. Besuchszeiten galten für mich nicht mehr. Ich wollte sie nicht alleinlassen, auch nachts nicht.

Hin und wieder hörten wir Musik aus dem CD-Player, den ich ihr mitgebracht hatte, Alben von Nick Drake oder ihrem geliebten George Gershwin. Meistens schlief sie dabei ein, dann legte ich mich neben sie, und manchmal redete ich auch leise von meinen Sorgen, wie es ohne sie werden würde.

War sie dagegen ansprechbar, erzählte ich ihr, dass ich damals nur in den Leichtathletikverein eingetreten war, weil sie Sportler bewunderte, oder von den Monaten der totalen Freiheit, als wir in München zusammengezogen waren. Wie wir die Kinder oft beobachtet hatten, wenn sie schliefen. Und natürlich sagte ich ihr immer wieder, wie sehr ich sie liebte und wie wichtig sie für mich sei und dass ich eines Tages über sie schreiben würde.

Alva lag einfach nur da und hörte zu.

"O nein", sagte sie einmal leise.

"Was ist?"

"Ich hab gerade an den eingefrorenen Fuchs gedacht, so wie du es damals gesagt hast."

Und in ihrem schmal gewordenen Gesicht tauchte ein Hauch ihres früheren Lächelns auf.

*

An ihrem letzten Tag ließ ich ihre Hand kaum noch los. Ich wollte nicht, dass sie ging und sich dabei allein fühlte, da ich spürte, dass es ihr noch immer schwerfiel. Die Ungeheuerlichkeit, dass sie jeden Moment sterben

konnte, dass sie alles loslassen und sich ins Ungewisse fallen lassen musste, war greifbar. Draußen war es sonnig, ich hatte die Jalousien heruntergelassen, doch das Licht drang durch die Ritzen und fiel in dünnen Streifen auf den Boden. Alva hielt die Augen inzwischen meist geschlossen, aber immer wenn ich ihre Hand drückte, drückte sie zurück. Und wenn ich mir einen Kaffee holen wollte, dann rannte ich, so schnell ich konnte, um danach wieder ihre Hand zu halten. Und wieder drückte sie einmal kurz zu und dann wieder ich, und noch war sie da.

Das letzte Mal machte sie ihre Augen am Nachmittag auf. Sie blickte mich an, und als sie sah, dass ich lautlos weinte, schien sie bedrückt zu sein, als gäbe sie sich die Schuld dafür. Und noch einmal drückte sie meine Hand, und dann schloss sie ihre Augen wieder. Ich konnte beinahe spüren, wie ihre Gedanken durch Raum und Zeit rasten und nach einer letzten Kostbarkeit suchten, einem letzten schönen Moment, an dem sie sich noch festhalten könnte. Vielleicht dachte sie an die Kinder und mich oder an ihre Schwester und ihre Eltern, an Vergangenes und Zukünftiges. Ein letztes großes Durcheinander von Gedanken und Gefühlen, wirrer Furcht und Zuversicht, während es auch schon mit ihr davonflog, überraschend schnell und fremd und unendlich weit weg.

Ein anderes Leben

Was, wenn es die Zeit nicht gibt? Wenn alles, was man erlebt, ewig ist und wenn nicht die Zeit an einem vorübergeht, sondern nur man selbst an dem Erlebten? Ich frage mich das oft. Man würde dann zwar die Perspektive wechseln und sich von geliebten Erinnerungen entfernen, aber sie wären noch immer da, und könnte man zurückgehen, würde man sie dort noch immer finden. Wie bei einem Buch, in dem man zurückblättert, vielleicht ganz an den Anfang. Mein Vater würde auf ewig mit mir abends im Park spazieren, und Alva und ich wären für immer auf unserem Trip nach Italien festgehalten, wie wir nachts im Auto sitzen und einer hoffnungsvollen Zukunft entgegenfahren. Ich versuche, mich mit diesem Gedanken zu trösten, aber ich fühle ihn noch nicht. Und ich kann nur glauben, was ich fühle.

*

Es hat gedauert, bis Liz von meinem Motorradunfall erfuhr, sie ist ohne Handy durch Indien gereist und hat erst nach Wochen ihre Mails gelesen. Am Tag ihrer Rückkehr fahren wir alle gemeinsam zum Münchner Nordfriedhof. Ich hinke, auf Romanows Gehstock gestützt, den Weg zwischen den Gräbern entlang, meine Geschwister an meiner Seite. Liz

zur linken, Marty zur rechten. Wegen meines Unfalls hat die Trauerfeier ohne mich stattgefunden, es ist das erste Mal, dass ich am Grab meiner Frau stehe. Ein schlichter Stein aus schwarzem Marmor, darin sind ihr Name sowie ihr Geburts- und Sterbedatum eingraviert. Eine Chiffre für ihre Geschichte: Alva Moreau 3.1. 1973 - 25. 8. 2014.

Als ich das alles vor mir habe, löst sich der Druck in meiner Brust. Der Tod ist das Gegenteil des Uneigentlichen, denke ich. Ich möchte einen Augenblick allein sein. Marty führt meine Kinder weg, auch Liz tritt zur Seite. Über dem Friedhof liegt Stille, nur das milde Säuseln des Windes ist zu hören. Auf einmal schäme ich mich, dass ich mich in den Wochen davor wie ein Kind in meine Traumwelten geflüchtet hatte. Aber nur dort konnte Alva noch am Leben sein. Dort, wo auch meine Eltern noch zu finden sind.

Die Erinnerung, letzte Zuflucht der Toten.

Und ich sehe wieder Alva vor mir und rede mit ihr, doch diesmal löst sich das Bild schnell auf und wird verdrängt von einem anderen: wie ich auf dem Motorrad sitze und eine Landstraße entlangfahre. Ich höre mit Kopfhörern Musik, das Visier offen, und ich weiß nicht mehr weiter. An jenem Morgen habe ich den Termin für die Beerdigung ausgemacht, und danach habe ich mit meinen Kindern geredet, und dabei ist mir wieder klargeworden, dass ich für das alles einfach nicht bereit bin.

Ich beschleunige und fahre immer schneller, und ja, es stimmt, es fühlt sich ein wenig an wie Fliegen, ganz so, wie Toni immer behauptet hat. Aber ich bin mir sicher, dass noch eine Steigerung möglich ist. In meinen Ohren leise Gitarrenklänge, Heroin von Velvet Underground, dann setzen vorsichtig Schlagzeug und Gesang ein, die Musik wird druckvoller, wütender, der Gesang bricht aus. Ich stelle auf maximale Lautstärke. Mein Herzschlag wird schneller, der Wind presst mein Gesicht nach hinten, und es kommt alles auf einmal hoch, Alvas Tod, die Vorstellung, mich nicht allein um die Kinder kümmern zu können, die Sorge, alles zu verlieren, und ich sehe Romanow vor mir, wie er mit angstvollem Blick sagt, dass er nicht loslassen könne, aber das wird mir nicht passieren.

Und in diesem Augenblick lasse ich los.

Das Motorrad fährt nicht in die Kurve, sondern geradeaus weiter, es verlässt die Straße, und ich denke, dass sich das wirklich wie Fliegen anfühlt. Für eine Sekunde bin ich so frei wie nie zuvor in meinem Leben, nichts liegt mehr in meiner Hand, nichts kann noch von mir kontrolliert werden, was geschieht, soll geschehen.

Und dann sehe ich für den Bruchteil einer Sekunde meine Kinder vor mir. Ich reiße das Motorrad im letzten Moment doch noch nach links,

streife den Baum nur seitlich, und alles wird dunkel, bis ich in einem Klinikzimmer wieder zu mir komme.

*

Wenige Tage nach dem Besuch am Grab werde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Liz wohnt vorübergehend bei mir, auch mein Bruder und Elena sind oft da. Sie können keine Kinder haben, nun kümmern sie sich um meine. Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, macht Elena Mittagessen, wenn ich wie gelähmt im Bett liege und Alvas Mailbox anrufe, um ihre Stimme zu hören, spielt Marty mit den Kindern im Hof. Eine bleierne Zeit, in der ich einfach nicht auf die Beine komme. Alva hat mir Jahre vor ihrem Tod gesagt, dass sie es nicht wissen wolle, wenn sie etwas zum letzten Mal tue, und nun überlege ich mir Dinge, die sie zum letzten Mal getan hat und wann und wo. Der letzte Kuss, an ihrem Bett. Der letzte Sex, kurz und flüchtig zu Hause, im festen Glauben, bald wieder miteinander zu schlafen. Das letzte Mal mit den Kindern gespielt hat sie in ihrem Klinikzimmer, Memory, und Luise hat gewonnen, sogar mit vier Paaren Vorsprung. Ja, das weißt du noch, denke ich, so etwas Unnützes merkst du dir.

Die Kinder haben verstanden, dass ich Hilfe brauche, sie hören auf mich, wenn ich sie ins Bett bringe, oder möchten, dass ich ihnen bei ihren Hausaufgaben helfe. Wie meine Geschwister und ich damals werden auch sie nun ein anderes Leben führen. Ihr eigentliches Leben mit ihrer Mutter ist vorbei, stattdessen hat es nun eine Abzweigung genommen. Und auf diesem neuen, beschwerlicheren Weg brauchen sie jemand, der sie durch alles führt, und dieser Jemand werde ich sein. Und ich begreife, dass ich vielleicht doch der Richtige dafür bin, denn schließlich habe ich das alles schon einmal durchgemacht.

Dieser Gedanke genügt, um mir Hoffnung zu geben. Um zumindest zu funktionieren. Ich kann wieder lachen, wenn ich es muss, den Kindern vorlesen, wenn sie es wollen, für sie kochen und den Alltag meistern. Doch einmal läuft im Radio ein Song, der von den achtziger Jahren handelt, einer Zeit, als ich ein unbeschwertes Kind gewesen bin. Ich höre diese einfache Zeile im Refrain und bin für einen Moment aus der Bahn geworfen:

Things are better when they start,

That's how the 80s broke my heart

Nach einigen Monaten ist unser Leben wieder so normal wie möglich. Dass es nie mehr völlig normal sein wird, dafür sorgt schon der Umstand, dass die Kinder und ich zu Marty und Elena in das Haus am Englischen Garten ziehen. Sie haben schon immer zu viele leere Zimmer gehabt,

und nun werden sie nicht mehr allein sein und meine Kinder und ich auch nicht.

An dem Tag, als wir unser altes, inzwischen leergeräumtes Zuhause endgültig verlassen, betrachte ich die kahlen Räume und überlege, was Alva und ich im Laufe der Jahre noch verändert hätten. Stelle mir vor, wie aus den Kinderzimmern später Jugendzimmer geworden wären, reiße in Gedanken Wände heraus oder streiche die Küche neu.

Marty steht draußen beim Umzugswagen und ruft nach mir.

"Jules, kommst du?"

Ich lasse meine Blicke noch ein letztes Mal umherschweifen, sehe in den Innenhof, auf die Schaukel und das Baumhaus. Dann wende ich mich ab und gehe zu ihm.

*

Luise ist anfangs gegen den Umzug gewesen, aber Vincent liebt seinen Onkel und ist froh, bei ihm zu wohnen. Gemeinsam sitzen sie oft im Kinderzimmer, und wie früher verbringt Marty Stunden damit, an einem benzinbetriebenen Spielzeugauto zu tüfteln oder kleine Flüssigkeiten auf Glasplättchen zu verteilen. Den Flitzer und das Mikroskop hat er Vincent geschenkt. Und ein bisschen sich selbst. Überhaupt ist es die Zeit der erfüllten Wünsche, wir gehen mit den Kindern alle zwei Wochen ins Fußballstadion oder in den Zoo, besuchen das Deutsche Museum und eine Schiffsausstellung. An den Sonntagen stelle ich ihnen den Fernseher ins Zimmer, mache ihnen heißen Kakao mit Sahnehaube und getoastete Brote mit Speck, und dann sehen wir zusammen ihre Lieblingscartoons an.

Während Luise oft sehr um ihre Mutter trauert, ehe sie im nächsten Moment wieder fröhlich ist, blühen Vincents Gefühle im Verborgenen. Man sieht ihn nie lächeln, was schade ist, denn mein Sohn hat ein sehr schönes Lächeln, wie ich finde, eines, das auf einen Schlag alles Nachdenkliche aus seinem Gesicht vertreibt. Das Malen, das ihn monatelang begeisterte, hat er inzwischen wieder aufgegeben, und seit kurzem fürchtet er sich vor der Dunkelheit. Wir müssen nun immer die Tür zum Kinderzimmer einen Spalt offen lassen, so dass ihn das tröstliche Licht des Flurs erreicht.

Einmal kann er trotzdem nicht einschlafen und kommt mit seiner Decke ins Wohnzimmer, wo ich wie immer nachts fernsehe. Alles spielt sich wortlos ab. Vincent sieht mich kurz fragend an, ob er das überhaupt darf, aber als ich ihm über den Kopf streichle, versteht er und kuschelt sich an mich. Es läuft gerade eine Dokumentation über Bergkristalle und

wie manche von ihnen nur in der Dunkelheit und im Schatten wachsen und gedeihen. Kristallisation.

Plötzlich kommen Vincent die Tränen. Er gibt jedoch keinen Laut von sich und starrt weiter auf den Fernseher, als ob er es vor mir verheimlichen will. Ich umarme ihn, und erst da fängt er richtig an zu weinen.

"Ich vermisse sie auch", sage ich immer wieder.

Nach einer Weile hat er sich wieder beruhigt und ist eingeschlafen. Ich schaue längst nicht mehr fern, sondern nur noch auf ihn. Habe wieder die alten Bilder vor mir: Wie ich nach dem Tod meiner Eltern allein in meinem Internatszimmer sitze, noch mit Schnee in den Haaren. Wie ich unsicher auf dem Pausenhof stehe und die anderen Kinder beim Spielen beobachte. Wie es mich davontreibt, fort, fort, fort.

Ich trage Vincent in sein Bett, decke ihn zu, fühle eine tiefe Verbundenheit. Ich sehe mich selbst so sehr in diesem Jungen, dass es mich schmerzt.

*

Im Spätherbst besuche ich Liz in Berlin. Sie hat ihre Stelle als Lehrerin gekündigt, um Kinderbücher zu schreiben und sie selbst zu illustrieren. Ich halte das für eine gute Idee, vor allem, als ich erste Zeichnungen und Entwürfe sehe. Marty und ich haben ihr ohnehin zugesichert, sie finanziell zu unterstützen.

"Bereust du es, dass du deinen Job aufgegeben hast?", frage ich sie.

"Keine Sekunde. Die Schüler haben mir keine Liebesbriefe mehr geschrieben. Da wusste ich, dass ich aufhören muss."

Liz ist in eine Wohnung nach Kreuzberg gezogen, die meisten ihrer alten Sachen hat sie weggegeben. All die Kistchen und Kommoden, die Puppen und Figürchen, die asiatischen Tassen und afrikanischen Krüge. Ihre neue Wohnung ist klar und hell und leer. Nur in der Küche hängt noch ein altes Bild aus Internatszeiten. Ich bin darauf Ende dreizehn, winzig und verträumt, Marty sechzehn, ein Riese mit Ledermantel und langen Haaren, Liz siebzehn. Sie blickt unter der Kapuze ihres grünen Parkas rebellisch in die Kamera, eine Kippe zwischen den Lippen. Unbezwingbar in ihrer Jugend.

"Es tut mir leid, dass ich einfach abgehauen bin", höre ich sie sagen. "Ich wäre gern die ältere Schwester, die immer auf ihre Brüder aufpasst, stattdessen habe ich dich jetzt zweimal im Stich gelassen, und das ist zweimal zu viel. Ich kann mir einfach nicht entkommen."

Ich wende den Blick von dem Foto ab. "Ist schon okay."

"Du sagst immer: Ist schon okay, du kannst dich auch gern mal beschweren. Nichts ist okay, wenn man genauer drüber nachdenkt."

"Vielleicht. Aber das hilft ja niemandem."

Sie nickt. "Ich schlafe übrigens mit ihm."

"Mit wem?"

"Mit wem wohl."

Ich komme wirklich nicht drauf.

"Mit Toni."

Im ersten Moment bin ich davon so überrascht, dass ich ihr nur einen spöttischen Blick zuwerfen kann. "Und warum auf einmal jetzt?"

"Weil ich ein Kind möchte."

"Und sonst ..."

"Es gibt kein Sonst, es dient allein der Fortpflanzung. Ich weiß, wie seltsam das klingt, weil ich mich früher immer darüber aufgeregt habe, über dieses ganze Müttergerede, und immer der Ansicht war, dass Sex was Wildes ist und vor allem Spaß machen soll. Aber jetzt ist es eben auch mal das, wofür es vielleicht wirklich gedacht ist."

Ich will etwas sagen, aber sie macht mir ein Zeichen, dass ich den Mund halten solle.

Dass Toni dieser Tage besonders euphorisch ist, verwundert mich also nicht. Als ich ihn davor warne, sich zu viel zu erhoffen, winkt er ab.

"You can't be wise and in love at the same time."

"Behauptet wer?"

"Bob Dylan". Ein breites Grinsen zieht über sein Gesicht.

"Aber du weißt, dass sie dich nicht liebt."

"Sie tut es vielleicht, wenn das Kind da ist". Toni stößt mich an. "Ich find's übrigens schön, dass ihr alle zusammengezogen seid."

"Tatsächlich erinnert mich das Ganze ein bisschen ans Internat. Ich glaube langsam, dass im Leben alles irgendwann wiederkommt."

"Das Internat ... Wie hieß noch mal diese kleine Bar, wo wir immer Billard gespielt haben?"

"Das ›Jackpot‹."

"Stimmt, das ›Jackpot‹. Wieso merkst du dir das alles? Ich hab's Gefühl, dass du nichts vergisst". Toni deutet auf meine Stirn. "Alles da droben eingesperrt."

Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, du kannst gar nicht anders, hat

Alva vor Jahren zu mir gesagt, und vielleicht stimmt das. Ihre Schwester Josephine und die Purzelbäume vor dem Einschlafen, meine Tante Helene, unsere verhärmte Großmutter, alte Mitschüler, lose Bekanntschaften, mein ehemaliger Chef beim Label und natürlich auch Norah: In meinem Kopf gibt es ein ganzes Königreich mit all diesen oft halbvergessenen Weggefährten. Ich will sie alle vor dem Verschwinden bewahren, ich habe das Gefühl, dass sie sonst nie da gewesen wären.

Und so fange ich an, meinen Roman zu überarbeiten und umzuschreiben. Manchmal fürchte ich zwar, er könnte zu düster geraten, und ich weiß auch, dass es schwierig sein wird, allen gerecht zu werden, vor allem ihr. Schließlich ist es das, was ich mit Alva vorhabe: sie zu einer unsterblichen Romanfigur zu machen. Doch selbst wenn ich diese Geschichte niemals beende, werde ich nicht mehr aufhören zu schreiben. Denn ich habe begriffen: Nur dort kann ich alle gleichzeitig sein. Alle, die möglich waren.

Denn der kleine Junge, der sich vor allem fürchtet, das bin ich. Genauso das Kind, das mit dem Fahrrad todesmutig den Hügel hinunterfährt, sich den Arm bricht und trotzdem sofort weitermacht. Ich bin der Außenseiter, der sich nach dem Tod seiner Eltern zurückzieht und nur noch vor sich hin träumt. Genauso der bei den Mädchen beliebte, temperamentvolle Schüler, dessen Eltern noch leben. Ich bin der Teenager, der sich nicht traut, seine Liebe zu gestehen, und in die Einsamkeit abrutscht. Der fröhliche, selbstsichere Student, der sein Leben anpackt. Der Orientierungslose, der sein Studium abgebrochen hat und bei einem Label in Berlin arbeitet. Der Mann, der von dieser Stelle nicht erfahren hat und ins Ausland ging, wo er noch immer lebt. Der Fotograf, der es unbedingt wollte und inzwischen Erfolg hat. Der Schriftsteller, der sich mit seinem Vater noch versöhnen konnte und dadurch nicht als Fotograf Abbitte leisten musste. Ich hatte keine Chance bei Alva, weil ihre Schwester nicht verschwunden ist und sie mich später nicht gebraucht hat. Alva hatte keine Chance bei mir, weil es nach der Schule gut für mich lief und ich sie vergessen konnte. Ich habe die Frau meines Lebens gefunden und zu früh wieder verloren. Ich habe sie in meiner Jugend halten können, wir haben die Zeit genutzt. Ich bin nie mehr mit ihr zusammengekommen, sondern bei Norah geblieben, wir haben einen Sohn. Und ich bin in Montpellier aufgewachsen und kinderlos verheiratet, Alva habe ich nie kennengelernt.

All das ist möglich gewesen, und dass aus Tausenden Varianten ausgerechnet diese eine zustande gekommen ist, schien mir lange zufällig geschehen zu sein. Als junger Mensch hatte ich das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch

stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze. Und ich muss nur an die Momente mit Alva und meinen Kindern denken, um zu begreifen: Dieses andere Leben, in dem ich nun schon so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein.

Denn es ist meins.

*

Wie früher liest uns Marty beim Frühstück interessante Artikel aus der Zeitung vor, und inzwischen haben wir sogar einen Billardtisch im Keller. "Ist es nicht komisch, dass wir beide Freunde geworden sind?", frage ich ihn, als wir nachts gegeneinander spielen. "Ich dachte als Kind, dass ich dich hassen würde."

Als Antwort versenkt Marty die grüne Kugel im Loch. Er klopft mir kurz auf die Schulter und erzählt dann scheinbar ungerührt von einem besonders begabten Studenten. Aber ich kann ihm ansehen, dass er verlegen ist.

"Nur mal so", sage ich. "Als sie mich damals geduscht haben. Hast du mich da wirklich nicht gehört?"

"Wann soll das gewesen sein?"

"Im Internat. Ich hab direkt vor deiner Tür nach dir geschrien. Hast du mich jetzt gehört oder nicht?"

Marty zuckt mit den Schultern. "Ich erinnere mich nicht."

Ich lache. "Du Mistkerl. Natürlich erinnerst du dich."

In seinem Gesicht blitzt ein schuldbewusstes Lächeln auf, dann versenkt Marty eine weitere Kugel mit einem kunstvollen Stoß über die Bande.

"Gib nicht so an", sage ich.

Später sind wir oben in der Küche, mein Bruder macht Chicken-Sandwiches mit Salat und Mayonnaise, seine Spezialität. Er reicht mir die Teller, dann stellt er einen Topf mit Milch auf den Herd.

"Was wird das, machst du mir jetzt auch noch einen Kakao?"

Er grinst nur. Mit unseren Tellern setzen wir uns vor den Fernseher.

"Ich muss zugeben, das Sandwich ist einfach überragend". Ich lehne mich behaglich zurück und nehme noch einen Bissen, im Fernsehen läuft

ein Schwarzweißfilm, Charles Foster Kane betritt die verschlafene Redaktion des New York City Inquirer und mischt den Laden auf.

"Jules, weißt du noch, wie wir in eurem alten Schlafzimmer lagen? Du hattest an dem Tag erfahren, dass Alva es nicht schafft. Ich wollte dir etwas Tröstendes sagen, mir fiel aber nichts ein."

Ich nicke, ich habe es nicht vergessen.

"Das hat mich damals sehr geärgert", sagt Marty. "Ich bin dein älterer Bruder, zwar bedeutet das in unserem Alter nicht mehr viel, aber trotzdem. Ich habe die letzten Wochen oft darüber nachgedacht, was ich dir damals hätte sagen können. Als wir dann auf dieser Schiffsausstellung waren, ist mir etwas klargeworden. Ein Vergleich, ein bisschen albern."

Ich trinke einen Schluck Kakao. "Schieß los."

"Es ist ... Wir sind von Geburt an auf der Titanic". Mein Bruder schüttelt den Kopf, er fühlt sich bei solchen Reden unwohl. "Was ich sagen will: Wir gehen unter, wir werden das hier nicht überleben, das ist bereits entschieden. Nichts kann das ändern. Aber wir können wählen, ob wir schreiend und panisch umherlaufen oder ob wir wie die Musiker sind, die tapfer und in Würde weiterspielen, obwohl das Schiff versinkt. So wie "... Er sieht nach unten. "So wie Alva das getan hat". Mein Bruder will noch etwas hinzufügen, dann schüttelt er wieder den Kopf. "Tut mir leid, ich bin einfach nicht gut in so was."

*

Nur langsam wachse ich in Alvas Tod hinein. Inzwischen habe ich mich an der Universität eingeschrieben und höre Vorlesungen in Philosophie und Anglistik, nachts dagegen gehe ich oft spazieren. Meine neue Begleiterin ist die Schlaflosigkeit, und so stromere ich nun häufig nach Mitternacht allein durch das Viertel. Meine Streifzüge enden stets damit, dass ich in ein bestimmtes Cafe einkehre, eines der wenigen, die um diese späte Zeit noch geöffnet haben. Es ist stilvoll und dezent, am Klavier improvisiert ein älterer Herr. "Ah, der Gershwin-Fan", sagt er, als er mich entdeckt, denn beim letzten Besuch habe ich ihn gebeten, ob er nicht etwas von George Gershwin spielen könne. Ich nicke ihm zu, dann betrachte ich wieder die wenigen Gäste, die sich Nacht für Nacht hier einfinden, und frage mich, weshalb sie in diesem Cafe sind und nicht bei sich zu Hause. Sie alle haben ihre Geschichte, ihren Grund, und ich möchte ihn im Stillen für mich erraten.

Elena besuche ich in dieser Zeit nicht mehr so oft in ihrer Praxis, stattdessen gehen wir hin und wieder im Englischen Garten spazieren.

"Wie oft denkst du an sie?", fragt sie mich eines Tages.

"Oft", sage ich sofort. Ich überlege. "Aber nicht mehr so oft wie noch vor Monaten. Es gibt Momente, in denen ich sie vergessen habe, und dann fühle ich mich schlecht."

"Das solltest du nicht", sagt sie. "Es ist wichtig, dass du jetzt anfängst, nach vorne zu schauen. Vincent und Luise brauchen dich in den nächsten Jahren. Sie werden Freunde haben, in die Pubertät kommen, sich verlieben, sie werden Schwierigkeiten haben und Hilfe brauchen. Das alles liegt vor dir. Und du wirst es gut machen."

Während sie weiter mit mir spricht, wird mir bewusst, dass Elena wie so oft recht hat. Die Vergangenheit verblasst zusehends, aber auch die Zukunft ist noch weit weg. Ich kann nur an den Moment denken, an die Kinder, an ihre Sorgen in der Schule oder an die Aufgabe, die beiden zu erziehen. Ihre Bedürfnisse türmen sich so hoch vor mir auf, dass ich kaum erkennen kann, was dahinterliegt, etwa mein eigenes Altwerden. Irgendwie beruhigend.

Ich bleibe stehen und fasse Elena bei der Hand. "Ich hab dir vielleicht nie gesagt, wie froh ich bin, dass wir dich haben", sage ich. "Ich wüsste gern, wie ich dir danken könnte, für alles. Du hast meinen Bruder gerettet, und meine Kinder lieben dich."

Elena bleibt ebenfalls stehen und streicht sich das dunkle Haar aus der Stirn. "Als ich damals erfahren habe, dass ich keine Kinder haben kann, da ist irgendetwas in mir zerbrochen. Ich hab es natürlich akzeptiert, aber ich hab geglaubt, dass da für immer etwas fehlen würde. Ein ewiges, stummes Gefühl des Bedauerns. Du und deine Kinder, ihr habt dafür gesorgt, dass dieses Gefühl langsam verschwindet."

Es ist ein etwas förmlicher Austausch, wie ich belustigt feststelle, als hätten wir uns gegenseitig eine wichtige Urkunde überreicht. Ich nicke ihr noch einmal zu, dann gehen wir wieder weiter. Mir fällt auf, dass ich mich besser fühle.

*

Weihnachten verbringen wir in München, neben Liz und Toni kommt auch Alvas Vater. Als er seine Enkel sieht, lebt er auf. Er schmückt mit ihnen den Baum und erzählt gutgelaunt von einer spektakulären Klettertour am Montblanc, doch kurz darauf sehe ich ihn in selbstvergessenem Schweigen auf der Couch sitzen. Gerade als ich zu ihm gehen will, setzt sich Elena zu ihm, sie beginnen ein Gespräch.

Ich erkläre feierlich, für alle zu kochen, und stehe den restlichen Tag in der Küche. Meine Kinder dürfen mir Gesellschaft leisten. Vincent ist

schnell gelangweilt und rennt wieder raus, Luise hingegen sieht mir interessiert zu.

"Was machst du da?"

"Ich stopfe den Truthahn. Das wird die Füllung."

"Und was kommt da alles rein?"

"Datteln, Paprika, Zwiebeln, ein bisschen Salbei und Pfeffer ... Möchtest du auch?"

Ich bringe ihr bei, wie es geht, und da es ihr Spaß macht, zeige ich ihr auch noch ein paar andere Dinge. Wir verbringen den halben Tag in der Küche, sie hilft mir bei der Kräutersoße, beim Kartoffelgratin und später auch beim "unwiderstehlichen Kuchen". Ich beobachte sie und werde ganz sentimental, aber sie scheint es nicht zu bemerken, wuselt zum Kühlschrank, flitzt zurück und las st mit aufmerksamem Blick Schokolade im Topf schmelzen. Mir fällt ein, wie meine Mutter früher diesen Kuchen gebacken hat, und ich denke erneut: Alles kommt wieder.

Es passiert nicht mehr so häufig, dass Bilder der Vergangenheit nach mir greifen, doch wenn es geschieht, bin ich jedes Mal überrascht, wie sehr das Licht der Erinnerung manche Momente zum Leuchten bringt. Ein gewöhnlicher Abend im Internat wird im Rückblick zu einem wunderbaren Erlebnis. Ich sehe mich neben meinen Mitschülern am See sitzen, wir trinken etwas, scherzen über einen von uns, malen uns die Zukunft aus. Mein Gedächtnis rückt mich nun jedoch näher an die anderen heran, als es tatsächlich der Fall gewesen ist, platziert mich liebevoll in der Mitte des Geschehens. Plötzlich lache ich unbeschwert mit meinen Mitschülern, dabei weiß ich, dass es auch ganz andere Momente gegeben hat. Und doch kann ich spüren, dass ich damals zufrieden gewesen sein muss. Das Gedächtnis ist ein geduldiger Gärtner, und der winzige Samen, den ich an jenem Abend im Internat in meinem Kopf angelegt habe, ist im Laufe der Jahre zu einer prächtigen Erinnerung herangewachsen.

Vor der Bescherung wird gesungen, die Erwachsenen mit selbstironischen Blicken, die Kinder unschuldig und freudig, und nach dem Essen, als wir wohlig satt am Tisch sitzen, führt Toni noch ein paar Tricks vor. Er verwandelt Spielkarten in Geldscheine, dann nimmt er eine Gabel vom Tisch - meine - und reibt an ihr, bis sie sich wie eine Schnur verknoten lässt. Wir staunen noch, da richtet sich Tonis Blick bereits auf seinen linken Schuh, dessen Schnürsenkel aufgegangen sind. Lässig schüttelt er das Fußgelenk, und die Schnürsenkel binden sich dabei wie von Geisterhand selbst, sogar mit doppelter Schleife.

"Wahnsinniger", ruft Marty. "Erzähl sofort, wie du das gemacht hast."

Als wir später die Kinder ins Bett bringen, verabschiedet sich auch Alvas Vater. Er umarmt seine Enkel kurz, aber liebevoll, danach begleite ich ihn zur Tür. "Danke für die Einladung", sagt er und will zu seinem Wagen gehen.

"Ich bin nicht sicher, ob du es weißt, aber als Alva ein Kind war, ist sie am liebsten mit dir auf dem zugefrorenen Weiher Schlittschuh gelaufen."

Er bleibt stehen.

Aus Verlegenheit spreche ich mit gesenktem Kopf weiter: "Und jedes Mal, wenn du uns in den letzten Jahren besucht hast, war sie schon Stunden vorher aufgeregt und hat sich gefreut. Alva hat deinen Schmerz verstanden und warum du so selten da warst und am Ende nicht mehr ins Krankenhaus kommen konntest. Sie hat immer alles verstanden, und sie hat dich geliebt, das weiß ich ..."

Ich spüre die Hand von Alvas Vater auf meinem Arm und blicke verwundert auf. Zum ersten Mal an diesem Abend sieht er mich direkt an. Seine Augen sind grün, nicht so hell wie die seiner Tochter, dafür sehr sanft und schwermütig. Es scheint, als wolle er etwas sagen, doch schließlich nickt er mir nur zu.

Als er davongefahren ist, fällt mein Blick auf die italienische Kommode im Gang, die aus meiner früheren Wohnung stammt. Alva hat immer besonders gern auf dieser Kommode gesessen, wie ein seltsames Tier, die Füße zu sich herangezogen, gedankenverloren lesend, Musik hörend oder mit mir diskutierend. Und obwohl es ein sehr schönes Weihnachten gewesen ist, sackt plötzlich alles in mir weg, und mein Blick verschwimmt. Ich beiße mir auf die Lippe und muss an die Station denken, auf der Alva ihre letzten Tage verbrachte. Sie fehlt mir in diesem Moment so sehr, und statt zurück zu den anderen zu gehen, trete ich auf die Veranda und sehe in die Nacht hinaus. Glitzernder Rauhreif an den Zweigen und Ästen der Bäume, der steinerne Boden mit einer zarten Kristallschicht überzogen. Es ist kalt, doch das stört mich nicht.

Nach einer Weile kommt Liz zu mir nach draußen. Sie drückt mir ein rotes Kuvert in die Hand. "Dein anderes Geschenk. Er soll dir mehr Glück bringen als mir."

Im Kuvert finde ich einen kleinen weißen Holzstein. Einen, wie man ihn bei Malefiz verwendet. Gerührt lege ich den Arm um meine Schwester.

"Glaub nicht, dass nur du uns siehst", Liz lehnt sich an mich, "du wirst auch gesehen. Ich denke oft an meinen Jules und was er so grübelt und wie es ihm geht."

Wir betrachten den sternenverhangenen Himmel. Eine tiefe Geborgenheit überkommt mich bei diesem Anblick, zum ersten Mal empfinde ich den Gleichmut des Alls als tröstend.

Liz dagegen sieht mich von der Seite her an, ihr Mund nach oben gekräuselt.

"Was ist?", frage ich.

Ich erhalte keine Antwort.

"Jetzt sag schon, was ist los?"

Doch sie geht einfach wieder hinein.

Später, als alle anderen schon schlafen und ich gerade zu meinem nächtlichen Spaziergang zum Cafe aufbrechen will, sehe ich Liz in ihrem Pyjama auf der Wohnzimmercouch sitzen, die Gitarre auf dem Schoß. Sie bemerkt mich nicht und spielt erst ziellos vor sich hin, dann aber stimmt sie ein Lied an, das mir seit frühester Kindheit vertraut ist. Ich komme nicht sofort darauf, aber als ich sie das erste Mal dazu singen höre, weiß ich es.

*

Es passt zu Liz, dass sie ihre Schwangerschaft wochenlang geheim gehalten hat. Marty und ich ziehen sie damit auf, dass sie die älteste Mutter der Welt sein wird, aber sie sagt, sie habe eben einfach so lange gebraucht.

Toni ist natürlich begeistert. Nur dass Liz nicht mehr mit ihm schläft, beschäftigt ihn. "Mission accomplished", sagt er in seinem Wiener Dialekt. "Das war's dann wohl mit uns. Aber ich hätte nicht gedacht, dass mich das so mitnimmt."

"Ja, das kommt wirklich sehr überraschend."

"Mach du nur deine Sprüche", sagt er zu mir. "Ich bin ja trotzdem der Überzeugung, dass sie wieder zu mir zurückkommt, wenn's Kind da ist. Vielleicht will sie dann noch eins, und das zaubern wir auch noch her."

"Sie wäre dann sechsundvierzig."

"Ist doch wurscht. Die Uhren ticken mal so, mal so."

Die Fruchtwasseruntersuchung ergibt, dass alles in Ordnung ist. Es wird ein Mädchen werden. Vor allem Luise freut sich darüber und will ihre Cousine später unbedingt in irgendetwas "unterrichten", worin genau, möchte sie jedoch nicht sagen. Inzwischen scheint sie den Tod ihrer Mutter einigermaßen verwunden zu haben. Sie geht jede Woche zum Akrobatikkurs(und schlägt aus Übermut auch bei uns zu Hause Räder), bringt oft Freundinnen zum Essen mit, und ihre Lehrerin hat mir

versichert, dass sie ein fröhliches, beliebtes Kind ist.

Vincent dagegen tut sich nach wie vor schwer. Seine Schulnoten sind eingebrochen, er redet kaum noch, die anderen Kinder beginnen, ihn zu meiden. Er hat nur zwei ähnlich zurückhaltende Freunde, bei denen er häufig nachmittags zu Besuch ist, um Videospiele zu spielen. Ich weiß, dass ich etwas unternehmen muss, damit er mal nicht genauso verschlossen und ängstlich wird wie sein Vater früher.

Immerhin ist der Junge zäh. Ich gehe zu jedem seiner Fußballspiele. Meistens sitzt er auf der Bank und wird erst kurz vor Schluss eingewechselt. Die anderen Kinder scheinen alle größer, robuster, ehrgeiziger, er selbst steht oft verträumt auf dem Platz, was seinen Trainer zur Weißglut bringt. Er lässt Vincent immer Verteidiger spielen, was definitiv nicht seine Position ist, denn er ist viel zu schmal und leicht und lässt sich von den gegnerischen Stürmern einfach wegschubsen.

Einmal jedoch, es ist ein wüster, regnerischer Tag Ende März, kommt er wieder gegen Ende ins Spiel. Anstatt hinten zu bleiben, geht Vincent immer wieder in den Sturm. Sein Trainer schreit von außen, er solle zurück, aber mein Sohn bleibt einfach vorne stehen. Kurz vor dem Abpfiff spielt jemand aus seiner Mannschaft einen langen, hohen Ball. Alle vier gegnerischen Verteidiger hüpfen daran vorbei, eine Slapstick-Nummer, und plötzlich ist Vincent allein vor dem Tor. Er schießt überhastet, der Ball prallt am Torwart ab, kommt zu ihm zurück, er schießt noch mal, und diesmal landet er im Netz. Sein erster Treffer überhaupt. Vincent dreht sich mit großen Augen um, er kann am allerwenigsten fassen, was gerade passiert ist. Die anderen Kinder rennen auf ihn zu und umarmen ihn, der Trainer lobt ihn zögerlich, und er steht noch immer da und blickt ungläubig umher. Dann sieht er zu mir und lächelt plötzlich. Es ist sein schönes, seltenes Lächeln, hintergründig und fast ein bisschen weise.

Ein Lächeln, mit dem er alles retten kann.

Ich winke zurück, was ihm jedoch schon wieder peinlich zu sein scheint, denn er läuft bereits weiter und wischt sich die Nase an seinem Trikotärmel ab.

*

In den Osterferien kommen Liz und Toni zu Besuch, in alter Tradition wollen wir nach Frankreich fahren. Wir sitzen schon im Wagen, das Gepäck ist verstaut. Nur mein Bruder trödelt, wie so oft ist er der Letzte. Da fällt mir ein, dass ich den Fußball der Kinder vergessen habe. Ich renne zum Haus zurück, und schon auf der Veranda höre ich das altvertraute Geräusch.

Vor dem Eingang sehe ich Marty konzentriert die Klinke herunterdrücken, immer wieder und immer dasselbe Muster. Achtmal schnell, achtmal langsam, achtmal schnell. Er ist so darin versunken, dass er mich erst nach einer Weile entdeckt. Im ersten Moment fühlt er sich ertappt. Dann zuckt er verschämt mit den Schultern. "Nun ja, wir haben wohl alle unsere kleinen, dunklen Geheimnisse."

Wir betrachten einander stumm.

"Erzähl Elena bitte nichts", sagt er schließlich.

"Wie oft machst du das eigentlich?"

"Insgesamt vierundsechzigmal. Acht ist meine Glückszahl, acht mal acht hält deshalb doppelt. Früher habe ich es dreiundzwanzigmal gemacht, aber es hat nicht funktioniert, mit dem Glück. Jetzt also die multiplizierte Acht. Erst drücke ich schnell, für das schnelle Glück, dann wieder langsam, für die stetige Zufriedenheit."

Ich schweige, dann gehe ich ins Haus und hole den Ball.

"Du weißt, dass ich das jetzt alles noch mal von vorne machen muss", sagt mein Bruder an der Tür. "Tut mir leid."

"Was soll ich den anderen sagen, wo du bist?"

"Denk dir was aus."

"Dir ist klar, dass du mit Elena immer drüber reden kannst?"

Marty schüttelt nur den Kopf und grinst mich dabei hilflos an. Eine Fünkchen Wahnsinn, als Preis für die Normalität. Ich gehe allein zum Wagen und lasse den Ball auf dem Pflaster auftippen. Währenddessen höre ich, wie mein Bruder wieder die Klinke herunterdrückt.

*

Die Frühlingssonne trifft mit gleißender Kraft auf die Bäume. Gelockt von der blühenden Natur des Languedoc, nehme ich Vincent und Luise zu einem Ausflug mit. Unterwegs möchten sie wissen, wem das Haus in Berdillac gehört hat, wieso ich fast nie Französisch spreche, wer der beste Fußballspieler der Welt ist und ob Onkel Toni wirklich magische Kräfte hat und auf Hogwarts gewesen ist, wie er behauptet. Ich antworte geduldig, erfüllt von dem Glück, die beiden um mich zu haben.

Wir kommen zu einem Hügel. "Wer als Erster oben ist", sagt Luise und rennt los. Vincent läuft sofort hinterher, ich folge mit Abstand. Kurz sieht es aus, als würde ich nach langer Aufholjagd gewinnen, beide kreischen, als ich mich an ihnen vorbeischiebe, ehe ich sie kurz vor dem Ziel doch noch vorlasse.

Schnaufend und lachend stehen wir auf der Kuppe des Hügels. Unter

uns das Tal. Als wir an der Eiche neben der kleinen Aussichtsbank vorbeikommen, reagieren meine Kinder ähnlich wie meine Geschwister und ich damals.

"Da hat jemand einen Ast abgehackt". Vincent ist meinem Blick gefolgt und deutet auf die noch immer kahle, wulstige Stelle des Baums.

"Ich weiß", sage ich. "Ich vermute, es war dein Großvater, der ihn eigenhändig abgesägt hat". Ich möchte meinen Kindern nicht das Märchen erzählen, das ich von meinem Vater zu hören bekommen habe.

"Dein Papa hat den abgesägt?", fragt mich Luise. "Aber wieso?"

Ich zucke nur mit den Schultern, doch mich packt ein leichter Schauder.

Luise dagegen zeichnet mit der Hand immer wieder die in den Baum eingeritzten Worte nach. L'arbre d'Eric. Mit einem Messer in die Rinde geschrieben von meinem Vater, vor mehr als fünfzig Jahren.

*

Die zwei Wochen in Berdillac vergehen schnell. Oft denke ich daran, wie meine Geschwister und ich uns nach der Kindheit aus den Augen verloren hatten. Wie wir früh gezwungen waren, uns mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen, und völlig unterschiedlich darauf reagierten. Meine Schwester, die ihr Leben gierig auskostete, mein Bruder, der ängstlich über seines wachte. Doch nach all den Jahren, in denen jeder allein seinen Weg gegangen ist, sitzen wir hier tatsächlich wieder gemeinsam am Frühstückstisch. Es gibt kaum genug Plätze, meine Kinder ärgern einander, Elena redet beruhigend auf sie ein, Tonis Stimme schallt fröhlich durch den Raum, Marty raschelt mit der Zeitung und redet über einen Artikel, Liz widerspricht ihm, ein Stuhl fällt um, es gibt Geschrei, durcheinanderwirbelnde Stimmen. Ich bin der Einzige am Tisch, der still ist, der einfach nur die Augen schließt und lauscht: Ich liebe diese Geräusche. Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden.

Am letzten Tag picknicken wir auf einer Wiese. Die Sonne strömt aus einem wolkenlosen Himmel herab und brennt heiß auf das Gras. Meine Geschwister breiten eine Decke aus, der Husky schnuppert aufgeregt an Elenas Schinkensandwiches. Währenddessen laufen die Kinder vor Toni davon, der sie mit wildem Gebrüll verfolgt und ruft, dass er ein Waldungeheuer sei, das sie fangen und verspeisen wolle.

Liz, inzwischen hochschwanger, seufzt. "Er ist so ein Kindskopf". Doch ein kleines Lächeln schleicht sich in ihr Gesicht.

Ich beobachte meinen Sohn, der mit ernstem Blick vor Toni flüchtet

und seinen Spaß wie immer gut verstecken kann. Und meine Tochter, die quiekende Laute von sich gibt. Am Morgen haben wir einen längeren Streit gehabt, da sie nach den Ferien zu ihrem Entsetzen eine Zahnspange bekommen soll. Weinend ist sie auf ihr Zimmer gerannt. Es ist einer jener Momente gewesen, in denen ich Alva vermisst und mich gefragt habe, wie sie wohl mit dieser Situation umgegangen wäre. Und dabei habe ich darüber nachgedacht, ob ich mich wirklich so stark von meinem eigenen Vater unterscheide.

Luise dagegen hat den Streit vom Morgen längst vergessen, sie versteckt sich hinter meinem Rücken und ruft, ich solle sie vor dem Waldungeheuer beschützen.

Toni tritt zu uns und deutet mit dem Finger auf mich.

"Mach Platz", knurrt er mit tiefer, verstellter Stimme.

"Hau ab, du Pfeife", sage ich.

Ich höre meine Tochter hinter mir lachen.

Toni kommt drohend näher. "Noch so ein Spruch, und du bist des Todes."

Ich will gerade darauf antworten, da sehe ich Vincent allein am Waldrand herumschleichen. Ich murmle, dass ich gleich wiederkommen werde, und gehe zu ihm.

"Aber mach schnell", sagt Toni. "Wir wollen Fußball spielen."

Ich laufe in den Wald hinein, wo mein Sohn unschlüssig einen Ast umknickt und ihn fortschleudert. Ich lege meine Hand auf seine Schulter, und gemeinsam gehen wir ein Stück. Schließlich kommen wir zu dem steinigen Fluss, über den der Baumstamm führt, und sofort habe ich wieder die Mahnungen meines Vaters im Ohr, dass das zu gefährlich sei.

Mein Sohn betrachtet den Stamm neugierig.

"Schau mal, wie tief das runtergeht", sagt er.

"Mehr als zwei Meter."

"Meinst du, dass da mal jemand drüber gegangen ist?"

"Bestimmt", sage ich.

"Glaub ich nicht."

"Also, mein Lieber, als ich so alt war wie du, bin ich da oft drübergelaufen". Ich rechne nach und muss lachen. "Das war vor vierunddreißig Jahren."

Vincent sieht mich mit überraschtem Blick an. "Glaub ich nicht", sagt er wieder. "Da kannst du dir doch richtig weh tun."

Ich denke an einen Spruch von Wordsworth: Das Kind ist der Vater des Mannes. Ich sehe Vincent in seine furchterfüllten Augen, und meine Entscheidung ist klar. Während er mich noch davon abhalten will, trete ich schon auf den Baumstamm. Vincent ruft, ich solle es bleibenlassen, aber ich setze weiter einen Fuß vor den anderen. Der Stamm wackelt, mir wird schwindlig, und ich kann spüren, wie sich die Angst zu einem Klumpen in meiner Brust zusammenballt. Mir fällt ein, wie Alva vor vielen Jahren bei ihrem ersten Besuch in Berdillac mit ausgebreiteten Armen über den Baumstamm getippelt ist. Auch für sie muss ich da jetzt durch.

Etwa auf der Hälfte sieht Vincent ein, dass es keinen Sinn mehr hat, mich aufzuhalten, und ab da feuert er mich an. Ich blicke einmal kurz nach unten, auf die großen, vom Wasser abgeschliffenen Steine, die aus dem Fluss ragen, und male mir einen weiteren Krankenhausaufenthalt aus.

Doch es geht gut. Als ich drüben bin, sehe ich meinen Sohn auf der anderen Seite stehen. Vincent macht wieder diese großen, ungläubigen Augen und scheint für einen Moment sprachlos. Der Rückweg gestaltet sich schwieriger als der Hinweg, wieder gehe ich langsam über den glitschigen Stamm, und einmal rutsche ich fast aus. Aber ich weiß, dass es kein Zurück gibt, denn dies ist ein Moment der Saat. Ich werde diese Szene meinem Sohn einpflanzen, und in ein paar Jahren wird sie hoffentlich aufgehen, und er wird ein Stück seiner Angst für immer verlieren.

*

Als ich auf der anderen Seite angekommen bin, rutsche ich doch noch kurz weg und falle auf den Boden, mein Hemd wird dabei schmutzig. Vincent sieht mich erschrocken an, doch ich stehe mit einem Grinsen auf.

"Nichts passiert". Ich deute auf den Baumstamm. "Siehst du, war doch ganz einfach", sage ich, in Wahrheit pocht mein Herz rasend schnell. Ich muss verschnaufen und mich von diesem waghalsigen Akt erholen.

Vincent dagegen rennt schon wieder zurück zu den anderen, die von der Wiese aus nach uns rufen, weil sie endlich Fußball spielen wollen.

"Spielst du mit?", fragt er noch.

"Gleich."

Ich stehe unter ein paar schattigen Bäumen am Waldrand und sehe ihnen eine Weile zu. Toni steht in einem Tor, das aus zwei Pullovern besteht. Meine Tochter kickt den Ball in seine Richtung, danach schnappt ihn sich mein Sohn. Er spielt mit Marty einen technisch feinen

Doppelpass, dann tanzt er Elena aus und schießt, der Ball knallt gegen Tonis Schienbein. Liz stimmt ihre Gitarre und beobachtet das Geschehen nur, und auch der Hund meines Bruders sitzt abseits. Ab und zu meldet er sich mit einem Bellen, doch er rührt sich nicht. Früher wäre er bestimmt dem Ball hinterhergelaufen, aber inzwischen ist er alt und ruhig geworden. Wenn er Glück hat, erwarteten ihn noch ein oder zwei Sommer. Am Ende wird er ein erfülltes Leben gehabt haben, während ein anderer Hund vor vielen Jahren nicht weit von hier im Fluss ertrunken ist. Dinge kommen und gehen, das habe ich lange nicht akzeptieren können, jetzt fällt es mir plötzlich leicht.

Als die Kinder mich schließlich entdecken, rufen sie nach mir und fragen, ob ich endlich bereit sei und mitspielen werde.

Ich trete aus dem Wald.

"Ja", sage ich und wische etwas Schmutz von meinem Hemd. "Ich bin bereit."